Mittwoch, 13. März 2019

Informatiker und Gesellschaft – eine Selbstdiagnose

In vielen öffentlichen Diskussionen wird der Eindruck vermittelt, dass alles besser würde, wenn mehr auf Experten gehört würde. Die Informatik und damit die Informatiker kommen immer dann ins Spiel, wenn Themen wie Automatisierung, Informationsverbreitung, öffentliche Beteiligung und Überwachung im Vordergrund stehen. Im Folgenden wird versucht zu umreißen, welche Beiträge hier von Informatikern mit Recht zu erwarten sind. Das Wort Informatiker steht hier für alle Stufen der beruflichen Qualifikation, für alle damit verbundenen Tätigkeitsprofile und für Vertreter beider bzw. aller Geschlechter.

Selbstbild des Informatikers

Als Informatiker versteht sich jemand, der aufgrund seiner Ausbildung und/oder Erfahrung in der Lage ist, informationsverarbeitende Prozesse zu automatisieren. Solche Prozesse sind in sehr vielen Geschäftsfeldern zu finden, in vielen professionellen und nicht-professionellen Tätigkeiten, im Privatbereich wie in der Wirtschaft und der Gesellschaft. Für die Automatisierung zugänglich sind solche Prozesse, bei denen die benötigten Daten digital erfasst werden können oder bereits in digitalisierter Form vorliegen.

Die Automatisierung ist immer dann sinnvoll, d.h. erstrebenswert, wenn der Umfang der Daten erheblich ist, die Verarbeitung schnell und die Verteilung der Ergebnisse weiträumig geschehen soll, oder wenn ein hohes Maß an Zuverlässigkeit erreicht werden soll. Die Automatisierung erfolgt heute (fast) immer durch den Einsatz programmgesteuerter Maschinen, die sowohl als Einzelprozessoren wie als Verbundnetz in Erscheinung treten. Der menschliche Aspekt der Informationsverarbeitung kann an unterschiedlichen Stellen zum Tragen kommen. Menschen sind entweder Gestalter, Betroffene oder Nutzer. Sie bestimmen Sinn, Wert und Form.

Jemand betrachtet sich als Informatiker, wenn seine Informatik-Kompetenz für sein berufliches Auskommen bestimmend ist. Bei einer Vielzahl von anderen Berufen können gewisse Informatik-Kompetenzen nützlich sein.

Gesellschaft und ihre Bedürfnisse

Das Wort Gesellschaft wird hier als Abstraktion aufgefasst für eine Vielzahl von Ausprägungen wie Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft, Gemeinde, Berufs- oder Altersgruppe, Sprachgemeinschaft oder Staatsvolk. Da alle diese Ausprägungen sich sehr unterscheiden, wird das Wort fast immer mit der umfassenderen Einheit assoziiert. Das ist entweder die Sprachgemeinschaft oder das Staatsvolk.

Der deutschsprachige Leser mag daher primär an das deutsche, das österreichische oder einen Teil des schweizerischen Volks (Deutsch-Schweizer) denken. Beim französisch-sprechenden Leser sind es Franzosen, frankophone Schweizer, Kanadier und Belgier (Wallonen). In beiden Fällen handelt es sich um über 100 Millionen Menschen. Wesentlich kleiner sind dagegen die Gesellschaften  Luxemburgs (etwa 600.000 Menschen, davon 47% Ausländer) und Maltas (etwa 430.000 Menschen). Von einer europäischen oder sogar einer globalen Gesellschaft zu sprechen, ist nicht üblich. Im Grunde gibt es ein Vielzahl inhomogener Gesellschaften mit diversen Abgrenzungen und Überlappungen. Die Frage ist berechtigt, ob es die Gesellschaft überhaupt gibt. Sie ist vielleicht ein Phantom. Das kann nicht daran hindern, das Wort Gesellschaft für eine Anhäufung von Individuen mit oder ohne Gemeinsamkeiten zu verwenden, vor allem in der Form Gesellschaft von X oder Gesellschaft für Y.

Eine Gesellschaft hat das Bedürfnis sich selbst zu verstehen, d.h. ihre Wünsche, ihre Hoffnungen, ihre Unterschiede und ihre Gemeinsamkeiten. Der Glaube herrscht vor, dass dieses Wissen uns zu rationalem Handeln führen wird. Eine Gesellschaft sollte auch darüber informiert sein, wieweit sie gewissen Idealen entspricht, was die Beteiligung an Entscheidungsprozessen oder der Verteilung von Besitz und Gütern betrifft. Dabei muss die Information über den Status Quo getrennt erfolgen von der Werbung für Veränderungen. Für diese Aufgabe fühlen sich unter anderem die öffentlichen Medien (Rundfunk, Presse) von Berufswegen verantwortlich.

Im Jahre 1776 haben bekanntlich die Verfassungsväter der USA als erste konkrete Wunschvorstellungen ihrer Bürger gegenüber der Gesellschaft festgeschrieben, so das Recht auf Privateigentum und das Suchen nach Glück. Einige spätere Verfassungen sahen sich veranlasst, das Privateigentum, ja den Kapitalismus ganz zu verbieten und stattdessen das marxistische Gedankengut als die Grundlage für das Zusammenleben zu erklären. Unser deutsches Grundgesetz (GG) ist ein Kompromiss. Es besagt, dass Eigentum verpflichtet (Art. 14), und zwar soll es dem Wohle der Allgemeinheit dienen – was immer das heißt. Ferner fordert es die Angleichung der Lebensverhältnisse (Art. 72) in allen Regionen seines Geltungsbereichs. In Deutschland herrscht weitgehende Übereinstimmung, dass das GG eine angemessene und akzeptierte Basis der Gesellschaft darstellt. Keine ernstzunehmende politische Kraft bezweifelt dies  – welch ein Glücksfall der Geschichte.

Fachliche Beiträge von Informatikern für die Gesellschaft

Fasst man den Begriff der Gesellschaft so auf wie oben beschrieben, haben Informatiker kaum Aufgaben der Gesellschaft gegenüber, die über die anderer Berufsgruppen wesentlich hinausgehen. Sofern sie ihre eigentliche Tätigkeit verantwortungsvoll ausführen, liefern sie meist einen positiven Beitrag zu Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Informatiker hat keinen Grund die von ihm gewählte Tätigkeit als solche kritisch zu hinterfragen oder sich von ihr zu distanzieren. Er muss nur solche Projekte machen, die ihm zusagen und die ethisch und moralisch einwandfrei sind. Informatiker sind normalerweise in der komfortlaben Position, dass ihnen die Kunden die Türe einrennen.

Es geht hier darum, wann und wie der Informatiker aktiv werden soll, wenn er Kompetenzen besitzt, die andere Berufe nicht besitzen. Er sollte dabei der Gesellschaft als Ganzer helfen, bei einer ihr drohenden Gefahr vorzubeugen, aus einer Notlage zu entkommen oder möglicherweise entgangenen Nutzen zu realisieren.

