Sonntag, 18. November 2012

Ludwig Hieber über Kooperation zwischen Hochschule und Industrie im Raum Stuttgart

Ludwig Hieber (Jahrgang 1936) studierte Nachrichtentechnik an der ehemaligen Technischen Hochschule (TH) Stuttgart. Er erhielt 1965 den Master of Computer Science von der University of Newcastle upon Tyne, England, war dann Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rechenzentrum der TH Stuttgart und promovierte zum Dr.-Ing. Er war Gründungsmitglied der Gesellschaft für Informatik (GI) im Jahre 1968. Von 1972 bis 1996 war Ludwig Hieber Direktor der Datenzentrale Baden-Württemberg und Lehrbeauftragter in der Fakultät Informatik der Universität Stuttgart. Im Jahre 1978 wurde er zum Honorarprofessor ernannt. Seit 1999 ist er Mitglied im Kuratorium der Integrata Stiftung und seit 2000 Vorsitzender des Informatik Forum Stuttgart e.V. (abgekürzt: infos).


Bertal Dresen (BD): Ihre Berufslaufbahn als Ingenieur ist geprägt von Ihrer Verantwortung für die zentrale Datenverarbeitung (DV) des Landes Baden-Württemberg. Welche Aufgaben, Erfolge und Probleme bestimmten Ihre Amtszeit? Wodurch unterschied sich die DV des Landes von der eines kommerziellen Anwenders, etwa eines Kaufhauses oder eines Industriebetriebs? Welche technischen und organisatorischen Defizite machten sich in Ihrem Betrieb besonders bemerkbar?

Ludwig Hieber (LH): Bereits Anfang der 70er Jahre war die Informationstechnik so weit entwickelt, dass aus meiner damaligen Sicht die absehbaren Anwendungen im öffentlichen Bereich Baden-Württemberg in einem einzigen Rechenzentrum hätten abgewickelt werden können. Dazu waren aber weder die Kommunen noch der Landesbereich bereit. Zu stark war die Furcht der Verwaltungen bei Automatisierungsvorhaben, in die Abhängigkeit anderer Einrichtungen oder gar von IT-Herstellern zu geraten. Ich erinnere mich an die langjährigen Diskussionen über die maschinelle Erstellung von Mahnbescheiden. Da waren viele Hürden zu überwinden. Um die DV im Lande voranzubringen, war die Gründung mehrerer Rechenzentren im kommunalen und im Landesbereich sowie eines Softwarehauses (Datenzentrale) unumgänglich. Dafür qualifiziertes Personal zu den Tarifen im öffentlichen Bereich zu gewinnen, war ein großer Hemmschuh.

Nach Überwindung der „Softwarekrise“ und verschiedener „Software-Staus“ ist es dann über die Jahre gelungen, die DV in Baden-Württemberg zu professionalisieren. Ein wichtiger Treiber waren die finanziellen Engpässe in den Verwaltungen, die ständig Druck nach mehr Rationalisierung durch Einsatz von Informationstechnik nach sich zogen. In meiner Zeit hat der Einsatz von Informationstechnik zum Wegfall oder zur Verlagerung von mehreren 10.000 Arbeitsplätzen in Baden-Württemberg geführt.

Im Vergleich zur Wirtschaft habe ich die Entscheidungswege durch die vielen Gremien und Zuständigkeiten als außerordentlich lähmend empfunden. Das läuft in einem Kaufhaus oder in einem Industriebetrieb anders und unvergleichlich schneller. Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist heute Baden-Württemberg in Sachen Informationstechnik gut aufgestellt. Die eingesetzten Techniken und Architekturen haben einen hohen Standard. Defizite gibt es aber immer noch. Einen CIO im Landesbereich zu installieren und mit den notwendigen Kompetenzen auszustatten, fällt offenbar auch der neuen Landesregierung schwer. Und im kommunalen Bereich ist die Abwicklung der Informationstechnik für die Gemeinden und Städte immer noch auf mehrere Einrichtungen verteilt. Da macht gerade die von den Kommunen getragene Sparkassenorganisation den richtigen Schritt. Die Sparkassen in Baden-Württemberg und die Landesbank wollen ihre Informationstechnik zusammenführen und an einem Standort in Frankfurt konsolidieren.

