Montag, 23. Februar 2015

Griechische Tragödie – dritter Akt

Die klassische griechische Tragödie hatte ihre Blütezeit in der Zeit zwischen 490 und 406 vor Chr. Ihr Aufbau folgte dem Grundschema: Prolog, Episoden und Exodos. Dazwischen gab es Chorlieder. Inhaltlich behandelte sie (laut Wikipedia):

… die schicksalhafte Verstrickung des Protagonisten, der in eine so ausweglose Lage geraten ist, dass er durch jedwedes Handeln nur schuldig werden kann. Die herannahende, sich immer deutlicher abzeichnende Katastrophe lässt sich trotz großer Anstrengungen der handelnden Personen nicht mehr abwenden. … Das Schicksal oder die Götter bringen den Akteur in eine unauflösliche Situation, den für die griechische Tragödie typischen Konflikt, welcher den inneren und äußeren Zusammenbruch einer Person zur Folge hat. Es gibt keinen Weg, nicht schuldig zu werden …

Das obige Schema drängt sich auch auf, wenn man die derzeitige Tragödie betrachtet, die sich in Griechenland abspielt. Der Prolog bestand in der Einführung des Euro im Jahre 2001, also vor nunmehr 14 Jahren. Im Mai 2012 stellte ich in diesem Blog die Frage: ‚Ist Griechenland ein gescheiterter Staat?‘. Das war während der letzten großen Griechenland-Krise. Jetzt ist das Thema erneut brandaktuell. Zur Erinnerung: Die Einführung des Euros löste in Südeuropa einen Boom aus. Die Länder mit früheren Weichwährungen erhielten plötzlich Kredite zu den Bedingungen eines Hartwährungslandes. Während in Spanien die billigen Darlehen dazu verwandt wurden, Flugplätze und Autobahnen zu bauen, finanzierte Griechenland damit seinen Haushalt. Man erhöhte die Anzahl und das Einkommen der Beamten und staatlichen Angestellten. Es konnte ein hohes Sozialniveau erreicht werden, ohne Steuern zu erhöhen oder ihr Eintreiben zu verbessern. Die Staatsschulden (über 300 Mrd. Euro) entsprachen alsbald etwa 170 % des Bruttosozialprodukts (BSP).

Als Griechenland keine weiteren privaten Geldgeber mehr überzeugen konnte, mussten EZB, EU und IWF einspringen. Sie gaben neues Geld nur mit Auflagen, die von einer Kommission (Troika genannt) überwacht wurden. Diese Maßnahmen trafen vor allem die sozialschwachen Teile der Bevölkerung. Es wurden Staatsbedienstete entlassen, Sozialleistungen abgebaut und Staatsvermögen privatisiert. Das wurde als politische Ausbeutung empfunden. Mehrere Regierungen verstrickten sich und versuchten Lösungen. Das Wahlvolk wurde ihrer überdrüssig und wählte eine Regierung, der der Exodus zuzutrauen war. 

Die radikale Linkspartei SYRIZA und ihr Führer Alexis Tsipras versprachen dem griechischen Volke, alle Verpflichtungen, die Griechenland seinen Geldgebern gegenüber hätte, neu zu verhandeln. Daraufhin wurde sie gewählt. Als nach der gewonnenen Wahl Tsipras und sein Finanzminister Varoufakis durch Europa tourten, um den Geldgebern Griechenlands zu verkünden, warum sie gewählt worden seien, fielen diese ihnen nicht um den Hals. Sie erklärten ihnen vielmehr, dass auch sie von Wählern abhängig seien. Viele von ihnen haben nämlich auch radikale Parteien in ihren Ländern, so Frankreich, die Niederlande und Spanien. Das sind aber meist keine Trotzkisten und Leninisten wie in Griechenland, sondern europa-feindliche Parteien. Sogar Deutschland kann mit einer solchen Partei drohen, der AfD. Würde diese Partei die nächste Wahl gewinnen, wäre der ‚Grexit‘ das einzulösende Wahlversprechen.

Im Gegensatz zur Griechenland-Krise vor drei Jahren hat sich die Situation wesentlich verändert. Alle privaten Gläubiger Griechenlands, die ja beim letzten Schuldenschnitt die Dummen waren, haben sich inzwischen abgesetzt. Jetzt sind es nur noch die Steuerzahler aus den 19 Ländern der Eurozone, die haften müssen. Auch nehmen Leute wie Wolfgang Schäuble das Wort ‚Grexit‘, die Abkürzung für den Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion, heute viel leichter in den Mund. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass die Zinsen für Staatsschulden in Irland und Portugal nicht mehr von den griechischen Turbulenzen in Mitleidenschaft gezogen werden. Das wandernde Kapital hat griechische Konten ebenfalls längst verlassen. Wenn der Verteidigungsminister Kammenos, ein Rechtspopulist, den Plan B verrät, erschrickt das auch niemanden. Er drohte damit, dass Griechenland sich an Putins Russland wenden würde, sollte Deutschland hart bleiben.

Bereits am Faschingsdienstag, dem 17.2., hatte ich einen ersten Austausch zum Thema Griechenland mit Hartmut Wedekind, den ich kurz einfügen möchte.

