Dienstag, 20. Juni 2017

IBM Entwicklungslabor Böblingen – eine Übersicht der Ergebnisse seiner ersten vier Jahrzehnte

Das 1953 von Karl Ganzhorn (1921-2014) gegründete Entwicklungslabor der IBM Deutschland in Böblingen erlebte bis in die 1990er Jahre eine starke Expansion. In seiner größten Ausbauphase hatte es rund 1000 Mitarbeiter, hauptsächlich Ingenieure, Informatiker und Physiker. Es erbrachte beachtliche Leistungen auf vier ganz verschiedenen Gebieten der Informatik, nämlich den Halbleiter-Komponenten, den Prozessoren und Rechnersystemen, der System-Software und den Druckern bzw. Finanzsystemen. Böblingen erwies sich nicht nur als das am breitesten aufgestellte Labor der IBM in Europa, es war auch das erfolgreichste von ihnen. In den Jahren zwischen 1965 und 1992 wurden auf allen vier Gebieten mehrere Generationen von Produkten entwickelt und an mehrere Fertigungsbetriebe in Europa, den USA und Japan oder – im Falle von Software  ̶  direkt in den Markt ausgeliefert. Als Teil der Verantwortung wurden alle Produkte bis zum Ende ihrer Lebenszeit in ihrem weltweiten Einsatz verfolgt und betreut.

Für jedes der vier Gebiete gebe ich im Folgenden in tabellarischer Darstellung eine Zusammenfassung seiner Ergebnisse an, also die im Markt sichtbaren Produktlinien. Es sind dies die maßgeblichen Kriterien und Kennzeichen seiner Leistungsbilanz. Auf eine Beschreibung der Produkte im Einzelnen und der dazugehörenden Entwicklungsgeschichte wird hier verzichtet. Sie sind in der Regel in den Büchern der ‚Blauen Reihe‘ sehr gut dokumentiert. Diese wurde von Karl Ganzhorn initiiert und verlegt. In den einzelnen Abschnitten werde ich auf den jeweiligen Band Bezug nehmen.

Gründungs- und Aufbauphase

Die mechanische Entwicklung begann bei der IBM Deutschland 1931 in Berlin. Das Werk lag im Stadtteil Lichterfelde. Unter Ulrich Koelm, dem technischen Direktor der "Deutschen Hollerith Maschinen Gesellschaft mbH" wurden von dem "BK Tabulator" bereits 250 Maschinen hergestellt. Anschließend begann ein fähiger junger Ingenieur (Fritz Gross), eine neue Buchhaltungsmaschine zu entwickeln, die zur berühmten D11 wurde. Diese Maschine konnte nicht nur drucken, sondern auch rechnen. Rund 1500 Maschinen des Typ D11 wurden in Deutschland installiert, viele sogar für eine lange Zeit nach dem Krieg. Aus dieser Entwicklung wuchs die maschinenbauliche Fertigkeit unter der Führung von Koelm und von Walter Scharr. Nach dem Krieg übernahm Scharr, der 1937 aus Endicott, NY, zurückgekehrt war, die mechanische Konstruktionsabteilung in Deutschland. Sie leistete die Druckentwicklungen für das WWAM-Projekt (Worldwide Accounting Machine) und gleichzeitig für das System/3000.

Ganzhorn hat seinen Einstieg bei IBM immer wieder schmunzelnd erzählt. Er wurde in Stuttgart auf dem Universitätsgelände, also quasi auf der Straße, von einem Mitarbeiter der IBM angesprochen und angeheuert. Er könne machen, was er wolle, Hauptsache Physik. Außerdem könne er in seiner Heimatstadt bleiben, in Sindelfingen. Ganzhorns erstes größere Projekt war das System/3000. Es wurde zum Fiasko. Die kleinen Lochkarten funktionierten zwar im Labor ganz ordentlich, nicht jedoch beim Kunden. Das Produkt musste aus dem Markt genommen werden. Als er von Thomas J. Watson zum Rapport gebeten wurde, rechnete er mit seiner Entlassung. Watson ermahnte ihn lediglich, sich nie wieder ein Produkt vom Vertrieb aus der Hand reißen zu lassen, bevor er und seine Ingenieure voll von seiner Qualität überzeugt seien.

Ganzhorn fiel die Aufgabe zu, eine Lokation für ein neues Labor auszusuchen. Er hat die ersten Gebäude bauen lassen und hat entschieden, ein von den Themen möglichst breit angelegtes Entwicklungszentrum aufzubauen. 'Da die elektronische Datenverarbeitung in den 50er und 60er Jahren noch in einer rudimentären Phase war, kann man darüber diskutieren, ob das Labor damals eher ein Forschungs- oder schon ein Produktentwicklungslabor war'. Die letzten Sätze stammen aus dem Interview mit Herbert Kircher, das ich kürzlich führte. Als Ganzhorn die Leitung von drei europäischen Labors (Böblingen, Lidingö, Wien) übertragen wurde, gab er die Leitung des Böblinger Labors an Walter Proebster ab. Nach Proebster konnte ich noch weitere vier Laborleiter erleben, nämlich Fred Albrecht, Wolfgang Liebmann, Wilfried Pierlo und Herbert Kircher.

Die Gründungs- und Aufbauphase des Labors hat Ganzhorn im ersten Band der ‚Blauen Reihe‘ dokumentiert. Sein Titel lautet: ‚The IBM Laboratories Boeblingen. Foundation and Build-up‘. A Personal Review by Karl E. Ganzhorn, 2000. Auszüge daraus erschienen in den IEEE Annals [1,2].

Halbleiter-Komponenten

Als das Labor gegründet wurde, durfte man sich sein Arbeitsgebiet selbst aussuchen. Ganzhorn meinte, er sei eingestellt worden, um dem vorhandenen Konstruktionsbüro für Lochkartenmaschinen die fehlende Kompetenz in Halbleiterphysik zu verschaffen. Für den Aufbau der Komponenten-Entwicklung hatte Ganzhorn Otto G. Folberth gewonnen, einen erfahrenen Physiker von der Firma Siemens in Erlangen. Folberths Eintrittsdatum wurde verschoben, bis dass das neue Laborgebäude fertig war. Dessen Nachfolger wurde Wolfgang Liebmann.


Übersicht Halbleiter-Entwicklung

Diese Daten sind dem Band 5 der ‘Blauen Reihe’ entnommen. Er heißt: The IBM Laboratories Boeblingen: Semiconductor and Chip development. A personal Review by Horst E. Barsuhn and Karl E. Ganzhorn, 2005. Wie in jedem Band so findet sich auch dort eine umfangreiche Bibliographie.

Prozessoren und Rechnersysteme

Über lange Jahre dominierte die Prozessoren-Entwicklung die Richtung und die Interessen des Labors. Sie strahlte aus auf die Komponenten- wie auf die Software-Entwicklung. Die Leiter dieses Bereichs waren am Anfang Ray Wooding, Fred Albrecht und Edwin Vogt, gefolgt von Eckart Lennemann und Uli Lang.


