Mittwoch, 30. Januar 2019

Wie unsere Vorfahren Spanier wurden

Im Grenzlandgebiet Südeifel, auch Bekov genannt, wechselte die Nationalität der Bewohner mehrmals. Nach der fränkischen Landnahme im vierten und fünften Jahrhundert, d.h. während der so genannten Völkerwanderungszeit, geschah dies stets, ohne dass die Bevölkerung nur einen Zentimeter wanderte oder gar ausgetauscht wurde. Da der Begriff der Nation in der fraglichen Zeit noch eine andere Bedeutung hatte als heute, ist hier primär die politische Zugehörigkeit zu einem konkreten Herrschaftsgebiet gemeint, Da im Januar dieses Jahres gerade des 500. Todestages von Kaiser Maximilian I. (1459-1519) gedacht wurde, ist dies eine Gelegenheit sich ins Gedächtnis zu rufen, welche Rolle dieser Herrscher für unsere Heimat spielte. Dabei tritt vor allem seine erste Gattin Maria von Burgund (1457-1482) ins Rampenlicht, die Erbin unserer damals zu Luxemburg gehörigen Heimat.

Haus Burgund

Das in karolingischer Zeit bestehende Königreich Burgund bildete einst das geografische Kernstück Europas. Es reichte von der Nordsee bis zum Mittelmeer. Im 14. Jahrhundert entstand als Lehen des französischen Königs das Haus Burgund. Es umfasste drei nicht verbundene Gebiete, die Grafschaft Burgund (mit der Hauptstadt Dijon), das Herzogtum Luxemburg, und die Grafschaft Flandern. Nach Philipp dem Kühnen, einem Bruder des französischen Königs, folgte zunächst Philipp der Gute. Dessen Sohn hieß Karl der Kühne (1433-1477). Er war eine der schillerndsten Gestalten der europäischen Geschichte. Er war bestrebt sein Lehensgebiet weiter abzurunden und wieder den Titel eines Königs zu erwerben. Dabei wurde er von England, Frankreichs langjährigem Kriegsgegner, unterstützt.

Burgund zur Zeit Karls des Kühnen

Einem großangelegten diplomatischen Versuch diente vom August bis November 1473 ein pompöses Treffen in Trier, an dem neben Kaiser Friedrich III. aus dem Hause Habsburg auch drei Kurfürsten teilnahmen (Mainz, Trier, Brandenburg). Karl erschien, zur Überraschung aller mit einem Hofstaat von 250 Leuten und einem Truppentross von über 6000 Soldaten. Für ihre Neueinkleidung hatte er eine Summe von rund 40,000 flandrischen Pfund ausgegeben. Außerdem führte er wie immer wertvollen Schmuck, Porzellan und Wandteppiche mit sich. Jedenfalls stellte er damit alle anderen Teilnehmer in den Schatten. Karl selbst trug einen Hermelinkragen, der länger war als der, den ein Kurfürst zu tragen pflegte. Während der vier Monate fanden unter anderem aufwendige Bankette, Empfänge und Turnierspiele statt.

Die Verhandlungen wurden nach vier Monaten (angeblich aus Rücksicht auf den französischen König) ohne definitive Ergebnisse abgebrochen. Karl soll im Verlauf der Verhandlungen den Vorschlag des Papstes akzeptiert haben, seine 15-jährige Tochter Maria mit dem zwei Jahre jüngeren Kaisersohn Maximilian zu verheiraten. Dem Papst soll es darum gegangen sein, dem stets klammen Österreich finanziell unter die Arme zu greifen, damit es die Angriffe der Türken gegen die Christenheit besser abwehren kann. Einheimische Beobachter munkelten, dass ein Grund für den Abbruch auch an den zur Neige gehenden Weinvorräten des Trierer Kurfürsten gelegen haben könnte.

