Mittwoch, 24. Juni 2015

Andreas Reuter über ein Informatikerleben zwischen Bad Hersfeld, San Jose, Stuttgart und Heidelberg

Andreas Reuter ist Lehrstuhlinhaber für „Verteilte Systeme“ an der Universität Heidelberg, Geschäftsführer des Heidelberger Instituts für Theoretische Studien (HITS gGmbH), Vorstand der HITS-Stiftung sowie Wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer der EML European Media Laboratory GmbH. Reuter hat Informatik an der TH (heute TU) Darmstadt studiert und wurde dort 1981 mit einer grundlegenden Arbeit aus dem Datenbankbereich zum Dr.-Ing. promoviert. Er folgte dann seinem akademischen Lehrer Theo Härder an die Universität Kaiserslautern und war dort bis 1983 als Hochschulassistent tätig. Dann ging er für ein Jahr ans IBM San Jose Research Lab (heute IBM Almaden Research Center) nach San Jose, Kalifornien.

Nach Rückkehr nahm er einen Ruf auf den Datenbanklehrstuhl an der Universität Stuttgart an und gründete dort später auch das Institut für Parallele und Verteilte Höchstleistungsrechner (IPVR). Im Jahre 1997 verließ Reuter die Universität Stuttgart und war einer der beiden Gründer der International University (I.U.) in Germany GmbH in Bruchsal, wo er auch mehrere Jahre Vizepräsident war; 1998  wurde er zudem Wissenschaftlicher Direktor der EML GmbH. Im Jahr 2004 verließ er die I.U. Bruchsal. 2006 übernahm er einen Stiftungslehrstuhl für „Verlässliche Systeme“ an der TU Kaiserslautern an. Im Jahr 2011 wechselte er nach Heidelberg. Dort ist auch seine Tätigkeit am HITS angesiedelt.



Klaus Küspert (KK): Andreas, du hast schon früh erste Berührungen zur Informatik gehabt, Stichwort Zuse KG. Und früh ja in mehrerer Hinsicht: zu Zeiten, als es den Informatikstudiengang noch gar nicht oder gerade erst gab und auch früh vom Lebensalter her. Könntest du das bitte für die Leser im Blog etwas darlegen und auch kommentieren, wie weit es deinen weiteren Lebensweg und die Berufsentscheidung wesentlich mit geprägt hat?

Andreas Reuter (AR): Wie so oft sind die Eltern schuld. Mein Vater trat 1964 eine Stelle als Programmierer bei der Fa. Zuse KG in Bad Hersfeld an. Mich interessierte schon damals alles, was elektrisch funktioniert, also habe ich mich begeistert auf diese neuartigen Computer gestürzt. Hätte es diesen Berufswechsel meines Vaters nicht gegeben, wäre ich wahrscheinlich Amateurfunker geworden und hätte Elektrotechnik studiert. Bei Zuse kam ich mit allen möglichen Maschinen in Berührung: Z23, Z25, Z31 – und mit dem elektromechanischen Zeichentisch Z64. Für eine dieser Maschinen, die Z25, gab es sogar einen Algol-Compiler; der Rest war Maschinensprache. Ich habe meine letzten drei Schuljahre zu guten Teilen bei Zuse verbracht, ohne Vertrag. Nachdem ich meine gänzliche Harmlosigkeit unter Beweis gestellt hatte, konnte ich öfter auch den Maschinenraum in der freien dritten Schicht (22h bis 6h) allein für mich nutzen. Da habe ich u.a. ein Programm zur Stundenplanerstellung für meine Schule geschrieben (die waren so begeistert davon, dass mir das mündliche Abitur erlassen wurde) sowie – mein größter Erfolg – ein Musikprogramm für den Lochstreifenleser, das u.a. „Yellow Submarine“ und die Internationale spielen konnte. Das war extrem populär bei den Mitarbeitern, allerdings nicht bei den Wartungstechnikern.