Informatiker handeln auch dann professionell, wenn sie mögliche Nutzer auf das Potential ihrer Technik hinweisen, wo dies angebracht oder sinnvoll ist. Das darf aber nicht als lästig oder überheblich empfunden werden. So sollte ein Informatiker die öffentliche Verwaltung auf Schwächen hinweisen, die leicht mittels Informatik-Lösungen behoben werden können. Informatiker dürfen ihre Auftraggeber aus der Wirtschaft auf Mängel in ihrer Wettbewerbsfähigkeit hinweisen, sowohl was den Vergleich zu Mitbewerbern als auch den Vergleich zu Branchenfremden betrifft, sowohl aus dem Inland wie aus dem Ausland. Das Eingreifen des Informatikers kann unter anderem darin bestehen Projekt-Betroffene zu identifizieren, die dies von sich aus nicht merken oder vor Risiken und Auswirkungen zu warnen, die Nicht-Fachleute leicht übersehen.

Beispiel A: Wie ein Arzt, der auch außerhalb seiner Praxis seine Mitmenschen vor Rauchen warnt und Bewegung empfiehlt, so sollte ein Informatiker, wo immer er kann, dazu raten seine Daten zu verschlüsseln, Passwort-Schutz zu verwenden und keine unbekannten E-Mail-Anhänge zu öffnen. Das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnik (SIT) in Darmstadt hat ein besonders einfaches Verfahren mit der Bezeichnung Volksverschlüsselung entwickelt und in den allgemeinen Gebrauch überführt.

Beispiel B: Wenn Senioren nicht recht wissen, wie sie ihre Zeit sinnvoll verwenden, oder wie sie mit ihren Einschränkungen umgehen sollen, können ihnen Informatiker wertvolle Hinweise geben. Das Netzwerk der Senioren-Internet-Initiative (SII) leistet genau dies für Baden-Württemberg. Der Kollege Rul Gunzenhäuser und der Autor stellten dieser wie auch anderen ähnlichen Initiativen Kursmaterial zur Verfügung, in dem 18 für Senioren besonders attraktive Computer-Anwendungen vorgestellt werden.

Beispiel C. Wie der Nobelpreis die Naturwissenschaften, die Medizin und die Wirtschaftswissenschaft stimuliert, so stimuliert der Turing-Preis die Informatik. Dieser von der Association for Computer Machinery (ACM) seit 1966 jährlich einmal verliehene Preis hatte bisher erst einen deutschsprachigen Empfänger, nämlich Niklaus Wirth von der ETH Zürich. Auch in Deutschland engagieren sich die verschiedensten Sponsoren auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlicher Weise in die Förderung von Wissenschaft und Kultur. In diesem Sinne verleiht die Ernst-Denert-Stiftung Preise für ausgezeichnete Leistungen auf dem Gebiet des Software-Ingenieurwesens. Außerdem fördert sie einen Stiftungslehrstuhl an der TU München. Denert war Eigentümer eines Software-Unternehmens in München.

Beispiel D: Wenn es darum geht, auf die Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung hinzuweisen, die der Wirtschaft als Ganzer offen stehen, sollten sich Informatiker hierfür nicht zu schade sein. So leitet der Kollege Manfred Broy (München) nach seiner Emeritierung eine entsprechende bayrische Initiative (Zentrum Digitalisierung Bayern). Eine Vielzahl bayrischer Unternehmen machte von dem Angebot Gebrauch, ihre Pläne bezüglich Digitalisierung evaluieren und verbessern zu lassen.

Beispiel E: Computer haben das Potential, die Lebensqualität der Menschen, besonders das von Behinderten zu verbessern. Es sollten Anstrengungen unternommen werden, Informatiker darauf hinzuweisen, Fortschritte in der humanen Nutzung von Computern anzustreben. Diesem Zweck dient der Wolfgang-Heilmann-Preis der Integrata-Stiftung aus Tübingen. Wie Denert so war Heilmann Besitzer eines Software-Hauses.

Beispiel F: Die Informatik hat das Potential, das Lehren und Lernen auf allen Bildungsstufen erheblich zu verbessern. Sie kann zu besseren Lehrmaterialien führen, etwa durch das Einbinden von dynamisch ablaufenden Simulationen. Vor allem aber kann sie den Zwang zur physikalischen Präsenz und Gleichzeitigkeit von Schüler und Lehrveranstaltung überwinden. Eine Methode sind verteilte Online-Kurse (engl. Massive open online courses, Abk. MOOC). Hier leitet das Hasso-Plattner-Institut (HPI) der Universität Potsdam wertvolle Pionierarbeit. Der Kollege Christoph Meinel und sein Team haben nicht nur diese Darbietungsform in Deutschland populär gemacht, sie haben mehrere aktuelle Themengebiete aufbereitet und über 150.000 Hörer gewonnen.

Nicht-fachbezogene Beiträge von Informatikern

Sehr oft werden Fachleute durch ihre Arbeit auch für Themen sensibilisiert, die weit über ihr Fachgebiet hinausgehen. Der Fachmann übt dabei seine Bürgerpflicht aus, allerdings mit besonderer Effizienz. Die wirtschaftlichen Erfolge der Informatik haben auch in Deutschland ehemalige Kollegen in die Lage versetzt, eine allgemeine Mäzen-Funktion wahrzunehmen. Oft sind es Stiftungen, die auch nicht-fachliche Beiträge leisten, die der Gesellschaft allgemein zugutekommen. Es ist zu erwarten, dass in Zukunft vermehrt von Informatikern angestoßene Initiativen in Erscheinung treten.

Beispiel G. In der Diskussion um die Volkszählung 1983 haben Informatiker erheblich dazu beigetragen, dass das Recht der informationellen Selbstbestimmung in Deutschland konkretisiert wurde. So wurde durch das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass der Bürger wissen muss, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über ihn gespeichert hat. Die gefundene Lösung gilt als richtungsweisend und wurde in anderen Ländern teilweise übernommen.

Beispiel H: Ihre Erfolge erzielte die Informatik zwar als Ingenieurwissenschaft. Da diese auf den Naturwissenschaften basieren, ist es angebracht für alle MINT-Fächer zu werben. Dieses Anliegen verfolgt die Klaus-Tschira-Stiftung in Heidelberg. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Des Weiteren fördert sie die verständliche Aufbereitung und Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse. Wie Plattner so war auch Tschira ein Gründer der Firma SAP in Walldorf. Der dritte der bekannten Gründer, Dietmar Hopp, betreibt Regionalentwicklung und Sportförderung. Außerdem investiert er in Biotech-Startups.

Nicht gerechtfertigtes Engagement und falsche Erwartungen

Von einem Informatiker erwartet die Gesellschaft ein abgewogenes Urteil über die Leistungsfähigkeit der Informatik als Technik. Einseitig positive Übertreibungen sind fehl am Platz, genauso wie extrem negative Darstellungen. Wer das Publikum zu Unrecht verängstigt, missbraucht seine Verantwortung. Ein Fachmann darf, ja muss darauf hinweisen, wenn der Wert einer Technik oder einer technischen Lösung in Fachkreisen umstritten ist.

Anders ist es mit der bewussten Vertretung eines Standpunkts, der Vorteile für den Betreffenden nach sich zieht. Jeder Fachmann − aus gleich welchem Feld − tut gut daran zu erkennen zu geben, ob er seine Meinung aus Sicht eines neutralen Fachmanns abgibt, oder ob er Partei für eine für ihn vorteilhafte Sache ergreift. Bestehen hier Unklarheit oder gar Zweifel, wird stets Parteilichkeit unterstellt. Informatiker sind hier keine Ausnahme. Man kann es als Dilemma ansehen, dass Wissen am ehesten dort zu finden ist, wo auch wirtschaftliches Interesse besteht.

