Samstag, 10. August 2019

Als Barbaren Europas Kultur und Wohlstand zunichtemachten

Nicht nur Europa macht sich derzeit große Sorgen, ob sich das erreichte geistige und wirtschaftliche Niveau aufrechterhalten lässt. Oft trifft man auf Leute, für die hat die Geschichte der Menschheit nur eine Interpretation, es geht immer aufwärts. Je nach dem Maßstab, den man verwendet, mag dies auch zutreffen. Rechnet man weit genug zurück, so gab es nur primitivere Formen des Lebens. Das betrifft nicht nur den Menschen, sondern jede Form des Lebens, angefangen bei den Einzellern. Für Darwin war dies ein Teil seiner Erkenntnis. Bei den kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen der Menschheit ist jedoch eine lineare Weiterentwicklung nicht so klar erkennbar.

Zeit vor der Völkerwanderung

Als Rheinländer wird man fast täglich daran erinnert, dass es schon mal eine Kultur- und Wirtschaftsstufe gab, die das was wir heute haben, in mancher Hinsicht übertraf. Im Eifeldorf Otrang wurde z.B. ein Bauerngehöft aus der Römerzeit wiederentdeckt, dessen Wohnkomplex mehr als 60 Zimmer umfasste. Die von Pferden gezogenen Ackergeräte sahen genauso aus wie einige heutige Geräte. In Köln und Trier gab es damals Unterflurheizung und warme und kalte Bäder in jedem ordentlichen Haus. Körperpflege und Kosmetik, Kleidung und Schmuck hatten einen hohen Stellenwert.

Dieser materiellen Seite der Kultur stand die immaterielle Seite nicht nach. Viele Leute konnten Lesen und Schreiben, und zwar in einer Sprache, die man in London und Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, gleichermaßen verstand. Man aß Austern aus Arcachon und trank Wein von der Rhone. In der Trierer Palastschule lasen Schüler aus Algerien und Dalmatien die Schriften des Euklid, des Vergil und des Ovid. Die Erziehung der kaiserlichen Erben oblag einem Hauslehrer namens Ausonius aus Bordeaux, der auch dichtete. In der Trierer Pferderennbahn gewann der aus Griechenland stammende, jugendliche Polydus mehrere Wagenrennen und wurde im Mosaikfußboden eines Bürgerhauses in Siegerpose verewigt.

Germanen des Tacitus

Der römische Schriftsteller Tacitus (58-102 nach Chr.) bezeichnete alle Leute rechts des Rheins als Germanen. Sie lebten in dörflichen Gemeinschaften mit sehr sporadischen Kontakten nach außen. Die Männer betrieben Fischfang und Jagd, die Frauen kümmerten sich um Gärten und Felder. Die Schaf- oder Hühnerzucht oblag beiden. Das Römerland westlich des Rheins wirkte wie ein Magnet, besonders für die Ubier, die Vorfahren der Kölner. Sie migrierten einzeln oder in Gruppen über den Rhein, suchten und fanden Arbeit in Haushalten oder betrieben Handel. Einer, der zur Bekämpfung und Vertreibung der Römer aufrief, war Armin, der Sohn eines Cheruskerfürsten, der in Rom erzogen worden war. Er organisierte im Jahre 9 nach Chr. den Überfall auf eine römische Legion beim Zug durch den Teutoburger Wald.

Franken Chlodwigs

Ab dem Ende des vierten Jahrhunderts wanderten große Familienstämme vom Niederrhein über das heutige Belgien Richtung Westen. Ihr bekanntester Anführer hieß Chlodwig. Er übernahm römische Verwaltungsfunktionen, nannte sich König (lat.: rex) und residierte in Soissons. Nachdem er seine innerfränkische Konkurrenz brutal beseitigt hatte, verlegte er seine Residenz ins Pariser Becken (frz. Ile de France). Sofern andere Stammesgruppen ihnen den Siedlungsraum streitig machten, wurden sie bekämpft und meist besiegt, so die Alemannen um 496 bei Zülpich. Erst nach dieser Schlacht ließ sich Chlodwig, gleichzeitig mit 4000 Getreuen, in Reims zum Christen taufen. Der Bischof Remigius, der die Taufe vollzog, vertrat die von Rom und Konstantinopel offiziell adoptierte Version des Christentums. Sie war 325 im Konzil von Nizäa als Staatsreligion festgelegt worden. Chlodwig starb im Jahre 511. Das Frankenreich wurde auf vier Söhne aufgeteilt. Childebert bekam Paris.

