Freitag, 16. Februar 2018

Schriftsteller und Philosophen am Puls der Zeit und der Menschheit

Nicht nur im Karneval und an Aschermittwoch wird das Land mit politischen und und philosophischen Aussagen traktiert, die zum Teil tiefe Erkenntnisse und Wahrheiten enthalten. Etwas anders sind unsere Erwartungen, wenn zwei der bekanntesten Berufsintellektuellen des Landes sich zu Wort melden. Ein Interview, das der schweizerische Journalist Frank A. Meyer im Rahmen einer Veranstaltung des Magazins Cicero im Jahre 2013 mit Martin Walser und Peter Sloterdijk führte, erhebt genau diesen Anspruch. Ich gestatte mir dieses Interview etwas unter die Lupe zu nehmen.

Großschriftsteller Walser

Martin Walser (*1927 in Wasserburg) ist derzeit Deutschlands produktivster Schriftsteller. Von ihm stammen rund 60 Romane und 15 Theaterstücke. Da kommen Goethe und Schiller kaum mit. Beide schafften es nur auf je etwa 50 Dramen oder Prosatexte. Walsers Hauptthema ist das Scheitern im Leben. Unangenehm fiel er 1998 durch seine Paulskirchenrede auf. Darin warnte er davor, den Holocaust zu instrumentalisieren. Auschwitz eigne sich nicht als Drohroutine und Moralkeule. Es war dies die Zeit als Joschka Fischer den Kosovo bombardieren ließ und Günter Grass gegen die Wiedervereinigung argumentierte. Später warb er um Unterstützung für Griechenland, weil Europa ihm das Platonische Schönheitsideal verdanke.

Volksphilosoph Sloterdijk

Peter Sloterdijk (*1947 in Karlsruhe), ist Philosoph, Kulturgeschichtler und Sprachwissenschaftler. Nach seiner Wiederkehr aus Pune ist er seit 1992 an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe tätig, derzeit als deren Rektor. In Analogie zu Reich-Ranickis Literarischem Quartett betrieb er ein Philosophisches Quartett im deutschen Fernsehen. Bekannt wurde er 1999 durch seine ‚Regeln für den Menschenpark‘. Alle Leute sahen darin ein Aufwärmen von Nazi-Ideologien. In seinen fast 50 Veröffentlichungen betreibt er Vergleichende Religionsgeschichte, äußert sich aber auch zu Euro, Feminismus und Flüchtlingskrise. Er scheint sehr belesen zu sein und hat mit dem französischen Philosophen Alain Finkielkraut zusammen veröffentlicht und über Jacques Derrida geschrieben.

Aussagen eines Interviews von 2013
 

Einige Zitate aus dem Cicero-Interview sollen kurz wiedergegeben werden: Walser verkündet, dass eine Erlösung der Menschheit nur durch Schönheit möglich sei. Er meint, Angela Merkel habe ein schönes Mädchengesicht. Das Flugzeug, das ihn heute nach Berlin brachte, sei voller schöner Menschen gewesen. Sloterdijk hält Walser vor, er sei jetzt für Schönheit als Gegenreaktion zur Hässlichkeit der kritischen 68er-Diskussion. Er zitiert einen Religionsphilosophen mit der Aussage, verschiedene Religionen seien nur Schuldgefühle mit verschiedenen Feiertagen. Außerdem: Farnwälder versanken im Meer, ehe es Menschen gab. Die Welt sei heute ohne Zentralperspektive. Sie sei in Kosmen und Subsysteme ausdifferenziert. Experten verstehen die Welt nicht mehr; sie wirken wie Hofnarren. Walser möchte sich nicht an früher erinnern. Für ihn zähle nur das Heute. Er schreibe, um zu erfahren, ob nur er die Welt so sieht. Er lebe von Zustimmung.

Aussagen einer Sendung von 2008

Peter Hiemann aus Grasse schrieb: Peter Sloterdijk ist mir in einer Gesprächsrunde zum Thema Ist die Welt noch zu retten? von 2008 aufgefallen: Über diese Frage diskutierten Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski im "Philosophischen Quartett" des ZDF mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer und Franz Josef Radermacher, dem Beobachter der Globalwirkungen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

Radermacher glaubt, dass sich unter gewissen gesellschaftlichen Bedingungen  wissen-orientierte (individuell vernünftige) Orientierungen in der Gesellschaft durchsetzen – im Sinne gesellschaftlicher kultureller Phasenbrüche. Individuelle werte-orientierte (emotionale)  Einstellungen (Haltungen) erschweren zwar kulturelle Phasenübergänge, werden sie aber nicht verhindern. Welzer glaubt nicht an die Möglichkeit, dass sich wissen-orientierte (individuell vernünftige) Einstellungen (Haltungen) in der Gesellschaft durchsetzen, weil individuelle egoistische Einstellungen immer dominieren werden.