Ein Informatiker sollte sich bewusst sein, dass Information aus Sicht ihres Besitzers meist einen für sein Geschäft entscheidenden Wert hat. Als Ausdruck des Eigentumsrechts unserer Verfassung muss niemand Information oder Wissen gegen seinen Willen offenlegen. Nur ein explizites Urteil kann dies erzwingen.

Beispiel I: Der Chaos Computer Club (CCC) in Hamburg ist offensichtlich daher so erfolgreich, weil er keine Gelegenheit auslässt, um auf Pannen und Gerüchte mit Presseverlautbarungen zu reagieren. Es entsteht folglich der Eindruck, dass Computer vorwiegend Gefahren und Bedrohungen darstellen. Die Gesellschaft für Informatik (GI), die Fachvertretung aller Informatiker, fühlt sich anscheinend herausgefordert, ins selbe Horn zu blasen. Schließlich ist auf diese Weise ein Maximum an Aufmerksamkeit zu erreichen. Die GI muss sich allerdings fragen lassen, ob und wie weit sie damit die Informatik fachlich und technisch weiterbringt.

Beispiel J: Viele Informatiker scheinen Sympathisanten von WikiLeaks und Julian Anssage zu sein. Der Öffentlichkeitseffekt, den die durch Raub oder Täuschung erworbenen Informationen erzielen, scheint die Illegalität des Erwerbs zu rechtfertigen. Es erscheint mir recht anmaßend zu sein, wenn zwielichtige Gestalten sich das Recht nehmen der Welt zu erklären, was öffentliches Interesse ist. Die Argumente für offenen Quellcode und schwachen Patentschutz deuten nicht selten auf mangelndes Unrechtsbewusstsein hin.

Nachbemerkung

Die Frage des professionellen Verhaltens von Informatikern hat viele Aspekte. Hier wurde nur ein ganz bestimmter Ausschnitt betrachtet. Auf eine etwas anders ausgerichtete Behandlung [1] des Themas sei hingewiesen.

Referenz

1. Endres, A.: Professionalität und Verantwortung in der Informatik. Informatik Spektrum 26,4 (2003), 261-266

Mittwoch, 6. März 2019

Vereinigung von Relativitäts- und Quantentheorie aus der Sicht der Schleifenquantengravitation

Seit Max Planck im Jahre 1900 feststellte, dass Licht als Körnchen (Quanten) zu verstehen ist und seit Albert Einstein 1915 die Allgemeine Relativitätstheorie in die Welt setzte, haben Physiker darum gerungen, beide Auffassungen in Übereinstimmung zu bringen. Man suchte die umfassende Vereinigung dieser Theorien (engl. great unifying theory, Abk. GUT). Ohne auf die diversen Alternativen einzugehen, wird im Folgenden ein Kandidat näher beschrieben, der nach meinem Dafürhalten zur Zeit gute Aussichten hat, akzeptiert zu werden. Noch ist es ein Vorschlag neben andern. Der Vorschlag hat einige bestechende Eigenschaften.

Urheber und Namensgebung

Meist werden drei Physiker als die Urheber dieser Theorie genannt: der Inder Abhay Ashtekar (*1949), der US-Amerikaner Lee Smolin (*1955) und der Italiener Carlo Rovelli (*1956). Im Folgenden dient Rovellis Buch Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint (2016, 320 Seiten) als primäre Quelle und Bezugspunkt. Auch der zugehörige Wikipedia-Eintrag ist sehr ausführlich und hilft daher dem Verständnis. Meinem Freund Hans Diel bin ich für einige klärende Diskussionen zum Thema Quantenphysik sehr dankbar. Der vorliegende Blog-Beitrag wurde durch ein dieser Tage stattgefundenes Gespräch veranlasst.

Der Name Schleifen-Gravitation (engl. loop gravitation) stammt von Ashtekar und Smolin. Sie hatten 1986 nachgewiesen, dass die Wheeler-DeWitt-Gleichung, mit der die Gravitation in Wellenform beschrieben wird, zu Lösungen führt, wenn man für die Feldlinien eines Kraftfelds Schleifen zulässt.

Grundlegende Annahmen

Das, was man als Raum bezeichnet, ist nicht ein Hintergrund für das physikalische Geschehen, sondern Teil desselben. Er ist selbst ein dynamisches Objekt, das den Gesetzen der Quantenmechanik gehorcht. Vor allem ist er nicht unendlich teilbar. Die Untergrenze für die Teilbarkeit des Raumes ergibt sich aus der Planckschen Länge. Diese beträgt bekanntlich 10-33 cm.

Elementarteilchen lassen sich als Knoten in einem mehrdimensionalen Netz auffassen. Ein Kubikzentimeter enthält maximal 1099 Knoten. Anstatt an ein Netz zu denken, ist die Vorstellung eines Schaumes hilfreicher. Da Knoten Eigenschaften haben, die man mit dem Spin des Teilchens vergleichen kann, spricht man vereinfachend von Spin-Schäumen. Wenn Teilchen neu entstehen oder vorhandene verschwinden, wenn ihre Eigenschaften oder ihre Beziehungen untereinander sich ändern, verändert sich der Schaum. Der Schaum kann wachsen oder in sich zusammenfallen. Diese Veränderungen stellen den Zeitfluss dar. Auch hier gibt es eine Untergrenze. Sie heißt Plancksche Zeiteinheit und entspricht 10-43 Sekunden. Keine Ereignisse können kürzer sein. Dadurch sind Raum und Zeit ‚gequantelt‘. Sie stellen kein Kontinuum mehr dar. Das unendlich Kleine gäbe es weder auf den Raum bezogen, noch auf die Zeit. Dasselbe gilt übrigens am anderen Ende für das unendlich Große in Raum und Zeit – ist aber außerhalb dieses Themas.

Den Raum sollte man sich vorstellen als ein Gewebe vibrierender Quantenkörnchen. Quantenfelder bilden Raum und Zeit, Materie und Licht. Die Realität sei ein Netzwerk von körnigen Ereignissen. Wenn sie sich beeinflussen, d.h. wenn Prozesse wechselwirken, dann tauschen sie Information aus. Zwischen Ereignissen seien Raum und Zeit in einer Wolke aus Wahrscheinlichkeiten aufgelöst.

