Samstag, 16. April 2011

SAP − Deutschlands Vorzeigeunternehmen

Dass Software in der Wirtschaft hoffähig wurde, verdankt Deutschland fünf ehema­ligen IBMern: Dietmar Hopp, Hasso Plattner, Klaus Tschira, Hans Werner Hector und Claus Wellenreuther. Ihre Geschichte ist schon so oft erzählt worden (zuletzt von dem Historiker Timo Leimbach), dass ich mir Details ersparen kann. Dafür gebe ich hier nur meine stark vereinfachte persönliche Version zum Besten.

Drei Mitarbeiter der IBM-Niederlassung Mannheim entwickelten eine Anwendung für einen Kunden (ICI). Da der Kunde ihnen erlaubte, das fertige Programm auch andern Kunden anzubieten, machten sie sich 1972 selbständig. Sie zogen noch zwei Kollegen mit, die ihnen helfen konnten. Sie durften die Maschinen und Testdaten des Kunden nutzen, ehe sie sich eigene leisten konnten. Der Kunde gehörte zu einem internationalen Konzern. Er wollte deshalb dieselbe Anwendung auch in England und Spanien haben. Daher mussten Nachrichten und Steuergesetze eingekapselt (parametriert) werden. An die erste Anwendung wurden andere angeflanscht, derart dass sie dieselben Daten verwenden konnten. Schließlich machte man die Daten selbstbeschreibend und tat sie in ein zentrales Verzeichnis (auch Data Dictionary oder Informationsmodell genannt). Nebenbei wurde noch eine eigene Programmiersprache (ABAP) entwickelt. Mehr aus Verlegenheit denn aus Absicht zeigte man auf der CeBit 1991 die interne Unix-Testversion eines verbesserten Anwendungspakets (R/3). Dafür zeigten plötzlich auch Kunden von außerhalb der IBM- oder Siemens-Welt ein großes Interesse. Ein Kunde aus der Nachbarschaft (John Deere) baute die Brücke in die USA. Als Hasso Plattner anfing, dort kräftig die Werbetrommel zu rühren, wurde er beim Wort genommen und musste liefern. Seither ist SAP (und Plattner) mehr in Amerika zuhause als im badischen Walldorf.

Die Firma SAP erschien für viele Zeitgenossen erst auf ihrem Radarschirm, als das Unternehmen 1988 an die Börse ging. Dadurch wurden nicht nur die noch aktiven vier Gründer reich − Wellenreuther hatte die Firma 1982 aus gesundheitlichen Gründen verlassen −, sondern auch viele Mitarbeiter und Unbeteiligte. Als sich nach Hector auch die drei andern Gründer aus dem Unternehmen zurückzogen, waren sie Milliardäre. Drei von ihnen machten durch Stiftungen auf sich aufmerksam. Hopp brachte die TSG Hoffenheim in die Bundesliga, Plattner engagierte sich an der Universität Potsdam und Tschira betreibt ein Forschungsinstitut in Heidelberg. Die Geschäfte wurden sechs Jahre lang von dem Physiker Henning Kagermann geleitet. Es war Plattners Wunsch, den Informatiker Shai Agassi als dessen Nachfolger aufzubauen. Dieser wollte aber nicht drei Jahre lang Kronprinz spielen, und verließ 2007 überraschend das Unternehmen. Er baut jetzt Elektro-Autos in Israel. Daraufhin übernahm Vertriebsleiter Leo Apotheker im Mai 2009 die Geschäftsführung.
 
SAP ist im Endverbrauchermarkt nicht aktiv, dafür umso stärker im Unternehmensbereich. Sie bietet den vollständigsten Satz an betrieblichen Anwendungen, den es gibt. SAP ist gleichsam das Synonym für eine ganze Klasse von Anwendungen, Enterprise Resource Planning (ERP) genannt. Die von SAP gewählten Abläufe sind zum defacto-Standard vieler Branchen geworden. Bei den nachfolgend wiedergegebenen Zahlen aus dem Geschäftsbericht 2010 ist eine kleine Umsatzdelle in 2009 nicht zu übersehen. Auf den Gewinn hat sich dies aber nicht ausgewirkt.


Das Jahr 2010 war nicht leicht für SAP. Im Februar trennte man sich vom Leo Apo­theker, der  es  - wie es hieß -  nicht hinreichend geschafft hatte, "das Vertrauen von Kunden und Mitarbeitern zu gewinnen". An seiner Stelle wurde eine Doppelspitze installiert, bestehend aus dem Dänen Jim Hagemann Snabe und dem Amerikaner Bill McDermott. Im Aufsichts­rat werden weiterhin die Fäden von Hasso Plattner gezogen, dem einzigen noch aktiven Gründer. Ein anderer Tiefschlag war die Verurteilung zu einer Geldstrafe von über einer Milliarde Dollar durch ein amerikanisches Gericht. Der Mitbewerber Oracle (geleitet von Plattners Intimfeind und Segler-Konkurrent Larry Ellison) konnte nachweisen, dass eine SAP-Tochter (TomorrowNow) in den USA sich unberechtigt Zugang zu Oracle-Quellcode verschafft hatte.

