Montag, 14. September 2020

Moria und die Moral der Flüchtlingspolitik

Es geschieht derzeit jede Woche, dass mir die Süddeutsche Zeitung (SZ) den Leitartikel ihres Star-Kolumnisten Heribert Prantl zuschickt. Obwohl die SZ als Massenmedium anzusehen ist, werde ich meistens vom Autor persönlich angesprochen. Personalisierte Massensendungen sind für mich nichts Neues. Das konnte man schon vor 30 Jahren.

Dieses Wochenende erhielt ich – wer weiß warum – den Leitartikel vom 2. August 2020, überschrieben mit dem Titel Moria, das Brandopfer. Vielleicht ist der Grund, dass man diesen Text auswählte, die Überzeugung der Werbeabteilung der SZ, dass das Thema Flüchtlinge von allgemeinem Interesse ist, und dass Prantls Aussagen sehr treffend sind. Mit beiden Annahmen liegt man richtig. Obwohl ich die SZ seit über einem Jahr im Abo beziehe, wundert es mich, warum ich immer noch mit Einzelartikeln beworben werde, die ich zum Erscheinungszeitpunkt gelesen hatte. Dies besagt, dass die Werbung bei vorhandenen Kunden besser durchdacht werden sollte. Das nur nebenbei.

Dilemma der Flüchtlingspolitik

Die Aussage des Beitrags gipfelt in den Satz: .Es gibt eine Politik, die den Tod von Menschen wegen angeblicher Sachzwänge, wegen höherer Interessen in Kauf nimmt. Diese Politik heißt Flüchtlingspolitik.‘

Heribert Prantl zieht eine Parallele zu den antiken Religionen, bei denen Menschenopfer zum Ritual gehörten. Sie dienten dazu, die Götter zu besänftigen. Die heutige Flüchtlingspolitik gehorcht zwar keinen Göttern, sie nimmt jedoch massenhaft Menschenopfer in Kauf.

Schreiende Bilder

In regelmäßigen Abständen bieten uns die Medien Bilder an, die sich nur in ihrer Dramatik unterscheiden. Mal ist es ein Fischerkahn, der mit schwarzen Körpern überladen ist und gerade zu versinken droht. Mal ist es ein 8-jähriger Junge, der allein und tot am Strand liegt. Diese Bilder sichern den Medien Massenauflagen und sind der Gesprächsstoff ganz Europas für eine Woche. Danach setzt sich der alte Trott weiter fort oder es folgt der Bericht über eine neue Pandemie.

Alle Politiker, die gerade eine Rede halten müssen, sagen, dass endlich etwas geschehen müsse, um diese Art von Bildern in Zukunft zu vermeiden. Sofern sie ehrlich sind, sagen die Politiker, dass sie entweder nicht wissen, was zu tun sei, oder aber, dass das Problem nur an seiner Wurzel angegangen werden könnte.

Des Volkes Reaktion

Nehmen Politiker die Vorschläge der Presse (und der Kirchen und der sozialen Verbände) ernst, werden sie von ihren Wählern schnell eines Besseren belehrt. Es muss eine der schmerzlichsten Erfahrungen von Angela Merkel gewesen sein, dass sie im Jahre 2015 plötzlich vor einem Scherbenhaufen stand. ‚Wir schaffen das‘ hatte sie gesagt, als sie Deutschlands Grenzen für Flüchtlingsströme öffnen ließ. Sie musste sich auf der Straße beschimpfen und anpöbeln lassen und hat seither eine Konkurrenzpartei mehr, die AfD.

Lehren von 2015

Keine deutsche Partei wagt es noch, offen für die Aufnahme von Flüchtlingen einzutreten. Grüne und Linke drucksen sich um das Problem herum. Die Parteien in anderen europäischen Ländern wie Polen, Ungarn und Österreich sprechen sich dafür aus, ihre Grenzen gegenüber Flüchtlingen ganz zu schließen. Alle sagen, dass es ihre primäre Aufgabe sei, auf ihre eigenen Bürger zu hören und diese zu schützen.

Angela Merkel gelang es, ein Lösung auszuhandeln, die kaum zu überbieten ist, wenn von Realpolitik geredet wird. Sie verhandelte mit Recep Tayyip Erdogan einen Milliarden-Vertrag, nach dem die Türkei Flüchtlinge, die nach Europa möchten, zurückhält. Hin und wieder droht Erdogan damit, diesen Vertrag zu lockern.

Moria und die Moral

Wer das Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos in Brand steckte, ist unklar. Es ist Griechenland zuzutrauen, aber auch den Flüchtlingen selbst. In beiden Fällen ist anzunehmen, dass die Flüchtlinge sich in kleinen Gruppen in Richtung Mitteleuropa in Bewegung setzen werden.

