Donnerstag, 15. Oktober 2015

Google oder Alphabet – welcher Name wird bleiben?

Google - Mythos oder Krake? – so hatte ich im April 2011 meine Vorstellung des Suchmaschinen-Giganten Google in diesem Blog überschrieben. Schon damals stand die Firma stark in der öffentlichen Kritik. Offensichtlich befindet sich Google in einem Aufholrennen, was seinen Ruf in der Öffentlichkeit betrifft, besonders in Europa. Fast könnte man meinen, dass dies der Grund sei, warum die Firma gerade ihren Namen ändert. Dies diene der stärkeren Fokussierung auf neue Geschäftsfelder – so die offizielle Begründung.

Anfang diesen Monats war der Technische Leiter von Google Deutschland, Wieland Holfelder, zusammen mit der saarländischen Ministerpräsidentin in deutschen Medien präsent. Beide verkündeten Googles Einstieg in die größte Forschungseinrichtung des Saarlands, das DFKI. Ebenfalls in diesem Monat erschien ein weiteres Buch über Google, und zwar aus der Hand eines deutschen Autors. Es stammt von dem SPIEGEL-Korrespondenten Thomas Schulz und hat den Titel Was Google wirklich will. Die beiden Ereignisse veranlassen mich dazu, das Thema Google mal wieder aufzugreifen.

DFKI und Google

Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ist auf ähnlichen Gebieten tätig wie Google. Im früheren Blog-Eintrag wurden die Arbeitsgebiete Maschinelle Sprachübersetzung, Semantisches Suchen und Benutzeroberflächen vorgestellt. Die Zusammenarbeit bezog sich bisher auf einzelne Projekte. Jetzt erhielt Google den Rang eines Gesellschafters, neben 16 andern Partnern. Es ist anzunehmen, dass beide Seiten sich Vorteile versprechen. Auf den drei erwähnten Gebieten hat Google nicht nur Forschungs- sondern auch Produkterfahrung. Beide Partner haben auch großes Interesse, sich in neue Felder hineinzubewegen, denen ein großes Potential für die Zukunft beigemessen wird.

Wieland Holfelder hofft, dass die Ergebnisse des DFKI Eingang in Google-Produkte und Services finden. Wolfgang Wahlster, der Geschäftsführer des DFKI, erwartet mit Googles Hilfe Durchbrüche im Bürgerdialog, so dass frühzeitig eine breite Akzeptanz seiner Forschungsergebnisse in der Öffentlichkeit erreicht werden kann. Das DFKI hofft auch auf eine direkte Zusammenarbeit mit der Google-Forschung in den USA. So war z. B. Georg Heigold eine Weile in Saarbrücken, ein Pionier des Deep Learning (siehe unten). Schließlich erhofft sich Google eine bessere Presse, wenn es seine Kompetenz zum Nutzen der deutschen Wissenschaft einsetzt. Eine Anzahl ehemaliger DFKI-Mitarbeiter habe bisher schon eine Daueranstellung bei Google gefunden.

Googles Weg in die Zukunft

Vergleicht man den Umsatz und die Mitarbeiterzahlen mit denen von 2010, so haben sich beide verdoppelt. Durch den Kauf des Telefonherstellers Motorola gab es zwischendurch einen Wachstumssprung, der in der Tabelle nicht gezeigt ist. Im Geschäftsbericht 2014, aus dem die Zahlen stammen, heißt es: Die beiden Firmenkulturen erwiesen sich als unverträglich, so dass man sich wieder getrennt habe.



Das Buch von Schulz konzentriert sich auf die Zeit nach Mai 2011. Damals übernahm Larry Page die Geschäftsführung von Eric Schmidt. Page und sein Partner Sergey Brin hatten auf Anraten ihrer Investoren während der Anfangsjahre sich Schmidts Erfahrung zunutze gemacht. Sie hatten sich – wie es hieß – der Aufsicht Erwachsener (engl. adult supervision) unterstellt. Schmidt wurde anschließend Aufsichtsratsvorsitzender.

Seit Page Regie führt, besteht der Eindruck, dass sich Google wieder stärker bewegt. Es werden ambitioniertere Projekte in Angriff genommen als vorher. Diese werden intern auch Mondschüsse (engl. moonshots) genannt. Zunächst ein paar Bemerkungen zum Kerngeschäft, der Suche (engl. search). Es ist die Milchkuh, die noch eine Weile für den größten Teil des Umsatzes verantwortlich ist. Von 2013 auf 2014 fiel er lediglich vom 91 auf 89%. Während der ursprüngliche Erfolg von Google auf dem genialen Ranking-Konzept beruhte, spielt das wissensbasierte Suchen heute eine immer größere Rolle. Die Grundlage dafür bildet eine Datenbank, ‚Knowledge graph‘ genannt. Sie enthält rund 50 Mrd. Beziehungen zwischen 600 Mio. Objekten. Mit ihrer Hilfe werden Synonyme gefunden sowie Vervollständigungen und Korrekturen durchgeführt. Google erhält heute etwa 100 Mrd. Anfragen pro Monat. Es werden etwa 1000 Verbesserungen pro Jahr angebracht.

