Donnerstag, 16. Juli 2015

Wer möchte schon in langweiligen Zeiten leben?

Mögest Du in interessanten Zeiten leben – so heißt ein altchinesischer Fluch. Umgekehrt folgt daraus, dass es besser ist in langweiligen Zeiten zu leben. Schon lange habe ich Nachrichten nicht mehr im stündlichen Rhythmus verfolgt. Während der letzten vier Wochen lohnte es sich. Ich selbst kommentierte nur etwa jede zehnte Nachricht, die ich las. Ich spekulierte darüber, wie es wohl weitergehen könnte. Einige meiner E-Mail-Partner genossen dies. Die Ergänzungen zu meinem letzten Blog-Eintrag, der Griechenland betraf, hatte ich nach dem 13. Kommentar beendet. Gestern schickte mir mein Freund Peter Hiemann aus Grasse eine längere Mail, in der er über die heutige politische Situation reflektiert. Diese Ideen möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten. Am Tag vorher hatte Peter Hiemann mir geschrieben:

Die Ereignisse in Griechenland könnten beispielhaft auf weitere politische und gesellschaftliche Veränderungen in Europa hindeuten. Ich sehe nämlich Beispiele, wie Eliten, die existierende politische und ökonomische Systeme 'verteidigen', in die Defensive geraten sind. Insbesondere die ältere Generation der Sozialdemokratie.  

Dazu hatte ich bemerkt: Wo in Europa (oder anderswo) sehen Sie junge Idealisten, die wir beide unterstützen müssen? Seine Antwort:  

Ich kenne niemanden. Ihre Frage hat mich jedoch angeregt, ein paar meiner Gedanken offenzulegen: Ich kenne niemanden, der derzeit behaupten kann, er habe eine klare Vorstellung davon, wie und warum die zahlreichen gegenwärtigen Krisensituationen entstanden sind und wie sie überwunden werden könnten. Ich kenne einige, die mit  derzeitigen ökonomischen und politischen Verhältnisse unzufrieden sind und der Ansicht sind, dass derzeitige Ökonomen und Politiker nicht mehr glaubwürdig sind, wenn sie behaupten, Krisensituationen unter Kontrolle zu haben oder gar zukünftig vermeiden zu können. Ich weiß aus Presseberichten von Bevölkerungsgruppen (Tendenz steigend), die persönlich unter Not und Perspektivlosigkeit leiden und die Hoffnung auf Besserung ihrer Lage verlieren.  Frustrationen sind vielfältig, ob Schuldenkrise in Griechenland, Flüchtlingsdramen am Mittelmeer, Krieg in der Ukraine oder Terrorregime im Nahen Osten und Afrika. Die von Krieg und Terror direkt Betroffenen sind frustriert, weil sie sich nicht schützen können. Die von ökonomischer Not Betroffenen sind frustriert, weil sie hilflos sind, um ihre ökonomische Situation und Perspektive zu beeinflussen.  

Ein alter Herr sitzt in seinem komfortablen Glashaus [Hiemann meint sich selbst] und ist nachdenklich, weil er sich im weiteren Sinn für die gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustände mitverantwortlich sieht, seinen Kindern und Enkeln aber keine Weisheiten hinterlassen kann, wie unter heutigen Bedingungen Ungerechtigkeiten und Unfrieden, wenn schon nicht vermieden werden können, so doch wenigstens für Betroffene nicht zu lebensbedrohlichen Situationen führen. Der alte Herr kann lediglich ein paar Gedanken formulieren, die ihm durch den Kopf gehen. Wenn er Glück hat, findet er ab und zu jemanden, der daran interessiert ist, ein paar seiner Überlegungen nachzuvollziehen. Er rät Leuten, die im Glashaus sitzen, übrigens dringend davon ab, aufkommenden Frust mit Steinewerfen abzureagieren.  

Er ist überzeugt, dass weiterführende gesellschaftliche Vorstellungen nur auf der Basis weiterführender ökonomischer Einsichten gewonnen werden können. Es geht um Erkenntnisse,  welche positiven und negativen Einflüsse ökonomische Strategien und Verhaltensweisen auf Gesellschaftsverhältnisse besitzen und wie sie Gesellschaftsverhältnisse verändern. Neue Einsichten können gewonnen werden, wenn sowohl neues Wissens erarbeitet wird als auch Fähigkeiten zur Kommunikation verbessert werden. Letzteres betrifft vor allem auch die  emotionale Bewertung anderer  und fremder Vorstellungen (erfordert emotionale Intelligenz). 