Flüchtlinge haben oft keine Moral. Sie stellen nur Forderungen: ‚Helft mir oder ich mache Euch Ärger‘. Peinliche Bilder ist nur der eine Weg. Der andere heißt: ‚Wir blockieren Eure Grenzen und Verkehrswege. Oder wir verunsichern Eure Ortszentren‘. Sie wollen und können nicht verhandeln, weil sie über keine Gruppenstruktur verfügen, die über Klein-Familien hinausgeht. 

Ein erster Nachtrag vom 14.9.2020

Gabor Steingard schrieb: Alle verantwortungsbewussten Politiker wissen, dass die einfache Lösung - die schnelle Aufnahme und Verteilung von 12.000 Migranten – in Wahrheit keine Lösung, sondern nur die Verschärfung des Problems bringt. Noch bevor die Bäume in Lesbos die Blätter werfen, wäre das Lager Moria 2 wieder gefüllt. Die Chefs der Schleuserbanden warten nur darauf, dass ihre Außendienstmitarbeiter auf Lesbos melden: läuft. 

Noch ein Nachtrag vom 15.9.2020

Bei jedem Pauschalurteil. das man über größere Personengruppen fällt, liegt man unweigerlich in Teilen daneben. Das passierte auch in diesem Beitrag mit der als Flüchtlinge bezeichneten Gruppe. Weltweit gibt es Millionen von Flüchtlingen. Das sind Personen, die ihren angestammten Wohnsitz meist unter Zwang verlassen mussten. Die Haltung, die ich hier allen Flüchtlingen unterstellte - dass sie nämlich nur fordernd auftreten - ist keineswegs generell vorherrschend. An zwei Beipielen will ich das Gegenteil beweisen.

Im Sommer des Jahres 1945 wurden die aus Osteuropa vertriebenen Personen von den Behörden in Westdeutschland ein Wohnsitz zugewiesen. Die Behörden hatten Nachrichten-Anschläge gemacht,  die besagten, dass an einen bestimmten Tag der folgenden Woche zwei Familien meinem Heimatdorf zugeteilt würden. Mein Dorf liegt nur wenige Kilometer von der Luxemburgischen Grenze entfernt. Genau am vorher angekündigten Tag, etwa gegen 10 Uhr, wurden die beiden Familien mit einem Kleinbus gebracht und in der Dorfmitte ausgeladen. Der Ortsbürgermeister war zur Stelle, sowie sein Stellvertreter, aber auch etwa ein Dutzend Kinder im Alter zwischen 8-12 Jahren. Das Dorf hatte damals etwa 300 Einwohner, auf 30-40 Einfamilienhäusern verteilt. Für beide Familien hatte die Gemeinde Wohnraum geschaffen und provisorisch möbliert. Das Eine war ein ehemaliges Schulgebäude, genau in der Dorfmitte, das abgerisssen werden sollte, nachdem die Gemeinde am Ortsrand ein größeres Schulgebäude errichtet hatte. Es hatte 3-4 Jahre lang leergestanden. 

Die Familie, der dieses Gebäude zugewiesen wurde, stammte aus Pommern und hatte zwei Kinder zwischen 10-14 Jahren. Die Kinder gingen mit uns anderen Kindern in die Dorfschule. Sie spielten mit uns und lernten unseren Dialekt. Später lernte der Junge den Schlosserberuf und das Mädchen wurde Krankenschwester. Die Eltern halfen bei den Bauern als Erntehelfer. Die zweite Familie stammte aus Schlesien und hatte Kinder, die noch nicht schulpflichtig waren. Ihnen wurde ein von der deutschen Wehrmacht am Dorfrand errichtetes Einfamilienhaus zugewiesen. Diese Familie wohnt heute noch dort, d.h. eines ihrer Kinder mit seiner Familie. Die andere Familie baute sich ein kleines Eigenheim, ebenfalls am Dorfrande. Beide Familien haben sich voll integriert. Nur die Namen hören sich polnisch an.

Mit dem zweiten Fall kam ich rund 30 Jahre später in Berührung. Als 1978 der Vietnamkrieg zu Ende ging, flohen viele Menschen per Boot aufs Meer hinaus. Dort lagen Rettungsschiffe, wie z. B. die deutsche Cap Anamur des Rupert Neudeck, um diese Menschen (engl. boat people) in Empfang zu nehmen. Ein bestimmter Prozentsatz fand Aufnahme in Deutschland. Darunter war ein junger Mann, der anschließend in Deutschland ein Informatik-Studium abschloss. Er bewarb sich bei der Firma, wo ich tätig war, und wurde eingestellt. Er war ein stets freundlicher, sehr gewissenhafter Kollege, dem technische Aufgaben sehr viel Freude machten. Er blieb bei dieser Firma bis zu seiner Pensionierung, also mindestens 20 Jahre. Vor Kurzem erfuhr ich, dass seine Tochter in Deutschland ein Ingenieurstudium absolviert hat und inzwischen bei der Europäischen Raumfahrtbehörde (ESA) eine Hauptabteilung leitet.

