Mittwoch, 9. Februar 2011

Über die Fachgesellschaften in der Informatik

Auf Bitten der GI-Geschäftsstelle hatte ich im Januar diesen Jahres einige Angaben darüber gemacht, warum ich GI-Mitglied geworden und geblieben bin. Diese Information soll dazu dienen, neue Mitglieder zu gewinnen und alte davon abzuhalten, aus der Gesellschaft auszutreten. Ich will heute die zu diesem Zwecke gemachten Aussagen etwas verallgemeinern. Vor allem möchte ich darauf verweisen, dass es neben der GI auch noch andere Fachgesellschaften gibt, deren Mitgliedschaft man in Betracht ziehen kann.

Die Association for Computing Machinery (ACM) ist die angesehenste Fachgesellschaft auf dem Gebiet der Informatik. Sie ist de facto der Weltverein für Informatik, de jure ist es IFIP (s. unten). Die ACM besticht durch Zeitschriften hoher Qualität, durch Bücher und durch Veranstaltungen. Besonders viel tut sie für die fachliche Weiterbildung. Sie bietet Seminare und Kursmaterialien (auf Papier und Online).  Der Turing-Preis gilt als der Nobelpreis der Informatik und steht nicht nur für Mitglieder offen. Viele von der Mathematik kommende Informatiker haben hier ihre Heimat gefunden. Ich selbst bin Mitglied der ACM seit 1963. Die ‚Communications of the ACM‘ (CACM) ist die am meisten gelesene Fachzeitung der Informatik, einschließlich der Wirtschaftsinformatik. Einigen Kollegen erschien sie zwischendurch etwas zu akademisch und sie gründeten Queue. Das gab den CACM den Anstoß, sich zu besinnen und umzukrempeln. Seit Anfang 2009 liest sie sich auch für Praktiker wieder besser.

In den USA steht ACM in einem gesunden Wettbewerb mit der IEEE Computer Society. Sie hat mehr Mitglieder als ACM. Ihre Zeitschriften sind praktischer. Das Niveau lässt sogar eher zu wünschen übrig. Wichtig sind ihre Normierungsarbeiten. Ingenieure leiden in den USA noch mehr als in Deutschland darunter, dass sie nicht als Wissenschaftler gelten. Ingenieurwesen (engl. engineering) ist dort keine Wissenschaft (engl. science). Das Wort Ingenieurwissenschaften können Engländer und Amerikaner nicht bilden. Es ist ein Widerspruch in sich, so wie schwarzer Schimmel. Zurück geht das auf die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als Atomphysiker als die nationalen Helden gefeiert wurden. Obama ist der erste Präsident, der Engineers und Scientists in einem Atem nennt. Ich bin Mitglied der Computer Society seit 1975. Im Januar 2010 wurde ich zum Life Senior Member befördert.

Die Gesellschaft für Informatik (GI) entspricht am ehesten der ACM. Der Computer Society entspricht die ITG (Informationstechnische Gesellschaft) im VDE, die frühere NTG (Nachrichtentechnische Gesellschaft). Das Bestehen dieser Gesellschaft hat zur Folge, dass Informatiker tunlichst die Abkürzung IT vermeiden sollten. Die GI hat es große Anstrengungen gekostet, dass sich sowohl Wirtschaftsinformatik wie Künstliche Intelligenz nicht abspalteten. Ich trat im Jahre 1970 in die GI ein. Die Gesellschaft war gerade ein halbes Jahr alt und ich bekam die Mitgliedsnummer 74. Zwei Jahre vorher hatte ich mit andern Fachkollegen zusammen die deutsche Sektion der ACM gegründet (engl. German Chapter of the ACM, GCACM). Den Anstoß zur Gründung europäischer ACM-Chapter gaben englische und französische Kollegen, namentlich Philipp Dreyfus, damals bei der Firma CAP in Paris. Das Ziel war der fachliche Austausch mit Kollegen in den USA und innerhalb Europas. Die ersten firmenübergreifenden Fachtagungen in Deutschland sowie die ersten europäischen Fachtagungen überhaupt wurden von GCACM bzw. ihren europäischen Partnern durchgeführt. Einige Kollegen meinten, dass dadurch die Gründung der GI beschleunigt wurde.

