Montag, 23. März 2015

Noch einmal: Was das Internet sein könnte und sein sollte?

Im August 2013 hatte ich mich mit der Frage befasst, was das Internet ist und was es einmal sein wird. Nur am Rande behandelte ich die Frage, die für viele Beobachter und Kommentatoren die zentrale Frage zu sein scheint, nämlich: Was das Internet sein könnte oder sein sollte. Aus meinem letzten Beitrag wiederhole ich einige der Kernsätze.

Das Internet ist die nützlichste Errungenschaft der praktischen Informatik für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft. …Zu hoffen, dass die durch das Internet verursachte Entwicklung aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen ist, ist eine Illusion. … Da es keinen Fortschritt ohne Kosten gibt, keine Gewinner ohne Verlierer, darf man die Kehrseiten des Internet nicht aus dem Auge verlieren. Aus ihnen entstehen Gefahren und Ängste. … Alt-Hippies, die glauben, dass man das Internet auf seine akademischen Anfangsjahre zurückdrehen kann, … verwechseln gerne Utopie und Realität. Sie zu bekehren lohnt sich nicht.

Bei dem letzten Satz dachte ich damals unter anderem an Jaron Lanier, der im Oktober 2014 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt. Soeben las ich Andrew Keens im Jahre 2015 erschienenes Buch Das digitale Debakel. Der Untertitel lautet: Warum das Internet gescheitert ist – und wir es retten können. Hier wird das Scheitern des Internets bereits zur historischen Tatsache erklärt. Keens Buch vertieft die von Lanier vertretene Kritik des Internets.

Keen wurde 1960 in London in die Familie eines aus Polen stammenden Tuchhändlers geboren. Ein Onkel leitete die Kommunistische Partei Englands. Er hatte in London einen Bachelor in Geschichte erworben, ehe er über Sarajewo nach Berkeley ging. Dort erwarb er einen Master in Politikwissenschaft. Er arbeitete zuerst für die Musikindustrie, ehe er sich als Medienunternehmer selbständig machte. Er ist aktiver Blogger und hatte eine Fernsehserie beim BBC. Im Folgenden werde ich einige derjenigen Thesen seines Buches herausgreifen und besprechen, über die nach meiner Ansicht ernsthaft nachgedacht werden sollte.

Missachtung intellektueller und künstlerischer Leistungen

Es ist ein Vorwurf, bei dem der Musiker Lanier und der Musikagent Keen sich sofort einig sind, dass nämlich die Macher des Internets keinerlei Respekt für die Leistungen von Intellektuellen und Künstlern zeigten. Es war der Student Shawn Fanning und seine Kommilitonen, die 1999 mit der Erfindung von Napster den Austausch von MP3-Dateien erleichterten. Als Folge davon kam es zu massenhaften Raubkopien und der Zerstörung des Musikgeschäfts. In den USA sank die Zahl professioneller Musiker zwischen 2002 bis 2012 von 50.000 auf 30.000, also um 45%. Steve Jobs versuchte mittels iTunes die Branche zu retten. Er stoppte zwar den Trend nach unten, aber auf sehr niedrigem Niveau.

Obwohl dem Spuk des ‚File Sharing‘ in den USA durch erfolgreiche juristische Aktionen der Rechtebesitzer weitgehend der Stachel genommen wurde, wichen viele der zum kriminellen Bereich zählenden Akteure ins Ausland aus. Dem deutschen Kim Dotcom wurde erst im fernen Neuseeland sein Geschäft unterbunden. Die Filmbranche leidet auch heute noch unter Raubkopien einer Firma aus Buenos Aires. Kevin Kelly, den Herausgeber des Online-Magazin Wired, der einst die ‚Share Economy‘ als der Weisheit letzten Schluss hochjubelte, bezeichnet Keen als meschugge. Dem kann ich nur beipflichten.

Zwischen Haifischbecken und Ozean der Banalitäten

Im Internet herrsche der Pöbel. Das Niveau der Kommunikation würde sich den Bedürfnissen eines Massenmediums anpassen. Negative Nachrichten würden sich leichter verbreiten als gute, Ärger schneller als Freude. Jeder kenne das Problem der Shitstorms. Der Grund sei, dass es keine Türsteher- oder Vermittlerfunktion mehr gebe. Verbrechen wie Diebstahl  und Kinderpornografie hätten ein leichtes Spiel. Das Übergreifen von Werbung und Spam würde zur Landplage. Kleine Gauer tobten sich aus, aber auch die organisierte Kriminalität. Hier wird unterschwellig suggeriert, dass dies alles bei klassischen Medien wie Papier und Vinyl kein Problem gewesen sei. Wer wollte, der konnte sich auch in der Vergangenheit sehr leicht vom Gegenteil überzeugen. Aber wer spricht noch darüber, denn jetzt ist alles viel schlimmer. Es wird jetzt zum Exzess betrieben, von deutlich mehr Leuten mit größerer Wirkung.

