Donnerstag, 9. Januar 2014

Erinnerungen an Wilhelm Spruth (1929-2013)

Wilhelm Gustav Spruth war lange Jahre Leiter der Grundlagen-Entwicklung des IBM Labors Böblingen, ehe er während seines Ruhestands die Position eines Universitätsprofessors in Tübingen und Leipzig annahm. Während ich meine Berufsjahre schwerpunktmäßig in der Software-Entwicklung verbrachte, war Spruth einer der allseits geschätzten Pioniere und Leistungsträger auf der Hardware-Seite. Diese Seite der Entwickler-Tätigkeit war früher sehr vielseitig, wie sich an Spruths nachfolgend beschriebenen Aktivitäten zeigen wird. Waren amerikanische Besucher im Hause, – was sehr oft der Fall war  ̶  wurde er mit der Kurzform Wil seines ersten Vornamens angesprochen. Amerikaner, die seinen Nachnamen nur vom Lesen her kannten, sprachen das ‚th‘ am Ende sehr oft englisch aus. Manchmal klang das dann für uns wie ‚spruce‘ (zu Deutsch ‚Fichte‘).




Spruth hatte an der RWTH Aachen Elektrotechnik studiert und promoviert. Er ging 1957 als Assistant Professor an die Carnegie Mellon University in Pittsburgh, PA. Zwei Jahre später trat er in die IBM Advanced Systems Development Division (ASDD) in Mohansic, NY, ein, um an dem Flugreservierungssystem SABRE für American Airlines mitzuarbeiten. Es war dies das erste System dieser Art und war bis in die 1990er Jahre in Betrieb. Seine Erfahrungen in der Software-Entwicklung bezogen sich vorwiegend auf diese ersten Jahre seiner langen Berufslaufbahn.

Von Karl Ganzhorn, dem ersten Böblinger Laborleiter, anlässlich eines USA-Besuchs angeworben, kam Spruth im September 1961 ins IBM Labor Böblingen. Dort arbeitete er zunächst in der Qualitätskontrolle des Systems 3000 mit. Mit diesem System wurden zum ersten Mal kleine Lochkarten in die Praxis eingeführt. Wegen nicht behebbarer technischer Probleme wurde das System schließlich vom Vertrieb zurückgezogen. Wider Erwarten wurden die Entwickler nicht in die berühmte Wüste geschickt, sondern von Thomas Watson sen. ermahnt, sich nie wieder ein System vom Vertrieb aus der Hand reißen zu lassen, das technisch noch nicht ausgereift ist. Diese Botschaft hat sich ohne Zweifel bei den Böblinger Entwicklern eingeprägt. Kleine Lochkarten wurden von amerikanischen IBM-Entwicklern fast 10 Jahre später mit dem System/3 doch noch zu einem Markterfolg gebracht.

Spruths Name wurde mir zum ersten Mal bekannt durch ein Projekt namens Vocoder, das er leitete. Es handelte sich dabei um eines der ersten Sprachausgabesysteme (engl. Voice Output System) der Welt. Da Böblingen durch andere Aufgaben ausgelastet war, wurde der Vocoder vom IBM Labor in La Gaude, Frankreich, unter der Produktbezeichnung IBM 7772 ins Feld gebracht. Er fand bei Banken, Versicherungen und Fluggesellschaften Anwendung, um den Konto- oder Buchungsstand telefonisch abzufragen.

Nach einigen Jahren in der System-Entwicklung übernahm Spruth die Leitung der Abteilung Grundlagen-Entwicklung. Von da an konzentrierte er sich auf die konzeptionelle Vorbereitung der nächsten Generation der Böblinger Systeme. Nachdem die erste Generation des Kleinrechners System/360 Mod 20 mit einem festen (in TROS gespeicherten) Mikroprogramm ausgeliefert worden war, schlug Spruth für die nächste Generation einen beschreibbaren Mikroprogramm-Speicher vor. Beim Submodell 5 kam diese Idee bereits zum Einsatz. Der Mikrocode belegte einen Teil des normalen Kernspeichers. Damit war der Weg frei zum ‚vertikalen‘ Mikrocode, d.h. man verzichtete auf die Möglichkeit viele Funktionen mit einem Befehl zu steuern und näherte sich der ‚normalen‘ Software mit all ihren Werkzeugen zur Vereinfachung der Entwicklung und zur Verbesserung der Qualität. Vor allem konnten zusätzliche Funktionen in Form von Mikrocode angeboten werden, mit denen die Wartung verbessert wurde oder andere Architekturen emuliert wurden. Sehr richtungsweisend war auch die von ihm initiierte Einführung eigener Ein-/Ausgabe-Prozessoren. Das führte zu einer Systemstruktur, die sehr bestimmend wurde für alle späteren Böblinger Systeme.