Wie in meinem Beitrag über Kartografie ausgeführt, ist Google (Google Maps) zu einem wichtigen Mitspieler geworden, was die kartografische Erfassung der Erde betrifft. Für viele Weltgegenden liefert Google heute die besten oder gar die einzigen Karten. Durch eigene Aufnahmen im Rahmen von Streetview werden vor allem Stadtkarten laufend ergänzt und verfeinert. Als großer Erfolg muss auch die maschinelle Sprachübersetzung (Google Translate) angesehen werden. Der Dienst hat 500 Mio. Nutzer, die eine Mrd. Übersetzungen pro Tag durchführen. Nach dem Vorbild von Verbmobil, einem früheren DFKI-Projekt, übersetzt das Programm in Echtzeit gesprochene französische Eingabe in Russisch. Es fotografiert Texte an einem japanischen Bahnhof und übersetzt sie auf dem Smartphone in Englisch. Wolfgang Wahlster bemerkte in der oben erwähnten Pressekonferenz: „Google Translate arbeitet bereits mit Algorithmen, die in einem DFKI-Projekt entwickelt wurden. Darauf sind wir sehr stolz”.

Zwei Akquisitionen, die Google vor einiger Zeit machte, scheinen sich langsam auszuzahlen. Mittels YouTube werden immer mehr Videos ins Netz gestellt. Auch werden sie zunehmend für Werbezwecke erschlossen. Das kostenlose Betriebssystem Android hat inzwischen nahezu 80% des Handymarkts erobert, da Apple sein Betriebssystem iOS nur auf Apple-Hardware anbietet. Das erinnert an die Situation, in der sich IBM mit OS/2 einst gegenüber Microsoft befand. Die Übernahme der Firma Nest, deren Spezialität die Automatisierung von Hauseinrichtungen (z.B. Thermostaten) ist, gilt vielen Leuten als warnendes Beispiel, welchen Einfluss auf unser Privatleben Google in Zukunft nehmen kann.

Von den Mondschüssen, an denen noch gearbeitet wird, ist wohl das selbstfahrende Auto (Google Car) am bekanntesten. Auf Kaliforniens Straßen haben Robo-Autos bereits einige 100.000 Meilen zurückgelegt. Ihr Ziel ist es, die Zahl von Verkehrstoten zu reduzieren und die Zeit, die Menschen im Verkehr verbringen, für andere Tätigkeiten freizumachen. Da auch die Zahl der Autos insgesamt reduziert werden kann, ist die klassische Autoindustrie inzwischen aufgewacht. Es gibt keinen Tag mehr, wo nicht auch europäische Autohersteller über gleichartige Projekte berichten. Im Grunde hat Google die ganze Industrie herausgefordert. Bosch, Daimler und Siemens planen entweder Kooperationen oder Eigenentwicklungen nicht nur für Autos, sondern auch für Waschmaschinen und Kühlschränke. Das Stichwort heißt Internet der Dinge.

Google hat sich zum Ziel gesetzt, das Internet für fünf Mrd. Erdenbewohner zugänglich zu machen. Hierfür wird mit Ballons experimentiert, die in die Stratosphäre aufsteigen (Projekt Loon) und als Sendestationen für ein Hochgeschwindigkeitsnetz (50 Mbit/s) dienen sollen. Außerdem wird mit Mini-Satelliten, Drohnen und humanoiden Robotern experimentiert. Fliegende Turbinen sollen für die Stromerzeugung eingesetzt werden. Sicherlich werden nicht alle Mondschüsse zum Erfolg führen. So muss man wohl Google Glass, eine in eine Brille eingebaute Kamera, in die lange Reihe der Flops einordnen. Viel Beachtung fand eine Projekt (Google Brain) bei dem versucht wurde, mit Tausenden von Rechnern YouTube-Filme zu verarbeiten, um daraus selbständig zu lernen. Das dabei verwandte Verfahren heißt Deep learning. Dabei werden künstliche neuronale Netze zu Ebenen angeordnet, die immer komplexere Merkmale verwenden, um den Inhalt eines Bilds zu erkennen. So lassen sich große Datenbestände in Kategorien einteilen. Wie Nicola Jones im Spektrum der Wissenschaft berichtete, lernte das System ohne fremde Hilfe drei Kategorien zu unterscheiden, menschliche Körper, Gesichter und Katzen.

