Montag, 7. März 2016

Sprachhandelnde in Kultur und Wissenschaft

Im SPIEGEL 9/2016 war eine Rede Martin Walsers (*1927) wiedergegeben, die dieser letztes Jahr in Bochum gehalten hatte. Sie bewog mich zunächst zu einem eher beiläufigen Kommentar. Nicht immer fände ich unseren 'Bundesoberautor' so treffend im Formulieren, schrieb ich an einige Kollegen. Einen Satz hob ich besonders hervor, da er eine aktuelle politische Kontroverse sehr schön auf den Punkt brachte:

Erinnern wir uns noch an die so genannten Experten, die Griechenland zurückschicken wollten in die Drachme.... Das ist Gott sei Dank, Merkel sei Dank, nicht gelungen.

Etwas überrascht war ich von der Überheblichkeit, mit der ein seiner sprachlichen Begabung bewusster Mensch sich über den Rest der Menschheit zu erheben scheint. Er ernannte den Sprachhandelnden, also Menschen wie sich, zum maßgeblichen Träger der abendländischen Kultur. Ich hätte Walsers Text bald wieder vergessen, hätte nicht mein Freund Peter Hiemann sich auch mit ihm befasst. Er hat die Rede gründlich studiert und schrieb:

Der heute 88-jährige Schriftsteller Martin Walser ist ein pragmatisch denkender  Zeitgenosse, der sich auf einen reichen Erfahrungsschatz beruft. Als Walser aufgefordert wurde, sich zum Thema „Herausforderung Zukunft“ zu äußern, entschloss er sich, die Perspektive eines 'Sprachhandelnden' einzunehmen. Walsers Gedanken zur derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland hat er in einem Essay unter dem Titel „Schaffen wir das? Ja.“ dargestellt. Persönliche Zukunftserwartungen beruhen auf der Basis existierender persönlicher Vorstellungen.und Fähigkeiten. Zukunftsprognosen für mögliche Entwicklungen von Persönlichkeiten, Bevölkerungsgruppen oder gesellschaftliche Institutionen sind immer ein Wagnis. Sie enthalten das Risiko, auf unzulässigen Projektion eigener Vorstellungen zu beruhen.

Es verwundert, wie Walser als 'Sprachhandler' die ihn umgebende Welt und deren menschliche Individuen sieht: „Wir sind in der glücklichen Lage, dass Deutschland durch seinen Überstieg ins  Europäische gegen manche genetisch deutsche Untugend geschützt ist.“ … „Zum Glück ist jeder, der von Natur aus auf Sprachhandlung angewiesen ist [wer ist das nicht?], ein natürlicher Gegner von Machtausübung jeder Art.“ … „Dieser Sprachgeist [europäischer Geschichte und Sprachen] hat viele Namen: Aufklärung, Toleranz, Humanität, ja sogar Demokratie.“ … „Gefragt sind jetzt Sprachhandlungen im Dienste der Vernunft [Walser verweist in diesem Zusammenhang auf Goethes Bewunderung für Mohammed, s.u.]. … „Die größte Herausforderung bei allem ist jedoch die Bildungsferne [der Fremden]. Ich konkretisiere: die Sprache.“ … „Die Sprache ist der Vorrat aller in einem Land möglichen Lebensqualitäten. [Lebensqualität manifestiert sich in gegebenen Möglichkeiten ökonomischer und kultureller persönlicher Entwicklungen].“  … „Erst wenn ihm [dem Fremden] unsere Sprache selbstverständlich geworden ist, lebt er menschenwürdig.“

Dass Walser das Wort 'Integration' furchtbar findet, deutet daraufhin, dass seine einschränkende sprachliche Sicht verhindert, den wesentlichen positiven Zweck von  Integrationsprozessen zu erfassen: Jeder Mensch erwirbt Vorstellungen und Handlungsfähigkeiten, die er benötigt, um als soziales Wesen 'funktionsfähig' zu sein. Gesellschaften, die Strukturen flexibel gestalten können, besitzen die Möglichkeiten, langfristig zu überleben. Denk- und Verhaltensweisen können revidiert werden, indem Integrationsprozesse durchlaufen werden, die in veränderten funktionsfähigen gesellschaftlichen  Beziehungen resultieren. Menschliche Sprachen sind sowohl Kommunikationsmittel, um gesellschaftlich relevante Wechselwirkungen zu bewerkstelligen, als auch Ausdrucksmittel, um geistigen Vorstellungen  Ausdruck zu verleihen.

