Mittwoch, 26. April 2017

Büßt die Wissenschaft ihren Nimbus ein?

Donald Trump hat auch das geschafft. Wissenschaftler sind auf einmal nicht mehr die unbestrittenen Lieblinge unserer Gesellschaft, die Stars. Auf Schauspieler und Sportkanonen schaute man stets gönnerhaft herab. Lasst doch das dumme Volk sie verehren und ihnen nachahmen. Ihr Ansehen und ihre Geltung sind ja nur ephemer, also ohne bleibende Bedeutung. Die wahren Stars, ja die Volksheiligen unserer Tage, das sind und bleiben doch wohl die Wissenschaftler. 

Manche hatten schon leise Zweifel, ob man jeden Musiktheoretiker und Ameisenforscher wirklich mit staatlichen Fördergeldern aushalten müsste – wo doch Millionen Kinder verhungern. Jetzt wird die Diskussion plötzlich auf eine ganz andere Ebene gehoben. Nicht nur vor seiner Wahl, auch danach, sagt der Präsident der USA, dass die Klimakatastrophe eine Masche von Wissenschaftlern (und von Chinesen) sei – nur dazu erfunden, um der amerikanischen Wirtschaft zu schaden. Auch auf Ozeanographie, Entwicklungshilfe und ähnliches Zeug könnte man verzichten.

Weltweite Gegenreaktion

Auch wenn viele Leute meinen, dass Trump bereits mehr Aufmerksamkeit bekommt als er verdient, so gibt es doch anscheinend weltweit Tausende, die ihn ernst nehmen. Er macht sie zumindest besorgt und lockt sie hinter dem Ofen hervor. Inzwischen demonstrieren nämlich in Washington und auch bei uns die Wissenschaftler auf der Straße. ‚Science March‘ nennt sich das Ganze. ‚Marsch gegen die Ignoranz‘ heißt es auf Deutsch. Die Süddeutsche Zeitung berichtete ausführlich darüber.

Als nach Trumps Einzug ins Weiße Haus plötzlich wichtige Informationen zum Klimawandel von den Webseiten der Regierung verschwanden, als Wissenschaftler aufgrund ihrer Herkunft nicht mehr in die USA einreisen konnten und Lügen zu "alternativen Fakten" deklariert wurden, entstand in den sozialen Netzwerken die Initiative zum Science March. Binnen weniger Tage ging die Idee um die Welt und erreichte auch Berlin, wo sich eine kleine Gruppe von jungen Forschern, Studenten und Nichtwissenschaftlern zusammentat, um auch in der deutschen Hauptstadt einen Marsch für die Wissenschaft zu organisieren. Zunächst ohne allzu große Erwartungen an die Resonanz. …1000 Mitmarschierer, das ist die Zahl, die sich das Organisationsteam als gutes Ergebnis erhofft. Kurz vor Beginn des Marsches, als Ludwig Kronthaler, der Vizepräsident der Humboldt-Universität eine der ersten Reden dieses Tages hält, wird allerdings klar: Es sind mehr als 1000 gekommen. Viel mehr. Im Ehrenhof der Hochschule beschwört Kronthaler die Grundwerte der Wissenschaft: Freiheit    ̶  und eine auf Wahrheit ausgerichtete Suche nach Erkenntnis.

Es sollen in Berlin nahezu 10.000 Teilnehmer gewesen sein. In Stuttgart waren die Zahlen wesentlich bescheidener. Nach Angaben der Organisatoren waren 400 Teilnehmer erschienen. Die Polizei sprach von 250 Demonstranten. In Heidelberg waren es mindestens 1.000, in Tübingen mindestens 1.500, in Freiburg laut Polizei rund 2.500 Menschen. In Heidelberg, Tübingen und Freiburg sind von Geisteswissenschaftlern bestimmte Hochschulen. In Stuttgart ist eine primär technische Universität.

