Donnerstag, 20. September 2018

Eulenspiegel, ein Gaukler zwischen Mittelalter und Neuzeit – nacherzählt von de Coster, Kehlmann, u.a.

Till Eulenspiegel (ndl.: Tyll Uilenspiegel; niederdeutsch: Dil Ulenspiegel) ist eine bekannte Figur der deutschen und der niederländischen Erzähltradition und der verschrifteten Literatur. Er ist bereits im 14. Jahrhundert als umherstreifender Schalk nachgewiesen. Eine erste gedruckte Sammlung seiner Schwänke erschien 1510 in einem Straßburger Verlag. Er galt als gewitzt und verstand es, seine Mitmenschen zu verblüffen. Oft vertrat er anarchistische Positionen. Seine Masche bestand darin, Redewendungen wörtlich zu nehmen. Sein Name soll besagen, dass er als Eule der Weisheit seine Zeitgenossen in den Spiegel blicken ließ. Über seine tatsächlichen Lebensdaten besteht Unklarheit. Die Stadt Mölln zeigt den angeblichen Grabstein aus dem späten 14. Jahrhundert.

Alte belgische Bearbeitung des Stoffs

In den letzten Wochen las ich zwei voluminöse Bearbeitungen des Eulenspiegel-Stoffes, eine belgische sowie eine deutsche. Charles de Coster (1827-1879) war ein belgischer Schriftsteller. Sein Ulenspiegel gilt als belgisches Nationalepos. Es beschreibt den Freiheitskampf der Flamen gegen die spanische Unterdrückung und begründete die moderne französischsprachige Literatur Belgiens. Das Buch heißt Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak. Legende von ihren heroischen/lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und anderen Orts. (Frz.: La légende et les aventures héroiques joyeuses et glorieuses d'Ulenspiegel et de Lamme Goedzak au pays des Flandres et ailleurs (1867, 416 Seiten). Das Original ist in einem altertümlichen Französisch verfasst.

Ulenspiegel ist hier Flame. Er ist geboren um 1530 in der Stadt Damme, unweit von Brügge. Sein Vater Claas war ein einfacher Arbeiter, ein Kohleträger, der durch seinen Bruder mit den Ideen der protestantischen Holländer in Berührung gekommen war. Er erbte von diesem Bruder eine größere Summe Bargeld. Das veranlasste einen neidischen Nachbarn, ihn wegen Irrglauben zu verklagen. Er wurde zum Tode durch Verbrennen verurteilt. Sein Sohn Tyll wanderte zunächst als Gaugler durch die Lande. Er kam bis nach München und Nürnberg. Seine Nachbarstochter Nele verehrte ihn, konnte ihn aber nicht für sich gewinnen.

Wieder zuhause, schloss er sich den Geusen an. Der Name ist aus dem französischen Wort für Bettler (frz.: geux) abgeleitet. So bezeichnete ein Höfling die Abgesandten protestantischer Gemeinden, die bei Margarethe von Parma (1522-1586), der Statthalterin der spanischen Niederlande, erschienen waren, um Freiheitsrechte einzufordern. Als der Herzog von Alba (1507-1582) im Jahre 1567 ihr Nachfolger wurde, war es vorher zu einem calvinistischen Bildersturm gegen die katholischen Kirchen gekommen. Alba erhielt vom spanischen König Philipp II. den Auftrag, die öffentliche Ordnung und die Vormachtstellung der katholischen Kirche wiederherzustellen. Er richtete in Brüssel ein Sondergericht ein, das Tausende von Ketzern des  Hochverrats beschuldigte und zum Tode verurteilte. Zwei der bekanntesten Opfer waren die Grafen Egmont und Hoorn, die auf dem Brüsseler Rathausplatz enthauptet wurden.

Wilhelm von Oranien (1533-1584), mit dem Beinamen der Schweiger, entzog sich 1572 der Bestrafung durch den Rückzug nach Norden. Zusammen mit Truppen aus seinem Stammlande Nassau-Dillenburg, verteidigte er die Provinzen Holland und Seeland. Nach mehreren blutigen Kämpfen, in denen Alba auch seine Residenzstadt Delft eroberte und zerstörte, kam es 1576 zur „Genter Pazifikation“, dem Zusammenschluss aller niederländischen Provinzen gegen die Spanier. Später zerfiel diese Union in einen nördlichen, protestantischen Teil, genannt die „Utrechter Union“, und einen südlichen, hauptsächlich katholischen Teil, die Union von Arras. Wilhelm wurde 1580 von Philipp II. geächtet und zog sich weiter nach Norden in Richtung Friesland zurück. Er wurde 1584 von einem katholischen Fanatiker ermordet.

Ulenspiegel und sein Freund Lamme Goedzak unterstützen den Kampf der Geusen, vorwiegend durch geheime Nachrichtenübermittlung und Aufwieglung. Als er gefangen worden war und hingerichtet werden sollte, fiel ihm Nele um den Hals und befreite ihn. Zum Schluss des Krieges erhielt Ulenspiegel als Kapitän das Kommando über ein Kriegsschiff. Lamme Goedzak wurde sein Koch. Erst der westfälische Friede von 1648 beendete den Krieg, teilte aber die spanischen Niederlande in zwei Teile. Flandern kam zu Belgien. Ulenspiegel und Nele lebten schließlich in ihrer Heimatstadt Damme. Als sie nach ihrem Tode in den Dünen beigesetzt wurden, verschwanden sie und wurden zu Geistern.

Hier zwei Stückchen aus dem de Coster-Buch. Beide betreffen Ulenspiegels frühe Wanderjahre. In Darmstadt möchte der Landgraf von Hessen gerne porträtiert werden. Tyll besteht darauf, dass möglichst viele Höflinge mit aufs Bild kommen. Nach 60 Tagen, während der er in Saus und Braus lebte, zeigte er feierlich das fertige Werk. Das könnten allerdings nur echte Adelige wirklich sehen, sagte er. Zu sehen war nichts. Alle außer dem Landgraf hielten den Mund. Der Landgraf jagte Tyll davon. In Nürnberg stellte er sich im dortigen Spital als Wunderheiler vor. Er würde es schaffen, innerhalb von nur 24 Stunden alle Patienten auf die Beine zu bringen. Den Patienten sagte er, dass er denjenigen, der am nächsten Tag noch im Bett liege, zu einem heilenden Pulver verbrennen würde. Am nächsten Tag verließen alle Kranken freiwillig das Spital. Tyll kassierte 200 Dukaten vom Betreiber des Spitals und zog davon.

Neue deutsche Bearbeitung des Stoffs

Daniel Kehlmann (*1975) ist einer der bekanntesten zeitgenössischen deutschen Schriftsteller. Er wurde in München geboren und lebt derzeit in New York. Sein Erstlingswerk Die Vermessung der Welt ist mit rund 2,3 Millionen allein im deutschsprachigen Raum verkauften Exemplaren Kehlmanns erfolgreichster Roman. Auf einer Liste der international bestverkauften Bücher des Jahres 2006 kam der Roman auf Platz zwei. Er erzählt die um zahlreiche Erfindungen angereicherten Lebensgeschichten der beiden Wissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Es ist ein Roman über die Entstehung der modernen Wissenschaft und über die Deutsche Klassik.