Die Gefolgsleute der fränkischen Eroberer bildeten eine Waffen tragende Oberschicht. Sie beschränkten sich auf Ackerbau und Viehzucht. Die früher hier lebenden keltischen Bewohner wie die Treverer wurden in Flusstäler und auf weniger ertragreiches Ackerland zurückgedrängt. Städtische Zentren blieben intakt, wurden aber von dem ländlichen Hinterland getrennt. Sie verloren rasch an Bevölkerung.

Goten als Sprach- und Siedlergemeinschaft

Die Goten traten ins Blickfeld der antiken Welt, als sie vorübergehend in Südrussland gesiedelt hatten. Sie sollen ursprünglich in Schweden gewohnt haben. Die Insel Gotland und die Stadt Gotenburg erinnern heute noch an sie. Zwei Familienverbände hatten sich gebildet, die Balthen und die Amaler, denen sich die Auswanderer zuordneten. Später wurden daraus die West- und die Ostgoten.

Vom römischen Kaiser Konstantin I. übernahmen sie das Christentum in der Form des Arianismus. Nach Meinung des Theologen Arius (ca. 260–327 n. Chr.) aus Alexandrien sei Gott ungeworden und ungezeugt, anfangslos und ewig, unwandelbar und transzedent. Jesus dagegen sei geschaffen und damit nicht göttlich, nicht wesensgleich mit Gott. Zudem habe nur ein Mensch leidend am Kreuz sterben können, kein Gott. Im Konzil von Nizäa wurde der Arianismus 325 zur Irrlehre erklärt und durch die noch heute gültige Trinitätslehre ersetzt. Die Goten behielten den Arianismus (in der Form des Homöismus) bei. Ebenso taten dies die Burgunder, die Gepiden, Langobarden und die Vandalen.

Als einzige der im damaligen Europa umherziehenden Siedlergruppen besaßen die Goten eine Schrift und eine Literatur. Ihr Schöpfer war Bischof Wulfila (311-388). Er lebte in Nicopolis in der Provinz Moesia (im heutigen Bulgarien) und gilt als Verfasser einer umfassenden Bibelübersetzung aus dem Griechischen ins Gotische. Erhalten ist davon nur der Teil des Neuen Testaments. Als Illustration der gotischen Sprache wird immer das Vaterunser-Gebet zitiert. Es sei hier wiedergegeben.

atta unsar thu ïn himinam
weihnai namo thein
qimai thiudinassus theins
wairthai wilja theins
swe ïn himina jah ana airthai
hlaif unsarana thana sinteinan gif uns himma daga
jah aflet uns thatei skulans sijaima
swaswe jah weis afletam thaim skulam unsaraim
jah ni briggais uns ïn fraistubnjai
ak lausei uns af thamma ubilin

(Hochdeutsch um 1950: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern, Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel)

Wulfilas Schreibweise ist ans Griechische angelehnt. Wie das Gotische gesprochen wurde, ist nicht überliefert. Die Wulfila-Bibel ist das älteste schriftliche Zeugnis eines größeren Textes in einer germanischen Sprache. Ansonsten besitzen wir lediglich fragmentarische Runeninschriften.

Wanderzüge durch Europa

Zunächst zogen die Goten zusammen durch Westeuropa. Sie plünderten 410 die Stadt Rom. Ihr Anführer Alarich I. starb in Süditalien. August Graf von Platen dichtete über ein sagenhaftes Grab in Kalabrien: ‚Nächtlich am Busento lispeln bei Consenza dumpfe Lieder‘. Als Alarich II. in Richtung Gallien weiterzog, gingen nur die Westgoten mit ihm. Sie besetzten Aquitanien und machten Toulouse zu ihrer Hauptstadt. Später wurden sie von den Franken unter Chlodwig über die Pyrenäen gedrängt. Toledo wurde die neue Hauptstadt. Die Ostgoten zog es nach Osten zurück.

Als Attila und seine Hunnen um 450 über Köln nach Orleans zogen, begleiteten sie Gepiden und Ostgoten. Bei der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern kämpften 451 auf der Gegenseite Alanen, Burgunder, Franken und Westgoten unter dem Kommando des römischen Feldherrn Aetius. Die Schlacht ging unentschieden aus, aber Attila (das Väterchen) war so geschwächt, dass er sich zurückzog.

