Freitag, 11. Oktober 2019

Ökosoziale Planung nach Niklas Luhmann und Bruno Latour (von Peter Hiemann)

Soziologen haben sich vorgenommen, uns die Gesellschaft zu erklären, also das soziale Zusammenleben von Menschen. Teilweise tun sie dies im Stil einer exakten Wissenschaft, indem sie nämlich beobachten und messen. Vielfach arbeiten sie wie Geisteswissenschaftler. Sobald die Dinge etwas komplizierter werden, beschränken sie sich darauf Abstraktionen vorzunehmen oder Modelle zu entwickeln. In beiden Fällen kommt es darauf an, was weggelassen wird. Das wird dann nicht als wesentlich angesehen. Zwei bekannte Soziologen haben sich mit dem Thema Ökosoziale Planung befasst. Luhmann und Latour. Ich möchte sie kurz vorstellen.

Niklas Luhmann (1927-1998)

Der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann kam in diesem Blog bereits des Öfteren vor. Peter Hiemann verwies immer wieder auf sein Werk. Luhmann war der Sohn eines Brauereibesitzers aus Lüneburg und stellte bei der Berufung nach Bielefeld weder einen Antrag für Reisemittel noch für Personalstellen. Alles was er benötigte, seien Papier und Bleistifte. Später kam noch eine Schrankkommode hinzu, der berühmte Zettelkasten. Das von ihm propagierte Gesellschaftsmodell umfasste drei Komponenten oder Perspektiven:  Programm, Interaktion und Funktion. Es wundert mich nicht, dass damit Kollegen aus der Informatik besonders angesprochen wurden, die an eine ähnliche Dreiteilung gewohnt waren, etwa bei OSI und SNA. Hier zerfiel die Welt in Daten, Verknüpfungen und Prozesse. In Luhmanns Gesellschaftsmodell kommen Menschen nicht vor, ebenso wenig Computer und Netzwerke.

Bruno Latour (*1947)

Bruno Latour ist der Sohn eines Winzers aus Beaune in Burgund. Er hatte unter anderem die Albertus-Magnus-Professur in Köln inne. Seit 1982 ist er Professor für Soziologie an der École Nationale Supérieure des Mines. Seine Habilitation erfolgte im Jahre 1987 an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, beides in Paris. Er wird manchmal als der größte Philosoph unserer Zeit bezeichnet. Er abstrahiert die Gesellschaft auf Netzwerke und Akteure. Bei ihm spielen Inhalte keine Rolle. Latour erhielt den Friedrich-Unseld-Preis (2008) und den Münchner Kulturpreis (2010).

Vergleich zweier soziologischer Planungsansätze

In seinem Beitrag Ökosoziale Planung versucht Peter Hiemann aus dem Werk der beiden erwähnten Soziologen sinnvolle Gedanken abzuleiten und zu kombinieren. Hiemann tut sich schwer, weil beide das Werk des andern nicht verstehen oder anerkennen wollen. Nicht da der eine Deutscher der andere aber Franzose ist, kam es nie zu einem Gespräch. Jeder verachtete, ja bekämpfte den fachlichen Ansatz des anderen. Mir scheint, dass die Entwicklung eines aktuellen Bedürfnissen gerecht werdenden politischen Planungssystems weder von Luhmanns noch von Latours Ideen enorm viel profitieren wird. 

Klicken Sie hier, um an Hiemanns Gedanken zu gelangen.

Dienstag, 8. Oktober 2019

Erinnerungen an Hans Diel (1942-2019)

Am Tag Der Deutschen Einheit, dem 3. 10. 2019, verstarb Hans Diel. Sein Tod kam nicht überraschend, seit vor einem halben Jahr ein sehr fortgeschrittenes Stadium von Lungenkrebs diagnostiziert wurde. Mit Hans Diel verlässt mich ein langjähriger Kollege und guter Freund. Ich möchte seiner auf eine sehr persönliche Art gedenken. Nach Manfred Roux gedenke ich hiermit eines zweiten ehemaligen Firmenkollegen, mit dem ich im Ruhestand intensiven Kontakt pflegte. Wir lebten alle drei als Nachbarn im gleichen Stadtteil.

Hans Diel 2013
Jugend und Studium

Hans Diel wurde in Scheidt in der Nähe von Saarbrücken geboren, und zwar am 27.4.1942. Dort besuchte er Grundschule und Gymnasium. Zu seinen Geschwistern und Verwandten, die im Saarland wohnten, pflegte er sein Leben lang Kontakt. Erste Computer-Erfahrungen gewann Hans Diel während seiner Stationierung bei einer Nachrichteneinheit der Bundeswehr in Meppen. Nach seiner Bundeswehrzeit studierte er Maschinenbau an der Fachhochschule Saarbrücken.

IBM-Zeit

Hans Diel wurde 1966 für das PL/I-Compilerprojekt der IBM im Labor Böblingen eingestellt. Im Interview beeindruckte er als FH-Ingenieur deshalb besonders, weil er sich über Alan Turing, die Turing-Maschine und den damit verbundenen Berechenbarkeitsbegriff ausließ. Diel begann in der Compiler-Entwicklung, trug aber später zu diversen anderen Projekten bei.

Mit Kollegen Heinz Sagl aus der PL/I-Zeit

Hans Diel hat sich durch Selbststudium und Kurse stetig weitergebildet und besaß einen guten Überblick über das gesamte Gebiet der System-Software. Er kannte sich bei Programmiersprachen und Programmiermethoden ebenso aus wie bei Datenbanken und Betriebssystemen. Er nahm daher an einer Reihe von Studienprojekten teil, aus denen neue Produkte entstanden. Mehrmals übernahm er auch die Entwurfsarbeit. Mehrere Böblinger Produkte trugen quasi seine technische Handschrift.


Übersicht Böblinger Software-Entwicklung vor 1996

In bester Erinnerung ist für viele Ex-Kollegen das Projekt ScreenView, das er maßgeblich gestaltete. Mit ScreeView konnte die Gerätekonfiguration eines MVS-Systems gleichzeitig auf mehrere Weisen dargestellt werden. Wird eine davon vom Nutzer am Bildschirm durch graphische Manipulation verändert, wirkt sich das auf alle (auch die nicht dargestellten) Sichten aus. ScreenView war als Oberfläche (engl. Frontend) zu HCD implementiert. Der größte Teil der ScreenView-Funktionen war nicht auf dem MVS-System selbst realisiert, sondern auf einem vorgeschalteten PC unter OS/2. Dies stellte damals eine neuartige Software-Struktur dar, bei der die Funktionen über mehrere Systeme verteilt waren.

