Freitag, 17. Juni 2011

Informatik zu studieren ist wieder cool

Manchmal lohnt es sich bei Nachrichten, die über den großen Teich kommen, genauer hinzuhören. Jahrelang war zu hören, dass das Interesse an Natur- und Ingenieurwissenschaften (engl. science, technology, engineering, mathematics, abgekürzt STEM) im Argen liegt. Jetzt kommt eine gute Nachricht: Informatik zu studieren ist wieder attraktiv. Der Grund seien der Erfolg von Steve Jobs mit Apple und von Mark Zuckerberg mit Facebook, aber auch die Erfolge von Larry Page und Serge Brin von Google. Eine besondere Wirkung scheint von dem Film ‚The Social Network‘ auszugehen, der die Lebensgeschichte des heute 27 Jahre alten Zuckerberg erzählt. Der Sohn eines Zahnarztes aus White Plains, NY, hatte zwar ein Informatikstudium begonnen, es jedoch abgebrochen. Page und Brin haben ein abgeschlossenes Studium, nur ihre Promotion blieb auf der Strecke.

Mit dem Adjektiv ‚cool‘ bediene ich mich eines Begriffs, der bei uns den Weg von der Jugend- in die Umgangssprache geschafft hat. Er drückt eine sehr positive Bewertung aus, allerdings etwas locker. Auch die New York Times verwendet den Ausdruck in der (englischen) Überschrift eines Artikels zu diesem Thema. Von einem neuen Sputnik-Effekt spricht sogar einer ihrer Informanten. Bei einigen amerikanischen Universitäten, so Harvard und Stanford, soll sich die Zahl der Studienanfänger seit dem Jahr 2008 mehr als verdoppelt haben. Da die Bewerber eine bessere Motivation und mehr Vorkenntnisse mitbringen als Ende der 1990er Jahre, nimmt man an, dass es sich nicht nur um eine kurzfristige Blase handelt. 

Wie GI-Präsident Stefan Jähnichen im November 2010 feststellte, gibt es auch in Deutschland einen, wenn auch bescheidenen Aufwärtstrend bei den Studien­anfängern in Informatik (4% gegenüber Vorjahr). Die Frage ist, ob der oben erwähnte viel stärkere Zuwachs nur rein amerikanische Gründe hat – wobei der Wunsch Milliardär zu werden nicht allzu ernst genommen werden darf. Leider haben wir keinen Steve Jobs und keinen Mark Zuckerberg, sondern nur den Konrad Zuse, und der wäre heute über 100 Jahre alt, würde er noch leben. Dass er im Moment für die Informatik-Werbung entdeckt wurde, deutet auf eine gewisse Armut bezüglich jüngerer Vorbilder hin. Ähnlich wie bei uns für die MINT-Studiengänge, so wird auch in den USA verstärkt für die STEM-Fächer geworben. Sollte dies die Ursache für die Trendwende in den USA sein, so können wir hoffen, dass sie sich bei uns etwas zeitverschoben auswirkt, also 2-3 Jahre später als in den USA.

Auch die Idee einiger amerikanischer Universitäten, den Studiengang ‚Computer Science‘ neu zu überdenken, finde ich beachtlich. Nicht das Handwerk des Programmierens steht dabei im Vordergrund, sondern die tollen Dinge, die man mit Rechnern oder Robotern machen kann. Ist man davon angetan, lernt man auch noch das Programmieren, oder aber lässt es von andern Leuten machen. In einem anderen Beitrag hatte ich diese Thematik bereits angeschnitten und auf die Aussage zugespitzt, dass Deutschland keine Programmierer mehr benötigt, sondern nur noch Systemarchitekten.

Ob unsere Hochschulen diese Änderung in den Anforderungen erkannt haben, weiß ich nicht. Noch bin ich mir im Klaren, ob man bereit und in der Lage ist, die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Als Aufklärung Jugendlicher reicht es nicht ihnen zu verkünden, dass Rechner inzwischen fast überall drin sind. Das wissen sie längst. Genauso witzlos ist es, immer wieder zu erklären, was Informatik ist  Entscheidend ist ihnen zu sagen, wofür man bei uns in Zukunft die Informatik nutzen will.

