Mittwoch, 6. November 2013

Vom automatisierten Bauernhof zur Zukunft der Arbeit

Seit ich im Ruhestand bin, habe ich geradezu ein Faible dafür entwickelt, über die gesellschaftlichen Auswirkungen meiner fachlichen Tätigkeit und die meiner Kollegen nachzudenken und zu schreiben. Dieser Tage las ich ein Buch, das voll in diese Richtung geht. Es heißt ‚Arbeitsfrei‘ und stammt von Constanze Kurz und Frank Rieger. Beide Autoren sind die derzeitigen Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC). Als regelmäßige Autoren der FAZ und häufige Gäste in Fernseh-Talkshows sind sie beide der deutschen Öffentlichkeit bestens bekannt. Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen. Es ist die kompetenteste Behandlung der durch die Informatik berührten gesellschaftlichen Fragen, die ich in den letzten 20 Jahren gelesen habe.

Im Titel erinnerte das Buch mich an den Bestseller ‚Ende der Arbeit‘ von Jeremy Rifkin aus dem Jahre 2005. Weder dieses Buch noch vergleichbare Veröffentlichungen werden erwähnt. Ich will im Folgenden nicht nur den Inhalt des Buches grob wiedergeben, sondern auch eigene Gedanken zu dem Thema einflechten. Diese Freiheit nehme ich mir als unabhängiger und unbezahlter Blogger. Den Autoren gegenüber besitze ich den Vorteil, über 30 Jahre länger als sie in der Informatik-Branche aktiv gewesen zu sein.

Trotz aller Voreingenommenheit, die jemand normalerweise empfindet, wenn er vom CCC hört, überrascht das Buch durch eine erstaunlich positive Einstellung der Technik gegenüber, und der Informatik im Besondern. Der historische Begriff der Ludditen wird zwar erwähnt, selbst möchte man aber nicht in ihre Nähe gerückt werden. Die Menschheit nutze ihre Macht und ihr Wissen, um die Kraft des Menschen durch Maschinen zu ersetzen oder zu ergänzen. Früher ging es dabei um die körperliche Kraft, inzwischen auch um die geistige. Die etablierten Lebens-, Arbeits- und Denkweisen würden obsolet. Die damit zusammenhängenden Umbrüche seien nicht immer schmerzlos und friedlich. Ich kann dem voll zustimmen.

Dass heute neben der Digitalisierung und Roboterisierung die Vernetzung im Vordergrund steht, kann niemand bestreiten. Selbst Schulkinder verfügen über Smartphones, d.h. Rechner mit eingebauten Telefonen, Kameras und Fernsehern. Unsere Maschinen würden zu Kollegen, teils freundlich, teils konkurrierend, nicht nur bei der körperlichen Arbeit, sondern auch beim Denken. Maschinelle Intelligenz (man beachte die Wortwahl!) sei keine Science Fiction. Sie käme kleinteilig daher. Sie könne allerdings unglaubliche Datenmengen nutzen. Ist die Folge davon die große Massenarbeitslosigkeit, wie immer noch von einigen befürchtet? Zu versuchen, auf diese Frage eine überlegte Antwort zu geben, ist das Ziel der Autoren. ‚Wir wollen der Zukunft informiert ins Auge sehen,‘ heißt es.

Entdeckung der Gegenwart

Die ‚Entdeckungsreise‘, von der im Untertitel des Buches die Rede ist, führt zunächst auf Bauerhöfe. Hier ist die Technologie weiter als man gemeinhin denkt. Dank der opulenten Förderung sind viele Bauern zu Produzenten von Bioenergie geworden. Manche betreiben vollautomatische Hühnerställe. Fielen bei einem von ihnen der Computer ein paar Stunden aus, wären 45.000 Hühner tot. Andere wiederum beziehen stündlich eine Präzisionswettervorhersage. Im Gegensatz zu den Diensten in Radio und Fernsehen ist sie kostenpflichtig. Die Milch und das Fleisch, das im Laden angeboten wird, stammen aus so genannten Agrarfabriken. Hier bestimmen Melk- und Stallreinigungsroboter die Szene. Alle Kälber und Kühe sind in einer zentralen bundesweiten Datenbank erfasst, letztere mit allen aktuellen Leistungsdaten. Da ich die bäuerliche Situation aus eigener Anschauung recht gut kenne, kann ich die Aussagen im großen Ganzen bestätigen. Dabei kommt allerdings zu kurz, dass die hohen Investitionen viele Betriebe schwer belasten. Es beschleunigt die schon länger stattfindende Konzentration. Dies führt nicht nur zu einer veränderten Landschaft, sondern treibt viele Familienbetriebe in den Ruin.

