Samstag, 11. Februar 2012

Adieu, papierne Verlagswelt

Dieser Tage erscheint Heft 1, 2012, des ‚Informatik-Spektrums‘. Es enthält in gedruckter Form den Beitrag von Manfred Broy und mir mit dem Titel. ‚Mehr Lebensqualität dank Informatik‘.

Ich gestehe, dass ich jeden Monat immer noch 3-4 papierne Zeitschriften bekomme. Neben dem ‚Spektrum der Wissenschaft‘ sind es noch je eine ACM- und eine IEEE-Zeitschrift. Ich lese längst deutlich mehr Zeitschriftenartikel am Bildschirm als auf Papier, ganz zu schweigen von Nachrichten, Sportkommentaren, Wetterberichten, Sudokus und dgl. Da ein wöchentlich erscheinendes deutsches Nachrichten-Magazin zu meinen elektronischen Abos gehört, liegen die Seitenzahlen am Tablettrechner (sprich iPad) oder Smartphone mit großem Abstand vorne. Statt früher drei bekommen wir seit zwei Monaten auch nur noch eine Tageszeitung auf Papier. Selbst lokale Nachrichten und Kommentare gibt es schneller (und gleich gut) wo anders. Der Trend, weg vom Papier, also von Bäumen und Hadern, ist bei mir längst kein Diskussionspunkt mehr. Der Berg von Papier, den wir täglich entsorgen, ist erheblich kleiner geworden. Dass die Abfalltonne für Papier noch nicht ganz leer bleibt, dafür sorgen jedoch lokale Discounter, Versandhändler und Kreuzfahrtunternehmen.

Aber, das ist eigentlich gar nicht mein heutiges Thema. Es geht mir darum, wie wir als Fachleute mit dem Wandel fertig werden. Hier liegt nach meinem Dafürhalten Einiges im Argen. Ich bin schon eine Weile nicht mehr im Beruf aktiv. Insbesondere bin ich nicht auf Publikationen angewiesen für den Erfolg meiner Karriere. Für viele andere Kolleginnen und Kollegen ist dies jedoch der Fall. Um sie mache ich mir Sorgen. Zum Glück sind sie nicht auf deutsche Verleger angewiesen.

Die Geschichte, die ich erzählen will, begann Ende August 2010. Ich befand mich mit meiner Frau im Urlaub an der Côte d’Azur. Hin und wieder las ich meine Post. Darunter war die Mail der Kollegin Heidi Heilmann, die mir schrieb, dass ein Bekannter von ihr mit mir über das Endres-Gunzenhäuser-Buch ‚Schuld sind die Computer!‘ sprechen möchte. Ich schrieb zurück, dass ich mich immer gerne mit meinen Lesern unterhalte, und dass der Herr sich gedulden möge, bis ich wieder in Deutschland wäre. Nach mehreren Versuchen kam ein Treffen am 29.9. bei mir zuhause zustanden. Es erschien ein Herr Mörike. Auf meine beiläufige Bemerkung, dass er der Träger eines berühmten Namens sei, informierte er mich, dass er weitläufig zur Familie des Dichters Eduard Mörike gehöre.

Er stellte sich dann als ehemaliger Mitarbeiter der Firma Integrata vor, die früher von Herrn und Frau Heilmann geleitet wurde. Er sei im Ruhestand, sei aber nebenher Geschäftsführer der Integrata-Stiftung. Bald wurde mir klar, dass der wahre Grund seines Besuches war, mich für die Unterstützung der Stiftungsziele zu gewinnen. Ich war von der Idee, als Ruheständler etwas für die Gesellschaft zu tun, nicht ganz abgeneigt, hatte aber immer eine Reihe von Bedenken gehabt. So hielt ich es mit Margaret Thatcher, dass es die Gesellschaft nicht gibt, sondern nur Leute, evtl. junge und alte, Frauen und Männer. Auch kannte ich das Wort Lebensqualität primär aus der Sprache meines Hausarztes. Ansonsten waren es Soziologen oder so genannte Gutmenschen, die sich um dieses Thema bemühten, zwei Personengruppen, mit denen ich mich nicht identifizierte.

Ich versprach Herrn Mörike, einen Versuchsballon bei meinen Bekannten zu starten. Es seien dies vor allem zwei Gruppen, einmal ehemalige Kollegen aus der Firma IBM, zum Andern etwa 50 Universitätsprofessoren in Informatik. Am 7.10.2010 verschickte ich eine E-Mail an etwa je 10 Kontakte aus beiden Gruppen. Hier der volle Wortlaut:

wie Sie vielleicht wissen, hat vor 10 Jahren Prof. Dr. Wolfgang Heilmann aus Tübingen einen Teil des Erlöses aus dem Verkauf der Firma Integrata in eine Stiftung überführt. Diese Stiftung – Integrata-Stiftung genannt – hat sich das Ziel gesetzt, die humane Nutzung der Informationstechnologie (IT) zu fördern. Was der Stifter darunter versteht, ist auf der Homepage der Stiftung ausführlich beschrieben.

Offensichtlich ist der Rahmen dessen, was als humane Nutzung angesehen wird, sehr weit gespannt. Die Stiftung hat daher unter anderem ein Portal eingerichtet, um die Thesen des Stifters öffentlich zu diskutieren. Jedes Jahr vergibt die Stiftung einen Preis, um besondere Beiträge zum Ziel der Stiftung zu fördern. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Nach meiner Meinung hat die Stiftung bisher weniger Beachtung  gefunden als sie es verdient. Auch war das Interesse an der Preisausschreibung bisher geringer als erhofft.

