Montag, 21. Mai 2012

China und Chinesen – Eindrücke und Erinnerungen

Zu Weihnachten 2011 bekam ich Henry Kissingers China-Buch geschenkt. Mit dem Buch traf man voll meinen Geschmack. Mit China und Chinesen habe ich mich immer wieder beschäftigt. Es führt einfach kein Weg an ihnen vorbei. Das Buch gibt nur einen kurzen Abriss der chinesischen Geschichte, um sich dann den Personen und Perioden zuzuwenden, mit denen Kissinger selbst zu tun hatte. Kissinger war als Nixons Sicherheitsberater und Außenminister seines Nachfolgers Ford aktiv. Da er auch später nicht ganz von der politischen Bühne verschwand, behandelt er etwa die Zeit von 1957 bis 1990 als Zeitzeuge und Beteiligter. Er betont vor allem das chinesische Staatsverständnis und die außenpolitischen Ziele und Zwänge, mit denen er konfrontiert wurde.

Kissinger fand, dass Mao Zedong (1893-1976) – wie alle gebildeten Chinesen – sehr vertraut mit der Geschichte des Landes war. Im Gegensatz zu andern Ländern gab es China immer. Es gab keinen Anfang und wird auch kein Ende geben, nur Fluktuationen zwischen Aufstieg und Niedergang. Aufstieg ist verbunden mit Vereinigung und Expansion. Niedergang ist Zersplitterung und Fremdherrschaft. Aber jede Fremdherrschaft (wie etwa die Mongolen) wurde absorbiert, und zwar von der chinesischen Verwaltung und der Kultur. Auch die Demütigung seit dem 19. Jht durch die Europäer war zwar fatal, aber das chinesische Volk wird sie verkraften. Davon war Mao überzeugt.

Mao sah sich selbst als Philosoph und Lehrer. Einerseits wollte er Altes zerstören, anderseits glaubte er an die Kraft des Volkes und der Kultur. Er verblüffte seine Mitstreiter, wenn er auf Analogien in der Geschichte verwies oder auf Erkenntnisse der Militärstrategen von vor 1000 Jahren. Aus Maos Sicht war der Koreakrieg eine von Russen und Nordkoreanern provozierte Auseinandersetzung, in die China wider Willen hineingezogen wurde. Anders war es dagegen bei den beiden Taiwan-Krisen. Hier wollte China lediglich klarmachen, dass es nicht gewillt ist, Taiwan abzutreten. Es hatte daher kein Interesse, nur die der Festlandküste vorgelagerten Inseln Quemoy und Matsu zu erobern, sondern beschoss sie regelmäßig im Zweitage-Rhythmus. Die Aktion der 1000 Blumen sei eine Anwandlung im positiven Sinne gewesen, um in der Partei neuen Ideen Auftrieb zu verschaffen. Der Kulturkampf war bereits eine von Altersangst bestimmte Abwehrmaßnahme. Er befürchtete, seinen Einfluss zu verlieren. Als daraus mehr Schaden als Nutzen entstand, riss er das Steuer herum.

Außenpolitisch suchte Mao Hilfe in Moskau, als er noch nicht fest im Sattel saß. Später sah er Russland als größten Gegner und größte Gefahr an. Über das Verhältnis der beiden Länder sagte er, dass es in den nächsten 10.000 Jahren voller Spannungen sein würde. Als Kossygin zu einem Versöhnungsversuch nach Beijing kam, meinte er, dass diese Zeit der Spannungen sich vielleicht um 1.000 Jahre verkürzen ließe, ändern würde sich jedoch nichts. Er sah in den USA einen strategischen Partner und arrangierte sich mit ihnen. Es kam 1972 zum Treffen mit Nixon in Beijing. China verzichtete nicht auf Taiwan, war aber bereit, die Lösung (um einige Jahrzehnte) zu verschieben. Als die USA anschließend Abrüstungsgespräche mit Russland begannen, war Mao zutiefst enttäuscht.

