Dienstag, 12. April 2016

Verteilung von Einkommen und Vermögen, eine ökonomisch-soziale Analyse von Thomas Piketty

Nur wenige Bücher europäischer Autoren haben in den letzten Jahren ein ähnliches Aufsehen erregt wie der französische Ökonom Thomas Piketty (*1971) mit Das Kapital im 21. Jahrhundert (2014, 816 S.). Der Titel erinnert bewusst an den Klassiker von Karl Marx. Ich musste mich  ̶  nicht nur der Länge wegen  ̶  durch das Buch durchkämpfen. Die sozialistische Grundeinstellung des Autors ist nicht zu übersehen. Franzosen  ̶  so dachte ich mir  ̶   die ja selbst während des kalten Krieges zu einem Drittel dem Kommunismus die Treue hielten, haben diese Grundhaltung durch die Muttermilch eingesogen. Ihnen entging der Anschauungsunterricht, den wir Deutsche in Form der DDR genossen. Er könne zwar persönlich dem Kommunismus nichts abgewinnen, meint Piketty, und fände auch Ungleichheit vertretbar, falls sie vom ‚allgemeinem Nutzen begründet' sei. Bei dieser vagen Aussage bleibt es. Meine Motivation, das Buch zu lesen, kam durch meine Beschäftigung mit Franz Josef Rademacher.

Volkswirtschaftliche Grundbegriffe

Trotz seiner Beschränkungen kann ich Piketty als Einführung in die Volkswirtschaftslehre sehr empfehlen. Er bringt klare und nützliche Definitionen aller wichtigen Begriffe. So ist Einkommen der geldwertige Betrag, den eine Person, ein Unternehmen oder ein Staat im Laufe eines Zeitabschnitts wie z.B. einem Jahr hinzugewinnt. Einkommen kann erzielt werden durch wirtschaftliche Aktivitäten in der Gegenwart, verkürzend als Erwerbsarbeit bezeichnet, als auch durch Zinsrendite des in früheren Zeiten angesammelten Vermögens. Es ist eine Strom- oder Flussgröße. Demgegenüber ist Vermögen oder Kapital ein zu einem bestimmten Zeitpunkt angesammelter Betrag, also eine Bestandsgröße. Vermögen kann bestehen aus Immobilien, Beteiligungen oder geldwertigem Besitz. Für Volkswirte sind Vermögen und Kapital dasselbe. Da in der Umgangssprache Kapital meist nur den für Investitionen benutzten Teil des Vermögens bezeichnet, gebe ich hier dem Wort Vermögen den Vorzug.

Spreizung der Einkommen

Für mich ist Differenzierung etwas Gutes. Von Gleichmacherei lässt sich das nicht unbedingt sagen. Mir taten 1987 die Chinesen leid, die alle in der gleichen blauen Uniform die Straßen bevölkerten. Heute sind wieder Unterschiede erlaubt, nicht nur in der Kleidung, auch im Einkommen. Statt Spreizung spricht Piketty durchweg von Verteilung. Das Ideal vieler Ökonomen scheint die weitgehende Gleichverteilung zu sein, ein Rechteck und nicht eine wie immer geartete Kurve. Eine bekannte Kurve ist die Glockenkurve, auch Gauß-Verteilung genannt. Sie hat eine Spitze und einen Schwanz. Ihre Höhe und ihre Steigung kann viele Werte annehmen. Wird von Mindestlohn gesprochen, dann werden Ausläufer beschnitten. Die Höhe der Kurve legt fest, welche Ausreißer nach oben zugelassen sind.

Dass eine Verteilung vorkommt, wird von den meisten Menschen akzeptiert, außer von streng-gläubigen Kommunisten. Ob dabei eine Treppenkurve oder eine  Glockenkurve zugrunde gelegt wird, und welches Aussehen sie hat, ist Gegenstand von Verhandlungen. Werden diese für ganze Berufsgruppen gemeinsam geführt, spricht man von Tarifverhandlungen. Ganz entscheidend ist, nach welchen Kriterien die Einstufung erfolgt. Üblich ist das Leistungsprinzip, wie es in der freien Wirtschaft gebräuchlich ist, oder auch das Senioritätsprinzip (etwa im öffentlichen Dienst). Da es manchmal schwierig ist, die Leistung eines Mitarbeiters zu bewerten, schlug einst einer meiner Kollegen die Bezahlung nach Körpergewicht vor. Sein Vorschlag hatte allerdings keine Chance. Der Vorschlagende wog nämlich 100 Kilo.