 

Raum mit Quantenkörnchen

Der Raum sei ein Gravitationsfeld und sonst nichts. Der Raum sei real, er wogt, biegt und krümmt sich, so wie ein Magnetfeld. Mathematisch beschreiben lässt er sich als Riemann-Raum. Der Gauß-Schüler Bernhard Riemann (1826-1866) behandelte gekrümmte Oberflächen und Räume mittels eines Krümmungstensors. Der ist verschieden von Null, sofern die Krümmung größer oder kleiner als Null ist. Bei einer positiven Krümmung handelt es ich um einen Buckel, bei negativer Krümmung um eine Delle. In der physikalischen Realität ist die Krümmung da am größten, wo Masse oder Materie ist. Der Raum würde gebildet durch die Wechselwirkung von Gravitationsquanten. Er entspricht einem Spin-Netzwerk, in dem Knoten Beziehungen zur Umgebung darstellen. Das Spin-Netz ist eine Aussage über den Quantenzustand des Gravitationsfelds. Die Links sagen, welche Punkte Nachbarn sind. Auch die Zeit entsteht wie der Raum im Gravitationsfeld. Prozesse, die Netzwerke verändern, laufen in Raumzeit ab. Sie werden als Spin-Schäume dargestellt. Die Zeit kann nicht beliebig in kleinere Einheiten zerlegt werden, Bei einem Pendel können zwischen der Ausschlaglänge von 5 und der von 6 cm nur endlich viele Pendelausschläge liegen. Die uns hier fehlende Information ist endlich.


Detailausschnitt eines Seifenschaums

Physikalisch gesehen bestehe die Welt nur aus Feldern und Teilchen (auch Partikel genannt). Im Grunde seien Felder und Teilchen dasselbe. Sie seien Quantenfelder. Felder bestehen aus Quanten. Teilchen sind die Quanten eines Feldes. Teilchen sind nur da, wo sie mit anderen Teilchen interagieren. Sie haben keinen absoluten, sondern nur einen relativen Ort. Was uns als ein Objekt erscheint, sei in Wirklichkeit ein monotoner Prozess, der eine Weile andauert. Eine Welle dagegen sei kein Objekt. Zusammengefasst: Die Welt im subatomaren Bereich bestehe nicht aus Steinchen, sondern aus einem ständigen Wimmeln und Vibrieren.

Ganz anders erscheint uns dagegen die makroskopische Ebene. Hier können Längen miteinander verglichen werden, ebenso Zeiten. Es macht dort Sinn, über die Dauer von Ereignissen zu sprechen. Längen oder Zeiten müssen geometrischen Anordnungen oder Ereignisketten zugeordnet werden können, die nahe genug zueinander sind, dass wir sie vergleichen können. Messen ist hier stets nur ein Vergleichen.

Erklärte Phänomene in der Realität

Eine Theorie ist nur dann besser als eine andere, wenn sie bereits beobachtete Phänomene erklären kann, die andere Theorien nicht erklären können. Hier einige Kandidaten, die genannt werden:
  • Langwellige Gravitationswellen auf einer flachen Hintergrund-Raumzeit
  • Die Formel von Jacob Bekenstein, wonach die Entropie eines schwarzen Lochs proportional zu dessen Oberfläche ist
  • Die Hawking-Strahlung, die von schwarzen Löchern emittiert wird
  • Eine positive kosmologische Konstante, für deren Existenz astronomische Beobachtungen zwingende Indizien geliefert haben.

Keiner dieser Fälle erscheint mir wirklich so konkret zu sein, dass seine Erklärung als schlüssiger Beweis gelten könnte. Im Grunde handelt es sich dabei weniger um beobachtete Phänomene als um Vermutungen oder Theorien. Vielleicht finden sich noch bessere Beispiele.

Vorhersagen der Theorie

Neue Theorien führen manchmal dazu, dass Vorhersagen von Ereignissen gemacht werden können, die bisher nicht wahrgenommen wurden. Es könnte sich herausstellen, dass die Lichtgeschwindigkeit von der Wellenlänge des Lichtes abhängt. Die Abweichungen von dem üblichen Wert fallen besonders dann ins Gewicht, wenn die Wellenlänge vergleichbar mit den Knotenabständen und damit der Plancklänge wird. In diesem Falle würden Photonen gewissermaßen die Quantenstruktur der Raumzeit zu spüren bekommen. Auch hier bestehen noch Verbesserungsmöglichkeiten.

Historische Wurzeln

Rovelli ist bemüht zu zeigen, dass diese Theorie uralte Wurzeln hat. Er sieht ihren Ursprung im griechischen Altertum. Es sei Demokrit von Abdera (459-371 vor Chr.), ein Schüler des Leukipp aus Milet, gewesen, der ein sehr ähnliches Weltbild vertrat. Sein Hauptsatz lautete: Tiere und Träume bestehen aus Atomen, so auch Licht, Meer, Städte und Sterne. Außerdem lehrte er, dass Materie nicht unendlich teilbar sei. Schon im Altertum wurde er von Platon und Aristoteles bekämpft. Sie postulierten, dass das Geistige über dem Materiellen stünde, und dass die Idee Vorrang vor der Realität habe. Die Welt habe weder Ziele noch Ursachen, meinte Demokrit.

Alle Schriften des Demokrit gingen verloren, von Aristoteles dagegen keine einzige. Nur was der römische Autor Lukrez (94-53 vor Chr.) über ihn überlieferte, wurde wiederentdeckt. Im Mittelalter galt sein Denken als noch heidnischer als das des Aristoteles. Noch das Konzil von Trient im Jahre 1551 verbot das Studium und die Verbreitung dieser Ideen. Demokrits Weltbild wird als atomistischer Materialismus bezeichnet.

Moderne Wissenschaftssoziologie

Im Schluss sei vermerkt, dass die hier beschriebene Theorie ein weiteres Beispiel darstellt, wie Wissenschaft arbeitet. Schon vor Jahren beklagte sich Lee Smolin, dass überall auf der Welt Physiklehrstühle nur von Anhängern der String-Theorie besetzt seien, und dass Leute, die eine alternative Theorie verträten, kaum eine Chance hätten, sich erfolgreich zu bewerben. Es scheint mir dies eine Erklärung dafür zu sein, dass Rovelli, obwohl in Verona geboren, in Marseille lehrt und seine Schüler überall in Europa tätig sind, nur nicht in Italien.

Was Rovelli über Information in der Physik sagt, kann nicht sehr befriedigen. Er gesteht dies auch ein. Wie alle Physiker ist er nicht über Claude Shannons Gedanken aus den 1950er Jahren hinausgekommen. Das führt ihn zu Aussagen folgender Art: Der Tee in einer Tasse wird kälter, weil Information verloren geht. Über jedes System lässt sich stets neue Information gewinnen. Information (gemeint ist wohl Entropie) kann nur abnehmen und nie zunehmen. Wer eine andere Auffassung kennenlernen will, sei auf einen Beitrag von 2011 in diesem Blog verwiesen.

Dienstag, 26. Februar 2019

Merkwürdiges über die Schlacht bei Waterloo − einer Sternstunde Europas?

Mehrere Autoren, deren Bücher oder Essays ich dieser Tage las, erinnerten mich an eine der berühmtesten Schlachten der Geschichte, die vom Juni 1815 bei Waterloo. In ihr wurde Napoléons Schicksal endgültig besiegelt. Sein Stern war über Frankreich und Europa etwa 10 Jahre nach der Französischen Revolution aufgegangen. Im kollektiven Gedächtnis Europas bildet Waterloo einen dramatischen Höhepunkt. Für Frankreich und Napoléon war es ein letztes Aufflackern vor dem Untergang. Für seine Gegner war es die Stunde der endgültigen Abrechnung.

