Sonntag, 28. April 2013

Ist Bildung nur das, was man wissen muss? (mit Kommentaren)

Das Buch mit dem Titel ‚Bildung - Alles, was man wissen muß von Dietrich Schwanitz (1940-2004) gibt es inzwischen in der 16. Auflage. Viele Leute fassten das, was der ehemalige Anglizist zum Besten gab, als Satire auf. Das tat dem Verkauf des Buches jedoch keinen Abbruch. Der Physiker und Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer (*1947) hielt ihm bald darauf entgegen, dass man heute eigentlich mehr als nur Geschichte, Literatur, Kunst, Musik und Philosophie kennen sollte. Sein Titel ‚Die andere Bildung: Was man von den Naturwissenschaften wissen solltekam, was die Verkaufszahlen anbetrifft, nicht an das Schwanitz-Buch heran. Das Buch wurde unter anderem deshalb kritisiert, weil er schwerpunktmäßig Astronomie, Biologie und Physik behandelte. Chemie und Mathematik kämen zu kurz. Die Kosmologie und die Evolution haben halt die schöneren Geschichten.

Mehr als zehn Jahre nach Erscheinen dieser beiden Bücher ist mir kein populäres Buch bekannt, in dem die dritte der drei von mir postulierten Kulturen zum Zuge kommt. Die Welt des Homo faber, also die des Ingenieurs, schläft offensichtlich noch, was die Diskussion um das Thema Bildung und Erziehung betrifft. Wie in einem früheren Beitrag dargestellt, sehen manche Autoren in ihm die eigentliche Verkörperung des modernen Menschen. Bei Schwanitz gibt der Ingenieur nur das Zerrbild eines Kulturbanausen ab.

Amtliches zum Thema Bildungsziele

Ich selbst hielt mich mit Aussagen zum Thema Allgemeinbildung immer zurück, weil ich glaube, dass es ohnehin jede Menge sehr qualifizierter Leute gibt, die besser als ich sagen können, worauf es ankommt. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um die tertiäre Ausbildung auf meinem Fachgebiet, der Informatik. Es geht um die sekundäre Bildung, also das, was junge Menschen etwa bis zum 16. Lebensjahr über sich ergehen lassen (müssen). Erst Diskussionen mit einigen Fachkollegen bewegten mich dazu, meine Gedanken zu sortieren und zum Ausdruck zu bringen.

Es ist interessant sich anzusehen, was amtlichen Orts zu der Frage der Bildungsziele gesagt wird. Das Kultusministerium von Baden-Württemberg hat auf seiner Homepage einen Text von Hartmut von Hentig. Er nennt sich Einführung in den Bildungsplan 2004. Baden-Württemberg war damals noch ein CDU-Land. Neueren Datums und sicher partei-neutraler ist der Eintrag in Wikipedia unter dem Stichwort Bildung. Das zeigt sich auch daran, dass er umfänglicher ist. Ich habe beide Aussagen in einer Tabelle kondensiert. Ich lasse die Unterschiede am liebsten für sich selbst sprechen.

Auffällig ist, dass der Erwerb von Fähigkeiten und Können nur als marginales Ziel angesehen wird. In der Wikipedia-Liste beschränkt man sich auf das Beherrschen ‚elementarer Kulturtechniken‘. Was dazu gehört, bleibt offen. Immer länger wird die Liste sozialer Ziele, angefangen bei den Bürgerpflichten bis zu Umwelt und Toleranz. Auch 70 Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft glauben Bildungspolitiker, dass wir Deutschen hier großen Nachholbedarf haben.


Wo immer noch Bezug auf Wilhelm von Humboldt genommen wird, habe ich meine Bedenken. Sein Satz: ‚Jeder ist ein guter Handwerker … wenn er ein aufgeklärter Mensch und Bürger ist‘ erscheint uns heute recht idealistisch. Auch die Formel, ‚alles was die Leute lernen müssen, ist zu denken‘ ist nämlich nichts als eine Leerformel. Es gibt kein Denken ohne Gedanken, ohne Stoff. Genau so wenig kann man spielen ohne ein Spiel. In früheren Jahrhunderten verstand jeder, welches Wissen für seinen Berufsstand benötigt wurde. Das wusste der preußische Beamte oder der bayrische Landarzt. Nichts ändert sich heute so schnell wie Wissen. Betroffen davon sind außer den Naturwissenschaften vor allem Technik, Medizin, Verwaltung und Politik. Gerade weil das Wissen der Menschheit sich laufend ändert, ist es sehr schwer zu sagen, auf welches Wissen es ankommt. Um den Punkt zu wiederholen, weil er so wichtig ist: Bildung, die nur aus Wissen besteht, ist passiv. Es bedarf vielfältiger Fähigkeiten und Fertigkeiten, um im modernen Leben bestehen zu können.

