Samstag, 7. Januar 2012

Steve Jobs (1955-2011) - ein moderner tragischer Held

Als Steve Jobs' Todesnachricht Anfang Oktober 2011 erschien, befasste ich mich in diesem Blog nur mit diesem Ereignis und der Art, wie es aufgenommen wurde. Da ich selbst keine direkten Beziehungen zu Jobs hatte, enthielt ich mich jedweden Kommentars zu seiner Person. Inzwischen erschien die von seiner Frau autorisierte Biographie. Der Autor heißt Walter Isaacson. Von ihm stammen Biographien von Benjamin Franklin, Albert Einstein und Henry Kissinger. Das Buch schildert auf 700 Seiten die vielen Facetten einer interessanten Persönlichkeit. Da mich Jobs sowohl als Kollege wie als Mensch fasziniert hatte, habe ich das Buch mit großem Interesse gelesen. Im Folgenden gebe ich eine kurze Zusammenfassung der mich besonders beeindruckenden Aspekte. Es sind dies vor allem Jobs unverkennbare Spuren in der Zeit- wie der Industriegeschichte, mit besonderem Augenmerk auf die Auswirkungen auf die Informatik.

Als Schlüssel zu seiner Persönlichkeit dienen sowohl das aus dem amerikanischen Schmelztiegel hervorgegangene Erbe wie die kalifornische Umwelt seiner Jugendzeit. Man erkennt deutlicher levantinische als deutsche Charakterzüge, stammte doch sein leiblicher Vater aus einer syrischen Familie und seine leibliche Mutter von deutschen Einwandern in Wisconsin ab. Er wurde sicherlich auch von seinem Adoptivvater geprägt, einem auf Autos fixierten Technikfreak. Am deutlichsten sind die geistigen Strömungen zu erkennen, denen er während seiner Pubertät in den späten 1960er Jahren in Kalifornien ausgesetzt war. Der frühe Kontakt mit der Hippie-Gegenkultur, inklusive Rauschgift, der Abbruch des Studiums und die Suche nach Erleuchtung bei buddhistischen Weisen in oder aus Indien haben dort ihre Wurzeln.  

Durch Tätigkeiten bei den Firmen HP und Atari gewann er früh Erfahrungen in den technischen Berufen. Erst das Zusammentreffen mit dem vier Jahre älteren Steve Wozniak legte seinen Weg fest. War der geniale Wozniak lediglich daran interessiert, seine Freunde mit seinen Erfindungen zu beschenken, sah Jobs primär das geschäftliche Potenzial. Nur mit Mühe konnte er Wozniak dazu bewegen, seiner Sicht zu folgen. Ihr erstes Produkt, die so genannte Blue Box adressierte noch im Prinzip einen illegalen Markt. Sie ermöglichte es, im Netz einer Telefongesellschaft kostenlos zu telefonieren. Auch das nächste Produkt, der Apple I, war ähnlich dem Altair, ein Rechner für Spieler und Bastler. Erst der noch vollständig von Wozniak entworfene Apple II sah wie ein heutiger PC aus, mit Tastatur, Bildschirm und eingebautem Diskettenlaufwerk. Er kam 1971 heraus und eröffnete 10 Jahre vor dem IBM PC das PC-Zeitalter. Er wurde 15 Jahre lang gebaut und 800.000 Mal verkauft.

Nach einem Besuch bei Xerox in Palo Alto im Jahre 1982 erkannte Jobs in den dort entwickelten Interaktionskonzepten (Maus, Ikonen und Bitgrafik) das Rechner- und Software-Modell der Zukunft. Er erwarb die Rechte und begann die Entwicklung eines Rechners namens Lisa, in dem er diese Konzepte verwirklichte. Inzwischen war von dem ehemaligen Informatikprofessor Jef Raskin in der Firma Apple ein Projekt gestartet worden, das einen einfach zu benutzenden Rechner unter 1000 $ hervorbringen sollte. Dieses Projekt mit dem Namen Macintosh erweckte bei Jobs sein spezielles persönliches Interesse. Die (unglückliche) Folge davon war, dass der Rechner funktional stark erweitert wurde, und damit sein Kostenziel verfehlte. Raskin verließ die Firma, ebenso Wozniak, der wollte, dass man den Apple II erweiterte. Der Lisa-Rechner wurde zwar noch vor dem Macintosh angekündigt, wurde jedoch kein Erfolg. Als auch der Macintosh nicht wie erwartet einschlug, kam Apple in große finanzielle Schwierigkeiten. Der Marktanteil sank von 16% auf 4%. Das Geschäft ging an den IBM PC und die kompatiblen Nachbauten von Compaq und Dell. Der Firma drohte das Aus. Der von den Geldgebern eingesetzte Vorstandsvorsitzende John Sculley hatte keine Wahl und musste Steve Jobs 1986 vor die Tür setzen. 