Zum Schluss, 1968,  konnte ich noch ein bisschen an der Entwicklung der Z43 mitarbeiten. Die sollte tatsächlich ein Betriebssystem haben, einen Plattenspeicher und noch andere aufregende Dinge, aber daraus wurde ja dann wegen der wirtschaftlichen Probleme der Fa. Zuse nichts mehr. Nebenher habe ich meinen eigenen 6-Bit-Rechner gebaut, mit selbstgefädeltem Kernspeicher und mit Fernschreiber zur Ein- und Ausgabe. Reste davon verwende ich heute als Deko-Artikel fürs Büro. Auf jeden Fall war für mich völlig klar, dass ich etwas mit Datenverarbeitung („Informatik“ sagte damals kein Mensch) machen wollte, auch wenn es ein entsprechendes Studium noch nirgends gab.

KK: Um noch kurz bei früh zu bleiben: Du bist damals nicht unmittelbar nach der Schule ins Studium eingestiegen, sondern hattest nach meiner Erinnerung und Berichten substantiell Praxisjahre zunächst. Wie hatte es sich ergeben bzw. auch wieder, wie bedeutend (und wahrscheinlich auch hilfreich) war’s für die weitere Entwicklung?

AR: Ich bin direkt nach dem Abitur als Werkstudent zu IBM gegangen, ohne (jedenfalls anfangs) tatsächlich Student zu sein. Dort habe ich viele Maschinentypen kennengelernt, alle möglichen Ausprägungen der System/360-Serie, aber auch einige längst vergessene (1130, 1800). Ich habe diverse Assembler, Programmiersprachen, Reportgeneratoren und sonst noch einiges nicht nur kennen gelernt, sondern in Kundenprojekten ganz konkret eingesetzt. Auf diese Weise bin ich recht schnell in die Karriere eines freiberuflichen Programmierers gerutscht, die ich etwa 10 Jahre lang erfolgreich ausgefüllt habe. Ich habe das nie bereut, im Gegenteil: Viele Kollegen haben Jim Gray’s Diktum „First write the code, then write the paper“ immer vage amüsiert zur Kenntnis genommen; ich konnte mir ohne weiteres vorstellen, was er meinte.

Studiert habe ich während dieser Zeit auch nebenbei – aber schon so nebenbei, dass meine Leistungen eigentlich mit keiner Prüfungsordnung in Einklang zu bringen waren. Zum Glück waren diese Ordnungen damals für Informatik noch nicht so starr ausformuliert wie heute. Aber ich bin dem Kollegen Wedekind noch heute zu großem Dank verpflichtet, dass er einen akademischen „oddball“ wie mich überhaupt zur Diplomprüfung zugelassen hat. Und Theo Härder hatte die Verwegenheit, einen mit einer so buntscheckigen Vita als Doktoranden anzunehmen; ich kann nur hoffen, dass er das nicht unter seinen Jugendsünden abgeheftet hat.

KK: Gehen wir mit einem gewissen zeitlichen Sprung auf die San-Jose-Zeit als Post-Doc ein, wieder Praxis bzw. Forschung für die Praxis. Das System R Projekt war ja damals erst recht kurze Zeit vorbei und die unmittelbaren Nachfolgeprojekte bzw. aufbauenden Projekte liefen, in einem solchen warst du tätig. Kannst du bitte die Highlights daraus kurz ansprechen, gerne fachlich und nicht fachlich? Es war ja damals noch die Zeit, als nicht „alle“ (oder sehr viele) deutschen Nachwuchsdatenbankwissenschaftler nach San Jose pilgerten, aber durchaus schon einige (inkl. Theo Härder einige Jahre davor).

