Montag, 18. Februar 2013

‚Big Business‘ oder ‚Big Government‘ ̶ wer hilft wem?

Fast gehört es zum guten Ton, dass Großunternehmen verteufelt werden. Mit Plakaten und Schimpftiraden kämpfen Demonstranten und Wahlredner gegen die Multis. Der englische Begriff des ‚big business‘ muss dann als Schlagstock dienen. Gern wird dabei suggeriert, dass Industrie und Regierende unter einer Decke stecken würden, um gemeinsam den Bürger übers Ohr zu hauen.

Diese Woche sah ich bei Arte den Film The Brussels Business. Er versuchte klar zu machen, wie sehr europäische Regierungen – und nicht nur die Brüsseler Kommission – von der Wirtschaft manipuliert werden. Er weckte Zweifel daran, ob die Regierenden sich überhaupt von ihrem Volk, dem so genannten Souverän, leiten lassen. Stattdessen wird suggeriert, dass auch in Europa das Prinzip herrsche ‚Ein Euro, eine Stimme‘. Dass es in den USA so ist, wird als erwiesen vorausgesetzt. In dem Film wird der European Round Table (ERT) ausführlich vorgestellt. Es ist ein auf Betreiben von Philips zustanden gekommener Arbeitskreis, in dem Spitzenvertreter großer europäischer Unternehmen sich treffen, um anstehende politische Entscheidungen zu diskutieren und ggf. Interventionen einzuleiten. Nicht nur der Name erinnert an König Arthur und seine Tafelrunde. Wurden bisher primär Dissertationen prominenter Politiker nach Plagiaten untersucht, will man jetzt die Beschlüsse der Brüsseler Institutionen analysieren, um festzustellen, wie sie Texte dieses Gremiums wiederspiegeln. Diese Art von Diskussionen bewegen mich dazu, etwas über die Beziehungen von Wirtschaft und Politik zu reflektieren.

Große oder kleine Unternehmen

Die Größe eines Unternehmens lässt sich an ihrem jährlichen Umsatz oder ihrer Mitarbeiterzahl feststellen. Die Grenze zwischen mittleren Unternehmen einerseits und Großbetrieben andererseits sehe ich etwa bei 10 Mrd. Euro und 10.000 Mitarbeitern. In offiziellen Definitionen von Klein- und Mittelunternehmen (KMUs) wird die Grenze um einen Faktor 10 oder 20 niedriger gezogen, je nach Zweck der Darstellung. Für eine allgemeine, in der Tendenz positive Bewertung von Großunternehmen verweise ich auf einen für den Schulgebrauch bestimmten Text des Bankenverbandes:

So sehr der Mittelstand das deutsche Wirtschaftsmodell prägt – ohne Großunternehmen kommt eine moderne Volkswirtschaft nicht aus. Sie sind imstande, beträchtliche Beträge in Forschung und Entwicklung zu investieren, die Vorteile der Massenproduktion auszuschöpfen und damit nicht nur in Nischen, sondern auch auf den großen Märkten mit den Anbietern anderer Länder erfolgreich zu konkurrieren. 

Im engeren Sinne versteht man unter ‚big business‘ die wenigen Großunternehmen (und evtl. damit verwandte Wirtschaftsverbände), die über beträchtlichen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Einfluss verfügen. In Deutschland würde man Allianz, BASF, Daimler, SAP und Siemens dazurechnen. In den USA sind es wesentlich mehr Unternehmen. Aus der Informatik-Branche würden Apple, Google, Intel, Microsoft und IBM mitgezählt. (Nur als Randbemerkung: Sieben der erwähnten zehn Unternehmen gehören zu den beliebtesten Arbeitgebern deutscher Informatik-Studenten). 



Dass die Zahlen nach oben hin sehr schwanken, zeigt die Zusammenfassung der Daten von fünf Unternehmen, die in diesem Blog vorgestellt wurden. Denkt man an die Beträge, die zurzeit von Staaten als Schulden vor sich her geschoben werden, sind das recht bescheidene Summen. 

Meine berufliche Erfahrung bezieht sich – das muss ich eingestehen  ̶  primär auf ein international tätiges Großunternehmen. Ich kann die obige Aussage insofern bestätigen, als wir mit Problemen und Erwartungen von Kunden in allen Erdteilen konfrontiert wurden. Wir mussten Lösungen suchen, die überall installierbar waren, sowohl in Chicago, wie in Nagasaki oder in der argentinischen Pampa. Bei unsern Lösungen konnten Ideen von Kollegen aus Kalifornien, Frankreich oder Schweden einfließen. Der Hauptnachteil war, dass wir Zeit benötigten für die Abstimmung. Auch konnten wir Sonderwünsche von Kunden in Emden oder in Dinkelsbühl nur schlecht erfüllen.