Karl der Kühne (von Peter Paul Rubens) 

Karl verfolgte das Ziel, die drei voneinander getrennten burgundischen Landesteile zu vereinigen. Zunächst versuchte er durch die Eroberung Lothringens eine Landverbindung zwischen den zwei südlichen Teilen zu schaffen. Damit geriet er allerdings mit den Eidgenossen in Konflikt, was er mit drei verlorenen Schlachten (Grandson, Murten, Nancy) und seinem Tod bezahlte. Die mit Piken bewaffneten schweizerischen Fußsoldaten waren den zu Pferde kämpfenden Rittern überlegen. Am Tag nach der Schlacht von Nancy wurde Karls Leichnam in einem zugefrorenen Tümpel entdeckt, seiner Kleider und aller Wertsachen und Waffen beraubt. Im Gegensatz zu heute galten schweizerische Truppen im Mittelalter als besonders grausam. So verbot es ihnen die von der Eidgenossenschaft erlassene Kriegsordnung lebende Gefangene zu machen, da dies die kämpfenden Truppen zu sehr ablenkte. Die in den Schlachten gegen Karl erbeuteten Wertgegenstände, die so genannte Burgunderbeute, kann heute noch in Museen besichtigt werden.

Hochzeit von Gent

Karls Tochter Maria war sein einziges Kind und stammte aus seiner ersten Ehe. Seine zweite Frau war kinderlos gestorben. Die dritte Frau, Margarete von York, war mit dem englischen Königshaus verwandt. Nach Karls Tod trat die Suche nach einem Bräutigam in ein neues Stadium, wobei der französische König Ludwig IX. die Ansicht vertrat, dass die Herrschaft (als so genanntes Manneserbe) an Frankreich zurückfallen müsste. Beide Frauen lebten zusammen in Flandern. Frankreich brachte seinen minderjährigen Thronfolger (franz.: dauphin) ins Spiel. Der Druck wurde erhöht, indem zunächst das Stammland (die Gegend um Dijon) annektiert wurde und Luxemburg und Flandern mit Einfällen bedroht wurden. Maria ließ Maximilian brieflich wissen, dass er weiterhin ihr Favorit sei. Die Bürgerschaft Flanderns war gespaltener Meinung. Es gab, vor allem unter den Kaufleuten, starke Stimmen für die Bindung an Frankreich. Jedenfalls trotzten sie ihrer Fürstin Rechte ab, die damals noch kein Herrscher in Europa abzugeben bereit war, so die Festsetzung von Steuern und das Führen eines Krieges.

Kaiser Friedrich forderte seinen Sohn auf, sich nach Flandern zu begeben, um vor Ort sein Interesse zu zeigen und seinen Anspruch zu vertreten. Als Maximilian Köln erreichte, wurde er dort vom Stadtrat verhaftet, weil der französische Gesandte verkündete, dass Maria bereits dem Dauphin ihr Wort gegeben habe. Dennoch schickte Maximilian seinen Getreuen Wolf von Polheim (1458-1512) weiter mit einer Vollmacht, die Eheschließung in seiner Vertretung (lat. per procurationem) zu vollziehen. Maria war einverstanden und man heiratete am 27. April 1477 in Brügge. Margarete von York, Marias Stiefmutter und Freundin, schickte daraufhin 100.000 Gulden nach Köln, damit Maximilian freigelassen werden konnte. Als er schließlich in Flandern ankam, wurde die feierliche Trauung ein zweites Mal vollzogen, dieses Mal am 19. August in Gent. [Mich erinnert Margaretes großherzige Tat an die sagenhafte Eleonore von Aquitanien, die einst das Lösegeld für Richard Löwenherz zahlte]