Nachdenkliches

Martin Stratmann, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, schrieb dieser Tage ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung einen etwas selbstkritischen Beitrag. Er bedauerte, dass es so weit gekommen ist. Seine klügsten Sätze stehen am Schluss:

Es reicht nicht aus, dass wir wissenschaftliche Erkenntnisse in Fachzeitschriften publizieren. Wir müssen die Menschen auch überzeugen, dass diese Erkenntnisse wirklich wertvoll sind, dass sie einen Beitrag leisten können zur Lösung vieler Probleme. Wissenschaft muss sich erklären, aber sie darf nicht mit akademischer Überheblichkeit belehren.

Ich habe in diesem Blog schon des Öftern in dieselbe Kerbe gehauen. Ja, nicht alle Wissenschaftler verhalten sich so, wie man es von ihnen erwartet. Das ist auch bei Ingenieuren, Ärzten, Pfarrern und Politikern so. Man darf einen Beruf nicht mit den zufällig bekannten Berufsträgern gleichsetzen. Die Versuchung, genau dies zu tun, ist immer wieder da.

Die teils traurige, teils hoffnungsvolle Antwort auf alle Kritik ist immer wieder: Wir Menschen haben leider nichts Besseres als die Wissenschaft, wenn es darum geht, kniffelige Fragen oder ernsthafte Probleme zu untersuchen! Frühere Zeiten waren nicht besser dran, nur großzügiger. Sie gaben sich mit weniger zufrieden. Dass ich Wissenschaft mit dem Englischen ‚science‘ gleichsetze, liegt auf der Hand. Von ‚humanities‘ ist im Moment nicht die Rede.

Über die Rangfolge von Werten und Zielen

Wenn immer man Dinge oder Tätigkeiten priorisieren muss, ist es sinnvoll sich über die Relation von Werten und Zielen Gedanken zu machen. Das ist an sich das Terrain von Philosophen. Als Ingenieur habe ich mir für den Hausgebrauch eine absteigende Liste möglicher Werte und Ziele zurechtgelegt. Sie ist noch verbesserbar.


Mögliche Skala menschlicher Werte und Ziele

Wenn und wo immer Mittel und Zeit beschränkt sind, muss priorisiert werden. Nur im Traum und der Mathematik ist dies unnötig. Bildet man eine Rangordnung von Werten und Zielen, heißt das nicht, dass ein absoluter Vorrang besteht. Nicht jeder Wert der Skala muss erschöpfend bedient sein, bzw. jedes Ziel dauernd angesteuert werden, ehe andere in Betracht kommen. Es werden Präferenzen im statistischen Sinne verteilt. Das zuerst genannte Ziel muss deutlich die meisten Treffer erhalten. Die Ziele am Schluss dürfen auch leer ausgehen.

Für die anstehende Diskussion möchte ich darauf hinweisen, dass es Mitbürger zu geben scheint, die diese Liste von unten angehen. Auch einige, die sich Wissenschaftler nennen, gehören dazu. Es ist die scheinbare Umdrehung der Werteskala, die einen stört.

Eine Reaktion aus dem Kollegenkreis

Kaum hatte ich einige meiner Kollegen auf Stratmanns Artikel hingewiesen, schrieb mir einer von ihnen eine etwas aufrüttelnde Mail.

