Donnerstag, 12. Dezember 2019

Ökosoziale Orientierung (Essay von Peter Hiemann)


Das ökosoziale Paradigma verbinde ich mit dem Ulmer Informatiker Franz-Josef Radermacher. Im Jahre 2016 befassten sich gleich zwei Beiträge dieses Blogs mit ihm. Im April fasste ich zwei seiner Vorträge zusammen, die er im Abstand von sieben Jahren gehalten hatte. Im Juni erläuterte Radermacher in einem Interview sowohl sein wissenschaftliches Werk wie seine politischen Ideen. Hier erklärte er die von ihm vertretene ökosoziale Marktwirtschaft wie folgt:

Seit der Weltfinanzkrise hat sich in diesem Kontext die internationale Politik von der marktfundamentalistischen „Freie-Markt Philosophie“ in Richtung so genannter grüner und inklusiver Ökonomien (engl. green and inclusive economies) bewegt, was nichts anderes ist als unsere langjährige Position des Eintretens für eine weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft. … Die Grünen betonen sehr stark den Aspekt Umwelt, sozialdemokratische Parteien die Frage des Sozialen, christdemokratische Parteien die Verantwortung im Sinne des christlichen Menschenbildes und die Liberalen das ebenso wichtige Thema der Freiheit. Im ökosozialen Modell brauchen wir alle diese Elemente, aber in einer geeigneten Mischung. Und diese Mischung muss die jeweiligen Verhältnisse reflektieren. Befinden sich die Verhältnisse z. B. zu nah an sozialistischen oder planwirtschaftlichen Strukturen müssen Freiheit, Einsatz und Unternehmertum gefördert werden.

Im heutigen Essay greift Peter Hiemann das Thema ökosoziale Orientierung auf und vertieft es. Er sieht den Ursprung der entsprechenden Ideen bei dem Soziologen Wolf Rainer Wendt. Lange erschien es so, als ob die Befassung mit der Position des Menschen, also das Ökonomische und Soziale, das A und O jeder politischen Betätigung seien. Derzeit wird die Ökonomie sehr zurückgedrängt. Man sieht sie entweder als irrelevant an, also als selbstverständlich, oder betrachtet sie als schädlich und verdammenswert. Soziale Politik und soziale Arbeit stehen höher im Kurs. Dabei ist es ihre Aufgabe denjenigen Leuten zu helfen, die nicht selbst für ihr Wohlergehen sorgen können. Dies darf aber nicht zu Lasten der Natur und der Umwelt erfolgen. Diese Erkenntnis sieht Hiemann quasi als Grundlage einer neuen Kulturepoche an. Die Natur kennt keine Moral. Sie wirkt ohne Rücksicht auf andere und verzeiht keine irreversiblen Veränderungen. Das muss der Mensch lernen und akzeptieren.

Wie kein anderes Thema hat dieses neue Paradigma in diesem Jahr an Schwung gewonnen. Ich erinnere nur an Greta Thunberg und die von ihr ausgelöste öffentliche Diskussion. Aber auch die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen hat soeben einen ‚Green Deal‘ vorlegt, d.h. einen Plan, wie man die ganze EU in den nächsten Dekaden umgestalten will. Ökosoziale Erwägungen wirken nicht nur auf Regierungen, sondern auch auf Unternehmen, Technik und gesellschaftliche Gruppen.

Lesen Sie, was Peter Hiemann dazu schreibt, indem Sie hier klicken.

Ich wünsche allen Lesern frohe Weihnachtstage und ein gutes Neues Jahr.

Freitag, 6. Dezember 2019

Extremisten unter uns und der Mord an Walter Lübcke

Gestern Abend sah ich eine Sendung bei Phoenix, die zwei der aktuell bei uns auftretenden Formen des Extremismus beschrieb. Die Sendung beschränkte sich auf rechten und linken Extremismus und ließ den islamischen Extremismus unerwähnt. Sie verglich Ziele und Erscheinungsformen.

Ziele und Erscheinungsformen des Extremismus

Die Linken berufen sich auf Marx, Lenin und Mao Zedong. Sie fordern die Abschaffung des Privateigentums und streben eine klassenlose Gesellschaft an. Sie wollen Nationalstaaten abschaffen und die Weltgemeinschaft an ihre Stelle setzen. Die Rechten träumen von der reinen Rasse und wollen alle Ausländer des Landes verweisen. Ihr Gesellschaftsideal ist der zentral gesteuerte Führerstaat. Die Islamisten wollen alles dem Weltbild des Propheten Allah unterordnen und keine anderen Gesellschaftsformen zulassen.

Politische Extremisten zeichnen sich dadurch aus, dass ihnen fast jedes Mittel recht ist, solange es zum Ziel führt. Die Benutzung von Gewalt wird nicht ausgeschlossen. Die demokratische Grundordnung Deutschlands steht ihren Zielen im Wege und ist daher zu beseitigen. Nur die Rechten spielen heute eine Rolle bei Wahlen (NPD, AfD), die linken Aktivisten machen sich bei Aktionen wie im Hambacher Forst bemerkbar. Islamisten provozieren den Westen, indem sie theatralisch organisierte Anschläge durchführen wie in Paris oder Brüssel.

