Mittwoch, 14. September 2011

Geschäftsprozessmodellierung und SAP

In dem Interview mit Hartmut Wedekind für diesen Blog hatte ich versucht, mir ein Bild davon zu verschaffen, welche Rolle das Thema Geschäftsprozessmodellierung heute spielt. Es ging mir darum, ausgehend von den Workflow-Produkten der IBM, die ich kannte, und dem recht erfolgreichen Ansatz namens ARIS des Kollegen Scheer zu verstehen, wo heute die Musik spielt. Kollege Wedekind verlor wenig Zeit im historischen Rückblick, sondern fuhr voll auf BPMN 2.0 ab. Alles andere wäre quasi nur Vorspiel. Insbesondere verwies er auf die Arbeiten von SAP und von Volker Stiehl. 

Volker Stiehl wurde Anfang diesen Monats an der TU Darmstadt im Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften (bei Prof. Dr. Erich Ortner) promoviert. Auf Empfehlung des Kollegen Wedekind habe ich mir seine Dissertation angesehen. Genau wie ich hat Volker Stiehl nach 18-jähriger Industrie-Tätigkeit promoviert. Es waren nicht nur diese Gemeinsamkeiten im Lebenslauf, die mich interessierten, sondern auch das Thema der Arbeit (siehe unten). Ich war nach dem Lesen sehr beeindruckt, hatte aber – erwartungsgemäß – einige Verständnisfragen. Fast hätte ich die Sache auf sich beruhen lassen, wäre ich nicht durch einen anderen Vorgang in meiner Rentnerruhe gestört worden.

Seit Anfang des Jahres werden alle GI-Mitglieder wieder mit einer nicht-wissenschaft­lichen Ergänzung des Informatik-Spektrums beglückt. Es sei dies der Ersatz für die Computerzeitung – so hieß es. Bekanntlich hatte die Computerzeitung die GI-Mitgliedschaft tief gespalten. Einige Mitglieder empfanden sie schlicht als Zumutung. Sie verglichen sie mit der Bildzeitung. Andere, für die das Informatik-Spektrum offensichtlich zu dröge war, nannten den Wegfall der Computerzeitung als Grund dafür, aus der GI auszutreten. Schließlich hat der Vorstand reagiert. Das neue Auflockerungsmittel heißt ‚Digital‘. Auf den ersten Blick ist zumindest das Papier besser. Nach drei Heften lässt sich über das publizistische Niveau noch nicht viel sagen. Zumindest kommen in jedem Heft einige GI-Vorstandsmitglieder mit Bild vor. Heft 3 (September/Oktober 2011) von ‚Digital‘ hat mich doch etwas besorgt gemacht. Hier gibt es unter anderem einen dreiseitigen Artikel (Seiten 39-41) mit dem Titel Business und IT optimieren Geschäftsprozess‘. Damit war ich plötzlich wieder bei Hartmut Wedekind und Volker Stiehl.

Äußerlich fällt der Artikel in ‚Digital‘ zunächst dadurch auf, dass er Denglisch als Sprache benutzt. Nach dem englischen ‚Business‘ wird wohl der zweite Begriff in der Artikelüberschrift auch englisch ausgesprochen, also IT (ai-ti). In den Untertiteln geht es dann weiter mit ‚Business Process Excellence‘. BPM ARIS, webMethods, BPM mit IBM WebSpere, usw. Das hört sich alles so an, als ob es von Praktikern für Praktiker geschrieben sei. Was mich nur wunderte, der Artikel endet mit einer Bewertung nur der Produkte von IBM, Oracle und Software AG. Da ging mir – selbst als ehemaliger IBMer – der Hut hoch. Gibt es die SAP nicht mehr, oder hat der anonyme Autor nur ein Wissensloch? So fragte ich mich. Ich hoffe Letzteres. 

Dass so etwas vorkommt, ist allzu menschlich. Nur stört es mich, dass dies in einer Zeitschrift geschieht, die von der maßgeblichen wissenschaftlichen Fachgesellschaft in Deutschland (dem Stammsitz der SAP) als Pflichtlektüre an alle 20.000 Mitglieder verschickt wird. Natürlich hat die GI damit unmittelbar nichts zu tun – nur mittelbar. Die redaktionelle Verantwortung hat sie ja nicht. Wenn die ‚unabhängigen‘ Redakteure jedoch Unsinn verzapfen, fällt dies irgendwie auf die GI zurück. Ich habe mir deshalb erlaubt, den GI-Vorstand davon in Kenntnis zu setzen, dass ich die Sache als sehr unschön empfinde.

Der Vorfall veranlasst mich, doch noch ein paar Bemerkungen zu SAP und zur Dissertation von Volker Stiehl zu machen. Dank einer kurzen mündlichen Nachhilfe durch den Autor fühle ich mich dazu sogar in der Lage. 