Der mit westlicher Denkweise vertraute Zhou Enlai (1898-1976) diente Mao mit Kompetenz und Gewissenhaftigkeit ähnlich wie ein Mandarin dem Kaiser. Deng Xiaoping (1904-1997) dagegen vertrat nach Maos Tode eine völlig eigene Politik, die China zurück in die Gemeinschaft der Völker führte. Er gestand öffentlich ein, dass China nur aufholen konnte, indem es von andern Ländern lernte – etwas, das Mao nicht über die Lippen ging. Er besuchte die USA, Japan und Singapur und lobte deren technische Leistungen. Als es so aussah, als ob Russland mithilfe Vietnams eine Einkreisung Chinas betrieb, holte er 1979 unter amerikanischer Duldung zu einem Präventivschlag aus. Aus chinesischer Sicht war dies der dritte Indochina-Krieg, aber der erste, in dem sie direkt involviert waren. Am Befreiungskampf gegen die Franzosen (1946-1954) waren sie völlig unbeteiligt. Im Kampf gegen die Amerikaner (1964-1975) leisteten sie nur technische Hilfe. Ähnlich wie im Korea-Krieg ging es jetzt darum, die Einkreisung Chinas durch eine fremde Großmacht zu verhindern. Zweimal waren dies die USA, – davon ging man jedenfalls aus – jetzt die Sowjetunion.

Das Verhältnis zum Westen und insbesondere das zu den USA erhielt einen schweren Rückschlag Mitte 1989 durch das  Massaker am Platz des Himmlichen Friedens (Tiananmen-Platz). Kissinger ist bemüht, die Handlungsweise der chinesischen Regierung aus machtpolitischer und strategischer Sicht zu erklären. Als prominenter China-Freund reist er bereits Ende 1989 privat ins Land mit dem Ziel, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Nicht nur im Falle Chinas schwankten die späteren US-Präsidenten in ihrer Außenpolitik zwischen der strikten Beachtung der Souveränität fremder Staaten und der gezielten Einmischung in die innern Angelegenheiten. Ersteres wird von Kissinger als das Prinzip des Westfälischen Friedens von 1648 bezeichnet. Letzeres drückt sich in humanitären Interventionen der Vereinten Nationen oder der NATO aus, etwa in Liberia oder dem Kosovo, aber auch in Appellen gegen die Inhaftierung einzelner Dissidenten oder Bürgerrechtler. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Aufstieg Chinas zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt erscheint langfristig ein strategischer Konflikt mit den USA als unvermeidbar – zumindest nach Ansicht mancher Leute. Um dem vorzubeugen, empfiehlt Kissinger eine Ko-Evolution beider Mächte zu einer pazifischen Gemeinschaft. Soweit das Buch des heute 90-jährigen Henry Kissinger.

Mao hatte eine hohe Meinung von der Lebenskraft und Leidensfähigkeit des chinesischen Volkes, aber auch von seiner Intelligenz und seinem Fleiß. Auch Kissinger vertritt dieselbe Einschätzung. Meine Kontakte mit chinesischen Kollegen können dies nur bestätigen. Ich will dies am Beispiel eines meiner Freunde erläutern, mit dem ich heute noch Kontakt habe.

Wir lernten uns 1963 in New York kennen. Er und seine Familie, die einst zur kaiserlichen Beamtenschaft gehörte, hatte China nach der Machtergreifung Maos verlassen. Er hat an der New York State University Mathematik und Physik studiert und danach eine Stelle bei IBM angenommen. Parallel zu seiner Industrietätigkeit promovierte er in Informatik an der Columbia University. Seine Frau betrieb ein China-Restaurant. Das einzige Kind lebte größtenteils bei den Großeltern. Nach erfolgreichem Abschluss der Promotion übernahm mein Freund eine Abteilungsleiterstelle bei IBM in Austin, TX, in einem Unix-Projekt. Während dieser Zeit betrieb seine Frau ein lebhaft besuchtes kantonesisches Restaurant in Austin. Jeden Abend verbrachte mein Kollege im Restaurant der Ehefrau an der Kasse. Nach etwa fünf Jahren verließ er IBM, um eine eigene Firma auf dem Gebiet der Telekommunikationsnetze zu gründen. Als diese Firma genügend Potenzial besaß, um sie an die Börse zu bringen, veräußerte er sie. Er gründete eine neue Firma, die er nach 2-3 Jahren ebenfalls an die Börse brachte. Im Jahre 1995 schied er im Alter von 60 Jahren auch aus dieser Firma aus. Seither ist er Rentner und verbringt das Jahr, indem er zwischen seinen Wohnungen in Boston, Shanghai und am Comer See wechselt.