Die Vorstellung, dass heute existierende ökonomische Unternehmen ausgleichende Eigenschaften sich selbst organisierender Systeme besitzen, ist eine Legende. Es ist erwiesen, dass Unternehmen die Tendenz besitzen, sich zu 'Monstern' zu entwickeln. Es ist auch erwiesen, dass ökonomische 'Monster' der Gesellschaft schaden. Derzeit werden solche 'Monster' im Krisenfall mit gesellschaftlichen Mitteln am Leben erhalten. Es wird behauptet ( 'too big to fail'), dass deren Erhaltung weniger gesellschaftlichen Schaden anrichten würde als  deren Tod (Insolvenz). Bei der Theorie 'too big to fail' könnte es sich um eine Legende handeln, die von Ökonomen verbreitet wird, aus welchen Gründen auch immer.  

Vorstellungen, die sich mit weniger 'big' und wesentlich weniger Risiko 'to fail' befassen, besitzen das Potential, durch mehr autonome Handlungsweisen in kleinen und mittleren Unternehmen interessante Arbeitsplätze und Lebensqualität zu ermöglichen. Es ist eine zynische ökonomische Strategie, durch notleidende Arbeitskräfte im Ausland  Kunden im Inland zufriedenzustellen. Einige Unternehmensbereiche scheinen sich bereits auf  lokale Produktionsmöglichkeiten umzuorientieren, z.B. lokale Energiegewinnung bzw. Energieumwandlungen, lokal produzierte Lebensmittel. Oft werden schädliche Einflüsse großer Konzerne und Handelsketten unterschätzt. Es ist äußerst wichtig, dass relativ arme Bevölkerungen, die von einfachen lokalen Produktionsmöglichkeiten abhängen, nicht durch Subventionen oder Handelsverträge relativ reicher Staaten in ihren Handlungsmöglichkeiten  eingeschrânkt oder durch aggressive Preisgestaltung gar behindert werden.  

Ganz allgemein geht es darum, neue Erkenntnissen hinsichtlich der Vor- und Nachteile ökonomischer und politischer Strategien zu gewinnen und zu beachten, z.B. hinsichtlich lokaler vs. globaler Unternehmensstrategien, wirtschaftsdienlichen vs. investigativen, spekulativen Finanztransaktionen und natürlich auch Vor- und Nachteilen internationaler Handelsvereinbarungen (auch einer Währungsunion). Karl Polanyi (The Great Transformation) hat überzeugend die Vorstellungen verworfen,  dass Arbeitskraft und Geld wie Waren gehandelt werden sollen. Diese Vorstellungen gehören auf den Müll der Geschichte.  

Der alte Herr gibt zu bedenken, dass zwar viele gesellschaftlichen Vorteile auf technologischem Wissen beruhen, jedoch nicht alles, was technisch möglich ist, auch gesellschaftlich verträglich ist. Das bedeutet letztlich immer zu versuchen, Innovation und Praxis unter einen Hut zu bringen. Pure philosophische Denkweisen, die praktische empirische Erfahrungen außer Acht lassen, können zu gesellschaftlichen Analysen und möglichen Veränderungen nichts Wesentliches mehr beitragen. Es ist unrealistisch, von jungen Idealisten zu erwarten, dass sie zukunftsfähige und langfristig tragfähige gesellschaftlichen Perspektiven entwickeln und durchzusetzen können, indem sie sich zu spontanen Bewegungen verabreden. Wohl aber können Protestbewegungen bewirken, dass Eliten sich ihrer Verantwortung bewusst werden, langfristig tragfähige wissenschaftliche, ökonomische und politische Vorstellungen zu entwickeln, für die sich junge Leute begeistern und einsetzen können und wollen. Insofern scheinen mir "Occupy Wall Street" oder "Podemos" durchaus sinnvoll. Dagegen halte ich "Pegida" für reaktionär.  

Die derzeitige Schuldenkrise in Griechenland wird gesellschaftliche Auswirkungen nicht nur in Griechenland haben. Die geballten ökonomischen und politischen Kräfte von  anderen Eurostaaten haben es nur vermocht, den Austritt Griechenlands aus der Eurozone vorübergehend zu vermeiden. Instabile ökonomische Verhältnisse werden jedoch weiterhin finanziell exponierte EU Staaten 'plagen', nicht nur Griechenland. Die nächste Krise kommt bestimmt. Welche Auswirkungen zukünftige Krisen auf zukünftige gesellschaftliche Veränderungen in Europa haben werden, lässt sich nicht vorhersehen. Auf jeden Fall erzeugen Krisenzeiten einen 'intellektuellen' Druck, ein paar grundlegende Funktionen gesellschaftlicher Institutionen zu überdenken, und vielleicht sogar ein paar notwendige Veränderungen zu veranlassen. Dazu braucht es Eliten, die auf Krisensituationen vorbereitet sind. Es soll vorgekommen, dass sich selbsternannte Führer berufen fühlen, eine Massenbewegung zu organisieren und für persönliche Interessen zu missbrauchen.  