Homo faber als Bildungsträger

Manchmal frage ich mich, welches Menschenbild unsere Gesellschaft derzeit eigentlich verfolgt, wenn Bildungsziele definiert werden. Das Erziehungsziel scheint nicht der Homo faber zu sein, der Mensch, der seinen Geist und seine Kraft einsetzt, um seinen Lebensunterhalt zu sichern und den seiner Mitmenschen. Wenn wir schon per Beiwort den Menschentyp beschreiben, so scheint es eher der Homo ludens zu sein, einer der träumend oder tanzend durchs Leben zieht. Es soll ja heute Jugendliche geben, die  ̶  wohl um den Fragenden zu ärgern  ̶  sagen, ihr Berufsziel sei Hartz IV. Vornehmer ausgedrückt: Manche Menschen versuchen ein stressfreies, hedonistisches Leben (engl. new work-life balance) zu führen, d.h. man verlässt sich darauf, dass jemand anderes für den Lebensunterhalt sorgt.

Wenn Ernst Fischer den Stoff für Allgemeinwissen hauptsächlich in der Kosmologie und der Evolutionstheorie zu finden glaubte, so bin ich davon überzeugt, dass auch einige Werke des Homo faber es verdienen, Teil des Bildungskanons zu werden. Natürlich muss man auswählen. Es gibt zu viele. Errungenschaften wie Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge, Stromerzeuger, Verbrennungs- und Elektromotoren, Kühl- und Heizgeräte, Lampen und Scheinwerfer, Röntgengeräte, Elektronen-Mikroskope und Kernspintomografen, Telefone, Radios, Fernsehen und Computer, sie alle haben Relevanz für unser heutiges Weltverständnis und das Erleben von Gegenwart und Zukunft. Dass Radio, Fernsehen und Computer als Medien angesehen werden, mit deren Hilfe Wissen übertragen und vermittelt werden kann, steht hier nicht zur Diskussion.

Es hat mehrerer Generationen bedurft, bis dass Griechisch und Latein, die früher von jeder Bildungsanstalt als unverzichtbar angesehen wurden, das Feld räumten. Zurzeit konkurrieren Französisch und Chinesisch um den Platz der zweiten Fremdsprache. Gerade im Hinblick darauf, dass sich Kunst in Richtung Spektakel und Kasperei entwickelt – ein kürzlich erschienener Beitrag gab einige Hinweise  ̶  ist es bedenklich, wenn der Kunstunterricht weiterhin die hohe Priorität genießt, die er in der Vergangenheit hatte.

Informatik als Allgemeinbildung

Einige Kollegen machten sich Gedanken darüber, welche Ideen die Informatik enthält, die als Stoff für die Allgemeinbildung in Frage kommen. Die in dieser Hinsicht von der Gesellschaft für Informatik (GI) entwickelten Empfehlungen sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst. Da diesem Vorschlag sehr viel Arbeit und ernsthaftes Abwägen zu Grunde liegt, möchte ich ihn kommentieren.


Abgesehen davon, dass hier lediglich Forderungen an das Schulsystem gestellt werden, werden durchweg sozialwissenschaftliche Begriffe benutzt, unter denen ich mir nichts Konkretes vorstellen kann. Was ist z.B. ‚Sozial- oder Selbstkompetenz im Umgang mit Information‘? Welcher Informationsbegriff ist hier gemeint? Was heißt ‚Umgang mit Information‘? Ist ‚googeln‘ gemeint? Oder die Selbstdarstellung mit Fotos bei Facebook? Oder das Kopieren von Youtube-Videos?