Monetarisierung führte zur Monopolisierung des Internets

Nach seiner Entstehung im Militärischen verbreitete sich das Internet bekanntlich anschließend im akademischen Bereich aus. Das von Tim Berners-Lee erfundene WWW diente sogar primär der öffentlichen Forschung. Der Sündenfall kam mit Jim Clark und Marc Andreessen, die mit Netscape anfingen, eine Kommerzialisierung des Internets zu betreiben. Es blieb nicht aus, dass immer mehr Leute versuchten mittels des Internets Geld zu verdienen, es zu monetarisieren. Das Internet habe dadurch seinen Anstand und seine Seele verloren. Viele der Investoren blieben bereits im Dotcom Crash um die Jahrtausendwende auf der Strecke.

Einige Unternehmen überlebten den Crash, indem sie sich zu Monopolisten entwickelten. Die bekanntesten Beispiele sind Amazon und Google. Sie hätten sich das Internet unter den Nagel gerissen. Sie vollzogen eine Wende um 180 Grad und machten alles zu Geld, was dafür in Frage kam: Wissen, Unterhaltung, ja Freundschaften. Jeff Bezos meinte, dass das Internet unter einer ‚narrativen Verzerrung‘ leide, indem es eine heile Welt verspräche, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Mit der Firma Amazon strebte er ein Wachsen um jeden Preis an. Gewinne waren für ihn sekundär. Amazon ist heute in der Lage, mit 10 Mitarbeitern den gleichen Umsatz zu erzielen, für den andere Unternehmen der Branche 50 Mitarbeiter benötigen. Dass Bezos dafür von den Mitbewerbern nicht geliebt wird, liegt auf der Hand.

Außerdem betreibe Amazon heute eine Vergewaltigung der Kreativen. Seine Marktmacht erlaubt es, von Verlegern einen höheren Rabatt zu verlangen, als andere Buchhändler dies tun. Google hat das für Zeitungen und Fernsehen so lukrative Werbegeschäft an sich gezogen. Sergey Brin und Larry Page, die beiden Gründer von Google, haben ihre Erfindung des Page Ranking dazu benutzt, um alle andern Suchmaschinen technisch zu deklassieren. Facebook, das als letzter zum Monopolisten aufstieg, verdient sein Geld, indem es die Tatsache ausnutzt, dass Menschen gerne Freundschaften pflegen. Das sind Feststellungen, die völlig zutreffend sind. Noch ist Geldverdienen nicht verboten. Wer das Internet glaubt davon ausnehmen zu müssen, ist selbst schuld.

Zerstörungskraft von Innovationen

Sowohl Amazon wie Google waren sich der Tatsache voll bewusst, dass sie das Geschäftsmodell anderer Unternehmen untergruben, ja zerstörten. Eine zerstörerische Innovation, vor allem wenn sie aus dem Silicon Valley stammt, fragt nicht, ob und wie man sie kontrollieren kann. Sie wird einfach gemacht. Als Folge davon können ein paar Bastler eine ganze Branche zerstören. Google hatte einfach Glück: Nicht nur, dass der Page-Rank-Algorithmus umso effizienter arbeitete, je größer das Internet wurde. Auch das Auktionsmodell für Anzeigen erwies sich als Volltreffer. Heute versuchen Airbnb und Uber jeweils eine ganze Branche anzugreifen, und zwar ohne um Erlaubnis zu fragen. (Airbnb die Hotelbranche, Uber die Taxibranche). Wie zu Zeiten von Napster trifft man sich wieder vor Gericht.

‚Software frisst die Welt auf‘ dieser Ausspruch von Marc Andreessen wird als Menetekel immer wieder zitiert. Gemeint sei: Einer schreibt ein Programm, und alle andern werden arbeitslos oder machen eine Arbeit umsonst, für die bisher bezahlt wurde. Dass es so sein könnte oder sein sollte, lässt sich nicht bestreiten. Nur wer glaubt, das es bereits so ist, ist ziemlich naiv. Generell können natürlich immer mehr Routinearbeiten automatisiert werden. Der Mensch kann und muss sich auf variable und kreative Tätigkeiten konzentrieren. Das erfordert nicht nur ein allmähliches Umdenken, sondern auch eine langfristige Umstellung.

