Freitag, 25. Oktober 2013

Vergesst Europa und die USA, denn in Zukunft spielt die Musik woanders

In diesem Blog habe ich mich immer wieder mit historischen Themen befasst. Über Zukunft zu spekulieren, liegt mir nicht. Es ist nämlich in meinen Augen reine Spielerei. Je länger hinaus man projiziert, umso ungefährlicher ist das Spiel. Ob die Vorhersagen richtig sind, stellt sich erst heraus, wenn entweder die Vorhersage vergessen ist oder wenn man tot ist. Bei historischen Arbeiten dagegen kann jemand auftauchen, der es besser weiß, oder es kann etwas gefunden werden, was Historiker zwingt, die ‚Geschichte neu zu schreiben‘. Dieser Problematik voll bewusst, habe ich mal wieder eine Zukunftsprojektion gelesen. Es handelte sich um das im Oktober 2013 erschienene Buch ‚Die neuen Großmächte‘ des SPIEGEL-Autors Erich Follath. Der Untertitel lautet ‚Wie Brasilien, China und Indien die Welt erobern‘. Die Überschrift des heutigen Beitrags wäre eine etwas schreiendere Variante des Buchtitels. Obschon Journalist, ist Follath (Jahrgang 1949) ein um Seriosität bemühter Autor. Er hatte immerhin mit dem Thema ‚Einfluss der Politik auf die Massenmedien‘ promoviert.

Obwohl der englische Wirtschaftsanalyst Jim O’Neill insgesamt fünf Länder durch die Abkürzung BRICS in das Rampenlicht der Weltöffentlichkeit beförderte, befasst sich Follath nicht mit Russland und Südafrika. Sie seien vernachlässigbare Sonderfälle, meint er. Für ihn bilden lediglich Brasilien, China und Indien eine Liga vergleichbarer Wirtschaftsmächte. Er hat diese drei Länder in den letzten 30 Jahren mehrfach bereist. Das Buch versucht zu begründen, warum gerade diese drei Länder das Potenzial haben, die USA und Europa in ihrer Rolle als Weltmächte abzulösen.

Wie einleitend angedeutet, halte ich jede derartige Projektion in die Zukunft für ein Spiel. Wie bei jedem Glücksspiel besteht die Chance Geld zu verdienen, sollte man Recht haben. Da man sich auch irren kann, kann man genauso gut Geld verlieren. Ehe er seine Spekulation auf den Tisch legt, beschreibt der Autor ausführlich, wie die Ausgangssituation ist und welche Faktoren nach seiner Ansicht eine Hochrechnung beeinflussen können. Da ich diese drei Länder zwar nur als Tourist kennengelernt habe, finde ich einige der von Follath vermittelten Einsichten durchaus interessant. Ich will niemanden vom Lesen des Buches abhalten. Ich werde daher nur diejenigen Einsichten wiedergeben, die eher etwas unerwartet sind. Zur Illustration der drei Länder verwende ich Fotos von eigenen Reisen. Ich stelle an den Anfang eine vergleichende Statistik, die in dieser Form nicht im Buche steht.

Die Ausgangssituation drückt sich teilweise in den Zahlen der obigen Tabelle aus. Brasilien, China und die USA verfügen über vergleichbare Landmassen. China und Indien verfügen über das größte Reservoir an Arbeitskräften. Der Lebensstandard, ausgedrückt sowohl im Bruttoinlandsprodukt (BIP) wie im Human Development Index (HDI), ist in Europa und den USA am höchsten.

Zeichen an der Wand

Zuerst einige allgemeine Aussagen, soweit sie die aktuelle Entwicklung beschreiben. In den drei Ländern wächst die Wirtschaft schneller als im Rest der Welt. Das stärkste Wachstum der Bevölkerung erfolgt in den folgenden Ballungsräumen: Schanghai, Bejing, Tianjin, Sao Paulo, Guangzhou, Shenzhen. Rio de Janeiro und Mumbay. Sie liegen alle in den drei genannten Ländern. Von London, Tokio, New York und Los Angeles redet niemand mehr, wenn es um urbane Dynamik geht.