Geradezu im Gegensatz zu seiner fachlichen Kreativität und Vielseitigkeit stand die Bescheidenheit und Zurückhaltung in seinem Auftreten. Er begegnete allen Kolleginnen und Kollegen stets freundlich und ausgeglichen. Wer sein Freund wurde, das entschied sich erst in einer längeren Zusammenarbeit

Mit Kollegen Gerhard Schimpf aus der DOS/VS-Zeit

Er blieb bis 1996, also 30 Jahre lang, der Softwareentwicklung treu. Während dieser Zeit gelang es ihm – was für einen Entwickler nicht selbstverständlich ist − zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten in wissenschaftlichen Zeitschriften oder auf Fachtagungen zu veröffentlichen. Sie befassten sich mit den Schwerpunkten Parallel Processing (auch Parallel Logic Programming) und User Interface Management. Er fand Anerkennung für seine Arbeiten durch Ernennung zum Mitglied der IBM Academy of Technology. Seine Veröffentlichungen zu Software-Themen umfassen den Zeitraum von 30 Jahren. Die Liste entstammt seiner Homepage und ist hier vollständig wiedergegeben.

Veröffentlichungen über Software-Themen

Seit 1996 war Hans Diel freiberuflich als Software-Berater und -Entwickler tätig. Dabei entstand auch die Arbeit zu Intelligent Java Business Objects. Hans Diel hatte einige Aufträge im Banken- und Versorgungsbereich.

Quantenphysik – ein Hobby ohne Gleichen

Als großes Hobby betrieb Hans Diel diverse Studien zur Quantenphysik. Anstatt die Ansätze stümperhaft nachzuempfinden zitiere ich eine Beschreibung, die er im Internet selbst gibt:

Meine Arbeit begann mit dem Versuch, ein umfassendes Computermodell der Quantentheorie (QT) zu entwickeln, das die Simulation der wichtigsten QT- (Gedanken-) Experimente ermöglicht. Bald musste ich erkennen, dass die Machbarkeit eines solchen QT-Computermodells nicht (wie erwartet) durch die seltsame und mysteriöse Natur von QT, sondern durch die vielen vagen und mehrdeutigen Formulierungen der Theorie beeinträchtigt wird. Die aufgetretenen Probleme (beschrieben in [1], [2], [14] und [15]) führen zu der Schlussfolgerung, dass die offensichtlichen Mängel von QT (nur?) durch die Bereitstellung eines kausalen QT-Modells (einschließlich Quantenfeldtheorie (QFT)) behoben werden könnten. und dass die Machbarkeit der Konstruktion eines Kausalmodells ein Kriterium für die Vollständigkeit einer physikalischen Theorie im Allgemeinen sein kann.

Die Entwicklung eines Kausalmodells für QT / QFT begann mit einem Vorschlag für eine klare (dh formale) Definition eines „Kausalmodells“ (siehe [16], [17]) und wurde mit der Entwicklung von (1) a fortgesetzt "Funktionales" Modell des QT-Messprozesses (siehe [5] und [6]) und (2) ein Computermodell von QFT (siehe [7]). Die Arbeit wurde von einer Reihe von Veröffentlichungen begleitet (siehe [3], [4], [8], [9], [10], [11], [12], [13], [19] und [20]) ]) und enthielt eine Reihe von Verfeinerungsschritten.

Als (bislang) jüngsten Verfeinerungsschritt stellte ich fest, dass mein Kausalmodell von QT / QFT eine Grundlage im Sinne eines Kausalmodells der Raumzeitdynamik benötigt. Als wiederholte Überraschung stellte ich fest, dass auch ein kausales Modell der Raumzeitdynamik nicht direkt aus der Standardtheorie der Raumzeit abgeleitet werden kann, d. h. aus der allgemeinen Relativitätstheorie. Verfeinerungen und Interpretationen mussten hinzugefügt werden, um ein geeignetes kausales Modell der Raumzeitdynamik zu erhalten (siehe [18], [21], [22]). Im Modell besteht der Raum aus einer Menge von Raumpunkten, wobei jeder Raumpunkt über "Verbindungen" mit einer (kleinen) Anzahl benachbarter Raumpunkte verbunden ist. Die Prozesse der Raumzeitdynamik (z. B. das Hervortreten des Raums und die Ausbreitung von Raumänderungen) führen zu einer Verteilung und Dichte der miteinander verbundenen Raumpunkte, die eine gekrümmte diskrete Raumzeit gemäß der allgemeinen Relativitätstheorie darstellen. Das kombinierte Modell von Raumzeitdynamik und QT / QFT ermöglicht neue Lösungen für noch kontroverse Themen in QT / QFT und in der Kosmologie. Weitere Arbeiten, einschließlich Computersimulationen, sind erforderlich, um die Hauptbereiche möglicher neuer Lösungen weiter zu verfolgen und zu verfeinern:

(1) Verfeinerung des Modells der Quanten- (Feld-) Theorie in gekrümmter diskreter Raumzeit, insbesondere eine Verfeinerung der "Quantenschleifenprozesse".
(2) Einige Überprüfungen der möglichen Auswirkungen des vorgeschlagenen Modells der Raumzeitdynamik auf die Kosmologie, insbesondere die mögliche Erklärung der "flachen Galaxienrotationskurven" durch "Gravitationslängendilatationen".
(3) Verfeinerung des Versuchs, die Nichtlokalitäten in QT / QFT, insbesondere den Zusammenbruch der Wellenfunktion, durch kollektive Verhaltensprozesse der Elementareinheiten der Raumzeit zu erklären.
Ausgewählte Veröffentlichungen zur Quantenphysik

Die Beschäftigung mit der Quantenphysik muss bei Hans Diel ihren Ursprung in der Studienzeit gehabt haben. Richtig zur Entfaltung kam das Hobby allerdings erst während der Rentnerzeit. Er veröffentlichte nicht nur in internationalen Fachzeitschriften, hin und wieder trug er auch auf Tagungen vor. Manchmal sagte er auch eine zugesagte Teilnahme ab, nicht weil es ihm zu viel Geld sondern zu viel Zeit kostete.

Senioren-Freundeskreis

In der Zeit ab 2005 entwickelte sich eine sehr intensive elektronische Korrespondenz zwischen einem Rentner-Kleeblatt, bestehend aus Hans Diel, Peter Hiemann (in Grasse) und dem Verwalter dieses Blogs (Pseudonym Bertal Dresen).