BD: Im Oktober 1996 gründeten Sie zusammen mit zahlreichen Fachkollegen der Stuttgarter Informatik das Informatik-Forum-Stuttgart e.V., (abgekürzt: infos). Was war die Motivation für diese Gründung? Was bewog Sie, sich hier besonders zu engagieren?

LH: Neben dem grundlagenorientierten Studiengang Informatik wurde 1996 in Stuttgart der Studiengang Softwaretechnik eingeführt, der das ingenieurmäßige Vorgehen bei der Software-Entwicklung als ein wichtiges Ziel hat. In der Vorbereitung dazu wurde klar, dass gute Kontakte zur umliegenden Software-Industrie gerade für diese Studienrichtung besonders förderlich wären. In diesem Umfeld entwickelte der damalige Dekan, Prof. Volker Claus, die Idee ein Forum zu gründen mit den Zielen:

- Stärkung der Wissenschaft Informatik und des wissenschaftlichen Nachwuchses,
- Förderung der allgemeinen Ausbildung und des Studiums im Bereich der Informatik,
- Stärkung der Beziehungen zwischen Wissenschaft und Praxis.

Fast zeitgleich mit dem Beginn des Studiengangs Softwaretechnik kam es zur Gründung von infos. Die angeführten Ziele wurden in die Satzung aufgenommen. Die Zeit vor der „Internet-Blase“ war für die Aufbaujahre von infos geradezu ideal. Überall war die Informatik im Aufwind.

Persönlich hat es mir viel Freude bereitet, IT Firmen der Region Stuttgart mit der Stuttgarter Informatik zusammenzubringen. Über die Informatikthemen hinaus entstanden viele persönliche Kontakte, die mir wichtig geworden sind. Wichtig ist mir auch, über diese Kontakte mitzuhelfen, Ergebnisse aus der Forschung der Informatik schneller in die praktische Anwendung zu bringen.

BD: infos ist als Förderverein der Stuttgarter Informatik nicht mehr wegzudenken. Was bestimmte die zahlenmäßige Entwicklung zu nunmehr über 500 Mitgliedern? Wie war die Resonanz bei den Informatik-Anwendern der Region? Was taten Sie, um die Informatik-Anwender der Region für die Mitarbeit bei infos zu gewinnen? Welche Unterstützung erhielten Sie von den Professoren, den Studierenden und früheren Absolventen (Alumni)? Was lief nicht wie erhofft?

LH: Zum Gründungszeitpunkt von infos war die Stuttgarter Informatik außerhalb vom Uni-Campus inmitten eines Industriegebietes angesiedelt, umgeben von zahlreichen  IT- Firmen. Es lag nahe, zunächst die unmittelbaren Nachbarn für infos zu gewinnen. Das ist gut gelungen. Die Einrichtung von zwei Kontaktmessen jährlich hat zu vielen Kontakten und dann auch zu Beitritten zu infos geführt. Über die Kontaktmessen kommen wir auch heute immer noch zu neuen Firmenmitgliedern. Bei den nun bald 100 Firmenmitgliedern sind fast alle IT-Firmen und große IT Anwender der Region Stuttgart bei infos. Das freut mich sehr.

Die Professoren der Stuttgarter Informatik sind sämtlich Mitglieder bei infos. Bisher ist es mir immer gelungen, die neu berufenen Kollegen spontan für infos zu gewinnen. Nicht so erfolgreich verläuft die Einwerbung von persönlichen Mitgliedern aus dem übrigen Personalkörper der Stuttgarter Informatik. Da haben wir Nachholbedarf. Nachholbedarf haben wir auch bei den Studierenden. Sehr erfreut sind wir über die lebhafte Unterstützung der Studierenden und der Fachschaft bei der Durchführung von Kontaktmessen. Eine Kontaktmesse mit über 40 Firmenständen müssten wir ohne die Hilfe der Studierenden völlig anders organisieren. Bei den Absolventenfeiern, die von infos getragen werden, versuchen wir Absolventen und Ehemalige für eine Mitgliedschaft zu gewinnen. Bisher leider nur mit mäßigem Erfolg. Hinderlich sind dabei auch die restriktiven Datenschutzregularien der Universität.

