Samstag, 29. November 2014

Noch einmal: Informatik in der Schule

In mehreren früheren Beiträgen hatte ich mich mit der Rolle der Informatik in allgemeinbildenden Schulen befasst. Im Juni 2013 hatte ich absichtlich die durchaus provokative Überschrift Weg mit der Informatik aus den Schulen! gewählt. Fast gewinne ich den Eindruck, dass ich für meine Befassung mit diesem Thema bestraft werde. Zumindest lässt es mich nicht los. 

Informatikunterricht in der Praxis 

Am 26.11.2014 informierte ich einige Kollegen über die Reaktion meines 17-jährigen Enkels auf die Pressemitteilung der GI bezüglich der Anfängerzahlen in Informatik. Hier seine Mail: 

Ich weiß nicht wie zuträglich es für die Studierendenzahlen ist, wenn Informatik schon früh in der Schule unterrichtet wird. Es ist auf jeden Fall wichtig, aber schreckt im Moment noch mehr ab als es anzieht. Solche Erfahrungen habe ich jedenfalls bei mir im 4-stündigen Informatik-Kurs gemacht. Die Hälfte von uns meidet die Informatik inzwischen wie den Teufel und alle, die bis dato in Erwägung zogen das Fach zu studieren, sind von dem Zug abgesprungen. 'Informatikunterricht ja, aber nicht so wie das zurzeit läuft.' So aus dem Munde eines Klägers, für den Nullen und Einsen die Manifestierung aller negativen Gefühle und sämtlichen Missmuts geworden sind.

Da mein Enkel befürchtete, dass er in meinem Bekanntenkreis bald einen schlechten Ruf haben würde, schickte er am nächsten Tag eine ausführliche Klarstellung hinterher:

Bevor ich missverstanden werde, würde ich meinen Standpunkt gerne noch mal klarstellen. Meine erste spontane Nachricht wirkt vermutlich zu voreingenommen und mehr nach einer Hasspredigt, weshalb ich die Thematik hier gerne noch mal ausführlich besprechen würde. 

Ich will den Informatikunterricht an der Schule nicht völlig verurteilen. Unser Lehrer gibt sich Mühe, ist nahezu übereifrig. Hierbei ergibt sich das Problem, dass er die Anforderungen, die mit gestellten Aufgaben einhergehen, nicht einschätzen kann. In seinen Augen ist das einfach und eine geringer Zeitaufwand. Ich selbst bin aber schon tagelange vor Aufgaben gesessen, ohne auf eine Idee zur Umsetzung zu kommen, und musste Google und meine Familie zu Rate ziehen. Bei aktuellen Aufgaben (im Bereich technische Informatik) stößt teilweise schon mein Vater an seine Grenzen und nur zusammen mit seinen Kollegen kann man dann die Aufgabe stemmen. Für mich bleibt dann nur die Frage, wie das ein normal sterblicher schaffen soll. 

Wenn man auf die Idee kommt, ist die Umsetzung kein großer Zeitaufwand. Aber die Zeit für die Ideenfindung berechnet der Lehrer nicht ein. Entsprechend umfangreich sind die Hausaufgaben. Daraus resultiert die Tatsache, dass ich in Informatik 4-5 mal mehr Hausaufgaben machen muss als in ALL meinen anderen Schulfächern zusammen. Kein anderer Schulkurs hat eine derartige Belastung. Wir alle leiden darunter und kaum einer würde das Fach weiterempfehlen. Für ein 4-stündiges Fach ist der Aufwand zu groß und steht in keiner Relation zu alternativen Kursen. 

Bei mir dreht sich eben nicht alles um Nullen und Einsen. Ich muss auch Gedichte interpretieren, Vokabeln pauken und Strukturformeln verschiedener Stoffe klassifizieren. Und dann würde ich gerne das spärliche Zeitintervall, über dass sich meine freie Zeit erstreckt, auch mal für meine Interessen in Anspruch nehmen. Dass ich in naher Zukunft bereits erste Abiturprüfungen schreibe, brauche ich gar nicht erst zu erwähnen. 

In meinem Kurs gibt es auch große Klassenunterschiede in den Fähigkeiten. Für manche ist Informatik ein Hobby, für manche das Leben und für andere EIN Interessengebiet. Letztere kommen in meinem Kurs zu kurz. Auf die Schwachen wird erschreckend wenig Rücksicht genommen. Drei Leute mussten letztes Jahr wegen Informatik wiederholen. Ein weiterer aus meinem Kurs hat freiwillig wiederholt, um die Möglichkeit zu haben ein anderes Kernfach zu wählen, da sein Schnitt sonst zu schlecht ausgefallen wäre. 