Von Hans Diel verfasste Beiträge in Bertals Blog

Viele der Dinge, die einen der drei oder alle drei interessierten, fanden ihren Niederschlag in dem von diesem Autor betriebenen Blog. Von den heute rund 600 Beitragen stammt etwa ein Dutzend von Hans Diel. Seine Kompetenz beim Thema Physik war für uns unbestritten.

Die beigefügte Liste ist leider nicht aktiv, d.h. die Beiträge können nicht angeklickt und gelesen werden. Dasselbe ist bei der von Hans Diel zusammengestellten Liste seiner Physik-Veröffentlichungen der Fall,

Persönliche Kontakte

Während der letzten 10-15 Jahre hat sich unser Kontakt sehr vertieft. Wir telefonierten mindestens einmal pro Woche und schrieben uns zusätzlich eMails. Zusammen mögen es etwa 500-700 eMails gewesen sein. Hans Diel schickte mir fast alle seine Veröffentlichungen vorab, damit ich sie kritisch lese. Sehr oft entsponn sich daraus eine Diskussion, die schon mal über mehrere Tage andauerte.

Da ich selbst in meinen Bewegungen etwas gehemmt bin, machte es sich Hans Diel zur Gewohnheit, mich zu besuchen. Als der jüngere von uns beiden bot er auch diverse Hilfsdienste an. Etwa alle 2-3 Wochen erschien er mit einigen Kuchenstücken oder andern Backwaren bei mir zuhause. Wir konnten dann unsere anstehenden Projekte diskutieren, tauschten uns aber auch über Politik und Zeitgeschehen aus. Nicht nur die englische und die amerikanische Politik boten ja reichlich Stoff, aber auch die Entwicklungen in Deutschland und Europa gaben immer wieder Anlass zur Diskussion. Dieser Dialog wird mir in Zukunft fehlen. Die damit verbundene Zuwendung ist nicht zu ersetzen. Sie bereicherte unser beider Leben.

Dramatisches Ende

Die Idylle, als die Hans Diel sein Altern empfand, erfuhr vor einen halben Jahr ein jähes Ende. Es begann damit, dass seine Gattin stürzte, während sie ihn über die Balkontür ins Haus lassen wollte. Frau Diel hat sich von diesem Unfall nie mehr richtig erholt.

Hans Diel klagte über zunehmende Atembeschwerden, was ihn dazu bewegte, diverse Ärzte um Rat zu bitten. Leider war es das Ergebnis, dass ein fortgeschrittenes Stadium von Lungenkrebs als die Ursache der Atembeschwerden erkannt wurde. Zur notwendigen Chemotherapie begab sich Hans Diel in eine Klinik in Bad Urach, wo seine Tochter als Ärztin tätig ist. Leider hatte die Behandlung nicht den erhofften Erfolg, da außer der Lungen- auch eine Herzinsuffizienz eintrat.

Nachtrag vom 16.10. 2019  

Heute Mittag fand Hans Diels Beisetzung statt, und zwar auf dem Burghalden-Friedhof in Sindelfingen. Da ich selbst nicht teilnahm und die geplante Teilnahme meiner Tochter wegen Erkrankung ausfiel, kann ich leider keinen Bericht geben.

Freitag, 27. September 2019

Rangordnung deutscher und ausländischer Universitäten

Unter meinen akademischen Freunden und Kollegen gibt es kaum ein Thema, das sie schneller und mehr in Rage bringt, als wenn über die Rangordnung von Universitäten gesprochen wird. Fast tun sie so, als ob jemand etwas Unanständiges täte. Je nachdem, wer es tut, fällt der Bannstrahl umso heftiger, ja vernichtender aus. ‚Das geht gar nicht. Man kann bestenfalls Vergleiche innerhalb von Fachgebieten anstellen‘ so lautet die Kritik. In der Öffentlichkeit hat sich diese Diskussion ziemlich versachlicht. Verantwortlich dafür sind Organisationen und Unternehmen, die diese Vergleiche professionell durchführen.

Professionelle Bewertungen

Die DAAD Analyse von Febuar 2018 enthält einen Vergleich und eine Bewertung der heute gängigen Verfahren des Hochschul-Rankings. Am bekanntesten ist die von der Jian Tong Universität in Shanghai ab 1999 entwickelte Methode. Sie nennt sich Akademisches Ranking der Weltuniversitäten (engl.: Academic Ranking of World Universities, Abk. ARWU), Seit 2009 wird das ARWU von der ausgegründeten Firma namens Shanghai Ranking Consultancy publiziert, und ist damit zu einem kommerziellen Ranking geworden. Verglichen werden über 1.300 Hochschulen weltweit. Besonders berücksichtigt werden Hochschulen, an denen Nobelpreisträger lehren. Das große Interesse Chinas an den Rankings hat zwei Gründe: Einmal will China den vielen jungen Leuten, die im Ausland studieren wollen, eine Handreichung geben. Andererseits hoffen chinesische Universitäten, die bisher im Ausland nicht bekannt waren, so bald wie möglich auf diese Listen zu kommen. Ich bin sicher, in 10 Jahren werden sie es geschafft haben.

Das QS World University Rankings ist ein weltweites Hochschulranking, das von einer amerikanische Firma seit dem Jahr 2004 durchführt wird. Sie  heißt QS, was für zwei Namen von Leuten steht, die diese Firma gründeten (Quacquarelli, Symonds). Die Firma hat 160 Mitarbeiter in acht Lokationen. Ihre Ergebnisse werden seit 2004 von Zeitungen und Magazinen übernommen, so als erster von US News and World Report.. Eine andere, oft zitierte Rangfolge wird von einem Ableger der Zeitung Times in London veröffentlicht. Sie unterscheidet sich von den beiden andern Listen vor allem dadurch, dass die beiden britischen Universitäten Oxford und Cambridge konstant die beiden ersten Plätze belegen. Eine mögliche Erklärung: Vielleicht gab es auch für Amerikaner Minuspunkte wegen schlechter Beherrschung der englischen Sprache.