Napoléon, der verglimmende Stern

Der unter der Leitung von Clemens von Metternich (1773-1859) tagende Wiener Kongress war gerade dabei, die alte Ordnung Europas wiederherzustellen, als die Nachricht eintraf, dass Napoléon seinen Verbannungsort, die Insel Elba, verlassen habe. Er war in Antibes an Land gegangen und sammelte auf dem Marsch nach Paris immer mehr frühere Anhänger ein. Innerhalb von nur 100 Tagen hatte er auch wieder ein schlagkräftige Armee aufgestellt, mit der er den angreifenden britischen, österreichischen, preußischen und russischen Truppen entgegen zog.

In seinem Buch Sternstunden der Menschheit beschreibt Stefan Zweig (1881-1942) die Schlacht von Waterloo als eine dieser Sternstunden. Ihm hatte es der General Emmanuel de Grouchy (1766-1847) angetan. Der verfolgte im Auftrag Napoléons mit 40.000 Mann die Preußen nach der vorangegangenen Schlacht bei Ligny, fand sie jedoch nicht. Diese hatten nämlich nicht ihren Zug nach Nordosten fortgesetzt, wie erwartet, sondern waren nach Westen abgebogen, um Wellington zu Hilfe zu kommen. Hätte er sich besser über die tatsächlichen Verhältnisse informiert und flexibler reagiert, wäre die Schlacht (und damit die Weltgeschichte) anders verlaufen – meinte Stefan Zweig.

Schlachtfeld am 18.6.1815

Um auch eine andere Sicht kennenzulernen, las ich eines der vielen Bücher über das Ereignis. Meine Wahl fiel auf Marian Füssels Waterloo 1815 (2015, 128 S.). Darin galt Napoléons Kritik vor allem dem General Michel Ney (1769-1815), seinem alten Kampfgefährten. Er wirft ihm vor Frankreich verraten zu haben, weil er Wellington nicht energisch genug angegriffen habe. Das habe Napoléon dazu gezwungen, seine Gardetruppen in die Schlacht zu werfen. Die Schlacht ging in dem Moment verloren, als die Garde nicht durchbrechen konnte und dabei die gesamte französische Front in Unordnung geriet. Wie ein Lauffeuer ging es plötzlich durch die Reihen: Die Garde weicht, rette sich wer kann. Sch…! (frz. La garde recule, sauve qui peut. Merde!).

Wellington, der Meister der Defensive

Arthur Wellesley, der Erste Herzog von Wellington (1769-1852) war Napoléons großer militärischer Gegenspieler in Westeuropa. Nach erfolgreichen Einsätzen in Indien organisierte er den militärischen Widerstand gegen Napoléon in Spanien und Portugal. Nach der Schlacht von Vittoria im Juni 1813 vertrieb er die Franzosen von der iberischen Halbinsel, was Ludwig van Beethoven dazu veranlasste, ein Orchesterwerk auf Wellingtons Sieg zu komponieren. Nach Castlereaghs Abberufung trat Wellington dessen Nachfolge als britischer Bevollmächtigter beim Wiener Kongress an. Nach Napolèons Rückkehr von Elba organisierte er den militärischen Widerstand.

Da Russen und Österreicher ihren Einsatz noch vorbereiteten, standen ihm zunächst nur 68.000 Mann zum Einsatz zur Verfügung. Davon waren rund 24.000 (35%) Briten, 18.000 (26%) Belgier und Niederländer, sowie 26.000 (39%) Deutsche. Diese setzten sich zusammen aus Hannoveranern, Braunschweigern, Nassauern  sowie der Königlichen Deutschen Legion (engl. King‘s German Legion, Abk. KGL). In der KGL kämpften Freiwillige, die vor oder während der Besetzung ihres Landes vor den Franzosen geflohen waren. Im Vergleich dazu hatte Napoleon 72.000 und Blücher 48.000 Mann. Die britischen Offiziere waren alle adlig, das Fußvolk galt als Abschaum der Gesellschaft.

Wellington 1816

Über 200 britische Offiziere waren am 15. Juni, dem Vortag des ersten Zusammenstoßes mit Napoléon auf einem Ball in Brüssel gewesen. Als Wellington von dem Heranrücken Napoleons erfuhr, soll er geschimpft haben. Napoléon habe ihn angeschmiert (engl. he humbugged me). Man zog sich daher von Quatre-Bras, wo der erste Zusammenstoß stattgefunden hatte, geordnet nach Norden zurück. Als die Franzosen nachsetzten, schanzte man sich entlang der Straße ein. Der Druck der Franzosen war jedoch relativ schwach (siehe unten), so dass das Geplänkel sich bis in den späten Abend hinzog.

An dieser Stelle soll Wellington gesagt haben: ,Ich wollte, es wäre Nacht, oder die Preußen kämen‘. Dies wird aber von Wellington nicht bestätigt, so dass es auch keine englische Version dieses Zitats gibt. Jedenfalls wurde Wellington seit 10 Uhr über eine eigens eingerichtete Kurierkette laufend über die preußischen Bewegungen und Planungen informiert.

Blücher, der Marschall Vorwärts

Gerhard Leberecht von Blücher (1742-1819) hatte an der Völkerschlacht von Leipzig teilgenommen und verfolgte anschließend die sich zurückziehenden Franzosen. In der Neujahrsnacht 1814 setzte seine Vorhut bei Kaub über den Rhein. Er zog im Januar 1814 in Trier ein und zwei Monate später in Paris. Als Napoléon aus dem Exil auf Elba wieder auftauchte, wurden Blücher die preußischen Truppen in Belgien unterstellt. Es kam zu der Schlacht bei Ligny am 16. Juni 1815, in der die Preußen geschlagen wurden. Sie zogen sich daraufhin nach Norden zurück, bogen aber nach zwei Tagen nach Westen ab, um Wellington zu Hilfe zu kommen. Die Artillerie der Preußen wurde aktiv und beschoss französische Positionen. Die beiden Heerführer trafen sich zu Pferde, spät am Abend.

Blücher glaubte, die Kämpfe hätten sich nahe der Ortschaft Belle Alliance abgespielt und schrieb so auch nach Berlin. Wellingtons Telegramm nach London war in Waterloo aufgegeben. Dieser Name setzte sich dann auch für die ganze dreitägige Schlacht durch.

Nachmittag der Hannoveraner

Der irische Historiker Brendan Simm liefert mit dem Buch Der längste Nachmittag (2014, 191 S.) die Erklärung für das oben angedeutete Verhalten der Franzosen. Am dritten Kampftag, dem 18. Juni, konzentrierte sich der Kampf der Infanterie zunächst um den Besitz der beiden Gehöfte Hougoumont und La Haye Sainte, die beide zwischen den Fronten lagen. Im Falle des Hofes von La Haye Sainte (deutsch: Heiliger Hain) dauerte es fast bis 18 Uhr, bis dass der Hof von den Verteidigern geräumt wurde.