Übersicht System-Entwicklung

Diese Daten entstammen dem Band 4 der ‚Blauen Reihe‘. Sein Titel lautet: Die IBM Laboratorien Böblingen: Systementwicklung. Ein persönlicher Rückblick von Helmut Painke, 2003.

System-Software

Die Software-Entwicklung ist der jüngste Bereich des Labors. Ihr erster Leiter war Horst Remus, gefolgt von Walter Heydenreich und Albert Endres. Danach folgten Sakis Tsaoussis, Helmut Lamparter, Don Casey, Reinhard Sirringhaus und Willi Neidow.


Übersicht Software-Entwicklung

Die Geschichte dieses Bereichs ist dokumentiert in Band 2 der ‚Blauen Reihe‘. Er hat den Titel: Die IBM Laboratorien Böblingen: System-Software-Entwicklung. Mit persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen von Albert Endres. Sindelfingen, 2001. Eine englische Version ist [3]. Über alle Compiler-Projekte der europäischen IBM Labors berichtet [4].

Drucker und Finanzsysteme

Eine besondere Stärke des Labors während seiner frühen Jahre war seine mechanische Entwicklung. Sie ging später über in die Entwicklung spezieller Produkte für die Finanzindustrie. Nach Scharr wurde Günther Schacht Leiter der mechanischen Entwicklung. Auf sie folgten Jerry Bührmann und Roland Beyer.


Übersicht Drucker- und Finanzsystem-Entwicklung

Die Geschichte der Böblinger Druckerentwicklung wurde von Roland Beyer beschrieben. Sein Beitrag hat den Titel: Produktentwicklung mechanischer Geräte im Entwicklungslaboratorium Böblingen der IBM Deutschland. Er ist in [5] enthalten. Die Entwicklungen für die Finanzindustrie sind beschrieben im Band 6 der ‚Blauen Reihe‘. Er heißt: IBM Informationstechnik für Banken und Sparkassen im 20. Jahrhundert. Persönliche Rückblicke von R. Beyer, B. Brachtl, W. Ferger, K.E. Ganzhorn, R. Grischy, H. Henn, K.-H. Holst, F. W. Kistermann, A. Schaal, E. Schabacker, M. Schilling. Herausgegeben von K.E. Ganzhorn, 2006.

Erfindungen und Patent-Aktivitäten

Weitreichende Ideen wurden immer wieder in experimentellen Umgebungen oder in Studienprojekten evaluiert. Fanden sie nicht den Weg in Standardprodukte, wurden sie manchmal als Sonderprodukte für Teilmärkte (etwa den deutschsprachigen Raum und Benelux) freigegeben oder zumindest als geistiges Eigentum (engl. intellectual property) gesichert. In der Anzahl der angemeldeten Erfindungen und erteilten Patente hält die Firma IBM weltweit seit Jahrzehnten einen Spitzenplatz inne. Das deutsche Labor hatte daran stets einen signifikanten Anteil. Manche der Innovationen waren richtungsweisend für die ganze Branche.


Übersicht Patent-Anmelder des Labors

In der Tabelle wurde die Zahl unterschiedlicher Anmeldungen gelistet. Wichtige Erfindungen wurden meistens in mehreren Ländern (wie Deutschland, Japan und USA) gleichzeitig angemeldet. Eine Untermenge davon ist die Zahl der erteilten Patente. Es ist anzunehmen, dass sich dafür die gleiche Reihenfolge von Erfindern ergibt.

Allgemeine Bewertung und Einordung

Viele der gelisteten Böblinger Produkte und Erfindungen stellten auf ihrem Gebiet den Stand der Technik dar. Einige waren anerkannte Spitzenleistungen nicht nur innerhalb des Unternehmens, sondern auch in der gesamten Branche. Alle Produkte mussten sich im weltweiten Markt behaupten. Die meisten waren oft jahrelang im Einsatz. In der Regel erreichten sie eine hohe Kundenakzeptanz. Für viele Kunden ermöglichten sie den Einstieg in die elektronische Datenverarbeitung. Das Bestreben, Erfindungen auch als Patente absichern zu lassen, unterscheidet die in der Industrie tätigen Informatiker von ihren Kollegen an den meisten Hochschulen. Dort herrscht die (meiner Ansicht nach etwas seltsame) Meinung vor, dass Veröffentlichungen in Fachzeitschriften besser geeignet seien, die Fortschritte in der Technik und den persönlichen Ruhm von Erfindern zu fördern als Patente.

In der dargestellten Zeitperiode herrschte nicht nur bei IBM die Meinung vor, dass ein wirklich attraktives Angebot für Kunden durch Symbiose von Hardware und Software entstehen kann. Dieser ‚Systemgedanke‘ wurde später teilweise aufgegeben, nachdem Microsoft den Nachweis erbrachte, dass man durch Verallgemeinerung der Software deren Einsatzbereich über die Hardware mehrerer Hersteller hinaus vergrößern kann. Es ist eine andere Optimierung. Nur Steve Jobs und die Firma Apple blieben dem IBM-Ideal treu.

Fachkontakte und Außenwirkung

Viele Mitarbeiter des Böblinger Labors fanden hohe Anerkennungen im weltweiten Unternehmen, in der Branche, aber auch in der Wissenschaft. Die Erfahrungen der Anfangszeit bildeten die Grundlage für den Erfolg des Labors, der bis heute anhält. Es entstanden langfristig gesicherte und technisch sehr anspruchsvolle Arbeitsplätze für Informatiker und Ingenieure.

Während des Berichtszeitraums bestanden intensive Kontakte zu mehreren Forschergruppen an deutschen Hochschulen, aber auch zu den Forschungs- und Entwicklungslabors der IBM in den USA und in Europa, insbesondere zum Forschungslabor in Zürich und dem Wiener Labor. Die Übertragung von Wissen erfolgte bevorzugt durch den temporären oder dauernden Austausch von Personal. Des Weiteren bestanden enge Kontakte zum Wissenschaftlichen Zentrum der IBM in Heidelberg, zum Programmproduktzentrum in Sindelfingen und zu dem LILOG-Projekt in Stuttgart.

Ausgewählte Literatur
  1. Ganzhorn, K. E.: The buildup of the IBM Boeblingen laboratory. IEEE Annals of the History of Computing 26,3, (July-September 2004), 4-19
  2. Ganzhorn, K. E.: IBM Boeblingen Laboratory: Product Development. ebda, 20-30
  3. Endres, A.: IBM Boeblingen’s Early Software Contributions. ebda, 31-41
  4. Endres, A.: Early Language and Compiler Developments at IBM Europe: A Personal Retrospection.  IEEE Annals of the History of Computing  35,4 (October-December 2013), 18 – 30
  5. Proebster, W. E.: Datentechnik im Wandel - 75 Jahre IBM Deutschland: wissenschaftliches Jubiläumssymposium. Heidelberg 1986.