Sonntag, 6. September 2020

Wo 10-fache Verbesserungen möglich und/oder erstrebenswert sind

Frank Thelen (*1976) ist ein aus Bonn stammender Wagniskapitalgeber, der mit einem Buch für seine Ideen wirbt. Das Buch heißt 10xDNA: Das Mindset der Zukunft (2020, 255 Seiten). Mit dem Buch will er erklären, welche Technologien und vor allem welche Denkweisen in den kommenden Jahrzehnten zum wirtschaftlichen Erfolg führen. Thelen ist TV-Zuschauern bekannt, weil er dort bis vor kurzem eine populäre Sendung anbot.

Technologien mit 10x-Zukunft

In früheren Beiträgen dieses Blogs wurde über Technologien gesprochen, die eine besondere Bedeutung für die Zukunft haben werden. In dem Buch von Thelen geht es primär um solche Technologien, die das Potential eines 10x-Effekts haben. Gemeint ist ihre Wirkung auf Verarbeitungsleistung, Energieersparnis, Anschaffungskosten, Platzbedarf, Verlässlichkeit und Sicherheit. Traditioell gab man sich mit einer Verbesserung von 8-10% zufrieden, wenn man ein neues Verfahren einführte. Das sei konservatives Denken und immer seltener attraktiv und rentabel. Der Autor bemüht sich, komplex erscheinende Techniken für Laien verständlich zu erklären. So vergleicht er Quantencomputer mit einer Münze, die hoch geworfen wurde.

Die Münze (= das Qubit) befindet sich während des Flugs zwischen ‚Kopf‘ und ‚Zahl‘ und nimmt erst bei der Landung einen Wert ein. Solange verbleibt sie in der Superposition. Beim normalen Computer liegt die Münze (= der Transistor) nur auf ‚Kopf‘ oder auf ‚Zahl‘.“

Mit derselben Herangehensweise werden 3D-Drucker und Blockchain behandelt. Ob allein durch die Auflistung der Beispiele bereits ein „neues Mindset“ entsteht, ist fraglich. Hier hätte ich mehr erwartet als einen vagen Aufruf, „die Chancen neuer Technologien mutig und konsequent umzusetzen“, um auch in Zukunft erfolgreich zu bleiben. 

Vergangene Beispiele 

Diejenigen Technologien und Firmen, die Europa wirtschaftlich in den Hintergrund drängten, basierten auf einer 10x-Mentalität. Das galt für Apple und Google. Das neueste Beispiel ist Tesla. Diese Firma ist inzwischen mehr wert als VW und BMW zusammen. Es muss aber nicht die Technologie sein, die den Unterschied macht. Dass die vielen Videotheken verschwanden, lag daran, dass Netflix ein überlegenes Geschäftsmodell besaß. Die Hilfe durch die Technologie (Streaming) kam später. Amazon hat technologisch nichts Besonderes zu bieten, statt dessen gibt es 23 Kategorien von Service.

Konkrete Beispiele für die Zukunft

KI und Robotik: Die KI hat das Potential in sehr vielen Bereichen als großer Beschleuniger in Erscheinung zu treten. In Gastronomie und Pflege kann die Kombination mit Fortschritten in der Robotik eine Breitenwirkung auslösen. (Ein früherer Eintrag war diesem Anwendungsgebiet gewidmet) Eine sogenannte Starke KI hält man für unwahrscheinlich, stattdessen empfiehlt man mehr Kooperation mit schwacher KI.

Block Chain: Die Block Chain ermöglicht eine Sicherheit für Geldgeschäfte aller Art, wie sie uns bisher nicht möglich war. Sie erlaubt neue Unternehmensformen, so die Dezentrale Autonome Organisation (DAO).

3D-Drucker: Wir können uns kaum noch einen Baustoff vorstellen, der nicht von 3D-Druckern verarbeitet werden kann.  Begonnen hat es mit Kunststoff, Keramik, Metallen, aber auch Papier, es folgten Glas, Beton und Knochen. Neuere Experimente wagen sich an organisches, ja lebendes Material. Der große Vorteil ist, dass die Fertigung rein additiv ist. Es werden dadurch Materialkosten bis zu 90% gespart. Auch die Prozess- und Verarbeitungskosten fallen stetig. Es werden keine Werkzeuge mehr benötigt, die je nach Werkstück gewechselt werden müssen. Man kann verschiedene Materialien (Metall, Polymere) in einem Schritt verarbeiten. Dem gegenüber steht, dass es keine Mengenvorteile (engl.  economy of scale) mehr gibt. Im Buch enthalten sind Fotos von Wohnhäusern, die auf einem 3D-Drucker entstanden sind.

