Mittwoch, 12. November 2014

Prägen Romantik und Idealismus (immer noch) die deutsche Seele?

Als Romantik wird in der deutschen Kulturgeschichte die Zeit zwischen 1795 und 1848 verstanden. Im Westen Deutschlands, also meiner Heimat, ist es die Zeit vom Beginn der französischen Besatzung bis zum Scheitern der demokratischen Revolution. Die Wörter Romantik und romantisch bezeichnen heute einen Zustand starker Gefühlsbetontheit, verbunden mit der Sehnsucht nach einer verklärten, ja idealen Welt. Der Drang nach Unendlichkeit gehört dazu, sowie die Forderung nach völliger Subjektivität, Individualisierung, Freiheit und Unabhängigkeit, verbunden mit einer Vorliebe für das Traumhafte, Wunderbare, Unbewusste und Übersinnliche. Wir verbinden die Romantik mit Namen wie Novalis, Eichendorff und den Brüder Grimm, aber auch mit Lortzing, Richard Wagner und Ludwig II. von Bayern. Es war eine Gegenbewegung zur Aufklärung. 

Demgegenüber fasst der Begriff Idealismus unterschiedliche Strömungen und Einstellungen zusammen, die „hervorheben, dass die Wirklichkeit in radikaler Weise durch Erkenntnis und Denken bestimmt ist, oder dass Ideen die Fundamente von Wirklichkeit, Wissen und Moral ausmachen. Im engeren Sinn wird als Vertreter des Idealismus bezeichnet, wer annimmt, dass die physikalische Welt nur als Objekt für das Bewusstsein oder im Bewusstsein existiert oder in sich selbst. Eine typische Form des deutschen Idealismus verbindet sich mit Namen wie Hölderlin, Schelling und Hegel. Ihre geistige Heimat war das evangelische Stift der Universität Tübingen. 

Heutige Erscheinungsformen 

Sowohl romantische wie idealistische Vorstellungen haben im Leben der Deutschen eine große Rolle gespielt. Das gilt auch heute noch, im Jahre 2014. Man begegnet ihnen in vielen Lebensbereichen und Fachgebieten. Die Romantik treibt ihre Blüten bei Weihnachts- und Jahrmärkten,  Mittelalterfesten und Ritterspielen, Prozessionen und Wallfahrten. Ebenso bestimmt sie das Treiben von Heimat-, Schützen-, Trachten- und Wandervereinen. An Burgen und Schlössern, Sagen und Märchen, dem rheinischen Karneval und deutschen Gartenzwergen erfreuen sich Einheimische wie Touristen. Dabei geht es fast immer gegen die Vernunft, gegen das Rationale, gegen die Technik oder die Moderne. Es werden Probleme und Gefahren, Leid und Ungerechtigkeit ausgeklammert, ja das Alltägliche und Banale. Streng genommen steckt ein Stück Romantik auch im Programm der Grünen, der AfD, der Neo-Nazis und der Islamisten. Sie können und wollen sich nicht mit der gesellschaftlichen Realität abfinden. 

Eine von der Realität abgehobene Betrachtungsweise ist auch kennzeichnend für alle heutigen Anhänger des Idealismus. Sie sind eher in akademischen Kreisen zu finden als unter dem breiten Volk.

Blick nach anderswo 

Romantik und Idealismus gibt es auch in andern Ländern. Sie sind dort aber weniger bestimmend als in Deutschland. Besonders der Pragmatismus der Angelsachsen sticht als Gegensatz hervor. Es gibt dort weniger den  Streit zwischen Theorie und Praxis. Man darf mit einer unvollkommenen oder theoretisch nicht ganz durchdachten Lösung beginnen und verbessert diese Schritt für Schritt. Die Engländer können sogar eine Demokratie praktizieren, Jahrhunderte lang, ohne eine geschriebene Verfassung zu haben. Sie sprechen Recht, basierend auf dem Urteil von Laien.  