PS: Dieser Beitrag hat Nummer 500 in diesem Blog. Er reiht sich ein in eine lange Kette teils technischer, teils historischer Ergüsse. Auch er stellt persönliche Erfahrungen und persönliches Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Herbert Kircher über das IBM Labor Böblingen in einer Zeit des Wandels

Herbert Kircher (*1938) war von 1986 bis 2008 zuerst Laborleiter, später Geschäftsführer der IBM Deutschland Research & Development GmbH. Nach dem Studium der Elektrotechnik an der Uni Stuttgart war er seit 1964 als Ingenieur im Fertigungsbereich der IBM Deutschland tätig. Nach drei Jahren (1967) wurde er für drei Jahre ins IBM Forschungszentrum nach Yorktown Heights, USA, abgeordnet, um dort als Teil eines Böblinger Labor-Teams an FET-DRAM-Chips zu forschen. Nach seiner Rückkehr aus Yorktown hatte er verschiedene Management-Positionen im Werk Sindelfingen inne bis zuletzt als Leiter des Halbleiterwerks Böblingen-Hulb. Dazwischen war er drei Jahre auf Abordnung im IBM Corporate Headquarter in Armonk. Ehe er 1986 die Verantwortung für das Labor übernahm, war er noch zwei Jahre im Vertrieb der IBM Deutschland für Industrie-Kunden verantwortlich.



Bertal Dresen (BD): Zahlreiche Interviews in diesem Blog befassten sich mit meinem früheren Arbeitgeber, der Firma IBM, und hier speziell mit dem IBM Labor in Böblingen. Da ich mit Dirk Wittkopp, dem derzeitigen Laborleiter, bereits vor Jahren ein Interview führte, möchte ich bei Ihnen gerne den Blick etwas mehr auf Vergangenes richten. Herr Kircher, Sie waren mit 22 Jahren länger Laborleiter als jeder Ihrer Vorgänger. Nach Karl Ganzhorn, Walter Proebster, Fred Albrecht, Wolfgang Liebmann und Wilfried Pierlo waren Sie der sechste, den ich erlebte. Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie auf diese Liste Ihrer Vorgänger zurückblicken? Welcher Ihrer Vorgänger hatte nach Ihrem Eindruck die deutlichsten Spuren hinterlassen? Was unterschied – auf einen vereinfachten Vergleich reduziert – Ihre Dienstzeit von der Ihrer Vorgänger?

Herbert Kircher (HK): Karl Ganzhorn, der Gründer des IBM Entwicklungszentrums in Böblingen, hat natürlich die sichtbarste Spur hinterlassen. Er hat die Lokation ausgesucht, hat die ersten Gebäude bauen lassen und hat entschieden, ein von den Themen möglichst breit angelegtes Labor aufzubauen. Da die elektronische Datenverarbeitung in den 50er und 60er Jahren noch in einer rudimentären Phase war, kann man darüber diskutieren, ob das Labor damals eher ein Forschungs- oder schon ein Produktentwickungslabor war. Seit der Gründung der Labors 1953 und meiner Zeit als Laborleiter hatte sich die Technologie, der Markt, die IT-Branche, der Wettbewerb und damit auch die IBM dramatisch verändert. In den 1950er bis 1970er Jahren ging es um den Aufbau eines Labors mit einer breiten Knowhow-Palette mit Schwerpunkten Halbleiter, Systeme, E/A-Geräte und etwas Software. Das Geschäftsmodell der IBM Corporation war damals sehr erfolgreich, sehr profitabel. Wir waren Marktführer mit Mainframes im Umfeld schwacher Wettbewerber.

Als ich 1986 die Verantwortung für das Labor übernahm, begannen die sehr schwierigen Krisenjahre der IBM (1988-1993). Die IBM Großrechner waren nicht mehr profitabel, die Corporation machte Verluste. Fast 200.000 Mitarbeiter mussten abgebaut werden. Es erfolgte eine Transformation des Unternehmens von Hardware zu Software und Service. Damit steckte auch das Böblinger Labor in einer Krise.

Die IBM konnte sich nicht mehr vier Mainframe-Labors leisten (Poughkeepsie, Kingston, Endicott, Böblingen). Das Ziel war zwei Labors zu schließen. Mein Ziel war, dass das Böblinger Labor dabei überlebt! Aber auch wir mussten harte Maßnahmen ergreifen und erfolglose oder nicht strategische Bereiche schließen (Drucker, Special Engineering, sowie die Ableger in Hannover und Berlin). In wenigen Worten zusammengefasst, hatte ich in den ersten zehn Jahren als Laborchef zwei übergeordnete Ziele:
  1. In den schwierigen Krisenjahren verhindern, dass wir geschlossen werden
  2. In den anschließenden Jahren des Neuaufbaus der Corporation mit neuen innovativen Produkten ein unverzichtbarer Baustein der IBM F&E-Organisation zu werden. Beispiele: CMOS, LINUX, Websphere Portal und Workflow etc.
Es ist den verschiedenen Laborbereichen gelungen, mehr als 100 für die IBM wertvolle Produkte in den Weltmarkt zu bringen.

BD: Bevor Sie meine obige Vorstellung etwas ergänzten, waren Sie für mich fast wie ein Externer, der von außen mit der Laborleitung betraut wurde. Aus Sicht vieler Labormitarbeiter hatten Sie dies mit Walter Proebster gemeinsam, der aus dem Forschungslabor Zürich gekommen war.

HK: Eigentlich kenne ich das Labor fast so lange wie Sie. In den Jahren 1967-1969 war ich als Ingenieur vom Werk Sindelfingen an das Labor ausgeliehen und nach Yorktown Heights abgeordnet. Ich berichtete dort an Dr. Wolfgang Liebmann und arbeitete an der Entwicklung des ersten IBM DRAM-Chips. Nach meiner Rückkehr wurde mir eine Manager-Position im Labor angeboten, die ich jedoch zu Gunsten einer Position im Werk ausschlug. In den folgenden Jahren war ich dann maßgeblich als Bereichsleiter und stellvertretender Werksleiter am Aufbau des Halbleiter- und Multilayer-Ceramics-Werks Hulb beteiligt und später auch Werksleiter Hulb [in dem gleichnamigen Stadtteil von Böblingen].

BD: Wie das beigefügte Luftbild zeigt, ist die Lage des Böblinger Labors mitten im Wald schon einmalig. Was würden Sie als die Sternstunden oder die Top-Ereignisse Ihrer Zeit als Laborleiter ansehen? Waren es prominente Besucher, bestimmte Produktankündigungen oder die üblichen Betriebsversammlungen und Mitarbeiterfeiern?  Bombendrohungen und Feuerwehreinsetze blieben Ihnen – soweit ich weiß – erspart.


IBM-Entwicklungslabor Böblingen heute © IBM

HK: Jede Ankündigung bzw. Auslieferung eines neuen Produktes war immer etwas, das uns alle stolz machte. Letztendlich ist es die Aufgabe des Labors, neue wettbewerbsfähige Produkte zu generieren, die dem Unternehmen Umsatz und Gewinn bringen, denn nur davon kann neue Entwicklung bezahlt werden! Ein Highlight für uns alle war immer, wenn wir ein neu entwickeltes Produkt mit der versprochenen Funktion, Qualität und Benutzerfreundlichkeit in den Markt bringen konnten.