Bionik, Genetik und Medizintechnik: Bionik ist ein sogenanntes Kofferwort, gebildet aus Biologie und Technik. Gesucht werden Lösungen oder Prinzipien, die sich von der Biologie auf die Technik übertragen lassen. Ein Beispiel ist der von dem Schweizer Georges de Mestral nach dem Vorbild von Kletten erfundenen Klettverschluss.

Das CRISPR-Verfahren (engl: Clustered Regulary Interspaced Short Palidromic Repeats) gestattet es, Gene gezielt zu zerschneiden. Es wurde von LOCUS Biosciences entdeckt. Das Verfahren erlaubt es, dass Gene eingefügt, entfernt oder ausgeschaltet werden können. Wegen seiner einfachen Durchführung, der Skalierbarkeit hinsichtlich unterschiedlicher Zielsequenzen und der geringen Kosten wird die Methode zunehmend in der Forschung eingesetzt.

Von Endoprothesen spricht man beim Ersatz von Gelenken durch dauernd im Körper verbleibende Implantate. Am häufigsten sind in Deutschland die künstlichen Hüftgelenke. Sie sind bei uns um ein Vielfaches häufiger als in anderen Ländern. Ähnlich ist es bei künstlichen Kniegelenken. Die Anfertigung beider per 3D-Drucker ist naheliegend. Die für den menschlichen Körper per 3D-Drucker zu erzeugenden Ersatzteile müssen sich nicht auf Knochen beschränken. Zellen und Blutgefäße kommen ebenfalls in Frage.

Kernfusion als langfristige Energiequelle

Die Abhängigkeit von fossiler Energie wird noch eine Weile anhalten. Leider sind die Sonnen- und Windenergie nur sehr unstete Quellen. Langfristig bietet sich nur die Kernfusion als echte Lösung unseres Energieproblems an. Bei der Kernfusion liefert 1 g Wasserstoff die gleiche Energie wie 11 Tonnen Steinkohle oder 10.000 l Heizöl. Der Betrieb eines Fusionsmeilers benötigt eine Temperatur von 100 Mio. Grad Celsius. Das französische Projekt ITER soll 2025 in Betrieb gehen.

Neue Nahrungsmittel

Heute muss Fleisch nicht ausschließlich von Tieren stammen. Es kann auf der Basis von Erbsen, Reis oder Sonnenblumen mit gleicher Qualität hergestellt werden. Es gibt dies bereits als Whopper bei Burger King. Ausgezeichnete Salate können aus einem stillgelegten Bunker oder aus einem U-Bahn-Schacht stammen. Für die Aufzucht stehen spezielle LEDs zu Verfügung.

Neue Verkehrsmittel

Das nächste Jahrzehnt wird voller Disruptionen sein, besonders im Verkehrswesen. Von E-Autos reden alle, die selbstfahrenden LKWs der schwedischen Firma Einride beeindrucken die Experten. Endlich werden wir es schaffen, den Verkehr von der Straße weg zu bringen. Flugtaxis und Drohnen sind dafür die Lösung, gleich ob von Menschen gesteuert oder selbst-steuernd. Zu erwarten ist ein City-Airbus von der Firma Uber ab 2023. Er wird ein Senkrechtstarter im doppelten Sinne werden, im Gelände und an der Börse.

Beispiel Freigeist Capital

Was mit 10x-Denken möglich ist, zeigt Thelen anhand der Investitionen seiner Firma   Freigeist Capital. Sie unterstützt die folgenden europäischen Gründer

  • Lilium Aviation bietet einen Lufttaxi-Dienst an (hat bereits 500 Mitarbeiter),
  •  Hardt Hyperloop ermöglicht Transport mittels unterirdischer Röhren,
  •  Kraftblock ist ein Energiespeicher,
  • Neufund betreibt eine Blockchain,
  • Smartlane bietet KI-Lösungen für die Logistik,
  •  EnduroSat baut und startet Nanosatelliten,
  • Yfood liefert Mahlzeiten aus,
  •  Air up fügt Wasser Duftstoffe bei.

Beimessung von Werten 

Wenn immer wir uns für eine Sache engagieren, so sollte es sich vorzugsweise um Dinge mit Wert handeln. Es ist durchaus nicht trivial festzustellen oder festzulegen, wie Werte bemessen werden. Ein Wert existiert nicht an sich, sondern primär im Auge eines Betrachters. Dinge, die teuer sind in ihrer Herstellung, haben nicht immer einen hohen Wert. Ebenso gilt das Umgekehrte: Ein Gegenstand, der relativ leicht herzustelllen ist, kann teuer verkauft werden, also als wertvoll angesehen werden. 