AR: Ich habe in einem Projekt namens AMOEBA mitgearbeitet. Davon hat niemand je was gehört, denn wegen der großen Nähe zur Entwicklungsabteilung gab es keine Veröffentlichungen. Es hatte auch nichts mit System R zu tun; im Kern ging es um eine Parallelrechnerarchitektur nach dem „shared disk“-Prinzip. Meine Aufgabe bestand darin, Performance-Modelle zu entwickeln und auszuwerten. Ich bin dabei mit den IMS-Entwicklern in Kontakt gekommen und auch mit einigen großen Anwendern wie der Bank of America. Die waren bereit, auf einigen ihrer Produktionssysteme Traces mitlaufen zu lassen, mit denen ich dann Performance-Simulationen – hypothetischer – Mehrprozessor-Konfigurationen von IMS durchführen konnte – eine wirklich hochinteressante Sache, aber eben nichts für die Publikationsliste. Viel wichtiger als all das war aber die Tatsache, dass ich in dieser Zeit die Zusammenarbeit mit Jim Gray, der damals schon bei Tandem Computers war, vertiefen konnte, woraus sich dann eine lebenslange Freundschaft entwickelt hat.

KK: Kurze Zeit nach San Jose erfolgte ja schon der Wechsel auf den Stuttgarter Datenbanklehrstuhl und ein paar Jahre darauf dort die IPVR-Gründung. Der Institutsname Institut für Parallele und Verteilte Höchstleistungsrechner ist ja über viele Jahre so erhalten geblieben. Was war der Auslöser für jene Namensgebung und natürlich damit verbunden auch inhaltliche Ausrichtung? Wenn ich mich recht entsinne, war es ja noch etwa die große Zeit der Tandem-Rechner und andere bedeutender Rechnerhersteller, die dann so nicht mehr erhalten geblieben sind (etwa durch Übernahmen usw.).

AR: Das war zumindest zum Teil die logische Fortsetzung meiner Arbeiten aus San Jose. Ich wollte weiter am Thema „Parallelität“ (mit Schwerpunkt auf Datenbank-Architekturen) arbeiten. Stuttgart war damals ein Zentrum des High-Performance Computing (ist es immer noch), aber Ende der 1980er Jahre dominierten in dem Bereich noch die Vektor-Architekturen, und die Stuttgarter Kollegen huldigten ganz unverblümt dem Motto „Parallelität ist die Methode der Zukunft und wird es immer sein“. Ich fand dagegen die lose gekoppelten (shared nothing)-Systeme interessanter, vor allem in Hinblick auf die Skalierbarkeit, und musste daher sehen, wie ich eine passende Arbeitsumgebung aufbauen konnte. Ich hatte damals einige Industrie-Angebote aus den USA, die ich als „Hebel“ einsetzen konnte, um von der Universität und vom Land Baden-Württemberg die Zusage zur Einrichtung des Instituts zu erhalten. Entscheidend war dabei auch, dass Firmen wie Tandem Computers, IBM, DEC und andere bei der Ausstattung des Instituts ganz erhebliche Beiträge leisteten.

Ein Nebeneffekt des Ganzen war das Bestreben, die Informatik in Stuttgart als eigenständige Fakultät zu etablieren. Ein Hindernis auf diesem Weg war die Tatsache, dass es bis zu dem Zeitpunkt nur ein Institut für Informatik gab – und eine Fakultät mit nur einem Institut, das ging nicht. Insofern war die Gründung des neuen Instituts ein wichtiger Beitrag zu dieser Agenda. Und was den Namen betrifft: Damit wollte ich mich programmatisch klar von den Vektor-Jüngern absetzen – mit denen wir dann aber, kaum war das Institut gegründet, sehr gut und erfolgreich zusammengearbeitet haben. Angesichts heutiger MPP-Systeme mit Vektorregistern, GPU-Beschleunigern und was sonst noch sind das natürlich alles Debatten aus einem anderen Jahrtausend.

KK: Mitte der 1990er Jahre engagiertest du dich sehr stark auch im privatuniversitären Bereich und dies über recht viele Jahre, waren es fast 10? Wahrscheinlich ließe sich über Gründe/Erfahrungen/.. dazu ein Buch schreiben oder auch zwei. Versuchen wir’s mal kürzer: Was war der oder waren die Auslöser für das Engagement und wie verlief schließlich die Gründungsphase der International University (I.U.) in Bruchsal? Was war das Besondere an der I.U.? Ich kann mich an einen interessanten Kolloquiumsvortrag von dir dazu in Jena aus den späten 1990ern erinnern.