Landgut La Haye Sainte

Bei den anfänglich über 400 Verteidigern handelte sich um ein Bataillon der KGL, geführt von Major Georg Baring (1773-1848). Sie wurden mehrfach von der französischen Kavallerie überrannt, hielten aber aus, bis dass ihnen die Munition ausging. Baring überlebte mit etwa 40 Männern. Sie töteten über 1000 Franzosen. Baring fand sogar ein Pferd, nachdem zwei Mal sein Pferd unter ihm weggeschossen worden war. Nach Simms Meinung war dieser Teil der Schlacht für das Ergebnis entscheidend gewesen. Er verzögerte das Zusammentreffen der Hauptkräfte erheblich. Am Ende des Tages war Wellingtons Heer fast bis auf die Hälfte zusammengeschmolzen. Doch im Vertrauen auf die von Blücher zugesagte preußische Hilfe hielt er stand. Auch die Franzosen hatten große Verluste erlitten, warteten aber vergeblich auf die Hilfe von General Grouchy. Die Zahlen lauten: Wellington 15.000 Tote und Verwundete, Blücher 7.000 und Napoléon 25.000.

Zwei Randbemerkungen: Der letzte Trompeter der KGL, ein Heinrich Engelbert Steinweg, wanderte später in die USA aus und gründete dort die Klavierbauerfirma Steinway. Die französischen Kürassiere trugen Brustpanzer. Bei Wellingtons Leuten waren sie als Bratpfannen begehrt − so hieß es − sofern sie nicht von Kugeln durchlöchert waren. Preußische Gardekürassiere trugen um 1900 ebenfalls erbeutete französische Brustpanzer – allerdings aus dem Krieg von 1871.

Fortgang der Geschichte

Nach der Schlacht von Waterloo begab sich Napoléon in englische Gefangenschaft. Diese brachten Napi – wie sie ihn nannten − auf die Insel St. Helena im Südatlantik, wo er 1821 starb. In Österreich regierte Metternich bis 1848, in Frankreich die Bourbonen, die in zwei Revolutionen 1830 und 1848 vertrieben wurden. Danach kam Napoléons Enkel an die Macht. In Preußen trat ab 1848 Bismarck hervor, der Deutschland 1871 in einen Krieg gegen Frankreich führte. Die Briten verloren damals ihr Interesse am kontinentalen Europa und bauten ihre Weltmacht aus. Das täten sie auch heute wieder gerne.

Sonntag, 10. Februar 2019

Entstehung und Verbreitung der Menschenrechte (Essay von Peter Hiemann)

Wenn Peter Hiemann einen Essay, den er vor einem Vierteljahr veröffentlichte, total überarbeitet, dann ist das ein Zeichen dafür, dass ihm das Thema keine Ruhe ließ. 

Es geht in dem Essay um die Frage, warum und wie entwickelte sich das Rechtsempfinden der heutigen Gesellschaft derart, dass es oft in Widerspruch zum codierten Recht gerät. Anstatt nach abstrakten philosophischen Kriterien sucht Hiemann nach den Prinzipien des Denkens, wie sie sich in den unterschiedlichen menschlichen Gemeinschaften herausgebildet haben. In den verschiedenen historischen Epochen, die der Homo sapiens durchlebte, haben sich diese Prinzipien verändert. Von den Prinzipien gelangt er zu den Menschenrechten und ihrer Festlegung in Gesetzen und zu den Gefühlen, die Menschen den bestehenden Menschenrechten entgegenbringen. Neben der Verwendung der Prinzipien der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, fordert er, dass zusätzlich die Prinzipien Autonomie, Respekt und Kooperation bei der Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der demokratischen Orientierung von Gesellschaften angewandt werden. 

Freiheit wurde zu oft missbraucht, Gleichheit und Brüderlichkeit zwischen Menschen waren nur eine Illusion. Autonomie bedeutet, dass Menschen, Unternehmen und Staaten mehr oder weniger selbstorganisiert und verantwortlich handeln. Bei seinen Studien fand Hiemann heraus, dass Winston Churchill ein politischer Führer war, der wirklich wusste, wie man mit Beziehungen umgeht und wie man vernünftig innerhalb und außerhalb seines Landes handelt. Würde Churchill heute leben, würde er sich wohltuend von einigen heutigen Entscheidungsträgern absetzen.

Sie gelangen zu dem 32-seitigen Essay, indem sie hier klicken..

Donnerstag, 7. Februar 2019

Welt von gestern – Stefan Zweigs schmerzvoller Lebensrückblick

Stefan Zweig (1881-1942) war einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren. Seine Autobiografie mit dem Titel Die Welt von gestern erschien posthum 1942 in London und Stockholm. Sie hat den Untertitel: Erinnerungen eines Europäers. Im selben Jahr erschien auch seine, den meisten deutschen Gymnasiasten vertraute Schachnovelle. Zweig und seine zweite Frau nahmen sich gleichzeitig das Leben, und zwar im Februar 1942 in Petropolis, der Residenzstadt des einstigen Kaisers von Brasilien, unweit von Rio de Janeiro. Ich las das Buch gerade jetzt, weil Yuval Noah Harari mich daran erinnerte, dass die Idee des Liberalismus vor dem ersten Weltkrieg eine Hochblüte erreichte, an die man bisher nicht wieder herangelangt sei. Das Buch ist für jeden historisch Interessierten sehr zu empfehlen.

Wien der Kaiserzeit

Über Wien als die Hauptstadt der Moderne hatte ich schon einmal im Dezember 2012 berichtet. Mein Augenmerk lag damals auf Kunst und Wissenschaft. Zweig erlebte und liebte das Wien der endenden Kaiserzeit. ‚Leben und leben lassen‘ sei ein humaneres Motiv als der kategorische Imperativ Preußens – meint Zweig. Nicht die deutsche Tüchtigkeit habe gezählt, noch habe Hast den Alltag bestimmt. Zweigs jüdische Familie war durch Industrielle und Kaufleute geprägt. Als nachgeborenes Kind durfte er sich geistigen und intellektuellen Tätigkeiten zuwenden. Einen eventuellen Doktortitel würde die Familie sehr begrüßen, quasi als Ausdruck für den erfolgreichen gesellschaftlichen Aufstieg.

Schon seine Schulzeit empfand Zweig als Zeitvergeudung. Ihm widerstrebte – wie er sagt − das öde Lernen von scholastischer Materie. Die Schule der Kaiserzeit hätte offensichtlich die Aufgabe klarzumachen, dass die derzeitige Ordnung ewig ist und man sich ihr fügen sollte. Gesellschaftliche Themen seien tabu gewesen. Sich mit Sexualität zu befassen lag unterhalb der Würde der Wissenschaft (d.h. bevor Sigmund Freud auftrat). Mit 40 Jahren sei man noch nicht erwachsen gewesen. Die Rolle der Frau sei sehr eingeengt gewesen, wobei die Prostitution für Männer ein Art Ventil darstellte.

Morgendämmerung einer neuen Zeit

Sozialisten galten als die roten Rotten aus der Vorstadt, die sich am 1. Mai trauten im Prater aufzumarschieren. Auch erste Nazis operierten in den Randgebieten des Landes und forderten eine Trennung der Kirche von Rom. Für wahre Sensationen sorgte nur die Welt der Kunst. So wurde Gustav Mahler (1860-1911) mit 39 Jahren Chef der Wiener Hofoper. Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke zeigten, dass auch die Jugend Erfolg als Dichter haben kann, so wie einst der junge Buonaparte in Frankreich das Militär aufrüttelte.