Natürlich habe ich auch großen Wert auch die Sichtbarkeit des Labors gelegt. Das musste mit meiner Person beginnen. Ich wurde in sehr viele internationale Gremien der IBM berufen: IBM Academy Board of Governors, Corporate Technical Review Committee (CTRC), Technical Community Leader, Ernennungs-Board für IBM Fellows und weitere globale Verantwortungen. Dadurch und durch die engen Kontakte, die ich während meines Assignments in Armonk zum Top Management knüpfen konnte, fiel es uns leicht, fast alle Top Executives regelmäßig ins Labor zu bringen und unsere Ideen zu präsentieren. Die zwei bedeutendsten Besuche waren der gesamte Aufsichtsrat der IBM Corporation, der im Labor tagte, und der Besuch des damaligen CEO Lou Gerstner. Sehr stolz hat es uns immer gemacht, wenn wir jährlich mehrere neue Senior Technical Staff Members (STSM) und später auch Distinguished Engineers (DE) ernennen konnten, was ein deutlich sichtbarer Beweis der hohen Kompetenz unserer Mitarbeiter war.

BD: Wenn Sie an die Zeit vor 1992 denken, was sahen Sie als die Besonderheiten und die Stärken des Böblinger Labors an? Auf welche Produkte und Innovationen aus dieser Zeit kann das Labor besonders stolz sein? Welche Probleme oder Schwächen machten Ihnen echt zu schaffen? Waren es die hohen Personalkosten oder die relative Ferne vom Weltmarkt?

HK: Ich möchte hier nicht auf einzelne Produkte eingehen. Das haben verschiedene Kollegen bereits ausführlich geleistet. Ich möchte jedoch eine Ausnahme machen: Die Böblinger Hardware-Entwickler haben als erste erkannt, dass die neue FET-Technologie wegen ihres hohen Integrationspotentials die bislang führende bipolare Technologie ablösen wird. Die hier entwickelten Prozessoren machten die Großrechner wieder wettbewerbsfähig und führten letztendlich zur Beendigung der bipolaren Systeme. Wenn ich meine Betrachtung auf die Zeit vor 1992 beschränke, dann ist das nur ein kleiner Ausschnitt meiner Labor Erfahrung. Vor allem bedeutende Leistungen der Software-Entwicklung der letzten 20 Jahre bleiben unerwähnt. Heute arbeiten deutlich mehr Mitarbeiter an Software als an Hardware.

Marktnähe war eine unserer Prioritäten. Wir waren keinesfalls entfernt vom Weltmarkt. Wir haben an prominenter Stelle ein sehr erfolgreiches Kundenzentrum aufgebaut, in dem wir nicht nur unsere Produkte präsentierten, sondern auch den Kunden eine Roadmap aufzeigten. Der Vertrieb und Kunden aus vielen Ländern lieben es heute noch, ins Labor zu kommen. Später haben wir das ergänzt durch eine Software-Service-Truppe, die vor Ort den Kunden in komplexen Situationen unterstützte. Und unsere Entwickler hatten unmittelbaren Feedback von den Kunden, was sie an unseren Produktplänen gut fanden und was nicht.

Die Nachteile des Standorts Deutschland sind seit Jahrzehnten bekannt, die Vorteile aber ebenso. Das Thema Kosten hat uns in Deutschland immer Druck gemacht. Etwas salopp gesagt war das Ziel: ‚Wir müssen so viel besser sein wie wir teurer sind‘ und das ist bei großen Innovationen auch gelungen.

Im IBM Top Management haben wir entschieden, technische Konzepte und Strategien nicht mehr wie in der Vergangenheit durch Manager entscheiden zu lassen, sondern durch ‚Technical Leaders‘, also durch STSMs, DEs und IBM Fellows. Ich versuchte ein Klima zu schaffen, wo sich möglichst viele der Spitzentechniker zu STSMs und DEs entwickeln konnten, weil dort wo der ‚Technical Leader‘ eines Produktes saß, oft auch die Entwicklung durchgeführt wurde. Die enorme Sichtbarkeit dieser ‚Technical Leader‘ und deren Einfluss auf Technologie und Produktstrategie nutzten wir zur Stärkung unserer Rolle im F&E-Verbund der IBM.

Eine der großen Herausforderungen damals und heute an die Mitarbeiter ist der schnelle Wandel. Immer neue Kompetenzen und Kenntnisse sind gefordert. Marktnähe, Innovation, Qualität, Termintreue, der Konkurrenz immer einen Schritt voraus und den Kollegen in anderen Labors auch. Das waren anspruchsvolle Anforderungen an die Entwickler. Die Entwicklungsteams wurden gemischt aus erfahrenen älteren Mitarbeitern und frisch von der Uni Eingestellten mit neuestem Wissen. Da die Entwicklungszyklen für ein Hardware- oder Software-Produkt immer kürzer wurden, mussten wir auch permanent dafür sorgen, neue Projekte zugeteilt zu bekommen.

BD: Wenn Sie Ihre Böblinger Tätigkeit mit der entsprechenden Tätigkeit in deutschen Unternehmen wie Bosch, Daimler und Siemens vergleichen, was fällt Ihnen dann ein? Gibt es einen Unterschied zu andern Töchtern amerikanischer Firmen wie Ford in Köln oder Opel in Rüsselsheim? Was war für Böblingens Erfolg bestimmender, der schwäbische Tüftlergeist oder die (importierte) amerikanische Cowboys-Mentalität, deutsche Gründlichkeit oder internationale Weitläufigkeit?

HK: Es war in den 80er und 90er Jahren nicht möglich, die mechanische Entwicklung der Autoindustrie mit der Hardware- und Software-Entwicklung der IT zu vergleichen. Das ist heute natürlich anders, mit Dutzenden Mikroprozessoren und Millionen ‚Lines of Code‘ im Auto. Ich kenne viele deutsche Unternehmen recht gut. Aber wir mussten uns, was Schnelligkeit, Innovation, Kompetenz anbelangt, mit Unternehmen wie Microsoft, Oracle, SAP, HP und anderen Wettbewerbern vergleichen. Eine ‚amerikanische Cowboy-Mentalität‘ kenne ich in dem Zusammenhang nicht, aber es muss jedem klar sein, dass die Regeln und die Geschwindigkeit des IT-Geschäfts in den USA festgelegt werden, und leider nicht durch eine kleine Handvoll von IT-Unternehmen in Deutschland. Leider!

BD: Wollen Sie sagen, dass die Unternehmen in anderen Branchen langsamer agieren und weniger innovativ sind?

HK: Ich bewerte nicht andere Unternehmen und andere Branchen. Aber es ist unstrittig, dass die IT-Branche in den letzten 50 Jahren so gewaltige, oft exponentielle Fortschritte machte wie keine andere Industrie-Branche der Wirtschaftsgeschichte. Das gilt auch heute noch, wenn sie das explosionsartige Wachstum von Google, Facebook, Amazon, Apple und andere ansehen. Oder die aggressive Innovation von Tesla. In vielen traditionellen Branchen konkurrieren seit Jahrzehnten etablierte Unternehmen miteinander. In der IT-Branche werden immer wieder neue Unternehmen geboren, die mit neuen innovativen Produkten und Geschäftsmodellen die Etablierten angreifen. Denken sie daran, dass der ‚Buchhändler Amazon‘ die IBM  im Cloud-Geschäft überholt hat! Wir   ̶   die IT-Branche   ̶  verursachen gerade den Digitalisierungs-Tsunami, der die Welt überschwemmt. Viele Branchen werden deshalb ihre Geschwindigkeit und Innovationskraft steigern müssen.

