Mittwoch, 11. Dezember 2013

Rätselhaftes Zentralafrika von Mungo Park bis Al Qaida

Der Teil Afrikas, der südlich der Sahara-Wüste beginnt, war für Europäer lange Zeit ein großes Rätsel. Nach den Phöniziern drangen die Araber und Portugiesen an der Westküste nach Süden vor. Der Araber Ibn Battuta kam im 14. Jahrhundert im Osten bis Mogadischu, im Westen bis nach Tanger. Nachdem sie Kap Mogador umschifft hatten, gelangten die Portugiesen bis in den Golf von Guinea. Neben Guinea-Bissau wurde die Insel Fernando Po ihr Stützpunkt. Als die Engländer im 18. Jahrhundert die USA verloren und sich mit Kanada begnügen mussten, begannen sie sich für Afrika zu interessieren.


Einer der ersten, der zuerst privat und dann im Staatsauftrag die Sahelzone erforschte, war der Schotte Mungo Park. Eine private ‚African Association‘, zu der der Botaniker Joseph Banks den Kontakt hergestellt hatte, finanzierte die Reise. Ein englischer Handelsvertreter in Gambia besorgte ihm ein Pferd und zwei afrikanische Begleiter auf Eseln. Er erreichte 1796 den Niger bei Bamako, geriet aber danach in die Gefangenschaft von Arabern. Völlig mittellos und demoralisiert konnte er fliehen. Er war von da an allein unterwegs und vollkommen auf die Hilfe Einheimischer angewiesen. Er wurde schließlich von einem einheimischen Sklavenhändler aufgenommen und lebte sieben Monate bei ihm (in Kamalia). Nach Ende der Regenzeit konnte er sich einer über 70-köpfigen Sklavenkarawane nach Gorée in Gambia als Begleiter anschließen. Von dort gelangte er an Bord eines Sklavenschiffs in die Karibik und dann 1797 zurück nach England.

Sein Reisebericht ‚Travels in the Interior of Africa von 1799 wurde ein Bestseller und gilt noch heute als Klassiker. Er enthält sehr viel Information über Land und Leute. Die mohammedanischen Araber aus dem Norden gebären sich als Unterdrücker gegenüber den Negern im Süden, gleichgültig ob diese den Glauben des Propheten Mohammed angenommen haben oder nicht. Besonders ausführlich beschreibt Park den Sklavenhandel. Er vermutet, dass seine Ursprünge in der Antike liegen und dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung sich in der Sklaverei befindet. Nach seiner Rückkehr übte Park den Beruf eines Landarztes im schottischen Hochland aus.


„Ansicht von Kamalia“, Tafel aus Parks Erstausgabe

Im Herbst 1803 versuchte die englische Regierung Park für eine zweite Reise zu gewinnen. Man bewilligte ihm, was er wollte. Sein Schwager (Alexander Anderson) und ein Freund (der Zeichner George Scott) fuhren mit. Die Besatzung bestand aus einem Leutnant, zwei Seeleuten, einem Sergeant, einem Korporal und 33 einfachen Soldaten. Diese konnte er in dem Sklavenumschlagplatz Gorée in Gambia anwerben, und zwar unter solchen, die dorthin strafversetzt worden waren. Zu den 45 Europäern kamen noch 20 afrikanische Handwerker, darunter vier Schiffszimmerleute, die vor Ort Boote bauen sollten. Unterwegs kaufte er noch fünfzig Esel und sechs Pferde. Die Karawane startete im Juni 1805 mit Verspätung erst zu Beginn der Regenzeit und benötigte doppelt so viel Zeit wie ursprünglich geplant, um bis Bamako zu gelangen. Vom Einsetzen der Regenzeit bis zur Ankunft am Niger starben 31 Personen, d.h. zwei Drittel der Mannschaft, an Krankheiten und Erschöpfung. Park ließ dennoch ein primitives Boot bauen und setzte sich flussabwärts in Bewegung. Alle erhaltenen Briefe an Angehörige, Freunde und Gönner belegen seine Entschlossenheit. Außer durch die üblichen Geschenke machte er sich die afrikanischen Anwohner des Flusses gewogen, indem er versprach, dass nach der Entdeckung der Mündung des Niger englische Händler die begehrten europäischen Güter (Waffen, Werkzeuge) direkt liefern würden und so der sehr teure arabische Zwischenhandel ausgeschaltet würde. Genau das rief jedoch den erbitterten Widerstand der Araber hervor.


