Samstag, 16. Januar 2016

Verhinderung von Selbstmordattentaten sowie eventuelle Schutzmaßnahmen

Zurzeit vergeht kaum eine Woche, ohne dass von Selbstmordattentaten berichtet wird. Wie allgemein bekannt kann man einen Selbstmordattentäter nicht durch Strafandrohung von seinem Vorhaben abbringen. Eine Verschärfung von Gesetzen, ja selbst die Androhung der Todesstrafe sind wirkungslos. Die polizeiliche Observierung von Plätzen, Märkten, Bussen und anderen Menschenansammlungen ist nur bedingt möglich und wenig erfolgversprechend. Trotzdem oder gerade deshalb muss man über mögliche Abwehrmaßnahmen nachdenken. Sie  müssen vor der Tat wirksam werden, spätestens in letzter Minute. Obwohl ich weder Kriminologe noch Geheimdienstexperte bin, stelle ich im Folgenden zusammen, was mir an Möglichkeiten einfällt.

Täterprofile und -motive

Bei männlichen Tätern muslimischer Herkunft wird oft damit argumentiert, dass ihnen die versprochene Belohnung im Jenseits als Motiv der Tat dienen könnte. Nach muslimischer Lehre wird ein Glaubensmärtyrer im Paradies von einer Schar himmlischer Jungfrauen erwartet, die sich um ihn kümmern würden. Für die allerdings wesentlich geringere Zahl weiblicher Täter wird dieses Bild nicht bemüht, auch nicht ein Bild mit umgekehrten Geschlechtern. Ich würde solche mystischen Vorstellungen nicht als Motiv ernsthaft in Erwägung ziehen.

Es ist jedoch anzunehmen, dass sich die Täter fast immer als Opfer für eine gute Sache ansehen. Diese Opferrolle fällt ihnen umso leichter, je mehr sich der Einzelne als Teil einer Gruppe oder einer Ethnie ansieht, die derzeit in Bedrängnis ist. Die Gruppe kann im eigenen Land von anderen Gruppen oder externen Mächten bedroht sein. Täter mit muslimischem Hintergrund können aber auch im Ausland leben, etwa in Frankreich, und sich dort gesellschaftlich benachteiligt fühlen. Entscheidend ist nicht die wirkliche Situation, sondern das individuelle Gefühl. Dieses kann von wenigen Propagandisten angeheizt worden sein. Eine besondere Rolle spielen in dieser Hinsicht die so genannten Hassprediger. Sie beeinflussen oft mehrere potentielle Täter. Als direkte Auftraggeber sind sie aber meist nicht greifbar.

Zwischen dem Entschluss zur Tat und der Durchführung liegen oft nur wenige Tage oder Wochen. Es kann aber auch 2-3 Jahre dauern wie im Falle der Täter des 11. September 2001 in New York und Washington, DC (kurz 9/11 genannt). Diese mussten noch zuerst einen Pilotenkurs in den USA absolvieren. Es handelt sich also um eine überlegte Entscheidung und nicht um eine Laune des Augenblicks. Wenn der Schritt mit einer Gruppe Gleichgesinnter abgesprochen wurde, findet nicht selten eine formelle Verabschiedung statt. Der Täter wird als Held gefeiert und ein Abschiedsvideo für die Hinterbliebenen erstellt.

Typische Täter haben keine besondere Veranlagung zum Suizid. Es handelt sich aber oft um labile Charaktere, die selbst nicht über einen starken Antrieb verfügen oder großes Selbstvertrauen besitzen. Sie lassen sich leicht von einer Gruppe beeinflussen und in die Opferrolle hineindrängen. Die meisten Täter sind 20-30 Jahre alt. Es erscheint uns etwas befremdlich, wenn der so genannte Islamische Staat (IS) behauptet, ganze Heerscharen von europäischen Jugendlichen angeworben zu haben, die nach Syrien reisten, um sich für Selbstmordattentate zur Verfügung zu stellen.