Die Ehe zwischen Maximilian und Maria verlief sehr harmonisch. Maria sprach zwar Französisch, Flämisch und Englisch. Sie verstand aber kein Deutsch. Anfänglich diente Latein als Verständigungsmittel, bis Maximilian hinlängliche Kenntnisse in Französisch und Flämisch erworben hatte. Nur wenige Tage nach der Heirat wurde Maximilian als Mitregent seiner Gattin inthronisiert. Die Stadtverwaltung Gents schwor ihren Treueeid. Im Gegenzug wurden den Gentern die Freiheiten, die ihnen Maria hatte zugestehen müssen, erneut zugesichert. Die Bedrohung von außen machte mehr zu schaffen. Frankreich versuchte unentwegt weitere ehemals französische Territorien aus der burgundischen Erbschaft zurückzuerobern. Es gelang Maximilian 1479 einen direkten Angriff französischer Truppen auf Flandern abzuwehren (Schlacht bei Guinegate). Es geschah dies dank der Hilfe von Söldnern aus Tirol. 

Familienbild mit Maximilian, Maria und Kindern

Maria  bemühte sich Maximilian mit dem burgundischen Hofzeremoniell vertraut zu machen und ließ für ihn neue, teure Kleider anfertigen. Sie versuchte ihm Eislaufen beizubringen. Beide frönten dem Schachspiel, gaben musikalische Darbietungen und lasen gemeinsam Ritterromane und klassische Literatur. Maria hatte ein besonderes Interesse am Reitsport. Bei einem Ausritt stürzte sie im fünften Ehejahr vom Pferd und starb an den Folgen des Sturzes.

Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, Philipp (*1478), mit dem Beinamen der Schöne, und Margarete (*1480). Maximilian ließ die Kinder erziehen und früh verheiraten. Philipp heiratete später Johanna (genannt die Wahnsinnige), die Erbin des spanischen Thrones. Margarete heiratete deren Bruder. Philipps und Johannas Sohn wurde als Karl V. (1500-1558) deutscher Kaiser und die Niederlande (Flandern und Luxemburg) ein Teil Spaniens. Johanna war die Tochter von Ferdinand II von Aragon und Isabella I. von Kastilien, die in Spanien als die Katholischen Könige (span.: reyes catolicos) verehrt werden. Durch die Verbindung Habsburgs mit Spanien fühlte sich Frankreich völlig in die Zange genommen, was Jahrhunderte lang zu Reibereien führte.

Während in den Niederlanden und im übrigen Deutschland durch Luthers Reformation eine große Spaltung und ein Religionskrieg ausgelöst wurden, blieb das westliche Flandern und Luxemburg davon verschont. Als um das Jahr 1700 der spanische Zweig von dem österreichischen Zweig der Habsburger Monarchie getrennt wurde, blieben beide Landesteile bis 1794 bei Österreich. Die protestantisch gewordenen Holländer (auch Geusen genannt) wurden zur Plage, da sie das Luxemburger Land wie auch das Trierer Land mit Raubzügen heimsuchten.

Maximilians weiteres Schicksal

Als Witwer war Maximilians Position in Flandern sehr schwach. Das burgundische Erbe fiel an seinen vierjährigen Sohn Philipp. Maximilian konnte seine Herrschaftsrechte nun nur noch als Vormund seines Sohns ausüben, wurde aber als solcher von den Ständen nicht anerkannt. Im Februar 1486 wurde Maximilian in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und anschließend im Kaiserdom zu Aachen gekrönt.  Zwei Jahre später, von Januar bis Mai 1488, wurde Maximilian in Brügge von der Bürgerschaft der Stadt im Gefängnis festgehalten. Sein Vater Friedrich stellte darauf eine Armee zusammen, befreite ihn und schaffte es, die Lage in Burgund einigermaßen zu stabilisieren. Ein gekröntes Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches in der Hand von flandrischen Bürgern, das ging bestimmt einigen Vertretern der Oberschicht gegen den Strich. Maximilian half auch dem in Österreich verbliebenen Teil seine Familie, etwa indem er die Stadt Wien für sie zurückgewann.