Kein Produkt verbinde ich mehr mit Spruth als den Elektro-Erosionsdrucker IBM 4250. Böblingen verfügte damals über eine eigene Druckerentwicklung. Aus ihr entstammte eine Familie von Aufschlagdruckern (IBM 2203, u.a.). Auf einer umlaufenden Kette oder einem Stahlband waren die zu druckenden Typen mehrmals angeordnet. Sie wurden durch eine Umlaufbewegung des Typenträgers in die entsprechende Position gebracht, wo dann ein Druckhammer Farbband und Papier auf die Drucktype zubewegte. Damit konnte zwar schnell, aber nur mit einem beschränkten Satz von Zeichen gedruckt werden. Das Drucken von Zeichnungen, Bildern und variabler Schriftzeichen verlangte nach neuen Drucktechniken. Zuerst wurden Nadeldrucker angeboten.

Es folgten Tintenstrahl-Drucker, ehe Laserdrucker das Feld übernahmen. Auch diese neuen Techniken schienen anfangs nicht in der Lage zu sein, das Problem der hohen Druckgenauigkeit, auch Auflösung genannt, zu lösen. Sie lieferten etwa 200 Bildpunkte pro Zoll, obwohl von einigen Anwendungen etwa 1000 verlangt wurden. Die Druckindustrie arbeitete daher weitgehend mit chemischen oder fotografischen Verfahren, also teilweise sehr langsamen und teuren Verfahren, um ihre Druckplatten für die einzelnen Seiten zu erstellen.

Das im Böblinger Labor entwickelte Verfahren stellte eine erheblich kostengünstigere Alternative dar. Aus einer dünnen, mit Aluminium bedampften Folie wurde die Druckplatte auf einem Gerät in der Größe eines heutigen Laserdruckers erstellt. Die zu druckenden Bestandteile der Seite wurden von einer dünnen Elektrode (aus Wolfram) herausgebrannt. So einfach dieses Konzept physikalisch war, umso größer war die Komplexität der Software. Man musste sich mit minitiösen Details der Textformatierung und Layout-Gestaltung vertraut machen, die man vorher nicht erahnt hatte. Die Geräte fanden Jahre lang begeisterte Anwender, unter anderem im eigenen Hause zum Erstellen von Produkt-Dokumentation. Die Kollegen Jürgen Bahr für die Hardware und Helmut Hasselmeier für die Software fanden so etwas wie eine Lebensaufgabe. Dieter Paris hatte seine Erfahrungen aus dem Buchdruck (mit den Hunderten von Schriften) eingebracht.

Nur in Stichworten möchte ich einige andere Gebiete erwähnen, auf denen Spruth und seine Mitarbeiter tätig waren. Geleitet von Peter Stucki, abgeordnet von der IBM Zürich, entstand ein System zur Erstellung grafischer Entwürfe und der Verbesserung von Bildern. Zusammen mit Ulrich Kulisch von der Universität Karlsruhe wurden Software- und Mikrocode-Pakete (ACRITH genannt) entwickelt, um variable Gleitkomma-Arithmetik anzubieten. In Kooperation mit amerikanischen Labors der IBM entstand ein Konzept für ein verteiltes, netzwerk-basiertes System zur Erfassung von Messdaten und zur Steuerung von Prozessen. Einige Projekte, zu denen ich weniger Bezug hatte, habe ich weg gelassen.



Seit 1970 bot Spruth eine Vorlesung an der Universität Karlsruhe über Interaktive Systeme an. Aufbauend auf den Erfahrungen mit SABRE gab die Vorlesung einen umfassenden Einblick in die damals modernen Systeme und deckte in gleichem Maße Hardware- und Software-Aspekte ab. Die Vorlesung erschien in Buchform im SRA-Verlag in Stuttgart im Jahre 1977. Die Serie wurde später vom Oldenbourg-Verlag in München übernommen und fortgeführt. Im Springer-Verlag in Heidelberg erschien im Jahre 1989 das Buch ‚The Design of a Microprocessor‘. Das Buch fasst die gesamte Hardware-Kompetenz des Böblinger Labors wie in einem Schnappschuss zusammen. Es ist der Zeitpunkt des Übergangs von Systemen, deren Prozessoren aus einzelnen Komponenten bestanden zu Systemen, die aus mehreren gekoppelten Prozessoren bestehen, den Mehrkernsystemen. Spruth trat 1993 in den Ruhestand, soweit dies seine IBM-Tätigkeit betraf.

Spruths Liste externer Publikationen ist für einen Praktiker aus der Industrie recht beachtlich. Wie es sich für einen Ingenieur – wie er einer mit Leib und Seele war  ̶  geziemt, hatte Spruth auch ein stolzes Patent-Portfolio. Er war Erfinder bzw. Miterfinder von 32 Erfindungen, die zu 92 erteilten Patenten in unterschiedlichen Ländern führten, und zwar in der Zeit von 1958 bis 2006.

