Samstag, 10. November 2012

Biologisches Weltbild und Transhumanisten

Vorbemerkung: Dieser Beitrag besteht aus zwei Teilen, die mir Peter Hiemann am 4.11.2012 aus Zarzis in Tunesien schickte. Die Überschriften wurden nachträglich eingefügt.
 

[Teil 1: François Jacobs Welt der Bakterien]

... ich habe während meines Tunesienaufenthaltes ein Buch gelesen, das mir ein Geschichtsbild und damit wertvolle Einsichten vermittelt hat. Dabei handelt es sich um eine Geschichte, die viele Beteiligte aufweist und zeigt, wie viel Mühe und Zeit nötig ist, um wichtige Gedankengebäude zu errichten. Diese werden in kleinen, manchmal auch größeren Schritten geschaffen, wobei in jeder Epoche für diese Epoche typische „Räume“ durch repräsentative Persönlichkeiten eröffnet werden. Manche dieser Räume mussten mit der Zeit aufgegeben werden, manche wurden renoviert, neue kamen hinzu.

Das Buch wurde von François Jacob verfasst: „Die Logik des Lebenden – Eine Geschichte der Vererbung“. Jacob erzählt die spannende Geschichte biologischer Hypothesenbildung und Entdeckungen.

Im 16. und 17. Jahrhundert ging es den Beteiligten um die Analyse der natürlichen Strukturen und die Frage, welche ordnende Macht dahinter steht und für harmonische Verhältnisse sorgt. Während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und des Übergangs zum 19. Jahrhundert erstrecken sich Analyse und Vergleich biologischer Objekte nicht mehr ausschließlich auf die Anordnung strukturbildender Elemente sondern auf die inneren Beziehungen zwischen Elementen.

Im 19. Jahrhundert wird immer deutlicher, dass biologischen Strukturen sich nach einem „Organisationsplan“ entfalten. Das Huhn erzeugt das Ei und das Ei erzeugt das Huhn. Was wann entsteht, ist eine Frage der Zeit. Die Vielfalt der natürlichen Strukturen deutete mit Hilfe der Geologen darauf hin, dass eine „weiter entlegene, mächtigere Zeit“ für weitreichende Beziehungen zwischen Lebewesen gesorgt hat. Die Theorie der Evolution wurde möglich. Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen die „endgültigen“ Formen der Zelltheorie und der Evolutionstheorie. Jetzt wird mit der chemischen Analyse der Körperfunktionen und die Erforschung der Vererbung begonnen.

Am Beginn des 20. Jahrhunderts etablieren sich die Spezialgebiete Biochemie und Genetik. Die Biochemie analysiert die Stoffe, aus denen Lebewesen aufgebaut sind, und die Reaktionen, die in ihnen ablaufen. Die Genetik untersucht Populationen von Organismen, um ihre Vererbung zu analysieren. Es wird postuliert, dass Vererbung wohl auf einem natürlichen „Gedächtnis“ beruhen muss. Um Regeln der Vererbung zu finden, werden Analogien der Denkweisen der statistischen Mechanik Boltzmanns und der Evolutionstheorie Darwins ins Feld geführt. Die Berücksichtigung von Wahrscheinlichkeiten ermöglicht die Begriffe „Ordnung“ und „Zufall“ als zwei Seiten derselben Medaille aufzufassen.

Mitte des 20. Jahrhunderts ändert das Thema „Organisation“ noch einmal ihre Regeln. Jetzt bestimmt die Struktur der aufbauenden Elemente die Struktur des Ganzen. Die aufbauenden Elemente werden im Kern der Zelle gesucht und gefunden: Chromosomen. Um ihre Strukturen zu analysieren, entsteht der neue biochemische Fachbereich Zytologie. Mit neuen Verfahren werden Chromosomen  eingefärbt („Chrom“), sodass deren Strukturen sichtbar werden. Sehr bald vermutet man in den Keimzellen (Eizellen und Samenzellen), die halb so viele Chromosomen wie somatische Körperzellen enthalten, die Träger der Vererbung.