Als Zweig mit 19 Jahren an die Uni Wien kam, bestimmten dort noch die das Deutschtum anhimmelnden Studenten mit ihren Burschenschaften das Bild. Zweig und seine Gesinnungsfreunde hatten nur Verachtung für sie übrig. Er selbst studierte Philosophie, was er mit einer Promotion abzuschließen plante. Lieber als in Vorlesungen zu gehen, las er viel und schrieb selbst erste Kurzgeschichten und Gedichte. Wie ein Kind freute er sich über die Druckerschwärze, nach der seine Gedichte rochen, über einen lobenden Brief Rilkes, sowie über die Vertonung einzelner seiner Gedichte durch Max Reger. Eine Art von wirtschaftlichem Durchbruch erzielte er, als Theodor Herzl (1860-1904), der Leiter des Feuilletons der ‚Neuen Freien Presse’ ihn einlud, regelmäßige Beiträge zu liefern. Herzl hatte als Journalist in Paris die Dreyfus-Affäre erlebt und forderte seitdem einen eigenen Judenstaat [Bekanntlich fand die von Herzl gegründete Zionistische Bewegung weltweites Interesse und führte schließlich zur Gründung des Staates Israel].

Aufenthalte in europäischen Metropolen

Nach Erreichen seines 20. Lebensjahres überraschte Zweig seine Familie und seine Wiener Freunde nicht wenig, als er ihnen eröffnete, dass er für ein Semester nach Berlin gehen würde. Berlin hatte sich gerade den Ruf erworben, jungen Künstlern offener zu begegnen als Wien. Er schloss sich dort einer Gruppe um den naturalistischen Dichter Peter Hille (1854-1904) an. Außerdem traf er auf Rudolf Steiner (1861-1925), dessen anthroposophische Philosophie gerade erste Blüten trieb. Besonders hoch schätzte er seine Kontakte zu Walther Rathenau (1867-1922) ein. Der bekannte jüdische Industrielle und Politiker hatte Aphorismen veröffentlicht unter einem Pseudonym. Er dachte international, vergöttere jedoch das Preußentum – so Zweigs Urteil. [Rathenau war Außenminister während der Weimarer Republik, verhandelte den Vertrag von Rapallo und wurde von Rechtsradikalen ermordet].

Bei einem Besuch in Brüssel traf er Emile Verhaeren (1855-1916), dessen Gedichte er anschließend ins Deutsche übertrug. Nach seiner in Wien abgeschlossenen  Promotion über den französischen Dichter Hippolyte Taine (1828-1893) gönnte er sich das ganze Jahr 1904 für einen Aufenthalt in Paris. Auch hier gewann er neue Freunde, so Leon Bazalgette (1873-1928), der die Werke von Walt Whitman ins Französische übersetzt hatte. Sehr intensiv waren die Kontakt mit Paul Valery und Romain Rolland (1866-1944), mit dem er später einen jahrelangen Briefwechsel führte. Er sah Rilke wieder und wurde von dem Bildhauer Auguste Rodin (1840-1917) zum Essen eingeladen. Rückblickend aus dem Jahre 1942 stellte dieses Paris für Zweig das alte Europa dar. Es waren die klassenlosen Kontakte, das Essen und Trinken und die von Pferden gezogenen Omnibusse. London, wo er sich nur zwei Monate aufhielt, hatte ihm dagegen relativ wenig zu bieten, da er – wie Zweig meinte – weder an Sport noch an Politik interessiert war.

Künstlerische Reifezeit

In einer Wohnung in Wien, die er als sein Standbein (frz.: pied-à-terre) bezeichnete, begann er damit Urschriften von Gedichten und Musikstücken zu sammeln. Es begann seine lebenslange Zusammenarbeit mit dem Insel-Verlag in Leipzig. Berühmte Schauspieler der Zeit, so Josef Kainz vom Burgtheater, baten ihn kleine Stücke für sie zu schreiben. Seine Werke erreichten ansehnliche Verkaufszahlen auf dem deutschen und internationalen Buchmarkt. Er unternahm Reisen ins englische und ins holländische Indien. Als er die USA besuchte, fand er seine eigenen Bücher in einem Laden in Philadelphia [Das Gefühl muss dem ähnlich gewesen sein, das ich empfand, als ich mehrere meiner Bücher in der amerikanischen Kongressbibliothek (engl.:Library of Congress) fand].

Zeit von Optimismus und Weltvertrauen

In der Zeit um 1910 war die Welt schöner und freier geworden. Flugzeuge und Zeppeline eroberten die Lüfte. Überall entstanden Sportpaläste und Schwimmbäder. Das Eisenbahnnetz wurde immer dichter. Auslandsreisen wurden einfacher und billiger. Aus Berlin, der Hauptstaat des preußischen Staates, entstand nach und nach eine Weltstadt. Ein internationales Publikum füllte die Straßen und Theater. Junge Männer rasierten sich die Bärte ab, Frauen wollten keine Korsetts mehr tragen.

Neue Firmen entstanden und neue Industrien. Alle wollten wachsen, so auch die Krupps und die Schneider-Creusot [beides bekannte Rüstungsfirmen]. Die Literaten glaubten an die Sozialistische Internationale. Sie würde einen Krieg verhindern. Zweig und seine Künstlerfreunde hofften auf eine alsbaldige Einigung Europas.

Erste Weltkatastrophe

Zuerst hoffte man, dass nach dem Attentat vom Sarajevo die Welt schnell wieder zur Tagesordnung zurückkehren würde. Erst in den Wochen danach schaukelte sich die Stimmung hoch. In Deutschland wie in Frankreich, in Russland wie in Österreich wurde in den Massen ein latentes Hochgefühl geweckt, das sie alle zu Patrioten werden ließ. Ein Berliner Jude namens Ernst Lissauer, der wegen seiner geringen Körpergröße vom Militärdienst zurückgewiesen wurde, verfasste ein Hassgedicht auf England. Es verbreitete sich innerhalb von Tagen in ganz Deutschland und Österreich.

Zweig schaffte es, eine Anstellung beim Kriegsarchiv in Wien zu finden, um so dem Fronteinsatz zu entgehen. Auch der bereits 40 Jahre alte Rilke folgte ihm dorthin. Er selbst bemühte sich den Kontakt zu ausländischen Literaten und Künstlern aufrecht zu halten. So entstand ein intensiver Briefwechsel mit Romain Rolland, der in Genf beim Roten Kreuz tätig war. Zweig verfasste 1917 eine Tragödie mit dem Titel Jeremias, die allerdings nur in Zürich aufgeführt werden durfte. Das ermöglichte auch ein Treffen mit Rolland in Genf. Nach dem verlorenen Krieg wurde die k.u.k. Monarchie zerschlagen, Der Kaiser dankte ab. Noch während des Kriegs hatte Zweig eine herrschaftliche Villa in Salzburg erworben und verlegte 1920 seinen Wohnsitz dorthin. Während die Bevölkerung von einer Inflation schwer getroffen wurde, blieben Zweig seine im Ausland erzielten Einkünfte erhalten.