Die Romantik gibt es bei Angelsachsen, Franzosen und Russen auch, ist aber schwächer ausgeprägt als bei uns. Frankreich ist bekanntlich die Heimat des Rationalismus und der Aufklärung. In der Person Voltaires gab es eine Brücke nach Preußen, zu Friedrich dem Großen. Sie bestand nicht allzu lange. Danach übernahm die Romantik.  


Nachtrag am 13.11.2014:

In den Tagen als Alexander Gerst von der ISS zur Erde zurückkehrt, die ESA mit der Raumsonde Rosetta das Landegerät Philae auf dem Kometen Tschuri plaziert, die Terrororganisation Boko Haram immer noch hunderte Schülerinnen in Nigeria festhält, der IS weiterhin die syrische Stadt Kobane belagert, und die Präsidenten Obama und Xi sich auf langfristige Klimaziele einigen, sollte man sich eigentlich nicht nur mit Trends und Streitfragen der deutschen Vergangenheit befassen.


Die großen Fragen der Gegenwart und der Zukunft, welche die Menschheit als Ganzes berühren, sollten unserer Aufmerksamkeit nicht entgehen. Ich möchte daher in den kommenden Monaten versuchen, das Interesse der Beitragenden und der Leser wieder in diese Richtung zu lenken. Ob und wie weit es mir gelingt, wird sich zeigen. Eigentlich sind die bevorstehende Festtags-Saison und das Jahresende dafür besonders geeignet.


Nachtrag am 15.11.2014: 

Heute wies mich Hartmut Wedekind darauf hin, dass zum Deutschen Idealismus auch der Königsberger Kant und der Jenaer Fichte zu rechnen sind. Es gibt mehrere mögliche Erklärungen dieses Sachverhalts: 

(1) Meine Darstellung des Idealismus hatte einen süddeutschen Bias hin zum absoluten Idealismus. Sie erachtete die norddeutschen Beiträge als vernachlässigbar.
(2) Eine nationalbewusste deutsche Philosophie ist gründlicher als eine neutrale, wenn es um deutsche Beiträge geht.
(3) Die Südhessen denken eher an die Norddeutschen als Bayern, Franken und Schwaben. Ob sie als Norddeutsche (so genannte Fischköppe) kategorisiert sein wollen, ist eine andere Frage. 

Da Kant und Frege schon des Öftern gewürdigt wurden, würde es mich freuen, wenn man Hegel mal thematisieren könnte. Es gibt Leute, unter anderem in den USA, die mir klarzumachen versuchten, dass Hegel der einflussreichste deutsche Philosoph war.

1 Kommentar:

  1. Heute schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    Mir sind ein paar Aussagen Kants und Hegels über den Weg gelaufen, als ich Safranskis Buch "Romantik - Eine deutsche Affäre" gelesen habe. Beider Ansichten waren geprägt von den Ereignissen der Französischen Revolution, die sie als Zeitenwende, den Beginn einer neuen Epoche, gedeutet haben.

    Kant: "Ein solches Phänomen in der Menschheitsgeschichte vergisst sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Lauf der Dinge herausgeklügelt hätte."

    Hegel: "Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie herumkreisen, war das nicht gesehen worden, dass der Mensch sich auf den Kopf, d.i. auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut."

    Hegel war anscheinend der Ansicht, dass Gedanken die Welt verändern. Kant äußerte sich nicht eindeutig. Er könnte die Revolution als Wende zu mehr Humanität gedeutet haben. Ich denke, dass wir heute erkennen müssen, dass die Ereignisse der Welt die Gedanken verändert haben. Revolutionäre Ereignisse hatten ihre Ursachen in gesellschaftlichen Umständen, die nicht mehr toleriert wurden. Auch wissenschaftliche "Revolutionen" (Paradigmenwechsel) beruhten auf nicht mehr tolerierbaren Hypothesen. Man denke an die Auseinandersetzungen, denen Galilei oder Darwin ausgesetzt waren Sowohl Ereignisse als auch Gedanken sind gleichzeitig im Spiel. Sie bedingen sich gegenseitig, wenn es zu geistigen oder/und gesellschaftlichen Veränderungen kommt. Veränderungen betreffen alle Situationen, nicht nur revolutionäre Situationen.

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