Nach meiner Einschätzung argumentierten Radermacher und Sloterdijk progressiv, wissen-orientiert. Welzer und Safranski vertraten konservative, werte-orientierte Prinzipien. Beim nochmaligen Anschauen der Sendung könnte man meinen, dass Radermachers und Sloterdijks Vorstellungen eine Rolle bei meinem Essay 'Einsicht ins Ich' gespielt haben. Mit anderen Worten: Sloterdijk halte ich für einen Vertreter der Philosophenzunft, die sich auch für aktuelle Vorstellungen unserer Epoche interessiert und aufklären will.

Reaktion und Diskussion

Obwohl beide Veranstaltungen bereits einige Jahre zurückliegen, liefern beide einen Beleg dafür, wie wenig hilfreich diese Diskussionen sind. Sie sind leider sehr abgehoben und entfernt von dem, was eine Gesellschaft braucht, um auf der Höhe der Zeit mitreden und mitentscheiden zu können. Einige dieser Koryphäen sind zu elitär oder ich-bezogen. Andere schweben in den philosophischen Welten der Antike. Beides sollte man ihnen sagen dürfen. Ich breche hier ab, wohlwissend, dass dies sehr unbefriedigend ist. Ich hoffe, dass durch nachfolgende Beiträge ein etwas klareres Bild entsteht.

Nachtrag am 16.2.2018

Peter Hiemann schrieb:  Herausragende Literaten haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf individuelle Denk- und Verhaltensweisen einer Epoche. Dieser Einfluss wird vorwiegend  deutlich, wenn Literaten erklären, von welchen geistigen Prinzipien sie sich leiten lassen, welche Weltanschauung sie vertreten.

Will man Goethes Weltanschauung verstehen, so darf man sich nicht damit begnügen, hinzuhorchen, was er selbst in einzelnen Aussprüchen  über  sie  sagt. Goethe sieht sich selber so:  «Der Mensch  ist  nicht  geboren, die  Probleme der  Welt  zu  lösen, wohl  aber  zu  suchen,  wo  das  Problem  angeht,  und  sich sodann  in  der  Grenze  des  Begreiflichen  zu  halten.» Ein Problem, das der Mensch gelöst zu haben glaubt, entzieht  ihm die  Möglichkeit,  tausend  Dinge  klar  zu  sehen,  die  in den Bereich dieses Problems fallen. Goethe  hatte in  sich  die Vorstellung ausgebildet, dass sich seinem Geist „eine plastisch-ideelle Form offenbart, wenn er die Mannigfaltigkeit der Pflanzengestalten über schaut und ihr Gemeinsames beachtet“. Über die  symbolische  Pflanzengestalt schrieb  Goethe: «Eine  solche  muss  es  denn doch geben! Woran würde ich sonst erkennen, dass dieses oder jenes  Gebilde  eine Pflanze  sei,  wenn  sie  nicht  alle  nach  einem Muster gebildet wären.» 


Schiller  betrachtete dieses  Gebilde,  das  nicht  in  einer einzelnen,  sondern  in  allen Pflanzen  leben  sollte,  und  sagte  kopfschüttelnd:  «Das  ist keine Erfahrung,  das  ist  eine  Idee.»  Wie  aus  einer fremden  Welt kommend, erschienen Goethe diese Worte.  Er konnte nichts entgegnen als: «Das kann mir sehr lieb sein, wenn ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit  Augen  sehe.» Und er war  ganz  unglücklich,  als  Schiller daran die Worte knüpfte: «Wie kann jemals eine Erfahrung gegeben  werden,  die  einer Idee  angemessen  sein  sollte.  Denn  darin besteht  das Eigentümliche  der  letzteren,  dass  ihr  niemals  eine Erfahrung kongruieren könne.» 