BD: Gerne lese ich die Infos-Zeitung, die als Mitteilungsblatt inzwischen im 16. Jahrgang erscheint. Welche Aufgabe haben z. B. die infos-Broschüren oder die Kontakt-Messen, die halbjährlich in Zusammenarbeit mit der Industrie durchgeführt werden? Was hat infos in die Lage versetzt, den Erweiterungsbau des Informatikinstituts mit einer Geldspende von 250,000 Euro zu unterstützen?

LH: Wir nutzen die infos Zeitung für aktuelle Informationen  aus der Stuttgarter Informatik mit den Zielgruppen Studierende und Mitglieder. Mit den infos-Broschüren greifen wir Themen auf, die über den Tag hinausreichen und von denen wir überzeugt sind, dass deren Aufarbeitung der Informatikgemeinde nützen. Beide Medien sind Stützen unserer Öffentlichkeitsarbeit, zu der auch unser aktueller Internet-Auftritt gehört.

Wie schon erwähnt ist uns der Kontakt zur IT Industrie ganz besonders wichtig. Mit den Kontaktmessen haben wir eine Plattform aufgebaut, die zu einem dem Austausch von Informatikthemen ermöglicht. Solche Kontakte bieten Potential zu Projekten mit gemeinsamen Interessen. Im Augenblick werden die Kontaktmesse von Firmen allerdings vorwiegend zur Personalgewinnung genutzt.

Aus den Mitgliedsbeiträgen und aus den Einnahmen der Kontaktmessen haben wir eine solide finanzielle Grundlage, um dort zu unterstützen, wo die Universität Engpässe hat. So ist es mit der angesprochenen Spende möglich geworden, im Neubau für das Forschungszentrum Informatik das Erdgeschoss zu einem multifunktionalen Veranstaltungsbereich auszubauen, das wir als Forum für die Kontakte zur Industrie nutzen. Der Rektor der Universität Stuttgart hat es begrüßt, dass wir diesem Bereich den Namen „Informatik-Forum Stuttgart“ gegeben haben.

BD: Wurden bei Kontaktveranstaltungen Forderungen der Firmenmitglieder bezüglich der neuen Studiengänge in Informatik an Sie herangetragen? Wie sehen die Anwender die Stuttgarter Besonderheiten (Softwaretechnik, Simulationstechnik, Computer-Linguistik)? Können die Firmen bei der Auswahl der Absolventen als künftige Mitarbeiter (noch) wählerisch sein? Wird die Notwendigkeit eines Feedbacks zwischen den Ausbildenden in der Informatik und ihren Kunden überhaupt gesehen? (Ich muss hier hinzufügen, dass ich an andere Stelle gesagt habe, dass ich als Kunde der Hochschulen die Wirtschaft sehe, analog zu einem Bäcker, dessen Kunden die Hausfrauen sind und nicht die Brötchen.)

LH: Mich wundert schon, dass Firmen bei der Umstellung und Gestaltung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge so gut wie kein Interesse an einer Mitwirkung gezeigt haben. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass bei den zahlreichen Kontaktmessen Firmenvertreter die Besonderheiten der Studiengänge der Stuttgarter Informatik nachgefragt haben. Vielleicht ändert sich das mit unserer neuen Broschüre „Die Studiengänge der Stuttgarter Informatik“, die wir kürzlich an die Mitgliedsfirmen verteilt haben?

Im Augenblick werden uns die Absolventen der Stuttgarter Informatik aus der Hand genommen. Bei den Kontaktmessen ist die Zahl der Firmenaussteller in den letzten zwei Jahren prozentual stärker gewachsen als die Zahl der Absolventen. Es wird nicht nach Studiengängen ausgewählt, sondern es wird eher „genommen was da ist“ (wie beim Bäcker). Ich nehme an, das wird auch von der Erwartungshaltung getragen, dass die Stuttgarter Absolventen sich übergeordnete Fähigkeiten während des Studiums angeeignet haben, auf deren Basis die firmenspezifischen Anforderungen aufgesetzt werden können.

Ein Feedback aus dem Kreis der Firmen zur Optimierung der Studieninhalte habe ich noch nicht wahrgenommen. Als bemerkenswerte Besonderheit berichten kleinere und mittlere infos-Mitgliedsfirmen, dass sie ihren Personalbedarf der letzten Jahre fast ausschließlich über die infos-Kontaktmessen gewinnen konnten.

