Samstag, 24. August 2019

Leben, Weltbild und Wirken des Stephen Hawking (1942-2018) – eine Würdigung

Kaum ein Wissenschaftler unserer Zeit bekam so viel Aufmerksam wie der englische Physiker Stephen Hawking. Das lag in gleichem Maße an seinen Lebensumständen wie an seiner wissenschaftlichen Leistung. Ich hatte mich schon öfters mit ihm beschäftigt. Ich habe kürzlich drei seiner neueren Veröffentlichungen gelesen, sowie das Buch über ihn von Rüdiger Vaas (siehe unten). Hier mein Kondensat und meine Reaktion darauf. Was immer ich an kritischen Einschätzungen äußere, betrifft weniger Hawking persönlich als sein Fachgebiet, die Physik.

Jugend und Familie

Stephen Hawking wurde in Oxford geboren und starb in Cambridge. Sein Vater war ein in der Forschung tätiger Tropenmediziner, seine Mutter eine Wirtschaftswissenschaftlerin. Der Vater stammte aus der Provinz Yorkshire, seine Mutter aus Schottland. Während seiner Jugend lebte er in einem Stadtteil Londons, in dem die Spuren der deutschen Luftangriffe noch sichtbar waren.

Hawking heiratete 1965 eine Studienkollegin, mit der er drei Kinder (2 Söhne, eine Tochter) hatte. Bei seinem einjährigen Aufenthalt 1974/75 in Pasadena, CA, begleitete ihn die Familie. Als Hawking und seine Frau sich nach 30 Jahren Ehe entzweiten, heiratete Hawking 1995 eine ihm nahestehende Krankenschwester. Auch diese Ehe wurde nach zwölf Jahren geschieden.

Studium und Erkrankung

Hawking studierte in Oxford, weil dies der Vater so wünschte. Er selbst wollte Mathematik studieren, entschied sich dann doch für Chemie, da man hier die Chancen eine Beschäftigung zu finden für besser hielt. Als seine Erkrankung zum Ausbruch kam, war er 21 Jahre alt. Es handele sich um Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), ein Nervenleiden, das zum graduellen Muskelabbau führt. Seine Ärzte gaben ihm nur noch wenige Jahre zum Leben, er entschloss sich aber sein Studium fortzusetzen. Seit 1968 war Hawking auf einen Rollstuhl angewiesen. Im Rahmen der Behandlung einer schweren Lungenentzündung, die er sich 1985 bei einem Besuch des CERN in Genf zugezogen hatte, verlor er die Fähigkeit zu sprechen. Für die verbale Kommunikation benutzte er seither einen Sprachcomputer.

Hawking promovierte 1965 in theoretischer Astronomie und Kosmologie in Cambridge und erhielt 1979 einen Mathematik-Lehrstuhl. Es soll dies derselbe Lehrstuhl gewesen sein, den Isaac Newton einst innehatte, eine Stiftung eines Henry Lucas aus dem Jahre 1663. Ein späterer Inhaber war Paul Dirac, ein anderer berühmter Physiker [1, 4].

Physik der Schwarzen Löcher

Hawking wandte sein wissenschaftliches Interesse auf ein Thema, das in den 1980er Jahren vor allem theoretisch arbeitende Physiker beschäftigte. Es war klar, dass hier keine Experimente erwartet werden konnten. Als erste wissenschaftliche Leistung bewies er um 1960, zusammen mit Roger Penrose (*1931), dass Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie im Falle von Schwarzen Löchern Singularitäten zulässt. In einer Singularität sind die Gesetze der Physik nicht mathematisch darstellbar. Für Schwarze Löcher sind nur drei Eigenschaften definiert, Masse, elektrische Ladung und Rotation (d.h. Drehimpuls). Andere Eigenschaften wie Temperatur, Magnetisierbarkeit oder Dichte besitzen sie nicht. Sie hätten keine Haare, sagen Physiker dazu. 

Als ab 1973 Jacob Bekenstein (1947-2015) versuchte Schwarze Löcher quantenmechanisch zu verstehen, kam die Idee auf, ihnen eine Entropie zuzuordnen. Hawking griff dies auf, indem er forderte, dass Schwarze Löcher dann auch eine Strahlung besitzen müssten. Diese sei zwar zu gering, um messbar zu sein. Ihre Wärmeausstrahlung würde im Bereich weit unter einem Grad Kelvin liegen. Sie käme dadurch zustande, dass von Teilchenpaaren manchmal nur eines über den Ereignishorizont verschwinde, das andere aber nicht. Der langfristige Effekt wäre, dass ein Schwarzes Loch auch Masse verliere und sich schließlich auflöse. Dies nur theoretisch definierte Phänomen erhielt die Bezeichnung Hawking-Strahlung. [Nur wenn sie zu seinen Lebzeiten empirisch nachgewiesen worden wären, hätte er den ersehnten Nobelpreis bekommen können]

Quantengravitation und Quantenkosmologie

In den 1980er Jahren entwickelte Hawking zusammen mit James Hartle (*1939) einen Zugang zur Quantengravitation und deren Kosmologie. Hartle und Hawking schlugen vor, in den Pfadintegralen – einem von Richard Feynman eingeführtem Begriff − nur geschlossene Raumzeiten ohne dreidimensionale Ränder zu berücksichtigen (kompakte euklidische Metriken), da diese die dominanten Beiträge liefern würden. Sie nannten dies ihren ‚no boundary proposal‘ („ohne Grenzen“ oder „ohne Rand“) und sahen darin eine natürliche Formulierung für Probleme der Quantenkosmologie (‚Die Randbedingung des Universums besteht darin, dass es keinen Rand hat‘).

Nach Ansicht einiger Physiker „verschlucken“ Schwarze Löcher nicht nur Materie, sondern auch Information. Die einzige „Information“ dabei ist ihre Temperatur und ihre Entropie, die proportional zu ihrer Oberfläche ist. In der Quantenmechanik entspricht das einer „nicht unitären“, die Wahrscheinlichkeiten nicht erhaltenden Zeitentwicklung, was den Prinzipien der Quantenmechanik entgegenlaufe. Die Frage ist dann, ob es nicht doch einen Ausweg gibt, der die Informationen erhält. John Preskill hatte 1997 mit Hawking (und seinem Freund Kip Thorne) eine Wette abgeschlossen, dass es in der Quantengravitation einen solchen Ausweg gebe, Hawking hatte dagegen gehalten. In seiner Rede auf einem Kongress 2004 in Dublin wechselte Hawking jedoch seinen Standpunkt und meinte, dass Information doch erhalten bleibe, was er mit einer Pfadintegral-Formulierung in nichttrivialen Topologien bewiesen zu haben glaubte. Gegner von Hawking waren unter andern Leonard Susskind und Gerardus ’t Hooft, die im Gegensatz zu Hawking für eine Gültigkeit der Quantenmechanik auch im Bereich Schwarzer Löcher eintraten. Kip Thorne weigerte sich im Gegensatz zu Hawking, den Verlust der Wette anzuerkennen.