BD: Während meiner aktiven Zeit bei IBM bestand das Labor aus mindestens vier technischen Teilbereichen: Halbleiter, Systeme, Software und Drucker. Das sahen wir sowohl als Stärke wie als Schwäche. Die Stärke war, dass wir unseren Kunden nahezu komplette Systeme liefern konnten. Die Schwäche war, dass jeder Bereich sehr schnell unter eine kritische Größe fiel. Wir hatten es z.B. auf dem Software-Gebiet nicht leicht mit der Konkurrenz oder auch den anderen Labors der Firma IBM Schritt zu halten. Wie sahen Sie diese Struktur aus der Perspektive des Hausherrn? Ist die Breite der Aufstellung mehr Vorteil als Nachteil?

HK: Ich halte es für essentiell, dass das Labor auf mehreren Beinen steht. Die Mitarbeiter haben es immer geschafft auch in kleineren Teams ausgezeichnete Produkte in den Markt zu bringen. Natürlich waren CMOS und LINUX [die von Karl-Heinz Strassemeyer in seinem Interview ausführlich diskutiert wurden] eine riesige Erfolgsgeschichte. Die Leistung dieser Teams ist historisch. Aber gleichzeitig haben wir erfolgreich in die Software Group expandiert. [Das Böblinger Labor gehört organisatorisch zur Systems and Technology Group. Die Software Group ist verantwortlich für reine Software-Produkte wie Datenbanken und Entwicklungswerkzeuge. Das früher in Sindelfingen ansässige Programmproduktzenter (PPDC) gehörte zur Software Group. Die Mitarbeiter sind heute Teil des Labors Böblingen]

Data Mining, Middleware, Workflow und Portal, das sind alles neue Software-Arbeitsgebiete, um nur einige zu nennen. Wir haben auch   ̶  in Übereinstimmung mit den Geschäftsbereichen (engl. divisions) in USA   ̶   mit neuen Segmenten experimentiert, die nicht erfolgreich waren, weil das Unternehmen wieder aussteigen wollte: Smart Card, Automotive Electronic, Banking Terminals. Das war sicher schmerzhaft für die betroffenen Mitarbeiter, aber es zeigte auch, dass das Labor schnell neue Themen aufgreifen konnte. Allerdings mussten wir uns für diese neuen Projekte aus Wettbewerbsgründen manchmal sehr schnell entscheiden, ohne alle Fakten zu haben, beispielsweise bei Smart Card und Automotive. Der Wettbewerb zwischen den Labors war eben intensiv.

BD: Bekanntlich hat die IBM Corporation in den frühen 1990er Jahren eine sehr kritische Phase durchgemacht. Einige Branchenkenner sahen sogar einen Konkurs für möglich an. Vielleicht können Sie aus der Sicht des damaligen Leiters des Böblinger Labor dies etwas ergänzen oder illustrieren. Da ich selbst die Firma Ende 1992 verlassen habe, sagen mir meine Ex-Kollegen immer, dass ich die Firma nicht mehr wiedererkennen würde. Waren die Änderungen wirklich so gravierend? Worüber würde ich mich am meisten wundern? Hat sich auch die Rolle des Laborleiters geändert?

HK: Nein, ein Konkurs stand nicht im Raum, aber die IBM musste das Geschäftsmodell komplett verändern   ̶   so wie übrigens heute auch! Hardware und Betriebssystem-Software blieb weiter wichtig, musste aber wesentlich effizienter, kostengünstiger und mit ganz schnellen Entwicklungszyklen ablaufen. Außerdem wurde massiv in Middleware investiert, eine Zeit lang sogar in Anwendungs-Software, leider nicht lange genug und deshalb erfolglos. Heute wären wir vermutlich froh, wir hätten die Anwendungs-Software nicht so schnell aufgegeben. Außerdem hat IBM zusätzlich in Service und Beratung investiert. Das Ziel war also Lösungen zu verkaufen, nicht nur Hardware und Software. Als Konsequenz musste IBM viele Fabriken und einige Entwicklungslabors schließen. [Unter Middleware versteht IBM diejenige Protokolle unterstützende Software, die erforderlich ist, um Systemanalyse-Funktionen und Kommunikationsdienste zu ermöglichen, Anwendungsprozesse zu verbinden, und dgl.]

Meine Rolle als Laborleiter war nie der oberste Ingenieur, Programmierer, Entwickler des Labors zu sein, sondern eher die Rolle eines Schiffskapitäns, der die Richtung festlegt, Risiken abschätzt, den Untergang verhindert, und der das Labor in der F&E-Welt in USA so positioniert, dass es als unverzichtbar in der Corporation angesehen wird und dass die IBM dieses Labor immer braucht, unabhängig welches Geschäftsmodell oder welcher Paradigmenwechsel gerade die Firma beschäftigt.

BD: Nach 1993 ist es Ihnen zweifellos gelungen, das Labor umzuorientieren und neu zu stabilisieren. Sicher spielten dabei die CMOS-CPUs und Linux eine große Rolle. Andere vielversprechende Entwicklungen wie Geldautomaten, Smart Cards oder Automobil-Elektronik wurden wieder aufgegeben. Eine solche Umstellung muss doch recht schmerzhaft gewesen sein, zumindest für die direkt betroffenen?

HK: Das Labor-Management und die Mitarbeiter haben seit Jahrzehnten gezeigt, dass sie Veränderungen nicht als Gefahr, sondern als Chance wahrnehmen und die Chance neuer Technologien und Herausforderungen ergreifen. Die permanente Veränderung und Anpassung ist ja nach meiner Stabübergabe an meinen Nachfolger nicht stehen geblieben. Im Gegenteil, die IT-Branche ist immer noch von unglaublicher Dynamik. Vor allem sind zu den bisherigen Wettbewerbern neue, teilweise unerwartete dazugekommen: Google, Amazon und viele andere. Der neue Fokus der IBM liegt auf Cloud, Analytics, Mobile, Security, Watson. Das sind alles völlig neue Themen, auf die das Labor fokussieren muss und die neue Herausforderungen an jeden Mitarbeiter stellen. Die früheren Produktbereiche existieren nicht mehr so wie einst. Die Zugehörigkeit des Labors wird komplexer und durch eine größere Zahl organisatorischer Einheiten bestimmt.

BD: Ist es Ihnen möglich, anhand selbst erlebter Projekte etwas dazu zu sagen, welche Faktoren für einen industriellen Erfolg eines Labors maßgebend sind? Wie weit entscheidet die gute Kenntnis des Kundenbedarfs, wann ist eine hervorragende Technologie der Schlüssel zum Erfolg (engl. market pull vs. technology push)? Geht das eine ohne das andere? Woran messen Sie den Erfolg eines Labors?