Ein Stein oder ein Stück Holz, das von einem angesehenen Künstler bearbeitet wurde, steigt im Wert, auch dann, wenn die Bearbeitung innerhalb von nur 10 Minuten abgeschlossen war. Einer Firma wie Apple gelingt es, Telefone, für die andere Lieferanten weniger als 70 Euro nehmen, für mehr als 700 Euro zu verkaufen. Sie bringen ihren Ruf, den sie anderswo erorben haben, mit zur Geltung.

Fast als skandalös ist das Verhalten von Firmen zu bezeichnen, die die Anzahl hergestellter Produkte künstlich begrenzen, um den Preis hochzuhalten. Dass bei einem berühmten Künstler die Produktivität durch seine geistigen und physischen Kräfte limitiert ist, ist selbstverständlich. Da seine Lebensdauer endlich ist, kann sein Tod den Wert seiner Werke noch einmal in die Höhe treiben. Von Wert und Preis als unterschiedliche Begriffe zu reden, ist nicht sehr hilfreich.

Zwei mysteriöse Begriffe

Der Autor hält es für angebracht, zwei Begriffe zu erklären, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftauchen.

  • Serendipität (engl. serendipity): Erfolg bei Zufallsentdeckungen. Vermutlich geht der Ausdruck auf das persische Märchen der drei Prinzen von Serendip zurück. Gemeint war damit die heute als Sri Lanka bezeichnete Insel. Als Beispiele von Serendipität gelten die Entdeckung Amerikas 1492 durch Columbus und die Entdeckung des Penicillins 1928 durch Flemming.
  • Denken nach Ersten Prinzipien (engl. First principles thinking). Der Ausdruck geht auf den Philosophen Aristoteles zurück, der forderte, dass unser Denken frei von Widersprüchen sein müsste. Neuerdings wird der Ausdruck vor allem von Elon Musk (*1971) propagiert, dem Gründer von Tesla und SpaceX.

Samstag, 29. August 2020

Gabor Steingarts Sozialstaatsmodell und Europa-Narrativ

Fast täglich lese (oder höre) ich derzeit Texte des Autors Gabor Steingart (*1962). Nicht immer haben sie mich derart beeindruckt wie die beiden Texte, die soeben in seinem Hörbuch mit dem Titel Die unbequeme Wahrheit (2020, 220 Seiten, 4:14 h Dauer) erschienen. Das Buch hat den Untertitel Eine Rede zur Lage unserer Nation. Beide Themen werden am Schluss dieses Buches behandelt.

Ein neues Modell für den deutschen Sozialstaat

 Bekanntlich sind wir Deutsche besonders stolz auf unsern Sozialstaat. Niemand fällt durch das Netz, das im Laufe der Jahrzehnte aufgebaut wurde, sollte er in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, sei es aus gesundheitlichen oder andern Gründen, Kaum ein Politiker − der nicht gerade zur FPD oder AfD gehört − versäumt es, dies bei jeder Gelegenheit rühmlich hervorzuheben. Unterschlagen wird dabei fast immer, dass diese Absicherung auf Grundlagen beruht, die alles andere als stabil oder optimal sind.

An erster Stelle steht hier die sogenannte Rentenformel. Danach richtet sich die Höhe der Rente nach der Dauer der Beschäftigung und der Höhe des am Ende erreichten Lohnes oder Gehaltes. Die Rentenversicherung macht keine Rücklagen aufgrund der zu erwartenden Ansprüche, sondern finanziert sich aus den Beiträgen der noch aktiv im Arbeitsprozess befindlichen Mitglieder.  Wegen des Geburtenrückgangs verbunden mit der zunehmenden Lebensdauer der Alten übersteigt die Anzahl der Rentner die Anzahl der aktiven Mitglieder immer mehr. Eigentlich müssten die Renten laufend gekürzt und/oder die Versicherungsbeiträge laufend erhöht werden. Da dies politisch nicht durchsetzbar ist, griff man schon vor längerer Zeit auf einen Ausgleich mit Hilfe von Steuergeldern zurück. Die Allgemeinheit garantiert sozusagen, was der Staat einzelnen Bürgern versprochen hat.

Das Hauptproblem unserer heutigen Lösung besteht darin, dass die Altersversicherung mit dem Lohn- und Gehaltssystem gekoppelt, also an den lokalen Arbeitsmarkt gebunden ist. Eine Alternative wäre eine Absicherung durch eine Kapitaldeckung. Diesen Weg geht bekanntlich Norwegen seit Jahrzehnten. Die hier gewählte Form ist die eines Staatsfonds. Der große Vorteil ist, dieser Fonds ist von der Leistung der norwegischen Wirtschaft unabhängig. Anlagen werden da getätigt, wo gerade die Wirtschaft wächst und floriert. Das kann in Amerika, Afrika  oder Asien sein. Das einzige zu lösende Problem besteht darin, die notwendigen Experten zu gewinnen.