Ersteller von Rankings und deren Gewichtung

Die drei genannten Firmen bewerten Universitäten nach unterschiedlichen Kriterien. Deshalb sind ihre Ergebnisse auch so verschieden. In der obigen Tabelle ist das Gewicht in Prozent angegeben, mit dem unterschiedliche Kriterien angewandt werden. Sowohl Times wie QS bieten auch Rankings „By Faculty“ oder bei „By Subject“ an, womit einem der Haupteinwände begegnet wird. Trotz heftiger Kritik werden die Zahlen jedes Jahr fortgeschrieben und neu veröffentlicht. Es ist nicht so, dass diese Firmen nur einen Markt für sich entdeckt haben. Sie scheinen auch ein echtes Bedürfnis zu erfüllen.

Weltweite Rangordnungen

Die wohl am häufigste  gestellte Frage, ist wohl die nach den besten Universitäten der Welt. Seit Anbeginn des Rankings liegen hier die angelsächsischen Universitäten vorne. Warum dies so ist hat verschiedene Gründe. Dabei spielt die englische Sprache eine herausragende Rolle. Sie ist bekanntlich die Lingua franca der gesamten akademischen Welt. Mit dem Bekanntheitsgrad einer Universität steigt auch ihre Reputation und umgekehrt.




Führende Universitäten der Welt (nach QS)

Dass unter den ersten 16 Universitäten bereits zwei aus Singapur rangieren, deutet auf die zu erwartende chinesische Rolle hin. Aus England fanden immerhin vier Universitäten Beachtung. Der deutschsprachige Teil Europas ist durch die ETH Zürich würdig vertreten.

Nationale Spitzenreiter

Jemand hat sich die Mühe gemacht, aus der QS-Liste von 1000 Universitäten die 25 besten deutschen Universtäten herauszuziehen. Will man diese Liste kritisieren, muss man sich die Kriterien näher ansehen, nach denen gewertet wurde. Für jemanden, der mit der TU München zu tun hatte, kann ich mir diese Mühe jedoch sparen. Ich habe nichts am Ergebnis auszusetzen. Bemerken möchte ich nur – und zwar aus eigener Erfahrung – dass die Aufmerksamkeit, welche die Münchner Universitäten vom bayrischen Staat erhalten, in Deutschland kaum überboten wird. An der TU München trug außerdem das langjährige Wirken eines sehr engagierten Rektors besondere Früchte.



Beste deutsche Universitäten (nach QS)

Deutsche Exzellenz-Initiative

So zu tun, als wäre das alles eine angelsächsische Spinnerei, wird der Sache nicht gerecht. Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland starke Bestrebungen, den im Ausland so populären Rankings etwas entgegenzusetzen. Es lief unter der Bezeichnung Exzellenz-Initiative. Beginnend in 2005 wurden so genannte Exzellenzcluster und Graduiertenkollegs an vielen Universitäten gefördert und somit eine breite Exzellenzbildung in bestimmten Schwerpunktbereichen gefördert. Zwischen 2006 und 2012 kamen neun ausgewählte Universitäten in den Genuss, zunächst auf fünf Jahre beschränkt, jeweils zusätzliche Fördermittel in dreistelliger Millionenhöhe für ihr gesamtuniversitäres Zukunftskonzept zur Verfügung gestellt zu bekommen. In einer weiteren Förderperiode von 2012 bis 2017 werden insgesamt elf Universitäten auf diese Weise gefördert. Sechs von diesen schafften es, in beiden Förderrunden berücksichtigt zu werden. Damit wird beabsichtigt, eine Ausweitung international exzellenter Spitzenforschung zu begünstigen und ferner die Ausstrahlungskraft des deutschen Universitätssystems als Ganzes zu erhöhen.



Zweite Runde der Exzellenz-Initiative

Mich überraschten in dieser Liste lediglich zwei Unis: Bremen und Konstanz. Vielleicht haben dort einige stille Blümlein sich in letzter Zeit zu mächtigen Bäumen oder Sträuchern entwickelt.

Bei uns waren bisher die Universitäten grundsätzlich dazu verpflichtet, jedem Inhaber der Allgemeinen Hochschulreife den Zugang zum Erststudium zu gewähren. Dies führt dazu, dass eine leistungsabhängige Auswahl der Studierenden nur dann möglich ist, wenn die Anzahl der Bewerber auf einen bestimmten Studiengang die Anzahl der verfügbaren Studienplätze übersteigt (Numerus-Clausus-Fach). Neuerdings haben die Universitäten, bedingt durch die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge, die Möglichkeit für alle Masterstudiengänge eigene Zulassungsverfahren einzurichten und somit die Selektion nach Leistung weiter zu steigern. Die Verpflichtung, freie Studienplätze leistungsunabhängig aufzufüllen, gilt nur für das Erststudium (Bachelorstudium). Somit wird deutschen Universitäten die Möglichkeit eröffnet, eine Leistungselitenbildung auf Postgraduiertenniveau, unabhängig vom jeweiligen Studienfach und der Bewerberanzahl, in Zukunft zu verwirklichen.

Ergänzung aus zusätzlichen Quellen (An-Institute)

Zudem trifft der Begriff der Exzellenzausbildung im Sinne einer Leistungselite in Deutschland teilweise auch auf die außeruniversitäre Forschung zu, die in Ländern mit etablierten Eliteuniversitäten weit weniger ausgeprägt ist. Hierzu zählen vor allem die Max-Planck-Gesellschaft, die Leibniz-Gemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft und die Helmholtz-Gemeinschaft, welche sich stark in der Förderung einer Wissenschaftselite engagieren, regelmäßig mit Universitäten assoziiert sind und oftmals in der Ausbildung der Studenten mitwirken, etwa durch die Zurverfügungstellung von Lehrpersonal, der Mitarbeit an der Konzeption von Studiengängen, aber auch durch gemeinschaftlich betriebene Graduiertenkollegs. Daneben trägt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit ihren Sonderforschungsbereichen (SFBs) und Schwerpunktprogrammen und der Förderung universitärer Graduiertenkollegs maßgeblich zur Begünstigung der Exzellenzbildung in Forschung und Ausbildung bei.

Sonntag, 22. September 2019

Klimawandel zwischen Überzeugungsproblem und Aktionsdilemma

Für lange Zeit richtete ich mich nach Bill Clintons Wahlspruch ‘It‘s the economy, stupid!‘ Deshalb hatten ökonomische Themen stets Hochkonjunktur auch in diesem Blog. Diese Woche verkündete der ARD-Deutschland-Trend, dass zum ersten Mal das Thema Klima das Thema Wirtschaft ‚toppt‘. Außerdem hat die Groko gerade ihr Klimapaket vorgelegt. Ich halte daher die Zeit für gekommen, dass auch das Thema Klima Eingang in diesen Blog findet.