Vermutete Ziele eines Attentats

Über die Ziele, die durch ein Selbstmordattentat erreicht werden sollen, kann man meistens nur spekulieren. Der Attentäter selbst kann ja nicht befragt werden, es sei denn das Attentat misslingt aufgrund technischer Fehler. Sollte der Täter im Auftrag gehandelt haben, gibt es Hintermänner. An sie heranzukommen, ist meistens nicht leicht.

Die Wirkung kommt zunächst von dem Willensakt und der Entschlossenheit, die durch die Tat zum Ausdruck gebracht werden. Sehr oft sollen außer dem Täter selbst auch möglichst viele andere Menschen zu Tode kommen. Je größer die Zahl der Opfer, je bekannter der Ort, umso größer ist die mediale und psychologische Wirkung. Oft kann aus den Umstanden der Tat auf den gedachten Gegner geschlossen werden. Es kann sich um einzelne Politiker oder Prominente handeln, die man treffen will, oder eine bestimmte Regierung, deren Sicherheitskräfte, eine Unternehmensbranche oder das ganze Land. Die 9/11-Attentate sollten die gesamten USA treffen.

Dem Gegner soll durch die Art der Ausführung der Attentate seine Machtlosigkeit vor Augen geführt werden. Wird dieses Ziel der Terrororganisation Al Qaida mit Recht unterstellt, so geht die Nachfolgeorganisation IS darüber hinaus. Sie beabsichtigt offensichtlich eine Verunsicherung der gesamten westlichen Gesellschaft. Angeblich sieht man diese dem sicheren Abstieg oder gar der Auflösung verfallen und will dem nachhelfen. Aus dem erwarteten Chaos soll dann ein neues Kalifenreich als Sieger hervorgehen, das große Teile der Welt umfasst. Es sei dies der Idealzustand für alle Islam-Gläubigen auf Erden. Als Kalif bezeichnet sich derzeit der Iraker Abu Bakr al Baghdadi. Diese Ziele des IS haben zum Beispiel die Gesprächspartner von Jürgen Todenhöfer bei dessen Besuch in Mossul klar formuliert. Mögen sie uns noch so spinnert erscheinen, das ändert nichts für die Betroffenen.

Deutschland betreffend scheint das Ziel darin zu bestehen, das Misstrauen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Flüchtlingen aus islamischen Ländern zu vergrößern. Es soll die viel gerühmte Willkommenskultur in das Gegenteil verkehrt werden. Das jüngste Attentat in Istanbul am 12. Januar 2016, das neun deutsche Todesopfer zur Folge hatte, soll Rache für das deutsche Engagement im Syrienkonflikt als Motiv gehabt haben. Noch haben sich keine Hintermänner geäußert. Wir haben daher nur Vermutungen. Das nur zwei Tage später in Jakarta verübte Attentat richtete sich gegen ein Einkaufszentrum. Was der IS damit bezweckt, in der größten muslimischen Nation der Welt Unheil anzurichten, entgeht den bekannten Erklärungsversuchen.

Erschwerung und Verhinderung

Will man derartige Opferattentate erschweren oder verhindern, muss man die verschiedenen Formen der Ausführung unterscheiden. Ich konzentriere mich zunächst auf die sehr häufig benutzte Form, dass sich der Täter in unmittelbare Nähe der zusätzlich anvisierten Opfer begibt, um dort einen mit  Sprengstoff bestückten Gürtel zu entzünden. Das mit Sprengstoff voll geladene Auto kommt dem am nächsten, egal ob Personen- oder Lastauto.

Sprengstoffe können heute dank des Spürsinns speziell trainierter Hunde entdeckt werden. Könnte man genug Hunde trainieren, würde man keine Massenveranstaltung oder Reisegruppe ohne eine ausreichende Anzahl von Spürhunden zulassen. Die entscheidende Frage ist, ob sich diese spezielle Spürfähigkeit technisch nachbauen lässt. Gäbe es einen chemisch oder elektronisch nachgebauten Spürhund, wäre das ein tolle Zusatzfunktion für jedes Smartphone. Eine Alternative ist die Erkennung von versteckten massereichen Objekten auf optischem Wege oder mittels Röntgenstrahlen. Auch auf dieser Basis ließen sich für ein Smartphone geeignete Sensoren vorstellen. Allein schon die Ankündigung, dass an entsprechenden Geräten gearbeitet wird und demnächst im Testeinsatz verfügbar seien, könnte bereits abschreckende Wirkung haben. Anstatt des Erkennens könnte auch die erzwungene Zündung der Sprengladung sehr hilfreich sein.