Nach seiner IBM-Zeit ging er wie ich an die Hochschule. Bei mir waren es die Universitäten Rostock und die Technische Universität München, bei ihm die Universitäten Tübingen und Leipzig. Besonders über seine Tätigkeiten und Erfahrungen in Leipzig haben wir uns öfter ausgetauscht. Ihm lag es besonders am Herzen, seinen Studenten auch die Systemkonzepte nahezubringen, die die wirtschaftliche Praxis bestimmten, nämlich Großsysteme. Unter anderem entstand ein Lehrbuch über z/OS und OS/390, die Großrechner-Betriebssysteme der IBM. Genau an Spruths Todestag (19.11.2013) erschien die Leipziger Vorlesung ‚Enterprise Computing‘ als e-Book. Sie ist für jeden Informatiker eine Fundgrube, da sie eine unglaubliche Menge technischen Wissens enthält. Als Anerkennung seines Einsatzes in Leipzig verlieh Ministerpräsident Oettinger im Jahre 2006 Wilhelm Spruth das Bundesverdienstkreuz erster Klasse.

Ich persönlich erinnere mich besonders gerne daran, wie der Kollege Spruth stets das Gespräch mit seinen Arbeitskollegen im ganzen Labor suchte. Es ging dabei um Gott und die Welt, aber auch um die immer wiederkehrende Frage, wie man die Mitarbeiter seines Bereichs, aber auch die des ganzen Labors zu gesteigerten technischen Leistungen anregen könnte. Nach meiner Rückkehr von meinem Sabbatical an der Universität Stuttgart im Jahre 1975 arbeitete ich zwei Jahre lang in seinem Bereich. Ich habe nicht nur die herbstlichen Wanderungen im Schönbuch in sehr angenehmer Erinnerung. Auch danach zeigte er stets Interesse an meinen Projekten und meinem Berufsweg.



Die Familie Spruth führt ihren Stammbaum auf die Besitzer des Sprutenhofs in Mosebeck zurück, einer kleinen Gemeinde zwischen den westfälischen Städten Detmold und Lemgo. Dieser Hof ist seit dem 13. Jahrhundert nachgewiesen. Spruths Vater und  ̶  nebenbei bemerkt  ̶  auch sein Schwiegervater waren Siegener bzw. Gelsenkirchner Bergbauassessoren. Er hinterlässt seine Frau Angela, die sich als Gemeinderätin für den Böblinger Stadtteil Dagersheim engagierte, und sieben erwachsene Kinder. Spruths ältester Sohn Henning hat an der TU München in Elektrotechnik promoviert. Die fachliche Tradition der Familie wird also fortgeführt. Ob sie sich von Westfalen über das Rheinland und Baden-Württemberg weiter nach Süden ausbreitet, ist abzuwarten.

Am 9.1.2014 schrieb Otto Buchegger aus Tübingen: 

Danke, eine schöne Würdigung meines Ex-Chefs! Ich habe ihm in meinem Ewigen Garten auch ein Denkmal gesetzt.

Kommentare:

  1. Ingrid and I recall the Schoenbuch Wanderungen with pleasure as well. He had great walking rhythm ... one had the feeling he could have walked to Warsaw.

    Are you familiar with his SAP adventure? Can you share it? I am not sure whether it is under a confidentiality mandate.

    Calvin Arnason ...

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  2. And could you say something about his assistant in those 1970 years? Who had that remarkable Spruch on his Mercedes.

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    1. Sorry, I do not recollect the stories you are alluding to.

      Sie müssen mir helfen.

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    2. I am not sure of the dates ... but approximately 1984 or 85 Herr Spruth had 3 of us in his office and told the story of his having been approached in the late 70s by the owners of SAP with the proposal that IBM acquire the company. I don't know why they chose Herrn Spruth for this approach. He was convinced that the idea would be good for IBM and he did all he could to move it forward. It was ultimately rejected because somewhere in IBM a similar product was being considered.

      Herr Spruth had an assistant who appeared to me to stand very close to him professionally and personally - but I have forgotten his name. He was very nuechtern and spoke little to others at least when I was present ... and he had a Spruch on the back window of his yellow Mercedes that said "JESUS CHRISTUS - Die einzige Hoffnung fuer Dich." This was so bizarre - surely gewagt, because I didn't see religion being openly discussed then. He seemed like he would have been a great asset in the Kaiserreich. And I mean that as a compliment. Who was he? You MUST have seen his car !!

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    3. Thanks, Calvin,

      Beide Geschichten sind neu für mich. Ich war nur 27 Jahre im Labor, davon zwei Jahre an der Uni Stuttgart.

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