Wie lässt sich ein Objektmodell begründen und darstellen, ohne in ein bestimmtes Programm-Paradigma zu verfallen? Was kann der Schüler damit machen? Um die Benutzung, Analyse, Gestaltung, Konstruktion und Bewertung von Anwendungssystemen sinnvoll zu betreiben, wird ein Informatik-Studium benötigt, und zwar ein sehr praxis-orientiertes. Hier scheint den Autoren wild gewordener Text entsprungen zu sein. Dasselbe gilt für die Modellierung von Anwendungssystemen, was als vollkommen losgelöste Tätigkeit empfunden wird.

Das Verbot, eine bestimmte Programmiersprache zu benutzen, entspricht exakt dem Vorschlag, in derselben Altersstufe die Grammatik einer natürlichen Sprache wie Englisch oder Französisch zu studieren, ohne aber die Sprache selbst zu lernen. Solchen Unsinn können sich nicht einmal Philologen ausdenken. Ich kann nur sagen, weniger wäre mehr gewesen. Es hat wenig Sinn, Lehrer und Schüler total zu überfordern.

Erwähnen möchte ich einen Vorschlag der Kollegen Inhetveen, Ortner und Wedekind [1] von 2004, in dem sechs Themen als nützlich für die Allgemeinbildung angesehen wurden: 

  •  Schema und Ausprägung,
  •  Bildung von Elementarsätzen,
  •  Gleichheit und Abstraktion,
  •  Objektsprache/Metasprache,
  •  Namensgebung und Kennzeichnung,
  •  Logik und Geltungssicherung von Behauptungen.

Ich möchte hier nicht die Relevanz dieses Vorschlags diskutieren. Er wurde leider von der Öffentlichkeit ignoriert. Über die Gründe darf spekuliert werden. Mein Eindruck ist, dass wir noch weit davon entfernt sind, realistische Vorschläge zu haben, die nicht auf dem Wunschdenken von Informatikern beruhen, sondern auf verdichteten Erfahrungen von Nicht-Informatikern.

Zusammenfassung

Mit der Frage, was ist als Allgemeinbildung relevant und empfehlenswert, hat sich  bisher jede Generation neu befasst. Warum sollte es jetzt anders sein? Vielleicht verändern wir unsere Meinung mehrmals innerhalb einer Generation. Ob die Informatik einen Beitrag zur Allgemeinbildung leistet, und wenn ja, welchen,  sollten wir Nicht-Informatiker entscheiden lassen. Bei Informatikern sieht es zu leicht nach Verteidigung aus, um nicht zu sagen, Wichtigtuerei. Wenn man die obige Aufzählung technischer Errungenschaften sieht, so gibt es einige darunter, die bereits 150 Jahre alt sind, die noch nicht eine Anerkennung als Basiswissen geschafft haben. Aber Informatik ist mehr als nur Technik, höre ich bereits einige sagen. Diese Diskussion werde ich vielleicht ein anderes Mal führen.

Der Philosoph Robert Spaemann machte sich ein Vergnügen daraus zu definieren, was ein ‚gebildeter Mensch‘ ist. Obwohl vieles von dem, was er sagt, erhellend und witzig ist, gefällt mir der folgende Satz besonders gut: ‚Der gebildete Mensch weiß, dass Bildung nicht das Wichtigste ist‘. Weder durch klassische, noch durch moderne Bildung löst man ein einziges Weltproblem. Sie hat nämlich nur das Individuum im Blick. Viele Probleme können nicht einmal von einzelnen Staaten gelöst werden.

Zusätzliche Referenz: 
  1. Wedekind, H., · Ortner , E., ·Inhetveen, R.: Informatik als Grundbildung, Teil I bis VI. Informatik-Spektrum 27,2 (April 2004) ff.

Am 29.4.2013 schrieb Gerhard Schimpf aus Pforzheim:

Zu dem Blog-Eintrag zur Bildung habe ich eine zusätzliche Information. Seit Anfang 2011 gibt es die gemeinsame Arbeitsgruppe von ACM Europe und Informatics Europe (IE), die sich auf europäischer Ebene dafür einsetzt, Informatik als Unterrichtsfach zu stärken. Die Arbeitsgruppe unter Leitung von Professor Walter Gander von der TH Zürich hat einen ersten Report veröffentlicht.

