Donnerstag, 17. Januar 2019

Englisches Drama mit mehreren Akten

Großbritanniens Premierministerin Theresa May ist mit ihrem Brexit-Deal gescheitert. “Die größte Niederlage, die es jemals im britischen Unterhaus gegeben hat” - Theresa May hat mit ihrem Brexit-Deal einen traurigen Rekord aufgestellt. Der Premierministerin fehlten bei einem Ergebnis von 432 zu 202 satte 230 Stimmen. Das toppe den vorigen Rekord von 166 fehlenden Stimmen aus dem Jahr 1924 mit Leichtigkeit, so beschrieb es eine bekannte Tageszeitung (The Independent).

Kommentare aus deutscher Sicht

Als Administrator eines Blogs, der das Thema Brexit schon öfters behandelte, stieß ich eine Diskussion im Leserkreis an. Hier ein kurzes Protokoll:

Bertal Dresen (BD): Die klare Abfuhr, die Theresa May am Dienstag bekam, hat mich doch etwas überrascht. Das ganze Unterhaus hat sich gegen die Jugend und die Wirtschaft des Landes verschworen. Kann es sein, dass der No-Deal-Brexit viel zu schwarz gemalt wird? Was passiert am 30. März und danach, wenn nirgends Zöllner auftauchen? 'Just keep going!'.

Hartmut Wedekind (Darmstadt): Was passiert am 30.3.? Ganz einfach: Bilaterale Einzelhandelsverträge ohne Zölle (bilateral! Das Multilaterale geht sowieso nicht in die politischen Köpfe, auch nicht bei denen, die Multilateralität predigen). Eine hohe Abstraktionsleistung wird verlangt. Und das hat man in den Schulen nicht gelernt.

Interessen sind konkret, Zwecke und Ziele, die man erreichen will, sind abstrakt, also  einer Invarianz bzgl. konkreter Interessen ausgesetzt. Wir erleben einen Niedergang der Intellektuellen, die eigentlich für's Abstrakte zuständig sind. Gibt's die noch? Was sollen Zölle? Finanzzölle? Das Geld kann eine Regierung sich anderweitig beschaffen. Schutzzölle? Das geht wegen gegenseitiger Racheakte in die Hose.

Einzelverträge am 30.3.: Und dann in der Rest-EU  "Business as usual". Bis der letzte Rest der EU auch platzt, weil wir nichts in der Birne haben. Dann werden wir weiter sehen. Lauter ungeschulte Leute, wohin man hinblickt. Das ist nicht  Demokratie im aufklärerischen Sinne, das ist − jetzt kommt das Wort − breiter Populismus von Leuten, die nichts Konstruktives gelernt haben. Etwas anderes kann sich ein Land auch gar nicht leisten, als "business as usual". Das nennt man journalistisch Pragmatismus, besser wäre Opportunismus, die günstige Gelegenheit erwischen wie beim Spiel. Spieler sind's die da oben. Noch nicht einmal China, die USA oder Russland, die Großen also  sind frei vom Opportunismus. Intellektualität  und ihre Vertreter steckt man auch dort am besten in die Labors. Die dürfen dann auch mal ein bisschen herumbloggen.

PS: Die Jugend in England soll die Klappe halten. Die haben somit  kein Recht, sich zu beschweren. Die sind beim Brexit 2016 überwiegend  nicht zur Wahl gegangen. Da liegt der Hund begraben. Die paar Intellektuellen in London und Oxbridge, die gegen den Brexit waren, machen den Kohl  dann auch nicht mehr fett. Und: Die Regierung unter Cameron hatte die Lage 2016 völlig unterschätzt. Der Geisteszustand seiner auch jugendlichen Bevölkerung war ihm nicht bekannt.