AR: Ich war von 1992 bis 1996 in Stuttgart Prorektor im Rektorat von Prof. Heide Ziegler. In dieser Zeit habe ich viele Dinge gelernt und verstanden, warum das ganze Hochschulsystem so schwerfällig, änderungsresistent und unflexibel war – ich rede in der Vergangenheitsform, denn heute ist das ja vielleicht alles anders. Jedenfalls gab es damals in den Hochschulen, in der Politik, in der Wirtschaft und in der breiten Öffentlichkeit eine große Unzufriedenheit mit dem Status quo und demzufolge eine spürbare Bereitschaft, neue Ansätze auszuprobieren, neue Wege zu suchen.

Frau Ziegler und ich haben auf der Basis unserer Erfahrungen ein Konzept zur Einrichtung einer (kleinen) Privatuniversität vorgelegt, das dann nach einigen Querelen, bei denen auch die alte Animosität zwischen dem schwäbischen und dem badischen Landesteil erstaunliche Blüten trieb, von der Politik akzeptiert wurde. Der damals zuständige Wissenschaftsminister sagte in einem Interview, die I.U. solle der Stachel im Fleische der staatlichen Universitäten sein. Das hat uns in diesen Kreisen keine Freunde beschert, und wir selber haben unseren Versuch auch nie so verstanden. Wir sahen in der I.U. eher so etwas wie die Modellwerkstatt eines Autoherstellers, eine Umgebung zur Erprobung neuer Konzepte im realen Maßstab. Einige der wesentlichen Punkte waren:
  • Erhöhung der Attraktivität eines Studiums in Deutschland für ausländische Studierende; daher Orientierung am angelsächsischen Universitätssystem (Unterricht durchweg in Englisch, wobei alle ausländischen Studierenden Deutschkurse belegen mussten und die Deutschen Kurse in einer Fremdsprache außer Englisch; Bachelor-/Master-Abschlüsse; einheitliches Creditpoint-System usw.)
  •  Kleine Gruppengrößen (ca. 10:1 dort im Betreuungsverhältnis)
  • Wissenschaftliche Ausbildung mit hohem Praxisbezug (obligatorisches Industriepraktikum im Team, obligatorisches Auslandstrimester, hoher Anteil von Projektarbeiten)
  • Trimester-System zur besseren Nutzung der Zeit (39 Unterrichtswochen im Jahr statt 26)
  • Obligatorische Einbindung von „Cultural Studies“ ins Curriculum
  • Beschränkung auf wenige „attraktive“ Fächer, die keine allzu hohen Anfangsinvestitionen erfordern; im Fall der I.U. waren das Wirtschaftswissenschaften und Informatik.
  • Auswahl der Studienanfänger

Wie gesagt, das war 1997. Seither sind etliche dieser Aspekte von (vielen) anderen Universitäten übernommen worden – und das war ja letztlich auch Sinn der Sache. Aus akademischer Sicht waren das Konzept und die Absolventen ausgesprochen erfolgreich. Ein Beispiel: Ein M.Sc. des ersten Jahrgangs ist nach Oxford gegangen um zu promovieren und arbeitet heute im IBM Forschungslabor Yorktown Heights.

KK: Die I.U. hatte gute Jahre und dann nicht mehr so gute Jahre. Ich glaube, es hing auch mit einer wirtschaftlich schwächeren Periode zusammen, als die wirtschaftlichen Unterstützer der I.U. (Unternehmen also) kürzer treten wollten und traten. Was geschah dort näher?

AR: Dazu gäbe es viel zu sagen, aber das müssten vor allem Leute tun, die auch die letzten Phasen der I.U. miterlebt haben. Ich selbst bin 2004 ausgeschieden, nachdem mir klar wurde, dass die Gesellschafter nicht mehr hinter dem Management der Einrichtung standen – und im Prinzip auch nicht mehr hinter dem Konzept. Ich habe das bei meinem Ausscheiden deutlich artikuliert und mich danach nicht mehr weiter darum gekümmert. Ich habe mitbekommen, dass die I.U. von den Gesellschaftern zwei Jahre später an einen Investor verkauft wurde, der – nach allem, was im Nachhinein berichtet wurde – die Einrichtung finanziell systematisch an die Wand gefahren hat.