Der Report ist für Politiker und Entscheidungsträger im Bildungsbereich geschrieben. Da es sich um „work in progress“ handelt, bin ich an Kommentaren interessiert. [Bitte an gerhard.schimpf@acm.org adressieren]


Kommentar vom 30.4.2013 zum ACM/IE-Papier

Der von den beiden Organisationen vorgelegte Bericht ist sehr zu begrüßen. Er unterstützt diverse nationale Initiativen auf diesem Gebiet. Er behandelt nicht nur die Rolle der Informatik für die Allgemeinbildung, sondern geht darüber hinaus. Es wird anerkannt und hervorgehoben, dass Europa nicht nur passive Nutzer unserer Technologie benötigt, sondern auch aktive Gestalter. Da ist noch viel zu tun. Es ist sicher gut, schon auf der schulischen Ebene (Sekundarstufe) damit anzufangen. 

Ein permanentes und schwer lösbares Problem besteht darin, entsprechend ausgebildete Lehrer zu gewinnen und zu behalten. Diese stehen nämlich plötzlich vor der Situation, sich entscheiden zu müssen, ob sie im Schuldienst bleiben oder aus ihrer neuen Kompetenz in der freien Wirtschaft Kapital schlagen. Das Problem ist so alt wie unsere Technik, die früher einmal Datenverarbeitung hieß. Das zweite Problem heißt, was kann im Lehrplan gestrichen werden, um für Informatik Platz zu machen. Wie die G8/G9-Diskussion zeigt, ist auch dieses Problem schier unlösbar.

Die in diesem Blog-Eintrag geführte Diskussion ist leichter zu führen, wenn man – wie in dem ACM/IE-Bericht geschehen  ̶  unterscheidet zwischen Informatik als Wissenschaft und Vertrautheit mit digitaler Technik (engl. digital literacy). Letzteres gehört zweifellos zur Allgemeinbildung, ersteres nicht unbedingt. Vielleicht kann man es für gewisse Teilaspekte der Informatik (doch) noch nachweisen bzw. die Informatik entsprechend weiter entwickeln.

Wenn wir ausschließen, dass Europäer dümmer sind als Nordamerikaner, Chinesen und Japaner, kann es nach meiner Ansicht außer am Wirtschaftsklima nur an der falschen Ausbildung liegen, dass wir auf einzelnen Gebieten zurückhängen. Die bessere Ausbildung müsste nicht nur die Technik betreffen, sondern auch das Wirtschaften. An beidem hapert es nach meiner Meinung. Technik vorwiegend nach wissenschaftlichen Kriterien zu bewerten, halte ich für falsch. Zum Wirtschaften gehört mehr als auf Konjunkturzyklen zu starren. Auf beides habe ich in den letzten 20 Jahren immer wieder hingewiesen. Das betrifft Informatik wie Wirtschaftsinformatik gleichermaßen. Wieso jetzt mehr von demselben  - also noch mehr Wissenschaftlichkeit - helfen soll, entgeht mir.

Fazit: Wenn es das Ziel ist, die europäische Wirtschaft zu stärken, dann kann eine frühe Hinführung von jungen Menschen zu Technik und Wirtschaft nur helfen. Dass das nur auf Kosten bisheriger Interessen wie Kunst, Sport und abstrakte Wissenschaft geht, ist auch klar. Die Begründungen sollten ehrlich und überzeugend sein.


Am 9.5.2013 schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

Erinnern Sie sich an meine Ausführungen zum Thema Engineering, von mir geschrieben ziemlich genau vor einem Jahr?

Es geht doch eigentlich darum, dass Ingenieurwesen nicht ideologisch verstanden werden darf. Man muss immer sagen was Sache ist. Ideologen sind nach einem Wort von Ernst Bloch Mitglieder eines Verschönerungsvereins. Alle „Two Culture Typen“ sind von diesem Format. Sie verschönern  ihre Welt, in die man sich eingerichtet hat.

Nachbemerkung (Bertal Dresen):

Hartmut Wedekinds Einwurf bezüglich Engineering hatte ich am 27.4.2012, also am Tag des Eintreffens, bereits veröffentlicht. Damals ging es mir zwar nur um Software-Engineering. Wedekind hatte das Thema sofort  verallgemeinert.

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