Die GI dümpelte zunächst bei etwa 700 Mitgliedern dahin. Kollegen aus der Praxis argumentierten, man müsse die GI auch für Leute interessant machen, die nicht zu Tagungen gehen können oder wollen. Für Praktiker ist die Teilnahme an Fachveranstaltungen nicht immer lohnend. Sie finden fast nur wochentags statt, wo man kaum Zeit hat. Außerdem behandeln sie nicht immer die Probleme, die uns Praktikern gerade auf den Nägeln brennen. Praktiker möchten trotzdem informiert sein über fachliche Trends auf ihrem Gebiet und würden dies am Wochenende in Ruhe zuhause tun. Ich erinnerte damals daran, dass meine seit 1963 bestehende ACM-Mitgliedschaft genau darin ihren Sinn fand. Schließlich wurde vom Präsidium widerstrebend der Vorschlag angenommen, eine (papierne) Fachzeitschrift zu gründen. Das Totschlagargument, das entgegengehalten wurde, lautete: “Das kostet ja Arbeit, und wer soll die machen?“. Zum Glück fiel uns eine Lösung ein. So entstand das Informatik-Spektrum. Danach sprang die Mitgliedschaft schlagartig auf über 2000. Die Idee der British Computer Society (BCS), allen Mitgliedern einen Titel zu verleihen, den sie auf ihrer Visitenkarte angeben konnten, fand keine Zustimmung. Später wuchs die GI kontinuierlich, scheint jetzt aber wieder eine Phase der Stagnation zu erreichen. 

Deshalb ist es meines Erachtens an der Zeit, wieder neue Ideen für die Kommunikation unter Fachleuten auszuprobieren. Vermutlich besteht jetzt die Chance, durch den Aufbau eines attraktiven Online-Angebots auf sich aufmerksam zu machen. Als Vorbild könnte (wiederum) die ACM dienen. Nur fünf Beispiele von Diensten, die ACM bietet, fallen mir gerade ein:
  • Digitale Versionen der wichtigsten Mitgliederzeitschriften
  • Blogs zu allen Zeitschriften und Fachgruppenthemen
  • Wöchentliche Mittelungsblätter und RSS Feeds
  • Personalisierte Literaturhinweise und Tagungsankündigungen 
  • Autoren-Community durch Selbstdarstellungen mit Bild.
Es ist schon ein Treppenwitz. Für die Jahrestagung 2011 in Berlin wurde der Slogan gewählt: Informatik schafft ‚Communities‘. Nur genau das macht die GI selbst nicht. (!!!) Ich nehme nämlich an, dass die Berliner Kollegen dieses moderne Schlagwort bevorzugt im Sinne von Netz- oder Online-Gemeinschaften verwenden.

Mit meiner Mitgliedschaft in der GI wollte ich anfänglich zum Ausdruck bringen, dass man nationale und internationale Aktivitäten sehr wohl miteinander in Verbindung bringen könnte. Das fand aber in der GI zunächst wenig Anklang. Auch wollte ich meinen Firmen-Kollegen klar machen, dass man als Fachexperte eine fachliche Heimat benötigt. Viele meinten, − und da klingt schon etwas Arroganz mit hinein - dass man in der eigenen Firma laufend mit viel kompetenteren Fachleuten zusammenkommt, als es in Fachgesellschaften geben könnte. In Fachgesellschaften trifft man sich mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Firmen und von Hochschulen und erfährt, was sie beschäftigt. Sie ermöglichen eine fachliche Vernetzung über das eigene Unternehmen hinaus. Ich engagierte mich in der GI hauptsächlich im Fachbereich Softwaretechnik. Ich habe auch in einigen übergreifenden Projekten mitgewirkt, so beim Thema Fachinformation. Auch war ich einige Jahre lang FB-Sprecher und Präsidiumsmitglied. 

Generell verdanke ich der Mitgliedschaft in Fachgesellschaften, dass ich viele Kontakte geknüpft habe, die mir im Beruf und danach nützlich waren. Die Fachzeitschriften vermitteln das Wissen, das man benötigt, um mit der technischen Entwicklung Schritt halten zu können. Hin und wieder habe ich auch Tagungen besucht. Meist hielt ich eingeladene Vorträge. Ich hatte es nie nötig, einen Vortrag von mir aus anzubieten. Am meisten profitiere ich heute von den umfassenden Digitalen Bibliotheken, die sowohl ACM wie die Computer Society anbieten. Es gibt kaum ein wichtiges Dokument auf unserem Fachgebiet, das ich dort nicht finde. 

Übrigens sind GI und ACM Mitglieder von IFIP (Abk. für International Federation for Information Processing), so wie die Österreichische Computer Gesellschaft, die British Computer Society, und viele andere. Außer Reisen zu Kongressen in schönen Ländern der Erde hat IFIP normalen Informatikerinnen und Informatikern jedoch wenig zu bieten.

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