Fast ebenso eindrucksvoll ist die Beschreibung heutiger Mühlen- oder Backbetriebe. Mühlen waren vor 200 Jahren vielerorts die Vorboten der Mechanisierung. Heute liegen sie in der Nähe der Autobahn und verarbeiten zwischen 1000 und 5000 Tonnen Getreide pro Tag. Dabei gehen alle Körner einzeln an Kameras vorbei, um sicherzustellen, dass keine Fremdkörper oder Krankheitserreger (Mutterkorn) darunter sind. Bäckereien zeigen einen unterschiedlichen Automatisierungsgrad, je nach ihrer Größe. Besonders im Kommen ist die Trennung von Teigerstellung und Backen. Außer der Nahrungsmittelindustrie werden noch einige weitere Branchen beschrieben. Die Veränderung der Druckindustrie habe ich selbst miterlebt. Vor
Raffinerien staunten wir Nicht-Experten schon immer über ein unverständliches Gewirre von Leitungen. Die Transportlogistik und Lagerhaltung hat in den letzten 20 Jahren große Fortschritte erzielt. Es sind nicht nur die automatisierten Hochregallager und Gabelstapler-Roboter, die Schlagzeilen machten. Dass ein T-Shirt aus Bangladesch zu Transportkosten von nur fünf Cent in ein deutsches Textilgeschäft gelangt, ist nicht weniger beachtenswert.

Vorahnungen der Zukunft

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit einigen technischen Lösungen, die wir in der Zukunft erwarten können. Am Anfang wird das Thema der selbstfahrenden Autos beleuchtet. Es wird überall auf der Welt daran gearbeitet. Das primäre Ziel ist es, eine Lösung zu finden, die besser ist als der Mensch. Dass der Straßenverkehr allein in Deutschland rund 5000 Tote pro Jahr zu verantworten hat, davon 600 auf den Autobahnen, ist in meinen Augen ein Skandal. Nicht eine Umerziehung des Menschen, sondern nur Technik kann das durch Technik verursachte Problem lösen. Die von europäischen Autoherstellern verfolgten Lösungen versuchen die ‚Freude am Fahren‘ nicht zu eliminieren. Die Assistenz des Fahrers steht im Vordergrund. Spurhaltungssysteme werden bald zur Pflicht für LKWs. Ein völlig anderer Ansatz wird von Google verfolgt. Dem im Werbegeschäft erfolgreichen Unternehmen wird unterstellt, die im Auto verbrachte Zeit für Werbung ausnutzen zu wollen. Nach Meinung dieses Autors besteht die Herausforderung nicht darin, das Auto zu retten oder zu verbessern. Es müssen bessere Lösungen für das Problem des Personen- oder des Güterverkehrs gefunden werden.

Ein weiterer Komplex wird mit den Stichworten Telepräsenz und Drohnen beschrieben. Die dahinter stehende Technik zielt auf Anwendungen in der Chirurgie, im Haushalt (Staubsauger) und beim Militär. Die militärische Anwendung reicht von der Bombenentschärfung bis zur offensiven Kriegführung mittels Drohnen. Es wird die Frage aufgeworfen, ob es eher zum Krieg kommt, wenn die zu erwartenden eigenen Verluste gering werden. Sehr interessant ist die Frage, wie sich unsere Einstellung zu Robotern verändern wird, wenn die Kosten pro Stück unter 500 Euro fallen und wenn sie vom Nutzer selbst programmiert werden. Werden sie dann als nützliches Hilfsmittel akzeptiert und nicht mehr als Bedrohung angesehen? Das System Kinect von Microsoft habe bereits die Roboterforschung revolutioniert. Der Staubsauger Roomba von iRobot (von Rodney Brooks gegründet) hat nicht nur Technikfans überzeugt. Ich wage zu behaupten, dass wir genau so überrascht sein werden wie wir es im Falle von Smartphones und Tablets waren. Die meisten Anwendungen für diese Geräteklasse haben sich erst ergeben, nachdem leistungsfähige Produkte im Markt vorhanden waren.

