Montag, 16. Mai 2016

Aufklärung – historischer Prozess und heutige Relevanz

Bei meiner Beschäftigung mit dem Islam und dem Mittelalter stieß ich immer wieder auf die Aufklärung. Es ist dies das Gedankengut oder eigentlich der geistige Prozess, der das Abendland zu dem machte, was es heute von anderen Weltgegenden unterscheidet. Bekanntlich dient die Geschichtsschreibung oft dem Zweck, heutige Meinungen und Sichten zu legitimieren. Sie liefert dann einen begrifflichen und gedanklichen Rahmen für heutiges Geschehen. Man nennt dies auch einen Narrativ. Es wird versucht, die Quellen des Stromes zu finden, der uns heute so mächtig erscheint. Vergleichbar ist dies zu der Jahrhunderte langen Suche nach den Quellen des Nils (lat. caput nilis).

Geschichte als Narrativ

Oft wird Geschichte nicht so erzählt wie es tatsächlich war, sondern wie wir haben wollen, dass es hätte geschehen sollen. Zwei bekannte Beispiele sind Demokratie und Aufklärung. In beiden Fällen wird die Geschichte überhöht. So wird Griechenland allgemein als die Wiege der Demokratie gefeiert. Dabei war dies eine Phase von etwa 30 Jahren, in denen nur der Stadtstaat Athen demokratisch regiert wurde und nicht das ganze Land. Dass dabei Frauen und Sklaven kein Wahlrecht hatten, und anschließend wieder eine Tyrannei ausbrach, wird meist unterschlagen.

Ähnlich verhält es sich mit der Aufklärung. Es ist eine historische Episode von genau 100 Jahren, wenn man Ereignisse in drei europäischen Ländern hintereinander fügt. Es begann in England um 1689 und setzte sich in Frankreich und Preußen fort. Länder wie Spanien, Italien, Österreich, Skandinavien und Russland nahmen an dem Prozess nicht teil. Sie waren nicht einmal berührt davon. Auch Bayern, Baden, Württemberg, Sachsen, Schlesien und das Rheinland spielten keine Rolle. Aus großdeutscher Perspektive, für die Preußen in den letzten 200 Jahren das Narrativ lieferte, sind dies ja alles vernachlässigbare Randgebiete.

Außer in England endete die Aufklärung mit einem Riesendebakel. In Frankreich kam der Einschnitt 1789 mit einem äußerst blutigen und totalitären Ereignis, der so genannten großen Revolution. In Preußen blieben Unruhen aus, dennoch bewirkte die dortige Monarchie die Rückkehr zum Stand vor der Aufklärung, auch als Restauration bezeichnet. Trotzdem hat die Aufklärung eine enorme und geradezu mystische Wirkung hinterlassen, was das Selbstverständnis Europas anbetrifft. Es ist der Teil unserer Geschichte, der uns Heutigen nützlich erscheint.

Glorreicher Auftakt in England

Als einflussreichster und originellster Initiator der Aufklärung gilt John Locke (1632-1704). Viele glaubten damals, dass es die Wahrheit überhaupt nicht gäbe und dass Menschen unfähig wären, sie zu erkennen. Locke, der als Privatlehrer für die Kinder eines Lords tätig war, meinte jedoch, das Licht des Verstandes reiche ziemlich weit; allerdings nicht beliebig weit. Das sei aber kein Grund, ihn nicht einzusetzen. Was kann ich wissen? fragte er sich. Er kam zu dem Ergebnis, alles ist sinnliche Erfahrung. Die politischen Verhältnisse in England veranlassten ihn von 1683 bis 1689 nach Den Haag ins Exil zu gehen.

Als die englischen Lords Angst bekamen, dass ihr katholischer König Jakob II. zu sehr dem französischen König Ludwig XIV. nachahmen würde, - der hatte 1685 das Toleranzedikt von Nantes widerrufen – überredeten sie dessen holländischen Schwager, Wilhelm III. von Oranien, ins Land zu kommen. Der verjagte Jakob II. und übernahm den englischen Thron zusätzlich zu seinem holländischen. Damit rettete er nicht nur den Protestantismus, er gestand den Lords auch alle Rechte ein, die sie haben wollten. Er und seine Frau unterschrieben die Bill of Rights, ehe sie vom Parlament als König bzw. Königin anerkannt wurden.

Nach dieser ‚Glorreichen Revolution‘ kam auch Locke wieder zurück nach England. Seine Ideen standen fortan hoch im Kurs. Er argumentierte, dass die Gleichsetzung von väterlicher, erblicher und königlicher Gewalt unhaltbar sei. Stattdessen solle der Staat ein Gemeinwesen (engl. common wealth) sein zum Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum (engl. life, liberty and estate). Der Staat solle vor allem das Recht haben, sich zu verteidigen und Bedrohungen abzuwehren. Für das Seelenheil seiner Bürger soll er jedoch nicht zuständig sein. Es gäbe keinen Grund, warum Heiden, Juden oder Muslime von den bürgerlichen Rechten des Gemeinwesens ausgeschlossen werden. Bei Papisten (Katholiken) und Atheisten war er nicht bereit, ihnen diese Rechte auch einzuräumen. Seit Heinrich VIII. waren Päpste in England unbeliebt, da sie sich für das Schlafzimmer ihres Königs interessierten.

Wer sich nicht überzeugen lässt, den kann man lächerlich machen, meinte Locke. Am besten wirke da englischer Humor (engl. good humor). Sein Erziehungsideal war das des Gentleman, der die Selbstachtung mit der Achtung anderer verbindet. Sein bekanntester Schüler hat als Anthony Ashley Cooper, Third Earl of Shaftesbury einige seiner Ideen verbreitet und verbessert. Für Schwärmer, die irrlichternden Offenbarungen folgten wie die Quäker, hatten weder Locke noch er viel übrig.

Blutiges Intermezzo in Frankreich

Erst nach 1715, dem Todesjahr Ludwig XIV., begann es auch in Frankreich zu rumoren. Dabei gaben sich französische Philosophen als wesentlich kritischer und respektloser aus als ihre englischen Kollegen. Sie glaubten weder an Gott, noch an die unsterbliche Seele. Sie neigten zu Materialismus und Atheismus. Sie wollten nicht tugendhaft sein; noch erhofften sie einen Lohn im Jenseits. Anstatt von einem personifizierten Gott redeten sie von einem höheren Wesen. Der Protestantismus war ihnen genauso zuwider wie der Katholizismus.

Voltaire (1694-1778) war bereits als junger Mensch im Pariser Staatsgefängnis, der Bastille, gelandet. Mit einer Sondererlaubnis des Königs durfte er 1726 nach England ausreisen. Dort blieb er drei Jahre, um – wie er sagte – denken zu lernen. Im Jahre 1731 erschienen seine Philosophische Briefe, in denen er für individuelle Freiheit und religiöse Toleranz warb. Das gilt heute als die erste (intellektuelle) Bombe gegen das Ancien Regime in Frankreich. Er verglich darin Lockes Empirismus mit Descartes Rationalismus. Bei Isaac Newton (1643-1727) lobte er die gelungene Kombination von Empirie und mathematischen Berechnungen. In Frankreich wurde das Buch verboten und zur Vernichtung verurteilt. Der Autor fand für die nächsten 15 Jahre ein Versteck bei einer adeligen Bekannten (Mme. de Chatelet), ehe er bis 1749 ins Ausland ging. Er kehrte erst 1778 nach Paris zurück, wo er noch im selben Jahr starb.

Denis Diderot (1713-1784) war ein eifriger Leser von Voltaires Schriften. Nach der Lektüre Shaftesburys schreibt er sein erstes Buch. Danach übersetzte er ein medizinisches Lexikon aus dem Englischen ins Französische. Ein philosophisches Buch von ihm wird verurteilt und verbrannt. Er selbst landete im Gefängnis von Vincennes. Zu den Gesinnungsgenossen, die ihn dort besuchen durften, gehört Jean-Jacques Rousseau (1712-1778). Er war der Sohn eines Genfer Uhrmachers. Er wurde berühmt, als er zweimal die Preisfragen der Akademie von Dijon erfolgreich beantwortete. (1) Verbessern Kunst und Wissenschaft den Menschen? (2) Was ist der Ursprung der Ungleichheit zwischen Menschen? Seine Antworten lauteten: Nur der Naturzustand des Menschen ist gut. Die Zivilisation ist die Ursache aller Übel.

Noch im Gefängnis hatte Diderot mit seinem Freund Jean d’Alembert (1717-1783) damit begonnen an einer Enzyklopädie des Wissens zu arbeiten. Nach seiner Entlassung arbeiteten Diderot und d‘Alembert noch weitere 20 Jahre daran. Als der letzte Band 1772 erschien, umfasste das Werk etwa 73.000 Beiträge. Es wurde ein Erfolg für die Drucker. Das Aufklärerische daran war, dass es die Philosophie über die Theologie setzte und die wissenschaftliche Forschung über den religiösen Glauben. Großzügig benutzte man englische Vorarbeiten, vor allem von Locke und Newton. Die Enzyklopädie wurde von Papst Klemens XII. auf den Index gesetzt. Von dem in Paris lebenden Paul Heinrich Dietrich von Holbach (1723-1789) aus Edesheim bei Landau stammten etwa 400 Beiträge zu Geologie, Physik und Chemie. Da nicht alle Beiträge namentlich gekennzeichnet sind, können es auch über 1000 gewesen sein. Nach ihm wurde ein Pariser Zirkel von Aufklärern benannt, die Holbach-Clique (franz. coterie Holbach). Auch der Engländer David Hume (1711-1776) besuchte diesen Kreis hin und wieder, fiel aber dadurch auf, dass er zu wenig anti-religiös war. Als Hume vorgab, keinen Atheisten zu kennen, teilte ihm Holbach mit, dass 15 von 18 der anwesenden Gäste Atheisten seien, nur drei hätten sich noch nicht entschieden.

Bekanntlich nahm die Aufklärung in Frankeich 1789 ein abruptes Ende, als ein radikalisierter Mob die Bastille stürmte. Das anschließende Terror-Regime zerstörte schließlich alle humanitären Träume. Auch Napoléon knüpfte an feudalistischen Traditionen an, als er sich selbst zum Kaiser krönte und mit dem Papst versöhnte.

Akademisches Nachbeten in Preußen

Im europäischen Vergleich war der deutsche Teil der Aufklärung im Wesentlichen ein akademisches Geraune in einem Berliner Club, unterstützt durch Papiere eines in 500 km Entfernung einsam in seinem Kämmerchen vor sich hin denkenden Philosophen. Dass Immanuel Kant (1724-1804) überhaupt gehört wurde, verdankt er seiner Berliner Fan-Gemeinde. Die Brücke bildete ein Arzt namens Marcus Herz (1747-1803), der in Königsberg Philosophie-Vorlesungen bei Kant gehört hatte.

Ehe ich kurz auf Kant eingehe, möchte ich zuerst einen weiteren Berliner Aufklärer erwähnen, und zwar Moses Mendelssohn (1729-1786). Er war 1750 von dem Seidenhändler Bernhard Isaak als Hauslehrer für dessen Kinder eingestellt worden und begann 1754 als Buchhalter in dessen neu gegründeter Seidenfabrik. Er lernte den ehemaligen Theologie- und Medizinstudenten Gotthold Ephraim Lessing kennen, der ihm half philosophische Texte und Literaturkritiken zu veröffentlichen. Obwohl nicht Mitglied, wurde er von der Gesellschaft der Freunde der Aufklärung (Berliner Mittwochsgesellschaft) immer wieder zu Stellungnahmen gebeten, so auch zu der Frage ‚Was ist Aufklärung?‘ Er vertrat die Meinung, dass uneingeschränkte Gedanken- und Redefreiheit entscheidend seien. Die Grenzen der Aufklärung sollten nicht durch Gesetze und Zensurmaßnahmen, sondern vom einzelnen Aufklärer durch Aufrichtigkeit und Abwägung von Umständen und Zeit bestimmt werden. ‚Aufklärung hemmen, ist in aller Betrachtung und unter allen Umständen weit verderblicher, als die unzeitigste Aufklärung. …  Das Übel, welches zufälligerweise aus der Aufklärung entstehen kann, ist außerdem von der Beschaffenheit, dass es in der Folge sich selbst hebt. Bildung sei Maß und Ziel aller Bestrebungen. Bildung bestehe aus Kultur (Praxis wie Handwerk, Kunst und Sitten) und Aufklärung als Theorie, die miteinander dialektisch verschränkt seien.‘ Im Jahre 1770 wurde er von dem Schweizer Pfarrer Johann Caspar Lavater öffentlich aufgefordert, entweder in aller Form das Christentum zu widerlegen oder selber Christ zu werden – was er ablehnte.

Kant hatte Locke, Leibniz, Descartes, Rousseau und Voltaire gelesen. Er verschob die Frage nach Gott und der Unsterblichkeit der Seele ins Transzedente. Sie könne nicht beantwortet werden. Er übernahm Lockes philosophisches Programm und wollte den Menschen von der fremdgeleiteten Unmündigkeit befreien. Der Mensch solle den Mut haben, sich des eigenen Verstands zu bedienen. Im Jahre 1780 legt Kant sein Hauptwerk vor, die Kritik der reinen Vernunft. Nur weil Marcus Herz dafür warb, wurde es überhaupt gelesen. Mendelssohn legte es zur Seite und las es erst nach drei Jahren. [Ich selbst habe mich letztes Jahr durch seine 750 Seiten gequält].

In dem 1785 vorgelegten Werk Grundlegung der Metaphysik der Sitten findet sich Kants so genannter Kategorischer Imperativ. Bei Kant folgt die Religion aus der Moral; nicht umgekehrt. Der Mensch gibt sich das Gesetz, nicht Christus (wie bei Locke). Mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelm II. wird 1794 in Preußen die Zensur eingeführt. Sie richtet sich auch, oder insbesondere gegen die Aufklärung. Kant fühlt sich veranlasst an seinen König zu schreiben. Offenbarung und Überlieferung seien für die Religion zufällig und nicht wesentlich, schrieb Kant.

Übriges Deutschland, Europa und USA

Der Geist der Aufklärung hinterließ deutliche Spuren im deutschen Geistesleben des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Als Beispiel seien die Gebrüder Humboldt und Georg Forster (1754-1794) erwähnt. Wilhelm von Humboldt war allerdings nicht Jahrzehnte lang  ̶  wie man irrtümlich den Erzählungen seiner Epigonen entnehmen könnte  ̶  sondern nur 15 Monate für die preußische Kultur- und Bildungspolitik tätig. Er bat um seine Entlassung und wollte wie schon vorher preußischer Botschafter beim Vatikan werden (nicht gerade als Hort der Aufklärung bekannt). Seinen Bruder Alexander zog es zuerst nach Südamerika, dann nach Paris. Georg Forster, ihr enger Freund, trat in den Dienst des Mainzer Kurfürsten, ehe er sich der Mainzer Republik zur Verfügung stellte.

In der Politik verlief die Entwicklung weniger günstig. Kaiser Josef II., ein Anhänger Kants (ein 'Kantianer'), versuchte die Aufklärung von oben einzuführen. Das wurde ihm von der Bevölkerung übel genommen. Er musste zurückrudern und einige seiner Maßnahmen wie die Auflösung religiöser Orden rückgängig machen. Während die französischen Revolutionstruppen in Deutschland einfielen, träumte Kant vom Ewigen Frieden. Er besetzte damit die idealistische Ecke für die deutsche Intelligenz. Sein Kollege Hegel sah im französischen Kaiser sogar den Weltgeist am Werk, als dieser ganz Europa mit Krieg überzog. Nach Napoléons Abgang erhielten in Mitteleuropa Macht- und Realpolitik wieder die Überhand. Es kam zum Stabwechsel von Metternich auf Bismarck. Beide Staatsmänner drückten dem Geschehen einen sehr autokratischen Stempel auf. Vom Geiste der Aufklärung blieb in der Politik der 150 Jahre zwischen 1789 und 1945 so gut wie nichts übrig. Von Bismarck führte Deutschlands Weg fast gradlinig zu Hitler.