Jobs konnte mehrere technisch versierte Kollegen dafür gewinnen, mit ihm zusammen eine neue Firma zu gründen. Er nannte sie NeXT und legte als erstes die Werbestrategie und den Design eines neuen Produktes fest. Entstehen sollte ein Arbeitsplatzrechner für Wissenschaftler, Techniker und sonstige kreativ Schaffende. Er bot auch als einer der ersten literarische Stoffe als kostenlose Beigabe an, so die vollen Texte sämtlicher Werke Shakespeares. Erst mit erheblicher Verzögerung ging der Rechner in Produktion, erreichte aber die geplanten Verkaufszahlen bei weitem nicht. Jobs fand ein weiteres Betätigungsfeld in der Filmindustrie. Er übernahm schließlich die Firma Pixar und produzierte computer-generierte Filme. Mit dem Film ‚Toy Story‘ konnte das Studio sogar einen Oscar gewinnen. Jobs war damit nicht nur mehr ein gescheiterter Informatik-Visionär, sondern wurde als ein künstlerischer Genius und nationaler Held berühmt.

Zehn Jahre nach seinem Ausscheiden bei Apple erhielt Jobs eine zweite Chance. Apple hatte sich immer mehr verzettelt und suchte nach der Dotcom-Blase einen Retter. Jobs Freunde, an ihrer Spitze Larry Ellison von Oracle, drängten ihn dazu, sein Prestige dafür einzusetzen, um der Firma Apple einen neuen Weg zu zeigen. Der Schritt wurde vollzogen, indem Apple die Firma NeXT übernahm. De facto lief dies auf die Übernahme einiger seiner treuesten Weggefährten hinaus, sowie auf das Ausschlachten des Betriebssystems der NeXT-Computer.

Jobs sah in der Konzentration der Firma Apple auf Computer inzwischen eine große Schwäche. Andererseits sah er ungenutzte Chancen in der Musikindustrie. Er sah, dass diese Branche durch das Herunterladen von digitalen Raubkopien sehr unter Druck war, aber nicht in der Lage zu sein schien, darauf adäquat zu reagieren. Seine Lösung war iTunes in Verbindung mit dem iPod. Er überzeugte alle maßgeblichen Musikproduzenten, in dem zunächst auf Apple-Hardware beschränkten Markt den Einzelverkauf von Titeln zum Preis von 99 Cent zu versuchen. Das Projekt wurde ein voller Erfolg. Sehr zögerlich stimmten die Musikproduzenten zu, iPod und iTunes auch im viel größeren Windows-Markt anzubieten. Alsbald generierte das iPod die Hälfte von Apples Umsatz.

Als nächstes griff er den Telefonmarkt an. Mit dem iPhone schuf er einen mobilen Zugang zum Internet, der vor allem durch den Berühr-Bildschirm andere im Markt vorhandene Geräte alt aussehen ließ. Mit dem Tablettrechner iPad brachte er schließlich ein software-mäßig zum iPhone verträgliches Gerät heraus, mit dem die Lektüre längerer Texte oder das Abspielen von Videos dem mobilen Nutzer zumutbar wurden. Beide Geräte spornten die Entwicklung von Anwendungen an, die Kamera, Internet und GPS zu interessanten Lösungen verknüpfen. Es entstand ein boomender neuer Markt, ohne dass das System geöffnet werden musste. Dabei erwies sich iTunes als eine ausbaufähige Plattform, die riesige Mengen von Musikstücken, Videos, Anwendungen (Apps genannt) und dergleichen bei Millionen von Nutzern effektiv verwaltete und abrechnete. Es verschaffte Apple einen deutlichen Vorsprung im digitalen Konsumgütermarkt. Da Apple das Herunterladen von Anwendungen auf maßgebliche Konsumgeräte in der Hand hat, hat sich die Firma nicht nur eine mächtig sprudelnde Einkommensquelle geschaffen, sie kann teilweise das Geschehen im Markt kontrollieren. Sie gewann Einfluss auf das Geschäftsgebaren einer ganzen Branche und hat sogar die Chance, das Problem der Schad-Software in den Griff zu bekommen. Viele Ansätze, die von andern Unternehmen versucht wurden, waren weniger effektiv.

