Montag, 12. Januar 2015

Erich Neuhold über Informatikforschung in Deutschland, Österreich und den USA

Erich Neuhold (Jahrgang 1940) ist emeritierter Informatikprofessor der Technischen Universität Darmstadt und Honorarprofessor der Universität Wien. Von 1986 bis 2005 war er Leiter des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Publikations- und Informationssysteme (IPSI) in Darmstadt. Von 1972 bis 1983 war er Professor an der Universität Stuttgart und von 1984 bis 1986 an der Technischen Universität Wien. Er war in Forschung und Management-Positionen bei IBM in Europa und den USA tätig. Er war 1983-1984 Direktor eines der Hewlett Packard (HP) Research Labs in Palo Alto und er ist seit vielen Jahren Berater der NSF in den USA, der DFG und der Europäischen Kommission. 

Seine Fachgebiete umfassen verteilte Datenbanken außerhalb und innerhalb des Internets (z.B. unstrukturierte, halbstrukturierte und strukturierte Daten), Informationsgewinnung und Retrieval, Web-Services und Geschäftsprozesse. Er und sein Team haben sich intensiv mit der Anwendung auf komplexe Systeme wie digitale Bibliotheken, Kulturerbe, E-Science, E-Commerce und E-Government befasst. Neuhold hat 10 Bücher und etwa 200 Fachartikel veröffentlicht. Er ist ein Fellow der IEEE und der Gesellschaft für Informatik (GI). Neuhold erhielt den Titel eines Dipl. Ing. in Elektrotechnik im Jahr 1963 und eines Dr. Techn. in Informatik im Jahr 1967, beide von der Technischen Universität Wien.  


 Bertal Dresen (BD): An Ihrer Berufslaufbahn fällt auf, dass Sie in drei Ländern, zwei Firmen und an drei Universitäten tätig waren. Ein solch breites Erfahrungsspektrum haben nicht viele Kollegen aufzuweisen. Fangen wir in Wien an. Wie muss man sich das Wiener Labor der IBM zwischen 1970 und 1980 vorstellen? Wer trieb an, wer riss mit? Welche Wirkungen halten Sie für am bedeutendsten in Bezug auf die industrielle Anwendung oder die Wissenschaft, für IBM oder außerhalb?  

Erich Neuhold (EN): Während meiner Zeit am IBM Labor Wien war Heinz Zemanek der Leiter und die treibende Kraft. Er hat das Labor aufgebaut und ihm seine wissenschaftliche Ausrichtung gegeben. Auf dem Gebiet formaler semantischer Beschreibungen hat das Labor mit den Sprachen VDL (Vienna Definition Language) und VDM (Vienna Development Method) und der formalen Beschreibung von Programmiersprachen weltweite Anerkennung erhalten.  

BD: Ich habe in diesem Blog meine Erinnerungen an Heinz Zemanek wiedergegeben. Sie betrafen vor allem seine Zeit in Böblingen und die Jahre danach. Wie haben Sie Zemanek erlebt? Worin sehen Sie Zemaneks hervorstechendste Leistung? 

EN: Wie bereits gesagt, war Heinz Zemanek für mich die Seele des Labors. Seine Ideen, seine wissenschaftlichen Ziele haben es letztlich ermöglicht, dass das Labor Weltruhm erlangen konnte. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die 'große' IBM darüber gar nicht so begeistert war. Zemanek hat immer wieder junge Wissenschaftler ans Labor geholt und ihnen eine ausgezeichnete Forschungsumgebung geboten. Für eine Reihe von ihnen, darunter auch mir, hat er damit den Weg in eine wissenschaftliche Karriere geebnet. Vor seiner IBM-Zeit hatten Zemanek und sein Team mit dem Mailüfterl den ersten volltransistorisierten Rechner Europas geschaffen. 

BD: Nach Ihrer (ersten) Wiener Zeit gingen Sie zu IBM Research in Yorktown Heights, NY. Sie arbeiteten dort intensiv mit George Radin zusammen. Das muss während des 801-Projekts gewesen sein? Wie erlebten Sie damals die IBM? Was möchten Sie zu George Radin über meine Würdigung hinausgehend sagen? Welche Erinnerungen haben Sie an Marc Ausländer, John Cocke, Marty Hopkins und andere Kollegen von Research? 

EN: Alle von Ihnen genannten Personen waren ausgezeichnete Wissenschaftler, die auch menschlich hohe Anerkennung verdienten. George Radin als der Manager hatte sicherlich einen wichtigen Anteil an dieser ausgezeichneten Arbeitsumgebung und der extrem hohen Motivation der Gruppe. Die große Zahl von IBM Fellows, die daraus hervor ging, legt natürlich auch ein Zeugnis dafür dar. John Cocke war der Senior der Gruppe und hat auch wesentliche Ideen, wie den Ansatz der RISC-Architektur geliefert, die dann mit der 801 das erste Mal weltweit [als Prototyp] realisiert wurde. Joel Birnbaum als IBM Research Direktor in Yorktown Heights hat durch seinen flexiblen Management-Stil diese Entwicklung sicherlich auch unterstützt. 