Wie in einem früheren Beitrag dieses Blogs beschrieben, erstreckt sich Chinas wirtschaftliche Expansion nicht nur auf die Gewinnung von Rohstoffen, etwa in Afrika, sondern auch auf industriellen Besitz. Der Hafen von Piraeus und die schwäbische Firma Putzmeister sind die Beispiele. Indien griff nach renommierten Automarken wie Jaguar und der Windenergietechnik von Repower. Brasilien eignete sich der Welt größte Brauerei-Konzerne an (Anhaeuser Busch).

Beispiel Brasilien

Brasilien zeigt seine Muskeln gerne als ein führender Ernährer der Menschheit. Es exportiert Mais, Soja, Kaffee und Rinder. Seine Erdölreserven sind beachtlich. Die Industrie ist noch sehr von Importen abhängig. In Sao Paulo soll es 500 Niederlassungen deutscher Firmen geben. Viele von ihnen produzieren für den Vertrieb in ganz Südamerika. Mit Embraer besitzt Brasilien den drittgrößter Flugzeugbauer der Welt. Brasilianische Firmen seien zunehmend in Afrika, besonders in Angola und Mozambique, engagiert.
 

In Salvador de Bahia 2004

Mit der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 stehen große Medienereignisse bevor. Es ist eine große Aufgabe, sie sauber hinzukriegen. Schon wurden 10% der Armenviertel (Favelas) befriedet. Danach kann es entweder zu weiterem Auftrieb staatlicher Maßnahmen führen, oder aber zu einer großen Erschlaffung. Die noch relativ starke katholische Kirche muss sich sozial und ökologisch engagieren, wenn sie nicht Gefahr laufen will, weiter Terrain an Sekten (protestantische Pfingstler, afrikanischer Candomblé) zu verlieren.

Beispiel China

China besitzt die zwei größten Unternehmen der Welt (eine Bank, einen Elektrokonzern). Das Land ist nicht nur größter Geldgeber der USA. Mit seinen Devisen könnte es alle DAX-Firmen aufkaufen, wenn es über das Geld frei verfügen könnte. Der Wert seiner Devisen hängt nämlich davon ab, was das Land mit seinem Reichtum tut. Anders ausgedrückt, das Land ist durch seinen Reichtum gelähmt.


In Wuxi 1986

China hat die größte Wohlstandssteigerung in seiner Geschichte erreicht. Es soll 161 Milliardäre geben, davon 25% in Hongkong, Das soziale Gefälle ist enorm. Ob sich das politische System auf Dauer halten kann, wird (vor allem von Westlern) bezweifelt. Zurzeit stellt es sich als ‚Kapitalismus ohne Wahlen‘ dar, der den ‚chinesischer Traum‘ realisieren will, nämlich eine Gesellschaft in Harmonie. Die Peinlichkeiten, die bei dem gerade erfolgten Machtwechsel zu den ‚Prinzlingen‘ (Bo Xilai und Xi Jinping) zutage traten, deuteten auf Schwächen im System hin. Auch die Staubbelastung in Peking und die Umweltprobleme in Teilen des Landes stellen die Partei vor große Herausforderungen.

Die chinesischen Firmen haben die Wirtschaftskrise 2008 dank staatlicher Hilfe recht gut gemeistert. Der Markt für Billigprodukte entwickelt sich schlecht. Die Frage ist, wie schnell technisch anspruchsvolle Produkte chinesischer Herkunft an ihre Stelle treten. Chinas größter Elektrokonzern (ZTE) verdrängte bereits Panasonic bei der Zahl der Patentanmeldungen.

Während durch die Kulturrevolution ein Bruch mit dem eigenen geistigen Erbe (Konfuzius, Laotse) erzwungen wurde, ist dieses heute rehabilitiert und wieder hoch im Kurs. Probleme bestehen an den Rändern des Landes (Tibet, Xingjiang). Die Kommunisten bemühen sich durch Hebung des Wohlstands Sympathien bei den ethnischen Minderheiten dieser Regionen zu gewinnen.