Ausführliche Informationen zur Stiftung finden Sie übrigens in dem kürzlich erschienen Buch der Kollegin Heidi Heilmann mit dem Titel ‚Humane Nutzung der Informationstechnologie‘. Das Buch ist beim Aka-Verlag in Heidelberg erschienen, ist aber auch als Volltext kostenlos lesbar bei PaperC. Neben den Zielen der Stiftung werden alle Projekte vorgestellt, die bisher in den Genuss des Preises kamen.

Vor kurzem wurde ich vom Vorstand der Integrata-Stiftung gebeten, mit dazu beizutragen, dass die Stiftung unter Informatikerinnen und Informatikern besser bekannt wird. Ausgelöst wurde dies durch ein Gespräch über das Buch von Herrn Gunzenhäuser und mir mit dem Titel ‚Schuld sind die Computer!‘, in dem teilweise eine ähnliche Thematik behandelt wird.

Mit diesem Schreiben möchte ich einen ersten Schritt tun, um den an mich heran getragenen Wunsch zu erfüllen. Ich würde mich freuen, wenn sie mich in dieser Angelegenheit unterstützen würden. Bitte sagen Sie mir, was man Ihrer Ansicht nach tun sollte. Vielleicht können Sie mit der Werbung bei ihren Kollegen und Mitarbeitern anfangen

Über die Hälfte der angeschrieben Kollegen antwortete. Alle, die antworteten, äußerten sich sehr positiv. Mein Kollege Manfred Broy meinte, dass eine Publikation im ‚Informatik-Spektrum‘ ein guter erster Schritt sei und er mich dabei unterstützen würde. Ich nahm ihn beim Wort. Ich entwarf einen Text, den er verbesserte und ergänzte. Das Papier ging am 6.11. an die beiden Hauptherausgeber des ‚Informatik-Spektrums‘. Am 28.1.2011 erhielt ich den Korrekturabzug. Am 15.2. erschien die Online-Version. Das klingt soweit ganz gut.

Das Problem wird deutlich, wenn man die Details ansieht. Will man den Artikel online lesen, verlangt der Verlag für diese fünf Seiten den stolzen Preis von 34,95 Euro. Dieser Abschreckungspreis gilt meines Wissens auch für Abonnenten der Zeitschrift. Die Online-Version kann das normale GI-Mitglied erst auf der Homepage der GI lesen, wenn das betreffende Heft im Druck erscheint. Das Gros der 20.000 GI-Mitglieder kann also erst in den nächsten Tagen besagten Artikel zum ersten Mal lesen, gut 15 Monate nach seiner Einreichung.

Das Versprechen, das ich Herrn Mörike und der Integrata-Stiftung gegenüber abgegeben hatte, erwies sich demnach als leeres Getue, als Farce. Dafür möchte ich mich entschuldigen, ebenso bei meinem Ko-Autor. Die nicht ganz unberechtigte Frage, ob wir Autoren gegenüber benachteiligt wurden, die für die Veröffentlichung ihrer Beiträge bezahlten, kann ich nicht beantworten.

Meine persönliche Schlussfolgerung aus dieser Erfahrung ist, dass ich keine fachlichen Beiträge mehr an eine papierne Zeitschrift einreichen werde. Wie anfangs gesagt, ist meine Karriere nicht von Veröffentlichungen abhängig. Ich bin jedoch in einem Alter (alsbald 80), in dem derartige Wartezeiten unzumutbar sind. 

Ende Januar letzten Jahres zog ich die Konsequenz und startete diesen Blog. Er brachte es bis jetzt – wie man leicht erkennen kann – auf fast 150 Beiträge (engl. posts) und etwa 12.000 Besucher aus aller Herren Länder. Für Informatikerinnen und Informatiker ist diese Publikationsform nicht nur zumutbar. Man kann nicht umhin, sich fachlich damit auseinandersetzen. Viele Kollegen aus England, Italien, der Schweiz und den USA sind voll darauf abgefahren. Was dies für die ‚papiernen‘ Verleger mit sich bringt, ist eigentlich deren Problem.

Ich selbst werde natürlich auch noch auf Papier veröffentlichen. Es ist ein adäquates Medium für vorwiegend ältere Leser, die sich für meine Texte zur Heimatkunde und zur lokalen Geschichte meiner Heimat in der Eifel interessieren. Um in den Buchläden der Eifel neben anderer Spezialliteratur präsent zu sein, dafür investiere ich sogar noch etwas. Wie ich im November letzten Jahres dazu schrieb, sind handfeste Buchgeschenke (mit möglichst viel Bildern und in nicht zu kleiner Schrift) in gewissen Kreisen noch nicht ersetzbar.

1 Kommentar:

  1. Am 13.2.2012 schrieb mir Hans Diel aus Sindelfingen:

    Ich schlage vor, dass die GI oder eine deutsche Universität das installiert was man in der Physik mit ArXiv etabliert hat (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/ArXiv).

    Ein Satz aus dem Wikipedia-Eintrag zu ArXiv :
    "Aufgrund der Schnelligkeit des Mediums Internet werden Veröffentlichungen zunehmend online auf arXiv statt in den betreffenden Printpublikationen gelesen".

    Gerade habe ich bei Wikipedia gelesen, dass ArXiv nicht nur für Physik gedacht ist, sondern auch Mathematik, Informatik und Biologie unterstützt. Vielleicht wäre es trotzdem sinnvoll für die Informatik und für Deutschland oder Europa ein Informatik-ArXiv anzubieten.

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