Ausgehend vom drohenden Bankrott machte Jobs Apple innerhalb von 10 Jahren zu der wertvollsten Firma der Welt, ausgedrückt im Wert ihrer Aktien. Der Erfolg ist auf mehrere von Jobs verfolgte technische Prinzipien zurückzuführen, die in der Branche teilweise heftig umstritten waren. So war er fest davon überzeugt, dass leicht benutzbare Systeme nur aus der Symbiose von Hardware und Software entstehen können. Das führte zu einer Bevorzugung von geschlossenen Systemen. Er versuchte die Nachteile offener Systeme zu vermeiden. Er stieß dabei immer wieder auf Grenzen und musste mehrmals Kompromisse schließen, z.B. indem er Produkte von Microsoft oder Adobe auf seinen Rechnern zuließ. Umgekehrt war er bereit, in den neuen von ihm erschlossenen Märkten, wie beim iPhone und iPad, die Koexistenz mit Rechnern anderer Hersteller zu akzeptieren, obwohl er weiterhin eigene Computer entwickelte.

Er hielt die äußere Anmutung eines Produkts für entscheidend für dessen Erfolg. Deshalb stand ein modernes Industrie-Design im Mittelpunkt. Zuerst half ihm der aus Deutschland stammende Designer Hartmut Esslinger, später nahm sein Mitarbeiter Jonathan Ive diese Aufgabe wahr. Für Jobs hatte Benutzbarkeit immer einen hohen Stellenwert. Als Weg dorthin plädierte er für die Reduktion der Funktionen. Insbesondere entlastete er die portablen Endnutzer-Geräte wie iPod und iPhone von vielen Funktionen, da er davon ausging, dass hierfür der Nutzer einen PC zur Verfügung hatte. Vor allem aber verstand er es, seinen Produkten einen Kultcharakter zu verleihen. Das begann mit der von ihm selbst zelebrierten Produktankündigung und setzte sich fort im Aussehen der Verpackung, der Architektur der Läden und in den Aussagen der Werbung. Er vermochte es auf diese Weise, Produkte auf einem wesentlich höheren Preisniveau durchzusetzen als die Konkurrenz, ohne sich in der Leistung wesentlich unterscheiden zu müssen. Außerdem war er besessen davon, für seine Produkte einen adäquaten künstlerischen Stil zu finden, der sie über das Niveau von technischen Gebrauchsgegenständen heben würde. Er wiederbelebte einerseits den Bauhaus-Stil von Walter Gropius und Mies van der Rohe, andererseits wurde er von der Strenge japanischer Zen-Gärten inspiriert.

Jobs hat nicht nur die Marke Apple gerettet. Er hat die gesamte Informatik-Branche zu neuen Ufern geführt. Schon seit 30 Jahren sprachen fast alle Experten von der bevorstehenden Integration aller Medien. Viele haben es versucht und scheiterten. Nur Jobs fand den richtigen Weg, einmal weil er besser als andere die Denkweise kreativ-schaffender Künstler verstand, andererseits weil er die Zähigkeit besaß, um mit ihnen (und ihren Rechteverwaltern) zu verhandeln und bereit war, Lösungen zu suchen, die allen Interessenten gerecht wurden. 

Da Jobs zu den Hauptaktionären der Firma Apple gehörte, ist ihr Erfolg auch für ihn persönlich signifikant gewesen. Obwohl er in seinem Gebaren das Hippie-Image wahrte, wurde er zum Milliardär. Sein Vermögen wurde auf etwa acht Mrd. $ geschätzt. Jobs erkrankte 2003 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er lebte mehrere Jahre im Bewusstsein des nahen Todes und musste mehrmals Schaffenspausen einlegen. Im Oktober 2011 erlag er schließlich seinem Leiden.

PS. Das Buch von Isaacson enthält natürlich sehr viele Aspekte, die hier nicht erwähnt sind. Das beginnt mit Frauen, Freundschaften und Hobbys, sowie dem Umgang mit Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Konkurrenten und endet mit Jobs' tragischer Krankheitsgeschichte.

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