HK: ‚Market pull‘ und ‚technology push‘ muss in Balance sein. Beide ergänzen sich und führen zur besten Lösung. In meinen mehr als 40 Jahren in der IT-Branche erkannte ich als entscheidenden Faktor die immense Geschwindigkeit der Veränderung. Technologie, Innovation, Markt, Kundenverhalten, neu in den Markt eintretende Wettbewerber verändern sich im IT-Umfeld häufig nicht linear, sondern exponentiell. Die Anpassungsfähigkeit an neue Herausforderungen ist entscheidend. Das betrifft die technologische Kompetenz der Mitarbeiter, die Führungskultur des Managements, die Kenntnis des sich ändernden Marktes.

Ein Labor wird heute daran gemessen, wie die entwickelten Produkte und Lösungen zum Umsatz, Gewinn, Marktanteil beitragen. Die reine technologische Brillanz ist ziemlich wertlos, wenn sie vom Kunden nicht gekauft wird. Das mag reine Wissenschaftler irritieren, aber so ist eben mal die Realität   ̶  nicht nur bei IBM. Leider sind eine Reihe kleiner Labors (Wien, Heidelberg, Hannover und Berlin) nicht weitergeführt worden, weil sie dem IBM Konzept nicht mehr entsprachen.

BD: Inzwischen liegt 1993 weit hinter uns. Das 50-jährige Laborjubiläum im Jahre 2003 war sicher Grund zum Feiern. Ein Foto habe ich aufbewahrt. Das zeigt Sie mit dem damals über 80-jährigen Karl Ganzhorn, dem von uns allen so sehr geschätzten Laborgründer. Sie verfügen  ̶  so vermute ich   ̶  über eine Perspektive, wie sie nur wenige Kollegen in der Branche besitzen. Sie haben die Firma IBM, ja unsere ganze Branche, in sehr unterschiedlichen Phasen erlebt. Wie sehen Sie heute die Situation der deutschen IT-Branche, ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit? Ist Deutschlands industrielle Stärke in Gefahr?


Kircher und Ganzhorn 2003

HK: Das ist eine schwierige Frage. Heute steht Deutschland als Musterbeispiel einer Industrienation da. Politik, Gesellschaft, Unternehmen, Gewerkschaften machen ganz offensichtlich vieles richtig. Allerdings basiert unsere Stärke auf Maschinenbau, Werkzeugmaschinen, Automobil, Chemie und ähnliche Branchen des 20. Jahrhunderts. Es war oft problematisch in Deutschland mit Universitäten zusammen zu arbeiten. Manche Wissenschaftler haben die überholte Vorstellung im vor-wettbewerblichen (engl. ‚non-competitive) Umfeld arbeiten zu müssen. Das war für uns wertlos, denn wir befanden uns zu 100% im Wettbewerb mit allem, was wir taten! Es gab Ausnahmen: Mit Professoren der Universitäten Bonn, Stuttgart, München und Berlin haben wir gute gemeinsame Projekte, die wir finanzierten, durchgeführt. Ein früherer Bereichsleiter aus der Software-Entwicklung (Manfred Roux) leitete die Funktion Universitäts-Beziehungen. Relativ wenig Kontakt hatten wir zu Fachgesellschaften wie der Gesellschaft für Informatik (GI) und der Informationstechnischen Gesellschaft (ITG).

Etwas Sorge macht mir die Rolle, die Deutschland in der Digitalisierung spielt. Die Spitzenunternehmen und deren Produkte kommen fast alle aus den USA, die Hardware aus Asien. Da wir die digitalen Hardware- und Software-Lösungen in Deutschland nicht entwickeln und produzieren, bleibt für Deutschland nur die Chance, jetzt führend in der Nutzung dieser Technologien zu sein, um damit die Wettbewerbsfähigkeit aller Branchen zu erhalten und zu steigern. Nur dann besteht die Möglichkeit, die Erfolgsgeschichte der deutschen Wirtschaft und unseres Wohlstands fortzuschreiben.

BD: Vielen Dank, Herr Kircher, dass Sie einen so offenen Einblick in die Probleme gaben, mit denen Sie zu kämpfen hatten. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass es das Böblinger Labor weiterhin gibt. Dessen waren wir uns schon länger bewusst.

NB: Außer den beiden erwähnten (Wittkopp, Strassemeyer) wurden in diesem Blog weitere Interviews mit folgenden heutigen und früheren Mitarbeitern des Böblinger IBM Labors veröffentlicht: Andreas Arning, Herbert Bellem, Namik Hrle, Kristof Klöckner, Manfred Roux und Edwin Vogt. Zu erwähnen sind auch die Nachrufe auf Karl Ganzhorn und Wilhelm Spruth. Vier Interviews und die zwei Nachrufe sind auch gedruckt in einem Buch [1] erschienen.

Referenzen 
  1. Endres, A., Gunzenhäuser, R.: Menschen machen Informatik. Begegnungen und Erinnerungen.  Berlin 2015. 216 Seiten, ISBN 978-3-89838-703-3. 

Samstag, 27. Mai 2017

Trump auf Nahost- und Europa-Tour: Endlich mehr Klarheit in seiner Außenpolitik?

Nur wer erwartet hatte, dass er sein tägliches Twittern etwas reduzieren würde, für den hat Donald Trumps erste Auslandsreise die Hoffnungen erfüllt. Abgesehen davon war die Reise eine Art Offenbarung. Man kann auch Selbstdarstellung dazu sagen. Endlich gewann Trumps Außenpolitik deutlich an Konturen. Das war zwar für die meisten seiner Partner eher ein Grund für Enttäuschung als für Erleichterung. Dass er vorwiegend Ideen aufgriff, die er bereits im Wahlkampf äußerte, überraschte nur diejenigen Partner, die gehofft hatten, dass vier Monate im Amt ihn weichgekocht hätten. Im Weißen Haus spielte Trumps Außenpolitik bisher nur am Rande eine Rolle.

Saudis, Iran und die muslimische Welt

Barack Obama begründete seine Politik der islamischen Welt gegenüber 2009 mit einer Rede vor Studenten an der Universität in Kairo. Um den Kontrast auch optisch zu unterstreichen, sprach Trump vor muslimischen Machthabern im Palast zu Riad.  Während Obama an den Iran appellierte in Verhandlungen einzutreten, um den Streit über das Atomprogramm beizulegen, hatte Trump es damals schon als Fehler bezeichnet, mit Teheran einen Vertrag zu schließen. Da Obama dies dennoch tat, schlug Trump sich jetzt voll auf die Seite der sunnitischen Gegner des Iran und schloss mit ihnen ein Waffengeschäft ab. Den im Iran gerade wiedergewählten Präsidenten Rohani brachte er damit in eine schwierige Lage. Das gleiche gilt für alle Staaten, die auf verbesserte Geschäfte im Iran hofften. Einer davon ist Deutschland.

Israel und Palästinenser-Gebiet

Obama hatte zwar 2009 versprochen an einer Zweistaatenlösung für Israel und das Palästinenser-Gebiet zu arbeiten. Erreicht hatte er aber nichts. Sein Verhältnis zu Israel kühlte deutlich ab. In diesem Punkt machte Trump auf seiner Reise fast gleichlautende Versprechen. Er ließ jedoch vollkommen offen, was er konkret zu tun gedenkt.