BD: Meine Frage war, wer ist interessiert und in der Lage in Dover und Calais Zölle zu erheben. Ich bezweifele, dass es solche Idioten gibt. Die vorhergesagten Staus kann es daher garnicht geben. Dass im Unterhaus viele verbohrte Hornochsen sitzen, ist offensichtlich. Dass bei den Tories die Hälfte Brexiteers sind, war mir klar. Boris Johnson ist nur der lauteste. Enttäuscht bin ich von der Labour-Fraktion. Machte sich doch einst Tony Blair sehr stark für die EU. Jetzt macht Jeremy Corbyn Spielchen. Ich glaube, der verrechnet sich. Nur dass dabei das Land leidet, das stört ihn nicht.

Gerhard Schimpf (Pforzheim): Dieses Land hat beim ersten Referendum beschlossen, sich in das rechte Bein zu schießen, in der Hoffnung, dass sie dann besser gehen können. Die Regierung hat nun einen Plan vorgelegt und das Parlament hat dagegen gestimmt, sich alternativ in das linke Bein zu schießen. Vielleicht hinken sie in ein paar Wochen auf beiden Beinen. Wie wir die Briten kennen, werden sie danach stolz darauf sein „to be different“ und es der Welt gezeigt zu haben.

Peter Hiemann (Grasse): ich schätze, dass das Chaos im Englischen Unterhaus und die Spaltung in der Englischen Gesellschaft ähnlich ein, wie das Chaos der Gelbwesten-Bewegung in Frankreich, die Dominanz populistischer Parteien in Italien, die rasche Entwicklung einer nationalorientierten Partei in Deutschland, und das Entstehen autokratischer Regime in Ungarn und Polen. Es sind Hinweise, dass derzeit die Verhältnisse in westlichen Demokratien gestört sind. Derzeit ist 'Hochzeit' für Populisten. Vermutlich werden wir bald wissen, wer demnächst in England einen Führungsanspruch auf populistische Weise geltend machen wird.

Lothar Monshausen (Bitburg): Es ist halt nicht so einfach das zu verstehen, was die Engländer (also nicht die Schotten, Nordiren oder Waliser) wollen. Trotzdem ist ein Brexit auch für die EU ein herber Verlust, da es bei Zollkontrollen mit tausenden LKW-Staus bis nach London kommen kann (Prognose von Prof. Sinn). Auch das "Machtverhältnis" im EU-Parlament wird sich dann vermutlich nach Süden verlagern (wenn man die Einwohnerzahlen vergleicht). Die Abstimmungen im EU-Parlament sind dann auch bei der bevorstehenden Wahl dieses Jahr nicht zu unterschätzen, weil in Deutschland kaum jemand seine Stimme abgibt, außer von der AfD, die ja nationale Interessen im Vordergrund sieht. Das ist übrigens auch ein Trend in anderen südlichen Ländern Europas. Es ist halt die gefährliche Drift der Hochbezahlten und Unterbezahlten - in Frankreich entsteht wieder eine eine neue "Revolution". Es ist die Aufgabe der EU-Politiker das Gefühl "EU-First" mal gegen die Macht der Chinesen und USA entgegenzutreten, dagegen ist der "Brexit" nur ein Problem des ehemaligen britischen Imperiums. Ich hoffe, dass meine Aussagen nicht lächerlich sind, aber wir werden sehen....

Wie geht es weiter?

Bei der gestrigen Vertrauensabstimmung erhielt Theresa May – wie erwartet − alle Stimmen ihrer Partei und die der Nordirischen Unionisten (DUP). Damit bleibt die Regierung im Amt. Ihr bleiben jetzt gerade mal drei Tage, um einen "Plan B" auszutüfteln. Dabei will die EU gar nicht neu verhandeln, wie sie es bereits mehrfach betonte. Alles sieht also nach einem “harten Brexit” aus, einem unkontrollierten Ausstieg Ende März. Das mag aber eine Mehrheit der Abgeordneten des Unterhauses nicht. Das Theater geht  jedenfalls weiter. Den Deus ex machina gibt es bei Shakespeare zwar äußerst selten im Vergleich zu allerlei Intrigen und Komplotten, zu Mord und Totschlag. Wir lassen uns überraschen.