Es freut mich, dass gerade Herr Stratmann als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft so etwas schreibt. Wir haben aktuell leider den Trend, dass universitäre Forschung nur noch nach Publikationen bewertet wird. "Publish or perish" hat dazu geführt, dass mehr publiziert und weniger erklärt wird. Große traditionelle Konferenzen in unseren Gebiet wie die IEEE ICSE sind inzwischen zu reinen Publikationsinstrumenten verkommen. Viele Disziplinen leben in ihrer Blase, wo man sich gegenseitig zitiert und fördert   ̶  ohne gesellschaftlichen Nutzen. Erklärbar ist die Flut der Veröffentlichungen nur noch als Selbstbeschäftigung einer Kaste. Das hat gravierende gesellschaftliche Folgen:
  1. Die Industrie muss Technologietransfer selbst gestalten, da sich die universitäre Forschung selbst beschäftigt
  2. Die Studenten sind zunehmend abgekoppelt, da viele Professoren keinen Realitätsbezug mehr haben
  3. Unsere Gesellschaft sieht keinen Nutzen mehr in der Wissenschaft
  4. Politiker und Führungskräfte verlieren das Vertrauen in wissenschaftliche Ergebnisse
  5. Und als Fazit, dass sich Universitäten derzeit gesellschaftlich ins Abseits manövrieren.
Es ist vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, dass beispielsweise ein Präsident Trump die Klimaforschung nicht ernst nimmt. Ein Tag der Wissenschaft und Sonntagsreden werden daran wenig ändern. Wir müssen wissenschaftliche Ergebnisse wieder stärker am Bedarf orientieren  ̶  nicht an der Zahl der Veröffentlichungen. Das ist Bringschuld der Hochschulen, und ich bin gespannt, ob sie die Krise rechtzeitig erkennen.

Aufruf zur Diskussion

Die in dieser Mail ausgedrückte recht kritische Meinung mag auf den ersten Blick reichlich pauschal erscheinen. Dennoch ist sie nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch ich hatte immer wieder das Gefühl, dass bei uns einige Dinge nicht besonders gut laufen. Ich komme mir, seit ich dies gelesen habe, nicht mehr so ganz einsam vor. Mit meiner Voreingenommenheit für die berufliche Praxis bin ich fast immer ein Exote, vor allem wenn ich mir die in der GI so überstark vertretenen Kolleginnen und Kollegen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen anhöre.

Ich handle vermutlich ganz im Sinne des Kollegen, wenn ich hiermit eine Diskussion darüber anstoße, ob es derartige kritische Einstellungen auch bei uns gibt, oder ob es sich nur um ein amerikanisches Phänomen handelt. Bei technischen Errungenschaften und sozialen Verwerfungen sind Amis uns bekanntlich oft fünf Jahre voraus. Eine vertiefende Diskussion könnte auch in Deutschland nützlich sein. Sie vernünftig zu führen verlangt ein gewisses Maß an Vertrauen, Taktgefühl und gegenseitigem Verständnis.

Kommentare:

  1. Peter Hiemann aus Grasse schrieb:

    ich finde eine Bewegung ermutigend, die sich die Wichtigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis und die Wahrhaftigkeit intellektueller Tätigkeit auf die Fahnen schreibt.

    Gleichzeitig versuche ich zu verstehen, warum viele wissenschaftliche Tätigkeiten derzeit an Ansehen verlieren. Der Ansehensverlust betrifft weniger „die Wissenschaft“ (ein eher irreführender Begriff) als vielmehr Sachbereiche, bei denen Zweifel angebracht sind, ob sie Kriterien der Wahrhaftigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse genügen. Die methodischen Unterschiede, wie zum Beispiel Physiker, Chemiker, Molekularbiologen, Neurobiologen, Ingenieure, Ökonomen oder Politiker Erkenntnisse gewinnen, sind gewaltig. Entsprechend unterschiedlich fällt die Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus.

    Und sofort stellt sich die Frage, wer ist eigentlich kompetent und qualifiziert, Erkenntnisse zu bewerten? Man hört Martin Stratmanns Aufforderung „Wir müssen die Menschen auch überzeugen, dass diese Erkenntnisse wirklich wertvoll sind, dass sie einen Beitrag leisten können zur Lösung vieler Probleme“. Allein es fehlt der Glaube, dass „die Menschen“ (ein eher irreführender Begriff) in der Lage sein werden, sich mit der Komplexität der heute verfügbaren Wissensinhalte auseinanderzusetzen. Im Übrigen fehlt es nicht an Berichterstattungen über technische Neuigkeiten und Hilfsmittel, die sich teilweise großer Aufmerksamkeit erfreuen. Wissenschaftler, die an Projekten mit großem technischen Aufwand (z.B. Astronomie, Kernforschung, Raumfahrt) beteiligt sind, widmen sich auffallend gern Erklärungen ihrer technischen Geräte als Erklärungen ihrer (auch fragwürdigen) wissenschaftlichen Zielsetzungen.