Das Buch Tyll (2017, 480 Seiten) ist sein jüngstes Werk. Er erzählt eine fiktive Lebensgeschichte Till Eulenspiegels. Unter anderem greift Kehlmann auf die zwei oben erwähnten Anekdoten zurück. Er bettet sie allerdings in einen anderen Zusammenhang ein. Die Handlung spielt rund 100 Jahre später als bei de Coster. Er konzentriert sich auf Schlüsselszenen und Personen des Dreißigjährigen Krieges.

Sein Ulenspiegel wird als Müllersohn Anfang des 17. Jahrhunderts in einem kleinen süddeutschen Dorf geboren. Sein Vater Claus stammt aus Mölln, hat auf seiner Wanderung in dieser Mühle als Knecht gearbeitet und die Müllertochter geheiratet. Nebenher beschäftigt  sich Claus mit naturwissenschaftlichen Fragen, vor allem aber mit der Heilkunst. Er kennt die einschlägigen Sprüche und alle magischen Zeichen. Unter anderem besitzt er ein Buch in Latein, das er nach einem Brand aus einem Trierer Pfarrhaus mitgenommen hatte. Es hat 765 Seiten.

Eine als Hexe angeklagte Frau gab an, dass der Müller sie verleitet habe. Darauf wurde dieser von zwei Jesuiten verhört. Als Hexer wurde er zum Tode verurteilt. Die beiden Jesuiten sind historisch bekannte Persönlichkeiten. Die Verhandlung führte ein Oswald Tesimond (1563-1636). Der stammte aus York und war mit der so genannten Pulververschwörung (engl.: gunpowder plot) in Verbindung gebracht worden. Die Verschwörung war am 5.11.1605 aufgedeckt worden. Neben dem Anführer Guy Fawkes wurden alle Beschuldigten außer Tesimond zum Tode verurteilt. Der Beisitzende und Protokollführer des Prozesses war der jugendliche Athanasius Kircher  (1602-1680). Der stammte aus der Gegend von Fulda und wurde später zu einem bekannten Gelehrten. Er beschäftige sich mit Geologie, Medizin und Mathematik und versuchte es, die altägyptischen Hieroglyphen zu übersetzen. Tesimond, der sich vorwiegend in Süditalien aufhielt, starb in Neapel. Kircher, der Jahrzehnte lang als Lehrer und Forscher an der päpstlichen Akademie (Gregoriana) wirkte, starb in Rom.

Der Sohn Tyll und die die Nachbarstochter Nele flohen aus ihrer Heimat und betätigten sich zunächst als Bänkelsänger und Seiltänzer. Alsbald gerieten sie in der Nähe von Augsburg an einen Gaugler, namens Pirmin, der sie äußerst grausam behandelte. Außerdem plagte der Hunger.

Irgendwie gelangte Ulenspiegel in den Dienst von Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632) und seiner Frau Elisabeth Stuart (1596-1662), genannt Liz. Nach dem Verlust Böhmens, wo man ihn zum König gewählt hatte, und seiner Heimat der Pfalz mit dem Heidelberger Schloss lebte er im Exil in Den Haag. Als der Schwedenkönig Gustav Adolf auf dem Schlachtfeld erschien, machte er sich Hoffnungen, wieder seinen früheren Besitz und seine Ämter zurückzuerlangen. Durch Gustav Adolfs Tod 1632 bei Lützen zerschlugen sich alle Hoffnungen. Er selbst starb noch im gleichen Jahr. Seine Frau war eine Enkelin Maria Stuarts und Tochter Jakobs I. Sie hoffte vergebens auf die Unterstützung Englands für die protestantische Seite. Ulenspiegel schenkte Liz das oben erwähnte leere Bild mit der Bemerkung, dass unehelich geborene und Galgenvögel nichts sähen. Liz brachte damit die meisten der wenigen Besucher, die sie noch hatte, in Verlegenheit, ihren Gatten auch.

Ulenspiegels Gefährtin Nele nahm irgendwann das Angebot von Adam Olearius (1599-1671) an, dessen Frau zu werden. Olearius (auf Deutsch: Öhlschläger) hatte im Auftrage des Herzogs Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf Reisen durch Russland und Persien unternommen, die ich im Jahre 2014 in diesem Blog beschrieben habe. Nele erreichte ein hohes Alter und erlebte Kinder und Enkel. 

Bei der Belagerung von Brünn geriet Ulenspiegel in eine lebensbedrohliche Situation, als er als Tunnelbauer (Mineur) zur Abwehr gegen die Tunnelbauer der Belagerer eingesetzt wurde. Er wurde in einem Schacht zugeschüttet. Er entkam mit letzter Kraft. Gegen Ende des Krieges hielt sich Ulenspiegel im Kloster Andechs auf. Als der Kaiser ihn nach Wien holen ließ, wurde er Augenzeuge der Schlacht von Zusmarshausen bei Augsburg. Es war dies die letzte Schlacht des Dreißigjährigen Krieges. Sie war im Mai 1648. Bayern, Franzosen und Schweden kämpften vereint und bereiteten den Kaiserlichen eine Niederlage. Begleitet wurde Ulenspiegel von einem Gesandten des Kaisers, der sich Martin von Wolkenstein nannte. Er soll ein Nachfahre Oswald von Wolkensteins (1377-1445) gewesen sein, der als Minnesänger gilt. Später schickte der Kaiser ihn nach Osnabrück. Dort traf er einige der verhandelnden Diplomaten. Auch sah er Liz wieder, die ein letztes Angebot machte. Ihr Haus würde auf die böhmische Königskrone − die gar nicht erblich war − verzichten, wenn man ihm die Kurfürstenwürde wiedergeben würde. Man reagierte höflich, aber kühl. Sie bat Ulenspiegel mit nach England zu gehen, was dieser ablehnte.

Eulenspiegel in der Eifler Volkssage

Mir sind Eulenspiegel und seine Geschichten schon in frühester Jugend begegnet. Ich kenne einige Anekdoten, von denen ich nicht weiß, woher ich sie kenne. Eine Quelle, an die ich dachte, ist der Sammelband [1] eines bekannten Bonner Heimatforschers. Bei den acht Eulenspiegel-Erzählungen (Vertellchens), die das Buch enthalt, sind meine Geschichten nicht dabei. Mehrere Erzählungen verbinden sich mit dem Orten Dasburg und Dahnen nördlich von Prüm. Die Einwohner dieser beiden Dörfer genießen in der Eifel etwa den gleichen Ruf wie die berühmten Schildbürger, die Bürger der fiktiven Stadt Schilda. Eines Tages kam Eulenspiegel nach Dahnen. Er bat darum, einen Teil der Gemeindeflur beackern zu dürfen. Er würde die Hälfte des Ertrags an die Gemeinde abliefern. Die Dahnener stimmten freudig zu. Er pflanzte Weizen an. Als das Getreide reif war, schnitt er die obere Hälfte aller Halme ab. Den Dorfbewohnern überließ er den Rest. ‚Das müssen wir ändern‘, sagten die Dahnener. ‚Das nächste Jahr bekommen wir die obere Hälfte‘. Eulenspiegel stimmte zu und baute Kartoffeln an. 