Die oben angesprochenen Überlegungen betreffen auch die oft gehörte Vorstellung „small is beautyful“. Ein paar ausführliche Überlegungen dazu hat der mir bisher unbekannte Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher (1911-1977) angestellt: Die Ideen Schumachers dürften einigen Ökonomen nicht unbekannt sein: „Es war Schumacher, der Anfang der 1940er Jahre den Alternativvorschlag von John Maynard Keynes zum letztlich eingesetzten Bretton-Woods-System der US-Amerikaner ausgearbeitet hatte. Man könnte Schumacher damit sogar als einen der Väter der Europäischen Währungseinheit bzw. des Euro bezeichnen.“(Wikipedia). Was an Schumachers Vorstellungen heute noch oder wieder aktuell sein könnte, muss ich noch herausfinden.  

Gesellschaften, die mehr oder weniger mittels ideologischen oder/und nationalen Argumenten autoritär regiert werden, benutzen mehr oder weniger die gleichen Technologien und unterliegen mehr oder weniger den gleichen ökonomischen Prinzipien wie demokratisch orientierte Gesellschaften. An die Stelle der Freiheitsargumente des vergangenen 'Kalten Kriegs' treten heute Argumente, ob demokratisch orientierte Gesellschaften bessere gesellschaftliche Voraussetzungen für kreative und harmonische Verhältnisse bieten als autoritär regierte Gesellschaften, die restriktive normative Verhaltensweisen befolgen.  

Anstatt Peter Hiemanns Ausführungen zu vertiefen, will ich davon ablenken, indem ich kurz die Geschichte eines meiner Ahnen einfüge. Sie soll die Meinung relativieren, dass nur wir in interessanten Zeiten leben.  

Peter W., der Urgroßvater meines Großvaters (kurz Ahn Peter genannt) lebte von 1768-1842. Er kam in seinem Leben nie aus seinem Eifeldorf heraus. Seine Jugend verbrachte er in den Österreichischen Niederlanden, genauer im Großherzogtum Luxemburg. Sein oberster Landesherr war Kaiser Josef II. Der war von 1765 bis 1790 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, danach Leopold II. und Franz II.. Ahn Peter hatte 1793 geheiratet. Im August 1794 kamen französische Sansculotten (auf Deutsch: Hosenlose) und plünderten Klöster. Schlösser und Kirchen. Sie vertrieben den Baron, den Pfarrer und alle Ordensleute. Sie errichteten einen Freiheitsbaum, sangen die Marseillaise und kassierten Naturalien und jede Menge Geld. Ein Volksaufstand der Eifler (Klöppelkrieg genannt) wurde 1796 blutig niedergeschlagen. 

Im Jahre 1801 kam der Weltgeist Napoléon persönlich nach Trier. Bald darauf mussten Söhne und Knechte mit Napoléon nach Spanien und Russland. Nachdem Blücher die Franzosen vertrieben hatte, wurde Ahn Peter 1815 Untertan des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. Seine Kinder waren recht aufmüpfig geworden und stritten mit dem Vater um das Erbe. Man teilte den Grundbesitz des Hofes in acht Flächenlose auf. Wem das zu wenig war, wanderte nach Amerika aus. Ahn Peter behielt ein Flächenlos und das Hofgebäude. Wegen der beweglichen Anteile (Vieh, Gerätschaften, Bargeld) prozessierte man vor preußischen Gerichten nach französischem Recht, oft in drei Instanzen. Drei Kinder bauten sich Häuser im Dorf und bewirtschafteten ihr Erbteil. Deren Söhne zogen für die Preußen gegen Dänemark und Österreich in den Krieg. 

Das griechische Drama geht bestimmt noch eine Weile weiter. Heute Nacht hat das Athener Parlament die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass andere Parlamente die Aufnahme von Verhandlungen über ein drittes Hilfsprogramm beschließen können.

Kommentare:

  1. Soeben schrieb Otto Buchegger aus Tübingen:

    BAD - Broken As Designed, so fasse ich die Situation in Europa zusammen.

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  2. Eines hat der heutige Tag im Deutschen Bundestag klargestellt. Wer das Wort Grexit in den Mund nimmt, wird von der Mehrheit des Hauses als Totengräber Europas gebrandmarkt. Hierin sind sich alle drei Linksparteien einig. In der Union hat sich die Zahl derer, die dies noch als Option gelten lassen, seit der letzten Griechenland-Abstimmung verdoppelt. Außerdem hat sich Ex-Kanzlerkandidat Steinbrück diesem Lager angeschlossen.

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