    Es ist offensichtlich, dass von Normalsterblichen nicht wissenschaftliche Erkenntnisse sondern technische Einflüsse auf deren Lebensumstände wahrgenommen werden. Sie spielen auch für deren Zukunft eine entscheidende Rolle. In wieweit technische Hilfsmittel individuellen Nutzen und gesellschaftlichen 'Fortschritt' repräsentieren wird unterschiedlich eingeschätzt:

    (1) Techniken, die Arbeiten erleichtern oder der Unterhaltung dienen, werden begrüßt und dankend angenommen. Zu dieser Kategorie gehören zum Beispiel Waschmaschinen, Fernsehen; Google, Facebook oder Computerspiele.
    (2) Techniken, die neue Möglichkeiten medizinischer Diagnosen oder Behandlungen eröffnen, werden als Fortschritt wahrgenommen, wie zum Beispiel Computertomographie, Geräte für Gewebe- und Blutanalysen oder pharmazeutische Produkte.
    (3) Techniken, mit deren Hilfe Gene verändert werden können, werden misstrauisch zur Kenntnis genommen. In den meisten Fällen genetischer Veränderungen ist es unmöglich einzuschätzen, welche Genkombinationen davon betroffen sind. Bei genetischen Veränderungen von Pflanzen ist es schwierig einzuschätzen, welche Konsequenzen genveränderte Pflanzen auf das Ökosystem haben können.
    (4) Techniken, die menschlichen Service durch automatisierte Verfahren ersetzen sollen, werden zunehmend kritisch eingeschätzt, wie zum Beispiel administrative Computeranwendungen, Automaten (z.B. Speisen, Tickets) oder persönliche Roboter. (Fortsetzung im Teil II)

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  2. Peter Hiemann (Teil II)

    (5) Techniken, die existierende Lebensgrundlagen gefährden, werden von Betroffenen als Bedrohung empfunden. Zu dieser Kategorie gehören zum Beispiel industrialisierter Fischfang und industrialisierte Tierhaltung, die das Überleben autonom wirtschaftender lokaler Fischer bzw. Bauern gefährden.
    (6) Techniken, die für Menschen gefährlich, schädlich oder für die Umwelt langfristig unverträglich sind, werden kritisch bewertet und Ersatz gefordert. Zu dieser Kategorie gehören zum Beispiel Atomkraftwerke, Kohlekraftwerke, auf Erdöl basierende Verbrennungsmotoren oder Pestizide.
    (7) Techniken, denen mehr Priorität zugemessen wird als zu notwendigen Verbesserungen der gesellschaftlichen Infrastruktur, werden in Frage gestellt. Zu dieser Kategorie zum Beispiel Großprojekte wie Teilchenbeschleuniger, Kernfusionsforschung, Astrophysikforschung oder Raumfahrt.
    (8) Techniken, die der 'modernen' Kriegsführung dienen, werden verurteilt. Zu dieser Kategorie gehören zum Beispiel Kernwaffen und computergesteuerte ferngelenkte Waffen.

    Die derzeit wohl wesentlichsten lebensverändernden Technologien firmieren unter den Bezeichnungen 'Digitalisierung' und 'Industrie 4.0'. Sie sind vermutlich mit ein Hauptgrund für derzeitige wissenschaftlich orientierte Diskussionen. Einige Experten warnen, dass Anwendungen sozial relevanter Algorithmen, Sinneserweiterungen durch 'virtual reality' Techniken oder Funktionen sogenannter 'artificial intelligence' gesellschaftliche Veränderungen bewirken können, die noch nicht einzuschätzen sind.