Ein Narrativ für Deutschland und Europa

Es gehört schon fast zum ständigen Klagegesang, dass es uns Europäern an der zündenden Idee für den Zusammenschluss mangelt. Vielleicht ist sie uns im Laufe der Jahre, in denen die Kriegserinnerungen in der Versenkung landeten, abhandengekommen. Gerade in Deutschland scheinen die Pessimisten und Grießkrämer die Wortführer zu sein. Es gibt so viele Dinge, vor denen Deutsche sich derzeit angeblich fürchten. Beispiele sind der Islam, Überflutung durch Afrikaner, Donald Trump, der technische Fortschritt, Datenmissbrauch und eine zweite Corona-Welle.

Dem allen könnte durch ein neues deutsches und gleichzeitig europäisches Narrativ entgegengetreten werden. In Frage käme ein kraftvolles Bekenntnis zu Europas Vielfalt und Eigenverantwortlichkeit. So käme kein anderer Erdteil an Europa heran, was die Vielfalt seiner im Weltmarkt aktiven Klein- und Mittelunternehmen betrifft. Rund 10.000 Unternehmen seien Familienunternehmen, die teilweise Weltmarktführer (engl. hidden champions) sind. Der Anteil dieser Firmen sei in Frankreich 80%, Spanien 83%, in Italien 85% und in Deutschland 90%. Ihnen seien etwa 60% aller Arbeitsplätze zu verdanken.

Die europäische Politik habe sich bisher oft zu großen Versprechungen verstiegen, an die man sich später nicht hielt, zuletzt im Vertrag von Lissabon im Jahre 2007. Würde man sich auf ein Narrativ im oben erwähnten Sinne einigen, hätten Europas Politiker Veranlassung, sich über die damit verbundenen Aufgaben Gedanken zu machen und ihre Politik drauf auszurichten. Das wäre ein signifikanter Fortschritt gegenüber den heutigen Gewohnheiten. Es versteht sich, dass ein Narrativ nur der Anfang einer breiten und lebhaften Diskussion sein kann. Wohin diese führt ist unklar, aber sie wäre für das Projekt Europa sehr befruchtend.

Es ist die chinesische Geschichte, die ein sehr eindrucksvolles Beispiel dafür liefert, welche Rolle Narrative haben können. Der Admiral Zheng He (1371-1435) hatte mit einer großen Flotte sieben Expeditionen im Pazifik und im Indischen Ozean unternommen und dabei über 50.000 km zurückgelegt. Nach seinem Tode entschloss sich die Regierung die großen Seereisen einzustellen und die Flotte zu verkleinern. Wenig später tauchten die ersten portugiesischen und britischen Schiffe vor Chinas Küsten auf. Sie übernahmen den Auslandshandel, vor allem den Handel mit Opium. Sie zwangen China in die Rolle eines Junior-Partners, eine Rolle, die China erst nach über 500 Jahren wieder abwarf. 

Nachtrag vom 31.8.2020

Steingarts obiges Buch ist voll von Anregungen und Spitzen gegen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Ich will noch einige davon erwähnen.

Wir werden von einer Apokalypsen-Regierung regiert und haben das RKI in unseren Köpfen (RKI = Robert-Koch-Institut, d.h. Deutschlands oberste Seuchenbehörde).

Ein weit verbreitetes Unbehagen lässt uns ahnen, dass sich gerade etwas ändert.

Wir retten das Gegenwärtige auf Kosten der Zukunft. Der Klimawandel tritt gegenüber Corona in den Hintergrund.

Wir werden von der Bundeskanzlerin dazu aufgefordert, das Händewaschen nicht zu vergessen.

Arbeitgeber und Gewerkschaften liegen zusammen in einem King-Size-Bett.

Der Sozialstaat produziert nicht die Wohlfahrtsmittel, die er verteilt.

Schon vor der Pandemie gab es bei uns ein Dienstleitungsproletariat.

Der produktive Kern der USA ist das Silicon Valley. Er wird von der Pandemie unberührt gelassen. Auch China pflegt seine produktiven Kerne, etwa in Shenzhen.

Der Fluss vom produktiven Kern zur Kruste hin ist wichtig. Durch Bildung entsteht ein Nachwachsen des produktiven Kerns. Wenn der Kern schrumpft, leiden in erster Linie die Krustenbewohner. Eine Aufgabe des Staates ist die Ausbalancierung zwischen Kern und Kruste.