Die Automatisierung geistiger Arbeit ist für viele ein Widerspruch in sich. Statt sich diesem Problem in seiner Allgemeinheit zu widmen, können Beispiele dem Verständnis auf die Sprünge helfen. Die Autoren nehmen die Bewertung der Kreditwürdigkeit eines Bankkunden als Beispiel. Den Kern des Verfahrens bilden Daten und Algorithmen. Ein Mensch macht ggf. Plausibilitätsprüfungen. Im Tagesgeschäft vieler Firmen geht nichts mehr ohne die Software von SAP oder Oracle.  Auch Stimmerkennung und Sprachauskunft spielen nicht nur in Demo-Projekten eine Rolle, sondern sind Teil des Alltags. Das Wissen der Welt steht auf einem Handy zur Verfügung, nachdem es einmal erfasst ist. Wem Google zu passiv ist, kann das System Alpha der Firma Wolfram Fragen beantworten lassen.

Soziale und gesellschaftliche Aspekte

Sind Roboter einmal programmierbar durch Zeigen und Vorspielen, dann sei die Spaltung der Arbeitswelt in Spezialisten und Ungelernte hinfällig. Dann kann die Produktion von Massengütern wieder aus den Billigländern zurückgeholt werden. Wenn nämlich die Lohnkosten gegen Null tendieren, spielen niedrige Löhne keine Rolle mehr. Nur das verfügbare Kapital ist entscheidend. In zunehmendem Maße ist das Ziel der Automatisierung jedoch nicht die Kostensenkung, sondern die qualitative Verbesserung der Ergebnisse.

Moderne Software steuert die individualisierte Massenfertigung. Wer erkannt hat, dass die bessere Software für seinen Betriebserfolg entscheidend ist, wird kein Outsourcing mehr betreiben. Maschinen sind Machtverstärker. Sie können die ökonomischen Verhältnisse verändern oder zementieren. Autonom handelnde Systeme können zur Gefahr werden. Der Mensch als Konstrukteur oder Befehlsgeber bleibt jedoch verantwortlich.

Jede Technologiewelle zwinge zu neuem Nachdenken. Insbesondere muss die Frage beantwortet werden, wem die Automatisierungsdividende zu Gute kommt. Sie sollte nicht nur privaten Kapitalgebern nützen, sondern der Allgemeinheit. Die Autoren legen sich nicht fest, ob dies durch die Versteuerung privater Gewinne zu erfolgen hat, oder durch die Verstaatlichung der Betriebe. Es sei deshalb wichtig, dass die Allgemeinheit daran beteiligt wird, weil sie (in der Regel) für die Opfer aufkommen muss. Fast jede neue Technik verändert die Arbeitsverhältnisse. Sie macht hochgeschätzte Spezialisten zu Lehrjungen, anpackende Kraftmenschen zu unnützen Kostgängern. Sollte der fahrerlose Straßenverkehr sehr bald kommen, würden allein in Deutschland 70.000 LKW-Fahrer arbeitslos. Wer das Problem so darstellt, verkennt, dass ein derartiger Wandel nicht schlagartig erfolgt. 

Jede der im Buch beschriebenen Branchen hat gerade einen enormen Automatisierungsschub erfahren. Nach klassischer Theorie müsse Massenarbeitslosigkeit herrschen. Das Gegenteil ist der Fall. Jede punktuelle oder regionale Arbeitslosigkeit wird von einen durch die Altersstruktur bedingten Fachkräftemangel überlagert. Die Zahl abhängig Beschäftiger hat sich vermutlich gegenüber der Zahl der Selbständigen verändert. Darauf wird jedoch nicht eingegangen.