Im vorletzten Kapitel „Das Molekül“ seines Buches beschreibt Jacob die Ergebnisse seiner Studien, die er mit Hilfe der „einfachsten“ biologischen Strukturen, eines Bakteriums und eines Virus, gewonnen hat. Ein Bakterium besteht zwar nur aus einer Zelle ohne Zellkern, besitzt aber alle alle biologischen Funktionen, die es der Zelle erlauben sich zu reproduzieren, aus einer Zelle zwei zu machen, die beide die exakt gleichen Funktionen besitzen. „Mit höchster Geschwindigkeit führt die kleine Bakterienzelle etwa zweitausend (biochemische) Reaktionen durch, die ihren Metabolismus bilden“. Die kleine Zelle produziert alle Proteine entsprechend genetischer Vorgaben. Es sind aber die Proteine, die sowohl bestimmen, welche genetischen Anweisungen wann auszuführen sind, als auch für die Durchführung der biochemischen Reaktionen zwischen Proteinen „sorgen“. Für jede biochemische Reaktion produziert die Zelle ein spezielles Enzym (Protein), um eine spezielle  Reaktion zu katalysieren. Die Regulierung der biochemischen Prozesse erfolgt durch spezielle Regulatorproteine, die nicht an den biochemischen Reaktionen beteiligt sind, sondern „nur“ spezifische Wechselwirkungen zwischen Molekülen „vermitteln“. Regulatorproteine besitzen die Eigenschaft, solche Wechselwirkungen zuzulassen oder zu blockieren. Die Organisation einer Bakterienzelle ist ein beeindruckendes Beispiel eines sich selbstorganisierenden Systems. Die Logik des Systems beruht auf dem Bestreben des Bakteriums, zwei identische Bakterien zu möglichst geringen Kosten herzustellen.

Das Kapitel enthält auch ein paar generelle interessante Hinweise. Die Natur benutzt   eine äußerst effektive Methode, um aus einer einfach zu duplizierenden linearen genetischen Struktur die Reproduktion dreidimensionaler Proteinstrukturen zu erreichen.  Die Natur benutzt Kommunikationsnetze, um die Bestandteile, die im atomaren Maßstab weit voneinander entfernt sind, zu informieren und um bestimmte Aktivitäten im Hinblick auf ein allgemeines Interesse zu steuern. 

Jacobs Überlegungen sind Worte Diderots voran gestellt, die er in einem Gespräch mit d'Alembert geäußert hat: „Sehen Sie dieses Ei ? Mit ihm bringt man sämtliche theologischen Schulen und alle Tempel der Welt zum Einsturz.“ Dies ist eine Bemerkung wert: The Nobel Prize in Physiology or Medicine 1965 was awarded jointly to François Jacob, André Lwoff and Jacques Monod "for their discoveries concerning genetic control of enzyme and virus synthesis".

Francois Jacobs Überlegungen wurden 1970 publiziert. Zu dieser Zeit war das Wissen um die zentrale Rolle der DNA schon ziemlich weit gediehen. François Jacob beschäftigte sich besonders mit genetischen Mechanismen bei Bakterien und Bakteriophagen sowie den biochemischen Folgen von Punktmutationen. Jacobs Aussagen über die Logik des Lebenden beruhen nicht nur auf theoretischen Arbeitshypothesen einer jeweiligen Epoche  sondern sind untermauert durch unglaubliches Detailwissen aus Physik, Chemie und eben Biologie der jeweiligen geschichtlichen Epochen. Obwohl seit 1970 das Wissen um die komplexen dynamischen biologischen Prozesse unglaublich erweitert wurde, sind Jacobs Überlegungen nach wie vor aktuell. In einem Nachwort zur Neuauflage der deutschen Übersetzung 2002 stellt Hans-Jörg Rheinberger fest: „Man möchte an seiner (Jacobs) Beschreibung der fundamentalen Spannung zwischen  Reduktion und Integration, Immanenz und  Transzendenz, Mechanismus und Finalität, in der sich die Wissenschaften vom Leben entwickelt haben, heute keine Zeile ändern“. Jacob hat immer betont, dass das Phänomen Leben auf den fundamentalen Gesetzen der Physik und Chemie  aufbaut. Seine Erkenntnisse zeigen aber deutlich, dass die Phänomene des Lebenden zusätzliche Erklärungen erfordern, die sich auf die Erhaltung, Weitergabe und Mutation genetischer (programmatischer) Information und die unglaubliche Vielfalt organischer (proteischer) Funktionalität beziehen, also den Gesetzen der Evolution unterliegen. Die heutigen Wissenschaftler sind weiterhin damit beschäftigt, die Geheimnisse des Lebenden zu entschlüsseln. An dieser Arbeit beteiligen sich Wissenschaftler vieler Fachbereiche. Auch Systemtheorie, Kommunikationstheorie und Informatik spielen dabei eine Rolle. 