Der Versuch Komplexität zu reduzieren ist meist ein Fehler. Das gilt sowohl für Globalisierung wie für Digitalisierung, aber auch für Ökologie und Ökonomie.

Der Staat kann die Wirtschaft nicht beaufsichtigen. In der Zukunft wird es nur dann genug starke Unternehmer geben, wenn heute genug junge Leute dies selber sein wollen.

Nur die USA und Israel versprechen Immigranten eine erfolgreiche Zukunft. Beide Länder ziehen einen großen Nutzen daraus.

Mittwoch, 26. August 2020

KI aus Sicht einer in Deutschland lebenden Ausländerin

Kenza (196x) ist eine gebürtige Marokkanerin, die in Berlin lebt. Ihr voller Name lautet Kenza Ait Si Abbou Lyadini. Sie ist als Senior Manager Robotics and Artifical Intelligence bei der Deutschen Telekom in deren IT-Bereich tätig. Sie hat ein Buch vorgelegt mit dem Titel Keine Panik, ist nur Technik (2020, 224 Seiten). Das Buch hat den Untertitel: Warum man auf Algorithmen super tanzen kann und wie wir ihnen den Takt vorgeben. Es ist ein Einstieg für alle, denen die Angst vor Technik zu schaffen macht.

Mehr über die Autorin

Die Autorin sagt von sich, dass sie als kleines Mädchen ihre Mutter gebeten habe, ihr Rechenaufgaben zu geben, sowie ein Heft mit Stift, um Lösungen einzutragen. Diese Faszination fürs Rechnen habe sie später auf den PC übertragen. Heute brenne sie für die Themen KI (künstliche Intelligenz), Diversity und Networking.

Sie genoss eine Ausbildung zum Bachelor of Engineering an der Universität Valencia. Daran schloss sich ein Master of Engineering an der Technischen Universität Berlin. Sie nahm am Führungskräfteentwicklungsprogramm der Deutschen Telekom AG teil. Außerdem besitzt sie den Titel Certified Scrum Master der Scrum.org. Ihr Berufsweg führte von der Telecom S.L. in Valencia und Barcelona zur T-Systems, einer Tochter der Deutschen Telekom in Berlin. Sie war hier zunächst als Senior Project Manager - Line Office of Strategic Deals & Solutions tätig. Zwischendurch arbeitete sie als freier Mitarbeiter (engl. Freelance) für Porsche, Volkswagen, Audi, Air Berlin, Hermès, L’Oréal, und IBM. Die Autorin engagiert sich in der Werbung für MINT-Berufe bei Frauen und tritt in Vorträgen und Diskussionsbeiträgen ein für Frauen und Technik.

Ausgewählte Themen

Die 13 von der Autorin ausgewählten Themen sind in der folgenden Liste wiedergegeben. Sie kreisen zwar um das das Unterthema KI, adressieren aber auch Fragen der Technik-Akzeptanz im weiteren Sinne.

  • Die kunterbunte Welt der Technik (Unbegründete Ängste)
  • Denk doch mal nach, Maschine! (Codes und Algorithmen)
  • Wie künstliche Intelligenz das Tanzen lernt (Was KI von uns braucht)
  • Leider entsprechen Sie nicht unseren Anforderungen (Wie Daten verzerrt werden)
  • Auch Maschinen wollen nur das eine (Programme entscheiden über Geld)
  • Die Kunst, Angst in Zahlen auszudrücken (Anwendungen in der Versicherungsbranche)
  • 'Sie kenne ich doch. Sind sie nicht gestern bei Rot über die Ampel gegangen?' (Gesichtserkennung)
  • 'Baby, you can drive my car' (Autonomes Fahren)
  • Man erntet, was man codet (Roboter in der Ernährung)
  • Mit KI gegen Stürme, Eis und Hitzewellen (Anwendung im Umweltschutz)
  • Chefvisite beim RoboDoc (Digitalisierung im Gesundheitswesen)
  • Computer wie wir (Liebe in Zeiten der Algorithmen)
  • Ich hack mir die Welt, wie sie mir gefällt (Besseres Leben dank Technik)

Bewertung einiger KI-Techniken im Hinblick auf ihre Anwendungstauglichkeit

Auf zwei KI-Anwendungen verlässt die Autorin sich fast täglich. Sie macht häufigen Gebrauch von Jelbi. Das ist ein KI-System der Berliner Verkehrsbetriebe, das für die jeweilige Tageszeit die schnellste Verbindung zwischen zwei Punkten im Berliner Verkehrsverbund berechnet. Sie verlässt sich zu 100% darauf, dass aller Spam aus ihren E-Mails entfernt wurde. Das war noch vor 10 Jahren eine lästige Angelegenheit, bevor sich eine KI-basierte Lösung durchsetzte.