Der Bericht des Verfassungsschutzes gibt jährlich Zahlen zu den drei Gruppen. Für 2018 lauten sie:  Linke 32.000 (davon 9.000 gewaltbereit), Rechte 24.000 (12.000); Islamisten 26.000.

Mord an Walter Lübcke

Am 2. Juni 2019, kurz nach Mitternacht, wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) auf der Veranda seines Wohnhauses mit einem Pistolenschuss aus nächster Nähe getötet. Am 15. Juni 2019 wurde der aus Wiesbaden stammende Rechtsextremist Stephan Ernst festgenommen. Am 25. Juni legte er ein Geständnis ab, das er am 2. Juli jedoch widerrief. Die Tat begründete er mit Äußerungen Lübckes während der Flüchtlingskrise 2015. Lübcke hatte sich damals für die Aufnahme von Flüchtlingen eingesetzt und war der Hetze gegen diese von Seiten des Kasseler Ablegers der Pegida bei einer Bürgerversammlung in Lohfelden im Oktober 2015 öffentlich entgegengetreten. Dabei sagte er, wer die Werte der Verfassung ablehne, dem stehe es jederzeit frei, Deutschland zu verlassen. Anschließend haben Besucher der Veranstaltung diese Aussage als Videoausschnitt im Internet verbreitet. Lübcke war daraufhin Anfeindungen und Morddrohungen ausgesetzt.

Der Täter wohnte damals in Kassel rund einen Kilometer von der 2015 eingerichteten Erstaufnahmeeinrichtung entfernt, zwei Kilometer vom Bürgerhaus Lohfelden. Laut Ermittlern empörte er sich in einem Chat über Lübcke und nannte ihn einen Volksverräter. In seinen Handydaten fanden die Ermittler zahlreiche Hasskommentare und Drohungen („Entweder diese Regierung dankt in kürze ab oder es wird Tote geben“; „Schluss mit Reden es gibt tausend Gründe zu handeln und nur noch einen 'nichts' zu tun, Feigheit“). Bei der ersten Vernehmung gab Ernst zu, dass er bei jener Bürgerversammlung im Oktober 2015 in Lohfelden war und Lübckes Aussage ein wesentlicher Grund seiner Tat gewesen sei. Die Aussage habe ihn „die ganze Zeit“ beschäftigt. Er sah darin einen Beweis, dass das deutsche Volk durch Ausländer ersetzt werden sollte.

Ernst war Mitglied des Schützenclubs Sandershausen bei Kassel, hatte dort aber nach Angaben des Vereinsvorsitzenden keinen Zugang zu Schusswaffen. In Ernsts Wohnung fand die Polizei eine Schreckschusspistole und Unterlagen, wonach er eine Erlaubnis zum legalen Waffenbesitz anstrebte. Die Polizei fand in einem Erddepot auf dem Firmengelände seines Arbeitgebers fünf Schusswaffen, darunter die Tatwaffe, die später zweifelsfrei identifiziert wurde, sowie eine Pumpgun und eine Maschinenpistole vom Typ Uzi mit Munition.

Wer wie Ernst sich vier Jahre lang mit Mordgedanken trägt, der handelt nicht im Affekt. Er habe Lübckes Wohnanschrift gegoogelt und sei 2017 und 2018 mit einer Pistole in der Tasche dorthin gefahren, aber jedes Mal froh gewesen, die Tat nicht ausgeführt zu haben. Sein Tötungsplan sei durch die Kölner Silvesternacht 2015/16, den islamistischen Anschlag in Nizza 2016, Videos von weiteren islamistischen Anschlägen und schließlich die Ermordung von zwei nordeuropäischen Frauen in Marokko gewachsen. Für all das habe er Lübcke Mitschuld gegeben, aber mit niemandem darüber geredet. Schließlich habe er dann Lübcke wortlos erschossen.

Wirkung des Attentats und Rolle der Brandstifter

Die Problematik dieses Attentats ist, dass dadurch viele Menschen verunsichert werden. Zwei Fragen drängen sich auf (1) Kann dieser Staat seine Politiker und Verantwortungsträger überhaupt schützen? (2) Wäre es manchmal besser, anstatt seine Meinung zu sagen, den Mund zu halten? Ich verkneife es mir, hier eine Antwort zu versuchen.

Sollte Alexander Gauland von der AfD nicht seine Wortwahl überdenken, wenn er sagt, man müsse Angela Merkel davon jagen wegen ihrer Flüchtlingspolitik. Oder Erika Steinbach, wenn sie Leute wie Walter Lübcke des Landesverrats bezichtigt und mit einem Galgen bedroht.

Viele Leute glauben, dass das Internet die Dinge sehr oft verschlimmert. Es brächte Leute auf Gedanken, auf die sie sonst nicht kämen oder nicht gebracht würden. Ich bin davon überzeugt, dass erst durch das Internet auch Dinge ans Licht kommen, von denen man sonst nie hören würde. Können nicht auch Gedanken existieren, von denen die Welt nie erfahren würde, dass es sie gibt, würde nicht das Internet so leicht zum Plaudern verführen, wie es das tut? Wovon das Herz voll ist, läuft ja manchmal der Mund über. Das gilt auch, wenn das was da sprudelt, eher einer Jauchegrube entstammt als einer Goldader.