Hartmut Wedekind (HW): Nach Konfuzius  sind wir jetzt  in Sachen Griechenland beim Bittersten angekommen, weil das (hochökonomische) Denken und das (ökonomische ) Nachmachen versagt haben. „Durch Erfahrung klug zu werden“, ist hochgradig unökonomisch, weil der vergebliche Mittelaufwand groß ist. Denken sollte beim Menschen immer die absolute Priorität haben. Konfuzius: „Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu handeln: Erstens durch nachdenken, das ist der edelste, zweitens durch nachahmen, das ist der leichteste, und drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.“

Bertal Dresen (BD): Was die griechischen 'Revolutionäre' betreiben, würde ich als Realitätsverweigerung bezeichnen. Es darf nicht sein, was nicht sein soll. Ich frage mich, ob die Drohung mit Putin nur Taktik ist.

HW: Meine Frau sagte, die "Revolutionäre" gehen ganz bewusst und für sie rational den Weg : "Raus aus dem Euro", was das Volk nicht will. Es wird dem Volk aber auf diese Weise, d.h. durch den Trick über unbeugsame Verhandlungen mit "Troika" als Hasssymbol in Brüssel beigebracht.  Wir werden sehen: Die Drachmen, die dann als Parallelwährung eingeführt werden, müssten eigentlich schon gedruckt sein, und man kann dann Anfang März zur unerlässlichen Ausgabe schreiten (mit einer gewaltigen Inflation als Folge, aber das kennen die Menschen ja). "Besser schlechtes Geld als gar keines" ist deren Devise. Spöttisch sagt man: "Der Unterschied liegt in der Differenz", eine beachtliche Weisheit, die Karnevalisten zusteht.

BD: Die Meinung Ihrer Frau hat etwas für sich. Inflation ist ein Weg, um die reichen Griechen zu enteignen. Das Bargeld verlässt ja auch schon das Land. Der Grundbesitz muss natürlich noch verstaatlicht werden. Wenn die Yachten Piräus verlassen und nach Kusadasi verlegt werden, ist das nicht weiter schlimm.

Auch nach den Karnevalstagen gingen die Verhandlungen auf der Ebene der 19 Finanzminister weiter. So verwiesen die Slowaken und Litauer darauf, dass ihre Bürger kaum bereit seien für Griechenland Opfer zu bringen, wo doch ihr BSP unter dem Griechenlands läge. Spieltheoretiker Varoufakis verlor alsbald sein Verhandlungsmandat, da er Zusagen, die er gegeben hatte, widerrufen musste, sobald er zuhause angekommen war. Als Konsequenz davon telefonierte Jeroen Dijsselbloem, der Chef der Eurozone, fortan direkt mit Alexis Tsipras, wenn er etwas von den Griechen wollte. Inzwischen haben die Griechen akzeptiert, dass sie gewisse Versprechungen machen müssen. Auch die Wähler in Europa müssen ernst genommen werden, nicht nur die in Griechenland. Ob die Versprechungen auch gehalten werden, ja gehalten werden müssen, das steht auf einem andern Blatt. Ob dieses Blatt ein konkretes ist, darf bezweifelt werden.

Heute, am 23.2., berichtet BILD, dass sie herausbekommen habe, was die Griechen versprechen wollen. „Wehe, wenn sie wieder tricksen!“. Noch ist das Finale der Tragödie nicht erreicht.

Kommentare:

  1. => BD: I liked the manner that this problem was positioned in your essay.

    I have had a long Facebook exchange with a Greek consulting colleague [second generation Canadian/American]. Many of his Greek friends have joined in the discussion. Typical, often contradictory assertions I hear are
    1. Europe is a family that is ostracizing a family member who has come on hard times.
    2. The Greek debt is all that stands between Greek Ruin and Greek Prosperity, and it is the bankers who brought this onto the Greek people - tricking them into joining the EU..
    3. Many other countries have been able to walk away from their debt without being ostracized.
    4. The Big Bad Germans [often with more jarring adjectives]
    5. If only Siemens and BMV would build factories in Athens, ... we just want JOBS ...
    6. "Austerity doesn't work" ... including cutting pension excess, driving tax collection, requiring efficiency in government operations.
    7. Let's go to Moscow and raise a glass of Vodka with Putin - that will give the Germans something to think about.
    8. It is not Europe that is holding us back, it is Germany.
    9. This is all a plot to take possession of Greece at fire sale prices.

    These are Greek Americans who are able to look at the situation from outside the box. Mich gruselt's bei dem Gedanken, wie die Griechen im Griechenland darueber denken.

    I believe that the Grexit is a step forward.

    In the United States of America, the financial liability of each individual STATE is NOT carried by the UNITED STATES, but by that state alone. Michigan could go bankrupt. So could Detroit. It appears to me that the EU strove for a closer economic union that was present in America.


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    1. Danke, Herr Arnason.

      Ich muss ein Wort übersetzen: to ostracise somebody = jdn. ächten

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  2. Yannis Varoufakis, das ist der wortgewaltige griechische Finzminister. Im Interview mit der Satire-Zeitschrift ‚Charlie Hebdo‘ warnte er die Eurogruppe davor, die progressive Regierung Griechenlands zu sehr unter Druck zu setzen. Die Wähler würden dann zu den Nationalisten überlaufen. Außerdem sei bei der griechischen Kirche und den Reedern kaum Geld zu holen. Die Kirche habe zwar viel Vermögen aber nur ein geringes Einkommen. Die Reeder seien sehr mobil. Im Falle einer hohen Versteuerung würden sie sehr schnell das Land verlassen..

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