Mittwoch, 2. Januar 2019

Michelle Obama reflektiert über ihren Lebensweg als Frau und Afroamerikanerin

Ein Weihnachtsgeschenk, das mich in den letzten Tagen in Beschlag legte, war die soeben erschienene Selbstbiografie von Michelle Obama (*1964), der Gattin des vorletzten amerikanischen Präsidenten. Das Buch trägt auch im Deutschen den Titel Becoming (deutsch Werden) und umfasst 448 Druckseiten. Darin zeichnet die Autorin das Bild einer selbstbewussten, klugen und tapferen Frau an der Seite eines ungewöhnlichen Politikers. Einer Kritik von Obamas Nachfolger Donald Trump enthält sich die Autorin weitgehend. Stattdessen betont sie umso klarer ihre Ziele, Methoden und Umgangsstile, was den Kontrast recht deutlich macht. In erster Linie vermittelt das Buch eine Reihe von politischen und gesellschaftlichen Botschaften, und das nicht nur für Frauen und Angehörige von Minderheiten. Darüber hinaus kann ich das Buch allen empfehlen, die sich für  die Besonderheiten der USA und ihre aktuellen Probleme interessieren.

Familiärer Hintergrund und Studium

Michelle Obama wurde im Südteil von Chicago geboren. Ihr Vater Fraser Robinson war als Wartungstechniker bei den Stadtwerken beschäftigt. Die Mutter arbeitete als Sekretärin in einem Büro in der Stadtmitte. Ihr Großvater väterlicherseits war von einer Farm in South Carolina nach Chicago gezogen. Sie besuchte eine High School in ihrem Viertel mit einem Anteil von 80% Kindern afroamerikanischer Abstammung. Mit 10 Jahren wurde sie von einer Mitschülerin gefragt: ‚Warum sprichst Du eigentlich wie ein Weißer?‘ Gemeint war, dass sie korrektes Englisch sprach. Ihre Eltern hatten ihr eingebläut, sie solle sich auf das Lernen konzentrieren, um alles andere würden sie sich kümmern.

Der ältere Bruder Craig tat sich als Basketballer hervor und bekam als solcher einen Studienplatz an der berühmten Universität in Princeton, NJ, angeboten. Als sie einer Studienberaterin sagte, dass sie auch nach Princeton möchte, meinte diese, sie hätte Zweifel, ob sie dafür geeignet sei. Sie bewarb sich dennoch und wurde angenommen. In Princeton gab es vorwiegend männliche Studenten und einen Anteil von 9% Farbigen. Diese blieben weitgehend unter sich, so beim Essen, Tanzen, und dgl. Sie gewann unter anderem eine Freundin (Suzanna) aus Jamaika. Sie belegte als Hauptfach Soziologie mit dem Nebenfach Afroamerikanische Studien, das sie 1985 mit dem Bachelor of Arts (BA) abschloss. Danach wechselte sie zur Harvard University, wo sie 1988 mit dem akademischen Grad Juris Doctor (JD) ihre Ausbildung beendete.

Erste Anstellung und Begegnung mit Obama

Direkt nach dem Studium wurde Michelle Robinson Mitglied des Chicagoer Büros der Anwaltskanzlei Sidley & Austin, in dem sie schwerpunktmäßig Fragen von Eigentumsrechten bearbeitete. Zur Kanzlei gehörten etwa 400 Anwälte, fünf davon waren Afroamerikaner. Sie trug jetzt Kostüme und fuhr einen Saab. Sie wohnte im Elternhaus.

In der Kanzlei tauchte eines Tages der drei Jahre ältere Barack Obama auf, der hier ein Praktikum absolvierte. Obama (*1961) hatte einen Bachelor von der Columbia-Universität aus New York City und hatte drei Jahre lang als Sozialarbeiter (engl. community organizer) in Chicago gearbeitet, ehe er sein Jura-Studium in Harvard begonnen hatte. Er benötigte noch zwei Jahre, bis zum Abschluss. Michelle wurde beauftragt, sich um den potentiellen zukünftigen Mitarbeiter zu kümmern. Sie durfte ihn sogar auf Firmenkosten zu Essen einladen. Früh erkannte sie die Einzigartigkeit seiner Person und seines Charakters.