BD: Im Jahre 1972 nahmen Sie den Ruf an die Universität Stuttgart an. Was bewog Sie dazu einer deutschen Universität den Vorzug zu geben, etwa im Vergleich zu einer Karriere in der industriellen Forschung?  Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?  

EN: Ich habe zwischen Universitäten, der Industrie und der Großforschung mehrmals hin und her gewechselt und habe dies nie bereut. Die Welten sind sehr verschieden, aber jede hat ihre Reize und ihre Herausforderungen. Universität und Großforschung erlauben eine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit mit jungen Menschen und erlaubt es, diese zum Erfolg zu führen. Die Industrie wie auch manche Teile der Großforschung sind auf Projekte mit Marktfähigkeit ausgerichtet, je nach Situation mit mehr oder weniger Einfluss von Produktion, Marketing und Vertrieb. Das war ein ganz anderer interessanter Anreiz für mich.  

BD: Wie sehen Sie Ihre Zeit in Stuttgart in der Retroperspektive? Ich erinnere mich an Ihre Vorlesung über formale Semantik. Ich sah darin eine Weiterentwicklung Ihrer Wiener Arbeiten. Setzten wir damals zu viel Hoffnung auf formale Verifikationsmethoden? Ist Tony Hoare ein einsamer Kämpfer geblieben? Ist das Thema ‚Semantisches Web‘ die zukunftsweisende Anwendung formaler Methoden, auf die wir hoffen können? 

EN: Formale Beschreibungsverfahren und formale Beweise waren mein eigentlicher Startpunkt in die Computer-Wissenschaften, aber eigentlich habe ich damals nie über die möglichen industriellen Anwendungen nachgedacht. Teilaspekte dieser Methoden haben sich später als sehr nützlich erwiesen, wie auch die Karrieren weltweit bekannter Forscher zeigen. Aber wirklich komplexe Systeme konnten mit solchen Methoden weder beschrieben noch verifiziert werden. Im Internet und mit dem Semantischen Web ist dies auch nicht gelungen.                                                                                                          

BD: Was Ihr Arbeitsgebiet bei HP war, ist mir entfallen. Ich weiß nur, dass Joel Birnbaum, der früher bei IBM war, dort die Idee der RISC-Architekturen populär machte. Welche Spuren haben Sie bei HP hinterlassen? 

EN: Bei HP war ich Direktor eines Forschungslabors in Palo Alto, das sich mit Betriebssystemen, Datenbanksystemen und Kommunikationssoftware beschäftigt hat. Ich war zu der Zeit bei den HP-Labs unter der Führung von Joel Birnbaum (der von IBM hierher kam), als die HP RISC-Architektur realisiert wurde. Mein Labor war an der für diese neuen Systeme benötigten Software konzeptuell beteiligt und hat auch die Datenbankstrategie von HP wesentlich mit beeinflusst. 

BD: Ihre längste Zeit – fast 20 Jahre – waren Sie in Darmstadt. Sie leiteten dort das Institut für Integrierte Publikations- und Informationssysteme (IPSI), zuerst als Institut der GMD, später unter dem Dach der Fraunhofer-Gesellschaft. Ich fand viele Projekte des IPSI äußerst interessant und erinnere mich noch an sehr eindrucksvolle Demos. Wie sehen Sie heute die Wirkung des IPSI auf Wissenschaft und Wirtschaft? 

EN: Beim IPSI der GMD war die Orientierung auf (eventuell-) anwendungsorientierte Forschung ausgerichtet, während die Fraunhofer-Gesellschaft sich mehr der Auftragsforschung widmet. Da in Deutschland wenig primäre IT-Firmen existieren, z.B. SAP, Software AG, sind diese Aufträge sehr häufig mehr Consulting und Experimente als Forschung. Forschungsförderung, wie vom BMBF oder der EU sind in der Fraunhofer-Gesellschaft nicht besonders hoch geschätzt. Im wissenschaftlichen Bereich hatte das IPSI Weltrang erreicht und wurde international immer wieder erwähnt. Wir hatten auch bereits während der GMD-Zeit eine Reihe erfolgreicher Firmengründungen durchgeführt. 