 [Teil 2: Ray Kurzweil und der Transhumanismus]

Parallel zu Francois Jacobs Geschichte musste ich mich mit einer Geschichte zum Thema „Transhumanismus" oder "Posthumanismus“ befassen. Arte hatte dem Thema unter dem Titel „Welt ohne Menschen“ eine Sendung gewidmet. Ich wurde um Kommentare dazu gebeten. Ich konnte die Sendung zwar hier in Tunesien nicht empfangen, habe aber anderweitig versucht, mich schlau zu machen. Offensichtlich gibt es „Informatikexperten“, die sich selber „Transhumanisten“ nennen. Sie behaupten, dass die Zeit gekommen ist, um mit technischen Mitteln eine wesentlich verbesserte Version der Art Homo sapiens zu kreieren. Meine erste Reaktion auf die Aussagen der „Transhumanisten“ war: Höre ich recht? Ich erinnerte mich an eine Geschichte, die ich schon vor längerer Zeit eigentlich amüsant fand. In einem Vortrag erklärt ein Professor, dass die Physiker errechnet haben, dass unsere Sonne nach etwa sieben Milliarden Jahren sich zu einem roten Riesen aufblähen wird und der Planet Erde verglühen wird. Fragt ein verängstigter Zuhörer: Sagten Sie Milliarden oder Millionen?

Weniger amüsant finde ich die unglaublichen Geschichten, die die „Transhumanisten“ verbreiten. Der Schwerpunkt der Transhumanismus-Bewegung ist die Anwendung neuer und künftiger Technologien, die es jedem Menschen ermöglichen, seine Lebensqualität nach Wunsch zu verbessern, sein Aussehen sowie seine physikalischen und seelischen Möglichkeiten selbst bestimmen zu können. Sie behaupten, das Hochladen des menschlichen Bewusstseins in digitale Speicher, die Entwicklung von Superintelligenz, und beliebige Manipulation menschlichen Erbgutes sein nur eine Frage der Zeit. „Transhumanisten“ sprechen von „technologischer Singularität“ und verstehen darunter  den Zeitpunkt, ab dem sich Maschinen mittels künstlicher Intelligenz selbst verbessern können und so den technischen Fortschritt massiv beschleunigen. Einige ihrer Vertreter gehen davon aus, dass sich durch den damit verbundenen technologischen Fortschritt die Dauer der menschlichen Lebenserwartung maßgeblich steigern bzw. sogar biologische Unsterblichkeit erreichen lässt.Sie prognostizieren den Zeitpunkt der technologischen Singularität auf den Mittelpunkt des 21. Jahrhunderts.

Raymond "Ray" Kurzweil ist ein führender Vertreter des „Transhumanismus“. Auf einer Webseite können Sie sich ein Bild über dessen Ansichten machen. Ich halte ihn für einen der „Experten“, denen es schwerfällt, die Komplexität und Dynamik biologischer Phänomene richtig einzuschätzen, die aber trotzdem unglaubliche Geschichten verbreiten.

Übrigens gibt es eine Universität, die von „Transhumanisten“ gegründet und betrieben wird: 

The Singularity University is not an accredited four-year university, but is instead intended to supplement traditional educational institutions. It offers an annual ten-week summer course intended for graduate and post-graduate students and ten day programs for senior corporate executives and senior government leaders. The first Graduate program began in June 2009, with full tuition costing US$25,000.

