Donnerstag, 9. April 2020

Stresstest für gute Digitalisierung in Corona-Zeiten (Teil 2)

Vor genau drei Wochen schrieb ich zum ersten Mal über die möglichen Auswirkungen der Corona-Krise auf das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben. Leider ist die uns auferlegte Besinnungs- und Prüfungszeit noch nicht zu Ende. Trotzdem möchte ich einige der damals aufgegriffenen Gedanken bereits heute vertiefen und erläutern.

Soziale Kontakte

Kontakte zwischen Familienangehörigen und Freunden profitieren enorm von der körperlichen Nähe. Es besteht kein Grund dies zu bezweifeln. Sie ist jedoch – wie mal wieder klar wird – auch mit Gefahren verbunden. Elektronische Medien wie Telefon, Videokonferenzen, E-Mails und Chats sind nur ein schwacher Ersatz. Dennoch ist es gut, sie optimal einzusetzen und auszunutzen.

Beim Telefon ist das Festnetz nur eine von mehreren Möglichkeiten. Seine Nachteile werden überwunden einerseits durch Mobiltelefone (in Deutschland als Handys bezeichnet), andererseits durch Internet-Telefonie (engl.: voice over IP). Ein bekanntes Beispiel ist Skype, ein aus Estland stammendes Angebot, das heute zu Microsoft gehört. Die ursprünglichen Entwickler waren Ahti Heinla, Priit Kasesalu und Jaan Tallinn. Die Kommerzialisierung erfolgte durch Firmen in Schweden und Luxemburg. Skype erlaubt kostenloses Telefonieren weltweit zuzüglich einer Videoübertragung.

Der Austausch von Nachrichten im Familienkreis erfolgt vorwiegend mittels WhatsApp. Dabei handelt es sich um einen sehr benutzerfreundlichen Instant-Messaging-Dienst (auch Chat-Dienst genannt), den es seit 2009 gibt. Seit 2014 gehört er zu Facebook. Benutzer können über WhatsApp Textnachrichten, Bild-, Video- und Ton-Dateien sowie Standortinformationen, Dokumente und Kontaktdaten zwischen zwei Personen oder in Gruppen austauschen. Im Frühjahr 2015 wurde den Nutzern auch das internetbasierte Telefonieren über diese( App möglich gemacht. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Mountain View, Kalifornien. Ein aus der Schweiz stammendes Gegenstück ist Threema.

Home Office

Das Thema Home Office (in Deutschland meist als Telearbeit bezeichnet) brannte bei den meisten Firmen seit den 1980er Jahren als Sparflamme im Hintergrund. Kein Protagonist träumte davon, dass es einmal zur einzig möglichen Arbeitsform werden könnte.

Die gerätemäßige Ausstattung einer für Büroarbeiten nutzbaren Wohnung ist heute geradezu allgegenwärtig. Wie an anderer Stelle beschrieben, ist dies typischerweise eine Dreierschicht, bestehend aus Desktop, Tablett und Smartphone. Wenn von spezieller Software gesprochen wird, dann wird oft an Office von Microsoft gedacht. Sie bietet unter anderem Textverarbeitung (Word), Tabellenkalkulation (Excel), Präsentations-Software (PowerPoint), Mail-Programm (Outlook) und Internet-Telefonie (Skype) an. Diese Programme bilden ein zusammenhängendes Paket, sie stehen aber auch einzeln zur Verfügung. Sie sind die de facto Standards der Branche.

Firmen

Für viele Firmen ist die Bewegung von Personen ein zentraler Teil des Geschäftsmodells. Das gilt zum Beispiel für die gesamte Reisebranche. Dazu gehören Fluggesellschaften, Eisenbahnen und Busunternehmen. Eine Firma, der die Corona-Krise ins Herz trifft, ist die Lufthansa. Man muss damit rechnen, dass der globale Reiseverkehr über Monate hinaus eingeschränkt sein wird. Es wird dies zu einer Reduktion der Flotte und auf Dauer zu einer teilweisen staatlichen Übernahme führen. Es gibt aber auch Gewinner. So erfährt der Versandhändler Amazon ein Nachfragehoch, das einmalig ist. Andere Firmen stehen dem nicht nach. Sie sind quer durch die Branchen verteilt.