Der Skaleneffekt, der sich durch die Massenproduktion ergibt, verliert zunehmend an Bedeutung. Einerseits tritt die Fertigung mechanischer Geräte in den Hintergrund, andererseits gestattet die Informatik die individualisierte Massenfertigung (engl. Mass Customization). Stattdessen ziehen Weltunternehmen in anderer Form Nutzen aus der Globalisierung. Sie können Umsatzschwankungen ausgleichen, wenn der Markt regionalen Schwankungen unterliegt. So profitiert die deutsche Automobilindustrie gerade von einem Boom in Asien, während Franzosen und Italiener sehr unter der europäischen Krise leiden, da sie die Ausweitung nicht betrieben haben. 

Neben der Ausdehnung des Geschäfts erlaubt die Internationalisierung einen Zugriff auf einen größeren Markt an Arbeitskräften. Sind es im Falle Chinas hauptsächlich billige Fertigungskapazitäten, die attraktiv sind, liefern andere Länder vor allem Entwicklungskapazität. Alle großen Unternehmen der Informatik-Branche nutzen dies aus. Die Labors von IBM, Microsoft, SAP und anderen (ursprünglich) westlichen Unternehmen in Indien, China, Russland, Israel und Brasilien sind nicht mehr wegzudenken. Vor allem das Aufkommen an Erfindungen und Patenten aus diesen Ländern übertrifft teilweise bereits die Heimatländer.

In fast allen Branchen fand als Teil eines Reifeprozesses eine Konsolidierung statt. Es gibt kaum eine Branche, in der es heute noch so viele Unternehmen gibt, wie in ihrer Frühphase. Das gilt für den Landmaschinen- und den Automobilbau wie für die Chemie und die Pharmazie. Jetzt verdrängt gerade Amazon den Buchhandel, Apple die Telefonläden und Starbucks die Kaffee-Häuser. Einige internationale Konzerne provozierten Widerstand, wenn sie die Belange der von ihnen beschäftigten Menschen missachteten, oder sich über lokale Gewohnheiten hinwegsetzten. Aktuelle Beispiele sind die Arbeitsbedingungen in Apples Produktionsstätten in China oder die Anwerbung von Ausländern für Amazons Weihnachtsgeschäft in Deutschland.

Es wird kritisiert, dass große Unternehmen bevorzugt behandelt werden, wenn sie in Not geraten. Das Prädikat ‘too big to fail‘ gibt es nicht nur bei Investment-Banken. Gemeint ist, dass der Staat sich verschuldet, um Firmen zu retten. Das begann in Deutschland mit der Baufirma Holzmann, und setzt sich fort bei der Commerzbank und der Hypo Real Estate. Es wird diskutiert, dass man dafür sorgen muss, dass kein Unternehmen zu groß wird, um ohne Erschütterung für die Branche oder den Standort in Konkurs gehen zu können. Dann sind die Fragen zu beantworten, was diese Größe ist und was eine optimale Mischung zwischen großen und kleinen Unternehmen ist.

Dem demokratischen Ideal einer Vielfalt der Meinungen scheinen besser Kleinunternehmen zu entsprechen. Deutschland hat im Vergleich zu den USA nur relativ wenige Großunternehmen. Dafür sind wir mit Recht stolz auf unsern Mittelstand. Nach Angaben des Bundesverbandes der Industrie (BDI) sind von den etwa 3,4 Mio. Unternehmen insgesamt 99,6 Prozent den KMUs zuzurechnen. Sie sorgen für ungefähr 60 Prozent der Arbeitsplätze und etwa 40 Prozent aller Umsätze. Auch deutsche KMUs haben sich sehr stark international orientiert. Sie engagieren sich im Export, sowie in Kooperationen und Direktinvestitionen. In den USA und vor allem in Japan beschränken sich Kleinunternehmen sehr auf die Funktion eines Zulieferers für Großfirmen. Auch jedes Großunternehmen hat als KMU begonnen. In den USA schaffen Neugründungen den Weg zur Weltspitze oft innerhalb nur einer Dekade. Die SAP brauchte gut 20 Jahre.

Starker oder schwacher Staat

Oft wird als Gegenmittel vorgeschlagen, den Regierenden endlich mehr Macht zu geben, damit sie in der Lage sind, den ‚bösen‘ Unternehmen Paroli zu bieten. Dieser Vorschlag führt wieder in eine politische Diskussion, an der sich Liberale und Sozialisten seit Langem festkrallen. In Deutschland entspricht dies den Positionen der FDP bzw. SPD. In der CDU/CSU geht die Trennungslinie mitten durch die Partei.

Wenn das Schlagwort vom ,big government‘ verwendet wird, drückt man wiederum einen Extremfall aus. Es ist ein typischer Begriff aus dem Vokabular der Liberalen. Gemeint ist damit das Gegenteil eines Laissez-Faire-Staates. Das ist nicht dasselbe wie eine bürgernahe Verwaltung, wird aber oft gleichgesetzt. Jedenfalls ist es eine ineffiziente, sich selbst nur dienende Exekutive ohne effektive Kontrolle durch die Legislative. Es ist ein bürokratisches Monster, überladen mit unnötigen Aufgaben. Ein typischer Fall ist, dass Dinge zentralisiert sind, die in einem föderalen System auch von Ländern oder Kommunen erledigt werden könnten. Aufgeblähte Verwaltungen gibt es allerdings nicht nur in sozialistischen Ländern.