Populärwissenschaftliche Schriften

Im Jahre 1981 nahm Hawking an einer Kosmologietagung im Vatikan teil, auf der er sein Konzept vorstellte, laut dem das Universum keine Grenzen haben solle. In diesem Vortrag stellte er das All zugleich als ein Phänomen dar, das einfach vorhanden ist und dementsprechend keines Schöpfergottes bedarf. ‚Wenn das Universum einen Anfang hatte, können wir von der Annahme ausgehen, dass es durch einen Schöpfer geschaffen worden sei. Doch wenn das Universum wirklich völlig in sich selbst abgeschlossen ist, wenn es wirklich keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende; es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?‘ So formulierte er.

Im Jahre 1988 erschien mit Eine kurze Geschichte der Zeit das erste populärwissenschaftliche Buch Hawkings, in dem er die Theorien zur Entstehung des Universums, zur Quantenmechanik und zu Schwarzen Löchern darstellt. Das Buch wurde weltweit ein Bestseller und verkaufte sich in Millionenauflage. Als wissenschaftlicher Autor schrieb Hawking zudem weitere erfolgreiche populärwissenschaftliche Werke. Im April 2010 äußerte sich Stephen Hawking über mögliche Risiken, die die Suche nach außerirdischem Leben für die Menschheit haben könnte. Hawking sah jedoch die Notwendigkeit, den Weltraum zu besiedeln.

Im September 2010 sagte Hawking, dass für die Entstehung des Universums kein Gott notwendig gewesen war. Es sei unnötig, zur Erklärung die Hand Gottes ins Spiel zu bringen. In seinem Buch The Grand Design (dt. Der große Entwurf – Eine neue Erklärung des Universums) schrieb er: ‚Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen. […] Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es statt des Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren.‘

In einer Vortragsreihe für die BBC 2016 meinte Hawking, dass die Menschheit vor großen Gefahren stehe, die langfristig ihre Existenz stark gefährdeten. So hätten gentechnisch veränderte Viren, Atomkriege, künstliche Intelligenz und die globale Erwärmung das Potenzial, die Menschheit in absehbarer Zeit auszulöschen. Über lange Zeiträume von tausenden Jahren betrachtet sei dies sogar fast sicher. Die größte Gefahr für die Menschheit sei die Menschheit selbst. In diesem Zusammenhang erneuerte er seine Forderung, weitere Himmelskörper im Sonnensystem zu besiedeln, um das Aussterben der Menschen zu verhindern. Diese Kolonien könnten aber frühestens in einem Jahrhundert unabhängig von der Erde existieren, deshalb sollte die Menschheit in diesem Zeitraum besonders vorsichtig sein.

Lebensende und posthume Wirkung

Stephen Hawking starb im Alter von 76 Jahren in seinem Haus in Cambridge. Im Juni 2018 wurde die Asche Hawkings im Rahmen eines Gedenkgottesdienstes in der Westminster Abbey in London beigesetzt. Sein Grab liegt zwischen den Gräbern Isaac Newtons und Charles Darwins. Es ist dies die höchste Ehre, die einem Wissenschaftler auf der Insel zuteilwerden kann.

Wie kein Wissenschaftler vor ihm, so hatte sich Hawking die Freiheit genommen zu allen die Menschheit betreffenden Fragen Stellung zu beziehen. Sein posthum kompiliertes Buch [3] greift 10 Fragen heraus und gibt jeweils eine Antwort, der kein Naturwissenschaftler widersprechen kann. ‚Unleash your imagination! Shape the future!‘, Mit diesem Aufruf endet dieses Buch.


Zehn große Fragen und Hawkings Antworten

Meine Reaktion und mein Verständnisproblem

Die Person des Stephen Hawking muss für sein familiäres und fachliches Umfeld eine große Belastung, ja eine Zumutung gewesen sein. Es ist für mich daher gut verständlich, wie seine beiden Frauen reagierten. Gewundert hat es mich vor allem, wie lange beide es mit ihm aushielten. Vermutlich war es eine Mischung von Mitleid und Bewunderung. Andererseits wirkte er sehr motivierend, nicht zuletzt durch sein Beispiel. ‚Behinderte sollen das tun, was sie können‘, meinte er. Es gäbe noch sehr viel, was zu tun sei, um der Menschheit weiter zu helfen. Es ist vor allem diese Einstellung, die meine durchweg positive Erinnerung an Hawking als Person bestimmt.

Beim Thema Informationsverlust in Schwarzen Löchern scheint mir Hawking einer Marotte von Physikern auf den Leim gegangen zu sein. Es ist dies die unklare Auffassung der Beziehung von Information, Entropie und Energie. So meinten Hawking und seine Freunde allen Ernstes, dass die in einer Enzyklopädie enthaltene Information nicht verloren ginge, sollte die Papierversion verbrennen. Alle Information sei aus der Asche wiederzugewinnen, wenn auch nur mit großem Aufwand. Deshalb sollten die jeweiligen Gewinner der besagten Wette auch je eine Enzyklopädie ihrer Wahl erhalten. [Hätte Hawking eine  Enzyklopädie als Hörbuch oder in Multimediaform besessen, wären ihm diese etwas seltsamen Gedanken sicherlich erspart geblieben].  

Hawking glaubte, dass beim Verdampfen eines Schwarzen Lochs die im Ereignishorizont vorhandene Information irgendwo bleiben würde. Mit ihrer Hilfe ließe sich feststellen, was in dem Schwarzen Loch verschwunden sei. Weil diese Frage ihm unlösbar erschien, bezweifelte er zeitweilig, dass es überhaupt Schwarze Löcher gibt [2]. Andere Physiker ließen sich davon jedoch nicht beirren. Sie glauben inzwischen Schwarze Löcher empirisch nachweisen zu können, nicht zuletzt dank Gravitationswellen.

Für Physiker ist Information stets an Energie gekoppelt. Diese ist ihrerseits in Materie umwandelbar oder aus Materie zu gewinnen. Eine Struktur, die komplexer ist als eine andere, benötige mehr Information zu ihrer Beschreibung bzw. mehr Energie, um sie zu schaffen und um sie aufrecht zu halten. Dadurch seien Information und Energie irgendwie miteinander verknüpft. Dass dies eine sinnvolle Betrachtungsweise ist, wage ich zu bezweifeln. Ein früherer Blog-Beitrag befasste sich mit der Problematik des Informationsbegriffs. Diese Diskussion soll hier nicht vertieft werden.

Referenzen
  1. Stephen Hawking: Meine kurze Geschichte. 2013, 61 Seiten
  2. Stephen Hawking: Schwarze Löcher gibt es nicht. 2014, 27 Seiten
  3. Stephen Hawking: Kurze Antworten auf große Fragen. 2018, 255 Seiten
  4. Rüdiger Vaas: Tunnel durch Raum und Zeit. 12. A., 2012, 416 Seiten

Samstag, 10. August 2019

Als Barbaren Europas Kultur und Wohlstand zunichtemachten

Nicht nur Europa macht sich derzeit große Sorgen, ob sich das erreichte geistige und wirtschaftliche Niveau aufrechterhalten lässt. Oft trifft man auf Leute, für die hat die Geschichte der Menschheit nur eine Interpretation, es geht immer aufwärts. Je nach dem Maßstab, den man verwendet, mag dies auch zutreffen. Rechnet man weit genug zurück, so gab es nur primitivere Formen des Lebens. Das betrifft nicht nur den Menschen, sondern jede Form des Lebens, angefangen bei den Einzellern. Für Darwin war dies ein Teil seiner Erkenntnis. Bei den kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen der Menschheit ist jedoch eine lineare Weiterentwicklung nicht so klar erkennbar.