Auch wer nicht in seinem Geschäftsumsatz – seinem eigentlichen Sinn des Operierens − betroffen ist, muss sein Geschäftsgebaren ändern. Klaus Küspert wies mich gerade daraufhin, wie Firmen die Frage ihrer Aktionärsversammlung zu lösen versuchen:

In Deutschland ist ja gerade spannend, wie die Firmen (DAX u. a.) in Sachen Hauptversammlung verfahren. Der Gesetzgeber hat ja kürzlich nun für 2020 Internet-Durchführung prinzipiell ermöglicht. Bayer will diese Möglichkeit wahrnehmen, die anderen scheinen sich noch bedeckt zu halten und schwanken bzw. entscheiden zwischen Hoffnung aufs Festhalten des Termins im Präsenzmodus oder Terminverschiebung in Sommer oder Herbst (was etliche schon getan haben). Allianz und BMW haben sich mittlerweile ebenfalls für 2020 zur Durchführung im Internet entschieden. Besonders interessiert auch der Branchen-Primus SAP. Die HV in der SAP-Arena in Mannheim wäre in zweiter Maihälfte und man hat sich bisher zur Modalität noch nicht extern geäußert. Auch Dividendenkürzungen oder -streichungen haben ja einige Unternehmen schon angekündigt und damit die avisierten Ausschüttungen teils oder ganz wieder einkassiert.

Behörden oder Kanzleien

In besonderer Weise macht gerade der britische Premier Boris Johnson Erfahrungen mit dem Corona-Virus. Er musste ins Krankenhaus und mit Sauerstoff behandelt werden. Allerdings leide er nicht an einer Lungenentzündung, sagte ein Regierungssprecher. Die NZZ hat einen ausführlichen Bericht. Die Sitzungen des Bundeskabinetts finden inzwischen per Videokonferenz statt. Da war es auch kein Problem, dass die Kanzlerin selbst zu eine 10-tägigen Quarantäne verdonnert war.

Eine Anwältin, die gerade für mich arbeitet, erkenne ich bisher lediglich an ihrer Stimme. Unterlagen, die sie benötigte, erhielt sie per Post. Die meisten Rückfragen und Zwischenberichte erfolgen anhand von E-Mails.

Ärzte, Therapeuten und Berater

Mit meinem Hausarzt verkehre ich schon länger meist telefonisch. Hausbesuche macht er keine mehr. Meine Zugehfrau holt Rezepte ab und bringt Arzneien aus der Apotheke mit. Meistens bringt diese der Apotheker selbst vorbei. Ich  suche gerade einen Therapeuten, der noch Hausbesuche macht. Noch bin ich nicht fündig geworden,

Schüler und Studenten

Von meinen vier Enkeln sind zwei Gymnasialschüler, einer Student an der TU München und eine wissenschaftliche Mitarbeiterin am selben Ort. Alle vier wurden von ihren Schulen nach Hause geschickt. Die zwei Gymnasiasten wurden ihren Eltern zwecks Home Schooling anvertraut. Die beiden Älteren arbeiten selbständig von ihrem Elternhaus aus.

Wie schon als Kommentar zu einem Vorgänger-Blog-Beitrag vermerkt, betreut meine Enkelin derzeit 500 Münchner TU-Studenten bei Klausuren und Übungsarbeiten von ihrem Kinder- und Jugendzimmer aus, gelegen in einer Kleinstadt in der schwäbischen Provinz.