Arbeitslöhne oder Gehälter abhängig Beschäftigter stehen auch bei Piketty im Vordergrund. Dabei ist das ein Sonderfall, vor allem im Hinblick auf die Zukunft. Jeder der Produkte erzeugt oder Dienste anbietet, für die andere Leute bereit sind zu zahlen, erzeugt Einkommen. Es mag Prämie, Honorar, Tantieme, Lizenz oder  Gewinn heißen. Niemand scheint zu fordern, dass auch diese Einkommensarten alle die gleiche Höhe haben sollen.

Obwohl von Mängeln behaftet, wird das Einkommen eines Landes meistens als Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Im Vergleich der Länder schwankt es zwischen 150 und 3000 Euro pro Monat und Einwohner. An der Spitze liegen reiche Länder wie die USA und die der EU. Zu den ärmsten gehören afrikanische Länder und Bangladesch. Indien und China liegen bei 600-700 Euro.

Spreizung von Vermögen

Vermögen ist der Saldo von Guthaben und Schulden zu einem gegebenen Zeitpunkt. Als Guthaben zählen Immobilienbesitz, Wertgegenstände (Kunstobjekte, Schmuck, Edelmetall) und Unternehmensbeteiligungen. Gewerbliches Vermögen umfasst unter anderem Maschinen, Patente und Knowhow. Wegen der üblichen hohen Verschuldung (siehe unten) tendiert staatliches Vermögen in der freien Welt gegen Null. Das meiste Vermögen (ungefähr 95%) ist im Privatbesitz. Manche Aktiva sind schwer zu bewerten. Bei Vermögensbesitz ist die Ungleichheit im Allgemeinen größer als bei Arbeitseinkommen. Bei geringem Wirtschaftswachstum gewinnt ererbtes Vermögen größeren Einfluss.



Interessant ist auch die Sparquote, also die Umwandlung von Einkommen in Vermögen. Sie beträgt in Italien und Japan 15% des Nationaleinkommens, in Deutschland und Frankreich 12%, in den USA und England 7-8%. Zu beachten ist, dass bei höherem Einkommen eine niedrigere Sparquote denselben Betrag an Vermögen schafft. Auch kann Vermögen durch sich selbst vermehrt (rekapitalisiert) werden. Ab einer gewissen Höhe kann dies schneller erfolgen als die Löhne wachsen. Für mich überraschend war, dass es aus volkswirtschaftlicher Sicht ein fast konstantes Verhältnis zwischen Einkommen und Vermögen gibt. In Mitteleuropa beträgt es 1:6. In Italien beträgt es 1:7, in den USA 1:3. Der tiefere Grund für die relative Konstanz dieser Zahl und für die bestehenden Unterschiede entging mir.

Historische und regionale Entwicklung

Der Kern des Buches besteht darin, die weltweite Entwicklung von Einkommen und Vermögen über die Zeit von 1900 bis 2010 aus globaler Sicht zu untersuchen. Dabei bemüht sich der Autor möglichst gut belegte Daten zu verwenden. Diese sind je nach Zeit und Region von sehr unterschiedlicher Qualität und oft sehr lückenhaft. Notgedrungen konzentriert der Autor sich auf die am besten dokumentierten Wirtschaftsräume. Das sind Frankreich, England und die USA. Das übrige Europa (Deutschland, Schweden, Italien) und Japan werden nur sporadisch mit herangezogen.

Piketty beginnt mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg (1900-1914). Für England und Frankreich ist noch die Struktur einer Kolonialmacht bestimmend. Die USA sind das Gegenbeispiel. Hier herrschen fast moderne Verhältnisse. Während in Europa das Vermögen sehr stark konzentriert ist, ist es in den USA sehr verteilt. Das Gleiche gilt für die Einkommen. Mit dem ersten Weltkrieg beginnt ein Umschwung. In seinem Gefolge ergreift die Weltwirtschaftskrise Europa und Amerika. Der sich anschließende Zweite Weltkrieg bewirkt, dass der Wohlstand wie der Kapitalismus als Wirtschaftsform einen tiefen Einbruch erleiden. Der Schock von 1914-1945 hat in Europa die dort vorherrschende Ungleichheit in Einkommen und Vermögen zunächst abgebaut. Die Kriege machten eine Art von Tabula rasa. In Frankreich gingen vor allem die Kapitaleinkommen zurück. Bei den Lohneinkommen blieb die Verteilung fast gleich.




Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Wiederherstellung des Kapitalismus, allerdings mit einer anderen Art von Vermögen und anderen Ungleichheiten. Die Einkommen des oberen Dezils, d.h. der oberen 10%, stiegen seit 1970, vor allem in USA und England. In den USA steigen seit 1996 vor allem die Spitzengehälter stark an. Wie in der obigen Tabelle wiedergegeben, bezieht in den USA im Jahre 2010 das obere 1% der Bevölkerung rund 20% des Einkommens. In Schweden sind dies 4%, in Frankreich 9% und in Deutschland 11% des Einkommens. Der Durchschnitt der Lohneinkommen ist weniger gestiegen.

Bei den oberen 10% besteht das Einkommen sowohl aus Arbeits- wie aus Kapitaleinkommen. Je weiter man nach oben kommt, umso größer wird der Anteil der Kapitaleinkünfte. Heute überwiegt das Einkommen aus Vermögen nur bei den oberen 0,1%. Signifikant wird es erst ab 0,01% der Bevölkerung. Die extrem hohen Einkommen von Schauspielern, Spitzensportlern und Spitzen-Managern gingen zwar von den USA aus, sind aber kein rein amerikanisches Phänomen. In den USA wurden sie erst möglich nach der Senkung des Spitzensteuersatzes in den 1980er Jahren. Dieser betrug nach der 1930er Krise über 80% und wurde zuletzt von George W. Bush auf 36% gesenkt. Nur 20% der Supereinkommen stammten aus dem Finanzsektor. Bei Managern ergebe sich ein hoher Anteil aus Aktien-Optionen.



In Europa erreichte das Vermögen um 2000 herum wieder den Stand von 1914 und steigt seither schneller an als die Einkommen. Bestand früher Vermögen vorwiegend in der Form von Grundbesitz und Staatsobligationen, treten heute Wohnungen und Industrieinvestitionen an ihre Stelle. Auch die Spreizung, also die Ungleichheit der Verteilung, hat zugenommen, mit erheblichen Differenzen zwischen den Ländern. Neu ist auch die Konzentration in Erdölländern und Steueroasen. Nicht nur in Russland, überall auf der Welt wird Staatsvermögen an Private transferiert. Nach Piketty hat sich in den USA das obere 1% der Einkommen 60% des Wachstums der letzten 20 Jahre ‚unter den Nagel gerissen‘. Der Mittelstand verschuldete sich, was dann die Krise von 2008 verursachte.

Dass die USA für eine staatlich betriebene Umverteilung von Einkommen und Vermögen weniger leicht zu gewinnen sind als wir Europäer, führt Piketty darauf zurück, dass die Mehrzahl der Einwanderer aus Ländern kamen, in denen die Einkommens- und Vermögens-Verteilung (noch) schlechter war als in den USA. Die USA habe immer noch den Ruf einer Meritogratie, einer Gesellschaft, die persönliche Leistungen verlange und fördere.

Verdienter oder ererbter Reichtum

Im Allgemeinen wird Reichtum, den jemand durch seine eigene Lebensleistung erworben hat, weniger kritisch behandelt als ererbter Reichtum. Daher bestand sowohl in den USA wie in England bis 1980 eine hohe Erbschaftssteuer. Auch sie musste als Teil der ‚konservativen Revolution‘ weichen. In Deutschland gehört sie ins Repertoire linker Wahlprogramme.

Piketty befasst sich ausführlich mit zwei aktuellen Beispielen: Bill Gates (*1955) und Liliane Bettencourt (*1922). Bei Gates könnte man sagen, er habe die Computer-Maus erfunden. Bei der L‘Oréal-Erbin könne man Dergleichen nicht behaupten. Bei beiden hat sich das Vermögen in den letzten 20 Jahren verzehnfacht. Nebenbei sei bemerkt, dass Piketty völlig daneben liegt, wenn er versucht den Grund für Bill Gates‘ Reichtum anzugeben. Gates hat nicht die Computer-Maus erfunden. Das taten andere. Er hat stattdessen eine ganze Industriebranche neu geschaffen, nämlich die von Rechnerherstellern unabhängige Software-Industrie.

Aufgaben des Staats und seine Grenzen

Bei Staat denken wir primär an den Nationalstaat. Beispiele sind die USA und Deutschland, aber auch Luxemburg und die Schweiz, sogar Liechtenstein und Andorra. Die allgemeine Rechtfertig erfährt der Staat als Instanz, die Aufgaben übernehmen kann, die einen Einzelnen überfordern. Er ersetzt in mancher Hinsicht, was die Familie oder die Sippe in älteren Gesellschaften bewirkten. Er kann auch über diverse Hierarchiestufen in Erscheinung treten, sei es als Gemeinde, als Region oder als Bundesland. Deshalb sprechen wir lieber von der öffentlichen Hand. Sie muss nicht alles von staatlichen Angestellten tun lassen, sondern es reicht, wenn die Kosten möglichst breit verteilt werden. Dazu dienen normalerweise Steuern.