Es ist längst erwiesen, dass vor allem Mädchen sich vom Nutzen einer Tätigkeit her ansprechen lassen. Nur bei Jungen soll auch der Spieltrieb (auch Freude an der Technik genannt) eine Rolle spielen. Auf empirische Belege für diese Aussage wurde im Informatik-Spektrum im Jahre 2007 verwiesen. Die Aussicht, zunächst trockene Theorie büffeln zu müssen, hat schon immer Jungen wie Mädchen abgeschreckt – vor allem wenn man nicht versteht, wozu sie benötigt wird. Welche unserer Hochschulen wirbt schon damit, dass man bei ihr lernen kann, welche Apps die Nutzer in Zukunft haben möchten, oder was dem Autobauer, dem Fernfahrer, dem Pizzabäcker, dem Touristen, dem Studierenden, dem Rentner oder dem Kranken helfen könnte? Zum Helfen gehört, dass man andern Menschen das Leben leichter macht oder angenehmer gestaltet.

Wenn der GI-Präsident vor kurzem in einer GI-Glosse angab, dass er zehn Gründe kenne, warum jemand Informatik studieren soll, ist es erstaunlich, dass dieser Grund ihm dabei nicht einfiel. Zu seinen Gunsten hoffe ich, dass ihn nicht die Angst bewegte, sich zu weit vorzuwagen, sondern dass es für ihn zu selbstverständlich war, um es zu erwähnen. Zwei Sätze aus dem oben erwähnten Beitrag im Informatik-Spektrum darf ich daher in Erinnerung rufen:

Aus Sicht der Praxis besteht [das Ziel des Informatik-Studiums] bekanntlich darin, das Planen, Entwickeln, Bewerten, Einführen und Pflegen von Informatik-Systemen zu erlernen. Natürlich sind alle dafür relevanten Fähigkeiten und Techniken auch weiterhin unverzichtbar. Sie sind aber nicht Selbstzweck, sondern werden eingesetzt als Mittel zur Lösung von wirtschaftlich oder gesellschaftlich relevanten Aufgaben.

Generell fehlt es nicht an Leitfiguren, nur kommen sie in Deutschland derzeit vorwiegend aus Politik, Sport, Literatur, Kunst und Unterhaltung. Aus der Informatik kämen erfolgreiche Unternehmens­gründer, Pioniere neuer Anwendungen, sowie Entwickler und Erfinder in Frage, wobei Frauen noch in der Minderzahl sein dürften.

PS. Dies war Eintrag Nummer 74 in diesem Blog. Er stammt vom GI-Mitglied Nummer 0074. Soviel der Zahlenmystik.

Nachtrag: Auch zur Frage der Leitbilder habe ich mir später etwas einfallen lassen. Lesen Sie bitte die Beiträge vom 21.6.2011 und 3.7.2011 betitelt ‚Unternehmer und Erfinder aus der Informatik‘

1 Kommentar:

  1. Ein sehr schöner Artikel.
    Dieser Attraktivitätszuwachs kommt der Brache sehr gelegen. Denn heute fehlen schon 43.000 Fachkräfte im IT-Bereich. Und nach BITKOM Schätzung haben im vergangenen Jahr nur 17.000 Studierende ihr IT-Studium auch abgeschlossen. (Quelle: http://www.marktundmittelstand.de/nachrichten/strategie-personal/it-studium-boomt/ )
    Informatikern stehen neben der IT-Branche auch in vielen anderen Bereichen vom Automobilbau bis zum Versicherungswesen viele Türen offen. Dieser weit gefächerte Bereich muss gedeckt werden, deshalb muss trotz der hohen Attraktivität weiter geworben werden.
    Gruß,
    W.

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