BD: Welche (zusätzlichen) Aufgaben und Möglichkeiten sehen Sie mittel- und langfristig für eine Initiative wie infos? Was raten Sie Kollegen in andern Universitätsstädten, die eine ähnliche Initiative gründen wollen?

LH: Unser Vorstandsmitglied Prof. Claus hat in einer Ausarbeitung mögliche Zukunftsperspektiven für infos beschrieben. Daraus möchte ich zwei wichtige Punkte ansprechen.

Die Notwendigkeit, wachsende Komplexität überschaubar zu halten und Orientierung zu geben, zwingt dazu, einzelne Bereiche der Universitäten individueller und nachdrücklicher auszubauen. Wegen der finanziellen Engpässe wird eine kräftige Unterstützung von außen notwendig sein, um den Universitäten zusätzlichen Schwung zu verleihen. Je schneller hier tragfähige Konzepte realisiert werden, umso nachhaltiger wird sich im Wettbewerb ein Vorsprung für die jeweilige Hochschule abzeichnen. Fördervereine können hier eine wichtige Rolle spielen. Kurz gesagt:  

Die Universitäten können wichtige Zukunftsaufgaben nur unvollkommen leisten. Externe Partner und Fördervereine müssen solche Aufgaben anstoßen und ggf. stabil fortführen. 

Dies wird jedoch an einer Spitzenuniversität nicht ausreichen; denn zugleich müssen Wissenschaftler vom Massengeschäft und von Verwaltungsaufgaben entlastet werden, um sich auf Forschung und die zugehörige Lehre zu konzentrieren. Erst dann werden sie im weltweiten Wettbewerb mithalten können. Der Bürokratieabbau und die Stärkung von Begegnung, Improvisation und wechselseitigem Austausch sowie stärkere Autonomie der Fachbereiche sind daher zu stärken. Hierbei können Fördervereine mithelfen.

Seit dreißig Jahren drängt die Wirtschaft auf eine engere Verzahnung von Ausbildung und späterem Beruf. Auch hier können Fördervereine als Anlaufstelle, Wegbereiter und Katalysatoren auftreten. 

Die Fördervereine sollten sich also auf weitere Aufgaben vorbereiten, um die Universitäten bei Spitzenleistungen zu unterstützen. Insbesondere werden Fördervereine verstärkt den Brückenschlag zwischen Beruf und Ausbildung und zwischen Forschung und Produktentwicklung unterstützen müssen.

In Stuttgart hat sich infos als Glücksfall entwickelt und ist zum Selbstläufer geworden. Allerdings zeigt die Erfahrung auch, dass einige Jahre notwendig sind, um eine solche „win-win Situation“ aufzubauen und stabil zu halten. Bis heute wird die Arbeit von infos durch ein massives ehrenamtliches Engagement getragen. Dieses soll in Zukunft durch eine professionelle Geschäftsstelle ergänzt werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Modell infos auf andere Einrichtungen übertragbar ist. Zu einem Erfahrungsaustausch mit Kollegen an anderen Universitäten bin ich gerne bereit.

BD: Als Schwabe halte ich Sie für naturverbunden und pragmatisch. Was sind Ihre persönlichen Pläne für die Zukunft? Welche Ihrer Hobbies bekommen mehr Zeit?

LH: Da ist zunächst und zuerst mehr Zeit für die Familie auf dem Plan. Meine Frau, unsere beiden Kinder und mittlerweile vier Enkelkinder haben erste Priorität. Dazu kommt Jimmy, unser Hund, dessen Alterungsprozess uns persönlich nahe geht. Dem Ziel, keinen wichtigen Stuttgarter Ball auszulassen sind wir schon recht nahe gekommen. Ein „Muss“ ist das jährliche Tanzsportabzeichen in „Gold“. Darauf besteht meine Frau. 

Um der kalten Jahreszeit zu entgehen haben wir das Überwintern auf der Wanderinsel Teneriffa zwar geübt, aber Wiederholungen fallen uns schwer, so dass Aktivitäten im geliebten Allgäu wieder in den Mittelpunkt geraten. Dort mit den Enkeln und mit Jimmy noch richtig hohe Berge zu ersteigen haben wir auf dem Radar.

BD: Herr Hieber, vielen herzlichen Dank für das Interview. Ich wünsche Ihnen und infos weiterhin viel Erfolg.

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