Google-Mitarbeiter deutscher oder österreichischer Herkunft

Schulz hatte Gelegenheit während der Recherche für das Buch mit mehreren deutschsprachigen Mitarbeitern in Googles Hauptsitz in Mountain View zu sprechen. Ich liste im Folgenden die Namen mit einem kurzen Kommentar.
  •  Sebastian Thrun: Stammt aus Solingen, hat in Bielefeld in Informatik promoviert. Hat als Professor für KI in Stanford mit seiner Gruppe den DARPA Grand Challenge gewonnen; wurde dann bei Google mit der Entwicklung des Google Car betraut. Inzwischen ist er Geschäftsführer von Udacity, einem MOOC-Anbieter.
  •  Franz Josef Och: Stammt aus Franken; hat in Erlangen Informatik studiert und in Aachen (bei Hermann Ney) promoviert. Er leitete die Abteilung Machine Translation bei Google. Dort befasste er sich mit statistischen Methoden der maschinellen Übersetzung, der Verarbeitung natürlicher Sprache und Verfahren des maschinellen Lernens. Er ist inzwischen für Craig Venter tätig.
  •  Andreas Wendel: Er hat in Graz studiert. Sein Spezialgebiet ist Computer Vision. In seiner Dissertation ließ er Drohnen im Wald fliegen. Seit August 2013 arbeitet er am Google Car.
  •  Christian Plagemann: Hat in Freiburg in Informatik promoviert; war am KI-Labor in Stanford. Befasst sich bei Google Research mit Virtual Reality, Motion Tracking und Physical Interaction (Project Cardboard).
  •  Frederik Pferdt: Er stammt aus Ravensburg und ist promovierter Wirtschaftspädagoge. Er lebt seit 2011 in den USA und leitet bei Google das ‚Innovation & Creativity Program‘. Er fährt einen Ford Mustang.
  •  Hartmut Neven: Er kommt aus Aachen und promovierte an der Ruhr Universität in Bochum, unter Christoph von der Malsburg in Neuroinformatik; war Assistenz-Professor an der University of Southern California (USC). Gründete zwei Startups, die Computer Vision betrieben. Seine Firma (Eyematic) wurde 2006 von Google aufgekauft; er leitete das Google Glass Project. Zurzeit leitet er das Quantencomputer-Projekt von Google (D-Wave).
  •  Daniel Holle: Er hat in Regensburg in VWL promoviert; arbeitet an Android Auto, dem sprachgesteuerten Bordunterhaltungssystem von Google.
  •  Gerhard Eschelbeck: Er hat in Linz promoviert; ist bei Google für Datensicherheit verantwortlich.
  •  Niels Provos: Studierte Mathematik in Hamburg; promovierte an der University of Michigan; forscht bei Google in Systemsicherheit und Kryptografie.
Das sind lediglich Einzelne unter den 50.000 Mitarbeitern der Firma und besagt an sich wenig über ihren Einfluss. Alle seien besorgt gewesen über das Image, das Google in Deutschland besitzt. Vermutlich waren die Interviews Teil einer gezielten Gegen-Kampagne.

Widerstände, besonders in Europa

Mit keinem Unternehmen befassen sich die Europäische Kommission und das Europäische Parlament mehr als mit Google. Der Grund ist, dass viele Bürger ihre Grundrechte bedroht und viele Verleger ihre Geschäftsgrundlage in Gefahr sehen. Der Europäische Gerichtshof hat letztes Jahr ein richtungsweisendes Urteil gefällt, nämlich dass Bürger von Firmen wie Google verlangen können, dass sie persönliche Daten auf Antrag löschen müssen (auch als Recht auf Vergessen bezeichnet). Inzwischen seien über 200.000 Anträge eingegangen, von denen 40% stattgegeben wurden.

Auf Drängen deutscher Verleger hat der Deutsche Bundestag ein so genanntes Leistungsschutzrecht verabschiedet, das Verlage an den Werbeumsätzen von Google beteiligen soll, die durch den Nachweis ihrer Produkte entstehen. Mathias Döpfner, der Geschäftsführer des Axel Springer Verlags äußerte öffentlich seine Kritik an Google und Politiker wie Sigmar Gabriel forderten sogar eine Zerschlagung des Konzerns. Die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager will Google wegen seines Preisvergleichsdienstes verklagen. Die amerikanische Wettbewerbsbehörde FTC hatte Untersuchungen gegen Google aufgenommen, die inzwischen aber wieder eingestellt wurden.