Ehe wir dank neuer Technik über neue Detektoren verfügen, die jeder Polizist oder Reiseleiter bei sich führen könnte, müssen wir nach nicht-technischen Lösungen suchen. Nur eine Idee möchte ich vertiefen. Warum ist es nicht möglich, alle Sprengstoffhersteller auf der ganzen Welt festzustellen und zu registrieren? Einerseits könnte die Materialbeschaffung und der Absatz kontrolliert werden. Andererseits könnten alle legalen Hersteller gezwungen werden, ihre Sprengstoffe durch einen chemischen Zusatz zu kennzeichnen. Dieser Zusatzstoff könnte das Produkt für elektronisches oder chemisches ‚Schnüffeln‘ geeigneter machen. Bekanntlich findet zwischen Verbrechern und Sicherheitsorganen ein nicht endender Wettlauf statt, der sowohl die technischen wie die nicht-technische Verbesserungen betrifft. Jede Lösung wirkt daher nur einige Jahre lang. Das ist jedoch kein Grund, nicht nach ihnen zu suchen.

Neben Sprengstoff basierten Attentaten kennen wir leider noch viele andere Formen. Für Angriffe mit Waffengewalt steht das gesamte Arsenal zur Verfügung, über das auch reguläre Streitkräfte verfügen. Waffenbesitz zu kontrollieren oder zu verbieten ist ein sehr umfassendes und schwieriges Thema, auf das ich nicht näher eingehen will. Für das Entdecken mitgeführter Waffen gelten einige der Aussagen, die weiter oben für Sprengstoff gemacht wurden. Eine besonders schwer zu bekämpfende Form terroristischer Angriffe ist das Besetzen und das anschließende Umfunktionieren von Verkehrsmitteln (wie Flugzeuge, Züge, Schiffe und Busse) oder von Verkehrseinrichtungen und Veranstaltungsorten (wie Stadien, Flughäfen, Bahnhöfen und Tunnels). Zum Glück blieb uns bisher der Einsatz atomarer oder chemischer Waffen durch Einzeltäter erspart. Nur staatliche Streitkräfte sind verantwortungsloser.

Schutzmaßnahmen

Dass Polizisten auch bei uns ihren Außendienst mit kugelsicheren Westen bekleidet versehen, gehört fast zum Straßenbild. Was sich bei Soldaten und Polizisten bewährt hat, könnte auch Touristen schützen, wenn sie in Gruppen durch unsichere Städte wandern. An die Vorstellung, dass Helme und Schutzwesten bei Gruppenreisen und beim Besuch von Open-Air-Konzerten unverzichtbar sind, müssen wir uns noch gewöhnen. Ein Reiseführer könnte seine Kunden schützen, indem er das Umfeld mit verbesserten Körper-Scannern durchleuchtet, die auf Waffen oder Sprengstoff aus fünf Metern Entfernung ansprechen.

Ein in den USA oft verwandtes Argument lautet, dass man sich gegen Gewalt am besten schützt, indem man sich selbst bewaffnet. Auch in Israel ist diese Mentalität verbreitet. So erinnere ich mich an einen dortigen Reiseleiter, der uns im April 1983 im Kleinbus durch das ganze Land fuhr. Unter seinem Fahrersitz lag seine Uzi. In andern Teilen der Welt erfüllt die Marke Kalaschnikow diese Funktion. Zum Glück wurde sie während unserer Reise nicht benötigt. Um ein Paket, das mitten auf der Uferstraße am See Genezareth lag, machten alle Autos einen großen Bogen. Israel lebt mit terroristischer Bedrohung seit über 30 Jahren und hat sie verinnerlicht.

