Donnerstag, 8. November 2018

Großbritannien, China und die Opiumkriege

In einem der letzten SPIEGEL-Hefte (40/2018) las ich eine Besprechung des soeben erschienenen historischen Romans ‚Gott der Barbaren‘ von Stephan Thome. Der Autor, Jahrgang 1972, heißt mit bürgerlichem Namen Stephan Schmitt und stammt aus Biedenkopf in Nordhessen. Er wohnt in Taiwan. Weniger der Preis von 18,99 Euro als die 720 Seiten hielten mich davon ab, das Buch sofort zu lesen. Inzwischen habe ich dies nachgeholt. Ich gebe hier zunächst nur den historischen Rahmen der Handlung wieder und stelle einige der Handelnden vor, soweit sie historisch belegt sind. Damit gehe ich auch ganz kurz auf die Romanhandlung ein. Sie steigert das, was an sich schon spannend und reichlich verworren war, und stellt einen Bezug zur deutschen Geschichte her.

Hongkong und der erste Opiumkrieg

Im Ersten Opiumkrieg (1839-1842) machte England den ersten Versuch, das China der Mandschu-Dynastie für den westlichen Handel zu öffnen. Unter Handel wurde vor allem der Import von Opium gesehen, das in Indien angebaut wurde. Englische Händler im Verband mit der Ostindienkompanie bedrängten das Parlament. Eine Flotte, bestehend aus 16 Kriegsschiffen (mit 500 Kanonen und 4000 Mann an Bord)  besetzte die Insel Hongkong als Operationsbasis. Die Briten besetzten außer Hongkong noch drei Häfen: Ningbo und Zhoushan am Jangtsekiang und Tianjin am Beihai. Ein in Tianjin abgeschlossener Vertrag, in dem China auf Hongkong verzichten und hohe Reparationen zahlen sollte, lehnte der Kaiser ab. Daraufhin setzten die Engländer den Krieg fort und eroberten Nanjing. Der dort 1842 abgeschlossene Vertrag gilt in China als der erste der ‚Ungleichen Verträge‘. Er verpflichtete die Chinesen zur Öffnung der Handelshäfen Kanton, Xiamen, Fuzhou, Shanghai und Ningbo für Ausländer, zur Duldung weitgehend unbeschränkten Handels mit Opium, zur Abtretung Hongkongs sowie zu Reparationszahlungen. Die Insel Hongkong (chinesisch für Duftender Hafen) wurde  erst im Jahr 1997 an China zurückgegeben. Seitdem ist es eine Sonderverwaltungszone unter Beibehaltung einer freien Marktwirtschaft und hoher innerer Autonomie.

Zweiter Opiumkrieg und Besetzung Bejings

Der Zweite Opiumkrieg (1856-1860) brach aus mit der Beschlagnahme eines unter englischer Flagge segelnden Schiffes, das Opium und andere Schmuggelware nach Kanton brachte. Als die vorwiegend chinesischen Besatzungsmitglieder von den Behörden nicht freigelassen wurden, erklärten die Briten den Krieg. Um die angebliche Hinrichtung eines französischen Missionars zu rächen, schloss sich Frankreich an. Im Grunde suchten beide Staaten eine Erweiterung ihrer Einflusssphäre in China.

Im Jahre 1857 wurde Kanton eingenommen und im Jahr darauf die Dagu-Festungen in der Nähe von Tianjin. Es kam zur Unterzeichnung des Vertrags von Tianjin, welcher gleichzeitig auch von Frankreich, Russland und den USA verhandelt wurde. Dieses Abkommen öffnete elf weitere Häfen für den Handel mit dem Westen. Als China zögerte, diesen zweiten der „Ungleichen Verträge“ anzuerkennen, rüsteten 1860 Briten und Franzosen zum Angriff auf Bejing. Beteiligt waren 11.000 Briten (zum großen Teil Inder) und 6.700 Franzosen. Die Truppen besetzten die Stadt und verwüsteten anschließend den Sommerpalast des Kaisers. Auch die Russen griffen ein, mit der Folge, dass China Gebiete in der Mandschurei, am Usuri und am Amur an das Zarenreich verlor. Als im darauf folgenden Jahr der Kaiser starb, übernahm Prinz Gong die Macht, zusammen mit der Kaiserwitwe Ci Xi. Diese hat China 42 Jahre lang regiert und trat vor allem während des Boxeraufstands 1899-1901 in Erscheinung. An seiner Niederschlagung war auch das deutsche Kaiserreich beteiligt.