Ich sehe meine Wahl, Informatik 4-stündig zu nehmen, auch als meinen größten Fehler in der Oberstufe, vermutlich in der ganzen Schulzeit. Die zukunftsweisende, von Dir oft gepriesene Informatik entpuppte sich für mich als zeitfressender Moloch, der mir den Glauben, meine Zukunft in Richtung Informatik zu orientieren, genommen hat. Oft genug wurde mir der Eindruck vermittelt, nicht gut genug zu sein, in Gruppenarbeiten der Klotz am Bein, während es anderen leicht fällt sich schnell in Schaltungen reinzudenken und wie Gatter kombiniert werden müssen. Um den gewünschten Effekt zu erreichen, brauche ich dafür meine Zeit. Mir wurde nie die Gelegenheit gegeben, Informatiker-Denken zu erlernen. Der Lehrer peitscht uns im Vollgalopp durch sämtliche Themen, die die Informatik zu bieten hat. Ich bekomme eine Doppelstunde Zeit, AVL Bäume zu verstehen. Eine weitere Gelegenheit wird mir nicht gegeben.  

Innerhalb der nächsten 3 Wochen gesellen sich 6 weitere Sortier- und Suchverfahren dazu. Sobald die Zugpferde des Kurses es verstehen, geht es weiter. Ich habe bereits versucht mit meinem Lehrer darüber zu sprechen, sah mich aber mit Unverständnis konfrontiert und bin lediglich auf taube Ohren gestoßen. In 4 Wochen Kryptographie von C wie Caesarcode bis V wie Vignerquadrat. Enigma etc etc. Zwei Wochen Induktiver Beweis, boolesche Ausdrücke und Überdeckungsoptimierung, etwas Mathematik lastigeres, endlich wieder etwas das ich kann. Nach 5 Wochen (mit Ferien dazwischen) muss man die technische Informatik verstanden haben, eigenständig Hardware-Stacks, RAMs und Carry Ripple Addierer bauen. Wie das geht, wird nicht erklärt. Man muss selber darauf kommen, usw. 

Und ich bin nicht der einzige, der leidet. Keiner verbindet das Fach mehr mit positiven Gefühlen. Das wirkt sich auch auf die Studienwahl aus. Von den ursprünglichen 80%, die das Fach studieren wollten, sind inzwischen nur noch 15-20% übrig geblieben. Konkret wollen aus einem Kurs mit 22 Schülern nur noch 4-5 ihre Zukunft der Informatik widmen. Das sind aber gerade die, die sich bereits als Zugpferde etabliert haben und in ihrer Freizeit nichts anderes machen. Sie wären also sowieso Informatiker geworden. Neue Zöglinge erschließt sich die Informatikwelt also durch das Angebot solcher Kurse nicht. Aber das ist nur der Informatikunterricht wie ich ihn erlebt habe. Ich, ein Kläger, für den Nullen und Einsen die Manifestierung aller negativen Gefühle und sämtlichen Missmuts geworden sind.


Um was geht es hier?


Mein Enkel hat mich lediglich auf eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis aufmerksam machen wollen. Der Präsident der GI warb für mehr Informatik-Unterricht an Gymnasien und andern allgemeinbildenden Schulen. Ich war so leichtfertig, diese Presseverlautbarung an einen Gymnasiasten weiterzuleiten. Dieser reagierte, indem er auf seine aktuellen Erfahrungen hinwies. Nur zwei Dinge fallen dabei ins Gewicht: (1) die unverhältnismäßig hohe Belastung; (2) der demotivierende Effekt.

Da dies nicht irgendwo in Deutschland geschah, sondern in einer süddeutschen Universitätsstadt mit Informatik-Angebot, gab mir das zu denken. Ob die Zahlen, die genannt wurden, statistisch relevant und genau belegbar sind, muss mein Enkel mir gegenüber nicht beweisen. Noch erwarte ich von ihm einen Kreuzzug an seiner Schule für eine Änderung. In einem Telefonat bemerkte er, dass sein Lehrer sich über das Fehlen eines maßgeblichen Lehrbuchs (mit Übungen) beklagt habe. Er hätte den Stoff selbst auswählen müssen, also improvisiert.  