Das Geschäft der SAP beruht auf drei Säulen, Software-Produkte, Software-bezogene Dienstleistungen und Beratung inkl. Schulung. Was die Rendite anbetrifft, so zieht das Produktgeschäft die beiden anderen Geschäftsarten mit. Die Mitarbeiter teilten sich im Jahre 2010 wie folgt auf die Geschäftsbereiche auf.

 
Die Produktpalette von SAP wird heute in vier Gruppen aufgeteilt. Man benutzt auch in deutschen Veröffentlichungen englische Ausdrücke.
  • On Premise: Branchen-übergreifende (CRM, PLM) und branchen-spezifische Anwendungsprogramme (Handel, Finanz, Fertigung, Prozess, Öffentlicher Dienst, Dienstleistungen), die beim Kunden installiert werden.
  • On Demand: Spezielle Versionen der obigen Anwendungen, die in externen Rechenzentren laufen, und sporadisch über das Internet benutzt werden. Damit sollen auch kleine und mittelgroße Unternehmen angesprochen werden. Auch das Cloud-Geschäft gehört hierher.
  • On Device: Der Interaktion mit Anwendungen dienende Funktionen, die auf mobilen Geräten (Smartphones, Tablets) laufen. 
  • Technologie: Entwickler-Werkzeuge, sowie die Web-Server-Plattform Netweaver.

Aufgrund der im Juli 2010 für 5,8 Mrd. US$ erfolgten Akquisition der kalifornischen Firma Sybase soll sich vor allem das Angebot in den beiden letzten Kategorien in Zukunft verstärken. Als ein weiteres Wachstumsgebiet werden die Daten-Analyse-Werkzeuge angesehen, wie sie von der im Jahre 2008 erworbenen französischen Firma Business Objects entwickelt worden waren.

SAP besitzt über 100.000 Kunden in 120 Ländern. Als besondere Stärke von SAP kann man das immense Netz von Partnern ansehen, die SAP in vielfältigster Weise unterstützen. Dazu gehören Forschungs- und Innovationsgemeinschaften, aber auch Vertriebs- und Service-Kooperationen. Um SAP herum entstand ein regelrechtes Ökosystem. Der Grund dafür ist allerdings recht ernüchternd: Für viele Anwender stellt die Anpassung und Inbetriebnahme eines SAP-Systems eine große Heraus­forderung dar. Dass SAP bemüht ist, das Geschäft auch intellektuell abzusichern, beweisen die 900 Patente, die im Jahre 2010 erteilt wurden. Ein technisches Thema, das gerade von Hasso Plattner propagiert wird, sind In-Memory-Datenbanken. 

Durch Fusionen und Aufkäufe hat sich die Zahl der klassischen Mitbewerber in den letzten Jahren stark reduziert. Als hartnäckigster Mitbewerber ist Oracle anzusehen. Nachdem man selbst riesige Investitionen in die Anwendungsentwicklung versenkt hatte, gab die Firma IBM das Rennen um dieses Marktsegment auf. Übrig blieb eine strategische Partnerschaft. Man ergänzt sich im Produktspektrum. Neue Mitbewerber entstehen primär bei Web-basierten Diensten, so Salesforce.com. Ob von der Open-Source-Szene her jemals Gefahr droht, ist fraglich.

Was die Struktur der Firma SAP sehr stark bestimmt, ist ihre große internationale Ausbreitung. Der Stammsitz Walldorf ist nur noch eine von vielen Lokationen. Sehr stark ist das Engagement in Indien, wo inzwischen über 5000 Mitarbeiter beschäftigt werden. Auch der Umsatz wächst zurzeit am stärksten außerhalb Europas, besonders in Brasilien, Russland, Indien und China.


Da SAP einen großen Teil seiner F&E-Aktivitäten in die Regionen verlegte (oder ver­legen musste), die ein starkes wirtschaftliches Wachstum aufweisen, bleibt es auch von den Problemen dieser Regionen nicht verschont. Das zeigt sich z.B. an den Fluktuationsraten. Im Jahre 2010 betrug die Fluktuation in Europa 5,6%, in Amerika 9,8% und in Asien 15,1%. Der Durchschnitt lag bei 9%. Die durchschnittliche Firmen­zugehörigkeit liegt bei 6,4 Jahren. Das hat Vor- und Nachteile.

Obwohl SAP eindeutig das global am besten aufgestellte deutsche Informatik­unter­nehmen ist, könnte der Ruf unter Informatik-Absolventen noch besser sein. Die Firma müsste eigentlich auch für Kerninformatiker sehr interessant sein, und nicht nur für Wirtschaftsinformatiker.

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