Wenig konkret sind Aussagen folgender Form: „Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen gewinnen und nicht die Maschinen.“ Es sei falsch gegen Maschinen anzurennen. Ein solches Rennen ist nicht zu gewinnen. Der Autor Stanislaus Lem gab bereits die einzig richtige Antwort: „Jede Arbeit, die Maschinen machen können, sollen sie tun.“ Die echten Gewinner in der derzeitigen Situation seien professionelle Software-Entwickler. Die Arbeitsverhältnisse von vielen modischen Tätigkeiten (z.B. Web Designer) seien eher prekär.

Das Ideal, das den Autoren vorschwebt, ist eine ‚bessere, gerechtere und lebenswerte Gesellschaft, in der Macht und Geld nicht weiter in den Händen weniger konzentriert werden‘. Soviel Sozialismus kann sogar ich verkraften.

Tagespolitische Fragen und mehr

Die aktuelle Diskussion um die Einführung eines Mindestlohns würde die Automatisierung weiter antreiben. Ein Mindestlohn verschaffe nämlich allen Automatisierungsprojekten eine klare Kalkulationsbasis.

Zu den deutschen Hochschulen wird kritisch bemerkt, dass sie zu sehr auf Mittelmäßigkeit aus seien und keine Spitzenkräfte ausbilden würden. Die Hochschullehrer selbst hätten keine Zeit, um gute Forschung zu betreiben, da sie sich in einem Rattenrennen um Fördermittel befänden. Die industrielle Forschung sei deshalb der Hochschulforschung oft um Jahre voraus. Mit Google und Co. könne die öffentliche Forschung nun mal nicht mithalten. Weil gute Köpfe sich an die Industrie ‚verdingten‘, würde sehr viel Wissen privatisiert. Dass ich hier deutlich anderer Ansicht bin, möchte ich nur erwähnen, aber nicht näher ausführen. Dass nur Produktivität von den Autoren als entscheidend für die Software-Entwicklung erwähnt wird, deutet darauf hin, dass sie Software noch primär als reinen Kostenfaktor auffassen. Wird Software als Geschäft verstanden, ist die Rentabilität wichtiger als die Produktivität. Auch darüber habe ich anderswo geschrieben.

1 Kommentar:

  1. Am 7.11.2013 schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    Finanztransaktionen des 21. Jahrhunderts werden über globale Netzwerke und mittels Computerprogrammen abgewickelt (1000+ Transaktionen/Sekunde). Die Finanzindustrie bedient sich der digitalen Möglichkeiten, um mit unglaublich großen Kapitalbeträgen globale, oft auch spekulative Investitionsgeschäfte zu betreiben. Traditionelle Geschäftsbanken, deren Geschäftsmodell ausschließlich auf der Kreditversorgung mittelständischer Unternehmen basierte, können ohne Beteiligung an globalen Investitionsgeschäften mit Großbanken nicht konkurrieren. Der individuelle Service von „Kleinkunden“ an Bankschaltern wird auf ein Minimum an Personalaufwand heruntergefahren. Kleinkunden werden aufgefordert, Transaktionen über Internet abzuwickeln.

    Mit Internet haben sich Geschäftsfelder verändert oder sind neue entstanden, z.B. Informationsservices, Konversationsservices, Internetwerbung, Online Handel, Internetkriminalität etc. Veränderte oder neue Geschäftsfelder bedingen veränderte oder neue Institutionen, die ihrerseits veränderte oder neue Verhaltensweisen (auch der Arbeitswelt) nach sich ziehen.

    Ein spezielles globales Geschäftsfeld mit geschätzten 60 Milliarden Umsatz wird in gesellschaftlichen Analysen oft übersehen, obwohl dessen Einfluss auf menschliche Verhaltensweisen nicht mehr zu übersehen ist: Es handelt sich um die Industrie der Videospiele, die den Markt von Film und TV hinter sich gelassen hat. Die veränderten und neuen menschlichen Verhaltensweisen betreffen die „Flucht“ in virtuelle Welten.

    AntwortenLöschen