    Der „Marsch gegen Ignoranz“ lässt sich auch als Versuch einer modernen Aufklärungskampagne interpretieren. Im 21. Jahrhundert muss man sich keine Sorgen machen, wie Sokrates wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend vor Gericht zu landen. Im Gegenteil vermissen wir eher aufgeklärte Geister, die „Unterirdisches und Himmlisches“ erforschen und anderen näher bringen können. Ein noch heute gern zitierter Philosoph des 18. Jahrhunderts sah uns Menschen so: „Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis; jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben.“ (Jean-Jacques Rousseau: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen).

    Einer der damaligen Philosophen sah die Sache etwas anders: „Wenn es da droben geschrieben steht, dass dir Hörner aufgesetzt werden, Jacques, dann kannst du machen, was du willst, sie werden dir aufgesetzt; wenn jedoch geschrieben steht, sie werden dir nicht aufgesetzt, dann mögen sie [die Herren] anstellen, was sie wollen, sie werden es nicht.“ (Denis Diderot: Jacques der Fatalist und sein Herr).

    Rund 250 Jahre später wissen wir, dass die Natur weder gut noch böse ist. Jedoch ist es 250 Jahre später viel schwieriger zu entscheiden, ob wir uns und von welchen Herren Hörner aufsetzen lassen. Während des Studiums der Philosophie stellte ein Student 250 Jahre später fest: „Während meine Professoren das menschliche Bewusstsein anhand der Theorien von Kant und Hegel erklärten, machten ihre Kollegen von der medizinischen Fakultät, nur achthundert Meter entfernt, die aufschlussreichsten Versuche mit hirngeschädigten Patienten. Achthundert Meter Raum in einer Universität sind sehr viel. Denn die Professoren lebten auf zwei völlig verschiedenen Planeten und kannten nicht einmal den Namen ihrer Kollegen….Immerhin brachte mir einer von ihnen schließlich doch das Denken bei. Er lehrte mich, nach dem „Warum“ zu fragen und sich nicht mit schnellen Antworten zu begnügen.“ (Richard David Precht: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?) .

    Bei Aufklärung geht es nicht darum, möglichst viel Wissen anzuhäufen. Es geht darum, gewohnte Sichtweisen zu überdenken.

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  3. Otto Buchegger aus Tübingen schrieb:

    Ich denke es tut auch der Wissenschaft durchaus gut, wenn gelegentlich jemand an ihrem Lack kratzt. Genau so, wie es den Journalisten gut getan hat. Auch die Wissenschaft hat Verantwortung. Und alles was Geld kostet, braucht auch eine Rechtfertigung, denn wir haben nicht unendlich davon.

    Mir ist in Tübingen die „Freiheit der Wissenschaft“ auch etwas suspekt. Was unbedingt „politisch korrekt“ sein muss, kann nicht frei sein. Und ich habe zu viele egoistische Idioten als „Wissenschaftler“ erlebt. Aber für Freiheit zu demonstrieren, ist immer gut.

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  4. Simone Rehm aus Stuttgart schrieb:

    in der möglichen Skala menschlicher Werte und Ziele würde ich den Punkt (2) gerne ergänzen (und nicht nur deshalb, weil ich von einer technischen Universität komme ;-)):

    (2) „Wissen über Natur, Technik und Menschen verbessern sowie die Fähigkeit fördern, dieses Wissen zum Wohle der Menschheit zu nutzen“.

    Das sollte das Credo der Forschenden und genau genommen auch der Lehrenden sein. Und wenn es den Forschenden (oder den sie umgebenden Personen) dann auch noch gelingt, ihre Forschungsergebnisse in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen, und zwar unabhängig von der aktuellen Politik, dann wächst auch wieder das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft. Zu den „sie umgebenden Personen“ kann und sollte auch eine Fachgesellschaft wie die GI zählen.

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    1. Die vorgeschlagene Verbesserung ist ganz in meinem Sinne. Um die Leser nicht zu verwirren, lasse ich meine ursprüngliche Fassung zunächst stehen.