Samstag, 16. November 2019

Immer noch kein Ende der Arbeit in Sicht – selbst 25 Jahre nach Jeremy Rifkins Warnung

Im Jahre 1995, also kurz vor Ende meiner Berufslaufbahn, erschien ein Buch im Markt, das mir klar machte, in welch einem glücklichem Zeitabschnitt der Geschichte ich gelebt hatte. Es war das Buch Das Ende der Arbeit (engl. The end of work) von Jeremy Rifkin (* 1945). Rifkin hatte argumentiert, dass es durch den Produktivitätszuwachs in den vorangegangenen zwei Jahrzehnten zu einem dramatischen Verschwinden von Fabrikarbeitsplätzen gekommen war. Dies galt trotz des Wirtschaftswachstums im selben Zeitraum. Anhand weltweiter Wirtschaftsdaten wurde prognostiziert, dass diese Entwicklung sich fortsetzen würde. Rifkin erwartete, dass bis 2010 nur noch 12 % der arbeitenden Menschen in der Industrieproduktion eingesetzt werden. Bis 2020 würden es nur noch 2 % sein. Er sah ein großes Potential im Nonprofitsektor, der durch „Steuerumschichtung“ finanziert werden müsse.

Rifkins Prognosen Im Detail

Rifkin argumentierte, dass es zu vermehrter Arbeitslosigkeit in der Welt infolge der Ausbreitung von Automatisierung und Informationstechnologie in der Arbeitswelt käme, während insbesondere in den USA mehrere Millionen Arbeitsplätze in Produktion, Einzelhandel, Landwirtschaft und Dienstleistungen durch die Digitale Revolution überflüssig würden.

Aus diesem Rückgang ergab sich für ihn auch die Frage nach der Bestreitung des Lebensunterhaltes bei den durch Rationalisierung und damit verbundene Prozesse überflüssig gemachten Angestellten und Arbeitern. Er belegte, dass zwar in einigen Bereichen die Aufwertung der Employability der Betroffenen Abhilfe bringen kann, dies aber in der Regel nur bei einer Minderheit der alten Belegschaft den gewünschten Effekt zeitige – ein Großteil der Betroffenen finde sich in der Langzeitarbeitslosigkeit wieder.

Parallel zum Verfall der Marktwirtschaft, einschließlich des öffentlichen Sektors, würde ein dritter Sektor neuentstehen, der Nonprofit-Bereich. Das sind freiwilligenbasierte, gemeinschaftsbezogene Dienstleistungs-Organisationen, die mit öffentlicher Unterstützung neue Arbeitsplätze schaffen, um etwa den Stadtverfall aufzuhalten oder soziale Arbeit zu verrichten. Rifkin sieht hier ein großes Potential. Um diesen dritten Sektor zu finanzieren, schlägt Rifkin am Beispiel der USA vor, das Militärbudget nachhaltig zu reduzieren, eine Umsatzsteuer auf nicht lebensnotwendige Waren und Dienstleistungen zu erheben, sowie mit Geldern aus Bundes- und Länder-Haushalten ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) anstelle reiner Wohlfahrts-Leistungen zu finanzieren.

Lisa Herzogs Plädoyer für Arbeit als soziale Funktion

Der Titel Die Rettung der Arbeit [2019, 224 S.] stellt einen möglicherweise ungewollten Bezug zu Rifkins Bestseller her. Lisa Herzog (*1983) ist Politologin und Philosophin. Sie lehrte an der Hochschule für Politik der TU München, ehe sie 2019 nach Groningen wechselte.

Herzogs Buch ist wenig konkret. Sie führt aus, dass Arbeit zu wichtig sei, um sie ihrem Schicksal zu überlassen. Sie erfülle ein tief menschliches Bedürfnis. Sie stellt uns Menschen in soziale Räume. Sie sei mehr als nur ein Instrument zum Geldverdienen. Sie sei kein notwendiges Übel, das beendet werden muss. Wir sollten sie lieber verbessern als abschaffen. Wir sollten uns nicht von Arbeit befreien, sondern die Arbeit befreien.

Allerdings sollten Partizipation und demokratische Formen der Governance viel stärker auch in der Wirtschaft gelten. Zwang und Schikane sollten ein Ende haben. Es gäbe keinen technischen Determinismus, noch den der Märkte. Dass Wohlstand von der Spitze nach unten durchtröpfele (engl.: trickle down), das passiere nicht. Unternehmen entziehen sich lokaler Besteuerung.

Ökonomen ignorieren meist, dass Arbeit vor allem Sinn und Befriedigung produziert. Sie sei mehr als nur Selbstverwirklichung. Wer nicht arbeitet, dem fehlen wichtige soziale Kontakte. Technik sollte nicht nur zur Steigerung der Effizienz dienen. Sie sollte auch die Qualität verbessern. Auch in der Wirtschaft sollten Whistleblower als Helden gelten. Wäre dies der Fall, hätte der VW-Skandal einen andern Verlauf genommen.