Mit Theoderich in Ravenna

Die Hunnen hatten inzwischen das frühere Siedlungsgebiet der Goten in Pannonien (im heutigen Ungarn) übernommen, so dass diese in den heute serbischen Teil des Donauraums auswichen. Zum Anführer erkoren sie Theoderich (453-526), der vom siebten bis zum 17. Lebensjahr als Geisel am kaiserlichen Hofe in Konstantinopel, dem früheren Byzanz, gelebt hatte. Außer gotisch sprach er perfekt Latein und Griechisch. Zunächst übernahm dieser für Kaiser Zenon in Konstantinopel die Verwaltung der Provinz Thrakien mit der Hauptstadt Thessaloniki. Anschließend ließ er sich den Auftrag geben, nach Italien zu ziehen und den dort wirkenden Odovaker zur Raison zu bringen.

Im Jahre 488 zog Theoderich mit rund 100.000 Gefolgsleuten Richtung Italien, darunter waren 20.000 Reiter. Die entscheidende Schlacht war am Isonzo. Im Jahre 493 war der Auftrag erledigt, als Odovakar persönlich von Theoderich nach dessen Einzug in Ravenna ermordet worden war. Odovakar, ein im römischen Heer aufgestiegener Thüringer, hatte 476 den letzten Vertreter des römischen Kaisertums, den noch kindhaften Romulus in die Verbannung geschickt. Die Ermordung des Odovakars geschah angeblich aus Rache für den Mord an Anhängern oder Verwandten des Theoderich. Ein König der Goten musste solche Geschäfte damals persönlich erledigen können. Die Byzantiner beauftragten damit andere.

Anschließend gründete der starke Mann der Goten den römischen Staat neu. Dabei verband er Kulturen und Religionen (katholisch, arianisch und jüdisch). Er setzte römische Experten ein, wo nötig, besonders bei der Fiskal-Verwaltung, Seine gotischen Gefährten übernahmen alle militärischen Funktionen. Sie waren zuständig für die externe wie interne Sicherheit. Zur ihrer ökonomischen Absicherung dienten Landgüter, die in Abwesenheit der Männer von Frauen und Gesinde bearbeitet wurden.

Aufgrund seiner Erziehung am Hofe war Theoderich mit den dort herrschenden Gepflogenheiten bestens vertraut. Er machte davon gezielt Gebrauch, sei es in der Organisation, der Korrespondenz oder den Handelsbeziehungen. In Cassiodor hatte er einen erfahrenen und versierten Umsetzer und Organisator. Dem Senat in Rom erwies er die gebührende Reverenz, ebenso dem Papst. Ennodius, der Bischof von Pavia, verfasste ein Lobpreisung (Panegyricus) auf ihn. Theoderich regierte 33 Jahre lang und wurde als tolerant beurteilt. Er hat nie versucht, für den arianischen Glauben zu missionieren. Selbst in Ravenna bildeten die Arianer eine Minderheit gegenüber den Katholiken. Im Jahre 561 wurde ihr Vermögen durch Kaiser Justinian an die katholische Kirche übertragen.

Das damalige Römische Reich war außerstande große Gruppen bewaffneter Einwanderer zu integrieren. Stattdessen konnte es Steuern eintreiben und Posten vergeben. Die Goten sollten das Land verteidigen, die Römer Steuern zahlen. Eine Durchmischung war nicht vorgesehen. Theoderich wurde von den Römern akzeptiert, weil er deren althergebrachten Vorteile schützte. Von Goten wurde er geachtet wegen seiner Abstammung und seiner Leistung.

Theoderich war bemüht, über Italien hinaus die politische Lage zu beeinflussen und zu stabilisieren. Deshalb hatte er Audefleda zur Frau genommen, eine Schwester des Frankenkönigs Chlodwig. Sigismund von Burgund heiratete Ostrogotho, eine Tochter Theoderichs, und der Vandale Thrasamund erhielt Amalafrieda, eine Schwester Theoderichs. Außerdem versuchte er zwischen Alarich II. und Chlodwig zu vermitteln. Trotzdem kam es im Jahre 507 zwischen Westgoten und Franken zur Schlacht von Vouillé (bei Poitiers), in der Alarich II. getötet wurde. Ab 511 bis zu seinem Tode wurde Theoderich auch König der Westgoten. Burgund verlor die Provence an Theoderich, der damit auf einen Schlag insgesamt 29 Städte mit Bauten aus der Römerzeit gewann, so z.B. Marseille und Arles. Theoderich besaß damit ein zusammenhängendes mediterranes Großreich. Seine  Erben konnte dieses Gefüge jedoch nicht lange verteidigen.