Maximilian mit Bianca und Maria (Goldenes Dachl in Innsbruck)

Maximilians Versuche eine zweite Frau zu finden, hatten lange Zeit keinen Erfolg. Berühmt ist sein Versuch, die mit einer territorialen Mitgift ausgestattete Anne de Bretagne (1477-1514) zu gewinnen. Auch hier kam es zur Vertreter-Ehe. Sein Freund Wolf von Polheim stieg sogar mit der angetrauten Braut ins Ehebett (allerdings mit Schwert und Rüstung). Der Papst hat später diese Ehe annulliert. Anne de Bretagne bekam den französischen Dauphin als Mann, den Mann, den Maria von Burgund partout nicht haben wollte. Maximilian heiratete 1493 schließlich Bianca Sforza (1472-1510). die Tochter des Herzogs Galeazzo Sforza aus Mailand. 

Erwähnt sei noch Maximilians literarisches Schaffen. Im autobiographischen Roman Weißkunig beschreibt er seine Teilnahme an Festen und Turnieren. Im Versepos Theuerdank, das im Jahr 1517 erschien, erinnert er an seine erste Reise nach Flandern und das Werben um Maria von Burgund. Maximilians Leichnam wurde in Innsbruck, der Landeshauptstadt Tirols, beigesetzt. Marias Grab ist in Brügge.

 Herzogtum Luxemburg vor 1794

Zum Grenzverlauf in der Südeifel

Wenn ich als Kind meine Patentante in Eisenach im damaligen Landkreis Trier besuchte, hieß es in Niederweis: ‚Wir gehen jetzt ins Trierische‘. Beim Rückweg hieß es: ‚Lasst uns zurück nach Spanien gehen‘. Die vom Lambach gebildete Gemarkungsgrenze war einst die Landesgrenze. Nördlich von Bitburg verlief die Landesgrenze über Nattenheim nach Malberg und von dort über Sülm und Idesheim nach Gilzem und Minden. Es ist kein Zufall, dass meine Vorfahren alle von diesseits dieser Grenze stammen. Gemeinsam mit den Bürgern Luxemburgs gedenken wir heute noch gerne der Doppeladler-Zeit. Es war dies eine Zeit des Friedens und des Wohlstands. Beendet wurde sie, als 1794 französische Revolutionstruppen erschienen. Man nannte diese auch die Hosenlosen (frz.: sans-culottes).

NB.: Dieser Beitrag basiert fast ausschließlich auf Material, das in Wikipedia zur Verfügung steht.

Kommentare:

  1. Als Beweis dafür, dass meine Vorfahren alle von der ‚spanischen‘ Seite der Eifel stammten, liste ich hier die Orte, wohin meine Eltern auf die Kirmes zu gehen pflegten. Bei etwa der Hälfte handelte es sich um Verwandte meines Vaters oder meiner Mutter. Die Besuche in Luxemburg mussten ab 1933 eingestellt werden. Hier die Liste: Alsdorf, Bitburg, Brimingen, Christnach (Lux), Eisenach (Trier), Freilingen, Idesheim, Masholder, Meckel, Mötsch, Nusbaum, Obersgegen, Oberweis, Rittersdorf, Rosport (Lux).

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  2. Die Kirmes ist in der Eifel das Kirchweihfest. Es richtet sich meist nach dem Ortsheiligen, also dem Kirchenpatron. Am frühesten sind die Kirchenfeste nach Johannes dem Täufer (23. 6.), amhäufigsten die Martinskirmessen (11.11). Nach der Messe ist meist die Gräbersegnung. Dann gibt es ein gutes Essen, danach evtl. ein Rundgang zu den Kirmesbuden.

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  3. Die Johanneskirmessen sind meist in Orten mit vorfränkischem Ursprung; Martin ist der bekannteste fränkische Heilige. Die so genannte fränkische Landnahme, d. h. die massenhafte Einwanderung, erfolgte zwischen 450 und 500 nach Chr.

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