Um etwas über das Land und seine Leute zu sagen, will ich drei Episoden wiedergeben, die meine Frau und ich bei einer Chinareise im Jahre 1987 erlebten. Es war die Regierungszeit von Deng Xiaopeng und die Öffnung des Landes hatte soeben begonnen. Die Reise führte über Beijing, Xian, den Kaiserkanal, Nanking, Shanghai, Kanton (Guangzhou) zum Li-Fluss. Sie endete in Hongkong. Die Reise vermittelte einen ausgezeichneten Eindruck von der Größe und Vielseitigkeit des Landes und der Schönheit der Landschaft. Die Episoden sollen Hinweise geben auf den Charakter des Volkes.

- In der alten Kaiserstadt Xian besuchten wir die Wildgans-Pagode. Von hier hatte im Jahre 628, während der Tang-Dynastie, der Mönch Xuan Zang die berühmte Reise nach Westen angetreten, die ihn über die Seidenstraße nach Indien führte. Von dort kehrte er 657 mit den Schriften Buddhas zurück, die er dann in Xian ins Chinesische übersetzte. Sein Kaiser ließ daraufhin den Buddhismus als Religion zu. Im 14. Jahrhundert entstand hier eines der klassischen chinesischen Epen, das diese Reise behandelt. 


Bestaunte Ausländer

Als wir die Pagode besichtigten, waren auch viele Chinesen dort. Plötzlich gab man mir ein kleines Kind. Ich war etwas entsetzt, bis dass der Reiseleiter mir klar machte, dass man mich nur mit dem Kind auf dem Arm fotografieren wollte. Für Chinesen, die damals selten Europäer sahen, waren wir etwas Besonderes, nämlich die Riesen mit den langen Nasen.


Stadtleben

- Wenn immer wir einzeln auf der Straße auftauchten, wurden wir nicht selten von jungen Leuten angesprochen. Sie versuchten, in der Unterhaltung mit uns ihre Eng­lischkenntnisse zu testen, bzw. zu verbessern. Oft waren es nur zwei Sätze, die man kannte. ‚What is your name?‘ und ‚Where are you from?‘. Dann grinste man und ging davon. Einmal antwortete ich auf die zweite Frage wie fast immer: ‚We are from Germany‘. Daran schloss sich folgender Kommentar an: ‘Many humans come to China, but mainly west humans’. Mein Gegenüber meinte natürlich ‚Germans‘, aber es klang ganz anders. Wollte ich die Gegenüber verwirren, sagte ich schon mal, dass wir aus Luxemburg kämen. Dann stutzten sie und meinten, wir würden sie verulken.

 
Individualverkehr

- Eine Episode betraf unseren chinesischen Reiseleiter. Wenn wir von Ort zu Ort wechselten, wurden unsere Koffer immer per Lastwagen zum Bahnhof oder zum Flugplatz transportiert. Wir mussten feststellen, dass sie meistens reichlich lädiert ankamen. In einer Stadt sahen wir den Grund. Die Koffer wurden einfach vom Lastwagen auf die Straße geworfen. Wir baten unsern Reiseleiter daraufhin, sich dafür zu verwenden, dass mit den Koffern sorgfältiger umgegangen wird. Er versprach dies zu tun, war aber selbst skeptisch. Deshalb riet er uns, jeden Koffer mit einem Lederriemen zusammenzubinden. Er würde uns diese kostenlos besorgen. Am nächsten Morgen hatte er die entsprechende Anzahl von Riemen. Als wir fragten, wo er sie her hätte, stöhnte er. Er habe fast die ganze Nacht darauf verwandt und habe die halbe Stadt abgeklappert, bis er sie hatte. Wie groß muss seine Enttäuschung gewesen sein, als einen Tag später alle Koffer ohne die Riemen im nächsten Hotel ankamen. Wir mussten ihn trösten. Erwähnt sei noch, dass unser Reiseleiter uns am Schluss der Reise noch ein festverschnürtes Päckchen anvertraute, das wir seiner Frau brachten, die in Tübingen Jura studierte.

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