Waren die Goten Germanen?

Während der Völkerwanderungszeit waren die Goten die aktivste und größte Bevölkerungsgruppe in ganz Europa. Sie beherrschten den Balkan, den italienischen Stiefel und die iberische Halbinsel. Sie selbst sahen sich nicht als Germanen an. Das waren für sie die Franken, ihre vielleicht mächtigsten Gegenspieler. Sprachlich sowie konfessionell bildeten die Goten eine Einheit mit Gepiden und Vandalen.

Als Germanen sieht man heute vor allem eine Sprachfamilie, und zwar diejenige, die die erste Lautverschiebung aufweist. Diese erfolgte um 500 vor Chr. Sie trennt die germanischen Sprachen vom Griechischen und Lateinischen. Aus lat. pater wurde father und aus griech. kion Hund. Bis zur zweiten Lautverschiebung um 700 nach Chr. konnte man sich gegenseitig verstehen. Wie die Wulfila-Bibel beweist, hat das Gotische Gemeinsamkeiten mit germanischen Sprachen.

Untergang der West- und Ostgoten

Im Jahre 712 fielen die Araber über die Meerenge von Gibraltar in Spanien ein. Sie zerstörten das Westgotische Reich. Ihr Angriff auf das Frankenreich wurde 732 von Karl Martell bei Tours und Poitiers zurückgeschlagen. Als letzter Germanenstamm tauchten die Langobarden zunächst östlich von Wien auf. Um 730 setzten sie sich in Italien fest. Als sie den Kirchstaat bedrohten, suchte der Papst Hilfe bei den Franken. Eine über Jahrhunderte währende Kooperation begann.

Franken Karls des Großen

Der siebenjährige Karl, den man später den Großen nennen wird, war 755 mit seinem Vater in der Abteikirche von Saint Germain des Prés, als die sterblichen Reste des 200 Jahre zuvor verstorbenen Hl. Germanus nach dort überführt wurden. Durch dieses Ereignis wurde Karls Geburtsjahr für die Geschichtsforschung eindeutig bestimmt. An Karls Motto seiner späteren Jahre sei kurz erinnert: Es sei wichtiger das Schwert führen als Lesen und Schreiben zu können.

Formell erfolgte die Wiedergeburt des Römischen Reiches Weihnachten 800 durch die Krönung Karls zum Römischen Kaiser. Karolingische Renaissance ist der Fachbegriff, der darauf hindeutet, dass man Altes zu schätzen begann. Es war der Leiter seiner Hofschule, der mit Anweisungen an den Klerus dafür sorgte, dass wieder richtiges Latein gesprochen und die alten Texte wieder gelesen wurden. Gemeint ist Alchwin von York (735-804), dem auch ein Beitrag dieses Blogs gewidmet ist. Da die von Aachen ausgelöste Wiederbesinnung auf das Alte nicht umfassend war, gab es eine nochmalige Renaissance rund 600-700 Jahre später. Sie umfasste vor allem Italien und bezog sich primär auf Architektur und Malerei, aber auch auf Philosophie und Literatur. Sie läutete die Neuzeit ein.

NB: Als Quelle für die obige Information über die Goten diente vorwiegend das Buch Theoderich der Große von Hans-Ulrich Wiemer (2018, 782 Seiten).

1 Kommentar:

  1. Peter Hiemann schrieb: Hier meine Reaktion zu Ihrem Beitrag:
    Das Reichsschwert Karls des Großen trägt die lateinische Inschrift:

    „BENEDICTVS · DO[minv]S DE[v]S QVI DOCET MANV[s]+“

    „Gepriesen [sei mein] Herr [und] Gott, der [meine] Hände [kämpfen] lehrt.“

    Der Klerus der Katholiken, vermutlich auch für die Anführer anderer Weltreligionen, agieren nach diese Devise auch heute. Für die Gläubigen und Ungläubigen dieser Welt gleichermaßen gilt auch die Devise: Gepriesen seien die Erfolgreichen, die uns lehren, dass man auch ohne unserer Hände Mühen gewinnen kann.

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