Zeit vor der Völkerwanderung

Als Rheinländer wird man fast täglich daran erinnert, dass es schon mal eine Kultur- und Wirtschaftsstufe gab, die das was wir heute haben, in mancher Hinsicht übertraf. Im Eifeldorf Otrang wurde z.B. ein Bauerngehöft aus der Römerzeit wiederentdeckt, dessen Wohnkomplex mehr als 60 Zimmer umfasste. Die von Pferden gezogenen Ackergeräte sahen genauso aus wie einige heutige Geräte. In Köln und Trier gab es damals Unterflurheizung und warme und kalte Bäder in jedem ordentlichen Haus. Körperpflege und Kosmetik, Kleidung und Schmuck hatten einen hohen Stellenwert.

Dieser materiellen Seite der Kultur stand die immaterielle Seite nicht nach. Viele Leute konnten Lesen und Schreiben, und zwar in einer Sprache, die man in London und Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, gleichermaßen verstand. Man aß Austern aus Arcachon und trank Wein von der Rhone. In der Trierer Palastschule lasen Schüler aus Algerien und Dalmatien die Schriften des Euklid, des Vergil und des Ovid. Die Erziehung der kaiserlichen Erben oblag einem Hauslehrer namens Ausonius aus Bordeaux, der auch dichtete. In der Trierer Pferderennbahn gewann der aus Griechenland stammende, jugendliche Polydus mehrere Wagenrennen und wurde im Mosaikfußboden eines Bürgerhauses in Siegerpose verewigt.

Germanen des Tacitus

Der römische Schriftsteller Tacitus (58-102 nach Chr.) bezeichnete alle Leute rechts des Rheins als Germanen. Sie lebten in dörflichen Gemeinschaften mit sehr sporadischen Kontakten nach außen. Die Männer betrieben Fischfang und Jagd, die Frauen kümmerten sich um Gärten und Felder. Die Schaf- oder Hühnerzucht oblag beiden. Das Römerland westlich des Rheins wirkte wie ein Magnet, besonders für die Ubier, die Vorfahren der Kölner. Sie migrierten einzeln oder in Gruppen über den Rhein, suchten und fanden Arbeit in Haushalten oder betrieben Handel. Einer, der zur Bekämpfung und Vertreibung der Römer aufrief, war Armin, der Sohn eines Cheruskerfürsten, der in Rom erzogen worden war. Er organisierte im Jahre 9 nach Chr. den Überfall auf eine römische Legion beim Zug durch den Teutoburger Wald.

Franken Chlodwigs

Ab dem Ende des vierten Jahrhunderts wanderten große Familienstämme vom Niederrhein über das heutige Belgien Richtung Westen. Ihr bekanntester Anführer hieß Chlodwig. Er übernahm römische Verwaltungsfunktionen, nannte sich König (lat.: rex) und residierte in Soissons. Nachdem er seine innerfränkische Konkurrenz brutal beseitigt hatte, verlegte er seine Residenz ins Pariser Becken (frz. Ile de France). Sofern andere Stammesgruppen ihnen den Siedlungsraum streitig machten, wurden sie bekämpft und meist besiegt, so die Alemannen um 496 bei Zülpich. Erst nach dieser Schlacht ließ sich Chlodwig, gleichzeitig mit 4000 Getreuen, in Reims zum Christen taufen. Der Bischof Remigius, der die Taufe vollzog, vertrat die von Rom und Konstantinopel offiziell adoptierte Version des Christentums. Sie war 325 im Konzil von Nizäa als Staatsreligion festgelegt worden. Chlodwig starb im Jahre 511. Das Frankenreich wurde auf vier Söhne aufgeteilt. Childebert bekam Paris.

Die Gefolgsleute der fränkischen Eroberer bildeten eine Waffen tragende Oberschicht. Sie beschränkten sich auf Ackerbau und Viehzucht. Die früher hier lebenden keltischen Bewohner wie die Treverer wurden in Flusstäler und auf weniger ertragreiches Ackerland zurückgedrängt. Städtische Zentren blieben intakt, wurden aber von dem ländlichen Hinterland getrennt. Sie verloren rasch an Bevölkerung.

Goten als Sprach- und Siedlergemeinschaft

Die Goten traten ins Blickfeld der antiken Welt, als sie vorübergehend in Südrussland gesiedelt hatten. Sie sollen ursprünglich in Schweden gewohnt haben. Die Insel Gotland und die Stadt Gotenburg erinnern heute noch an sie. Zwei Familienverbände hatten sich gebildet, die Balthen und die Amaler, denen sich die Auswanderer zuordneten. Später wurden daraus die West- und die Ostgoten.

Vom römischen Kaiser Konstantin I. übernahmen sie das Christentum in der Form des Arianismus. Nach Meinung des Theologen Arius (ca. 260–327 n. Chr.) aus Alexandrien sei Gott ungeworden und ungezeugt, anfangslos und ewig, unwandelbar und transzedent. Jesus dagegen sei geschaffen und damit nicht göttlich, nicht wesensgleich mit Gott. Zudem habe nur ein Mensch leidend am Kreuz sterben können, kein Gott. Im Konzil von Nizäa wurde der Arianismus 325 zur Irrlehre erklärt und durch die noch heute gültige Trinitätslehre ersetzt. Die Goten behielten den Arianismus (in der Form des Homöismus) bei. Ebenso taten dies die Burgunder, die Gepiden, Langobarden und die Vandalen.

Als einzige der im damaligen Europa umherziehenden Siedlergruppen besaßen die Goten eine Schrift und eine Literatur. Ihr Schöpfer war Bischof Wulfila (311-388). Er lebte in Nicopolis in der Provinz Moesia (im heutigen Bulgarien) und gilt als Verfasser einer umfassenden Bibelübersetzung aus dem Griechischen ins Gotische. Erhalten ist davon nur der Teil des Neuen Testaments. Als Illustration der gotischen Sprache wird immer das Vaterunser-Gebet zitiert. Es sei hier wiedergegeben.

atta unsar thu ïn himinam
weihnai namo thein
qimai thiudinassus theins
wairthai wilja theins
swe ïn himina jah ana airthai
hlaif unsarana thana sinteinan gif uns himma daga
jah aflet uns thatei skulans sijaima
swaswe jah weis afletam thaim skulam unsaraim
jah ni briggais uns ïn fraistubnjai
ak lausei uns af thamma ubilin

(Hochdeutsch um 1950: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern, Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel)

Wulfilas Schreibweise ist ans Griechische angelehnt. Wie das Gotische gesprochen wurde, ist nicht überliefert. Die Wulfila-Bibel ist das älteste schriftliche Zeugnis eines größeren Textes in einer germanischen Sprache. Ansonsten besitzen wir lediglich fragmentarische Runeninschriften.

Wanderzüge durch Europa

Zunächst zogen die Goten zusammen durch Westeuropa. Sie plünderten 410 die Stadt Rom. Ihr Anführer Alarich I. starb in Süditalien. August Graf von Platen dichtete über ein sagenhaftes Grab in Kalabrien: ‚Nächtlich am Busento lispeln bei Consenza dumpfe Lieder‘. Als Alarich II. in Richtung Gallien weiterzog, gingen nur die Westgoten mit ihm. Sie besetzten Aquitanien und machten Toulouse zu ihrer Hauptstadt. Später wurden sie von den Franken unter Chlodwig über die Pyrenäen gedrängt. Toledo wurde die neue Hauptstadt. Die Ostgoten zog es nach Osten zurück.