Traditionsgemäß sind Unternehmen keine Demokratien. Eine Ausnahme bilden die Genossenschaften. Das Digitalisieren kann dem Demokratisieren helfen. Sie ermöglicht eine bessere Kommunikation und daher mehr partizipative Entscheidungen. Obwohl dies empirisch nicht belegt ist, sei es an der Zeit, es auszuprobieren. Die Ungleichheit sei in Deutschland zu groß. Sie schüre Misstrauen in der Gesellschaft.

Einordnung und Erklärungsansätze

Seit Marx und Engels gehört es zum Selbstverständnis oder gar zur Berufskrankheit von Wirtschaftstheoretikern, dass sie Dystopien in die Welt setzen, also Geschichten mit negativem Ausgang. Von Utopien lässt man lieber die Finger. Bei ihnen bekommt man sehr leicht in den Ruf des kindhaften Denkens. Des Weiteren kommt die Tatsache zum Tragen, dass schlechte Nachrichten mehr Aufmerksamkeit bekommen und sich schneller verbreiten als gute Nachrichten. Davon kann jeder Zeitungsredakteur ein Lied singen.

Aus den Reden vieler Politiker, vor allem denen der linken Parteien des politischen Spektrums kann man den Eindruck gewinnen, dass es der primäre Sinn der Wirtschaft sei, nicht-selbständige Arbeitsplätze zu schaffen. Dabei ist dies nichts Anderes als eine Perversion wirtschaftlichen Denkens. Sie wurde in die Welt gesetzt von Leuten, die sich dieser Bevölkerungsgruppe gegenüber verpflichtet fühlen, oder aber ihr nach dem Mund zu reden pflegen. Ein harter, aber sehr deutlicher Vergleich wäre, wenn man behaupten würde, dass allgemein bildende Schulen primär die Aufgabe besäßen, das Inklusionsproblem zu lösen. Früher gab es dafür so genannte Sonderschulen.

Eine ursprünglichere und sinnvollere Erklärung des Wirtschaftens beginnt damit, dass Familien und andere Gruppierungen nach Wegen suchten, sich zu ernähren, um zu überleben. Auf das Jagen und Sammeln in der Natur folgten der Anbau von Nahrungsmitteln und die Viehzucht. Die dabei anfallenden Arbeiten wurden zuerst von Familienmitgliedern übernommen. Später stellte sich heraus, dass durch Arbeitsteilung zwischen den Familien und Gruppen zusätzliche Produkte oder Dienste ermöglicht wurden, die die ursprüngliche Gruppe auf sich allein gestellt nicht leisten konnte. Es entstand das Handwerk und die Krankenpflege sowie – mit einigem zeitlichen Abstand – die Kunst.

Wer die Behauptung in die Welt setzt, dass die Arbeit als solche abnimmt, missdeutet nicht nur die Natur des Menschen, der immer Bedürfnisse oder Wünsche hat, die nur andere Menschen erfüllen können. Er nimmt außerdem an, dass das seit Beginn der Menschheitsgeschichte so bewährte Prinzip der Arbeitsteilung aufgegeben wird. Warum soll ich mir plötzlich die Haare selber schneiden, wenn ich dies noch nie getan habe. Eine Alternative wäre sie wachsen zu lassen.

Dienstag, 29. Oktober 2019

Binnenmigration – oder über aktuelle Veränderungen in Deutschlands Bevölkerungsstruktur

Im Vergleich zu Ein- und Auswanderung taucht das Wort Binnenwanderung nur sehr selten auf. Die Einwanderung ist derzeit das alles beherrschende Thema. Ihre Ursache ist der relative Wohlstand Deutschlands gegenüber anderen Ländern. Bei der Auswanderung ist es genau andersherum. Sie wird in die Höhe getrieben, wenn anderswo das ‚Gras grüner‘ ist. Vergleicht man die Länder auf Europas Einkommensskala, so liegen die Einwanderungsländer an der Spitze und die Auswanderungsländer am Schluss. Luxemburg und die Schweiz bilden die Spitzenreiter, Bulgarien und Rumänien die Schlusslichter. Zusätzlich gibt es ein Gefälle zwischen Kontinenten, etwa zwischen Europa und Afrika, das zu enormen Wanderbewegungen Anlass gibt.

Neue RWI-Studie

Das RWI − heute Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, früher Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung – in Essen hat soeben eine Studie vorgelegt, in der im Grunde ein altbekanntes Strukturproblem beschrieben wird. Nur die erhobenen Daten sind aktuell. Das RWI berichtete darüber in einer Pressemitteilung vom 24.10.2019. SPIEGEL Online kommentierte und illustrierte die Studie mit einem eigenen Text und aufwändigen Grafiken.

Die absoluten Zahlen sind recht beachtlich. Zwischen 2008 und 2014 sind 15.9 Mill- Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit von einer Region (Stadt, Landkreis) in eine andere umgezogen.

