Dienstag, 25. Januar 2011

Ein CeBit-Besuch im Jahre 2030

Die CeBIT ist die weltweit größte Messe zur Darstellung digitaler Lösungen aus der Informations- und Kommunikationstechnik, so heißt es seit über 30 Jahren. Ich berichte im Folgenden über einen imaginären Besuch im Jahre 2030. Dass dabei meine Vorstellungen über eine mögliche Zukunft  unserer Branche durchscheinen, ist nicht Zufall sondern Absicht.

Die Hektik, die man früher in und um Hannover während der CeBIT erlebte, hatte ziemlich nachgelassen. Vielleicht lag es auch nur daran, dass kaum noch Besucher per Auto kamen. Jedenfalls gab es auf allen Parkplätzen immer reichlich Platz. Die üblichen Hallen der CeBIT waren alle in Benutzung mit einer Ausnahme. In ihr fand zeitgleich ein Kongress der Entschleuniger-Partei statt (so nennen sich die früheren Grünen heute). Sie hatte an die dreitausend Mitglieder angelockt. Außer von den Maskottchen, die jedem CeBIT-Besucher in die Hand gedrückt wurden, habe ich nichts von diesem Verein mitbekommen. Das Maskottchen ist eine Schnecke mit einem grün umwachsenen Schneckenhaus, gemalt im Stile von Friedensreich Hundertwasser. Angeblich konzentrieren sich ihre Forderungen  heute hauptsächlich auf die Bändigung des Fortschritts, also auch auf die Verlangsamung der Ausbreitung des Internets. Seit die Partei der Piraten sich in Personalquerelen aufgerieben hat,  kümmern sich die Entschleuniger auch um deren ursprüngliche Themen. Die einst so brisante Frage, wie man den Ausstoß von Kohlendioxyd verringern kann, um die Erderwärmung zu bremsen, ist etwas in den Hintergrund getreten, nachdem es fünf Jahre in Folge gab, bei denen die gemessene Durchschnittstemperatur auf der nördlichen Halbkugel gesunken ist.

Es gab etwa die gleiche Anzahl von Ausstellern wie früher. Von ihnen kamen etwa 60% aus China und Indien, je 15% aus Japan und den USA und 10% aus dem Rest der Welt. Als ich einen indischen Aussteller fragte, warum er überhaupt nach Hannover gekommen sei, meinte er, dass sei immer noch die leichteste und sicherste Art, wie man Kontakt mit Distributoren, Lieferanten und Partnerfirmen in Osteuropa, der Türkei und Nordafrika bekommen könnte. Nachdem die Wirtschaft dieser Länder jahrzehntelang zweistellige Wachstumsraten zeigte, seien diese Märkte heute erheblich attraktiver als etwa das „alte“ Europa. Außerdem bestünde dort kein Mangel an gut ausgebildeten und hoch motivierten Fachleuten. In den einzelnen Ländern dieser Weltregion gäbe es zwar auch Messen, aber die Organisation in Hannover sei einfach besser eingespielt. Dass ein solcher Trend schon eine Weile bestand, das konnte niemand übersehen. Aber so klar hatte es mir noch niemand vorher gesagt.