Als Attila und seine Hunnen um 450 über Köln nach Orleans zogen, begleiteten sie Gepiden und Ostgoten. Bei der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern kämpften 451 auf der Gegenseite Alanen, Burgunder, Franken und Westgoten unter dem Kommando des römischen Feldherrn Aetius. Die Schlacht ging unentschieden aus, aber Attila (das Väterchen) war so geschwächt, dass er sich zurückzog.

Mit Theoderich in Ravenna

Die Hunnen hatten inzwischen das frühere Siedlungsgebiet der Goten in Pannonien (im heutigen Ungarn) übernommen, so dass diese in den heute serbischen Teil des Donauraums auswichen. Zum Anführer erkoren sie Theoderich (453-526), der vom siebten bis zum 17. Lebensjahr als Geisel am kaiserlichen Hofe in Konstantinopel, dem früheren Byzanz, gelebt hatte. Außer gotisch sprach er perfekt Latein und Griechisch. Zunächst übernahm dieser für Kaiser Zenon in Konstantinopel die Verwaltung der Provinz Thrakien mit der Hauptstadt Thessaloniki. Anschließend ließ er sich den Auftrag geben, nach Italien zu ziehen und den dort wirkenden Odovaker zur Raison zu bringen.

Im Jahre 488 zog Theoderich mit rund 100.000 Gefolgsleuten Richtung Italien, darunter waren 20.000 Reiter. Die entscheidende Schlacht war am Isonzo. Im Jahre 493 war der Auftrag erledigt, als Odovakar persönlich von Theoderich nach dessen Einzug in Ravenna ermordet worden war. Odovakar, ein im römischen Heer aufgestiegener Thüringer, hatte 476 den letzten Vertreter des römischen Kaisertums, den noch kindhaften Romulus in die Verbannung geschickt. Die Ermordung des Odovakars geschah angeblich aus Rache für den Mord an Anhängern oder Verwandten des Theoderich. Ein König der Goten musste solche Geschäfte damals persönlich erledigen können. Die Byzantiner beauftragten damit andere.

Anschließend gründete der starke Mann der Goten den römischen Staat neu. Dabei verband er Kulturen und Religionen (katholisch, arianisch und jüdisch). Er setzte römische Experten ein, wo nötig, besonders bei der Fiskal-Verwaltung, Seine gotischen Gefährten übernahmen alle militärischen Funktionen. Sie waren zuständig für die externe wie interne Sicherheit. Zur ihrer ökonomischen Absicherung dienten Landgüter, die in Abwesenheit der Männer von Frauen und Gesinde bearbeitet wurden.

Aufgrund seiner Erziehung am Hofe war Theoderich mit den dort herrschenden Gepflogenheiten bestens vertraut. Er machte davon gezielt Gebrauch, sei es in der Organisation, der Korrespondenz oder den Handelsbeziehungen. In Cassiodor hatte er einen erfahrenen und versierten Umsetzer und Organisator. Dem Senat in Rom erwies er die gebührende Reverenz, ebenso dem Papst. Ennodius, der Bischof von Pavia, verfasste ein Lobpreisung (Panegyricus) auf ihn. Theoderich regierte 33 Jahre lang und wurde als tolerant beurteilt. Er hat nie versucht, für den arianischen Glauben zu missionieren. Selbst in Ravenna bildeten die Arianer eine Minderheit gegenüber den Katholiken. Im Jahre 561 wurde ihr Vermögen durch Kaiser Justinian an die katholische Kirche übertragen.

Das damalige Römische Reich war außerstande große Gruppen bewaffneter Einwanderer zu integrieren. Stattdessen konnte es Steuern eintreiben und Posten vergeben. Die Goten sollten das Land verteidigen, die Römer Steuern zahlen. Eine Durchmischung war nicht vorgesehen. Theoderich wurde von den Römern akzeptiert, weil er deren althergebrachten Vorteile schützte. Von Goten wurde er geachtet wegen seiner Abstammung und seiner Leistung.

Theoderich war bemüht, über Italien hinaus die politische Lage zu beeinflussen und zu stabilisieren. Deshalb hatte er Audefleda zur Frau genommen, eine Schwester des Frankenkönigs Chlodwig. Sigismund von Burgund heiratete Ostrogotho, eine Tochter Theoderichs, und der Vandale Thrasamund erhielt Amalafrieda, eine Schwester Theoderichs. Außerdem versuchte er zwischen Alarich II. und Chlodwig zu vermitteln. Trotzdem kam es im Jahre 507 zwischen Westgoten und Franken zur Schlacht von Vouillé (bei Poitiers), in der Alarich II. getötet wurde. Ab 511 bis zu seinem Tode wurde Theoderich auch König der Westgoten. Burgund verlor die Provence an Theoderich, der damit auf einen Schlag insgesamt 29 Städte mit Bauten aus der Römerzeit gewann, so z.B. Marseille und Arles. Theoderich besaß damit ein zusammenhängendes mediterranes Großreich. Seine  Erben konnte dieses Gefüge jedoch nicht lange verteidigen.

Waren die Goten Germanen?

Während der Völkerwanderungszeit waren die Goten die aktivste und größte Bevölkerungsgruppe in ganz Europa. Sie beherrschten den Balkan, den italienischen Stiefel und die iberische Halbinsel. Sie selbst sahen sich nicht als Germanen an. Das waren für sie die Franken, ihre vielleicht mächtigsten Gegenspieler. Sprachlich sowie konfessionell bildeten die Goten eine Einheit mit Gepiden und Vandalen.

Als Germanen sieht man heute vor allem eine Sprachfamilie, und zwar diejenige, die die erste Lautverschiebung aufweist. Diese erfolgte um 500 vor Chr. Sie trennt die germanischen Sprachen vom Griechischen und Lateinischen. Aus lat. pater wurde father und aus griech. kion Hund. Bis zur zweiten Lautverschiebung um 700 nach Chr. konnte man sich gegenseitig verstehen. Wie die Wulfila-Bibel beweist, hat das Gotische Gemeinsamkeiten mit germanischen Sprachen.

Untergang der West- und Ostgoten

Im Jahre 712 fielen die Araber über die Meerenge von Gibraltar in Spanien ein. Sie zerstörten das Westgotische Reich. Ihr Angriff auf das Frankenreich wurde 732 von Karl Martell bei Tours und Poitiers zurückgeschlagen. Als letzter Germanenstamm tauchten die Langobarden zunächst östlich von Wien auf. Um 730 setzten sie sich in Italien fest. Als sie den Kirchstaat bedrohten, suchte der Papst Hilfe bei den Franken. Eine über Jahrhunderte währende Kooperation begann.

Franken Karls des Großen

Der siebenjährige Karl, den man später den Großen nennen wird, war 755 mit seinem Vater in der Abteikirche von Saint Germain des Prés, als die sterblichen Reste des 200 Jahre zuvor verstorbenen Hl. Germanus nach dort überführt wurden. Durch dieses Ereignis wurde Karls Geburtsjahr für die Geschichtsforschung eindeutig bestimmt. An Karls Motto seiner späteren Jahre sei kurz erinnert: Es sei wichtiger das Schwert führen als Lesen und Schreiben zu können.