Moderne Form der Landflucht

Der größte Anteil betraf Personen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren, und zwar 43%. Dabei stellt diese Altersgruppe nur 14% in der Bevölkerung dar. Nur 19% von ihnen zieht in einen Landkreis, 81% in eine Stadt. Den Landkreisen entstand eine Wanderungslücke von 460.000 Personen. Der Sachverhalt erklärt sich wie folgt: Wenn heute ein immer größerer Anteil eines Jahrgangs Abitur macht und studiert, ziehen immer mehr Jugendliche zwecks Ausbildung in die Städte. Unsere kleinsten Universitätsstädte haben immerhin 80.000 Einwohner (z. B. Clausthal-Zellerfeld, Eichstätt, Ilmenau). Nur Mittweida, Oberursel und Witzenhausen fallen ganz aus dem Rahmen. Nicht-akademische Berufe konnte man früher in nahezu jedem Dorf und jeder Kleinstadt erlernen – und kann dies teilweise auch weiterhin.

Ältere Personen wechseln wesentlich seltener ihre Region. Sie zieht es auch eher in ländliche Regionen. Sie gleichen aber den Verlust an Jugendlichen bei weitem nicht aus. Das führt zu einer Ausdünnung und gleichzeitiger Überalterung ländlicher Gebiete. Bei den Neuen Bundesländern verstärkt dieser Vorgang den schon länger vorhandenen Strukturwandel. In den alten Bundesländern kennt man das Phänomen vor allem seit der Jahrtausendwende.

Verödende Dörfer und Kleinstädte

In früheren Zeiten gab es immer Tätigkeiten für Akademiker in Kleinstädten und auf dem Lande. Erwähnen möchte ich Pastoren, Lehrer, Ärzte, Richter und Gutsbesitzer. Dass Pastoren seltener geworden sind, hat ganz spezielle Gründe. Auch die Anzahl der übrigen Tätigkeiten ist rückläufig, wenn man sie vergleicht mit den vielen neuen Tätigkeiten, die entstanden sind, vor allem im technischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Bereich. In der Tendenz sind sie aber eher in Städten zu finden, was viele Studierende veranlasst, nach Ende des Studiums dort zu bleiben.

Das breite Land ist dabei an Attraktivität zu verlieren, es sei denn man achtet auf Wohnungskosten, Landluft und Schönheiten der Natur. Da viele Dienstleistungen und Erwerbsmöglichkeiten ein regelmäßiges persönliches Wechseln zur Stadt erfordern, kommt es sehr auf die Verkehrsinfrastruktur an, ob dieser Pendlermodus attraktiv ist. Eine Alternative, die sich anbietet, ist die Nutzung durch digitale Netze, an deren Ausbau vielerorts aber noch gearbeitet wird. Außerdem genießen einige Großstädte ein gewisses soziologisches Renommee. Dieses drückt sich aus in modischen Accessoires wie Flaniermeile, Diskos, Partyszene, Kunstateliers und Rotlichtmilieu.

Die Konsequenz des Gesagten ist, dass auf dem Lande oder in Kleinstädten viele der dort verfügbaren Ressourcen oft nicht genutzt werden. Das ist besonders eklatant für den Wohnungsmarkt. Überall gibt es leerstehende oder schlecht genutzte Häuser und Wohnungen. Dass große Anwesen heute nur von einem Bruchteil der Personen bewohnt werden, die früher dort wohnten, ist normal. Die alleinstehende ältere Frau im Einfamilienhaus ist geradezu typisch.

Überspannter Wohnungsmarkt der Großstädte

Bis zum Jahre 2005 war die Landbevölkerung im Durchschnitt  jünger als die Einwohner von Städten. Inzwischen verhält es sich genau umgekehrt − und der Gegensatz vergrößert sich rasch. Denn junge Erwachsene ziehen massenhaft vom Land in die Stadt, während einige Ältere aus der Stadt aufs Land ziehen.

In fast allen Großstädten besteht ein Engpass für Wohnraum der mittleren und unteren Preisklasse. Dass der Senat der Stadt Berlin deshalb den Markt aushebeln will, kann man nur als Ausgeburt sozialistischer Denkweise verstehen. Angemessener wäre es, wenn die Unternehmen, die in Großstätten vertreten sein wollen, ihre Gehaltsstruktur dem Niveau der dortigen Wohnungspreise anpassen würden.

Sondereffekte

Einige Gegenden Deutschlands weisen Sondereffekte aus. So werden der Wohn- und Arbeitsmarkt von Lörrach und Trier fast vollständig von der Nähe zur Schweiz bzw. zu Luxemburg bestimmt. Im jeweiligen Nachbarland liegen Löhne wie Preise auf einem Niveau, das etwa doppelt so hoch ist als in Deutschland. Es erfolgt ein Sog, der sowohl Löhne wie Wohnungspreise auf das jeweils höhere Niveau treibt. Von der Politik zu fordern, sich der Situation regulierend anzunehmen, ist schierer Unsinn.