Park passierte die Stadt Timbuktu, ohne sie zu besuchen, weil es ihm zu gefährlich erschien. Obwohl sein Schwager nach langer Krankheit starb, wollte er bis zur Mündung des Niger vorstoßen. In Bussa wurde er im Februar 1806 von einem starken Verband der Tuareg angegriffen und kam dabei ums Leben. Sein einheimischer Führer überlebte und geriet in Gefangenschaft. Erst Jahre später nach seiner Freilassung erfuhr die Welt durch ihn Einzelheiten. Park soll auf dem letzten Teil der Reise sich sehr brutal gegen alle Angreifer gewehrt haben und viele von ihnen getötet haben. Die Suche nach Park bzw. seiner Leiche, an der sich auch Parks zweiter Sohn Thomas beteiligte, blieb erfolglos. Erst 1830 wurde das Mündungsdelta des Nigers entdeckt. Der Strom erwies sich aufgrund der vielen Stromschnellen als sehr wenig geeignet für den Transport von Handelsgütern ins Landesinnere.

Das Gebiet um Timbuktu gehört heute zu Mali. Der deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth hielt sich in britischem Auftrag von September 1853 bis April 1854 in der Stadt auf. Ihm wurde sowohl über Mungo Parks Erscheinen berichtet, als auch über andere Europäer, die Timbuktu zwar erreichten, jedoch ihre Reise nicht überlebten (Alexander Gordon Laing, René Caillé). Wegen seiner baulichen Schätze gilt Timbuktu heute als Weltkulturerbe. Besonders bemerkenswert sind die vielen arabischen Handschriften aus dem mittelalterlichen Andalusien, die sich teilweise im Privatbesitz befinden.


Anfang 2012 rückte Mali ins Licht der Weltöffentlichkeit. Im Verbund mit Söldnern, die aus Libyen zurückkehrten und der Al Qaida nahestanden, versuchten Tuaregs den nördlichen Teil des Landes zu erobern. Sie erklärten dessen Unabhängigkeit (als Republik Azawad) vom südlichen Mali. Im März 2012 kam es in der malischen Hauptstadt Bamako zu einem Militärputsch gegen den Präsidenten, dem vorgeworfen wurde, den Aufstand nicht entschlossen genug zu bekämpfen. Als frühere Kolonialmacht sah sich Frankreich Anfang 2013 veranlasst mit Truppen einzugreifen. Sie konnten einige der besetzten Städte wiedererobern, unter anderem Timbuktu.

Hier hatten die Islamisten bereits einige historische Denkmäler zerstört. Neben den Lehmmoscheen haben auch einige Manuskripte (des Institut des hautes études et de recherches islamiques Ahmed Baba) gelitten, obwohl die Mehrzahl rechtzeitig in Sicherheit gebracht wurde. Außerdem wird von Menschenrechtsverletzungen in Form von Auspeitschungen, Amputationen und Hinrichtungen berichtet. Inzwischen verstärken mehrere westafrikanische Staaten die Truppen der Zentralregierung und hoffen die Islamisten weiter zurückzudrängen.

Kommentare:

  1. Dieser Beitrag wurde vom Förderverein der Stadtbibliothek Trier veranlasst. Im November schrieb ihr Leiter Prof. Dr. Michael Embach die Mitglieder an, und bat um Spenden für die Restauirierung alter Bücher. Dieses Mal hatte er 40 alte Reiseberichte ausgewählt. Ich fühlte mich angesprochen und wählte eine Ausgabe des Reiseberichts von Mungo Park von 1800. Nachdem ich den Auftrag erteilt hatte, las ich noch einmal den Text in der e-Book-Fassung des Projekts Gutenberg. Man will ja wissen, wofür man zahlt.

    Dieser Tage wurde mir mitgeteilt, dass ich im Falle Mungo Parks nur der zweitschnellste Spender war. Ein anderer Bücherfreund war mir zuvorgekommen. Zum Glück hatte ich keine Schwierigkeiten, ein anderes interessantes Buch zu finden. Ich entschied mich für die Persienreise des Olearius (Adam Öhlschläger) von 1656. Bei meinem Besuch in Isfahan ließ ich mich seierzeit von ihm leiten.

    Wie fast immer bei meinen Lese-Abenteuern entstand anschließend ein Blog-Beitrag. So auch bei Mungo Park. Dass ich auch den Olearius noch einmal lesen werde, will ich nicht versprechen.

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  2. Bereits am 11.12.2013 schrieb Calvin Arnason aus Portland, Oregon:

    I am impressed with this kind of curious and dangerous exploration and its influence on thought. I believe geographical exploration and the enlightenment were synergistic. Today such connected exploration exists in weaker form with the study of physics - THAT great unknown continent.

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