Formell erfolgte die Wiedergeburt des Römischen Reiches Weihnachten 800 durch die Krönung Karls zum Römischen Kaiser. Karolingische Renaissance ist der Fachbegriff, der darauf hindeutet, dass man Altes zu schätzen begann. Es war der Leiter seiner Hofschule, der mit Anweisungen an den Klerus dafür sorgte, dass wieder richtiges Latein gesprochen und die alten Texte wieder gelesen wurden. Gemeint ist Alchwin von York (735-804), dem auch ein Beitrag dieses Blogs gewidmet ist. Da die von Aachen ausgelöste Wiederbesinnung auf das Alte nicht umfassend war, gab es eine nochmalige Renaissance rund 600-700 Jahre später. Sie umfasste vor allem Italien und bezog sich primär auf Architektur und Malerei, aber auch auf Philosophie und Literatur. Sie läutete die Neuzeit ein.

NB: Als Quelle für die obige Information über die Goten diente vorwiegend das Buch Theoderich der Große von Hans-Ulrich Wiemer (2018, 782 Seiten).

Freitag, 2. August 2019

Groß-Britannien und Briten mal wieder unter der Lupe

Inzwischen gehört es bei uns fast zum guten Ton an der geistigen Gesundheit der Engländer bzw. der Briten zu zweifeln. Deshalb ist es kein Wunder, dass immer mehr Autoren sich anbieten, uns bei der Diagnose behilflich zu sein. Ich greife zwei Beispiele heraus. Die Therapie ist – sofern die Diagnose zutrifft – ein ganz anderes Kapitel. Dazu verfüge ich jedoch nur über sehr vorläufige und unausgereifte Gedanken.

Diagnose eines Midlanders

Eine recht ergiebige Diagnose liefert der seit 2010 in Berlin lebende gebürtige Engländer Adam Fletcher (*1983). Sein Buch heißt: So sorry: Ein Brite erklärt sein komisches Land (2018, 208 Seiten). Er teilt das Land in vier Stockwerke ein: Greater Londonia, Midlands, der Norden, Schottland. Der Autor selbst stammt aus den Midlands (Norfolk). Er ist daher von Hause aus kritisch, was den Großraum London betrifft. Den sollte man nicht für England halten, geschweige denn für Groß-Britannien. Es gäbe dort zwar alles, aber nur unter großen Unannehmlichkeiten. Es sei eine Krake, die den Rest des Landes aussauge.

Die Briten sähen sich nicht ohne Grund auf der Mitte der Weltkarte, d.h. am Längengrad Null. Auch sei Englisch unangefochten die lingua franca für Wirtschaft, Kultur, Technik und Wissenschaft. Der Verlust des Weltreichs habe Narben hinterlassen, und das nicht nur bei den Eingeborenen. Die Briten würden sich einbilden, nichts mehr lernen zu müssen, weder politisch, kulturell noch technisch-wissenschaftlich. Niemand drückte dies deutlicher aus als der Brexit-Befürworter Michael Goves, der gerade ein Ministeramt erhielt. Der meinte im Jahre 2016: ‚Die Menschen in diesem Land haben die Nasen voll von Experten‘.

Die Briten seien Weltmeister der Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung (im Vergleich zur Vergangenheitsbewältigung bei den Deutschen). ‚Keep calm and carry on‘ sei ihr Motto. Man versuche stets alle Probleme zu lösen, indem man ihnen den Rücken zudrehe. Er hat dafür das Wort ‚faffing‘ (= Herumeiern) erfunden. Der wahre Verursacher des Brexit sei Wladimir Putin. Der habe gesagt, England sei eine unbedeutende Insel neben Frankreich. Der Auslöser sei der ‚Superschnösel‘ David Cameron gewesen. Er hatte Angst die Parlamentswahl gegen Nigel Farage und dessen UKIP zu verlieren und versprach eine Volksabstimmung, die er dann verlor. Boris Johnson zog damals mit einem roten Bus durch das Land, auf dem stand, dass pro Woche 350 Millionen Pfund Sterling nach Brüssel flössen, die man in das britische Gesundheitssystem NHS umleiten würde. Da die Aussage falsch war, wurde sie nach der Abstimmung kassiert. Jeder Brite weiß, dass der NHS unterfinanziert ist. Man müsste neun Monate für einen Augenarzt-Termin warten. Für David Cameron verlor das Spiel namens Politik an Interesse. Er verschwand von der Bildfläche.

Die britische Gesellschaft bestünde aus drei Klassen, die völlig nebeneinander leben. In Klammern sind ihre Hauptinteressen wiedergegeben: Proleten (Klunker, Trainingsanzüge, Fußball, Koma-Saufen), Mittelschicht (Pubs, Wimbledon, Urlaub in Spanien), Oberschicht (Jagd, Pferde, Polo, Kindermädchen). Ein weiterer Spalt trennt Hausbesitzer und Mieter, wobei russische Oligarchen die besitzende Seite verstärken.

Was Deutsche von Briten unterscheidet, sei die Benutzung von Weichspülern in der Alltagssprache, ‚Sorry‘ sei wohl das am häufigsten benutzte Wort. Außerdem lassen Briten keine Gelegenheit aus, um ‚Thank you‘ zu sagen. Man könne auch sehr gut aneinander vorbeireden. Obwohl Briten als äußerst höflich gelten, verfügen sie über einen unheimlich reichen Schatz an Schimpfwörtern, von dem sie lautend Gebrauch machen.

Briten neigten dazu zu untertreiben. Ein Musterbeispiel ist ein Flugzeugkapitän, der die Passagiere informierte, dass man ein ‚small problem‘ hätte, nachdem alle vier Triebwerke gleichzeitig ausgefallen waren. ‚I am not unhappy‘ oder ‚I feel unwell‘ sind beliebte Sprachfloskeln. Zu den 10 Geboten fürs Witzemachen gehöre, dass es keine unpassenden Gelegenheiten gibt. Je gedrückter die Stimmung, desto größer sei die Pflicht, zur Aufheiterung beizutragen, selbst bei Trauerfeiern. Briten mögen einen Verlierer (engl.: loser) wie den berühmten Mr. Bean. Sie könnten sich leichter mit ihm identifizieren als mit Vertretern der Elite.

Die britische Küche sei bekanntlich (zu) reich an Kohlehydraten. Der Yorkshire Pudding, Fish & Chips und Sandwichs sind die Spitzenleistungen. Alles rettet ein guter Tee. Eine Pub-Tour kann anstrengend werden. Das Land ist übersät mit 25000 Kreisverkehren. Ampeln werden als faschistisch oder despotisch angesehen. Sie passten nicht zum Volkscharakter.

Die Diagnose einer Britophilin

Claudia Hunt (*1969) ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und ist in München aufgewachsen. Ihr Buch heißt: My Pleasure! Englisch, wie es nicht im Schulbuch steht (2019, 240 Seiten). Ich würde sie als England-Liebhaberin oder Anglophilin bezeichnen.