Zur Faktenlage

Klima ist kein rein-deutsches Problem, sondern ein Weltproblem. Die Rolle, die Deutschland spielt, wird aus der nachfolgenden Tabelle ersichtlich. Die ersten drei Spalten stammen von SPIEGEL-Online 2017. Ich habe zwei Spalten hinzugefügt. Nach beiden Betrachtungsweisen gehören wir Deutsche zu den aktivsten Weltverschmutzern.

Der Spalte 1 dieser Tabelle liegt eine Berechnungsmethode zugrunde, die international einheitlich ist. Sie heißt Treibhausgasprotokoll (engl. greenhouse gas protocol, Abk. GHG). Danach können Unternehmen und Gebietskörperschaften (Städte, Länder) ihre CO2-Emissionen selbst berechnen. Erfasst werden (a) alle direkten Emissionen aus Quellen innerhalb der Gebietsgrenzen stammend, (b) alle indirekten Emissionen aus außerhalb erzeugtem und eingekauftem Strom, Dampf, Wärme und Kälte, sowie (c) alle sonstigen Emissionen, darunter die aus der Herstellung und dem Transport eingekaufter Güter oder der Verteilung und Nutzung der eigenen Produkte oder der Entsorgung von Abfällen. Ganz entscheidend ist, dass es hier nicht um gemessene Werte geht, sondern um von den Verursachern abgegebene Schätzungen.



Nach der Erklärung der Herkunft dieser Zahlen wird es auch verständlich, wieso diese Angaben oft eklatante, nicht erklärbare Unterschiede aufweisen. So liegen bei den Pro-Kopf-Emissionen Saudi-Arabien an der Spitze, vor den USA und Australien, gefolgt von Kanada, Südkorea und Russland. Auf die Fläche bezogen führt Südkorea vor Japan, Deutschland, Großbritannien, Italien und China. Wieso Frankreich bei beiden Sichtweisen doppelt so gut ist wie Deutschland kann nicht allein am verstärkten Einsatz der Atomenergie liegen. Vielleicht denken Frankreichs Statistiker mal wieder anders als ihre Kollegen in Deutschland [eine analoge Aussage machte vor Jahrzehnten ein französischer Informatiker mir gegenüber].

Inzwischen gibt es erste punktuelle Messergebnisse, die die langfristige Veränderung der Atmosphäre bestätigen. Von der Messstation Mauna Loa auf Hawai wurde 2015 eine mittlere CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre von über 400 ppm gemessen. Vor der Industrialisierung hatte sie bei etwa 280 ppm gelegen.

Treibhaus-Effekt und globale Erwärmung

Der Treibhaus-Effekt bewirkt eine Temperaturerhöhung auf Planetenoberflächen, so auch auf der Erde. Der Effekt entsteht dadurch, dass die Atmosphäre weitgehend transparent ist für die von der Sonne ankommende kurzwellige Strahlung, jedoch wenig transparent für die langwellige Infrarotstrahlung, die von der warmen Erdoberfläche und von der erwärmten Luft emittiert wird. Die wichtigsten auf der Erde heute für den Treibhauseffekt verantwortlichen Treibhausgase sind Wasserdampf (H2O) gefolgt von Kohlenstoffdioxid (CO2). Der jeweilige Anteil beträgt 62 bzw. 22 %. Der durch menschliche Eingriffe wie vor allem die Emission langlebiger Treibhausgase (Kohlendioxid, Methan und Stickoxide) aus Verbrennungsprozessen bewirkte Anteil am atmosphärischen Treibhauseffekt wird anthropogener Treibhauseffekt genannt.

Die globale Erwärmung seit der vorindustriellen Zeit bis zum Jahr 2017 betrug nach Angaben des Weltklimarates (IPCC) etwa 1° Celsius. 2016 war das wärmste Jahr seit Beginn der systematischen Messungen im Jahr 1880. So warm war es nach aktuellen Forschungsergebnissen zuletzt am Ende der Eem-Warmzeit vor 115.000 Jahren. Der Weltklimarat ist eine Einrichtung der UNO. Ihm gehören 190 Staaten an. Er nennt sich Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaveränderungen (engl. Intergovernmental Panel on Climate Change, Abk. IPCC),

Beobachtete Folgen

Zu den laut Klimaforschung erwarteten und teils bereits beobachteten Folgen der globalen Erwärmung gehören je nach Erdregion: Meereis- und Gletscherschmelze, ein Meeresspiegelanstieg, das Auftauen von Permafrostböden, wachsende Dürrezonen und zunehmende Wetter-Extreme mit entsprechenden Rückwirkungen auf die Lebens- und Überlebenssituation von Menschen und Tieren (Artensterben). Das Ausmaß der Folgen ist abhängig von der Höhe und Dauer der Erwärmung. Einige Folgen können zudem irreversibel sein. Einige dieser Folgen wirken zudem als Kippelemente im Erdsystem, die die globale Erwärmung ihrerseits wieder beschleunigen, etwa die Freisetzung des Treibhausgases Methan aus den aufgetauten Permafrostböden.

Verursacher und Leugner

Ursache für die Erwärmung ist die andauernde anthropogene Anreicherung der Erdatmosphäre mit Treibhausgasen, insbesondere Kohlenstoffdioxid (CO2) und Methan, die vor allem durch die Nutzung fossiler Energie (Brennstoffe), durch weltumfassende Entwaldung sowie Land- und insbesondere Viehwirtschaft freigesetzt werden. Hierdurch erhöht sich das Rückhaltevermögen für infrarote Wärmestrahlung in der Troposphäre. Wichtigstes Treibhausgas bei der derzeitigen globalen Erwärmung ist Kohlenstoffdioxid. Seit etwa Anfang der 1990er Jahre besteht ein wissenschaftlicher Konsens, dass die gegenwärtige globale Erwärmung vom Menschen verursacht wird.

Mit der AfD ist in dieser Wahlperiode eine Partei im Bundestag vertreten, die sagt, dass der Klimawandel nicht von Menschen verursacht sei. Im Vergleich zu andern Themen ist hier ihre geistige Entwicklung nicht schon 1944, sondern erst um 1990 zum Stehen gekommen. Fast 30 Jahre lang hat man sich neueren Einsichten gegenüber verschlossen. Es ist dies kein Grund zum Aufregen. Die USA leisten sich derzeit sogar einen Präsidenten, der sagt, dass das Problem des Klimawandels von den Chinesen erfunden sei, nur um den Westen zu ärgern.