Walser verweist in seinem Essay kaum auf derzeit gefragte 'vernünftige' Vorstellungen hinsichtlich individueller und internationaler gesellschaftlicher Beziehungen. Ich finde, dass der verantwortliche Spiegelredakteur für Walsers Essay eine zwar für Walsers Ansicht treffende aber fragwürdige Überschrift „Die Sprache entscheidet alles“ gewählt hat. Im Übrigen lag es mir fern, Walsers persönliche Ansichten über existierende Persönlichkeiten oder Institutionen zu kommentieren.

Walsers Hinweis auf Goethes Bewunderung mohammedanischer Vorstellungen lässt vermuten, dass auch Walser deterministische Vorstellungen vertritt. Das Zitat aus dem Artikel in der
NZZ lautet: „War Goethe ein Mohammedaner?: „Die «geistige Tugend», die Goethe mit dem Islam vor allem verband, war seine Neigung zum Determinismus, zum Glauben an ein durch Gott vorbestimmtes Schicksal, denn «Zuversicht und Ergebung» seien «die echte Grundlage jeder besseren Religion“.




Gefiederte Schlange

Schon bei früherer Gelegenheit hatte ich darauf hingewiesen, dass ich zwar die Rolle der Sprache für Kultur und Zivilisation für sehr wichtig halte, dass sie aber nach meiner Meinung oft überbetont wird. Die nicht-sprachbasierte Kultur zu leugnen oder gering zu schätzen, halte ich inzwischen für gefährlich. Diese Gefahr zeigt sich in den Folgen, die sich daraus insbesondere für Wirtschaft und Gesellschaft ergeben.


Wort- oder Buchreligionen

Die Mythen der Bibel und damit auch ihre alttestamentliche Schöpfungsgeschichte gehören zum gemeinsamen Überlieferungsstoff dreier Weltreligionen. Mohammed, ihr jüngster Gründer, spricht von den drei Buchreligionen. Er betont damit zwar die Form ihrer Überlieferung, nämlich ein in Buchstaben geschriebener Text. Das Johannes-Evangelium fasst es am prägnantesten zusammen:

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

Dieses Zitat gab immer wieder Theologen aller Konfessionen Anlass für Predigten.  Einige berühmte Dichter und Philosophen haben sich auch damit beschäftigt. So lässt Goethe den Faust (Teil I, Kapitel 6) grübeln:

Im Anfang war die Kraft! Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Ich will weder mit der Bibel noch mit Goethe in Konkurrenz treten. Ein paar weltliche Gedanken seien trotzdem erlaubt. Der monotheistische Herrschergott noch seine Priester hatten es nötig, selbst Hand an die realen Dinge zu legen. Vielfach lebten sie von Spenden, auch Opfer genannt. Ein Wort als Beschwörung gesprochen genügte, und die irdischen und überirdischen Dinge gehorchten. Es passierten laufend sogar Sachen, die wir heute als Wunder bezeichnen. Eine Theologie ohne Worte kann man sich nicht vorstellen. Auch in alten Gesellschaften hörte alles auf das Wort  ̶  oder besser gesagt – den Befehl, die Kamele des Beduinen, die Frauen des Paschas und die Sklaven des Grundbesitzers. Viele Kirchenleute und Demokraten störten sich nicht an der Sklaverei, vielerorts bis ins 19. Jahrhundert hinein.


Predigender Maya-Priester

Bücher gehörten lange zum wertvollsten Besitz einer Familie. Nur Klöster und Fürstenhäuser konnten sich Bibliotheken voller Bücher leisten. Dank Gutenbergs Kunst sank ihr Wert kolossal. Sie kamen auch unter das Volk. Luthers Reformation zog großen Nutzen daraus. Heute sind sie quasi kostenlos zu beziehen und zu speichern. Alle Buchreligionen können davon profitieren und tun es wohl auch.