Obamas Mutter, Ann Dunham (1942-1995), hatte europäische Vorfahren. Ihre Eltern lebten in Honolulu auf Hawaii. Sein Vater, Barack Obama Senior (1936-1982), war aus Kenia. Er war dort verheiratet und hatte bereits Kinder. Die Mutter heiratete später einen Geologen aus Indonesien und zog mit ihm und ihrem Kind nach Jakarta. Im Alter von neun Jahren schickte sie das Kind zu den Großeltern auf Hawaii, damit es dort zur Schule ging. Obama war vielseitig interessiert und gab in Harvard eine juristische Fachzeitschrift heraus. Michelle sah in ihm eine Art von Einhorn, d.h. eine sehr ungewöhnliche Erscheinung. Seine Gedanken und sein Verstand richteten sich stets von Spezialfragen schnell auf die abstrakten Probleme dahinter. So sah er als Grund vieler sozialer Probleme die Ungleichheit der Einkommen.

Nachdem sie sich entschlossen hatten zu heirateten, brachte Obama seine zukünftige Frau nicht nur zu den Großeltern in Honolulu, sondern auch zu den Angehörigen in Kenia. Die dortige Oma lebte in einer dörflichen Umgebung, weit von der Hauptstadt Nairobi entfernt. Obamas Stiefschwester Auma studierte damals in Deutschland. Zur Hochzeit Obamas im Oktober 1992 in Chicago kamen mehrere Hundert Gäste. Vertreten waren Familienangehörige, Freunde und Kollegen von beiden Seiten. Nach einer Fehlgeburt und anderen Komplikationen wurde 1998 die erste Tochter Malia geboren. Die zweite Tochter Natascha, genannt Sasha, kam 2001 zur Welt dank einer künstlichen Befruchtung.

Weitere Jobs und Beginn von Obamas politischer Laufbahn

Schon vor ihrer Heirat mit Obama verließ Michelle die gut dotierte Stellung in der Anwaltskanzlei, um für die Stadtverwaltung Chicagos tätig zu werden. Sie wurde Sachbearbeiterin im Stab des Bürgermeisters Richard Daley für Planung und Stadtentwicklung. Ihre Vorgesetzte war Valerie Jarrett, die später mit nach Washington kam. Parallel dazu wurde Michelle Obama 1993 Geschäftsführerin des Chicagoer Büros der Initiative „Public Allies“. Diese NGO hatte sich das Ziel gesetzt, Nachwuchs für öffentliche Ämter zu identifizieren und zu fördern. Im Jahre 1996 wechselte Michelle ein weiteres Mal, und zwar ging sie in den Dienst der Universität von Chicago. Sie übernahm dort das Amt für Öffentlichkeitsarbeit (engl. Community and External affairs). Beide Obamas zahlten in dieser Zeit je 600 $ pro Monat für ihre Studien-Kredite zurück. Dennoch kauften sie ein Haus. Michelle erlebte zwei Schicksalsschläge, die sie emotional sehr trafen, nämlich den Tod ihres Vaters (infolge von Multipler Sklerose) und den ihrer Freundin Suzanne (infolge einer Krebserkrankung).

Barack Obama übernahm nach Beendigung seines Studiums 1992 eine Stelle bei einer lokalen Anwaltskanzlei (Davis, Miner, Barnhill & Galland). Er engagierte sich während des Wahlkampfs von Bill Clinton in einem Projekt (VOTE! genannt) zur Gewinnung von Neuwählern. Seine Mutter besorgte ihm anschließend eine Hütte auf Bali, wo er sein Buch ‚Ein amerikanischer Traum‘ innerhalb von fünf Wochen fertig stellte. Im Jahre 1996 trat Barack Obama in die Politik ein, indem er für den Senat des Staates Illinois in Springfield kandidierte. Er wurde mit überwältigender Mehrheit gewählt. Acht Jahre lang pendelte Obama wöchentlich zwischen Springfield und Chicago. Das Wochenende verbrachte er stets bei seine Frau in Chicago. Dienstag bis Donnerstag weilte er am Sitz der Staatsregierung und des Parlaments von Illinois.