Fast wie eine Pandemie

Leider ist das Selbstmordattentat ein äußerst heimtückisches Verbrechen, bei dem viele der klassischen Schutzmaßnahmen versagen. Genau das wissen die Täter und nutzen es aus. Der Preis ist auf der Täterseite sehr hoch  ̶  nämlich das eigene Leben. Aber seine Wirkung ist auch enorm. Es bedient meines Erachtens einen skurrilen Allmachtsdünkel. Dabei geht es ums Zerstören statt ums Aufbauen, ums Töten statt ums Heilen oder Beleben. So wie jeder Amoklauf generell die Frage nach Schwächen der menschlichen Psyche aufwirft, so tut dies auch jedes Selbstmordattentat. Es ist zu hoffen, dass die Motivation für diese Opferform auch mal wieder nachlässt. Noch grassiert sie wie eine Seuche.

Kommentare:

  1. Peter Hiemann aus Grasse schrieb:

    Die von der IS-Organisation verfolgte Strategie hat sicherlich viele Aspekte, die Jugendliche emotional und ideologisch motivieren, sich der IS-Organisation anzuschließen. Vor allem jedoch verfolgt die IS-Organisation sehr professionell eine Strategie des Terrors, die sie von Geheimdienstexperten des ehemaligen Regimes Saddam Husseins übernommen hat.

    Der Spiegel-Artikel (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-134097196.html) des letzten Jahres zeigt deutlich, wie IS ein "System der Angst" aufgebaut hat, das sich nicht nur gegen seine 'Feinde' richtet, sondern ebenso wirksam innerhalb der IS-Organisation angewandt wird.

    Die IS-Eliten haben früh die Vorteile gesehen, dass mit jungen unverheirateten Ausländern „absolut loyale Truppen“ gebildet werden können, die „bedingungslos einem zentralen Kommando gehorchen“. Die IS-Eliten waren von Beginn an „der Ansicht, dass man auch mit noch so fanatischen Glaubensüberzeugungen keinen Sieg erringen könne. Aber man konnte sich den Glauben der anderen zunutze machen“.

    Die Ausbreitung von IS-Kämpfern ist nicht vergleichbar mit der unkontrollierten Ausbreitung eines Virus, es handelt sich dabei um von der IS-Organisation geplante Aktionen (Rekrutierungen und Ausbildungen). Ich denke, dass der von IS ausgehende Terror mit Mitteln beantwortet werden muss, die existierende Kommandostrukturen, Finanzierungsquellen und Infrastrukturen für Waffenlieferungen zerschlagen können:

    - mit nationalen militärischen Mitteln und internationalem Engagement in Gebieten des Irak und Syriens

    - mit nationalen militärischen Mitteln und internationaler Unterstützung in instabilen Staaten wie Libyen oder Nigeria

    - mit geheimdienstlichen Mitteln in stabilen Staaten.

    Defensive Schutzmaßnahmen können die vom IS ausgehende Terrorgefahr nur geringfügig mindern. Internationale militärische Aktionen sollten möglichst durch UN-Resolutionen untermauert werden.

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  2. Slavoj Žižek heißt der slowenische Philosoph, der im SPIEGEL (Heft 3/2016) die Kölner Ereignisse als ‚Karneval der Underdogs‘ deutet. In Anlehnung an seinen französischen Kollegen Alain Badiou spricht er von ‚faschistischen Nihilisten, die den Neid auf den Westen in selbstzerstörerischen Hass verwandeln‘. Aus diesem Milieu rekrutiere auch der IS seine Todeskandidaten.

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    1. Peter Hiemann schrieb:

      Žižek ist mir schon mehrfach als 'Eiferer' aufgefallen, der es versteht, sich publikumswirksam Aufmerksamkeit 'als Philosoph' in der Presse zu verschaffen. Ich finde, Žižek kann sich nicht entscheiden, als Philosoph mit einer fundierten Weltsicht oder als Psychoanalytiker mit beschränkten medizinischem Wissen unterwegs zu sein…....Ich habe mich schon länger entschlossen, Žižek nicht als zuverlässige Quelle für meine Überlegungen hinsichtlich neurologischer oder gesellschaftlichen Vorstellungen zu verwenden. .... Ich vermute, dass Slavoj Žižek leichtfertig vielfältige, durchaus unterschiedlich motivierte gesellschaftliche Ereignisse in die Kategorie ‚Karneval der Underdogs‘ einordnen würde.

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