Nicht ganz so weit haben es einige Anwendungen gebracht, über die schon lange gesprochen wird. Die Autorin sieht in ihnen jedoch ein großes Potential. Zwei Beispiele: An der Gesichtserkennung wird an vielen Stellen gearbeitet. Offensichtlich wurden bisher nur Teilerfolge erzielt. Alle Welt träumt davon, dass der Vergleich mit dem Passbild demnächst zur Identifizierung ausreicht. Das würde eine Unzahl neuer Anwendungen ermöglichen, von der Eingangskontrolle zu Gebäuden bis zum Abschluss von Handelsgeschäften. Sehr bezeichnend ist die Tatsache, dass die besten Ergebnisse bei weißen Männern erreicht werden. Afrikaner, Asiaten und Frauen schneiden schlechter ab. Das liege am Fehlen von Testdaten. Dass der Kühlschrank aufgrund seines Inhalts einen Essensvorschlag macht, wird wohl noch eine Weile Zukunftsmusik sein.

  
Hoffnungen und Mängel

Man spricht von Starker KI, wenn die Maschine mehrere Intelligenzen besitzt. Das gibt es vielleicht in 30 Jahren, wenn überhaupt. Es gibt (noch) keine KI, die aus verzerrten Trainingsdaten nicht-verzerrte Ergebnisse erzielt.

Die Autorin hält sich für eine Verfechterin für Gleichberechtigung und Diversität. Ihr missfällt es, dass die Attribute ‚durchsetzungsfähig‘ und ‚zielstrebig‘ hauptsächlich auf Männer bezogen werden. Sie kommen bei Bewerbungen von Frauen noch kaum vor. Wenn alle Bewerbungen von derselben Jobbörse vermittelt werden, sei die Gleichbehandlung von Männern und Frauen nicht zu erreichen. besonders dann, wenn KI-Software eine entscheidende Rolle spielt. Lerndaten können zu einer Einseitigkeit (engl. bias) führen, wenn sie vorwiegend von männlichen Bewerbern stammen. Auch die automatische Gesichtserkennung und Spracherkennung leiden darunter, dass mehr getan wird für Männer als für Frauen.

Neuere Anwendungen

Durch KI wird ein Präzisions-Ackerbau ermöglicht. Die Firma Microsoft hat sich damit in Indien engagiert. Für einen Einsatz zur Pränatalen Feindiagnostik per Ultraschall wäre die Autorin ein interessierter Kandidat. Dass Roboter im OP dem Arzt dabei helfen, indem sie ein Endoskop mit einer kleinen Kamera führen, findet sie in Ordnung. Jeder, der über KI redet, erwähnt das Selbstfahrer-Dilemma (engl. trolley problem). Das ist die Frage, wer im Zweifelsfall Vorrang bekommt − wenn nur einer überleben kann − das Kind oder die Oma. Es ginge dabei um Prinzipienethik (Kant) versus Nutzenethik (Utilitarismus).

Stolpersteine

Nicht allgemein bekannt sind einige der Fehlleistungen, auf die das Buch aufmerksam macht. Die Autorin muss die Kenntnis darüber in ihrer praktischen Arbeit gewonnen haben. Zwei Beispiele: Wer mit einem iPhone oder iPad von Apple ein Hotelzimmer bucht, muss möglicherweise mehr für das Zimmer bezahlen als jemand, der-ein Gerät eines anderen Herstellers verwendet. Obwohl WhatsApp für die Anwendung End-zu-End-Verschlüsselung bietet,  ist es nicht auszuschließen, dass Werbung generiert wird, der das Gesagte als Basis dient.

Selbst-Darstellung

 
Lassen wir am Schluss Kenza Ait Si Abbou selbst zu Wort kommen, die ja schon seit 15 Jahren in der IT-Branche arbeitet:

Wir müssen nicht plötzlich alle programmieren können – aber wir müssen all unsere Erfahrung einbringen. Damit die Technik den Menschen bestmöglich unterstützen kann. Damit Artifical Intelligence Aufgaben übernehmen kann, die uns freier in unserer Zeit- und Zukunftsgestaltung machen. Dies kann umso besser gelingen, je mehr Informationen wir für die Robotik zur Verfügung stellen können. Durch authentische und diverse Teams, die die Vielfalt der Zukunftswünsche und auch –ängste spiegeln. Als Frau bringe ich hier eine andere Sichtweise als meine oft männlichen Kollegen ein. Meine internationale Erfahrung gibt mir die Möglichkeit des Perspektivwechsels. Meine Erfahrungen aus Job, Familie und Lernen bieten mir eine fundierte Basis. Das ist es, was ich in meinen Vorträgen, Talks und Workshops weitergebe.