Früh musste Obama erkennen, dass Politik fast immer ein zäher Kampf ist zwischen Pattsituationen, Betrug, schmutzigen Deals und schmerzlichen Kompromissen. Nach Michelles Meinung half ihm dabei seine hawaiianische Gelassenheit. Niederlagen führten dazu, es mit einer geänderten Taktik noch einmal zu versuchen. Manche Angriffe erfolgten unterhalb der Gürtellinie. Er sei gar kein Schwarzer, sondern ein angemalter Weißer, so argumentierten einige der Gegner.

Von der Lokal- zur Bundespolitik

Im Jahre 2004 kandidierte Obama zum ersten Mal für den US-Senat. Er schlug sieben Gegner aus dem Feld und gewann schließlich mit einem Stimmenanteil von 70%. John Kerry, der Vorsitzende der Demokratischen Partei, lud daraufhin Obama als Eröffnungsredner auf den Kongress in Boston ein. Danach galt Obama USA-weit als politischer Rockstar. Sein neun Jahre zuvor erschienenes Buch wurde plötzlich zum Bestseller. Obama selbst wurde zum Hoffnungsträger für Viele.

Michelle machte sich keine Illusionen, dass dies zu einer Spannung zwischen ihrer Familie und den Bürgern des Landes führen würde. Sie wollte ihren Mann für die Familie, alle anderen fürs Land. ‚Wir schaffen das! Wir kriegen das hin!‘ Das war schließlich ihre wohlüberlegte Antwort – die für uns Deutsche etwas an Angela Merkel erinnert. Obama besaß ja Intelligenz, Disziplin, Temperament, Selbstvertrauen und Optimismus. Sie glaubte jedoch nicht, dass ein Schwarzer es schaffen würde. Jedenfalls musste er mehr tun als andere Kandidaten.

Präsidentschaftswahlkampf 2008

Im Februar 2007 warf Obama seinen Hut in den Ring. Seine Gegenkandidaten innerhalb der demokratischen Partei waren Hillary Clinton, John Edwards und andere. Obama wurde im Wahlkampf zu einem menschlichen Kugelblitz. Er fand viele Unterstützer, vor allem unter Jugendlichen. Drei Monate nach Ankündigung Obamas für die US-Präsidentschaft zu kandidieren, unterbrach Michelle Obama ihre eigene berufliche Karriere und widmete sich ganz dem Wahlkampf ihres Mannes.

Michelle Obama hielt im August 2008 eine viel beachtete Rede auf dem Parteitag der Demokraten in Denver, CO. Hier wie bei den Reden, die sie an verschiedenen Orten der USA hielt, versuchte Michelle ihrem Mann zu helfen, nicht durch die Wiederholung seiner politischen Aussagen oder durch Schmeicheleien, sondern durch Hinweise auf ihren eigenen familiären Hintergrund und ihren Werdegang. Sie nahm viele eigene Termine wahr und wurde von eigenen Hilfskräften unterstützt. Zum Schluss des Wahlkampfs wurde ihr sogar von der Partei ihres Mannes ein Flugzeug zur Verfügung gestellt.

Es war allen Beteiligten klar, dass es eine Botschaft für die Welt darstellen würde, sollten die USA einen schwarzen Präsidenten wählen. Michelles Worte wurden quasi auf die Goldwaage gelegt. Als sie einmal sagte, dass sie zum ersten Mal stolz auf ihr Land sei, wurde dies als Geständnis ausgelegt, dass sie vorher ihr Land verachtet hätte. Sie musste dies später immer wieder zurechtstellen.