Beispiel Indien

Indien bezeichnet sich voller Stolz als die zahlenmäßig größte Demokratie der Welt (über 700 Mio. Wahlberechtigte; 364 Parteien). Im Vergleich zu China hat das Land deshalb sowohl Vorteile wie Nachteile. Die Regierung ist zu vollständiger Offenlegung aller Verwaltungsmaßnahmen verpflichtet (Right of Information Act). Andererseits können sich parlamentarische Verhandlungen in die Länge ziehen. Das größte Problem ist jedoch die Qualität der Verwaltung, also die Umsetzung von Regierungsbeschlüssen. Korruption ist allerorten und nicht weg zu bekommen.
 

In Varanasi 1996

Die Gesellschaft Indiens wird vom Kastensystem des Hinduismus geprägt. Extremer Reichtum und Slums existieren nebeneinander. Mit den Muslimen, die mit 14% die größte religiöse Minderheit darstellen, kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen innerhalb der Städte. Hindus und Muslims unterscheiden sich wenig, was die Rolle von Frauen betrifft. Rückständiger geht es kaum.

Unsicherheit und Zweifel

Follath lässt zwei berühmte Gewährsleute ein Urteil abgeben. Amartya Sen, dem Wirtschafts-Nobelpreisträger aus Bangladesch versucht er ein Urteil über Indiens Zukunft zu entlocken. Der hält sich sehr zurück. Demgegenüber ist Lee Kuan Yew, der frühere Bürgermeister von Singapur, sehr optimistisch, wenn um Chinas Zukunft befragt. Chinesen arbeiten und lächeln, meint Lee. Nicht nur das BIP alleine sollte man ansehen, meint Sen. Auch Wohlstand, Bildung, Gesundheitsversorgung und bürgerliche Rechte sollten betrachtet werden. Dann sind sowohl Indiens wie Chinas Wege noch sehr lang. Sen hat bekanntlich die Definition des HDI stark beeinflusst.

Die Hauptgründe, warum mit den USA noch eine Weile zu rechnen sei, seien der Dollar und das Militär. Auf den Geheimdienst NSA geht er nicht eigens ein. Man kann ihn als Teil des Militärs ansehen. Wegen der Ölgewinnung durch ‘Fracking‘ erlebe das Land eine Sonderkonjunktur. Wenn die Globalisierung Erfolg hat, dann bestimmt nicht unter amerikanischer Führung – das ist Follaths Überzeugung und Botschaft. Dass er hier noch das Wörtchen ‚wenn‘ benutzt, zeigt wie unsicher er im Grunde ist.

In Bezug auf Wirtschaftsstärke sieht er im Jahre 2025 China vor Indien und Brasilien. Was die technischen und kaufmännischen Talente und die Rechtssicherheit betrifft, ist noch für eine Weile mit Europa und den USA zu rechnen. Europa ist am schlimmsten von der Überalterung seiner Bevölkerung betroffen. In puncto sozialem Ausgleich ziehen wir aber allen andern Weltregionen davon. Wie als Trost für seine Leser hat Follath eine tolle Nachricht am Schluss. Für ihn heißt der Gewinner des Spiels – sie hätten es nicht vermutet – Deutschland. Der Grund: Wir können es besser mit den Chinesen als alle andern. Außerdem sind wir bereits in Indien vertreten (SAP in Bangalore) und in Brasilien (BMW, Mercedes und VW). Die Qualität unserer Patente (und der amerikanischen) sei besser als die der Chinesen (Wer mag ihm das wohl geflötet haben?). Schließlich seien bezüglich Lebensqualität die Städte Wien, München, Berlin und Zürich immer noch an der Spitze der Welt.

Wie gesagt, das Alles ist ein Ratespiel. Wer immer Projektionen in die Zukunft machte, musste feststellen, dass die Zukunft menschlicher Geschichte nicht allzu viel von Extrapolationen hält, egal ob sie linear, exponentiell oder hyperbolisch erfolgten. Sie hat eine Vorliebe für unvorhergesehene Ereignisse.

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