Volkes Meinung

Einen Leserbrief, den die SPIEGEL-Version hervorrief, will ich in Gänze wiedergeben (Pseudonym buffbuff). Ich teile dessen Meinung und genoss den Stil.

Nachdem jetzt gefühlt 80 prozent der schüler abi machen und jeder davon dann studieren gehen kann, passiert das eben auch. die kids gehen ein jahr nach australien und sonstwo chillen und schreiben sich dann irgendwo ein. früher waren es vielleicht 10 bis 20 prozent der schüler, die abi machten und davon gingen dann vielleicht zwei drittel studieren und vielleicht ein drittel auch weiter weg. heute sind die möglichkeiten ganz andere. das führt zu landflucht, weil wenn man einmal das stadtleben angefangen hat, zu geniessen, geht man frühestens mit familie und kindern wieder in landnähe. und jobs für studierte gibt es auf dem land eben auch immer weniger. schulen schließen, also weniger lehrer, krankenhäuser werden dicht gemacht, also weniger ärzte usw. usw.

Dienstag, 22. Oktober 2019

Sinnsuche des Individuums (Essay von Peter Hiemann)

Ich bin immer wieder überrascht zu sehen, wie leicht es Peter Hiemann fällt, Brücken zu schlagen zwischen soziologischer Theorie und individueller Lebenspraxis. Sein heutiges Essay hat die Überschrift ‚Individuelle Einsichten‘. Für die Gestaltung eines sinnvollen Lebens fordert Hiemann drei Einsichten (a) was gefällt warum, (b) was macht persönlich Sinn und (c) was macht gesellschaftlich Sinn. Zu allen drei Aspekten hat Hiemann wohl überlegte und abgewogene Ansichten. Überall erkennt man die frühere Beschäftigung mit ähnlichen Fragen. Es entstand kein abgehobenes und elitäres Bild, dem nur ein ungewöhnlich begabter oder besonders glücklicher Mensch zustimmen kann. Auch einem einfachen Landarbeiter in einem Entwicklungsland steht dieser Weg offen – so sieht dies Hiemann.

Wer Hiemann kennt, der weiß, dass er seine Ideen gerne in eine Gemeinschaft großer Geister stellt. Hier ist es kein geringerer als Alexander von Humboldt, der vor 200 Jahren schon in dieselbe Richtung dachte. Sehr aktuelle Ideen findet Hiemann bei Christof Wahner, der eine Emotionstheorie ganz ohne moralische Bewertungen anbietet.

Klicken Sie hier für ein spannendes Essay.

Sonntag, 20. Oktober 2019

Ephraim Kishon (1924-2005), ein Meister der Satire

Ephraim Kishon wurde unter dem Namen Ferenc (Franz) Hoffmann in Budapest in eine ungarisch-jüdische Familie geboren. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen und israelischen Literatur. Er veröffentlichte in beiden Sprachen, manchmal gleichzeitig, manchmal mit kurzer Verzögerung für die Übersetzung. Sein Genre war die Satire. Ich habe in den letzten Wochen einige hundert dieser Satiren gelesen, ehe ich mir sagte ‚Jetzt reicht‘s!‘. Dennoch glaube ich, dass ich Einiges gelernt habe, dass ich weitergeben sollte.

Leben in Ungarn

Kishons Vater war Bankdirektor. Er hatte eine Schwester namens Ágnes. Schon sehr früh wurde seine schriftstellerische Begabung erkannt. So erlangte er 1940 den 1. Preis des ungarischen Novellenwettbewerbs für Mittelschüler. Da ihm das Studium an einer Hochschule verwehrt war, begann er 1942 eine Ausbildung zum Goldschmied. Gegen Ende des Krieges kamen er und seine Familie in ein Arbeitslager in der Slowakei. Von dort gelang ihm 1945 die Flucht nach Polen. Ein Teil seiner Verwandtschaft kam in Auschwitz ums Leben. Er, seine Eltern und die Schwester Agnes überlebten. Nach dem Krieg geriet er zeitweilig in ein sowjetisches Gefangenenlager. Er konnte jedoch wieder entkommen. Nach Abschluss seiner Ausbildung als Metallbildhauer und Kunsthistoriker floh er in einem Viehwagon über Bratislava nach Wien. Von dort wanderte er über Italien im Mai 1949 mit einem Flüchtlingsschiff nach Israel aus.

Da der Name Hoffmann zu Deutsch klang, hat er sich bereits im kommunistischen Ungarn den Namen Kishont zugelegt (Kishont war eine Grafschaft im Königreich Ungarn). In seinen Büchern beschrieb er, wie er zu seinem aktuellen Namen kam: Ein Beamter im Hafen von Haifa stutzte Kishont bei der Einreise kurzerhand auf Kishon. Der Kishon ist ein Nebenfluss des Jordan. Den Vornamen Ferenc ersetzte der Beamte mit der Bemerkung „gibt es nicht“ durch Ephraim. Dies ist ein alter jüdischer Vorname, der in früheren Zeiten auch in Deutschland verwandt wurde. Ein bekanntes Beispiel ist Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781).