The University offers 10 different academic tracks, each chaired by one or more experts in the field:
1.Futures Studies and Forecasting (Ray Kurzweil, Paul Saffo)
2.Policy, Law and Ethics (Marc Goodman)
3.Entrepreneurship (Eric Ries, founded by David S. Rose)
4.Networks and Computing Systems (John Gage, Brad Templeton)
5.Biotechnology and Bioinformatics (Raymond McCauley, Andrew Hessel)
6.Nanotechnology (Ralph Merkle, Robert Freitas, Jr.)
7.Medicine and Neuroscience (Daniel Kraft, Michael McCullough)
8.AI, Robotics, and Cognitive Computing (Neil Jacobstein, Raj Reddy)
9.Energy and Ecological Systems (Gregg Maryniak)
10.Space and Physical Sciences (Dan Barry)

Ich vermute, dass große Konzerne, die nicht selber in neue Technologien investieren, das Angebot der Singularity University nutzen, um einigen Mitarbeitern eine Weiterbildung zu ermöglichen. In der Hoffnung (Illusion?), dass sich „transhumanistisches“ Wissen in kommerziell interessanten Innovationen niederschlägt. Entwicklungsprojekte, die eine reelle Chance besitzen, dem Menschen nützliche Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen, befassen sich mit sehr konkreten Themen. Sie haben mit „Transhumanismus“ nichts am Hut. Konkrete Projekte, die sich auf menschliche Organismen beziehen, lassen sich in drei Kategorien unterscheiden. Zur biologischen Kategorie zählen Forschungen und Entwicklungen, um Wirkstoffe (Proteine) zu finden, die molekularbiologische Prozesse von Zellen beeinflussen. Zum Beispiel können pharmazeutische Wirkstoffe auf die Exprimierung des genetischen Programms von Krebszellen einwirken (z.B. Gene blockieren, um unkontrolliertes Wachstum zu stoppen oder die Entstehung neuer Krebsblutgefässe zu unterbinden).

Zur geistigen Kategorie gehören die Entwicklung pharmazeutischer Wirkstoffe, die ihre Wirkung im Zentralnervensystem entfalten. In diese Kategorie gehören auch Projekte, bei denen elektronische Komponenten verwendet werden. Beispiele dafür sind elektronische Hilfsmittel, die im Gehirn oder Herz stabilisierend wirken, aber auch sensorische Nervenzellen stimulieren (Sehen, Hören). Elektronische Spiele gehören wohl auch in diese Kategorie, deren Einfluss auf kognitive Fähigkeiten unterschiedlich bewertet wird. Zur Kategorie der gesellschaftlich relevanten Gruppe von Projekten gehören alle Projekte, die menschliche Tätigkeiten unterstützen, ersetzen oder gar überflüssig machen. Aber auch Projekte zur Entwicklung von Hilfsmitteln, die neuartige menschliche Tätigkeiten erst möglich machen. Dazu gehören auch elektronisch gesteuerte Prothesen. Kommerziell am Einträglichsten dürften aber Projekte sein, die Biotechnologie (Proteinherstellung) und Nanotechnologie für industrielle Zwecke zum Einsatz bringen. Zum Beispiel zur Energiegewinnung oder für neue Werkstoffe.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich erachte es für völlig normal, dass Leute mit wissenschaftlichen und kommerziellen Interessen abschätzen, welches Potential in existierenden Technologien steckt, um Homo sapiens ein besseres Leben zu ermöglichen. Meines Erachtens geht es aber bereits oder sehr bald vor allem um Technologie (auch zukünftige), die Homo sapiens auf einem übervölkernden Planeten hilft zu überleben, d.h. um Umweltbedingungen zu erhalten oder so zu verändern, dass ausreichende Nahrung, Energie und Rohstoffe zur Verfügung gestellt werden können. 

Nachbemerkung: Obwohl Peter Hiemann und ich [Bertal Dresen] uns einig sind, die ‚Transhumanisten‘ nicht allzu ernst zu nehmen, ist es interessant zu sehen, wie weit sich diese von Ray Kurzweil gestartete Geistesschule bereits entwickelt hat.

1 Kommentar:

  1. Es macht keinen Sinn, aktuelle technische Entwicklungen in eine wie auch immer gedachte "Zukunft" hinein zu extrapolieren, solange man (oder Frau) sich noch in religiöser Verblendung befindet und darum nicht in der Lage ist, über "diese Welt" hinaus zu denken.

    Der Weisheit letzter Schluss

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