Vom Kult des Scheiterns und dem gesellschaftlichen Widerstand

Die Kehrseite dessen, dass man hohe Risiken eingeht, ist die Gefahr des Scheiterns. Keen amüsiert sich darüber, dass das Scheitern von einige Leuten als die beste aller Erfahrungen herausgestellt wird. Ein Beispiel sei Travis Kalanick, der gerade  mit Uber von sich reden macht. Der Erfolg einiger Firmen des Silicon Valley errege bereits den Missmut der Bürger San Franciscos. So sondere sich Google ab, indem man Mitarbeiter, die in San Francisco leben, mit abgedunkelten Privatbussen transportiere. Der wirtschaftliche Libertarismus führe zu den Erscheinungsformen einer Feudalgesellschaft. Das Beruhigende ist, dass die amerikanische Gesellschaft in dieser Hinsicht erstaunlich wandlungsfähig ist. Die Favoriten von heute werden in 30 Jahren vergessen sein.

Metcalfes Gesetz ist wichtiger als Moores Gesetz

Das Metcalfe'sche Gesetz  besagt, dass der Nutzen eines Kommunikationssystems  mit der Anzahl der möglichen Verbindungen zwischen den Teilnehmern wächst,  ̶  und zwar etwa dem Quadrat der Teilnehmerzahl  ̶  während die Kosten nur proportional zur Teilnehmerzahl selbst wachsen. Es wurde 1980 von Bob Metcalfe in seiner Dissertation formuliert und blieb lange Zeit im Schatten des älteren Mooreschen Gesetzes. Während Moores Gesetz gerade seine Grenzen erfährt, tritt Metcalfes Gesetz immer häufiger in Erscheinung. Es ist der Grund, warum im Internet fast überall Potenzgesetze herrschen, warum Amazon, Google und Facebook sich wie ein Waldbrand ausbreiteten, ja warum der dezentrale Kapitalismus, den das Internet ermöglicht, zum allgegenwärtiger Kapitalismus mutiert.

Die Welt ist heute hypervernetzt, sagte Thomas Friedman von der New York Times. Die Dimension dieses Netzes wird sich sogar noch einmal ausweiten, wenn das Internet der Dinge Wirklichkeit wird. Sogar eine Einbeziehung lebender Tiere ist nicht ausgeschlossen. Unsere Vorstellungskraft reicht einfach kaum aus.

Von der Pareto-Verteilung zur Ein-Prozent-Ökonomie

Jeder Ökonom ist mit dem von Vilfredo Pareto um 1896 formulierten Prinzip vertraut, das besagt, dass 20% der Bürger eines Landes 80% des Vermögens besitzen. Keen sieht in der heutigen Welt eine Ein-Prozent-Ökonomie am Werk. Für ein Prozent der Gesellschaft stehe 99 % der Wirtschaftskraft zur Verfügung. Andere Autoren verwenden den Ausdruck: Der Gewinner erhält Alles (engl. the winner takes it all). Derjenige, der eine Geschäftschance als Erster erschließt, erzielt den vollen Erfolg. Es gibt keine Zweitsieger, die später einsteigen. Was übrig bleibt, ist ein so genannter Langer Schwanz. Die Folge davon ist, dass Unternehmen mittlerer Größe es schwer haben zu überleben. Dasselbe gilt für Künstler, die nicht Weltspitze sind. Am Beipiel von iTunes drückt sich das Prinzip so aus: 94% aller angebotenen Musik- oder Filmaufzeichnungen wurden weniger als 100 mal verkauft, 32% sogar  nur einmal. Die Gefahr, dass Spitzenleistungen die durchschnittlichen Leistungen verdrängen, sieht Keen auch in der akademischen Lehre. Das mit MOOCs verbundene Potential deutet genau in diese Richtung.

Wenn Facebook 19 Mrd. US $ für ein Unternehmen bestehend aus 55 Mitarbeitern zahlt,  ̶  wie im Falle von WhatsApp geschehen  ̶  dann sind dies 345 Mio. $ pro Mitarbeiter. Es liegt hier kein Fall von Hypermeriokratie vor, also von enorm hocheingeschätzten Mitarbeitern. Es sind die Daten, die von dieser Anwendung erfasst werden, die den Unternehmenswert ausmachen. Ähnlich liegen die Dinge bei Google im Hinblick auf Youtube und Google+.

Gefahr der Überwachung durch Wirtschaft und Staat

Wie groß die Gefahr der Überwachung geworden ist, hat Edward Snowden uns allen bewusst gemacht. Dass es in diesem Falle ausgerechnet der Staat ist, vor dem gewarnt werden muss, ist für viele Menschen schwer zu verkraften. Auf die Industrie oder das organisierte Verbrechen zu schimpfen, würde manchen Leuten  leichter fallen. Für Keen ist dies lediglich ein weiteres Indiz dafür, wie gefährlich das Internet ist.