Leben in Israel und internationaler Ruhm

Kishons erste Ehe mit Eva Chawa (geb. Klamer) wurde geschieden, in zweiter Ehe heiratete er 1959 in Israel die aus Polen stammende Sara Lipovitz († 2002). In seinen Büchern bezeichnet er Sara mit Vorliebe als ‚die beste Ehefrau von allen‘. Aus der ersten Ehe stammt der Sohn Raphael (Rafi genannt), aus zweiter Ehe der Sohn Amir und die Tochter Renana. Auch alle drei Kinder kommen in seinen Werken immer wieder vor. Kishon war seit 2003 in dritter Ehe mit der Österreicherin Lisa Witasek verheiratet.

Bereits im Jahre 1952 begann er in hebräischer Sprache in der Zeitung Ma’ariv, der größten Tageszeitung Israels, unter dem Pseudonym Chad Gadja („Lämmchen“) eine tägliche Kolumne zu schreiben. Diese betreute er 30 Jahre lang. 1953 wurde sein Theaterstück Der Schützling im Nationaltheater Habimah aufgeführt; 1959 wählte die New York Times sein Buch Drehn Sie sich um, Frau Lot! (engl.: Look Back Mrs. Lot) zum „Book of the Month“. Damit begann Ephraim Kishons internationale Karriere.

Die Weltauflage seiner Bücher liegt bei 43 Millionen (davon 33 Millionen in deutscher Sprache). Auf Hebräisch sind rund 50 Bücher, im Deutschen etwa 70 Bücher erschienen (viele davon sind Zusammenstellungen bereits erschienener Geschichten). Weltweit gibt es von Kishon etwa 700 Bücher in 37 Sprachen. Viele seiner in Deutsch erschienenen Bücher wurden von seinem österreichischen Freund Friedrich Torberg übersetzt. Im Jahre 1964 gab Kishon mit dem Film Sallah – oder: Tausche Tochter gegen Wohnung) sein Debüt als Filmregisseur. Kishons Filme wurden zweimal für den Oscar nominiert (Schlaf gut, Wachtmeister) und wurden dreimal mit dem Golden Globe bedacht. Bis 1986 folgten acht weitere Produktionen, bei denen Kishon als Regisseur beteiligt war.

Die Zielscheibe von Kishons Satiren waren neben den kleinen Ärgernissen des Alltags vor allem die Bürokratie und die große und kleine Politik, speziell die in Israel. Kishon betätigte sich auch als Kunsthistoriker. Er war ein scharfer Kritiker der modernen Kunst und des dazugehörigen Kunstmarktes. An einigen Künstlern wie etwa Joseph Beuys oder Andy Warhol ließ er kein gutes Haar.

Ende in der Schweiz

Kishon empfand es als Ironie der Geschichte, dass er gerade in Deutschland so beliebt ist. ‚Ich verspüre Genugtuung darüber, dass die Enkel meiner Henker in meinen Lesungen Schlange stehen‘, hat er einmal gesagt. Den jungen Deutschen gegenüber empfand er keinen Hass. Es gebe keine kollektive Schuld, sondern nur kollektive Schande.

Anfang der 1980er Jahre ließ er sich in der Schweiz nieder und lebte abwechselnd in Appenzell-Innerrhoden und in Tel Aviv. Kishon starb am 29. Januar 2005 an einem Herzinfarkt im Appenzeller Land. Noch am Vorabend seines Todes hatte er den Stuttgarter Nachrichten ein viel beachtetes Interview gegeben. Zusammen mit einer Vielzahl würdigender Nachrufe ist es auf einer speziellen Kishon-Homepage zu lesen. Er wurde in Tel Aviv begraben.

Kostprobe von Kishon-Satiren

Kishons Satiren sind alle als eBuch zugänglich. Eine Zusammenfassung erschien 1998 unter dem Titel Alle Satiren. Dieses eBuch hat über 1300 Seiten. Ich hatte mit dem Lesen begonnen. Etwa bei Seite 800 gab ich auf. Ich habe festgestellt, dass es im Internet bereits ausgezeichnete Auswahlen gibt. Die auf der bereits erwähnten Homepage angebotene Auswahl von rund 20 Satiren ist so gut wie jede Zusammenstellung, die ich hätte machen können. Deshalb sei auf sie verwiesen (Sie dürfen klicken!).

Auswahl von Kishon-Satiren

Satire als Kunstform

Die Satire ist eine Kunstform, die seit der Antike existiert. Sie galt als Gegenstück zur Tragödie. Als römische Satiriker gelten Juvenal und Lukull, aber auch Horaz und Catull. Es werden Personen, Ereignisse oder gesellschaftliche Zustände kritisiert, verspottet oder angeprangert. Es wird verzerrt und übertrieben mit dem Ziel uns nachdenklich zu machen oder zum Lachen anzuregen. Die in öffentlichen Medien vorgetragenen Satiren richten sich oft ‚gegen die da oben‘ oder die politische Klasse. Sie können aber auch das Verhalten normaler Bürger oder der Massen zum Gegenstand haben. Satire-Sendungen sind im Fernsehen sehr stark vertreten, zumindest in westlichen Demokratien. Manche Satiriker beschränken sich nicht allein auf Kritik. Einige haben auch Wahlen gewonnen, so Martin Sonneborn bei uns und Wolodymyr Selenskyj in der Ukraine. Dieses Phänomen ist echt beunruhigend. Es drückt sich damit die Meinung aus, dass Politik kein ernst zunehmendes Geschäft ist. Das ist bestimmt eine Fehlentwicklung.