Zuhause kümmerte sich ein Teilzeit-Koch um gesundes Essen für die ganze Familie. Eine philippinische Kinderfrau betreute die Kinder. Barack Obama selbst wurde immer mehr von einer unterstützenden und abschirmenden Wolke umgeben. Er konnte sich nicht mehr frei bewegen. Auch seine Frau und seine Kinder erhielten Sicherheitsagenten zugewiesen.

Frau des ersten schwarzen US-Präsidenten

Nachdem im November 2008 Obama einen phänomenalen Sieg errungen hatte, war klar, dass er viele, die sich sonst nicht beteiligten, zu den Wahlurnen gebracht hatte. Es rief dies die Sorge hervor, ob sich alle damit verbundenen Erwartungen einlösen ließen. Als die Familie von George W. Bush, des Amtsvorgängers, die Obamas ins Weiße Haus einlud, drängte sich bei Michelle nicht zum ersten Mal in ihrem Leben die Frage auf: ‚Bin ich gut genug?‘ Wie schon so oft vorher war die Antwort, die sie sich selbst gab, auch dieses Mal: ‚Ja, ich bin es‘.

Die Inaugurationsfeier im Januar 2009 zog nicht zuvor gesehene Massen von Menschen nach Washington, DC. Vertreter der Bürgerrechtsbewegung erhielten Ehrenplätze, so die inzwischen über 70-Jährigen, die sich 1957 in Arkansas den Zugang zu einer Schule erkämpften (engl.: Little Rock Nine). Paraden, Umzüge und Bälle bestimmten die ersten Tage. Begleiteten im Wahlkampf um die 20 Menschen den Kandidaten bei jedem Schritt, so waren es plötzlich zehn Mal so viele. Selbst Frau und Kinder des Präsidenten erhielten permanent Personenschutz. Im Falle des Präsidenten zeigten die Sicherheitsleute gerne ihre Präsenz, um dadurch Angreifer abzuschrecken. Bei den Kindern musste die Strategie geändert werden. Die Bewacher sollten so unauffällig wie möglich auftreten und die Aktivitäten der Kinder nicht stören. Ein spontaner Besuch mit einer Freundin in einer Eisdiele war dennoch zuviel.

Die Frau des Präsidenten (engl. First Lady of the United States, Abk.: FLOTUS) hatte den Ostflügel des Weißen Hauses (engl. East Wing) als Wirkungsbereich und sollte sich aus dem politischen Tagesgeschäft heraushalten. Dennoch suchte und fand Michelle einige Themen, wo sie wirksam sein konnte. Beispiele sind die Kleiderordnung des Personals und der Speiseplan der Küche. Es bedurfte ernsthafter Verhandlungen, ehe die Hausherrin im Bereich des Weißen Hauses einen kleinen Garten anlegen durfte, aus dem Salat, Honig oder Früchte direkt auf den Tisch der Familie gelangten. Es gelang Michelle sogar mittels dieses Gartens eine landesweite Diskussion über gesundes Essen zu entfachen und damit das Thema der Fettleibigkeit von Kindern anzusprechen. Viel größere Mühen waren aufzuwenden, um Bundesstaaten und Firmen dazu zu bewegen, der beruflichen Qualifizierung von Mädchen verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken.

Eher einer Pflichtübung entsprach die Teilnahme an diplomatischen Empfängen und an Auslandsreisen des Präsidenten. Mit Freude erinnert sie sich, wie sie der englischen Königin im Buckingham-Palast begegnete und Desmond Tutu und Nelson Mandela in Südafrika traf. Wie jede Frau in der Öffentlichkeit interessierte es die internationale Presse oft mehr, welches Kleid sie wann trug, als was sie sagte.