Taiping-Aufstand
           
Genau zur gleichen Zeit, als China sich gegen britische und französische Angriffe zu wehren hatte, wurde es durch innere Unruhen erschüttert. Hóng Xiùquán (1814-1864), der aus einer bäuerlichen Familie der Provinz Guandong im Süden Chinas entstammte, war mehrmals bei den staatlichen Prüfungen durchgefallen. Er verfiel in geistige Wahnvorstellungen, während der er Visionen gehabt haben soll. Diese basierten auf Vorstellungen, auf die ihn ein deutscher protestantischer Theologe gebracht hatte, dessen Übersetzungen ins Chinesische er gelesen hatte. Hauptberuflich arbeitete er für ein britisches Unternehmen, das im Opiumhandel tätig war. Er gründete 1837 eine dem Christentum nahe stehende religiöse Gemeinschaft, die er ‚Großes Reich des Himmlischen Friedens’ (chinesisch: tàipíng tiānguó) nannte. Er selbst bezeichnete sich als ‚Himmlischer König’ (chinesisch: tiānwang) und jüngeren Bruder Jesu. Man verteilte Bibeln gratis und predigte die Zehn Gebote. Man zeigte keinerlei Toleranz gegen andere Glaubensbekenntnisse. Hong war ein Hakka und gehörte damit einer benachteiligten Volksgruppe an. Er wollte zunächst gegen die Mandschu-Herrscher kämpfen. 

Aufstandsgebiet der Taiping

Hans Magnus Enzensberger hat im SPIEGEL 3/2015 dem Taiping-Aufstand ein mehrseitiges Essay gewidmet. Die Überschrift lautete ‚Der vergessene Gottesstaat‘. Es sei einer der größten Bürgerkriege der Weltgeschichte gewesen. Der himmlische König habe sich wie später die Kommunistische Partei Chinas, der modernsten Techniken bedient, um seine  Ziele zu erreichen. Ich zitiere Enzensberger für einige Details:

Am kaiserlichen Hof wollte niemand etwas von solchen Innovationen wissen. Hong Xiuquan knüpfte zur Verbreitung seiner Botschaft ein engmaschiges Netz von Kurieren und gründete Druckereien, um Flugschriften und Anweisungen unter das Volk zu bringen. Für die Kranken ließ er Spitäler bauen. Um für den Nachschub zu sorgen, legte er Straßen an. Sogar den Bau von Eisenbahnen soll er geplant haben. … Obwohl Plünderungen ihnen verboten waren, fielen seine Truppen über die Dörfer her. Sie konfiszierten das Vieh und nahmen die Vorräte der widerspenstigen Bauern in Beschlag. Doch Beutezüge und Lösegeldzahlungen reichten nicht hin, um Hongs Kriegskasse zu füllen. Dazu war er auf Geschäfte mit fremden Waffenhändlern, Schmugglern, Abenteurern und Schiebern angewiesen. Und was die Frauen betraf: So streng er sie zum Gehorsam anhielt, so gern brauchte er sie als Hilfstruppen und setzte sie als Attentäterinnen ein. … Klar ist auch, dass das Reich der Taiping nicht von außen besiegt worden, sondern an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gegangen ist. … Je erfolgreicher und selbstsicherer die Taiping anfangs waren, desto brüchiger wurde ihre Herrschaft. Ihr Anführer ernannte immer mehr Vizekönige, "Prinzen", "Minister" und "Gouverneure", die miteinander rivalisierten und ihm die Herrschaft streitig machten. Zerwürfnisse, Niederlagen und Hungersnöte häuften sich. Vetternwirtschaft, Bestechlichkeit, Gier und Grausamkeit der Kämpfer taten ein Übriges. Hong selbst zog sich von seinen Anhängern zurück und setzte sich über seine eigenen Regeln hinweg, indem er sich einen Harem von 88 Beischläferinnen hielt und einem absurden Luxus frönte.

Zwanzig bis dreißig Millionen Todesopfer soll diese  Erhebung gefordert haben, mehr als 600 Städte wurden von ihr eingenommen und achtzehn Provinzen beherrscht. So viele Menschen kamen ums Leben, dass die Kämpfe schließlich aus Mangel an Kämpfern endeten. Beim Lesen der Gräueltaten der Taiping-Rebellen hatte ich dieselbe Idee, die auch Enzensberger zum Ausdruck bringt. ‚Die Parallelen zum Dschihad des "Islamischen Staates", der sich heute zwischen dem Mittelmeer und Pakistan ein gewaltbereites Imperium zu errichten sucht, sind unübersehbar.‘ Ob man vom Zusammenbruch der Taiping-Bewegung auf das Ende des IS hoffen darf, sei dahingestellt.