Dem Naturwissenschaftler Faust kam die Rolle, die Worte als solche spielen  ̶  also die Kategorie Wort  ̶   wohl als längst überholt vor. Er dachte eher an konkrete Begriffe wie Kraft und Energie. Im modernen Weltbild sind sie zwar zentral. Sie befriedigten ihn aber nicht. So wie vieles in der Physik handelt es sich auch bei ihnen um Abstraktionen. Sieht man auch das soziale Leben als relevant an, dann sind diese Begriffe (d.h. die beiden Worte, in physikalischer oder anderer Bedeutung) teils unpassend, teils gefährlich. Sowohl Kraft wie Energie sind nur Möglichkeiten. Sie können ungenutzt bleiben. Nur der Tatmensch, der mit ihrer Hilfe etwas schafft, zählt. Er gibt sich mit dem Vorgefundenen nicht zufrieden. Er setzt die Welt in Bewegung (siehe unten).

Real- und Verbalwissenschaften

Es war der englische Lord Percy Snow (1905-1980), der darauf aufmerksam machte, dass ein Teil seiner Zeitgenossen es vor 60 Jahren als bequem empfand, dem überholten Weltbild der Antike weiter anzuhängen. Höflich wie er war, bewertete er nicht, sondern sprach nur von zwei unterschiedlichen Kulturen. Er wollte keine Seite schlecht erscheinen lassen, sondern verwies lediglich auf die erheblichen Unterschiede. Was mit der ersten und eigentlichen Kultur gemeint war, brauchte er niemandem zu erklären. Die Überraschung, ja das Unerhörte war, dass er der Naturwissenschaft und Technik den Status einer Kultur einräumte. Außerdem bemängelte er, dass die Qualität der Bildung weltweit im Niedergang sei. Der Zusammenbruch der Kommunikation zwischen den zwei Kulturen sei eines der Haupthindernisse, die Probleme der Welt zu lösen. Von Standes- und Zeitgenossen wurde er heftig bekämpft.

Eine ähnliche Argumentation wie Lord Snow verfolgt in unseren Tagen der Biologe Ulrich Kutschera (*1955). Er unterscheidet zwischen Realwissenschaften einerseits und Verbalwissenschaften andererseits. Seine formelhafte Aussage lautet Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie. Mit seinem Bestreben nach einer „Einheit des Wissens“ auf Basis der Biologie vertritt er die von Edward Wilson vertretenen Positionen. Diese werden  ̶  leicht abfällig  ̶  als Szientismus bezeichnend. Kutscheras oben zitierte Formel ist eine Anspielung auf den Satz: „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution“. Dieser Satz zählt heute zu den geflügelten Worten dieser Wissenschaft. Er stammt von dem Evolutionsbiologen Theodosius Dobzhansky (1900-1975). Der Satz besagt nicht, dass evolutionäre Prozesse an sich sinnstiftend seien. Vielmehr können biologisch relevante Wechselwirkungen evolutionär wirksam zu sinnvollen Resultaten führen. Es wird von vielen der Biologie nahe stehenden Personen angenommen, dass geistig relevante Wechselwirkungen ihrerseits zu sinnvollen Resultaten führen können, besonders dann wenn geistige Vorstellungen für die Sinngestaltung wirksam werden.



Doppelköpfiger Jaguar als Opfertisch

Ich möchte besonders auf den geradezu epochalen Reduktionsprozess hinweisen, der hinter den beiden obigen Formeln steckt. Reduziert Kuschera alle nicht realen Wissenschaften auf die Biologie, so reduziert Dobzhansky die Biologie auf die Evolution. Zur Entschuldigung wird man eines fernen Tages vielleicht sagen, dass dieser Schritt unvermeidlich war. Auch die Physik musste ihn gehen, als sie nicht mehr länger als Teil der Philosophie betrachtet sein wollte.

Worte versus Bilder und Zahlen

Von dem berühmten und erfolgreichen britischen Physiker Lord Kelvin (1824-1907) stammen nicht nur berühmte Erfindungen, sondern auch viele kluge Zitate. Zu den bekannteren gehören die Sätze: „To measure is to know" und "If you can not measure it, you can not improve it". Schon vor 150 Jahren war ihm klar, dass echtes Wissen und technischer Fortschritt auf der Erfassung und Analyse empirischer Daten beruht. Er sagte dies für solche Kollegen, die ihr Wissen am liebsten aus alten Texten bezogen, bevorzugt denen der antiken Griechen. Nur wer beobachtet und misst, betreibt Wissenschaft, so Lord Kelvins Botschaft.