Die Haltung eines Liberalen, der für einen schwachen Staat plädierte, drückte Ronald Reagan aus, indem er sagte: Der schlimmste Satz im politischen Leben lautet ‘Ich komme von der Regierung und möchte helfen‘. Jedem, der sein eigener Herr bleiben möchte, muss dies verdächtig vorkommen. Entweder befindet man sich in einer Notlage (vielleicht ohne es zu wissen) oder der Staat hat Hintergedanken. Er will Dinge erfahren, die ihn nichts angehen. Amerikaner und Angelsachsen haben in dieser Hinsicht eine andere Tradition als die Kontinental-Europäer. Sie haben Ländern entweder als Auswanderer den Rücken gekehrt oder gegen sie Krieg geführt, die noch bis vor kurzem fest im Griff von Monarchen oder Diktaturen waren. Zur Erinnerung: Deutschland, Frankreich und Italien bis 1945, Spanien und Griechenland bis 1974/75, und ganz Osteuropa bis 1990. Man vermutet bei ihnen immer noch Nachholbedarf in Sachen demokratischer Reife.

Obwohl nach Reagan und Thatcher der Liberalismus auch in Kontinental-Europa Hochkonjunktur hatte, ist er inzwischen in Misskredit geraten. Immer mehr Leute fordern mehr Kontrolle durch den Staat oder  ̶  einfacher ausgedrückt  ̶  mehr Staat. Jeder kleine Skandal führt zu einem neuen Aufschrei. Diese Woche war es das Pferdefleisch in Lasagne, vor dem uns der Staat schützen soll. Auch die lange Kette von Privatisierungen, die mit  VW und Telekom begonnen hatte, scheint am Ende zu sein. Der Fall der Bahn scheint ad acta gelegt zu sein.

Einfluss der Unternehmen auf den Staat

Neben der Bedrohung für lokale KMUs wird vor allem der Einfluss auf den Staat kritisiert, der von Großunternehmen ausgeht. Auch das erfordert eine differenzierende Betrachtung. Die Interessen eines Weltunternehmens richten sich darauf, die Möglichkeiten, die ein Land bietet zu seinem Nutzen auszunützen. Es ist daher bestrebt, sich wie ein guter Bürger zu verhalten. Je größer ein Unternehmen und je kleiner ein Land ist, umso eher können aus der Tätigkeit des Unternehmens Probleme für das Land entstehen. Das Schimpfwort der Bananen-Republiken für einige mittelamerikanische Staaten reflektiert dieses Verhältnis. Statt einem Nahrungsmittel-Konzern wie United Fruit kann auch ein Öl- oder Bergbaukonzern eine Abhängigkeit schaffen. Sie ist meist nicht nur finanzieller Art, also im Staatshaushalt sichtbar, sondern umfasst sehr leicht auch andere Bereiche. Das beginnt mit der Infrastruktur (Straßenbau, Telekommunikation), kann aber auch personelle Beziehungen einschließen.

Ganz aktuell sind die Steuergeschenke, mit denen überall auf der Welt Staaten versuchen, Entscheidungen der Unternehmen zu beeinflussen. Das Schlagwort vom Steuerdumping macht die Runde. Was bei Privatpersonen meistens als Delikt verfolgt wird, gehört bei internationalen Unternehmen zum Alltagsgeschäft. Sie versuchen Unterschiede in Vorteile umzuwandeln, zu optimieren. Fertigungsstätten für Europa wandern nach Irland oder in die Slowakei, nicht weil dort die Löhne am niedrigsten sind bzw. waren, sondern die Steuern. Immer mehr Unternehmen verlegen ihren Firmensitz nach Monaco, Lichtenstein oder Luxemburg, um Gewinne da zu versteuern, wo sie am meisten Geld sparen. Einige Finanzminister der G20-Staaten, die unter diesen Abwanderungen leiden, überlegen sich, wie sie Hürden aufbauen können.

Manche Staaten  ̶  und nicht nur kleine oder schwache  ̶   kooperieren offen mit internationalen Unternehmen, ohne sich diesen zu unterwerfen. Das gilt auch für Staatenverbünde wie die Europäische Union. Politik und Verwaltung machen sich deren Kompetenz in Fachfragen der verschiedensten Art zu Nutze. Großunternehmen sind nicht nur eher in der Lage als KMUs, Aufgaben dieser Art wahrzunehmen, die über den primären Unternehmenszweck hinausgehen. Sie sind auch oft bereitwilliger. Politiker müssen sich fragen, wieweit es sinnvoll ist, dass der Staat all die Kompetenzen noch einmal aufbaut, die in der Wirtschaft vorhanden sind. Wer dies glaubt, für den gibt es nur den Weg in Richtung ‚big government‘. Wenn man die Wahl hat, sollte man das Kleinere von zwei Übeln wählen. ‚Big business‘ sollte in meinen Augen durchaus eine Chance behalten und seine Rolle wahrnehmen. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen