Samstag, 5. März 2016

Erasmus-Semester in Barcelona ̶ Abschlussbericht

Meine Enkeltochter, die in Stuttgart Elektrotechnik studiert, verbrachte das WS 2015/16 an der Universitat Polytécnica de Cataluña (UPC) in Barcelona. In einem ersten Bericht im Oktober 2015 hatte sie ihre anfänglichen Eindrücke geschildert. Hier ist der angekündigte Rückblick.

Studium und Prüfungen

Wie bereits im ersten Bericht dargelegt, habe ich an drei Vorlesungen teilgenommen. Alle diese Vorlesungen habe ich erfolgreich absolviert. Die Anmeldung zu den Vorlesungen konnten in den ersten beiden Wochen noch geändert werden, danach war es verpflichtend und gab es keinen Schwund an Studenten mehr. Ganz anders als an der Uni Stuttgart, an der bei den Vorlesungen keine Anwesenheitspflicht herrscht und die Prüfung am Ende des Semesters der einzige Leistungsnachweis ist. Die Prüfungen werden erst in der Mitte des Semesters angemeldet und können eine Woche vorher noch abgemeldet werden. Entsprechend würde ich den Schwund an Studenten dort höher einschätzen.

Die Prüfungen an der UPC waren auf eine Bearbeitungsdauer von drei Stunden angesetzt. Verlangt waren alle Aufgaben. In der Prüfung durften wir  ̶   wie auch aus Stuttgart gewohnt  ̶   alle Hilfsmittel außer Kommunikationsgeräte benutzen. Am meisten halfen hierbei die Notizen, die eigenhändig während der Vorlesung angefertigt wurden. Ein klassisches Skript gab es nicht und die PowerPoint-Folien der Professoren dienten lediglich als Gedächtnisstütze. Wer während der Vorlesung kaum aufgepasst hat, hatte bei der Prüfung schlechte Karten. Die meisten Prüfungen wurden sehr schnell korrigiert, bereits nach zwei Wochen bekamen wir die Ergebnisse. Dies ist mit Sicherheit auch auf die geringe Anzahl an Studenten pro Vorlesung zurückzuführen. In Stuttgart darf man je nach Beliebtheit und Art der Vorlesung an die zwei Monate auf die Ergebnisse warten. Die Benotung in Spanien erfolgt auf einer Skala von 0 bis 10 Punkten. Zusätzlich erhält jeder Student eine Rückmeldung, wie er im Vergleich zu den anderen Studenten abgeschnitten hat. Die Noten der anderen Studenten waren nicht in jeder Vorlesung einsehbar. Die Umrechnung in das Süddeutsche Notensystem wird mit der sogenannten Bayerischen Formel durchgeführt.


Bayerische Formel: Anerkennung von Prüfungsleistungen an der Uni Stuttgart (Rechnung von der Seite des Internationalen Zentrums (IZ) der Uni Stuttgart: http://www.ia.uni-stuttgart.de/asb/faq/docs/Bayerische_Formel.pdf)

Die Anerkennung erfolgt anschließend durch den Prüfungsausschuss des Studienganges. Ich gehe davon aus, dass ich zwei der Vorlesungen sicher anrechnen lassen kann. Die Anrechnung der dritten Vorlesung (IBSM) ist noch unklar und bedarf einer ausführlichen Rücksprache mit dem Prüfungsausschuss.

Ergänzende Vorlesungen in Stuttgart

Parallel zu den Vorlesungen an der UPC in Barcelona habe ich drei Vorlesungen an der Uni Stuttgart belegt, um dort den Anschluss zu behalten. Ich habe mir dabei bewusst Vorlesungen ausgesucht, zu denen Aufzeichnungen oder Live-Streams angeboten werden, sodass ich an diesen bequem aus Spanien teilnehmen konnte. Ich habe an den Vorlesungen Automatisierungstechnik 2 (IAS), an Softwaretechnik 2 (IAS) und an Stochastische Signale (ISS) teilgenommen. Bei der Vorlesung  Stochastische Signale des Institutes für Signale und Systeme (ISS) handelt es sich um eine Grundlage für viele weitere Vorlesungen des ISS, die ich im kommenden Sommersemester belegen möchte. Deshalb waren mir das erfolgreiche Absolvieren und die Teilnahme an dieser Vorlesung besonders wichtig. Dass die Prüfungszeit an der Uni Stuttgart einen Monat nach der an der UPC begann, kam mir dabei sehr gelegen. Die Prüfungstermine wurden gut entzerrt und dadurch die Lernzeit deutlich entspannter als für gewöhnlich, wenn man für dieselbe Anzahl an Prüfungen einen kleineren Zeitraum hat.

Stadt, Kultur und Leute

Die größten Umstellungen von Spanien auf Deutschland waren selbstverständlich die Sprache und die Umgebung. Ich musste mich erst wieder daran gewöhnen, dass alle Menschen um mich herum deutsch sprechen. Gerade in den ersten Wochen war das sehr ungewohnt. Weniger Gewöhnungszeit bedarf die Umstellung, nicht mehr in einer Großstadt zu leben. Ich habe mich schon auf die Ruhe auf dem Land gefreut, doch ich vermisse auch die tollen Möglichkeiten, die Barcelona als Stadt geboten hat. Direkt um die Ecke konnte ich alles kaufen, was ich brauchte und ich war nur eine Straße vom Platz des Geschehens, der Rambla entfernt. Nach nur wenigen Gehminuten war man mitten im Geschehen und irgendetwas hatten die Katalanen immer zu feiern. Natürlich war auch die Temperatur eine Umstellung. Zwar ist es ein milder Winter in Deutschland, doch Barcelona konnte das mit fast 20°C im Januar noch toppen. Wer kann schon von sich behaupten, im Januar im Mittelmeer gebadet zu haben? Mein Eindruck bezüglich den Katalanen hat sich im Vergleich zu meinem ersten Erfahrungsbericht nicht verändert. Sie sind deutlich kontaktfreudiger als die Deutschen, aber vielleicht nicht ganz so sehr wie die Spanier. In Barcelona muss man auf jeden Fall bei den vielen Taschendieben und Trickbetrügern aufpassen. Besonders, wenn man mit dicken Koffern gerade vom Flughafen kommt und wie ein typischer Tourist aussieht.

Ausflüge und Reisen

Wenn man die Möglichkeit hat, für ein halbes Jahr in einer fremden Stadt in einem fremden Land zu leben, dann ist dies die perfekte Gelegenheit, möglichst viel von der Stadt und der Umgebung mitnehmen. Auf diese Weise kann man ebenfalls viele neue Leute kennenlernen oder die Beziehung zu den Kommilitonen stärken. Während meines Aufenthaltes in Barcelona habe ich viele Ausflüge unternommen. Von einigen davon, habe ich bereits im ersten Erfahrungsbericht erzählt. Montserrat, Girona, Sitges und Tarragona würde ich jedem, der sich in der Region aufhält und etwas Zeit mitbringt, dringend empfehlen. Am Ende des Semesters nach den Prüfungen bot sich mir durch die freie Zeit die Gelegenheit, zusammen mit zwei Kommilitonen eine zweitägige Rundreise durch Nordkatalonien zu unternehmen.

Für die Reise haben wir uns ein Auto am Flughafen gemietet und früh morgens ging die Reise los. Auf der Karte 1 ist unsere Fahrtstrecke vom ersten Tag zu sehen.


Karte 1: Erster Tag

Von Barcelona aus sind wir direkt nach Vic gefahren. Vic ist bekannt für seine Kathedrale mit den Wandmalereien und seinen Marktplatz, der von Gebäuden aus der Barockzeit eingeschlossen ist. Es war sehr schön, die Stadt im Sonnenaufgang zu besichtigen und zu sehen, wie das Leben dort langsam erwacht.



Bild 1: Der Marktplatz von Vic

Nach dem morgendlichen Aufenthalt in Vic, sind wir zum Frühstücken zu dem Stausee Pantà de Sau gefahren. Als wir dort ankamen, hing ein dicker Nebel über dem Wasser, sodass man leider kaum etwas sehen konnte. Anschließend ging es hinauf in die Berge. Rupit i Pruit und Tavertet waren unsere Ziele.



Bild 2: Rupit

Nach einem Mittagessen direkt am Abgrund von Tavertet, fuhren wir zu dem „Dorf über dem Abgrund“ Castellfollit de la Roca. Es begann bereits zu dämmern.