Romanfiguren und andere

Dem Charakter eines Romans entsprechend sind in Thomes Buch mehrere Figuren sehr nuancenreich beschrienen. Einige davon sind historisch, andere nicht.

Der General Zeng Guofan (1811-1872) vertrat das alte China. Er stammte aus einer alten, nicht sehr wohlhabenden Familie der Provinz Hunan und hatte alle Prüfungen des Hofes bestanden. Er war Anhänger der konfuzianischen Lehre und liebte besonders die Schriften eines Dichters aus seiner Heimatprovinz. Er verfasste Gedichte und philosophische Essays. Als die langhaarigen Anhänger Hongs, die dem Gott der Barbaren huldigen und die Ahnentafeln zerstörten, in die Provinz Hunan einfielen, organisierte er den Widerstand. Mit seiner halb-privaten Hunan-Armee befreite er die Hauptstadt Changsha. Anschließend belagerte er die Stadt Anqing am Jangtsekiang und verhinderte das weitere Vordringen der Aufständischen nach Westen. Ab dem Jahre 1860 belagerte er Nanjing mit 20.000 Soldaten. Die Belagerung dauerte vier Jahre lang (bis Juli 1864) und bereitete der Taiping-Bewegung ein blutiges Ende.

Der stets  im Namen der Königin Victoria und des Parlaments auftretende Brite war Lord Elgin (1811-1863). Sein voller Name lautete James Bruce, 8. Earl of Elgin und 12. Earl of Kincardine. Sein Vater hatte die Friese der Akropolis aus Athen ins Britische Museum nach London gebracht. Lord Elgin verkörperte in China den englischen adeligen Diplomaten, der stets langfristigere Ziele im Kopf hatte als die Generäle ihrer Majestät. Als Anhänger des Philosophen Hegel sah er sich als ‚Weltgeist auf dem Wasser‘. Eigentlich träumte er stets von seinem schottischen Landgut und seiner Frau, bei denen er viel lieber sein wollte als im verworrenen China. Dass englische Missionare in Hongs Theologie eine Frühform des Christentums, den Arianismus, entdeckten, steigerte die politische Verwirrung.

Die folgende Person ist frei erfunden. Sie heißt Philipp Johann Neukamp. Vielleicht wurde sie eingefügt, um den Stoff für deutsche Leser interessanter zu machen. Jedenfalls stellt er einen Bezug zur deutschen Geschichte her. Er hatte in Berlin mit Robert Blum (1807-1848) zusammengearbeitet. Blum war ein prominenter Abgeordneter des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments, der 1848 in Wien standrechtlich erschossen wurde. Im Auftrage der Basler Mission ging Neukamp nach Hongkong. Hier lernte er Vertreter der Taiping-Rebellion kennen. Mehrere Versuche, nach Nanjing zu gelangen, schlugen fehl. Als er es schließlich geschafft hatte, wurde er dort sehr bewundert und verehrt. Kurz vor der Eroberung Nanjings gelang es ihm, der Belagerung zu entkommen und nach Amerika zu fliehen.

Wen ich in dem Buch erwartet habe, aber nur in einem Nebensatz erwähnt fand, war Charles George Gordon (1833-1885). Er hatte sich bereits im Krimkrieg gegen die Türkei ausgezeichnet. In China leitete er das Söldnerheer, das zuerst die Stadt Shanghai gegen einen Angriff der Taiping-Rebellen erfolgreich verteidigte. Da das offizielle England sich neutral verhielt, zog Gordon mit 4.000 indischen und chinesischen Söldnern in Nanjing ein. Bekanntlich übernahm Gordon viel später nochmals eine riskante Mission, als er 1885 im Sudan gegen den Aufstand des Mahdi kämpfte und in Karthum sein Leben verlor.

Schlussgedanken

Zweifellos gelingt es Thome den vielen politischen, sozialen, religiösen und weltanschaulichen Themen und Überzeugungen, die hier zur Diskussion standen, einen angemessenen Ausdruck zu verleihen. Wir wissen immer noch viel zu wenig über den langen Weg, den China ging, bis es zu seiner heutigen Rolle in der Welt fand. Chinesen sind sich dessen durchaus bewusst. Dass auch bei uns ein Interesse an romanhaften Darstellungen von Geschichte besteht, ist nicht zu leugnen. An die sprachliche Klasse eines Daniel Kehlmann kommt Thome jedoch nicht heran.

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