Aus Neuerburg bei Bitburg erzählt Zender die folgende Geschichte. Es war Eselsmarkt. Die Bauern aus Vianden und Diekirch hatten eindeutig die fetteren Tiere. Die Eifler waren besorgt, dass sie für ihre mageren Tiere keine Gebote bekämen. Eulenspiegel beschloss, ihnen zu helfen. Er sah, dass im Nachbarhaus ein Kessel voll Schweinekartoffeln gekocht wurde. Er nahm diesen und band den Luxemburger Eseln je eine heiße Kartoffel unter den Schwanz. Daraufhin ergriffen diese das Weite. Den von auswärts angereisten Händlern blieb nichts weiter übrig, als die mageren Eifler Esel zu kaufen.

Referenz

1. Zender, M.: Volksmärchen und Schwänke aus Eifel und Ardennen. Bonn 1984

Dienstag, 4. September 2018

Gedächtnis des Menschen, echt leistungsstark, wohl eher nicht digital und ohne Algorithmen

Kaum ein Wissenschaftler hat mich so fasziniert mit seinen grundlegenden Erkenntnissen über unser Gedächtnis wie Eric Kandel (*1929). Er erhielt dafür mit Recht im Jahre 2000 den Nobelpreis für Medizin. Martin Korte (*1964) ist ein Neurobiologe an der TU Braunschweig und tritt in Eric Kandels Spuren. Sein Buch Wir sind Gedächtnis (2017, 277 S.) basiert auf dem neuesten Stand der Gedächtnisforschung. Es beschreibt eine Welt, in der Unmengen an Informationen gespeichert und verarbeitet werden. Die Repräsentation geschieht dabei eher nicht digital, sondern analog. Es ist dies zumindest der heutige Stand unseres Wissens. Die Verarbeitung erfolgt mal sequentiell, mal parallel, oft assoziativ. Es werden mächtige Fähigkeiten angeboten, ohne die zugrundeliegenden Algorithmen im Einzelnen anzugeben oder gar zu kennen. Die Leistungsfähigkeit dieses Organs ist außergewöhnlich. Vergleiche mit digitalen Maschinen und Medien drängen sich mir auf. Das ist eine Folge meiner beruflichen Voreingenommenheit und Einseitigkeit als Informatiker.

Struktur und Leistung des Gedächtnisses

Es ist der Inhalt des Gedächtnisses, der unsere Persönlichkeit prägt. Er ist weit mehr bestimmend als die genetische Veranlagung. Auch unsere Wahrnehmung als eigene und ein Leben lang existierende Person, d.h. unser Ich-Gefühl, beruht auf dem Gedächtnis. Man nennt diesen Teil unser autobiografisches Gedächtnis. Es markiert bestimmte Episoden als selbsterlebt. Dies geschieht dadurch, dass wir Episoden immer mit Gefühlen zusammen abspeichern, die wir im Moment des Erlebens hatten. Dabei gehen die ersten drei Jahre des Lebens verloren (kindliche Amnesie). Vergangenheit gibt es nur im Gedächtnis oder weil es ein Gedächtnis gibt.

Den Speicherungsvorgang nennen wir Lernen, die Abruffunktion heißt Erinnern. Für jedes Speichern läuft ein Prozess ab, der mehrere Teile des Gehirns involviert. Von einem Speicherort (oder einer Speicherzelle) zu reden, ist nicht sinnvoll. Jede Speicherung verändert das Gehirn gleichzeitig an verschiedenen Stellen. Auch jeder Abruf von Gespeichertem verändert das Gehirn an mehreren Stellen(!).


Hierarchie nach Speicherdauer

Im zeitlichen Verlauf der Speicherung unterscheidet man drei Stufen einer Hierarchie. Die Sinne (Augen, Ohren, Nase) speichern zuerst lokal, ehe die Information ins Gehirn gelangt. Wir nehmen nur einen Teil der Signale wahr, die uns erreichen, z. B. keinen Ultraschall. Pro Sekunde erreichen uns rund 400.000 Signale.

Im Gehirn unterscheidet man zwischen einer Kurzzeitspeicherung in einer Art von Arbeitsspeicher und der Langzeitspeicherung im Nervensystem. Der Arbeitsspeicher, meist Kurzzeitgedächtnis (KZG) genannt, ist sowohl was seinen Umfang betrifft wie auch bezüglich der Speicherdauer begrenzt. Lernen bedeutet Überführung ins Langzeitgedächtnis (LZG). Das LZG gilt als praktisch unbegrenzt. Seine Kapazität liegt vermutlich im Bereich von Petabytes (10 hoch 15 Bytes). Die Maßeinheit Byte ist hier zwar unzutreffend, da die Speicherung nicht in Bits oder Bytes erfolgt. Bei der Art der gespeicherten Objekte unterscheidet man zwischen Fakten, Ereignissen (Episoden) und Prozeduren. Es wird angenommen, dass es für jeden Typ ein anderes Speicherverfahren gibt.

Das Faktenwissen ist explizites Wissen. Die Überführung vom KZG ins LZG erfolgt durch Wiederholung. Der Inhalt des prozeduralen Gedächtnisses ist uns größtenteils unbewusst, es wird gelernt und ist damit weg aus dem Bewusstsein. Es ist zur Gewohnheit geworden. Als implizites Wissen ist es der Sprache nicht zugänglich; anders als Faktenwissen. Zu den im prozeduralen Gedächtnis abgespeicherten Fertigkeiten  gehören vor allem motorische Abläufe (Fahrradfahren, Schwimmen, Tanzen, Skifahren).

Das Erinnern besteht in der Rekonstruktion des explizit Gespeicherten, verbunden mit seiner Überführung ins Bewusstsein. Das Suchen erfolgt assoziativ anhand weniger inhaltlicher Eckpunkte. Da die Fragmente eines Wissensbegriffs oder einer Episode immer in verschiedenen Gehirnzonen abgelegt sind, werden sie beim Erinnern wieder zusammengefügt. Was dabei herangezogen wird, d. h. an welchen Teilaspekt wir uns erinnern, hängt von den Hinweisen ab, die beim Suchen mit dem Gespeicherten übereinstimmen. Das können auch Geräusche oder Gerüche sein. Unser Erinnerungsvermögen ist sehr beschränkt. So wurde in einem Experiment nachgewiesen, dass Experten eines Fachgebiets sich zwei Wochen nach einer Fachtagung gerade noch an 8% des Gesagten erinnern, davon war die Hälfte falsch.