Ausgestellt wurde wieder Hardware und Software. Da man die Hardware besser demonstrieren kann, fällt sie halt mehr auf. Wie in den letzten zehn Jahren war das alles überragende Thema, wie kann man Rechner und Netze bauen und betreiben, so dass sie möglichst wenig Energie verbrauchen. Ein Seitenthema war, wie kann man Rechner dazu benutzen, um im Haushalt, im Verkehr und in der Industrie Energie zu sparen.  Bekanntlich lässt uns dieser Themenkreis nicht mehr los, seit der Ölpreis für längere Zeit über 200 Euro, also 300 US$ pro Fass gestiegen ist. Während die chinesischen Aussteller fast ausschließlich das Energie-Problem mit ihren Produkten thematisierten, deckten die indischen Hersteller den gesamten kaufmännischen Bereich ab. Hier konnte man Programme für die private Buchhaltung, einschließlich Steuererklärung, die Optimierung des Fertigungsflusses oder zur Verwaltung eines Aktiendepots finden. Die dafür eingesetzte Hardware ist eher konventionell. Bei den Japanern fällt die Sparte Geriatrie besonders auf. Das scheint eine Stärke der Japaner zu sein. Das Spektrum der Geräte erstreckt sich von Hörgeräten, über Sehverstärker bis zu Gehhilfen und Pflegerobotern. Alle ausgestellten Produkte erhalten ihre Attraktivität durch die unheimlich gute Software, die man inzwischen hat. Sie umfasst etwa das Zwanzigfache dessen, was ein Fußball spielender Roboter besaß, der vor 30 Jahren den Robocup gewann. Die Japaner sehen für ihre geriatrischen Produkte gerade in Europa einen großen Markt, da hier die Alterspyramide sich am stärksten ihrer eigenen angleicht. So gibt es inzwischen allein in Deutschland über eine Million Menschen, die älter als 100 Jahre sind. Amerikanische Firmen sind wie immer führend, was Massenunterhaltung, Möglichkeiten der Selbstdarstellung und computer-basierte Kriegspiele betrifft. Die paar europäischen Aussteller, die vertreten waren, konzentrierten sich auf europa-spezifische Markterfordernisse, etwa Sprachübersetzer oder Fußball-Simulatoren.

Ich war auch in der berühmten Halle 20, wo immer Universitäten und Forschungseinrichtungen ihre neuesten Ideen präsentieren. An verrückten Ideen scheint noch kein Mangel zu bestehen. Welche davon es jemals zur Marktreife bringen, ist schwerer denn je abzuschätzen. Mir fiel auf, dass keine einzige deutsche Universität mehr dort vertreten war. Auf dem Stand der Fraunhofer-Gesellschaft unterhielt ich mich ganz angeregt mit Mitarbeitern aus den Fraun­hofer-Instituten in Bangalore (Indien) und Chongqing (China). Ihre Projekte werden größtenteils von Firmen aus dem eigenen Lande finanziert. Sie benutzten aber die Erfahrungen der deutschen Kollegen, wenn es darum geht, neue und ertragreiche Konzepte patentrechtlich abzusichern. Als nachahmenswert gilt in dieser Hinsicht immer noch die Art, wie die Fraunhofer-Gesellschaft vor 40 Jahren die MP3-Erfindung verwertet hat.

Am Eröffnungstag sprach wie immer in den letzten Jahren die Bundeskanzlerin. Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin, die bei ähnlichen Gelegenheiten immer um mehr Nachwuchs für naturwissenschaftliche und technische Berufe warb, scheint dieses Thema die hohe Politik nicht mehr zu beschäftigen. Die jetzige Bundeskanzlerin wandte sich vor allem an die ausländischen Aussteller und Besucher und versicherte ihnen, dass Deutschland alles menschenmögliche für ihre Sicherheit getan hätte und weiter tun würde. Zu den Maßnahmen im Einzelnen könne sie verständlicherweise keine Angaben machen, sie könne jedoch soviel sagen, dass der Teil unseres Bundeshaushalts, den wir für Sicherheitsmaßnahmen aufwenden, seit ihrem Regierungsantritt deutlich zugenommen hat. Es sei zwar schwierig, dies den deutschen Wählern zu verkaufen, aber sie sähen inzwischen ein, dass sowohl die rechtlich zugesicherte wie die effektiv gewährte (und gefühlte) Sicherheit geradezu unser Alleinstellungsmerkmal geworden ist. Bekanntlich können nur noch 10% der Staaten, die Mitglieder der Vereinten Nationen sind, in ihrem Land westlichen Firmen die Rechtsicherheit bieten, die sie für ihre Geschäfte dringend benötigen.