Lockes Ideen wurden der Kern dessen, was amerikanische Siedler 1774 in Philadelphia als unveräußerliche Menschenrechte forderten. Die Suche nach Glück (engl. pursuit of happiness) kam noch hinzu. Die amerikanische Politik bot seither  ̶  von Unterbrechungen abgesehen  ̶  einen Hort der Hoffnung für das geplagte Europa. Es war Woodrow Wilson, der Kants Idee eines Völkerbunds aufgriff und zumindest kurzzeitig realisierte. Die 1945 von Franklin D. Roosevelt maßgeblich geprägten Vereinten Nationen sind heute die größte Hoffnung der Menschheit.

Heutige Relevanz der Aufklärung

Aus kulturgeschichtlicher Sicht ist die Aufklärung eine genau 100 Jahre andauernde Epoche. Das Wort Aufklärung legt nahe, ihren Effekt als einen nicht zu begrenzenden Prozess aufzufassen. Ein vor Hitler geflüchteter Österreicher wurde nach 1945 quasi zum Fahnenträger einer wiederbelebten Aufklärung. Karl Popper (1902-1994) ersetzte Kants idealistisches Spätwerk vom Ewigen Frieden mit seiner Idee der Offenen Gesellschaft. Die Erkenntnistheorie Kants, die von einer heute naiv erscheinenden Wissenschaftsgläubigkeit geprägt war, entwickelte er weiter zu einer Wissenschaftstheorie, bei der die Unsicherheit unseres Wissens eine zentrale Rolle spielt. Sein Denken hat viele heutige Politiker und Wissenschaftler beeinflusst.

Auch die berühmt berüchtigten 1968er dürfen sich als Aufklärer (im Sinne eines unbegrenzt fortdauernden Prozesses) betrachten. Ihre Protagonisten, zu denen Theodor Adorno gehörte, hatten das Ziel sicherzustellen, dass im Bildungswesen die Geisteswissenschaften und die Sozialwissenschaften eine größere Bedeutung haben sollten als die Naturwissenschaften. Eine so genannte Frankfurter Schule verschrieb sich dem Ziel, das „Projekt der Moderne“ zu vollenden. Zwar kämpften sie nicht mehr gegen Aristokratie und Kirche, aber auch sie bildeten sich ein, dass zum Beispiel alle Professoren, die in Talaren auftraten, auf die Abfallhalde der Geschichte gehörten. Man müsste den Weg frei machen für ungewaschene junge Männer, die meist in Bärten daherkamen, einschließlich sich ähnlich präsentierender junger Frauen. Sie zogen prinzipiell alles in Zweifel, was die Gesellschaft ihrer Väter für gut und richtig gehalten hatte. Jeder über 30 galt ihnen als verdächtig. Sie sahen sich nicht selten als Pazifisten, liebten es aber, sich mit den Ordnungskräften unseres demokratischen Staates anzulegen.

Schlussbemerkung

Mit der Französischen Revolution fand die historische Phase der Aufklärung ein jähes Ende. Auch auf das letzte Aufzucken in Form der 1968er Bewegung folgte die Rote-Armee-Fraktion (RAF), die eine blutige Spur durch ganz Westeuropa zog. Fürs Narrativ, das die jeweiligen Enkel zu hören bekamen, wurden in beiden Fällen die historischen Fakten stark retuschiert. Aus den anfangs rein geistigen Morden wurden rituelle Morde. In einem Falle war es das von dem Arzt Joseph-Ignace Guillottin erfundene Fallbeil, das zum Symbol wurde. Im anderen Falle war es eine Kalaschnikow, die über dem Foto des Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer schwebte.