Dilemma der Amokläufe

Kein Thema hat die beiden Obamas mehr frustriert als die immer wieder aufflammenden Gewalttaten im eigenen Lande. Besonders eklatant waren mehrere Amokläufe an Schulen. Nach dem ersten derartigen Massaker während seiner Amtszeit (2012 in Sandy Hook, CT) versprach Obama, sich um eine Verschärfung der Waffengesetze zu kümmern. Innerhalb weniger Wochen musste er einsehen, dass er dieses Versprechen nicht einlösen konnte. Beide Häuser des Parlaments weigerten sich, sich des Themas anzunehmen, vermutlich beeinflusst von der Waffen-Lobby (engl.: National Rifle Association, Abk. NRA).

Besonders erschütternd waren die Morde im Jahre 2015 in einer Kirche in Charleston, SC. Ein 21-jähriger Weißer erschoss neun Afroamerikaner während einer Bibelstunde. Der Täter wurde zwar anschließend gefasst und zu Tode verurteilt. Deprimierend sind die Worte, mit denen er seine Tat begründete: ‚Muss es tun, weil ihr unsere Frauen vergewaltigt und uns unser Land wegnehmt‘. Dass sich  dabei die Obamas von einem gewissen Gefühl der Mitschuld nicht freimachen wollten, liegt nahe. Jeder Fortschritt zugunsten einer Minderheit, den sie miterstritten haben, provoziert fast immer auch eine Gegenreaktion.

Versuch einer historischen Bilanz

War die erste Wahl Obamas der eigentliche Durchbruch, so war die zweite Wahl nur eine Form der Bestätigung. Auch in Michelles Buch scheint die zweite Wahlperiode sehr arm an Eindrücken und Ereignissen gewesen zu sein. Ihr sind nur wenige Seiten gewidmet. Was wird aus ihren Kindern, ihrem Mann und den Mitarbeitern – das beschäftigt sie jetzt. Weder die Kinder noch der Mann scheinen ihr große Sorgen zu machen. Sie gehen ihren Weg. Malia hat die High School abgeschlossen und wird in Harvard studieren. Barack schreibt Bücher und hält Vorlesungen an der Universität von Chicago. Er wird seinen Optimismus nicht verlieren und den Glauben an das Gute im Menschen nicht aufgeben.

Was blieb von ihr übrig? So fragt sich Michelle Obama selbst. Sie nennt 900 Kilo pro Jahr aus dem Gemüsegarten des Weißen Hauses, ein regelmäßiges Schulfrühstück für Millionen von Kindern, internationale Förderprojekte für die Ausbildung von Mädchen. Mir klingt das viel zu bescheiden. Sie grenzt sich damit bewusst und in wohltuender Weise von gewissen Leuten ab.

Bekanntlich hat Donald Trump die Präsidentenwahl gewonnen mit dem Versprechen, möglichst viel von dem, was Obama geändert hatte, wieder rückgängig zu machen. Das betraf unter anderem die Ausdehnung der Krankenversicherung auf möglichst viele Bürger. Es betrifft auch das Klimaabkommen von Paris. Es geht aber auch um einen völlig geänderten Stil. Als 2016 bekannt wurde, dass Trump mit seinen sexuellen Übergriffen auf Frauen prahlte, bezeichnete Michelle Trump als Rüpel. Was seine Tat bedeutet, heißt doch: ‚Ich kann dir weh tun, und damit durchkommen‘ Das sollte nicht akzeptiert werden, sagte sie.

Jeder gesellschaftliche Fortschritt ist ambivalent. Sobald man den jetzt Benachteiligten und Ausgegrenzten hilft, fühlen sich andere eingeschränkt oder gar angegriffen. Wir wissen nicht, wohin sich die Gesellschaft bewegt. Jede Änderung benötigt Zeit. Es gibt Schritte vorwärts, aber auch rückwärts. Soviel ist sicher: Von den beiden Obamas hängen jetzt Bilder in der Nationalgalerie. Wenn Menschen sie sehen, werden sie vielleicht angeregt zu sagen: ‚Was die konnten, das können andere auch‘. Das ist etwas Neues. Das gab es vorher nicht. So sieht dies jedenfalls Michelle Obama.