Zuordnung von Funktionen zu Organismen

Die Mediziner versuchen seit Generationen die Funktionen des Gehirns und des Gedächtnisses bestimmten anatomischen Bauelementen und Strukturen zuzuordnen. Eine große Hilfe lieferten dabei in der Vergangenheit – ungewollt − Erkrankte oder Verletzte. Sehr bekannt wurde auf diese Weise der Arzt Paul Broca (1824-1880). Er entdeckte das Sprachzentrum des Gehirns, das heute als Broca-Areal bekannt ist Es liegt in der dritten Gehirnwindung des Frontallappens der linken Gehirnhälfte. Außerdem beschrieb er 1878 erstmals den Teil des Gehirns, der heute als limbisches System bezeichnet wird.


Gesamtansicht des Gehirns

Als Schwerpunkt oder Hauptsitz unseres Gedächtnisses gilt die Hirnrinde (Cortex). Das wird offensichtlich durch den Vergleich mit Lebewesen, die evolutionär älter sind als der Mensch (z. Bsp. Fische, Reptilien). Fähigkeiten, die zur Routine geworden sind, werden offensichtlich von der Gehirnrinde weg zu den Basalganglien verlagert. Sie bilden dort Chunks, d.h. zusammenhängende Klumpen. Die Basalganglien liegen unterhalb der Großhirnrinde. Sie sind für wichtige Regelungen von großer Bedeutung, beispielsweise für Spontaneität, Affekt, Initiative, Willenskraft, Antrieb, schrittweises Planen, sowie vorweggenommenes Denken und Erwartungen.


Limbisches System

Auch andere Regionen spielen eine signifikante Rolle. So steuert die Amygdala (auch Mandelkern genannt) die Gefühle. Der Hippocampus (deutsch Seepferdchen) ordnet Ereignisse im Raum. Der Hippocampus bestimmt, was wichtig ist fürs Überleben. Fällt der Hippocampus aus, so findet keine neue Langzeitspeicherung statt; altes Wissen bleibt jedoch erhalten. Der Praecuneus, ein Teil des hinteren Hirnlappens, verbindet Vergangenheit mit Zukunft. Bei seinem Ausfall sind keine zielgerichteten Bewegungen mehr möglich. Er arbeitet beim Lernen mit dem Hippocampus zusammen.


Einzelne Nervenzelle (Neuron)

Die eigentliche Informationsspeicherung bewirkt immer eine Veränderung der Kontaktstellen von Synapsen. Synapsen können verstärkt, geschwächt, vermehrt oder abgebaut werden. An jedem Speicherungsvorgang sind Gruppen von Synapsen beteiligt. Es können dies bis zu 10.000 sein. Beim Speichern werden neue Moleküle gebildet. Nicht die Moleküle speichern Information, sondern die von ihnen gebildeten neuen Netze. Bei Bedarf wachsen auch zusätzliche Neuronen nach, aber selten. Man spricht daher auch von der neuronalen Plastizität des Gehirns.

Die fundamentale Erkenntnis, zu der Eric Kandel gelangte, war, dass alle Lebewesen, die lernen können, dazu dieselben chemischen Bausteine und Verfahren benutzen. Das gilt für die Meeresschnecke Aplysia mit gerade 20.000 Neuronen bis zum Menschen mit 10 hoch 11 Neuronen.


Nervenbahnen im Gehirn

Gerüche spielen für das Gedächtnis eine interessante Sonderrolle. Die Geruchsnerven gehen von der Nase direkt zur Gehirnrinde. Sie gehen am Thalamus vorbei. Es lässt sich ein bestimmter Duft mit dem Inhalt des deklarativen Gedächtnisses assoziieren – und das über Jahrzehnte hinweg.

Die Vorstellung des Gedächtnisses, die Korte suggeriert, ist die eines Fußballfeld großen Teppichs von Leuchtdioden (LEDs). Diese leuchten in Spuren auf und ändern sich laufend. Neue LEDs können jederzeit an beliebigen Stellen des Teppichs eingefügt werden, sobald neues Wissen untergebracht wird. Es wundert daher nicht, dass das Gehirn  20% der Energie verbraucht, die der Körper des Menschen aufnimmt.

Über Schlafen und Träumen

So wie der Mensch, so verbringen alle höheren Lebewesen fast die Hälfte ihres Lebens im Schlaf. Er dient – so glaubt die Wissenschaft heute – primär dem Hausputz im Gehirn. Es werden neue Assoziationen geknüpft und bestehende verstärkt. Es erfolgt eine Umspeicherung vom Hippocampus in die Hirnrinde.

Typisch ist, dass der Schlaf einer Nacht in 4-5 REM-Phasen (engl. rapid eye movement) aufgeteilt ist; dazwischen findet Tiefschlaf statt. Es ist wichtig, seinen Schlafrhythmus beizubehalten. Wer durchschlafen kann, vergisst weniger. Schlafentzug kann zur Amnesie führen. Im Schlaf durchlaufen wir die Tagesereignisse im  Schnellverfahren. Das kann zu verbesserten Leistungen am Folgetag führen, etwa bei einem Musiker. Damit verwandt, jedoch nicht gleichzusetzen, sind Träume. Träume sind Nachbilder oder Schattenbilder von Erlebtem. Sie können sich auf lange zurückliegende Ereignisse beziehen oder auf die vergangenen Tage. Diese Ereignisse werden von Gefühlen bewertet und verzerrt.

Kreative und Experten

Kreativität wird oft als Leistung angesehen, die unabhängig vom Gelernten, also vom Gedächtnis ist. Von einem kreativen Menschen werden unkonventionelle Lösungen erwartetet. Sie müssen jedoch neu und nützlich sein. Dazu bedarf es Expertenwissen. Kindern fehlt meist das Wissen, um kreativ zu sein. Erwachsenen fehlt oft der Mut und die Phantasie. Kreative Persönlichkeiten gelten oft als komplex. Sie müssen konvergentes Denken besser beherrschen als der Normalbürger.

Ein Experte strukturiert sein Weltwissen anders als ein Laie. Gute Schachspieler haben ein besonderes Gedächtnis für Spielsituationen. Räumliche Vorstellungen und Kreativität werden meist der rechten Gehirnhälfte zugeordnet, das Sprachvermögen der linken (bei Linkshändern umgekehrt).

Beeinflussung der Gedächtnisfunktion

Als chemischer Ansatz zur Steigerung der Gedächtnisleistung gilt die Einnahme von Dopamin. Es wird als ‚Mutter der Innovation‘ vermarktet. Viele der anderen Mittel, die empfohlen werden, fördern lediglich die Durchblutung. Nach Korte bewirken sie weniger als Kaffee und Tee.

