Mittwoch, 15. Juni 2011

Unzickers Tiraden auf den Wissenschaftsbetrieb

Nach mehrmaligen Empfehlungen von Kollegen habe ich inzwischen das Buch 'Vom Urknall zum Durchknall' von Alexander Unzicker gelesen. In der Beurteilung kann ich mich ganz der Rezension im Spektrum der Wissenschaft anschließen. Auch der zweite Kundenkommentator bei Amazon vermittelt einen ähnlichen Eindruck. Wenn man Lee Smolin und Bob Laughlin nicht gelesen hatte, kann man in der Tat beeindruckt sein. Unzicker haut derart kräftig auf Astronomie und Physik ein, dass man glauben muss, es mit einem einzigen riesigen Sumpf zu tun zu haben. Einerseits habe die Wissenschaft den Bezug zur Realität verloren, anderseits werde ihr Publikationsbetrieb nur noch von Seilschaften bestimmt. Nur ein Münchner Gymnasiallehrer wie er, der nicht am Tropf öffentlicher Forschungsförderung hängt, traut sich zu dies auch zu sagen und zu schreiben.

Das Buch ist gespickt mit Zitaten, Sinnsprüchen und Witzen. Diese allein können das Lesen rechtfertigen. Nachfolgend eine kleine Kostprobe, die ich mir merkte (in Klammern der Urheber, soweit angegeben):
  • Kosmologen sind oft im Irrtum, aber nie im Zweifel (Lev Landau)
  • Seit 75 Jahren jagt man der Dunklen Materie hinterher, ohne sie zu finden.
  • Die Dunkle Materie besteht natürlich aus Teilchen, von denen jedes mindestens die Masse unserer Sonne hat.
  • Mathematische Physiker haben es leicht. Aus der Sicht der Mathematik tun sie etwas sehr Nützliches. Aus Sicht der Physik dürfen sie alles tun, haben aber keine Verantwortung.
  • Simulationen des Kosmos sind dann am leichtesten zu machen, wenn man die baryonische Materie, also auch das letzte Stück Realität, weglässt.
  • Das MPI in Garching hat gerade die Entstehung des Kosmos simuliert. Aber um die Entstehung eines einzelnen Sterns, etwa unserer Sonne, zu simulieren, dazu reichen ihre Rechner noch nicht aus.
  • Da wo es keine Daten gibt, wird simuliert. Das geht besonders gut da, wo man auch nichts sehen kann, etwa in der Frühzeit des Kosmos, bevor sich das Licht ausbreiten konnte.
  • Jeder Narr kann die Dinge komplexer machen. Es gehört erheblich mehr Mut dazu, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen (Albert Einstein).
  • Computer sind nutzlos. Sie können nur Antworten geben (Pablo Picasso).
  • Die Wissenschaft ist aus Fakten gebaut, wie ein Haus aus Steinen. Eine Ansammlung von Fakten ist so wenig Wissenschaft wie ein Haufen Steine ein Haus ist (Henri Poincaré).
  • Die Stringtheorie ist 40 Jahre alt, so wie die DDR, nur ist noch kein Gorbachow in Sicht.
  • Mathematiker sind billiger als Physiker. Sie benötigen nur Papier, Bleistift und Mülleimer. Stringtheoretiker sind noch billiger. Sie benötigen nur Papier und Bleistift. NB: Es gibt über 6000 Veröffentlichungen zur Stringtheorie.
  • Preise suchen unerbittlich ihre Träger (Gerhard Polt). NB: Der Leibnizpreis ging bereits an einen Stringtheoretiker.
  • Keine Theorie sollte versuchen, alle Daten zu erklären. Denn bestimmt sind einige davon falsch (Richard Feynman).
  • Der Rechner hat sich gegenüber dem Denken durchgesetzt. Die Kontakte zur Beobachtung gingen verloren.
  • Würden Sie einem Mediziner trauen, der verspricht, ein Heilmittel gegen sämtliche Krankheiten zu entwickeln? Physiker aber dürfen nach der einheitlichen Weltformel suchen.
Hier noch ein paar weitere Zitate, die meinem Freund Hans Diel gefielen:
  • Der große Haken an den Simulationen ist, dass wir nicht sicher sein können, ob die zu Grunde liegenden Gleichungen [der Gravitation] überhaupt  stimmen.
  •  Wahrscheinlich befördern also die schön animierten Resultate nur unsere Illusion, wir hätten etwas verstanden.
  • Die Kernphysik liefert zwar Hunderte von Messwerten, aber keinen davon kann man wirklich berechnen.
  • Diejenigen unter Ihnen, denen Beweise durch Nichtsehen noch nicht verdächtig erscheinen, darf ich vielleicht darauf aufmerksam machen, dass man mit dem gleichen Recht behaupten könnte, das frühe Universum sei voller Weihnachtsmänner gewesen − nur durch den (un-) glücklichen Umstand der Inflation sehen wir sie so selten.
  • Statt als Beschreibung der Natur versteht sich die Physik immer mehr als Ideengeber für StarTrek.
  • Warum fallen alle Gegenstände nach unten? - Die die nach oben fallen, sind schon weg.
  • Die Intellektuellen machen aus Theorien Ideologien. Selbst in der Physik gibt es leider viele Ideologien. … Wer nicht mit der Mode geht, der steht außerhalb des Kreises derer, die ernst genommen werden (Karl Popper).
Wie gesagt, eine umfangreiche Sammlung von Aphorismen und Bonmots.

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