Meines Erachtens liegt hier der wahre Skandal. Wieso ist es möglich, dass junge Menschen immer wieder zu Versuchszwecken missbraucht werden? Wenn schon Experimente im Unterricht vorgenommen werden, warum werden sie nicht besser in die Gesamtsituation der Schüler eingebettet und sorgfältig verfolgt und analysiert? Als persönliche Konsequenz habe ich meinem Enkel empfohlen:  

(1) Konzentriere Dich auf das Erreichen einer guten Abi-Note. Die ist sehr wichtig für die Bewerbung an Hochschulen. 

(2) Treffe Deine Wahl der Studienrichtung nicht nur aufgrund Deiner bisherigen Erfahrungen. Die schlechten Erfahrungen mit Informatik sollten Dich nicht dazu verleiten, einen Bogen zu machen um alle Ingenieurfächer. Das wäre eine Katastrophe.  

Zusätzliche Gedanken 

Ich will nicht zu sehr von diesem familiären Ereignis ablenken. Dennoch möchte ich ein paar weitere Gedanken hinzufügen. Die im oben erwähnten Beitrag beschriebene Idee zwischen Allgemeinbildung (engl. digital literacy) und Fachausbildung oder Nutzer- und Entwicklerkompetenz zu unterscheiden, ist offensichtlich in deutschen Schulen noch nicht angekommen. Wie sollte sie auch! Diejenigen, die Lehrer ausbilden, hängen anscheinend immer noch der Illusion an, dass die ganze Informatik zur Allgemeinbildung gehört. Das können eigentlich nur diejenigen glauben, deren Wissenstand bezüglich Informatik auf dem Stand von 1960 stehen geblieben ist. 

Natürlich ist Informatik keine (reine) Computerwissenschaft (engl. computer science), so wie Astronomie keine Teleskop-Wissenschaft ist. Es gehört mehr dazu. Auch kann die Informatik andere Fächer bereichern und modernisieren. Wenn von Informatiker-Denken (wie oben) die Rede ist, ist vermutlich das informatische Denken gemeint, wie es Jeanette Wing versteht. In dem Blog-Eintrag Informatisches Denken als Teil der Allgemeinbildung, ebenfalls vom Juni 2013, wurden einige Hinweise dazu gegeben. 

Es ist keine Schande, sondern durchaus von Vorteil, wenn man sein Hobby zum Beruf macht. Es gibt zwar den Gemeinplatz ‚ Wer sein Hobby zum Beruf macht, braucht sein Leben lang nicht zu arbeiten.‘ Es wäre ein großer Fehler, wenn jemand daraus den Schluss zieht, dass er auch nichts mehr zu lernen braucht. Als junger Mensch sollte man sich darum bemühen, sein Wissen und Können auf eine solide und breite Basis zu stellen. Wenn einem ein Informatiker sagt, dazu reiche ein Mathematik-Studium vollkommen aus, dann frage man ihn, wieso er sich denn Informatiker nennt. Leider gibt es unter Lehrern und Hochschulprofessoren für Informatik immer noch einige, die keinen Bezug zur Praxis des Faches und zur Lebenswelt generell haben. Wer diese Beziehung besitzt und ausstrahlt, für den ist es ein Leichtes, junge Menschen (wie meinen Enkel) von der Sinnhaftigkeit und dem Nutzen der Informatik zu überzeugen, ja zu begeistern. Wo kein Funke glüht, kann kein Feuer erweckt werden. 

Menschen wie Tim Berners-Lee, Larry Ellison, Dietmar Hopp, Bill Gates, Steve Jobs, Heinz Nixdorf, Hasso Plattner, Mark Zuckerberg und Konrad Zuse wären meines Erachtens von der Informatik, wie sie heute an deutschen Schulen und Universitäten gelehrt wird, abgeschreckt worden. Ohne kreative und unternehmerische Persönlichkeiten wie diese würde es allerdings heute Informatik nicht geben. Wen wundert es noch, dass diese Art von Informatikern unter den 50.000 oder so von deutschen Hochschulen mit einem Diplom versehenen Absolventen kaum anzutreffen sind? Vielleicht sollte mein Enkel seinem Gymnasiallehrer dankbar sein, dass er ihn vor diesem Studium rechtzeitig gewarnt hat.