Als Übersetzerin weist die Autorin ihre Leser zunächst auf die Stolpersteine hin, die vor allem Anfänger beachten sollten. Ein Gerät namens Handy kennt man nicht. Es heißt ‚phone‘. Das deutsche Wort ‚delikat‘ ist zwar verwandt mit ‚delicious‘, aber nicht zu verwechseln. ‚Thick‘ heißt dumm und ‚eventually‘ schließlich. ‚Loo‘ oder ‚lavatory‘ klingen besser als ‚toilet‘. Die in jedem Kapitel eingeführten Redewendungen sind am Schluss nochmals auf 40 Seiten zusammengefasst.

Da der Stoff sonst an Farbe mangeln würde, enthält das Buch diverse Ausflüge in die englische bzw. die britische Geschichte, Diese ist reich an Kuriositäten. Zur Kirchenspaltung kam es bekanntlich, weil Heinrich VIII (1491-1547), der Vater Elisabeths I, einen hohen Verbrauch an Frauen hatte, insgesamt sechs. Englische Schulkinder merken sich heute noch deren Schicksale wie folgt:

divorced, beheaded, died,
divorced, beheaded, survived.

Da nur das Haus Hannover den gesuchten Protestanten in der Erbfolge anzubieten hatte, kam ein Vertreter dieser Linie auf den englischen Thron. Als König Georg I (1660-1727) nahm er zwar den Ruf an, gab sich aber wenig Mühe mit britischen Sitten und der englischen Sprache. Der Brauch zu Weihnachten einen Tannenbaum aufzustellen, verdankt England dem deutschen Prinzen Albert von Sachsen-Coburg-Gotha (1819-1861), dem Gemahl von Königin Victoria. Deren Nachkommen repräsentieren bis heute (als Haus Windsor) die englische Monarchie.

Während des ersten Weltkriegs wollte Winston Churchill (1878-1965) Russland militärisch unterstützen, ohne dass dies die Öffentlichkeit erfuhr. Man lieferte daher ‚water tanks‘. Das Wort ‚water‘ ging alsbald verloren. Übrig blieben die ‚tanks‘.

Was können wir tun?

Es hat wenig Sinn, wenn wir versuchen, die britische Regierung oder gar das Volk von außen zu verändern. Das ist bei jedem Land schwer, bei den Briten besonders. Wir können nur unser Verhalten anpassen und die Zeit für uns arbeiten lassen.

Premierminister Boris Johnson zog diese Woche von Schottland über Wales nach Nord-Irland. Überall wurde er wegen seiner Brexit-Politik kritisiert. Schottland und Wales möchten weiter EU-Hilfe für ihre Landwirtschaft haben. In Belfast glaubt man Johnson nicht, dass sich das Grenzproblem zur Republik Irland durch Wegsehen lösen lässt.

Dass Minderheiten die Mehrheit eines Volkes ins Verderben ziehen können, haben wir Deutsche selbst erlebt, und sind gerade dabei es zu vergessen. Im Falle Englands bedarf es eines internen Ereignisses mit sehr offensichtlichen Folgen, ehe man aufhört, Schreihälsen wie Farage und Johnson zu glauben. Der Sturz des Pfundes reicht nicht aus, so lange die USA in die Bresche springen werden. Dass die britische Industrie und damit auch die Bevölkerung leidet, stört offensichtlich die politische Klasse des Landes nicht im Geringsten. Die Premier League bekommt bestimmt stärkere Aufmerksamkeit.

Dass die Tories der EU primär aus rein innenpolitischen Gründen Ade gesagt haben, habe ich schon länger vermutet. Es würde mich daher auch nicht wundern, wenn sie die nicht zu England gehörenden Teile des Vereinigten Königreichs keinen Deut besser behandeln würden. Es könnte allerdings sein, dass da Ihre Majestät, die Königin, etwas dagegen hätte. Mein Rat in dieser Situation könnte von einem Briten stammen. Er lautet: Kühl bleiben und Tee trinken.

Mittwoch, 24. Juli 2019

Evolutionstheorie im Kreuzfeuer der Kritik – wenn auch etwas verspätet

Die auf Charles Darwin (1809-1882) zurückgehende Evolutionstheorie sorgte im 19. Jahrhundert für gewaltige geistige Turbulenzen. In mancher Hinsicht erschütterte sie das Weltbild der Zeitgenossen. Zweihundert Jahre später könnte man meinen, das sei alles ein alter Hut, das Thema sei gegessen. Dem scheint aber nicht so zu sein. Liest man Stefan Grafs Buch Darwin im Faktenscheck (2013, 380 Seiten) so bekommt man den Eindruck, dass Darwin uns gerade erst verlassen habe und der Meinungsstreit sei soeben voll entbrannt. Stefan Graf (*1961) hat Medizin und  Biologie an der FU Berlin studiert und arbeitet als Wissenschaftsjournalist. Mit etwas Mühe arbeitete ich mich durch den Wälzer. Immerhin gab es einige Punkte, an denen ich stutzte oder dazulernte.

Essenz der Darwinschen Theorie

Bei der biologischen Fortpflanzung kommt es immer wieder zu Veränderungen des Erbguts, fachlich als Mutationen im Genbestand (Genom) bezeichnet. Die Art, die Position und die Verteilung sind im Prinzip zufällig. Ihre Ausprägung und Wirkung im erzeugten Lebewesen, also dem Phänotyp, kann sehr unterschiedlich sein. Außerdem gibt  es Unterschiede aufgrund leichter Variationen desselben Gens, der so genannte Allele.

Welche Mutationen dem Phänotyp zum Vorteil gereichen, hängt von dessen Umwelt ab. Es ist die Umwelt, die selektiert, welche Mutationen sich zahlenmäßig stark oder weniger stark verbreiten, indem die Zahl der Phänotypen wächst oder schrumpft. Diejenigen Mutationen, deren Träger als Phänotyp Nachfolger zeugten, werden Teil des Genotyps nachfolgender Generationen. Änderungen des Genotyps von einer Generation zur andern sind meist minimal. Erst nach einer Reihe von Generationen können sie ins Gewicht fallen. Das Gesamtpaket der Gene, das Genom, und nicht ein einzelnes Gen, bestimmt, welcher Phänotyp für eine gewisse Situation gut oder schlecht vorbereitet ist. Der am besten angepasste hatte die besten Chancen zu obsiegen, d.h. zu überleben (engl,; survival of fittest). Aber auch alle Fehlentwicklungen erhalten eine Bewährungsprobe, oft für Jahrtausende.

Wer angepasst war, ist stets nur im Nachhinein zu beurteilen. Vorhersagen sind nicht möglich. Die Evolution tut nichts Aktives. Sie bewertet lediglich den Erfolg von Mutationen und Rekombinationen bei der Nahrungsbeschaffung, der Partnerwahl und der Fortpflanzung. Als Kernbegriffe der Evolution gelten Zufall, Fitness und Konkurrenz; entscheidend ist der Zeitfaktor.

Historische Leistung Darwins und spätere Erkenntnisse

Es bedurfte vermutlich der Besonderheit viktorianischer Naturforschung, um das Wirken des Zufalls ernst zu nehmen. Die Vorstellung, dass die Umwelt sich ändert, ohne dass wir wissen weshalb, war eben erst ins Bewusstsein der Menschheit gedrungen. Es war auch noch relativ neu, bei der Betrachtung der Erde und des Kosmos in  großen Zeitintervallen zu denken. In der biblischen Genesis lag der Tag Null der Schöpfung keine 10.000 Jahre zurück. Jetzt begann man in Jahrmillionen zu denken. Möglicherweise beeinflusste ihn auch die Sichtweise des Thomas Robert Malthus (1766-1834), der einen Trend zum Überschuss von Nachkommen und dadurch durch Ressourcen begrenzte Populationen konstatierte.