Abgesang an eine Kunstform

Im September 2001 – also nach dem 9/11-Angriff − sagte Kishon in einen Chat des Nachrichten-Senders N-TV etwas überraschend: Er höre jetzt auf zu schreiben. Er habe bereits über alles geschrieben. ... ‚Schreiben ist eine außerordentlich anstrengende und langweilige Sache. Meine Entscheidung steht absolut fest und ist nicht nur Propaganda. Ich möchte wirklich aufhören, Bücher zu schreiben‘… Das Fernsehen habe den gedruckten Humor „totgetrampelt“. Schon einige Monate vorher hatte er in einem Interview mit der Zeitung „Junge Freiheit“ dazu verlauten lassen: „Ich bin sicher, der geschriebene Humor wird verschwinden. Ich bin der letzte Mohikaner. Der visuelle Humor wird ihn verdrängen. Beim Lesen von geschriebenen Büchern muss man selber mitmachen, vom Fernsehen dagegen wird man höflich bedient. ... Nun wird eine ganze Generation nur mit diesem billigen, ordinären TV-Humor aufwachsen. Das führt dazu, dass ihr der niveauvolle Humor unverständlich sein wird oder gar langweilig‘. Leider scheint Kishon Recht zu bekommen.

Freitag, 11. Oktober 2019

Ökosoziale Planung nach Niklas Luhmann und Bruno Latour (von Peter Hiemann)

Soziologen haben sich vorgenommen, uns die Gesellschaft zu erklären, also das soziale Zusammenleben von Menschen. Teilweise tun sie dies im Stil einer exakten Wissenschaft, indem sie nämlich beobachten und messen. Vielfach arbeiten sie wie Geisteswissenschaftler. Sobald die Dinge etwas komplizierter werden, beschränken sie sich darauf Abstraktionen vorzunehmen oder Modelle zu entwickeln. In beiden Fällen kommt es darauf an, was weggelassen wird. Das wird dann nicht als wesentlich angesehen. Zwei bekannte Soziologen haben sich mit dem Thema Ökosoziale Planung befasst. Luhmann und Latour. Ich möchte sie kurz vorstellen.

Niklas Luhmann (1927-1998)

Der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann kam in diesem Blog bereits des Öfteren vor. Peter Hiemann verwies immer wieder auf sein Werk. Luhmann war der Sohn eines Brauereibesitzers aus Lüneburg und stellte bei der Berufung nach Bielefeld weder einen Antrag für Reisemittel noch für Personalstellen. Alles was er benötigte, seien Papier und Bleistifte. Später kam noch eine Schrankkommode hinzu, der berühmte Zettelkasten. Das von ihm propagierte Gesellschaftsmodell umfasste drei Komponenten oder Perspektiven:  Programm, Interaktion und Funktion. Es wundert mich nicht, dass damit Kollegen aus der Informatik besonders angesprochen wurden, die an eine ähnliche Dreiteilung gewohnt waren, etwa bei OSI und SNA. Hier zerfiel die Welt in Daten, Verknüpfungen und Prozesse. In Luhmanns Gesellschaftsmodell kommen Menschen nicht vor, ebenso wenig Computer und Netzwerke.

Bruno Latour (*1947)

Bruno Latour ist der Sohn eines Winzers aus Beaune in Burgund. Er hatte unter anderem die Albertus-Magnus-Professur in Köln inne. Seit 1982 ist er Professor für Soziologie an der École Nationale Supérieure des Mines. Seine Habilitation erfolgte im Jahre 1987 an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, beides in Paris. Er wird manchmal als der größte Philosoph unserer Zeit bezeichnet. Er abstrahiert die Gesellschaft auf Netzwerke und Akteure. Bei ihm spielen Inhalte keine Rolle. Latour erhielt den Friedrich-Unseld-Preis (2008) und den Münchner Kulturpreis (2010).

Vergleich zweier soziologischer Planungsansätze

In seinem Beitrag Ökosoziale Planung versucht Peter Hiemann aus dem Werk der beiden erwähnten Soziologen sinnvolle Gedanken abzuleiten und zu kombinieren. Hiemann tut sich schwer, weil beide das Werk des andern nicht verstehen oder anerkennen wollen. Nicht da der eine Deutscher der andere aber Franzose ist, kam es nie zu einem Gespräch. Jeder verachtete, ja bekämpfte den fachlichen Ansatz des anderen. Mir scheint, dass die Entwicklung eines aktuellen Bedürfnissen gerecht werdenden politischen Planungssystems weder von Luhmanns noch von Latours Ideen enorm viel profitieren wird. 

Klicken Sie hier, um an Hiemanns Gedanken zu gelangen.