Zu sehen ist die Arbeit vor dem Hintergrund der SOA-Diskussion. SOA blieb solange eine Architektur und ein leeres Versprechen, bis sich die großen Software-Anbieter entschlossen, ihre ‚monolithischen‘ Anwendungen zu zerschlagen und stattdessen eine Vielzahl kleiner wiederverwendbarer Komponenten vorzuhalten. In diese Richtung hat sich auch SAP bewegt. Es gibt jetzt nämlich eine Bibliothek, Enterprise Services Repository (ESR) genannt, mit etwa 3.000 Diensten. Sie sind  in WSDL beschrieben, passend für UDDI-Verzeichnisse. Diese Komponenten werden nicht als unabhängige Produkte, sondern als Teil der jeweiligen ERP-Anwendungen angeboten. Vermutlich haben andere Anbieter etwas Vergleichbares getan. 

Eine von mehreren möglichen Verwendungsweisen für diese Komponenten sind die so genannten Verbundanwendungen (engl. composite applications). Die kann der Kunde erstellen oder erstellen lassen, wenn immer neue Geschäftsprozesse kurzfristig unterstützt werden müssen. Nach mehreren schwächeren Vorgängern gibt es seit 2002 eine sehr ausgefeilte Notation für die Modellierung von Geschäftsprozessen, auf die Hartmut Wedekind im erwähnten Interview hinwies. Sie heißt Business Process Model and Notation (BPMN). Unter anderem erlaubt sie es, die Rollen der Akteure klar zu trennen. Wichtig ist dabei für Betriebswirte die Trennung zwischen Fachabteilung und Informatik-Bereich. 

Basierend auf BPMN unterstützt SAP unter dem Produktnamen Netweaver schon seit Längerem die Behandlung von Geschäftsprozessen. Volker Stiehls Dissertation baut auf diesen Werkzeugen auf und skizziert einen darüber hinausgehenden, umfassenden Ansatz. Die Arbeit hat den Titel Composite Application Systems - Systematisches Konstruieren von Verbundanwendungen unter Verwendung von BPMN. Beschrieben wird eine modellbasierte Anwendungsentwicklungsmethode, die drei Besonderheiten aufweist:
  • Konsequente Top-Down-Vorgehensweise
  • Strikte Trennung zwischen fachlichen und technischen Prozessen und
  • Durchgängige Verwendung von BPMN

Das Ziel ist es, ausführbare Programme zu erstellen, ohne auch nur ‚eine Zeile Code‘ schreiben zu müssen. Man beschränkt sich dabei allerdings auf moderne Web-Umgebungen und setzt mächtige Backend-Systeme voraus, die den größten Teil der eigentlichen Arbeit machen. Zwischen dem rein fachlichen Teil der Anwendung und den Backend-Systemen wird eine Pufferschicht vorgesehen (engl. Service Contract Implementation Layer), die alle nötigen Anpassungen zur Laufzeit vornimmt. Sie kann ebenfalls mittels BPMN spezifiziert werden. 

Um eine lose Koppelung zwischen Anwendung und Umgebung zu erreichen, kann die Verbundanwendung für die Geschäftsobjekte, auf denen sie operiert, beliebige Bezeichnungen und Datentypen wählen. Die Verknüpfung mit den im Backend-System benutzten Namen und Datentypen geschieht mittels einer Übersetzungstabelle (Cross-Reference-Tabelle genannt). Liegen die Eingabefelder (einschließlich ihrer Datentypen) fest, können die erforderlichen Bildschirmmasken generiert werden. Analog zu den Entwurfsmustern von Gamma et al. werden elementare Beispiele von Prozessen als BPMN Patterns vorgestellt (z. Bsp. Request/Reply, Polling). Es werden Erweiterungen von BPMN vorgeschlagen, die es unter anderem ermöglichen sollen, auch Geschäftsregeln im Prozess-Diagramm anzugeben. Diese Regeln kann man sich vereinfacht als Entscheidungstabellen vorstellen.

Diese hier skizzierte Vorgehensweise erinnert mich an einen uralten Traum vieler Informatiker, auf den auch Ernst Denert Bezug nimmt, nämlich den Wunsch, aus Bildern und Grafiken Code zu erzeugen. Wie konsequent dies hier wirklich realisiert worden ist, kann ich nicht beurteilen. Einen Rest an Skepsis werde ich nicht los, wenn ich daran denke, dass man ja auch diese Anwendungen testen sollte. Beim Testen (und manchmal auch danach) treten normalerweise Fehler in Erscheinung, die nicht bereits auf der Modellebene abgefangen wurden. Ein generatives System wird erfahrungsgemäß nur dann wirklich akzeptiert, wenn sich alle Fehler auf dem Niveau der Quellsprache erkennen und korrigieren lassen. Ich bin überzeugt, dass Volker Stiehl und seine Kollegen bei SAP sich in dieser Hinsicht keinen Illusionen hingeben.

Ein Buch, das auf dieser  Dissertation basiert, ist Ende 2012 im Buchhandel erschienen

Nachtrag

Die Besprechung des Buches von Stiehl gab Hartmut Wedekind in diesen Blog.

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