Sonntag, 20. Februar 2011

Über Wagniskapital in der Informatik

In meinem Beitrag im Informatik-Spektrum stehen drei Sätze zum Thema Wagnis­kapital:

Seit dem Platzen der Internet-Blase im Jahre 2001 ist Wagniskapital nicht nur in unserer Branche erheblich geringer geworden. In den USA wird immer noch mehr Wagniskapital aufgebracht als im Rest der Welt zusammen. Außerdem wird europäisches und asiatisches Kapital zu erheblichen Teilen in den USA investiert.

Diese Aussage verifizierte ich vorher mit einem Kollegen, der selbst als Wagnis­kapitalgeber tätig ist. Er gab mir folgende zusätzliche Information, die ich hier mit seiner Erlaubnis wiedergebe. Auch einen weiteren Kommentar zum o.a. Beitrag will ich nicht unterschlagen.
 
Am 7.7. 2010 schrieb mir Dr. Peter Dietz aus Mühlheim/Ruhr:

Was Sie zu diesem Thema [in dem Beitrag] schreiben, ist m.E. völlig richtig und umfassend. Zu ergänzen wäre allerdings, dass es in Deutschland seit geraumer Zeit kaum Risikokapital für Startups gibt, außer vielleicht von mehr oder wenigen anonymen Privatpersonen (neudeutsch: Business Angels). Im New-Economy-Boom war dies anders, aber schon 2001 war die Party vorbei. Was hier unter IT lief und sich hier und da als erfolgreich herausgestellt hat, waren tatsächlich meist Internet-Projekte mit neuen (bzw. aus den USA importierten) Geschäftsideen, von intelligentem Shopping bis hin zum Web 2.0 und den Sozialen Netzwerken. Natürlich basiert dies alles irgendwie auf IT, aber die ist nur "Enabler" und tritt völlig in den Hintergrund.

Die traurige Wahrheit ist, dass es in Deutschland nur sehr wenige junge IT-Hardware- oder Software-Firmen gab bzw. gibt, deren Qualität (bezogen z.B. auf den Innovationsgrad, das Geschäftsmodell, die Wachstumsaussichten und das Management) eine substanzielle Investition rechtfertigen. Dies ist die ernüchternde Bilanz, die wir nach mehr oder weniger intensiver Beschäftigung mit etwa 1.000 Firmenprojekten über einen Zeitraum von gut sechs Jahren gezogen haben. Anderen, in der Regel wesentlich größeren VC-Gebern wird es nicht viel anders gegangen sein, aber sie werden dies kaum öffentlich zugeben…

Ihr "hochgeschätzter Kollege", der [wie im Beitrag berichtet] "nicht für die deutsche Wirtschaft arbeiten" will. "Typisch Informatik", ging mir beim Lesen durch den Kopf. Um dies klarzustellen: Ich bin durchaus der Ansicht, dass sich die öffentliche Forschung nicht zur Magd der Industrie machen darf. Und ich blicke von meinem alten Laden her mit großer Freude und Dankbarkeit auf die fruchtbare Zusammenarbeit mit einigen wenigen, aber höchstqualifizierten Professoren und Instituten zurück. Aber dass sich die Mehrzahl der Informatiker in dieser Frage so sehr zurückhält, erscheint mir schon sehr seltsam, vor allem im Kontrast zu anderen Disziplinen, wie z.B. der Chemie, der (Molekular-) Biologie, dem Bauwesen und dem Maschinenbau…

Nachtrag am 20.2.2011

Es sieht so aus, als ob die Erfahrungen der GI mit dem Innovationspreis in das Bild passen, das Herr Dietz zeichnete. Die Ausschreibung wurde von der GI als Ergänzung des Dissertationspreises angesehen, indem sie sich primär an Praktiker richtete. Weder die Anzahl noch die Qualität der Einreichungen erreichten ein Niveau, das eine Fortsetzung der Ausschreibungen gerechtfertigt hätte. Man könnte auch umgekehrt argumentieren: Genau das zeigt, wie wichtig eine solche Initiative ist, nicht zuletzt für die GI selbst. Offensichtlich besteht eine Diskrepanz zwischen dem Adjektiv innovativ, das von Unternehmen und Instituten geradezu inflationär benutzt wird, und dem, was einer kritischen Prüfung als Innovation standhält.

Nachtrag am 11.10.2014

Gerne trage ich heute nach, dass die Ausschreibung des Innovationspreises durch die GI in den beiden letzten Jahren auf erhebliches Interesse gestoßen ist. Man konnte zwischen rund 50 Vorschlägen auswählen. Vergleicht man diese Zahl mit der Mitgliederzahl von rund 20.000, so besteht noch Steigerungspotential.

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