Weitere Stufen des Erfolgs

In der Zeit von 1924 bis 1933 erholten sich Europa und die Welt langsam von dem großen Gemetzel. Zweigs Bücher wurden wieder überall gelesen. Nach einer Schätzung des Völkerbunds galt er als der am meisten übersetzte Autor überhaupt. Eine russische Gesamtausgabe erschien, sein USA-Verlag war gut im Geschäft. Aus Anlass von Tolstois 100. Geburtsjahr erhielt er 1928 eine Einladung nach Russland. Er wurde bei der Reise von Maxim Gorki (1886-1936) betreut, fühlte allerdings, dass er überwacht wurde.

Auch zu italienischen Literaten knüpfte er Kontakte, insbesondere zu Benedetto Croce (1866-1952). Viele Künstler besuchten ihn in Salzburg, so Romain Rolland, Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal und Franz Werfel. Die von ihm gesammelten Originale berühmter Werke der Musik und Literatur schenkte er der österreichischen Nationalbibliothek. Im November 1931 feierte der Inselverlag Zweigs 50. Geburtstag. Er selbst konnte inzwischen ganz gut von seinen Büchern leben. Er hatte viele Freunde in der ganzen Welt, ahnte jedoch nicht, dass sich sein Himmel plötzlich verdunkelte.

Nazi-Aufmärsche und Übersiedlung nach London

Wir Deutschen haben es fast vergessen, dass die Republik Österreich von Italiens Faschistenführer Benito Mussolini eine Garantie für ihre Unabhängigkeit erhalten hatte. Als Gegenleistung verlangte dieser die Beseitigung der Sozialisten und Kommunisten. Eine von Engelbert Dollfuß (1892-1934) gegründete Vaterländische Front versuchte eine entsprechende Politik umzusetzen. Man nannte dies auch den austrofaschistischen Ständestaat. Nach der Ermordung von Dollfuß im Juni 1934 wurde dessen Politik von Kurt Schuschnigg (1897-1977) weitergeführt. Kurz vorher, im Februar 1934, hatten die Sozialisten zu einem Volksaufstand aufgerufen. Als in diesen Tagen Zweigs Haus in Salzburg nach Waffen durchsucht wurde, veranlasste dies ihn, Österreich zu verlassen und nach England überzusiedeln. Zweig galt zwar als Pazifist, war aber denunziert worden.

Die in Deutschland sich abspielenden Entwicklungen waren Zweig bestens vertraut. Besonders genau beobachtete er die Stadt München, wo Erich Ludendorff und der auf Juden hetzende Agitator Adolf Hitler zusammenauftraten. Was ihm auch schon in Italien und Spanien zu denken gab, war die Feststellung, dass die Nationalisten nicht nur sehr militärisch organisiert auftraten, sondern auch überall über eine große Zahl neuer Autos und Motorräder verfügten. Es mussten also der Wirtschaft nahe stehende Kräfte im Hintergrund stehen. Im Jahr von Hitlers Machtergreifung (1933) verfasste Zweig das Libretto für die Oper Die schweigsame Frau von Richard Strauss (1864-1949). Obwohl Zweig bereits als verbotener Autor galt – seine Bücher landeten auf dem ominösen Scheiterhaufen − setzte sich Hitler dafür ein, dass diese Oper in Dresden uraufgeführt wurde. Weitere Aufführungen gab es jedoch nicht.

Zweig nahm sich zunächst eine kleine Mietwohnung in London. Er kam sich wieder wie ein Student vor. Politisch wollte er sich nicht mehr betätigen, da er ja schon in Österreich nichts bewirkt hatte. Irgendwann traf er auch G.B. Shaw und H. G. Wells, die bei einem Lunch ein Streitgespräch führten. Zweimal reiste er zwischen 1934 und 1939 in die USA zu Vortragsreisen, einmal auch nach Argentinien. Hier war für ihn das alte Europa noch am Leben, einschließlich seiner Zivilisation. Obwohl in Deutschland verboten, durften seine Bücher zunächst in Österreich weiter erscheinen, und zwar bis zum so genannten Anschluss im Jahre 1938. Danach wurden seine Werke nur noch in Schweden gedruckt, wodurch er seine internationale Leserschaft weitgehend behielt.

Faschisten und Nazis überrollen Europa

Nach dem Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes sah sich ein einst gedemütigter Hitler als Triumphator. Die Juden wurden ihrer Bürgerrechte beraubt und mussten die Straße fegen. Ihr Besitz wurde ihnen weggenommen. Die ganze Welt sah zu und schwieg. Als Neville Chamberlin aus München von einem Treffen mit Hitler und Mussolini zurückkehrte, feierte ihn das englische Unterhaus wie einen Helden. Frieden für unsere Zeit (engl.: peace for our time) so lautete sein Versprechen. Seine als Befriedung (engl.: appeasement) gefeierte Politik hatte zur Folge, dass niemand mehr an Rüstung dachte. Die bereits geplanten Luftschutzkeller wurden als überflüssig angesehen. Es bildete sich eine Wand zwischen der Bevölkerung und den Flüchtlingen, die aus Angst ihre Heimat verlassen hatten. 

Zweig verlor seinen österreichischen Pass. Er war plötzlich staatenlos. Konnte er vor 1914 die ganze Welt ohne Pass bereisen, musste er sich jetzt in Konsulaten drängeln, wurde laufend vernommen und musste sich rechtfertigen. Galt er einst als Kosmopolit, war er jetzt ein Exote. An die Stelle von Liberalität und Internationalität traten jetzt Fremdenhass und Fremdenangst. Er verbrachte jetzt viel Zeit mit Sigmund Freud (1856-1939) zusammen, der auch in England im Exil lebte. In seiner Tiefenpsychologie hatte Freud ja gelehrt, dass jenseits von Vernunft noch sehr viel mehr im Menschen steckt. Als Freud im September 1939 starb, hielt Zweig eine Abschiedsrede auf ihn.

Ausbruch des zweiten Weltkrieges

Es tauchten immer mehr geflüchtete Juden auf. Nur noch Haiti und Santo Domingo erteilten Visa. Sofern es sich – wie fast immer in früheren Jahrhunderten − um gläubige Juden handelte, so konnte die Religion Trost bieten. Das war aber heute bei vielen nicht der Fall.

Zweig siedelte im August 1939 von London nach Bath über. Er hoffte, dass hier weniger Leute danach fragen würden, was auf dem Kontinent passiert und warum Hitler sich nicht an seine Zusagen hält. Er fühlte, dass er, falls ein Krieg ausbricht, England verlassen muss. Er wäre ja dann ein feindlicher Ausländer (engl.: enemy alien). Als im September 1939 Deutschland Polen angriff, erklärte England Deutschland den Krieg. Da Hitler die Österreicher zu Deutschen erklärt hatte, würden auch die Engländer wohl kaum einen Unterschied machen – befürchtete Zweig. Sein Europa, wie er es kannte und liebte, sei für ihn zerstört worden.

NB: Im Jahre 1940 begab sich Zweig zusammen mit seiner zweiten Frau nach Brasilien. Auch dort traf er auf Antisemitismus bei der aktuellen Regierung. Zweig tötete sich mit einer Überdosis eines Schlafmittels. In einem Abschiedsbrief schrieb er: Die Zerstörung seiner geistigen Heimat Europa habe ihn entwurzelt, seine Kräfte seien durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. Neuerdings wird berichtet, dass Zweig zum Exhibitionismus neigte.