Gegenmaßnahmen

Um die Folgen der globalen Erwärmung für Mensch und Umwelt abzumildern, zielen nationale und internationale Klimapolitik sowohl auf das Stoppen des Klimawandels durch Klimaschutz als auch auf eine Anpassung an die bereits erfolgte Erwärmung. Um die menschengemachte globale Erwärmung aufhalten zu können, müssen einerseits weitere energiebedingte Treibhausgasemissionen vollständig vermieden werden und andererseits die seit dem Beginn der Industrialisierung in der Atmosphäre eingebrachten Emissionen sowie fortan nicht vermeidbare Emissionen mittels geeigneter Technologien rückgängig gemacht werden.

Mit Stand 2016 war bereits etwa 2⁄3 des CO2-Budgets der maximal möglichen Emissionen für das im Übereinkommen von Paris vereinbarten Zwei-Grad-Ziel aufgebraucht, sodass die weltweiten Emissionen schnell gesenkt werden müssten, wenn das Ziel noch erreicht werden soll. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass das Zwei-Grad-Ziel nicht ambitioniert genug ist, um langfristig einen als Treibhaus Erde bezeichneten Zustand des Klimasystems zu verhindern.

Klimapaket der Groko

Die junge Schwedin Greta Thunberg rüttelte das politische Establishment auf der ganzen Welt auf. Auch die ehemals als Klima-Kanzlerin bezeichnete Angela Merkel gibt zu, von Thunberg beeinflusst worden zu sein. Die Regierung Merkel IV, allgemein nur Groko genannt, legte deshalb vorigen Freitag ihr neuestes Klimapaket vor. Es war nicht zu erwarten, dass dies alle Klima-Aktivisten befriedigen würde.

Sehr scharf ins Gericht mit dem Klimapaket der Groko ging der mir bisher unbekannte Berliner Experte Volker Quaschning. Er meint, das Paket hätte weder Logik noch Sachverstand. Im Vergleich zu Ländern wie Norwegen, Schweden und Schweiz seien viele Maßnahmen zu spät und zu zögerlich. Wollen wir bis 2050 klimaneutral werden, müssten wir die Maßnahmen verfünffachen. 

Angeblich grenzt sich die Politik von der Wissenschaft dadurch ab, dass sie sich nicht nur um ein Problem allein kümmern kann. Sie muss gleichzeitig an alle offenen Probleme denken und versuchen alle Wählergruppen mitzunehmen. Nur so ist zu verstehen, dass der Benzinpreis erhöht wird, aber mit ihm auch die Pendlerpauschale.

Peter Hiemann aus Grasse schrieb:

Volker Quaschnings Einschätzungen der Regierungsarbeit sind einleuchtend. Ich vermisse aber klare Worte, die sich mit dem Verhalten der frei global agierenden Unternehmen auseinandersetzen.

Dass SPD und CDU/CSU ein völlig unzureichendes Programm für den Klimaschutz im Rahmen des existierenden Regierungssystems vorstellen, ist verständlich. Sowohl SPD als auch CDU/CSU fehlt der Mut, am derzeitigen demokratisch regelnden Regierungssystem etwas grundlegend ändern zu wollen. Insbesondere hoffen sie, dass die 'Normalsterblichen' ihr Verhalten ändern. Die Hauptursache der existierenden Klimasituation ist jedoch das Verhalten frei global agierender Unternehmen. Sie sind nicht gehalten, gesellschaftlich relevante Umweltschäden in Produktpreisen zu berücksichtigen. Dazu kommt, dass global agierende Investmentunternehmen zunehmend Einfluss nehmen auf Unternehmen und Regierungen, um Aktiengewinne zu erzielen.

Eine 'elitäre' Vorstellung ist mit ein Grund für eher defensive Regierungspolitik. Danach gilt als erwiesen, dass Homo sapiens von Natur aus unbeschränktes Wachstum anstrebt, und nur wirtschaftlich frei agierendes Unternehmertum diesem Streben gerecht wird. Staatliche Wirtschaftsplanung wird grundlegend verworfen. Diese Vorstellung wird sich früher oder später als Irrtum herausstellen. Chinas Regierung scheint ein sehr effektives Planungssystem zu verwenden, das Chinas technischen und wirtschaftlichen Erfolg ermöglicht. Chinas Einsatz von KI-Technologie, um die Bevölkerung zu kontrollieren, ist für demokratisch regelnde Regierungssysteme nicht akzeptabel.

Donnerstag, 19. September 2019

Wirtschaft und Politik aus der Sicht von Sahra Wagenknecht

Gestern hörte ich ein Youtupe-Interview mit Sahra Wagenknecht bei Mission Money. Dabei wurde mir klar, dass zumindest einige ihrer Ansichten gut überlegt sind und nicht allen ihre Sinnhaftigkeit abzusprechen ist. Ob sie politisch konsensfähig sind, darf bezweifelt werden. Offensichtlich hat Wagenknecht selbst einen gewissen Reifeprozess durchlaufen. Sie galt lange Zeit als Sprachrohr einer Kommunistischen Denkschule. Im Folgenden greife ich einige ihrer im Interview vertretenen Thesen heraus. Sie sind in Themenkreisen zusammengefasst, um die Diskussion und Bewertung entsprechend zu gliedern.

Unternehmensstruktur

Sahra Wagenknecht (SW): Wir brauchen Unternehmer, die aktiv ihre Unternehmen entwickeln. Mitarbeiter müssen beteiligt werden. Wir brauchen keine Aktionäre, die nichts tun. Wir brauchen keine Rentiers, die nur Geld abschöpfen. Eine Stiftung ist die ideale Unternehmensform. Sie gehört allen Mitarbeitern; kann nicht übernommen werden; kann nicht vererbt werden. Das wäre Verantwortungseigentum. Familienbetriebe sind ok, nur solange die Erben beim Fach bleiben.

Diskussion: Viele erfolgreiche Unternehmensgründungen der letzten 30 Jahre verdanken ihre Existenz technischen oder kaufmännischen Innovatoren. War es bei Google die vom Larry Page und Sergej Brin erfundene Ranking-Methode für Suchergebnisse, waren es bei Amazon die von Jeff Bezos konzipierten Liefermodalitäten für klassische Papierbücher. Beide Unternehmen konnten nur deshalb so schnell wachsen und den Weltmarkt erobern, weil ihr Wachstum von Dritten finanziert wurde, die selbst nicht im Unternehmen arbeiteten. Im Falle von Google gaben Andreas von Bechtolsheim und andere beträchtliches Startgeld, das ihnen später einen hohen Gewinn einbrachte. Ebenso erging es vielen der frühen Aktionäre. Es ist eine Illusion anzunehmen, dass der Markt solange geduldig wartet, bis der Unternehmensgründer sein Wachsen aus eigenen Mitteln finanzieren kann. Noch unsinniger wäre es, vom Staat zu erwarten, dass er den Finanzbedarf aller Unternehmen abdecken kann.

