Donnerstag, 17. Mai 2018

Krieg der Welten − 120 Jahre nach H. G. Wells

Das 1898 erschienene Buch Der Krieg der Welten von Herbert George Wells (1866-1946) gilt als ein Klassiker der Zukunftsromane. Eine Neuübersetzung erschien im Jahre 2017. Ich las sie dieser Tage mit großem Vergnügen. Der Plot ist schnell erzählt. Er regt allerdings zum Nachdenken an. Bekanntlich wurde das Buch 1938 von Orson Welles als Hörspiel in Form einer fiktiven Reportage des Radiosenders CBS ausgestrahlt, was zu heftigen Reaktionen in der Bevölkerung führte. Später gab es mehrere Verfilmungen.

Zeitraum und Umgebung der Geschehnisse

Die Handlung umfasst knapp zwei Wochen. Sie spielt im Westen und Süden von London. Die Hauptorte sind Woking, Byfleet, Weybridge und Leatherhead, aber auch Kensington und Wimbledon. Da die Verbreitung von Nachrichten auf Fernschreiben, Zeitungen und Zugreisende beschränkt war, wurde das Ereignis zunächst nur lokal beachtet. Je weiter weg, umso ungläubiger reagierten die Leute. Sie führten zunächst ihr gewohntes Leben fort. Am Schluss preist der Autor London als die ‚großartige Mutter aller Städte‘ und freut sich, dass sie überlebte.

Physikalische Grundlagen und Auslöser

Auf dem Planeten Mars werden an zehn aufeinanderfolgenden Tagen je eine Explosion in einem seiner Krater beobachtet. Einige Tage später zischten seltsame Meteoriten am Himmel und schlugen auf der Erde ein. Sie bildeten einen großen Einschlagtrichter, in dem ein großes zylinder-förmiges Geschoss mit Brandspuren zu erkennen war. Als es sich abgekühlt hat, entstiegen aus jedem Geschoss mehrere bärengroße unförmige Gestalten. Sie hatten weder Kinn noch Hals. Auffallend an ihnen waren große Augen, ein unförmiger Mund und eine Vielzahl von Tentakeln. Mit diesen konnten sie geschickter umgehen als wir mit unsern Fingern.

Es fehlte der bei irdischen Lebewesen abwärts der Schultern anzutreffende Körperteil vollkommen. Anstatt pflanzliche oder tierische Produkte zu zerkleinern und zu verdauen, ernährten sie sich nämlich von Blut [heute würde man Infusionen oder elektrische Ladungen sagen]. Mit andern Worten: Sie konnten auf Magen und Darm verzichten [also auf Chemie und Physik], dafür waren Gehirn und Hände weiter entwickelt als beim Menschen. Sie kommunizierten untereinander, auch ohne sich zu sehen [also per Telepathie oder Mikrowellen].


Marsianer in der Stadt

Im Vergleich zur Erde gilt der Mars als älter und früher erkaltet. Er hat weniger Masse und daher weniger Atmosphäre und Nahrungsquellen als die Erde. Seine Bewohner, im Buch Marsianer genannt, wissen dies und sehen die Erde als mögliche Kolonie an, auf der sie länger existieren könnten als auf dem Mars. Allerdings wiegen sie auf der Erde das Dreifache als auf ihrem Heimatplaneten, ihre Muskelkraft ist aber die gleiche. Sie können sich also nur mit Hilfsmitteln bewegen. Jeder der gelandeten Marsianer baute sich daher eine auf 10 Meter langen Spinnenbeinen ruhende Kampfmaschine. Räder gab es auf dem Mars keine [gab es auf der Erde auch nicht überall].

Waffen und taktische Vorgehensweise

Jeder Marsianer verfügte über einen handgroßen Parabolspiegel, mit dessen Hilfe er unsichtbare Blitze aussenden konnten [Laserstrahlen würden wir heute sagen]. Damit brachten sie Blei und Glas zum Schmelzen, verdampften Wasser und töteten Menschen und andere Lebewesen. Ferner verteilten sie tödliche Rauchschwaden [eine Art von Giftgas]. Mit ihrer Hilfe konnten sie einzelne Menschen oder Gruppen einschließen oder Flächen unbewohnbar machen.

Reaktion der Behörden und der Bevölkerung

Die englische Regierung schickte zuerst Husaren [also Kavallerie] vor Ort, danach Artillerie. Dieser gelang es einen der Marsianer beim Überqueren der Themse zu treffen. Er wurde von seinen Kollegen abtransportiert und die ganze Artillerie-Einheit mittels Giftgas ausradiert.

Als nach 10 Tagen alle Zylinder [sprich Raketen] im Umkreis von London gelandet waren und immer größere Landstriche in Beschlag genommen waren, breitete sich Panik aus. Die Bevölkerung der Stadt floh mit Kutschen, Pferdewagen oder Eisenbahnen in Richtung Norden. Andere, die es sich leisten konnten, flohen auf Schiffen in Richtung Holland und Frankreich. Es kam zu abscheulichen Szenen zwischen den Fliehenden.


Marsianer an der See

Die Angst und Verwirrung erreichten einen Höhepunkt, als die Marsianer damit begannen Fluggeräte zu bauen. Wohin soll man da noch fliehen?

Individuelle Reaktionen und Rettung

An zwei Romanfiguren veranschaulicht der Autor zwei extreme Reaktionsweisen von Menschen. Das eine ist ein Vikar, mit dem zusammen der Erzähler in einem eingestürzten Gebäude mehrere Tage lang gefangen war. Er sah die Ereignisse als Strafe Gottes an und isst und trinkt sich zu Tode. Eine andere Haltung vertritt ein Artillerist, der überlebt hatte. Der meinte, die Menschen sollen sich geschlagen geben und sich der fremden Macht unterwerfen. Sie könnten dann die Techniken der Marsianer lernen und selbst Kampfmaschinen bauen. Wenn sich genug Mutige fänden, könnte man die Marsianer irgendwann bezwingen.

Das Buch hat ein Happyend, und zwar ein ganz überraschendes. Wo immer die Marsianer waren, breitet sich anschließend eine Art von Efeu aus mit roten Blättern. Nach wenigen Tagen wird das rote Unkraut von Bakterien befallen und verdorrt. Unsere Erde ist nämlich voll von Mikroorganismen, die es auf dem Mars nicht gibt. Auch die gelandeten Marsianer werden von Bakterien befallen, gegen die sie keine Abwehrkräfte haben. In der zweiten Woche nach ihrer Landung sind alle getötet.

Nachgedanken und heutige Lehren

Wells kämpfte gegen Zeitgenossen an, die außerirdisches Leben für undenkbar hielten. Diese Meinung wird auch heute noch vielfach vertreten. Sollte es fremdes Leben doch geben, wie würden wir heute auf eine Begegnung reagieren? Es ist mein Eindruck, dass wir Menschen im Nachdenken nicht viel weiter gekommen sind als einst H. G. Wells. Wir haben alle Mond- und Marsbrocken, die zur Erde gelangten, einer Quarantäne unterzogen. Unsere Weltraumboten, etwa die beiden Voyager-Sonden, sind so gut immunisiert, wie wir dies können. Die Frage ist, ob dies reicht.

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