KK: Letzte Frage hierzu: Wie wären bitte die Lessons Learned im Sinne von Hinweisen für andere solche Privathochschulen?

AR: Ich fürchte, dazu kann ich nicht viel sagen – nicht etwa aus Mangel an Lernfähigkeit, sondern weil die Gründe für das Scheitern von Privatuni-Projekten sehr verschieden sind, und für eine solide Statistik sind die Fallzahlen nicht groß genug. Kritisch sind auf jeden Fall die Träger-Struktur, das Finanzierungsmodell, die Erwartungen der Gesellschafter (das habe ich gerade schon erwähnt) und die Angebotsstruktur der Einrichtung. Wenn diese vier Aspekte nicht zusammen passen, wird das Projekt früher oder später scheitern. Eine private Universität in Deutschland muss ja immer mit der Tatsache leben, dass sie für (relativ) viel Geld etwas anbietet, was es nebenan, bei den staatlichen, vermeintlich umsonst gibt. Die besten Chancen haben auf Dauer diejenigen, die sich auf ein Segment spezialisieren, an dem die staatliche Konkurrenz ganz klar nicht interessiert ist, und das ist nach meinem Eindruck derzeit der Bereich der berufsbegleitenden Studienangebote. Hier kommt es sogar zunehmend zu Joint Ventures zwischen privaten und staatlichen Hochschulen.

KK: Nähern wir uns nun der Gegenwart: Wann und wie kam es zum Engagement bei der Klaus-Tschira-Stiftung und was war das besonders Verlockende daran? Es war ja ein Einstieg in die Wissenschaftliche Leitung des European Media Lab, dessen einer, größerer Teil dann 2010 zum Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS) wurde.

AR: Ich kannte Klaus Tschira seit Mitte der 1990er Jahre aus dem GI-Präsidium, und er war auch der Ansprechpartner im SAP-Vorstand für die Förderung der I.U. durch SAP. Da wir in dieser Zeit relativ häufig Kontakt hatten, wusste ich auch von seinen Plänen, durch die Klaus Tschira Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Media Lab des MIT ein Informatik-Forschungslabor in Heidelberg einzurichten. Das Joint Venture mit dem MIT ging allerdings sehr schnell auseinander, und so fragte er mich, ob ich mir nicht vorstellen könnte, das European Media Lab (der Name war zu dem Zeitpunkt schon festgelegt) aufzubauen. Damals stand die I.U. kurz vor dem Start, aber Klaus Tschira meinte, dass man angesichts der räumlichen Nähe einige Synergien zwischen beiden Einrichtungen realisieren könnte – ein durchaus stichhaltiges Argument. Außerdem hatte ich ein Angebot als Direktor am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken, was man ja nicht leichten Herzens ablehnt.

Letztlich hat den Ausschlag gegeben, dass mich Klaus Tschiras Engagement für eine Forschungsförderung ohne „strings attached“ überzeugt hat, und ich habe mir gesagt, dass die Möglichkeit, ein von einem wissenschaftsbegeisterten Sponsor privat finanziertes, unabhängiges Forschungslabor aufzubauen, zumindest im deutschen Kontext ziemlich einmalig ist und mich deshalb auf das „Abenteuer“ EML eingelassen. Vom EML wurde dann 2003 eine gemeinnützige Gesellschaft namens EML Research abgespalten, die sich ausschließlich auf Grundlagenforschung konzentrieren sollte, und aus dieser wurde dann 2010 durch Umbenennung (nebst einigen anderen Maßnahmen) die HITS gGmbH.

KK: Welche Themen prägen das HITS heute vor allem? Mit welchen davon fühlst du dich besonders verbunden, sofern man unter seinen „Kindern“ Unterschiede machen darf oder möchte?