EU und NATO

Beiden gegenüber hatte Trump im Wahlkampf deutliche Kritik geäußert. Was die EU betrifft, so blieb er dabei. Dem Brüsseler Duo (Juncker, Tusk) gegenüber benutzte er besonders drastische Worte. ‚The Germans are bad, really bad‘ soll er gesagt haben. Sie exportieren zu viel in die USA und importieren zu wenig. Angela Merkel hatte schon bei ihrem Besuch in Washington auf die von deutschen Autobauern geschaffenen Fabriken in den USA verwiesen. Das Argument scheint verpufft zu sein. Dabei betreffen die deutschen Handelsüberschüsse nicht allein die Autoindustrie. Eigentlich müsste er auf mehrere Branchen schimpfen. Auch gibt es außer Trump noch Leute, die in ein ähnliches Horn blasen, etwa Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds  (IWF), und Emmanuel Macron.

Den NATO-Ländern las er ordentlich die Leviten. Die Mehrzahl der Länder lasse sich von den USA verteidigen, ohne selbst einen angemessen Beitrag zu leisten. Das sei unfair den amerikanischen Steuerzahlern gegenüber. Genau so tönte er im Wahlkampf.

Andere Großmächte (G7)

Beim G7-Treffen in Taormina auf Sizilien, wo auch Japan und Kanada vertreten waren, sorgte er für regelrechte Frustration. Er war nicht bereit sich für das Pariser Klima-Abkommen zu erwärmen, noch für eine solidarische Flüchtlingspolitik, noch für freien Welthandel. Lediglich im Kampf gegen den Terrorismus will er weiter (führend) mitmachen. Auch äußerte er Mitgefühl für die Stadt Manchester. Dort hatte es eine Woche zuvor ein Attentat gegen die Teilnehmer eines Konzerts für Jugendliche gegeben.

Ausblick und G20

Normalerweise hat es Vorteile, wenn man die Position eines Partners kennt. Man muss dann weniger raten. Die Aufgabe aller Partner der USA ist es, sich auf diese Situation einzustellen. Natürlich kann man versuchen, Trump von seiner Position abzubringen. Es ist dann wichtig zu wissen, wer einem evtl. dabei hilft. Theresa May sicherlich nicht. Wie geschickt und verlässlich Emmanuel Macron ist, muss sich noch zeigen. Bekanntlich ist Trump offen für ‚Deals‘, also für Geschäfte.

Vom G20-Treffen im Juli in Hamburg sollte man in dieser Hinsicht eher wenig erwarten. Es ist das erste offizielle Zusammentreffen mit Wladimir Putin. Da wird Trump eine andere Agenda haben, als sich mit Merkel über Autoexporte zu unterhalten.

Beitrag von Hartmut Wedekind vom 26.5.2017

Das [was Trump predigt] ist übelster Merkantilismus. Stimmt das wirklich, was Trump Deutschland vorwirft? Eine „beggar-my-neighbor-policy“. Wenn nein, warum wird nicht argumentiert? Können die das etwa nicht auf höchster Stelle? Einen einfachen Grundkurs in Nationalökonomie hat doch jeder mal gehört - auch der Stab von Trump - und da kommt der Begriff „beggar-my-neighbor“ vor. Die USA ist das dominante Land der Ökonomie-Nobelpreisträger!! Ist das ein laufender Scherz des Nobelpreiskomitees, wenn die obersten Vertreter diese Landes so einen ökonomischen Käse erzählen?

Aber so einfach rumreden, das geht natürlich nicht. Das müsste auch der Staff von Donald Trump wissen? Und das müsste man denen entgegenhalten, nämlich, dass ihre Argumente mindesten 300 Jahre alt sind (Bartwickelmaschine), und dass das so einfach formuliert barocker Quatsch ist. Mein Gott, sind das in der Administration simple Gemüter auf
dem Niveau von Erstsemestern (Harvard?)

Nachtrag vom 29.5.2017

Der G7-Gipfel in Taormina bestach durch die Vielzahl herrlicher Bilder. Hier eine ganz kleine Auswahl. 






Nachtrag vom 2.6.2017

Im Rosengarten des Weißen Hauses verkündete Donald Trump gestern den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen. Die Belastungen der amerikanischen Wirtschaft stünden in keinem Verhältnis zu dem erwarteten Nutzen. Außerdem müssten die USA ‚billions and billions‘ an Länder überweisen, die den Amerikanern ihre Jobs klauen. Er sei schließlich von den Bürgern Pittsburghs gewählt und nicht von den Parisern.

Etwas pikant war die darauf erfolgte Erklärung des Bürgermeisters von Pittsburgh, dass seine Stadt das Klimaabkommen unterstütze und voll hinter dessen Vorgaben stünde. Mehrere Vertreter amerikanischer Firmen distanzierten sich von Trump, so Elon Musk, der Gründer der Autofirma Tesla. Auch Apple, Facebook, Ford, Dow Chemical und Exxon sprachen sich für das Pariser Abkommen aus. Das Kohleunternehmen Peabody Energy schloss sich Trump an. Bei der Verkündigung saß Trumps Ideengeber Steve Bannon strahlend in der ersten Reihe. Tochter Ivanka und Schwiegersohn Jared Kushner glänzten durch Abwesenheit.

NB: Einen Spezialbeitrag für Opernfreunde (Rossini) gibt es frei bei Youtube.

Montag, 15. Mai 2017

Wahl in NRW: Ist die Schulz-Blase bereits Vergangenheit?

Noch am Tag vor der Wahl glaubte Hannelore Kraft, dass ihre Position im Pott zwischen Rhein und Ruhr unangefochten sei. Dass die Grünen schwächelten, das hatte sich herumgesprochen. Umso überraschender war der Absturz der SPD. Hier die Zahlen:


Landtagswahl NRW am 14.5 2017

Grenzen der magnetischen Persönlichkeiten

Vom Schulz-Hype bleibt nur die Erinnerung. So schrieb Heribert Prantl in der Süddeutschen am Montag, dem 15.5.2017, dem Tag nach der Wahl. Nachdem sich weder im Saarland noch in Schleswig-Holstein die Schulz-Euphorie an den Wahlurnen bemerkbar machte, hatten alle auf Nordrhein-Westfalen gehofft. Jetzt ist das Jammern groß. War die saarländische CDU-Amtsinhaberin Annegret Kramp-Karrenbauer ein fleißiges Bienchen und der Kieler Torsten Albig ein Dussel (wegen seiner delikaten Angaben über das Verhältnis zu seiner Frau), so war an Hannelore Kraft eigentlich nichts auszusetzen. Die Hoffnung trog, dass allein die Persönlichkeiten zählen, die politischen Leistungen keine Bedeutung haben. Auch Prantl kam zu dieser Einsicht:

Einerseits sind die Deutschen politisch unzufrieden. Sie sehnen sich nach Belebung, sei es durch eine Person oder eine Partei; der wieder abgeebbte Schulz-Hype hat das wunderbar gezeigt. Andererseits gibt es den Wunsch nach Stabilität und Verlässlichkeit, nach einer Regierung, an die man sich in Zeiten globaler Turbulenzen halten kann. … NRW erlaubt einen Blick in die deutsche Zukunft.