BD: Das Gebiet der Publikationsdienste ist im Web bekanntlich enorm gewachsen. Im Jahre 1998 schrieben Sie in der Festschrift [1] anlässlich des 10-jährigen Bestehens von IPSI: ‚Ten years from now, we all should be able to design our individualized digital professional and personal lives, find our own effective way to select, interpret and produce data, information and knowledge.‘ Wieweit ist das eine Hoffnung geblieben oder haben wir uns dieser Vision angenähert? Oder sind Sie der Meinung von Jaron Lanier, dass das Internet sein Potenzial nicht erreichte, da es mit PDF-Dateien regelrecht vollgestopft, ja abgewürgt wurde. Zudem ließen sich die Nutzer von ‚Sirenen-Servern‘ betören. Haben nicht Firmen wie Google und Facebook alles, was überhaupt sinnvoll ist, längst ausprobiert? 

EN: Wie jeder weiß, hat sich meine Prognose weitgehend erfüllt. Das Internet, mit Fest- und Mobilnetz ist aus dem heutigen Leben, auch in Entwicklungsländern, nicht mehr wegzudenken. E-Commerce, E-Government, Enter- und Infotainment sind wesentliche Teile unseres täglichen Handelns geworden. Was ich allerdings nicht vorhergesehen habe, ist der Umfang der Spionage, die in das persönliche Leben und das der Firmen ständig eindringt und immer tiefere Analysen ohne echte Beachtung existierender Gesetze und sogar Verfassungen erlaubt. Ob dies Firmen wie Google, Facebook, Apple  ̶  als die am weitesten bekannten Beispiele  ̶  oder Regierungsstellen sind wie NSA, BND oder Mossad  ̶   um nur einige zu nennen  ̶  alle verhalten sich gleich und begründen es mit kommerziellem Interesse, Wissensdrang oder Sicherheit. Leider sind aus der Geschichte diese Entwicklungen bekannt, die immer am Ende zur Überwachung, der Einschränkung der Meinungsfreiheit und damit zu polizeistaatlichem Verhalten führten. Metternich, Stalin, Hitler und Ulbricht hätten es heute viel leichter.   

BD: Im Jahre 2001 ging das IPSI mit den übrigen Instituten der GMD zur Fraunhofer-Gesellschaft über. Im Jahresrückblick 2003 [2] hoben Sie hervor, dass die stärkere Betonung der Auftragsforschung für Sie und Ihre Mitarbeiter eine Herausforderung darstelle. Wie bewerten Sie heute die Umorientierung des Instituts? Kam es zu Ausgründungen oder zu marktgängigen Produkten oder Diensten? 

EN: Für die Umstellung in die Fraunhofer-Welt blieb mir nicht mehr genügend Zeit vor meinem Ruhestand im Jahre 2005. Aber wie auch andere GMD-Institute gezeigt haben, war und ist diese Umstellung nicht leicht. War die Auflösung der GMD überhaupt notwendig und vernünftig? Ich und viele internationale Persönlichkeiten glauben es nicht. War es Politik? 

BD: Sie sind alsbald zehn Jahre emeritiert. Wie hat sich das privat und fachlich ausgewirkt? Wie ich weiß, leben Ihre Frau und Sie sowohl in Wien wie im Schwabenland. Wenn ich nochmals an Zemanek erinnere, so gab es für ihn keinen Ort auf der Welt, der an Wien herankam. War er ein Sonderfall? 

EN: Wir haben in den USA (New York State und Kalifornien) wie auch in Hessen, dem Schwabenland und Wien (wo ich aufgewachsen bin) gelebt und uns überall sehr wohl gefühlt und viele Freunde gefunden, mit denen wir bis heute noch engen Kontakt halten. Mit unserem jetzigen Aufenthalt in Böblingen (und teilweise in Wien) haben wir in Deutschland wesentlich länger gelebt als in einem der andren Länder und es nie bereut. Das Schwabenland liegt uns natürlich, und nicht nur wegen drei unserer fünf Enkelkinder, besonders am Herzen. 

BD: Lieber Herr Neuhold, haben Sie vielen Dank für dieses Interview. Es erinnert an die vielen Stationen Ihres Berufsweges. Wenn es mir auch nicht gelang, Sie zu provokanten technischen Aussagen zu verleiten, dafür sind Sie umso deutlicher in Bezug auf gesellschaftliche Auswirkungen und Forschungspolitik. 

Zusätzliche Referenzen: 
 
  1. Frankhauser, P., Ockenfeld, M.: Integrated Publication and Information Systems. 10 Years of Research and Development. Darmstadt 1998
  2. Fraunhofer-Institut für Integrierte Publikations- und Informationssysteme (IPSI): Leistungen und Ergebnisse. Jahresbericht 2003

1 Kommentar:

  1. Soeben schrieb Otto Buchegger aus Tübingen:

    Sehr interessant und für mich mit vielen Erinnerungen verbunden!

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