Bild 3: Castellfollit de la Roca

Es war schon dunkel, als wir in Besalú und Banyoles ankamen. Von Kataloniens größtem See konnten wir daher leider nicht viel sehen. Umso schöner war es in Besalú. Auf einem Platz hat ein kleines Streichorchester gespielt und die Katalanen haben dazu ihren Volkstanz getanzt. Die dadurch erzeugte Stimmung war unglaublich.


Bild 4: Der katalanische Volkstanz

Am Ende des Tages kamen wir erschöpft aber glücklich in unserer Unterkunft in Figueres an. Wir ließen den Tag mit einer kleinen Stadterkundung ausklingen.



Bild 5: Dali-Museum in Figueres

Am nächsten Tag brachen wir nach einem guten Frühstück in unserem Hostel auf. Unsere Reiseroute für den zweiten Tag, kann er folgenden Karte entnommen werden.



Karte 2: Zweiter Tag

Unser erster Halt an dem frühen Morgen war „das weiße Dorf“ Cadaqués am Cap Creus. Wir waren von der Schönheit dieses Anblickes überwältigt. Nach einem Rundgang am Meer entlang, gingen wir in der Nähe von Cadaqués, am Leuchtturm von Cap Creus wandern. Die Gebirgsformationen und die Aussicht waren den beschwerlichen Aufstieg wert.



Bild  6: Cadaqués

Danach ging es weiter nach Empúriabrava und Empúries. Empúriabrava wird auch „das katalanische Venedig“ genannt, da er von vielen Kanälen durchzogen wird. Auch reiht sich dort eine Villa an die nächste, wodurch einem der Blick auf die Kanäle mit den angrenzenden Villen und Yachten einen atemberaubenden Anblick bietet. Nach der Besichtigung der Stadt traten wir die Heimreise die Costa Brava hinunter mit Zwischenstopps in Tossa del Mar und Lloret del Mar an. Lloret del Mar war von allen Städten, die wir auf unserem Nordkatalonien-Trip kennenlernen durften, die belebteste. Wir kamen erst sehr spät dort an, es war bereits dunkel, doch die Gassen und Geschäfte waren noch mit viel Leben gefüllt. Schließlich gehört Lloret del Mar auch zu einem der bekanntesten Touristenziele an der Costa Brava.

Nochmals: Stadt Barcelona

In Barcelona gibt es unzählige Angebote an Stadtrundgängen. Ich habe zusammen mit einigen Kommilitonen an einer Gaudi-Führung von FreeCityTours teilgenommen. Unser Führer konnte uns alle mit der Begeisterung für Gaudi und dessen Zeit und Werke anstecken. Gaudi hat in Barcelona nicht nur die Sagrada Familia und die Gaudi-Häuser entworfen. Sein erstes Großprojekt wird alltäglich gesehen, aber durch den unwissenden Betrachter nicht direkt als Kunstwerk wahrgenommen: Die Pflastersteine am Passeig de Gracia. Während unserer Tour haben wir diese auch genauer unter die Lupe genommen und konnten viele Merkmale entdecken, die die damalige Zeit widerspiegelten. Generell lässt sich der Modernisme in der Architektur an drei Merkmalen erkennen: Eisen, Drachen und Natur.

Persönliches Fazit

Der Auslandsaufenthalt hat mir sehr gut gefallen. Ich kann es wirklich jedem nahelegen, so etwas auch einmal zu machen. Ich habe unglaublich viele Erfahrungen gesammelt und ein besseres Gefühl für fremde Kulturen und Menschen bekommen. Man muss dafür natürlich eine ganze Menge an Organisationsarbeit auf sich nehmen und wie bereits im ersten Bericht bemängelt, bekam ich dabei nicht besonders viel Hilfe. Nun hoffe ich, dass die Anerkennung meiner an der UPC absolvierten Leistungen klappt, sodass ich durch den Auslandsaufenthalt kein Semester verliere.

Nach meinem Auslandssemester wurde ich von meiner Stuttgarter Betreuerin u.a. gefragt, ob ich mich nun mehr als Europäerin fühle. Das konnte ich mit einem klaren „Ja“ beantworten. Ich habe sehr viele Menschen (überwiegend Studenten) unterschiedlicher Länder und Kulturen kennengelernt. Ich hatte vermehrt Kontakt zu anderen Erasmus-Studenten und da war der gemeinsame Gedanke an ein Europa das, was uns verbunden hat. Wir sind alle Europäer und ich hoffe, dass diese Gemeinschaft bestehen bleibt.

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