Korte erinnert daran, dass bereits die antiken Griechen (Simonides) wussten, dass man lange Gedichte oder Vorträge besonders gut memorieren kann, indem man einzelne Strophen oder Abschnitte bekannten Örtlichkeiten zuweist. Etwa Strophe 1 = Tür, Strophe  2 = Treppe, Strophe 3 = Wohnzimmer, usw. Heute wissen wir, dass so der Hippocampus involviert wird.

Korte diskutiert – allerdings nur am Rande – den Einfluss neuer Techniken und neuer Werkzeuge auf das Gedächtnis. Wir verlernen Fähigkeiten, also Inhalte, die nicht mehr benötigt werden. So verdrängen Taschenrechner das Kopfrechen. Ein Navi reduziert die Fähigkeit, sich in der Landschaft oder in einer Stadt zu orientieren. Das Wissen, wo etwas im Internet zu finden ist, tritt an die Stelle von Faktenwissen. Wo ich Korte nicht folgen kann, ist bei seiner Aussage, dass ein papierbasiertes Gedächtnis besser sei als ein elektronisches, da es unveränderbar bleibe. Er übersieht einfach die vielen Vorteile, die sich ergeben – ob bewusst oder unbewusst, das weiß ich nicht.

Gewolltes und krankhaftes Vergessen

Bei Personen, die unter post-traumatischen Belastungen leiden, wie Katastrophenopfer, Retter und Soldaten, kann ein gewolltes Vergessen hilfreich sein. Hier können gezielte Übungen Abhilfe schaffen.

Der graduelle Verlust des Gedächtnisses (Amnesie) durch Alzheimer ist eine Krankheit, die derzeit sehr viel Aufmerksamkeit erfährt. Mit ihr verbunden ist die Angst zu vergessen, wer man ist.

Alzheimer-Diagnose mittels PET und MRT

Alzheimer ist heute verantwortlich für 70% aller Demenzerkrankungen. Insgesamt gibt es zurzeit 1,6 Millionen Demenzfälle in Deutschland, mit steigender Tendenz. Es sollen 30% aller über 85 Jahre alten Menschen von Alzheimer-Demenz befallen sein. Sie kann wesentlich früher ausbrechen. Die gute Nachricht ist, dass dabei geistig aktive Menschen und Musiker weitgehend verschont bleiben.

Die Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) erlaubt es heute das lebende Gehirn bei der Arbeit zu beobachten. Dabei werden Wasserstoff-Atome mithilfe eines starken Magneten angeregt und richten sich unter einem externen Magnetfeld geordnet aus. Dabei senden die Atomkerne spezielle Signale aus, die während der Untersuchung gemessen und dann vom Computer zu Schnittbildern zusammengesetzt werden. Die Erregungsimpulse sind für den Patienten als Klopfen hörbar. Bei der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) wird eine schwach radioaktiv markierte Substanz im Organismus sichtbar gemacht.

Mittwoch, 29. August 2018

Digitalisierung im eigentlichen Sinne des Wortes

Wahrscheinlich gibt es allein in Deutschland jeden Monat mehrere Tausend neue Veröffentlichungen zum Thema Digitalisierung. Es gibt kein Fachgebiet, keine Branche, wo das Thema nicht aktuell ist. Schaut man genau hin, so stellt man fest, dass viele der Beiträge das Thema sehr weit fassen. Alles, was früher mal unter elektronischer Informationsverarbeitung oder Automatisierung lief, heißt heute Digitalisierung. Die Digitalisierung im engeren Sinne begann mit dem Zurückdrängen von analogen Maschinen (Analogrechnern und andere analoge Werkzeuge), analogen Medien (Papier, Metall, Schellak) durch magnetische oder elektronische Medien und analogen Netzen (im Kommunikations- und Transportwesen) durch eine digitale Alternative, ein Prozess, der vor rund 50 Jahren einsetzte. Auch der Kollege Peter Mertens wies schon vor Jahren auf diese Begriffsverwirrung hin, geändert hat sich doch nichts.

Im Mai dieses Jahres gab ich Marc Oliver Pahl ein Interview im Rahmen der Feiern zum 50. Jahrestag der Gründung des deutschen ACM Chapters. Das Interview war auf der Webseite des Chapters veröffentlicht worden. Mit Erlaubnis des Autors gebe ich den Text (mit Bildern) hier ungekürzt wieder.

Mensch Sein mit Algorithmen: Marc-Oliver Pahl interviewt Albert Endres

Marc-Oliver Pahl (MOP): Lieber Herr Endres, ich freue mich ganz besonders, Sie als Gründungsmitglied des German Chapter of the ACM heute interviewen zu dürfen. Bitte stellen Sie sich unseren Lesern kurz vor.


Beim modernen Lesen 2016

Albert Endres (AE): Seit 1956 befasse ich mich mit Computern, und zwar zuerst mit der IBM 650 als Austauschstudent in den USA. Von 1957-1992 war ich bei der IBM in Deutschland tätig, zuerst im Rechenzentrums-, danach im Entwicklungsbereich. Ich war beteiligt an der Entwicklung von Programmiersprachen, Compilern, Betriebs- und Datenbanksystemen. Im ominösen Jahr 1968 gründete ich das deutsche Chapter der Association for Computer Machinery (ACM) und nahm an der berühmt gewordenen Software-Engineering-Tagung in Garmisch teil. Ich wurde 1976 an der Universität Stuttgart promoviert und wurde dort Honorarprofessor. In der Gesellschaft für Informatik (GI) leitete ich für 15 Jahre den Fachbereich Softwaretechnik und gab die Zeitschrift ‚Informatik Forschung und Entwicklung‘ heraus. Anfang 1993 übernahm ich eine Lehrverpflichtung in den Neuen Bundesländern (Uni Rostock) und ging danach für vier Jahre als ordentlicher Informatik-Professor an die TU München. Während dieser Zeit leitete ich ein großes Digitalisierungsprojekt.

MOP: Toll, wie vielfältig Sie sich in der Informatik und insbesondere in den beiden großen Verbänden engagiert haben! Welche Auswirkungen der fortschreitenden digitalen Transformation nehmen Sie wahr?

AE: In dem unten vorgestellten und von mir betreuten Blog äußerte ich mich immer wieder zum Thema Digitalisierung. Mein letzter diesbezüglicher Beitrag war im November 2017. Aus ihm stammt der nachfolgende Text nebst Skizze.


Fortschreiten der Digitalisierung

Die Skizze listet Erzeugnisse und Dienstleistungen, mit denen ich täglich persönlich arbeite oder die ich in Anspruch nehme. Vor 50 Jahren standen überall A‘s. Alle Erzeugnisse und Dienste waren analog, also meist auf Papier. Inzwischen gibt es bei mir keine papiernen Zeitungen, Zeitschriften, Fotos und neugekaufte Bücher mehr. Musik und Filme auf Vinylscheiben oder magnetischen bzw. photochemischen Trägern sind auch verschwunden. Die Spalte Verwaltung enthält Planung, Konzeption, Disposition und Abrechnung. Sie taucht fast überall auf. Selbst bei den als analog bezeichneten Diensten ist bei deren Verwaltung die Digitalisierung sehr weit fortgeschritten.