Es ist kaum zu glauben. Auch heute noch werden empirisch gewonne Daten (Zahlen, Grafiken und Bilder) in wissenschaftlichen Publikationen geradezu stiefmütterlich behandelt. Auf ein aktuelles Beispiel stieß ich dieser Tage. Bei der APE2016 im Januar in Berlin forderte der Eröffnungsredner (der Mediziner Barend Mons)  ̶  allerdings mit wenig Hoffnung auf Erfolg  ̶  dass man die einem Artikel zugrunde liegenden Daten nicht länger als Anhängsel eines Artikels (engl. supplementary material) betrachten sollte, das in Schubladen verschwindet, sondern als zum Text gleichwertiges Material, das einer systematischen Archivierung zugeführt wird. Die Daten seien schließlich das, was die Wissenschaft bräuchte und weiterverarbeitete, und nicht die nachträglich dazu erdichteten Texte. Offensichtlich dachte der Redner dabei nicht an Patentschriften, in denen immer Skizzen ein wichtiger Bestandteil sind.

Kreative Berufe oder dritte Kultur

Künstler haben viele Möglichkeiten sich auszudrücken. Ai Weiwei (*1957)  aus China nennt sich Konzeptkünstler, Bildhauer und Kurator. Christo (*1935) wurde bekannt, als er das Reichstagsgebäude in Berlin verhüllte. Es gibt viele andere so genannte gestaltende Künstler. Keiner von diesen sagt, dass sie sich auch im Medium Sprache, also mit Prosa oder Lyrik, im selben Maße ausdrücken könnten.

Anders ist es in weiten Teilen der Wissenschaft. Heute gilt derjenige als hoffnungsvoller Nachwuchs, der viele textuelle Publikationen hat. Bei einem Architekten, Musiker oder Maschinenbauer ist man schon eher geneigt zu fragen, was hat er vollbracht, bzw. gebaut oder entwickelt und nicht, was hat er für Texte verfasst. Selbst die nach Theologie und Philosophie einzige andere aus dem Altertum übrig gebliebene Wissenschaft reduzierte sich nicht auf Worte (oder Verbales). Ich meine die Medizin. Sie misst ihre Leistungen anders, sowohl die des Fachs als Ganzes wie die einzelner ihrer Vertreter.



Kaktus-Gottheit der Maya

Auch der Ingenieur und Informatiker spricht primär durch seine Produkte und Dienste, nicht durch seine Worte und Texte. Künstler, Ärzte, Ingenieure und Informatiker kann man daher weder zu den Real- noch zu den Verbalwissenschaftlern (im Sinne Kutscheras) rechnen. Auch Landwirte und Tierzüchter geben sich nicht mit dem Vorgefundenen zufrieden. Sie alle wollen die heutige Realität verändern, mal verbessern, mal reparieren. Alle diese Berufe stellen demnach eine dritte Form von Kultur dar. Wären wir uns dessen bewusst, würde bestimmt Einiges in der Ausbildung unseres Nachwuchses anders gewichtet.

PS: Die Bilder im Text sind Kopien von Tuschezeichnungen, die ich 1972 beim Besuch der Maya-Ruinen von Uxmal in Yucatan erwarb,

1 Kommentar:

  1. Peter Hiemann schrieb:

    Die Gedankengänge des Evangelisten Johannes und von Goethes Faust sollten um eine dritte Gedankenkette ergänzt werden:

    Im Anfang war das Programm, das die Eigenschaft besaß, sich selbst reproduzieren zu können. Selbstorganisierende Prozesse bewirkten und bewirken evolutionäre Entwicklungen immer neuer Programme. Programme bewirken (ermöglichen) die Einheit von Organismen und Geist (von Wort und Tat).

    Die Ergänzung der Gedankenketten hat mich an die Erkenntnis erinnert, die ich mit „Descartes Irrtum“ verbinde. Diese [dritte] Gedankenkette repräsentiert weniger „epochale Reduktionsprozesse“ [wie bei Kutschera und Dobzhansky festgestellt] als vielmehr epochale Prinzipien epochaler Erkenntnisprozesse. Epochale Erkenntnisprozesse haben stets epochale kulturelle Verhältnisse geprägt. Die Möglichkeiten der Informationstechnologie werden epochale kulturelle Veränderungen ungeahnten Ausmaßes bewirken.

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