Als Quelle dieses Beitrags diente neben Wikipedia vor allem das Buch von Manfred Geier [1]. Es schildert viele Details der Periode, die man mit dem Begriff Aufklärung gleichsetzt. Es überrascht nicht, dass das Wort Aufklärung auch in aktuellen Buchtiteln als Magnet dient. Als Beweis dienten mir die Bücher von Dorrit Schindewolf [2] und Ossi Urchs und Tim Cole [3]. Diese beiden Bücher greifen Themen auf, von denen die Autoren glauben, dass dafür heute aufklärerischer Geist benötigt würde, oder bereits schon am Werke sei. Dass Aufklärung von einer Technik wie dem Internet begünstigt wird, können nur Technikmuffel leugnen.

Sonstige Referenzen
  1. Manfred Geier: Aufklärung  ̶  Das europäische Projekt. 2012
  2. Dorrit Schindewolf: Was bedeutet Aufklärung für uns? 2013
  3. Ossi Urchs, Tim Cole: Digitale Aufklärung  ̶  Warum uns das Internet klüger macht? 2013

Kommentare:

  1. Hartmut Wedekind aus Darmstadt schrieb:

    Ohne den Bildungsbegriff, mit das Wichtigste der ganzen Erhellung (Enlightment) bleibt das ein Torso.

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    1. Ich hatte erwähnt, was Locke und Mendelssohn bezüglich Bildung sagten. Kant, Humboldt und Adorno halte ich für verzichtbar.

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  2. Otto Buchegger aus Tübingen schrieb:

    Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Wunsch nach einem Brexit und der erfolgreichen Aufklärung in England?

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    1. Ja. An der Aufklärung zeigt sich sehr schön der Unterschied zwischen englischem (und amerikanischem) Pragmatismus und dem kontinentalen Staats- und Philosophie-Verständnis. Die Episode mit David Hume in Paris ist bezeichnend.

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  3. Hans Diel aus Sindelfingen schrieb:

    Eine gelungene Aufklärung über die "Aufklärung".

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  4. Peter Hiemann aus Grasse schrieb:

    die Bedeutung des Begriffs 'aufklärerische' Denkweise, wie er von an Wissen orientierten Wissenschaftlern benutzt wird, geht weit darüber hinaus, wie Historiker und Philosophen über die 'aufklärerische' Epoche in Europa und USA erzählen.

    Diderots leidenschaftlich und unermüdlich betriebenes Projekt „Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers“ (Enzyklopädie oder ein durchdachtes Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke) spricht in diesem Sinn eine eigene Sprache.

    Der Webseite der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen entnehme ich: „Die Aufklärungszeit ist eine besondere Epoche für die Wissenschaftsgeschichte. Tatsächlich entwickelte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts, was wir heute unter Wissenschaft verstehen, nämlich Spezialistentum. Noch im 17. Jahrhundert zeichnete eine allgemeine Gelehrsamkeit einen „Wissenschaftler“ aus. Ein Gelehrter vor der Aufklärung beschäftigte sich mit allen neuen Erkenntnissen. Er konnte Philosoph, Mediziner und Theologe in einem sein, ohne es so zu benennen, denn Fachdisziplinen entwickelten sich erst im Zuge der Aufklärung.“

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  5. Es gibt kaum ein Thema, bei dem sich die Meinungen zwischen Idealisten und Praktikern derart unterscheiden, wie beim Humboldtschen Bildungsideal.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal

    Es setzt die so genannte Allgemeinbildung (das was niemand braucht) über die Berufsbildung (das was alle brauchen). Alle seit 200 Jahren als nötig akzeptierten Reformen werden als Abweichungen vom Ideal beklagt, zuletzt alles, was mit der Bologna-Reform zusammenhängt.

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  6. Peter Hiemann schrieb:

    In einem anderen Zusammenhang mache ich mir gerade Gedanken zum Thema Wissen und Leidenschaft. Meines Erachtens gilt Alexander von Humboldt als eine Persönlichkeit, bei dem Wissensdrang mit Leidenschaft gepaart war, und der es verstand, 'einfache' Leute mit seinen Kosmos-Vorträgen zu begeistern.