Im Altertum wurde eine in den Ergebnissen mit Darwin vergleichbare Deszendenztheorie von Herodot (480-420 vor Chr.) und Lukrez (94-53 vor Chr.) gelehrt. Die Kirche akzeptierte später nur die Allmacht Gottes als Schöpfer, und zwar nicht nur im einmaligen Akt sondern in laufender Wiederholung.

Darwin standen keinerlei Kenntnisse weder aus der Genetik noch aus der Epigenetik zur Verfügung, durch die viele der von ihm beobachteten Phänomene später erklärt wurden. Heute weiß man, dass jede einzelne Körperzelle eine volle Kopie der DNA besitzt. Entwirrt wäre sie ein Faden von mehr als zwei Metern Länge. Die drei Mrd. Bausteinpaare des Genoms eines höheren Lebewesens entsprechen einem Sprachumfang von 100 Bill. (10 hoch 14) Zeichen. Unterschiede in der Ausprägung ergeben sich durch An- und Abschalten einzelner Gene. Diese Genregulation ist das wahre Geheimnis des Lebens. Was lange als Schrott-DNA bezeichnet wurde, erweitert das Genom zum Epigenom. Aus der Genetik wird die Epigenetik. Mag die DNA des Schimpansen zu 98% identisch sein mit der des Menschen, so ist der Phänotyp dennoch ganz verschieden. Immerhin sind Änderungen an 2% der oben erwähnten 3 Mrd., also an 60 Mio. Positionen möglich.

Gegenargumente der Kreationisten und Sychronisten

Darwins Lehre stellte seinerzeit eine große Provokation dar, für alle jene, die den göttlichen Schöpfer unablässig am Werke sahen. Solange nicht für jede heute existierende Lebensform eine entsprechende Zwischenstufe gefunden ist, glauben die Darwin-Gegner, dass jede Form einen eigenen Akt der Schöpfung darstellt. Es kann in der Tat schwer sein, Fossilien von allen Zwischenschritten zu finden, da längst nicht alles, was existierte, auch in der Form von Fossilien Spuren hinterlassen hat. Andererseits muss man fragen, warum ein Schöpfer so viele ähnliche Schöpfungen wiederverwendet. Warum benutzen eine Kuh und eine Erbse dasselbe Enzym? Das muss eine eigenartige Marotte dieses Schöpfers sein. Wenn ein fertiger Flügel sich als nützlich erweist, um sich damit in die Lüfte zu erheben, so ist unklar, was immer den Anlass dazu ergab, die notwendigen Zwischenschritte zu vollziehen.

Zweifel an Darwins Modell äußerten nicht nur seine Zeitgenossen. Als einer der heutigen Angreifer wird Reinhard Eichelbeck mit seinem Buch Das Darwin-Komplott (1999, 379 Seiten) zitiert. Vor allem wirft man Darwin vor, die Schöpfung des Lebens ohne die Mitwirkung von Gott verkündet zu haben. Dabei hat Darwin zu der auch heute größtenteils unbeantworteten Frage, wie das Leben entstand, überhaupt nichts gesagt. Er versuchte lediglich zu erklären, wie sich die unterschiedlichen Formen des Lebens herausgebildet haben konnten. Ob es Gott gibt, können Darwinisten durchaus mit Ja beantworten. Nur wie er wirkt, da unterscheidet man sich von Kreationisten. Nicht der einzelne Phänotyp erfordert das Eingreifen des Schöpfers. Um den Prozess als Ganzes zu konzipieren und in Betrieb zu setzen, da sei göttliche Hilfe nicht auszuschließen meint der Autor.

Die Synchnonisten bezweifeln die der Evolution zugrunde liegende Zeitskala. So nehmen sie an, dass Menschen und Dinosaurier gemeinsam lebten. Nach dem neuestem Stand der Wissenschaft ist der Mensch (homo habilis) zwischen 1,5 und 2,0  Mio. Jahre alt. Die Dinosaurier starben vor etwa 65 Mio. Jahren aus.

Missdeutung als grausamer Überlebenskampf

Überleben können nicht nur die besseren Angreifer, sondern auch die besseren Verteidiger. Oft wird gesagt, der geile Macho genieße Vorteile. Aber auch er benötigt Kontrolle, Ethik und Sozialverhalten. Die Evolution rechtfertigt weder Terror noch Brutalität.  Menschlichkeit und Empathie tragen meistens weiter. Weder Kannibalismus noch die Kindestötung durch Harems-Herren lässt sich mit Darwin begründen, erst recht nicht das Töten von Juden durch die Nazis.

Der Egoismus ist eine Eigenart des Menschen. Er ist nicht aus Darwins Theorie ableitbar. Nur der Selbsterhaltungstrieb ist es. Die Natur hat es mehrmals geschafft, einer Spezies ein ausgeprägtes Sozialverhalten aufzuwingen. Es ist bei Insekten, also Bienen und Ameisen, unübersehbar. Es gibt es aber auch bei Säugetieren wie etwa den Nacktmullen. Bei dieser afrikanischen Nagetierart werden Staaten gebildet mit einer Königin an der Spitze und Wächtern, die sie bewachen.

Beispiele des Evolutionsprozesses

Außer den von Darwin studierten Galapagos-Finken kennen wir heute mehrere Beispiele, die den Evolutionsprozess eindrucksvoll belegen. Waren es bei den Finken 18 verschiedene Arten, die Darwin untersuchte, so kennt man in Ostafrika über 700 getrennte Arten des Buntbarschs. Infolge des Austrocknen der Seen wurden die Populationen immer wieder getrennt und verändert. Nach Phasen des Steigens des Wassers vermischten sich die Arten wieder. Von einer eigenen biologischen Art spricht man immer nur dann, wenn ihre Mitglieder gemeinsame Nachfahren haben können.

Eine durch eine einelne  Genveränderung entstandene Mutation ist bei Europäern die Laktose-Toleranz. Sie erfolgte vor rund 10.000 Jahren, als die aus Afrika eingewanderten Menschen damit begannen Viehzucht zu betreiben und Milchprodukte zu genießen. Die in Afrika verbliebenen Populationen besitzen diese Mutation nicht. Ähnlich interessant ist die Sichelzellen-Anämie. Nur wenn beide Elternteile diese Genveränderung aufweisen, sind die Nachkommen immun gegen Malaria. Hier lässt sich spekulieren, dass in ganz Afrika diese Genvariante gute Chancen gehabt hätte sich durchzusetzen, wäre kein anderes Malaria-Gegenmittel erfunden worden.

Ist die Evolution ein einmaliger Prozess?

Alles deutet darauf hin, dass die Evolution nur einmal stattgefunden hat. Dasselbe gilt für den Urknall und die Entstehung des Lebens. Das muss aber nicht so sein. Darüber darf spekuliert werden. Klar ist nur, dass jeder zweite Start zu gänzlich andern Ergebnissen führen wird, selbst dann wenn die Startbedingungen identisch sind.