Mir erging es nicht besser als den professionellen Beobachtern. Auch ich darf dazu lernen. Vor etwa vier Wochen schrieb ich in diesem Blog 

Die Wahl im Mai in NRW wird eher zur Testwahl für die Bundestagswahl im Herbst werden. Wegen der guten Ausgangssituation der SPD ist mit einer Bestätigung ihrer Erfolge zu rechnen.

Einige der Leute, die gestern etwas sagen mussten, gestanden ein, dass sie neu denken müssten. Es kann etwas knapp werden bis zum September.

Unterschätztes politisches Gespür der Wähler

Das aktuell aufgezwungene Thema Flüchtlingspolitik ist zwar nicht ganz weg, nur dominiert es nicht mehr in der Diskussion. Es trägt zum Grundstock bei für die AfD. Der Versuch, anstatt der Flüchtlingsproblematik, das uralte Thema der sozialen Gerechtigkeit neu aufzuwärmen, ist leicht als Ablenkungsversuch zu durchschauen. Wer sich dann noch an Gerhard Schröder zu reiben versucht, gibt ungewollt den Linken Recht.

Schulen und innere Sicherheit, Verkehr und Wirtschaft sind die innenpolitischen Themen, die immer interessieren. Es ist kein Wunder, dass der Wähler der CDU hier mehr Kompetenz zutraut als der SPD und den Grünen. Die Art, wie die Piraten mit dem Thema Internet und Digitalisierung umgehen wollten, konnte eh niemand ernst nehmen. Vier Jahre reichten, bis dass alle dies einsahen.

Dass die SPD als Partei trostbedürftig, ja trostsüchtig ist, sagt nichts aus über den Rest des Wahlvolks. Wenn die SPD, die sonst eher uneinig ist, plötzlich zu 100% hinter ihrem Kandidaten steht, beweist dies nur, dass der Kandidat alternativlos ist. Arme SPD!

Ob mit Absicht oder nicht, Angela Merkel erinnerte in den letzten Monaten daran, dass es immer auch einen Bedarf für Außenpolitik gibt. Nur in ruhigen Zeiten darf Innenpolitik Vorrang haben. Wer Nachrichten hört, und sich nicht auf den Lokalteil der Zeitung beschränkt, weiß, dass die Herren Erdogan, Putin und Trump existieren. Man fragt sich, wer eigentlich am besten mit ihnen umgehen kann. Bei Merkel weiß man, dass sie von ihnen ernst genommen wird. Was Schulz besser machen würde, ist noch nicht zu erkennen. Außerdem gibt es Theresa May und Emmanuel Macron. Es sind zwar beide Partner in der EU, bzw. demnächst außerhalb der EU. Wie mit ihnen eine Kooperation zustande gebracht werden kann, darüber wird hoffentlich von unsern Politikern nachgedacht. Sie müssen sich dazu nicht äußern.

Nachtrag am 18.5.2017

Im Januar 2012 bezeichnete ich Peer Steinbrück als Merkels besten Wahlhelfer. Er hatte sich gerade einige Patzer erlaubt, die ihn schon neun Monate vor der Wahl zum Nicht-Kandidaten werden ließen. Einige Beobachter sehen bei Martin Schulz das Rennen auch sehr frühzeitig als gelaufen an, obwohl seine Ausgangssituation eine ganz andere ist. Am Montag nach der NRW-Wahl ließ Schulz das ‚vorläufige‘ Wahlprogramm aus dem Schrank holen. Parteivize Thomas Oppermann durfte es mündlich vortragen. Aus der Vielzahl leicht verunsicherter Reaktionen hier die von ZEIT Online:

Verstolpert! Lange erwartet, haben die Sozialdemokraten ihren ersten Programmentwurf nun nebenbei und still veröffentlicht. Das passt in die Reihe vieler kleiner Wahlkampffehler.

Wenn ich Schulz wäre, hätte ich während des Wahlkampfes in NRW nicht das 69-seitige Wahlprogramm in der Schublade versenken lassen, damit Hannelore Kraft mit einem inhaltslosen Weiter-So-Gerede als angeblich geliebte Landesmutter argumentieren darf. Ich hätte junge, hoffnungsvolle Nachwuchskräfte gebeten, dem Kampf um den Sieg bei der Bundestagswahl Priorität zu geben gegenüber einem Amt in der GroKo. Anstatt die Ideen von Andrea Nahles und Manuela Schwesig, mit denen sie in der GroKo schon so enorm erfolgreich waren, in ein Papierchen zu verstecken, hätte ich die Urheberinnen gebeten, sie in der Öffentlichkeit argumentativ zu vertreten. Ihre Ämter in der GroKo könnten andere verdiente SPD-Frauen ausfüllen und genießen. Arbeit und Soziales (Ressort Nahles), Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Ressort Schwesig) sind zwar für die SPD zentral, sie stellen aber längst nicht alles dar, um das ein zukünftiger Kanzler sich kümmern sollte. Ohne gleich die Außenpolitik zu bemühen, sei an innere Sicherheit, Verkehr und Finanzen erinnert. Wenn diese Fachgebiete augenblicklich von der Union besetzt sind, wäre es doch gut hier Kompetenz zu zeigen oder zumindest welche aufzubauen. Das passiert nicht, indem man allen Diskussionen ausweicht.

SPD-Parteisekretärin Katarina Barley kündigte an, dass das Wahlproramm in den nächsten Wochen mit den Gremien der Partei ausführlich diskutiert und dann verabschiedet würde. Toll!, kann ich da nur sagen. Vielleicht kommt es anschließend bei einigen Menschen schön gebunden auf den Weihnachtstisch. Gewählt wird allerdings bereits in vier Monaten. 

Da der FDP nach ihrem grandiosen Sieg in NRW der Hochmut in den Kopf zu steigen scheint, dürfte sie für eine Koalition kaum in Frage kommen, weder in Düsseldorf noch in Berlin. Obwohl GroKos sich für Juniorpartner als sehr gefährlich erwiesen, und das Volk sie auch nur vorübergehend haben möchte, steuern wir mit Volldampf in Richtung GroKo. Im Kabinett von Angela Merkel dürfte Martin Schulz dann das lernen, was ihm fehlt. Das heißt, er hätte danach eine zweite Chance, sofern er lernfähig und lernwillig ist.

Anders als die Amerikaner sind Deutsche und Franzosen nicht bereit, große Schwächen eines Kandidaten zu übersehen, wenn sie ihn für ein hohes politisches Amt auswählen. Der Narzissmus und der Infantilismus, die beide Donald Trump nachgesagt werden, lassen europäische Wähler aufhorchen. Wem immer wir unser Land anvertrauen, der muss auch überzeugend nachweisen, dass er komplexe Prozesse steuern kann. Auch Wahlkampf zu führen bedeutet einen Prozess zu steuern.