Nachdenkliches

Alle Zeitungen und Mediendienste, die ich dieser Tage konsumiere, bemühen sich klarzumachen, dass wir die Corona-Krise als Chance sehen sollten, um einige unserer Gewohnheiten zu ändern. Was dabei immer wieder auftaucht ist der Vorschlag, unsern übertriebenen Individualismus etwas zurückzudrehen zugunsten von mehr Gemeinsinn. Meist bleibt dabei offen, welche Gemeinschaft wohl gemeint ist. Diejenigen, die dabei das Wort Volk im Munde führen, machen sich verdächtig und landen schnell in einer nationalistischen Ecke.

Wie Margret Thatcher bin ich der Meinung, dass es die Gesellschaft nicht gibt. Wenn also von Gemeinschaft oder Gesellschaft die Rede ist, schlage ich vor an die erweiterte Familie, die Freunde, die Nachbarn, die Berufskollegen, die Fachkollegen, die Stadt oder die Heimatregion zu denken. Wer an alle Mitteleuropäer denkt oder gar an die Menschheit als Ganzes, dem mangelt es an Präzision. Den homo sapiens als Ziel von Erziehungs- oder Fördermaßnahmen anzusehen, grenzt für mich an Arroganz.

Nachtrag vom 13.4.2020

Tuan Ngo-Anh aus Noordwijk schrieb: Gestern bin ich mit dem Radesel 2 Stunden um Noordwijk gefahren und habe danach mein erstes Python-Programm zur Simulation von Epidemien geschrieben ;-)
 



Ich habe auch über Corona nachgedacht, aber dieser Artikel hat alles gut zusammengefasst.


Ich wünsche beste Gesundheit und alles Gute in dieser ungewöhnliche Zeit, Ihr Tuan Ngo-Anh

P.S. Anbei sind ein paar schöne Bilder von gestern
 

 
     









Kommentare:

  1. Mein Enkel Marcus schrieb: Für Videokonferenzen sollte es reichen Skype zu nennen. Im Produktivumfeld könnte man vielleicht noch einen Blick auf Zoom werfen, das ja neuerdings viele Schulen zu benutzen scheinen. Auf studentischer Seite evtl Lecturio.

    Bzgl. Homeoffice Tools kann ich nur raten. Worauf Firmen zurückgreifen, kommt ja auch auf die Branche an. Microsoft Teams und Office Online / OneDrive bzw. die Konkurrenz von Google mit Google Docs / Google Drive. Im Bereich Softwareentwicklung gab es ja bereits vor Corona entsprechende Tools, namentlich Confluence, Trello, Github, Slack und Jira.

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  2. Peter Hiemann schrieb: (1) Ich bin der Ansicht, dass zwar die Gesellschaft nicht existiert, dass aber jede Regierung die Aufgabe hat, die Funktionen ihres Gesellschaftssystems zu gestalten.
    (2) Ich betrachte den Begriff 'Homo sapiens' als derzeit lebende menschliche Art dessen viele Vorfahren seiner Art alle ausgestorben sind.

    Ich kenne niemanden, der sich vorgenommen hat, Homo sapiens zu erziehen. Vielleicht lassen sich Rituale der Weltreligionen als solche Erziehungsmethoden interpretieren. Religiöse Institutionen scheinen aus gutem Grund zu versuchen, Kinder an sich zu binden.

    Wenn jemand von Gesellschaft im Sinne einer Hochzeitsgesellschaft spricht, hat er er eine Tradition aber sicher kein Gesellschaftssystem im Sinn. Margret Thatcher hatte sehr wohl das englischen Gesellschaftssystem der 1980er Jahre im Sinn. Ihre provozierende Aussage richtete sich an individuelle Denk- und Verhaltensweisen. Wie Thatcher damals politisch eingeschätzt wurde, können Sie einem SZ Artikel entnehmen:

    https://www.sueddeutsche.de/politik/thatchers-bekannteste-zitate-die-dame-laesst-sich-nicht-verbiegen-1.1643765

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