Kommentare:

  1. Heute schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

    „Exit, Voice, Loyalty“. Der im Dezember 2012 verstorbene Albert O. Hirschman sprach bei defekten Organisationen von drei Ausgängen, die er Exit (Austritt oder Flucht), Voice (im Widerspruch seine Stimme erheben) und Loyalty (man verbleibt) nannte. Im Falle von Exit hilft gutes Zureden auch nicht mehr, was ich am eigenen Leibe vor 60 Jahren als Bergbau-beflissener des Bergamtes Moers erfahren habe. Ich wollte nach dem Abitur Bergbau studie-ren und unter Tage lernen. Stattdessen gab es nur stumpfsinnige Maloche für wenig Geld, was zum Entsetzen meines Vaters bei mir zum Exit führte. Es sind also nicht nur defekte Lehr/Lernorganisationen wie bei Ihrem Enkel, die das berühmte „I quit“ zur Folge haben; auch miserable Arbeitsorganisationen haben eine ähnliche Wirkung. Sogar zu einem Massenabfluss (Exit) kommt es bei maroden Staatsorganisationen (siehe z.B. die DDR, Hirschmans Lieblingsthema). Anders ist die Sachlage beim „Voice“. Hier ist noch etwas zu retten, wenn man einen blabla-freien Dialog hin zu den verstehbaren Grundlagen pflegt. Problemlos sind die „Loyals“, das sind im Informatik-Unterricht die Freaks, die an allem Spaß haben, was auch immer mit dem Rechner zu tun hat.

    Am interessantesten sind die „Voices“, weil die Fragen stellen, und dann erst, wenn man diese nicht befriedigend beantwortet, zum Exit übergehen. In diese Kategorie fällt Ihr Enkel, was deutlich zu spüren ist. Voice mit anschließendem Exit, das kann aber auch in anderen Ingenieurfächern passieren. Ich denke an die Technische Mechanik im Maschinenbau und an die abstrakte Nachrichtentechnik, die viele Studenten alleine lassen und die „Voices“ nicht hören. Die Exits geschehen massenweise und werden statistisch erfasst. Die Fehler in der Lehre sind, dass man die scheinbar langweiligen Grundlagen, die sich langsam verfestigen müssen, sehr schnell verlässt, um in lehreradäquate Höhen zu steigen. Man liebt das Sprin-gen, um schnell im Stoff voran zu kommen. Empathie-freie Lehrer, die über verstehbare Grundlagen hinwegrasen, nur um schnell zum „rekursiven Programm“ zu gelangen, sind ein Hauptübel.

    Wahrscheinlich finden wir die Beantwortung der Frage nach den Defekten, wenn wir uns mit der Frage beschäftigen „Who is teaching the teachers?“. Da über das Lehren gelehrt wie über das Sprechen im Sinne einer Grammatik gesprochen werden kann, ist das eine unbeliebte Metafrage, und somit nicht jedermanns Sache (z.B. in der GI).

    NB: Hartmut Wedekind hatte Albert O. Hirschman am 20.12.2012 einen Nachruf in diesem Blog gewidmet (http://bertalsblog.blogspot.de/2012/12/in-memoriam-des-soziologen-albert.html).

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  2. Heute schrieb Wolfgang Lehner, normalerweise in Dresden, zurzeit in Seoul:

    Das Problem ist meiner Meinung nach vielschichtig. Da gibt es auf der einen Seite die Lehrer, die ständig mit Technik-Kids konfrontiert sind und ständig versuchen müssen hier noch Schritt zu halten, ohne als „Grufti“ zu gelten. Natürlich ist es Quatsch, in der Schule vom AVL-Baum zum Addierer in 4 Wochen zu gehen, aber nur bunte Web-Seiten zu gestalten, kann es auch nicht sein. Auf der anderen Seite steht aber ein Selbstdefinitionsproblem der Informatik. Was ist der Kern? Wie kann man Informatikkonzepte grundsätzlich, ohne auf die vielen Ausprägungen wie AVL-Baum oder Addierer im Einzelnen einzugehen, vermitteln – das ist verdammt schwer und das schafft man in einer Schule nicht.

    Also – weg mit dem Informatik-Unterricht per se in der Schule, sondern als querschneidendes Fach begreifen, angefangen im Deutschunterricht (was schon immer meine Meinung war) über die Mathematik über Sozialwissenschaften (Datenschutz etc.) bis hin zum Kunstunterricht – und dann auch in die Geschichte – warum sollte man einen einfachen Addierer, wie er in einem Zuse Z1 verbaut wurde, nicht einmal im Geschichtsunterricht bauen?

    Viele Grüße aus einem StarBucks in Seoul – ich fühle mich hier nun wirklich wie ein Grufti – nur iPhoneKids um mich herum, aber es macht Spaß!

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