Zwei entgegengesetzte Weltanschauungen stehen in diesem Gespräch einander gegenüber. Es hat für Goethe keinen Sinn zu sagen, ein Ding entspreche der Idee nicht.  Anders  denkt  Schiller. Ihm sind Ideenwelt und Erfahrungswelt zwei getrennte Reiche. Quelle: Rudolf Steiner - Goethes Weltanschauung. In den »Philosophischen Briefen« gibt Schiller seiner spiritualistisch-optimistischen Weltanschauung beredten Ausdruck. »Das Universum ist ein Gedanke Gottes.« »Wo ich einen Körper entdecke, da ahne ich einen Geist.« Alle Geister werden von Vollkommenheit angezogen, alle streben nach dem Zustand der höchsten freien Äußerung ihrer Kräfte. Die Natur ist »ein unendlich geteilter Gott«. Quelle: textlog.de – Historische Texte – Friedrich Schiller

Versuchen wir herauszufinden, welche Weltanschauung  Martin Walser vertritt, werden wir von ihm belehrt, dass er das Wort 'Weltanschauung'  meidet, weil es einen fragwürdigen 'kentaurischen' Sinn hat: „Das dunkle Wortgebräu Weltschmerz zeigt durch seine schwer auflösbare Konstruktion nur, daß man eben nicht genau weiß, woran man leidet, wenn man unter Weltschmerz leidet. Aber so zurückhaltend und verhangen ein allgemeiner Kummer sich als Weltschmerz beklagt, so unverfroren kann jede unerkannte Verdauungsbeschwerde bei uns als Weltanschauung auftreten. Das liegt in der kentaurischen Natur dieser sprachlichen Möglichkeit.“ Quelle: Martin Walser: Einheimische Kentauren oder: Was ist besonders an der deutschen Sprache? (DIE ZEIT Nr. 47 / 1964)

Mit anderen Worten: Martin Walser hält es für angebrachter, über die Schönheit der Welt zu reden, als darüber, wie wissenschaftliche, technische, ökonomische und politische Erfahrungen und Erkenntnisse Weltanschauungen und individuelle Denk- und Verhaltensweisen prägen. In dem Cicero-Interview beruft sich Walser mehrfach auf  philosophische Aussagen, speziell auf Platons Vorstellung einer absoluten Ideenwelt. Man fragt sich: Hat Walser jemals darüber nachgedacht, dass die Schönheit einer Blume in seinem Garten am Bodensee weniger für ihn attraktiv sein will, sondern dass die Blume attraktiv für die Hummel sein muss, um sie zu bestäuben.


Nachtrag am 17.2.2018

Peter Hiemann ergänzte:  Ich habe keine spezielle Einsicht oder Meinung zu Peter Sloterdijks philosophischer Arbeit. Mir ist bei Sloterdijk lediglich aufgefallen, dass er mit  wissenschaftlich orientierten Gesprächspartnern effektiv interagiert.

Bei früheren Überlegungen zum Thema 'Gelassenheit und Wirklichkeit', die ich aufgrund einer persönlich schwierigen Situation nach meiner Krebsoperation angestellt habe, habe ich gesehen, wie Philosophen untereinander kommunizieren: Der Philosoph Manfred Frank wirft seinem Kollegen Peter Sloterdijk in einem offenen Brief in der ZEIT vor, „Geschweife und Geschwefel“ zu produzieren und zu verbreiten. Das klingt so: „Heidegger hat den Humanismus wie so viele Denker seiner Generation (auch Karl Barth gehört zu ihnen) zu überwinden versucht - das sei ihm, denken Sie, gutgeschrieben. Er hatte schon in Sein und Zeit Philosophie nicht mehr vom Subjekt, dem Agenten der Menschlichkeitsideologie, sondern vom Sein aus zu begründen unternommen. Aber noch hielt das "Dasein" - der fundamentalontologische Nachfolgebegriff für "Subjekt" oder "Mensch" - eine bedeutende Stellung, die auch in den Schriften nach der "Kehre" nicht aufgegeben wird. So bleibt das Dasein im Brief über den ,Humanismus' zwar "nicht der Herr des Seienden", wohl aber der "Hirt des Seins". Diese ontologische "Pastorale" gilt es nunmehr - meinen Sie - durch Radikalisierung der Absage an den Humanismus zu entharmlosen, aber ebenso, dass keinerlei Moral die Berufung des Hirten zur Wahrung seiner Wahrheit normativ anleitet.“ 


Wer Lust hat, kann Manfred Franks Brief mit dem Titel 'Geschweife und Geschwefel' lesen. Franks Brief ist einer der Gründe, dass ich (leider?) nur Philosophen respektiere, die auch in der Lage und Willens sind, aktuelle wissenschaftliche, technische, ökonomische und politische Situationen zu reflektieren. Wir haben ja Erfahrungen, dass das bei philosophisch orientierten Gesprächspartnern nicht selbstverständlich ist.

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