Ich lese wesentlich mehr digitale Bücher, Zeitungen und Zeitschriftenartikel als ich je an analogen Texten konsumierte. Meine ganze Korrespondenz, meine Einkäufe und meine Bankgeschäfte wickle ich rein elektronisch ab, von ganz wenigen Sonderfällen abgesehen. Sportsendungen, Nachrichten und Dokus schaue ich auf iPads oder iPhones an. Mein Gewicht und einige andere Körperdaten verfolgt eine iPhone-App.

MOP: Eine sehr interessante persönliche Perspektive auf die Digitalisierung. Wie wirken Sie selbst an der digitalen Transformation mit?

AE: Während meiner Zeit an der TU München von 1993 bis 1997 bot sich mir eine Gelegenheit, dem Thema Digitalisierung in Deutschland eine Starthilfe zu geben. Unter dem Projektnamen MeDoc, eine Abkürzung für Multimediale elektronische Dokumente, wurden mittels Fördermitteln des Bundesministers für Forschung und Technologie (BMFT) Verlage, Bibliotheken und Hochschulfachbereiche angeregt, ihre papiernen Veröffentlichungen durch elektronische Dokumente zu ersetzen und die Auswirkungen auf Lehre, Forschung und Geschäftsmodelle zu testen. Die Erfahrungen und Ergebnisse sind in einer Vielzahl von Veröffentlichen berichtet. Zwei Referenzen sind unten angegeben. In Zahlen ausgedrückt umfasste das Projekt neun Forschungspartner (mit je 3-4 Mitarbeitern), 24 Nutzerhochschulen und 14 Verlage. Es wurden 60 Bücher digitalisiert und 11 Zeitschriften elektronisch angeboten.


Auswahl von bei MeDoc angebotener eBücher

Rückblickend ist zu bemerken, dass wir uns zu sehr mit der Frage des optimalen Formats für eBücher und eZeitschriften befassten. Alle Verlage entschlossen sich für ein Format (PDF bzw. ePub), das die Ähnlichkeit mit dem gedruckten Text sicherstellte und keine neuen Funktionen zuließ. Man portierte gewohnte Prozesse und Produkte und vermied jedwede revolutionäre Neuerung. Die prototypischen Werkzeuge, die wir damals entwickelten, konnten sich nicht im Markt durchsetzen, da alle Nutzer, die internationale Kontakte hatten, sich für Werkzeuge entschieden, die aus dem US-Markt kamen. Bei meinen beiden Ko-Projektleitern, Andreas Barth vom FIZ Karlsruhe und Arnoud de Kemp, damals beim Springer-Verlag in Heidelberg, fand ich Anregungen und Unterstützung. Der engagierte Einsatz der über 100 Projektbeteiligten ermöglichte den Erfolg.



MeDoc-Vortrag vor Bibliothekaren 1996

Seit dem Jahre 2011 betreibe ich einen Blog, Bertals Blog genannt, zu dem ich die Mehrzahl der Beiträge selbst schreibe. Inzwischen liegen 524 Beiträge vor. Sie hatten bisher über 300.000 Leser. Mehrere Beiträge haben über 2.000 Leser. Die Spitze liegt bei über 5.000. Besonders interessant ist die geografische Verteilung der Leser. Etwa die Hälfte kommt aus Deutschland, der Rest aus etwa 30 anderen Ländern. An der Spitze liegen die USA, Russland, die Ukraine, Frankreich, Spanien und China. Einige Leser kommen aus so entfernten Ländern wie Chile, Tadschikistan und Vietnam. Da alle Beiträge des Blogs in Deutsch verfasst sind, vermute ich, dass es sich bei den ausländischen Lesern primär um folgende Personengruppen handelt: Studierende, Deutschlehrer, Touristen, Geschäftsleute, Diplomaten und Geheimdienstler.

MOP: Ich hoffe, dass wir auch bald so viele Leser haben und mit Ihrem Interview heute bin ich sicher werden es gleich ein paar mehr. Welche Chancen verbinden Sie mit der digitalen Transformation?

AE: Ich möchte vorwegschicken, dass sich die digitale Transformation bei weitem nicht auf das Bibliotheks-, Publikations- und Verlagswesen beschränkt. Bei ihnen sind jedoch alle wesentlichen Aspekte früh erkennbar. Außerdem verfüge ich dort über eigene Erfahrungen. Meine Ausführungen sind bewusst technisch gehalten unter Einbeziehung wirtschaftlicher und sozialer Erwägungen. Dabei stehen die unmittelbaren Nutzer im Fokus, nicht jedoch indirekt betroffene. Die Zukunftssicherheit der Arbeitsplätze eines Waldarbeiters oder eines Buchdruckers bleiben außer Betracht.



MeDoc-Projektbericht 1998 [1].

Über die Vor- und Nachteile digitaler Dokumente habe ich in einem Blog-Beitrag vom Januar 2017 ausführlich diskutiert. Ich will deshalb hier nur eine Zusammenfassung wiedergeben. Es wurden 10 Vorteile gelistet. Der Text selbst ist teilweise der Veröffentlichung [2] entnommen.