Keens Antwort auf die sich ergebenden Fragen

Noch ist keine einheitliche Antwort zu erkennen. Sie muss und wird sich aber entwickeln. Dass die EU Google zwingt europäische Gesetze einzuhalten, ist ein Anfang. Gut ist auch, dass Amazon gezwungen wird, Gewerkschaften in seinen Betrieben zuzulassen, oder dass die Kunden von Uber und Airbnb der Steuerhinterziehung angeklagt werden. Die neuen Akteure im Markt versuchen manchmal Schlupflöcher zu nutzen, die älteren Akteuren längst verschlossen sind. 

Auch lohnt es sich, über die globale Versteuerung von Unternehmen oder Unternehmern nachzudenken, die sonst versucht sind, einzelne Länder gegeneinander auszuspielen. Es entstehen immer wieder neue Machtkonstellationen oder sie verschieben sich laufend. Der Grundsatz muss jedoch gewahrt bleiben, dass die demokratisch gewählten Regierungen die Möglichkeit haben, wirtschaftliche Mächte zu kontrollieren. Schließlich dürfen wir nicht nur daran denken, was für die Konsumenten gut ist, also für die Kunden der neuen Unternehmen, sondern für alle Bürger aller Länder. Dem kann ich ohne Abstriche zustimmen. Schön wäre es, man könnte etwas Konkreteres sagen.

Kommentare:

  1. Die von der Bertelsmann-Stiftung kostenlos verteilte Zeitschrift 'change' bringt im Heft 1/2015 einen Beitrag von Steffan Heuer mit dem Titel 'Fluch oder Segen? Oder beides?'. Darin behandelt er die Auswirkungen der Digitalisierung der Weltwirtschaft. Zu Wort kommen Andrew Keen, Jaron Lanier, Nicholas Carr, Tim O'Reilly, Viktor Mayer-Schönberger und Eric Schmidt. Außer O'Reilly kamen alle genannten Autoren auch in diesem Blog vor. Andrew Keen hat es soeben erst geschafft.

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  2. Soeben schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    Der Soziologe Harald Welzer hat sich mit dem Thema „Totalitarismus“ aus historischer Perspektive auseinandergesetzt und sieht Im 21. Jahrhundert ein neues Szenario: „Es droht ein Totalitarismus ohne Uniform“. Er beruht auf der Existenz von Technologien, die das Denken und Verhalten von Bevölkerungen durchdringen und totalitäre Macht denjenigen ermöglicht, die die Kontrolle über diese Technologien besitzen und ausüben. Es droht die Gefahr, dass sich individuelle Denk- und Verhaltensweisen an irreführenden Kriterien orientieren, die demokratisch orientierten Entscheidungsprozessen nicht entsprechen.

    Welzer ist sich bewusst, dass er irreführende oder gar „irrsinnige“ Denk- und Verhaltensweisen bei Anderen kaum beeinflussen kann. Zumal, wenn es sich um Denkweisen handelt, die von „Eliten“ vertreten werden, die bereits erhebliche ökonomische Macht gewonnen haben. Welzer glaubt nicht, dass Steve Jobs oder Eric Schmidt oder Mark Zuckerberg zu Beginn ihrer Unternehmungen dieses Machtpotential gesehen haben. Es ist wohl so, dass kommerzielle Macht zum Gebrauch führt. Institutionelle Macht verleitet und führt jedoch früher oder später zu Missbrauch.

    Die derzeitigen Diskussion ums Internet erhält eine neue Richtung, wenn das Thema „Autonomie“ hervorgehoben wird. Wie weit sind Individuen und gesellschaftliche Institutionen in der Lage (und willens), autonome Denk- und Verhaltensweisen zu vertreten und durchzusetzen?

    Harald Welzer wird sehr deutlich in einem Interview (Spiegel 8/2015): „Wer, zur Hölle, will denn wie im Kinderwagen [Googles selbstfahrendes Auto] herumgefahren werden? Das Auto ist doch das Symbol für individuelle Freiheit......Das ist doch [geistiger] Müll.“

    Vertreter der Kulturwissenschaften vertreten oft die Ansicht, dass Literatur, Kunst und wohl auch Religion gesellschaftliche Verhältnisse prägen. Diese kulturellen Bereiche prägen aber nur insoweit gesellschaftliche Verhaltensweisen, als sie weniger kognitive als viel mehr emotionale Präferenzen gewisser Bevölkerungsgruppen repräsentieren.

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