Google verteidigt sich im Wesentlichen mit dem Argument, dass in unserer Branche  Netzwerkeffekte eine große Rolle spielen und dass der technische Fortschritt laufend den Markt verändert. Monopole haben oft dazu geführt, dass die Preise fielen. Einst dominierende Firmen wurden von der technischen Entwicklung nach 5-10 Jahren überrollt. In seinen jährlichen Geschäftsberichten listet Google eine Unzahl von Risiken, so dass kein Investor sagen kann, er sei nicht gewarnt worden. Über die Hälfte des Umsatzes (57%) wird im Ausland erwirtschaftet. Googles Anteil am Suchgeschäft ist in Deutschland über 90%; in den USA sind es nur etwa 70%. Im Gefolge der Namensänderung werden alle mit dem Suchen zusammenhängenden Tätigkeitsgebiete den alten Namen behalten.

Bewertung und Ausblick

Den Erfolg Googles kann heute bekanntlich jeder erklären, vorhergesehen hat ihn niemand. Viele Menschen misstrauen dem Versprechen der Weltverbesserung, da sie nicht gewohnt sind, dass Ingenieure oder Informatiker als Leiter großer amerikanischer Unternehmen auftreten. Wie im ganzen Silicon Valley so scheint auch bei Google Hippie-Denken und Kapitalismus eine Verbindung eingegangen zu sein. Dazu gesellen sich Fortschrittsglaube und Techno-Optimismus.

Schulz hält Google für ambitionierter und klüger als die meisten anderen IT-Firmen im Silicon Valley. Im Falle von Sergey Brin, den ich persönlich kennen lernte, kann ich das hohe Maß an fachlicher Kompetenz bestätigen. Page redet nicht nur davon, er scheint auch willens zu sein, die Zukunft mitzugestalten. Risikobereitschaft und Schnelligkeit sind dafür unverzichtbar. Bei Google gehen pro Jahr etwa drei Millionen Bewerbungen aus der ganzen Welt ein, hauptsächlich von Informatikern und Ingenieuren. Ich kenne keine zweite Firma, die eine vergleichbare Attraktivität besitzt. 

Kommentare:

  1. Googles Charme-Offensive ging in eine neue Runde mit einem Interview, das Thomas Schulz für SPIEGEL 43/2015 mit Larry Page führte. Page beklagte darin das Weltbild vieler Europäer, die von Technikfurcht und Misstrauen großen Unternehmen gegenüber getrieben seien, und daher zu einem negativen Blick auf die Zukunft tendierten. Sie redeten zu allererst von Arbeitslosigkeit, wenn der Begriff Digitalisierung auftaucht, oder von Problemen bezüglich Datenschutz und Datensicherheit. Viele Fortschritte hätten auch positive Auswirkungen, etwa in der Medizin. Nach seiner Meinung seien Unternehmen, die nur Geld verdienen wollen, ohne Visionen für die Zukunft zu haben, nicht länger relevant.

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  2. Wilfried Kretschmann, der grüne MP von Baden-Württemberg, versprach diese Woche auf einem Wirtschaftskongress in Stuttgart überraschend, dass „alle Schüler an allgemein bildenden Schulen [seines Landes] eine verbindliche Grundbildung in Informatik bekommen werden“. Er erntete dafür großen Applaus von den anwesenden Vertretern von Bosch, Daimler und anderen Unternehmen.

    Ganz anders war die Reaktion eines Informatik-Professors auf diese Nachricht. Ich hatte erwartet, dass er sich freuen würde. Stattdessen schrieb er mir: ‚Herr K. meint wahrscheinlich Gerätekunde. Ansonsten haben wir ja - höhnisch gesprochen - die GI-Bildungsstands.‘ Das erinnert mich schlagartig daran, dass Deutschland weniger an Technikfurcht und Zukunftsangst leidet – wie dies Larry Page beklagt – sondern an Technikverachtung.

    Technik hat ihre Wurzeln im Handwerk. Techniker beschäftigen sich sehr viel mit Geräten. Das gilt als zutiefst unwissenschaftlich. Akademiker haben sich mit Philosophie zu beschäftigen, ausnahmsweise mit Mathematik. Das sei die ‚abendländische Tradition‘, an die Amerikaner als Mischvolk sich größtenteils nicht gebunden fühlen. Den Chinesen, Indern und Japanern wurde unsere Kultur ja bestenfalls aufoktroyiert.

    In Deutschland kommt es nur darauf an, ob man sich in der Tradition von Kant sieht, oder seinen Epigonen nahe steht. Kant zitieren zu können, gilt in diesen Kreisen als völlig ausreichende Allgemeinbildung. Als Ingenieur benötige man noch etwas Boolesche Logik. Das reicht offensichtlich, um bei allem (Computern, Recht, Politik, Umwelt, usw.) mitreden zu können. Am Mittun könnte man sich ja die Finger beschmutzen.

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