  • Benötigte Speicherkapazität: Abhängig vom jeweiligen Aufzeichnungsformat kann Information auf wesentlich kleinerem Raum gespeichert werden, als dies bei analogen Medien der Fall ist.
  • Schnelligkeit der Übertragung: Hat man ein Dokument lokalisiert, lässt es sich innerhalb von wenigen Minuten übertragen, abhängig von der zur Verfügung stehenden Übertragungskapazität. Man braucht weder selbst zur nächsten Bibliothek zu gehen, noch muss dort jemand das Dokument aus dem Regal oder dem Archiv holen.
  • Gleichzeitige Nutzung desselben Exemplars: Ein elektronisches Dokument ist nie ausgeliehen, sofern es entweder online ist oder aber jederzeit vom Offline- in den Online-Zustand gebracht werden kann, d.h. es muss auf einem Rechner angeboten werden, der das Dokument automatisch laden kann.
  • Selektive Informationsverteilung: Analoge Medien haben teilweise das Problem, dass sie Information nur in vorgegebenen, relativ großen Einheiten verteilen können. So erscheint ein Heft einer Zeitschrift erst, wenn eine genügende Anzahl von Artikeln vorliegt. Eine Tageszeitung verteilt Stellenanzeigen an alle ihre Leser, gleichgültig, ob sie am Anfang ihres Berufslebens stehen oder dieses bereits hinter sich haben. Digitale Information kann in beliebig kleinen Einheiten und zielgenau verteilt werden.
  • Weltweite Verfügbarkeit: Es spielt keine Rolle mehr, wo auf der Welt sich ein Dokument befindet. Es ist gleich schnell verfügbar, egal, ob es sich jenseits des Atlantiks oder in der lokalen Bibliothek im Stadtzentrum befindet. Es besteht kein Grund, ein Dokument wegen der geographischen Verfügbarkeit zu reproduzieren.
  • Weiterverarbeitbarkeit: Ein digitales Dokument lässt sich, falls die Codierung und die Formate bekannt sind, auf einem Rechner weiterverarbeiten. Zum Verarbeiten gehören Vergrößern und Verkleinern, Drehen und Wenden, Verbessern und Verdichten, Zerschneiden und Zusammenkleben (die beiden letzten natürlich im übertragenen Sinne).
  • Erschließbarkeit: Ein digitales Dokument kann inhaltlich ganz anders erschlossen werden als ein konventionelles Dokument. Das kann erfolgen entweder basierend auf einer vorgegebenen oder erkennbaren Struktur oder völlig frei, indem der Inhalt Bit für Bit analysiert wird..
  • Integrierte Darstellung verschiedener Medien: Texte und Graphiken lassen sich mit Bewegtbildern (Videos), Tonaufzeichnungen (Audios) und Computer-Simulationen und -Animationen verknüpfen und das in beliebig kleinen Mengen. Es können auf diese Weise pädagogisch optimale Ausdrucksformen kombiniert werden und auf denselben Geräten gespeichert, übertragen und dargestellt werden.
  • Gemeinsame Lagerung: Die bei analogen Medien erforderliche getrennte Lagerung entfällt. Für einen Vortrag oder eine Vorlesung können außer einem Text auch Videoausschnitte (Videoclips) und Animationen gespeichert werden, von einem Experiment werden außer Temperaturmesswerten auch Geräusche registriert und ein Röntgenbild wird mit gesprochenen Kommentaren versehen.
  • Mögliche Kostenersparnis: An die Stelle der Kosten für das Medium Papier oder der anderen Datenträger (Glas, Holz, Metall, Stein, Zelluloid), einschließlich ihrer Lagerung und ihres Transports, treten die Kosten für die Informatik-Infrastruktur.



Vorstellung von Buch [2] auf der GI-Jahrestagung 2000

Ich ergänzte diese Liste, um eigene Erfahrungen, die ich gemacht hatte. Dabei fallen Dinge ins Gewicht, die der Nutzung durch außerhalb einer Großstadt lebende ältere Menschen zugutekommen.

  • Verbesserte Such- und Auswahlmöglichkeit: Digitale Dokumente suche ich nicht nur nach Autor, Titel und Schlagworten. Ich kann direkt nach einzelnen Worten im Text oder im Inhaltsverzeichnis suchen. Ehe ich ein Dokument ganz herunterlade oder gar kaufe, kann ich 20-50 Probeseiten lesen.
  • Variation von Schriftart, Schriftgröße und Beleuchtung: Viele gedruckte Bücher kann ich heute nur noch mit Lupe unter der Schreibtischlampe lesen. Das gilt insbesondere für alle Formen von Taschenbüchern, also die Billigausgaben. eBücher oder der digitale SPIEGEL, die ich per Tablett lese, sind selbst leuchtend und können vergrößert oder verzerrt werden.
  • Nachträgliche Korrekturen, insbesondere Vorwärtsverweise auf später erschienene Dokumente: Digitale Dokumente sind lebende Dokumente. Sie sind nicht mit Tinte gezeichnet oder in Stein gehauen. Als Blog-Betreuer kann ich noch nach Wochen Korrekturen machen oder ergänzende Kommentare zulassen. Ich kann einen Jahre alten, früheren Beitrag mit einem Hinweis auf einen neueren Beitrag versehen.
  • Vollautomatisches Aktivieren aller Referenzen: Die klassische Referenz nur mit Autor und Titel kommt mir vor wie ein abgesägter Arm im Vergleich zu den Möglichkeiten eines Links im Internet. Ich schicke nicht mehr jemand auf eine Expedition in kilometerweit entfernte Bibliotheken, sondern ziehe das Dokument wie an einem Seil direkt zu mir.
  • Automatische Übersetzung in andere Sprachen: Dank der Fortschritte in der maschinellen Sprachübersetzung kann ich einen fünfseitigen deutschen Text in einer halben Stunde in passables Englisch übersetzen. Für Französisch benötige ich etwas länger. Die Hauptsache aber ist, der übersetzte Text ist im gleichen Medium (und anderen, so fern ich es will) sofort überall auf der Welt verfügbar.
  • Gleichbehandlung aller Dokumente unabhängig vom Alter: Es hat mich selbst vollkommen überrascht, dass der am häufigsten besuchte Text meines Blogs ein über fünf Jahre alter Beitrag ist. Wer kümmert sich schon um fünf Jahre alte Beiträge in papiernen Zeitschriften oder Büchern. Sie liegen irgendwo angestaubt in Kisten oder Bücherregalen.
  • Nicht abnutzbar durch Vielfachnutzung: Von der Papierausgabe eines meiner Bücher wollte ein Bekannter zwei Exemplare haben. Er möchte das eine Exemplar nämlich lesen (und dabei evtl. grob behandeln) und das andere weglegen, damit es auch nach Jahren noch unbeschadet ist.
  • Tatsächliche Kostenersparnisse für die Nutzer: Es hat länger gedauert als erwartet, bis die möglichen Preissenkungen im vollen Umfang sichtbar wurden. Seit über zwei Jahren besitze ich ein Abonnement (Skoobe = Umkehrung von ebooks) für 9,99 Euro pro Monat, in dessen Rahmen über 10.000 eBücher angeboten werden. 
Obwohl die obige Liste, wie sie sich aus der Sicht der Nutzer ergibt, schon recht lange ist, sollte nicht vergessen werden, welche Vorteile sich für die Umwelt ergeben. Mein eigener Haushalt und meine eigene Betriebseinheit verarbeiteten früher Berge von Papier, für die irgendwo Bäume starben, chemische Prozesse abliefen, meilenweit Lasten transportiert, die anschließend wieder tonnenweise entsorgt werden mussten. Mein persönlicher Verbrauch an Faservlies, auch Papier genannt, hat sich inzwischen auf Klo-Papier und Taschentücher reduziert. 
 


Im Heimkino 2016

MOP: Welche Risiken verbinden Sie mit der digitalen Transformation?

AE: Auch hier gebe ich zunächst den ursprünglichen Text wieder. Es wurden sechs Nachteile digitaler Dokumente angeführt.