AR: Das HITS ist – gemäß dem Auftrag des Gründers Klaus Tschira – ein multidisziplinäres Institut auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, der Mathematik und der Informatik. Die derzeit 12 Forschungsgruppen befassen sich  u.a.  mit Molekularbiologie, Astrophysik, Hochleistungsrechnen, Computerlinguistik, Differentialgeometrie, Statistik, maschinellem Lernen – um nur einige zu nennen. Der gemeinsame Kern ist das, was man oft als „computational science“ bezeichnet, d.h. die Nutzung von rechnergestützter Simulation und „data mining“ in vielen verschiedenen Ausprägungen. Und es ist in der Tat erstaunlich, dass Fächer, die so unterschiedlich sind wie Astrophysik und Molekularbiologie, voneinander profitieren können, wenn es um Methoden der Lösung von n-Körper-Problemen (mit hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung) und deren Parallelisierung geht. Ähnliches kann man bezüglich der Suche auf großen Graphen feststellen oder im Hinblick auf Methoden des maschinellen Lernens, der Analyse der Fehlerfortpflanzung bei großen Simulationen usw. Das bedeutet, dass das HITS kein bloßes Sammelsurium heterogener Arbeitsgruppen ist, sondern dass aus der Multidisziplinarität tatsächlich ein interdisziplinärer Mehrwert entsteht. Und das ist es auch, was ich besonders hervorhebenswert finde; Favoriten unter den Arbeitsgruppen habe ich naturgemäß nicht – ich arbeite auch in keiner aktiv mit, sondern bin nur der Administrator des Ganzen.

KK: Letzte Frage, zum Heidelberg Laureate Forum (HLF), dessen Initiator oder Ideengeber du meines Wissens warst. Kannst du bitte auch hier dem Leser des Blog die Intention kurz darlegen und etwas zu den bisherigen Erfahrungen (und Plänen?) sagen.

AR: Es gibt seit über 60 Jahren das jährliche Lindauer Nobelpreisträger-Treffen, bei dem sich Nobelpreisträger für eine Woche mit ausgewählten Nachwuchswissenschaftlern zum zwanglosen Austausch treffen. Da die Klaus Tschira Stiftung (KTS) die Veranstaltung schon seit vielen Jahren als Sponsor unterstützt, konnten wir regelmäßig erleben, wie motivierend und anregend diese Treffen sowohl für die Preisträger als auch für die jungen Leute sind. In vielen Gesprächen darüber haben wir bedauert, dass einige Disziplinen, die für das HITS wichtig sind, nämlich die Mathematik und die Informatik, dort nicht vorkommen. Ich habe Klaus Tschira irgendwann mal vorgeschlagen, etwas nach dem Lindauer Muster für die Turing-Preisträger zu organisieren. Er hat die Idee sofort aufgegriffen und gleich auch noch die angesehensten Mathematik-Preise dazu genommen.

Und dann hat er, ausgehend von der KTS, die Heidelberg Laureate Forum Foundation ins Leben gerufen und eine Organisation auf die Beine gestellt, die jetzt solche Treffen für die Träger der Fields-Medaille, des Abel-Preises, des Nevanlinna-Preises und des A.M. Turing Award in absolut professioneller Weise organisiert. Das erste Forum fand 2013 statt, und die Vorbereitungen für das dritte im August 2015 nähern sich gerade dem Abschluss. Es nehmen jeweils 200 ausgewählte Nachwuchswissenschaftler aus etwa 50 Ländern teil sowie zwischen 25 und 35 der Laureaten. Im Jahr 2015 gibt es erstmals auch eine Art Austausch mit dem Lindauer Treffen: Beim HLF 2015 wird der Chemie-Nobelpreisträger Stefan Hell einen Vortrag halten; im Gegenzug spricht der Turing-Preisträger Vint Cerf in Lindau. Das Feedback der Teilnehmer zu den ersten beiden Treffen war extrem positiv, und wir hoffen natürlich, dass das so weiter geht.

KK: Andreas, herzlichen Dank für das sehr interessante Interview. Wir kennen uns ja seit über 35 Jahren. Der eine von uns ist eben „rein Datenbänkler“ geblieben, der andere hat weit darüber hinaus national und international gewirkt ;-)

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