Stiftungen dienen primär dazu vorhandenes Vermögen zu sichern. Sie versagen, wenn es darum geht, kurzfristig neues Kapital zu sammeln oder sich einem sich ändernden Markt anzupassen. Familienunternehmen profitieren oft davon, dass mehrere Familienmitglieder ihre Arbeitskraft zu günstigen Bedingungen zur Verfügung stellen und dass das Engagement überdurchschnittlich ist. Familienmitglieder zu enteignen, die sich nicht.engagieren, schwächt nicht nur den Begriff des Eigentums, sondern entzieht der Wirtschaft Mittel, die sie benötigt.

Private und öffentliche Aufgaben

SW: Wohnungen sollten nicht vom Markt angeboten werden, sondern nur von Kommunen. Dasselbe gilt für Pflege und Bildung. Firmen, die eigene Aktien zurückkaufen, fehlen Ideen, wie sie wachsen können. Sie agieren nicht nachhaltig. Wir brauchen eine Wirtschaft, die neue und nachhaltige Produkte erzeugt. Wenn Private dies nicht leisten, muss der Staat helfen. In den USA half der Staat immer wieder. Eine staatliche Planwirtschaft jedoch kann dies nicht, selbst bei den Chinesen nicht, abgesehen davon, dass man dort individuelle Freiheiten mit Füssen tritt.

Diskussion: Sieht man von kommunalen Angestellten ab, so haben die am Ort ansässigen Firmen ein natürliches Bedürfnis für ihre Mitarbeiter bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das geschieht auch. Wird Wohnraum, der mit privaten Mitteln geschaffen wurde, dem Markt entzogen, wenn der Ersteller wegzieht oder verstirbt, so ist das eine starke Einschränkung des Angebots, aber auch eine weitere Einschränkung des Eigentumsbegriffs.

Wenn Firmen eigene Aktien zurückkauften, hatte ich immer das Gefühl, dass dort die Buchhalter das Sagen hatten. Als Techniker wollte ich nicht in solchen Unternehmen arbeiten.

Immerhin erkennt Sahra Wagenknecht an, dass neue und nachhaltige Produkte und Dienste am ehesten von privat agierenden Wirtschaftsunternehmen angeboten werden. Wie wir wissen, besteht keinerlei Garantie, dass sie besser werden, wenn der Staat hierzu Vorgaben macht. Dass der Staat Personen und Firmen unterstützt, die sich in politischer oder gesellschaftlicher Hinsicht wohl verhalten, wird gerne gesehen. Das darf aber nicht Überhand nehmen.

Rentensystem und Altersvorsorge

SW: Ein Rentensystem wie in Österreich wäre besser als unseres. Alle zahlen ein. Die Renten sind wesentlich höher als bei uns. Sahra Wagenknecht hat ihre Ersparnisse auf dem Sparbuch. Sie hat keine Lust, das Auf und Ab des Aktienmarkts zu verfolgen. Amerikaner, die ihre Altersversorgung auf Aktien aufbauten, stehen oft dumm da.

Diskussion: Österreich besitzt gegenüber Deutschland in einigen Punkten eine stärkere sozialistische Tradition. So zum Beispiel bei der Schaffung von Mietwohnungen. Wer heute noch das Sparbuch als beste Anlageform ansieht, disqualifiziert sich. Ich habe einen eigenen Blog-Beitrag zu diesem Thema geschrieben. Zu sagen, es macht zu viel Arbeit den Aktienmarkt zu verfolgen, dem helfen gerne Fondmanager der verschiedensten Art.

Euro und Steuern

SW: Der Euro ist für Deutschland gut, aber für Europa schlecht. Italiener und Griechen haben immer ihre Währung dazu benutzt, um wieder konkurrenzfähig zu werden. Irgendwann werden sie den Euro verlassen. Dass Amazon nur in Irland geringe Steuern zahlt, ist ein Skandal. Firmen wie Amazon müssten auch in Deutschland mehr Steuern zahlen. Die Finanztransaktionsteuer wurde von Emmanuel Macron verwässert. Die Banken haben erreicht, dass Derivate nicht besteuert werden. Daher trifft sie nur den Kleinaktionär.

Diskussion: Wer Italien und Griechenland nahelegt, den Euro zu verlassen, macht sich offensichtlich wenig Sorgen, was das ökonomische Schicksal dieser Länder anbetrifft. Aussagen wie ‚Sie haben es ja so gewollt‘ oder ‚Das sind sie selbst Schuld‘ erlauben es, die Hände in Unschuld zu waschen. Die Erfahrung mit dem Brexit regt vielleicht dazu an, Fragen wie diese etwas gründlicher zu überdenken.

Es ist sehr beliebt, die Besteuerung ausländischer Firmen zu verlangen, die bei uns erhebliche Umsätze haben. Man vergisst dabei leicht, was es bedeutet, wenn das Gleiche von deutschen Firmen verlangt wird, für die der Export einen signifikanten Anteil ihres Geschäfts darstellt.

Die Finanztransaktionssteuer wird seit Jahrzehnten diskutiert. Ihre Befürworter hoffen mit ihrer Hilfe den rein spekulativen Teil des Wertpapiergeschäfts zu reduzieren. Neun von 27 EU-Ländern beabsichtigen sie irgendwann einzuführen. Dies war mit ein Grund, warum das Vereinigte Königreich die EU verließ. Auch Luxemburg und die Niederlande sind strikt dagegen.

Eingeführt wurde die Steuer 2012 in Frankreich und 2013 in Italien. In Frankreich wird der Erwerb der Aktien französischer Firmen ab einer gewissen Größe mit 0,3% besteuert, sowie gewisse Formen des Hochfrequenzhandels. In Italien beträgt der Steuersatz 0,12%. Die Einführung in Deutschland ist derzeit offen. Alle Parteien außer AfD und FDP sind inzwischen dafür. Laut Koalitionsvertrag soll ein ‚substanzieller Teil‘ noch während der laufenden Wahlperiode eingeführt werden.