  • Abhängigkeit von technischen Hilfsmitteln: Digitale Dokumente, insbesondere solche in binärer Darstellung, sind für Menschen nicht ohne technische Hilfsmittel zu erstellen und zu nutzen. Diese Abhängigkeit verlangt gewisse Investitionen und Grundkenntnisse, aber auch das Vorhandensein von elektrischer Energie.
  • Leichte Veränderbarkeit: Ein digitales Dokument ist veränderbar, ohne dass Spuren der Veränderung am Dokument sichtbar sind. Soll eine Veränderung verhindert werden oder sichtbar gemacht werden, müssen bestimmte Vorkehrungen getroffen werden.
  • Umfang digitaler Dokumente: Gegenüber einem analogen Dokument gleichen Inhalts kann der Umfang des entsprechenden digitalen Dokuments das 10- bis 100-fache ausmachen.
  • Gefahr von Beschädigung und Verlust: Da die laufende menschliche Sichtkontrolle nicht möglich ist, kann eine Beschädigung oder gar ein Verlust eines digitalen Dokuments eintreten, den man erst sehr spät festgestellt. Es kann durchaus vorkommen, dass man eine nicht-lesbare oder gar leere Diskette erhält.
  • Risiken bei Übertragung über offene Netze: Bei Versand von Briefen und anderen Papierdokumenten gibt der Umschlag eine gewisse Sicherheit gegen ein Mitlesen des Inhalts. Im Prinzip kann jeder Teilnehmer alle Nachrichten lesen, die über ein offenes Netz versandt werden. Die Gefährdung kann sich dadurch ergeben, dass Nachrichten mit empfindlichem Inhalt an Nutzer gelangen, die diese Nachrichten überhaupt nicht haben wollten oder an solche Teilnehmer, die mit Absicht fremde Nachrichten anzapfen.
  • Aufwand für Langfrist-Archivierung: Eine langfristige Archivierung erfordert eine laufende Anpassung an die jeweils nutzbaren Technologien und Formate. Wird dies nicht gemacht, kann es sein, dass bereits nach fünf bis sieben Jahren das Dokument nicht mehr lesbar ist.
Weitere Nachteile digitaler Dokumente kenne ich weniger aus eigener Erfahrung als aus Berichten in den Medien: 
  • Mangelndes haptisches Erlebnis: Offensichtlich sind eBücher (noch) nicht populär als Geschenk für ältere Leute. Deshalb lasse ich ausgewählte Beiträge aus meinem Blog als Sammelband auf Papier drucken. 
  • Verunsicherung traditioneller Geschäftspartner: Das Jammern von Zeitungsverlegern hält schon seit Jahren unvermindert an. 
  • Überhandnehmen von Hass, Polemik und Beschimpfungen: Waren lange Zeit Viren, Trojaner oder Blockierer (DDoS) das Hauptproblem, so sind der schlechte Sprachstil im Netz oder die Falschmeldungen (engl. fake news) heute der Hauptgesprächsstoff. 
Zu erwähnen sind bisher nicht eingetretene Befürchtungen und bisher nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten. Der von vielen befürchtete völlige Einbruch der kulturellen Aktivitäten von Autoren und Künstlern ist bisher ausgeblieben. Zwar hat Jaron Lanier, der Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels von 2014, auf die Gefahren hingewiesen, die unserer offenen Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird und wenn Menschen, trotz eines Gewinns an Vielfalt und Freiheit, auf digitale Kategorien reduziert werden. Es käme darauf an, wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein und der digitalen Welt Strukturen vorzugeben, die die Rechte des Individuums beachten und die demokratische Teilhabe aller fördern. Die großen Verteiler (also die Dreckschleuderer) seien die wahren Gewinner im Internet und nicht die einzelnen kreativen Schöpfer, beklagt Lanier. Insgesamt scheint dies die Produktion von lesenswertem Material (noch) nicht gestoppt zu haben. Nur so ist zu erklären, dass auf Buchmessen jedes Mal mehr Neuerscheinungen vorgestellt werden als im Jahr davor. Die Möglichkeiten, die in digitalen Dokumenten stecken, sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Einer, der auch diese Meinung vertritt, ist Sascha Lobo. Sein Vorschlag mit dem Namen Social Books (Abk. sobooks) ist nur einer von Vielen. Lobo möchte, dass es bessere Möglichkeiten gibt, Feedback an den Autor zu geben. Außerdem ist er für eine freie Nutzung aller Materialien, weit über das Zitieren hinaus.

MOP: Viele praktische Vorteile und viele relevante Aspekte. Was bedeutet es für Sie, Mensch-Sein mit Algorithmen? 

AE: Der obige Slogan kommt mir fast banal vor. Die Umkehrung ‚Mensch-Sein ohne Algorithmen‘ dagegen hätte mich echt aufhorchen lassen. Es wäre nämlich schlimm, wenn wir plötzlich keine Verfahren mehr hätten, um in endlicher Zeit zu verlässlichen Ergebnissen zu gelangen. Genau das nennt man nämlich einen Algorithmus, und zwar in Anlehnung an Muḥammad Ibn-Mūsā al-Chwarizmi (* um 780; † zwischen 835 und 850) aus Chiwa in Usbekistan. Ich habe 1989 dort sein Standbild gesucht und auch gefunden. 


Bei Al-Chwarizmi in Chiwa 1989

Algorithmen sind neben Datenstrukturen ein Kernelement der Informatik. Nicht alle Algorithmen sind auf Computer übertragbar. Das gilt jedoch für alle mathematischen Algorithmen, wie dem des Euklid oder dem des Eratosthenes. Beide sind über 2000 Jahre alt. Mittels Programmiersprachen können sie heute von Fachleuten in Programme überführt und auf einem Computer ausgeführt werden. Das gilt (noch) nicht für andere Klassen von Algorithmen, z. B. für Kochrezepte. Ich frage mich, ob die Kollegen, die der ACM-Veranstaltung diesen Titel gaben, sich mit Köchen vergleichen und gar anfreunden wollen. Jedenfalls haben sie sich von dem leidigen und technisch anspruchsvollen Thema der Programmiermethoden und der Programmiersprachen freigemacht. Bei Algorithmen glauben auch Leute mitreden zu können, die von Informatik-Fachkenntnissen nicht belastet sind. Es könnte interessant sein zu erfahren, welche speziellen Algorithmen oder welche Gruppen oder Kategorien von Algorithmen heute von besonderer Bedeutung sind, welchen Schwierigkeitsgrad sie besitzen, wem und wo welche zugänglich sind, und vor welchen Algorithmen sich der Mensch in Acht nehmen muss. Mit Mensch sei Wissenschaftler, Fachmann und Laie gemeint. Das könnte sehr spannend werden. 

MOP: Lieber Herr Endres, ich danke Ihnen herzlich für dieses interessante Interview und freue mich, dass wir Sie zu unserem Symposium im September begrüßen dürfen. Ich bin mir sicher, dass einige unserer Leser dort gerne das Gespräch mit Ihnen suchen werden.

Referenzen 
  1. Barth, A., et al. (eds): Digital Libraries in Computer Science – The MeDoc Approach. LNCS 1392, Heidelberg: 1998; 237 Seiten; ISBN 3-540-64493-80 
  2. Endres, A., Fellner, D.W.: Digitale Bibliotheken. Heidelberg: 2000; 494 Seiten; ISBN 3-932588-77-0