Eine Wende trat bei uns ein, als wegen der zunehmenden Bedrohungen unserer Container-Flotte, die ja die größte der Welt ist, wir ein neues Zerstörer-Bau­pro­gramm auflegen mussten. Dieses Programm war im Prinzip schon um das Jahr 2020 herum von der EU in Abstimmung mit Russland beschlossen worden, als nach Beendigung der Kriege in Afghanistan und im Irak die USA verkündeten, dass sie nicht länger daran dächten, die Rolle des Weltpolizisten zu spielen. Inzwischen sichern deutsche Zerstörer die Handelsrouten auf der ganzen Welt. Deutsche Polizisten bilden nicht nur Iraker und Afghanen aus, sie sind auch in Afrika, Südamerika und den ASEAN-Ländern sehr begehrt. Wie die Geschichte lehrt, waren es immer die Handelsnationen, die auch das Problem der Sicherheit der Wege und der Märkte in die Hand nehmen mussten. Wie weit Deutschland den Übergang von einem Produkthersteller zu einem Produktplaner und Produktverteiler bereits vollzogen hat, darüber diskutieren die Wirtschaftwissenschaftler immer noch. Einer der ersten, der auf diesen Wandel hinwies, benutzte den etwas unglücklichen Begriff der Basarwirtschaft und bekam heftig Kontra. Eigentlich wäre dies Schnee von gestern, aber Wissenschaftler können kaum von einem Thema loslassen, in das sie (oder ihre Doktorväter) sich einmal so richtig verbissen hatten.

Zur Kommunikations- und Informationstechnik sagte sie nur am Rande, dass wir uns weiter auf unsere Freunde in China, Indien und Japan verlassen würden. Da in diesen Ländern der Ingenieur-Nachwuchs kaum ein Problem darstelle, und die Mehrzahl der durch Patente abgesicherten Erfindungen inzwischen aus diesen Ländern komme, hätten wir unsere Prioritäten verschoben. An Hochschulen fördern wir neben Medizin und Pharmakologie vor allem die Unterhaltungsmedien. In Deutschland habe man nämlich festgestellt, dass eine Pop-Akademie mehr Studienbewerber anzieht als alle Physik- oder Informatik-Lehrstühle des Landes zusammen, und dass durch sie mehr Menschen glücklich gemacht werden. Die Bundesregierung will sich dennoch dafür einsetzen, dass wenigstens die beiden reichen Bundesländer im Süden des Landes, d.h. Bayern und Baden-Württemberg, die bestehenden Informatik-Fakultäten am Leben erhalten, obwohl auch dort die Studentenzahlen dramatisch gesunken sind.

Was mir bei der CeBIT noch auffiel, war der große Anteil an älteren Besuchern. Ich hatte ein bisschen den Eindruck, dass diese hier der Nostalgie frönten, d.h. sie trauerten der guten alten Zeit nach, als Informations- und Kommunikationstechnik noch in aller Munde war und man in staatlichen Förderprogrammen schwamm und es nur so an öffentlichen Erklärungen von Politikern hagelte. Heute bekommt nur die Biologie und hier speziell die Genetik ähnliche Aufmerksamkeit wie früher einmal die Informatik.

Kommentare:

  1. Mehr als fünf Jahre nach Verfassung dieses Beitrags möchte ich konstatieren, dass ich mich in einem Punkte geirrt zu haben scheine. Der Ölpreis lag dieser Tage unter 50 US-Dollar pro Fass. Der Grund ist die Verwendung des Fracking-Verfahrens in den USA. Das hat den Ölmarkt (vorübergehend) destabilisiert. Wie lange das anhält, ist noch unbestimmt. Noch ist ja nicht 2030.

    Meine anderen Prognosen scheinen einzutreffen.

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  2. Peter Hiemann aus Grasse schrieb:

    Den virtuellen Rundgang auf der CEBIT 2030 betrachte ich weniger als Prognose, vielmehr als ein paar nachdenkliche Überlegungen. Seit 2011 haben Smartphones und Big Data Anwendungen neue gesellschaftliche Umwelten geschaffen.

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