Freitag, 24. Februar 2012

Selbstzweifel der Physiker

Nach Lee Smolin und Bob Laughlin werden immer mehr Physiker von Selbstzweifeln befallen. Ganz zu schweigen von Alexander Unzickers Unflätigkeiten. Das ist hart für das Fachgebiet, dass einst als die Naturwissenschaft ‚par excellence‘ galt, die das Wesen der Dinge und die Welt erklärt. Es ist nicht Schadenfreude, die mich verleitet, wiederholt darauf hinzuweisen, sondern die Sorge, dass eigentlich kein Fachgebiet gegen derartige Phasen der Unsicherheit gefeit ist. Nach der Physik kann es die Biologie treffen oder die Medizin, aber auch die Mathematik und die Ingenieurwissenschaften. Damit sind wir bereits in der Nachbarschaft oder gar im Terrain der Informatik angelangt.

Die Zeitschrift ‚Spektrum der Wissenschaft` brachte im Februar-Heft 2012 einen Beitrag mit dem Titel: ‚Die Physik – ein baufälliger Turm von Babel‘ Er stammt von Tony Rothman, einem theoretischen Physiker der Universität Princeton

Ich empfehle jedem Naturwissenschaftler und Ingenieur die sechs Seiten zu lesen. Er wird sich unwillkürlich fragen, welche Annahmen liegen eigentlich meinem Fach zugrunde. Sind sie grundsätzlich anderer Natur als das, was Physiker glauben. Sie haben sich nicht verlesen: Die Physik ist in weiten Teilen eine Sache des Glaubens geworden, also des Fürwahrhaltens von Dingen, die nicht selbstverständlich oder beweisbar sind.

Um Sie nicht länger auf die Folter zu spannen, greife ich einige Zitate aus dem Artikel heraus. Es sind nur wenige.

Das vermeintlich stabile Bauwerk [der Physik]… sieht aus wie eine moderne Version von Pieter Bruegels Turm zu Babel – eine heruntergekommene Struktur aus isolierten Modellen, die durch schiefe Erklärungen notdürftig miteinander verbunden sind, kurz eine Monstrosität, die himmelwärts taumelt.

Die Unvereinbarkeit des zweiten Hauptsatzes [der Thermodynamik] mit andern grundlegenden Theorien der Physik bleibt vielleicht das größte Paradoxon der gesamten Disziplin.

Der Glaube, dass Gott ein Mathematiker ist, dürfte eher das Ergebnis selektiver Wahrnehmung sein… Denn nur verschwindend wenige physikalische Probleme besitzen exakte Lösungen.

Einstein drückte das…so aus: ‘Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit‘.

Denn wenn das Elektron endlichen Radius besitzt, …dann müsste es an seiner Peripherie mit Überlichtgeschwindigkeit rotieren.

Das am häufigsten benutzte Verfahren [um den Doppelspalt-Versuch zu erklären] vermeidet nicht nur den Kern des Problems, sondern ist auch noch mathematisch inkonsistent.

Sicher sind die Physiker bei der Beschreibung der Natur weiter vorangekommen als die Vertreter anderer Wissenschaften. Mit Verständnis sollte man dies aber nicht verwechseln.

Das klingt alles sehr nach Ernüchterung. Es gibt Anlass zur Hoffnung. Die Online-Diskussion auf dem Server der Zeitschrift gibt dem Autor weitgehend Recht. Befremdend ist allerdings der Hinweis eines deutschen Physikers, dass der deutsche Physikunterricht so viel besser sei als der amerikanische, so dass Schüler und Studenten bei uns keinen Grund zum Zweifeln und Klagen haben.

Überrascht bin ich immer wieder, wenn Zitate von Albert Einstein erscheinen, die mir bisher nicht bekannt waren. Er war nicht nur genial. Er besaß auch eine gesunde Skepsis. Sein Bauchgrimmen deutete oft auf Probleme hin, die wir auch heute teilweise nicht gelöst haben.

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