    Am Ende des 18. im 19. Jahrhundert gab es Eliten, die existierendes Wissen, oft gegen den Willen privilegierter Eliten, der Allgemeinheit verfügbar machen wollten. Im 20. Jahrhundert und am Beginn des 21. Jahrhundert versuchen dominierende Eliten, privilegiertes Wissen mit ihnen verfügbaren Mitteln durchzusetzen, ohne die Allgemeinheit an ihrem Wissen teilhaben zu lassen.
    Ist es ein Illusion zu erwarten, dass existierende Eliten in der Lage sein könnten, Wissen uneigennützig zum Vorteil der Allgemeinheit zu entwicklen und einzusetzen? Auch gegen den Willen privilegierter Eliten? Wissen gepaart mit Leidenschaft kann sehr mächtig sein.

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  7. Humboldts Bildungsideal richtete sich (vermutlich) an die Kinder anderer Adeliger. Stand bisher die rein militärische Ausbildung im Vordergrund - und das nicht nur, aber besonders in Preußen - so sollte jetzt eine (schön-) geistige Bildung hinzukommen. An Dinge wie den Broterwerb zu denken, das geziemt sich für Adelige nicht.

    Damals wollte der Staat Preußen zwar wirtschaftlich aufsteigen. Deshalb hätte es ihm gut getan, wenn er die gewerbliche Qualifikation seiner Untergebenen verbessert hätte.

    Die moralische Erziehung und die Förderung des Weltverständnisses, um die sich Wilhelm von Humboldt ausschließlich Sorgen machte, überschreitet - wenn man John Lockes Maßstäbe anlegt - die Aufgaben des Staates. Nationalsozialisten und Kommunisten (wie Margot Honnecker) sahen dies natürlich anders. Ich meine nicht, dass Steuergelder dafür ausgegeben werden müssen, um unnützes Wissen in die Köpfe zu bringen. Für Hobbies und Freizeitgestaltung sollte jeder selbst aufkommen.

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  8. Rul Gunzenhäuser aus Stuttgart schrieb:

    Gefühlsmäßig war ich immer der Auffassung, dass diese "Bewegung" in Europa viel breiter angelegt worden sei und entsprechend breiter wirkte. Auch die Einflüsse auf die Allgemeinbildung habe ich mir stärker vorgestellt. Vom Bildungsideal der Aufklärung hatte ich u. a. aus folgendem Grund mehr erwartet:

    Durch die (pädagogischen) Einflüsse von Rousseau und seinen "Anhängern" - in Deutschland z. B. Johann Friedrich Herbart (1776-1841) - wurde als mittelbare Folge der Aufklärung das öffentliche Schulwesen für viele Schüler spürbar reformiert. Die klassischen Lateinschulen (Gymnasien) wurden – allerdings erst ab 1830 - durch Realschulen und Oberrealschulen (mit Reifeprüfung) ergänzt. Auch in die Lehrpläne der Volksschulen wurden zunehmend Themen der Naturwissenschaften - oder zumindest deren Propädeutik - aufgenommen. Es entstanden aller Orten sogenannte "Gewerbeschulen" für die Ausbildung von Handwerkern und Technikern. Aus den Höheren Gewerbeschulen entstanden sogar Technische Hochschulen wie Karlsruhe und Stuttgart. Ich sehe daher eine "Breitenwirkung" von Ansätzen, die m. E. auf didaktische Forderungen und Ansätzen von "Aufklärern" zurückgehen.

    Ich möchte nicht so weit gehen, auch Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) zu den "Aufklärern" zu rechnen. Es schrieb z.B.: "Das höchste Ziel der Erziehung ist die Emporbildung der inneren Kräfte der Menschennatur in bildender Nähe zu Natur und Menschen." Bildung war für ihn so etwas wie "Selbstentfaltung der Grundkräfte und Fähigkeiten von Verstand, Gefühl und Schaffen". Das klingt heute philosophisch-pädagogisch "verschraubt", hat aber zur Gründung und Gestaltung von Kindergärten (heute ein internationaler Begriff) viel beigetragen.

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