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  5. Rainer Janßen aus München schrieb:

    Die Abwertung der Experten hat schon vor Jahrzehnten begonnen. Das Aufkommen der APO in den 70er, 80er Jahren markiert sicher einen wesentlichen Einstiegspunkt. Bei Themen wie AKW, Ökologie, Klima, Pharma etc. waren die sozusagen akkreditierten Experten von vornherein unglaubwürdig und der Zugehörigkeit zu einem geheimen politisch- industriellem Interessenverbund verdächtig. Außerhalb etablierter wissenschaftlicher Strukturen zu stehen wurde so geradezu zu einem Qualitätsmerkmal.

    Einen nächsten Schub gaben dieser Entwicklung die zahlreichen neuen Fernsehsender, die nach Liberalisierung der Fernsehrechte aufkamen. Formate wie Talk-Shows mussten nun irgendwie anders sein als bei den öffentlich-rechtlichen. Also ging man dazu über, Leute einzuladen, die dort nicht zu Wort kamen. Dies begann mit irgendwelchen Promis (gerne bekannte Schauspieler), dann tauchten immer öfter Leute auf, die wieder einmal versuchten, ihr letztes reißerisches Werk zum Thema mit möglichst radikalen, aber wenig belegten Thesen zu vermarkten. Dies versprach lebhafte Diskussionen und gute Einschaltquote.

    Mit Aufkommen des Internets gewann diese Entwicklung dann noch einmal an Dynamik. Was zuerst als großer Beitrag zur Demokratisierung gefeiert wurde ̶ jeder kann sich äußern, jeder kann mitdiskutieren ̶ erwies sich bald als die große Spielwiese für Verschwörungstheoretiker, Ahnungslose und falsche Experten. Als Beispiel möge man sich Diskussionen von Leugnern der globalen Erwärmung, von Impfgegnern oder alles rund um Homöopathie ansehen. Dabei kommt mittlerweile für die Experten erschwerend hinzu, dass die Diskussion mit diesen Gruppen ein Kampf hügelaufwärts ist: Während die Experten sich an die Regeln ihrer Zunft halten müssen, können die Pseudofachleute frei von irgendwelchen fachlichen und methodischen Regularien, ohne Bedarf für Belege und Nachprüfbarkeit diskutieren: Beweis durch Behauptung wird so zu einem beliebten neuen Diskursprinzip.

    Für das Verständnis dieser Phänomene halte ich das 1995 erschienene Essay von Harry Frankfurt "On Bullshit" (ursprünglich Harvard University Press, jetzt auch in Deutsch erhältlich) für eine unverzichtbare Lektüre. Die Mechanismen in der heutigen Welt erläutert sehr treffend Gunter Dueck in seinem neuen Buch "Flachsinn" (Campus, 2017).

    Dies alles heißt nicht, dass die Experten-Kaste, an ihrer Spitze die Professoren der Universitäten, hier nicht ein gerüttelt Maß an Mitschuld träfe. Sie haben es sich vielfach zu leicht gemacht und sich aus diesem Streit einfach zurückgezogen. Mehr noch: Kollegen, die sich beteiligten, die versuchten, das Expertenwissen dem Bürger verständlich zu erläutern, die sich an den unbequemen Streitereien beteiligten, wurden eher noch von der eigene Szene bestraft. Wenn da jemand eine Kolumne über seine Wissenschaft etwa in einer anerkannten Wochenzeitschrift publizierte, wurde schon eher einmal geargwöhnt, dass er es wohl nicht mehr drauf hat, einen Fachartikel für ein anerkanntes Fachblatt zu schreiben (das Ziel dabei ist übrigens publiziert zu werden, es ist nicht so wichtig, gelesen zu werden). Hier muss die Experten-Community dringend daran arbeiten, ihre eigene Werteskala zu verändern. Solange öffentliche Wirkung außerhalb der Expertenkreise nicht auch zu einem wichtigen KPI [Key Performance Indicator] bei der Berufung etwa von Professoren wird, wird sich hier wenig ändern.

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