Als Quintessenz lässt sich sagen: Der Mensch – aber auch jedes andere Lebewesen − ist das Ergebnis einer langer Folge von Zufallsmutationen, die selektiert wurden. Das bisherige Ergebnis ist beachtlich. Je nach Standpunkt wünscht man sich, dass die vorhandenen Verbesserungsfähigkeiten ausgenutzt werden.


Nachtrag von Peter Hiemann vom 25.7.2019

Es ist bewundernswert, dass Charles Darwin mit seinen Methoden ohne genetische Kenntnisse den Mut hatte, eine Evolutionstheorie zu formulieren. Heute wissen wir, dass die evolutionären Prozesse Replikation, Variation und Selektion die Vielfalt biologischer Arten bewirkt haben. Der Blog-Eintrag 'Evolutionstheorie im Kreuzfeuer der Kritik' hat mich veranlasst, einige Überlegungen zum Thema 'biologische Evolution' beizusteuern.

Schon der Physiker Erwin Schrödinger war überzeugt, dass die wesentliche Eigenschaft des Lebens darin bestehe, Ordnung von Generation zu Generation weiterzugeben. Da die materielle Verkörperung dieser Ordnung offenbar Platz findet in einer einzelnen Zelle, müsse sie in Gestalt eines 'Codes' gespeichert sein. Einige systemische Aspekte sind entscheidend, um das Phänomen der biologischen Evolution zu erfassen:

(1) Physikalische Aspekte

Rund 100 Jahre nach Charles Darwins Theorie “Über die Entstehung der Arten“ gelang dem Molekularbiologen James Watson und dem Biochemiker Francis Crick die epochale Entdeckung, dass die Evolution lebender Strukturen auf einer molekularen Doppelhelix-Struktur (ähnlich zwei sich umwindenden Wendeltreppen) beruht. Diese Struktur wird von quantenphysikalischen Kräften geformt, wie sie der Biochemiker Linus Pauling beschrieben hat. Diese Struktur besitzt die 'intrinsische' (von innen heraus kommende) Eigenschaft, dass sie auf einfache biochemische Weise reproduziert werden kann. Zitat James Watson: „Uns war klar: So wird das Genmaterial kopiert – und genau das war ja das zentrale Problem des Lebens, sowie Schrödinger in seinem berühmten Buch “Was ist Leben?“ definiert hatte.“ Darüber hinaus verfügt das sehr große Molekül, die DNA genannte Substanz, über verschiedene biochemische Mechanismen, die mit Hilfe von Enzymen Schäden beseitigen, die bei der Reproduktion von DNA ständig entstehen. Ohne diese Reparaturmechanismen, wäre eine fehlerfreie Replikation der DNA nicht möglich.

(2) Programmatische Aspekte

Biologische Systeme unterscheiden sich grundlegend von physikalischen Systemen, weil biologische Systeme programmatische Eigenschaften besitzen. Ein biologisches System besitzt die Fähigkeiten, sich zu bilden, sich zu erhalten und sich zu reproduzieren. Nachfolgende Generationen biologischer Systeme enthalten nicht nur Eigenschaften der Vorgängergenerationen sondern auch nicht vorhersehbare (emergente) Eigenschaften. Bei sexueller Reproduktion werden langfristig nur diejenigen individuellen Neukombinationen oder Veränderungen genetischer Information an Folgegenerationen weitergegeben, die sich erfolgreich in einer Population von Individuen bewähren.

(3) Interaktive Aspekte

Molekularbiologen befassen sich mit Wechselwirkungen biologisch aktiver Moleküle. Deren Strukturen bestimmen ihre Funktionen und das Zusammenwirken zwischen unterschiedlichen Molekülen. Zum Beispiel sind Proteine nach einem genetischen 'Code' hergestellte Ketten von Aminosäuren, deren vielfältige Formen und Funktionen durch spezifische Faltungen bestimmt sind. Bei den molekularen Wechselwirkungen handelt es sich nicht um den Austausch von Information im technischen Sinn. Vielmehr erweist sich biologischer 'Sinn' durch das Zusammenwirken vielfältiger Proteine. Lediglich Proteine mit wechselseitig passenden Formen interagieren miteinander. Biologen bezeichnen dieses biologische, kooperative Prinzip als “molekulare Komplementarität“. Es ist besser bekannt als “Schlüssel-Schloss-Prinzip“. Das Resultat interagierender Proteine ergibt 'Sinn' auf der nächsthöheren biologischen Systemebene einer Zelle. Das Resultat interagierender Zellen ergibt 'Sinn' auf der nächsthöheren biologischen Systemebene eines Organs und letztlich eines Organismus.

Darwin war bei seinen Entdeckungen auf die äußeren Merkmale der Organismen angewiesen. Wenn wir heute von biologischer Evolution sprechen, beziehen wir uns auf unterschiedliche organische Systeme wie Sinnessysteme, Herz-Blutkreislauf-Systeme, Stoffwechselsysteme (Zelle, Darm, Blut), Immunsysteme oder Nervensysteme. Alle organischen Systeme interagieren untereinander und mit der Außenwelt. Sie funktionieren auf selbstorganisierte Weise, mit dem Ziel, einen Gesamtorganismus unter allen Umständen zu stabilisieren (Homöostase).  

Biologische Mutationen bewirken Variationen biologischer Programme. Beim Kopieren des DNA-Moleküls entstehen viele Fehler, die aber postwendend in der Zelle entsorgt (recycelt) werden. Eine selektierte Variation eines Gens wirkt sich in den meisten Fällen auf viele Eigenschaften eines Organismus aus. Häufig wird das Wort 'Evolution' für Entwicklungen benutzt, obwohl kein Programm vorliegt, auf das die Prozeduren Reproduktion, Variation, Selektion angewendet werden könnten. Beim wiederholten Kopieren einer physikalischen Struktur entstehen Strukturen mit zunehmend minderer Qualität.

Die Vorstellung, dass biologische Wesen vermittels einmaliger Schöpfungsakte entstanden sind, hat sich nicht bewährt. Dualistische Hypothesen von getrennt agierenden Körpern und Geist, haben sich nicht bewährt. Die Annahme, dass biologische Prozesse und Systeme ausschließlich nach dem Prinzip 'Ursache → Wirkung' funktionieren, hat sich nicht bewährt. Biologische Prozesse einschließlich neurologischer Prozesse im Gehirn, funktionieren als Einheit auf selbstorganisierte Weise (ohne zentrale Steuerung). Wir stehen erste am Anfang, die Rolle des menschlichen ICH-Bewusstseins für die menschliche individuelle Wesen zu verstehen.

Es ist verwunderlich, wenn heute Wissenschaftler (Antidarwinisten wider besseres Wissen?) Darwins Erkenntnisse kritisieren, ohne moderne Evolutionsüberlegungen zu bedenken. Es ist mehr als angebracht, Antidarwinisten zu widersprechen. Stefan Grafs Buch wird vom Verlag so eingeschätzt: „Er geht den Einwänden dieser Antidarwinisten unvoreingenommen, spannend und humorvoll auf den Grund.“ Ob Grafs Aussagen Antidarwinisten überzeugen, kann ich nicht beurteilen. Ich habe nicht vor, mich näher mit Stefan Grafs Überlegungen zu befassen.