Schlussbemerkung

Die Positionen, die Sahra Wagenknecht in dem Interview vertritt, lassen aufhorchen. Der Wandel von einer strenggläubigen Kommunistin ist durchaus beachtlich. Immerhin ist sie ja mehr als 40 Jahre alt [1]. Ob sie mit einigen Positionen Schwierigkeiten innerhalb ihrer Partei, der Linken, bekommt, kann ich nicht abschätzen. Es kann ja sein, dass auch die Partei, sich ändert. Ich halte dies jedoch für wenig wahrscheinlich.

Anmerkung

1. Die Aussage, dass manche Menschen mit 40 Jahren ihre jugendlichen Spinnereien aufgeben und vernünftig werden, gibt es in mehr als einer Form. Ein Satz der Form 'Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn' wird sowohl George Clemenceau wie Winston Churchill angedichtet.

Sonntag, 15. September 2019

Volkwirtschaftslehre (VWL) per Bierdeckel

Seit Paul Kirchhof und Friedrich Merz forderten, dass man seine Steuern auf einem Bierdeckel ausrechnen können müsste, ist der Bierdeckel zu einer Maßeinheit geworden für eine dem Normalbürger zumutbare Ausformulierung eines alltäglichen Konzepts. Hier geht es um den Begriff der National- oder Volkswirtschaftslehre. Ich möchte versuchen, das Wesentliche dieses Konzepts in knappen Worten zu formulieren.

Welt- und Volkswirtschaft

Unabhängig davon was Lehrbücher sagen, ist eine Volkswirtschaft (VW) derjenige Teil der Weltwirtschaft, der eigene Ressourcen, Regeln und Ziele besitzt. Typische Ressourcen sind Rohstoffe, Güter, Produzenten, Konsumenten und Märkte. Der Welthandel begann, sobald Güter und Leistungen über Familiengrenzen hinweg ausgetauscht wurden. Das ungleiche Vorkommen der Rohstoffe und die unterschiedlichen Begabungen der Menschen verursachten den Austausch.

Währung und Preisstabilität

Um den Handel zu erleichtern, wurden Währungen eingeführt. Ausgehend von seltenen Metallen oder Muscheln wurden Verhältniszahlen vereinbart, die es erlauben alle Güter oder Leistungen zu bewerten. Diese so genannten Preise sind abhängig vom Interesse des Nutzers.

Ein wichtiges Ziel einer Währung heißt Preisstabilität. Sie schafft Vertrauen und fördert den Austausch von Gütern und Leistungen. Instabile Währungen schwanken oder werden umgangen. Um fallende Preise (Deflation) zu verhindern, werden 2% Inflation angesteuert. Geldmengen werden gesteuert, und zwar auf verschiedenen Ebenen. Während viele Ressourcen einer VW auf natürliche Weise limitiert sind, ist dies beim Geld nicht der Fall.

Währungsraum Euro

Der Währungsraum des Euro zerfällt in mehrere VWs, da die Staaten sich bei der Festlegung von Regeln unterscheiden. Das betrifft Steuern, Lebenshaltungskosten und staatliche Beihilfen. Ein Fortschreiten der Harmonisierung kann, muss aber nicht erfolgen.

Bargeld und Buchgeld

Bargeld ist die primitivere Form einer Währung. Es ist greifbar und anonym. Es wird immer mehr von Buchgeld verdrängt. Erst die Digitalisierung erlaubt die massenhafte Nutzung von Buchgeld im Alltag.

Da die Erzeugung von Buchgeld keine nennenswerten Kosten verursacht, kann es auch frei zur Verfügung gestellt werden, und zwar in Form zinsloser Darlehen. Das geht aus von den Notenbanken, umfasst jedoch das gesamte Geldsystem. Nur die im Umlauf befindliche Geldmenge muss kontrolliert werden.

Konsum und Kapital

Der Großteil des Geldes einer Wirtschaft wird für tägliche Bedürfnisse und Vergnügungen, den Konsum, verbraucht. Als Kapital bezeichnet man Ressourcen, die für Produktion und Handel direkt nutzbar sind, also dem Konsum entzogen wurden. Dieses Kapital können Geldmittel, Rohstoffe, Güter oder Fabrikanlagen sein. Indirekt gehören auch die Fähigkeiten der Belegschaft, die Vertriebswege und das Kundeninteresse dazu. Zu Kundeninteresse gehört Bekanntheit der Marke und Loyalität der Nutzer. Produktion umfasst das Anbieten von Gütern und Dienstleistungen.

Planwirtschaft und freie Wirtschaft

In einer Planwirtschaft werden die Entscheidungen, was produziert wird und was zu welchen Preisen zur Verfügung gestellt wird, zentral getroffen. Das macht meist die Regierung. In einer freien Wirtschaft sind alle Bürger frei darin, was sie konsumieren. Sie bestimmen damit, was produziert oder von außen beschafft (importiert) wird. Sie ermöglichen dadurch den Handel und beeinflussen das relative Einkommen anderer Bürger.

Kostenloses Geld

Dass Geld kostenlos zur Verfügung steht, ist ein Phänomen neueren Datums. Es ist zum Teil noch nicht ganz durchdacht. Bei einigen Ressourcen sind ähnliche Trends zu erkennen, etwa bei der Erfassung, Speicherung und Verarbeitung von Daten. In früheren VWs war Geld oft mit Kosten verbunden. Bei Bargeld konnten es Materialkosten sein, bei Buchgeld Kredit- oder Lombardzinsen. Die früher übliche Ansicht, dass es Geld nur gegen Zinsen gibt, war auch damit begründet, dass der Geldgeber Konsumverzicht leistet.

Kernstück jeder Wirtschaft ist heute der Handel, d.h. der Güter- und Leistungsaustausch. Durch das Bereitstellen von Geld wird Kaufkraft generiert. Dazu dient auch ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE), das ohne eigene Wertschöpfung oder Arbeitsleistung gewährt wird. Im Gegensatz zu einem zinslosen Darlehen muss ein BGE nicht zurückgezahlt werden.

Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft

Die VW ist der Rahmen, der das betriebswirtschaftliche Verhalten der Marktteilnehmer bestimmt. Die Art einer VW legt fest, ob, wie und welche Betriebe oder Unternehmen gegründet werden. Jedes Unternehmen muss ein Alleinstellungsmerkmal haben. Das können seine Produkte und Dienste sein, aber auch deren Kosten, Qualität oder schnelle Verfügbarkeit.