Aufgaben, die dem Staat schon sehr früh zufielen, sind Rechtsprechung, öffentliche Sicherheit und Verteidigung, obwohl es auch dazu heute noch private Angebote gibt. Inzwischen ist der Staat auch in Aufgaben vorgestoßen wie Bildung, Gesundheitspflege, Kultur- und Wirtschaftsförderung sowie Lohnersatz und Einkommenstransfer. Vor allem die so genannten sozialen Leistungen führten zu einer Konkurrenz, im doppelten Sinne. Hohe Steuern lockten die Empfänger von Transferleistungen an, gleichzeitig schreckten sie die potentiellen Steuerzahler ab.



An der Frage, wie der (sehr einflussreiche) Staat sich finanziert, scheiden sich oft die Geister. Anstatt Steuern zu zahlen, ziehen viele es vor, dem Staat Geld zu leihen. Solange der Staat dafür Zinsen zahlt, führt dies zu einer Vermehrung des Privatvermögens. Das ist bei Italienern und Griechen offensichtlich beliebt. Staaten bilden in der Regel kein Vermögen (von sozialistischen Staaten abgesehen). Das tun nur Private. Es gibt kaum einen Staat, der nicht Schulden bildet und aufhäuft, da überall Bürger nur ungern Steuern zahlen.

In der Krise von 2008 haben Staaten die Verschuldung oder den Konkurs privater Unternehmen verhindert, indem sie sich selbst stärker verschuldeten. Sowohl in Europa wie in den USA wachsen seither die Staatsschulden, obwohl die Bürger des jeweiligen Landes immer reicher werden. Die Banken in Südeuropa wiederum halten Schuldscheine der Staaten, die sich 2008 überschuldet haben, um Banken und andere Unternehmen zu retten. In Griechenland ist dies am auffallendsten. Seine reichen Bürger kaufen lieber Staatsbesitz zu Schleuderpreisen, als dass sie ihre Steuern zahlen. Der einzige Ausweg, den ein Staat hat, um aus dem Dilemma zu entkommen, ist die Inflation. Die ist aber unpopulär (siehe unten).

Rolle der Zentralbanken

Zwei Zentralbanken stehen heute im Blickpunkt, die Fed und die EZB. Ihre primäre Aufgabe ist es, Liquidität zu schaffen. Sie müssen – koste es, was es wolle – eine Deflation verhindern. Diese Schlussfolgerung zog Milton Friedman (1912-2006) nach seiner Analyse der Wirtschaftskrise von 1930. Wir brauchen keinen Sozialstaat, sondern nur eine gute Fed‘ so wird er zitiert.

Durch die Kreditvergabe der Zentralbanken ändert sich nicht das Vermögen der Erdbewohner. Sie müssen neues Geld in Umlauf bringen in dem Maße wie die Wirtschaft wächst, aber erst recht, wenn sie schrumpft. Das ist nicht leicht zu verstehen. Die EZB vergibt inzwischen auch längerfristige Kredite, und sogar an Staaten. Damit überschreitet sie zwar ihren Auftrag. Sie tut dies jedoch, weil sie schneller reagieren kann als ein Staat Steuern erhöhen kann, von der EU ganz zu schweigen. Piketty beschreibt eine Welt, in der angesammeltes Geld, also Vermögen, ohne Arbeit Erträge erzielen kann, weil die Zinsen immer deutlich höher Null (etwa 5%) sind. Welchen volkswirtschaftlichen Effekt die lang anhaltende Niedrigzinspolitik aller Zentralbanken hat, darüber lässt sich Piketty nicht aus.

In puncto Inflation sind Deutsche gebrannte Kinder. Die übrige Welt hat mehr Angst vor einer Deflation. Während der Deflation 1929 - 1935 wurden in Frankreich die Industriegehälter um 50% gesenkt, und die der Beamten um 20%. Das änderte sich erst 1935, als der Sozialist Leon Blum Löhne und Inflation steigen ließ. Eine Inflation trifft nur die, die mit ihrem Geld nichts anzufangen wissen  ̶  so sieht es Piketty. Hätten sie ihre Ersparnisse in Immobilien oder Aktien angelegt, wäre deren Wert erhalten geblieben. Inflation schadet allen Leuten, die ihr Geld auf Bankkonten lassen oder es unter dem Kopfkissen aufbewahren.

Mangel an Transparenz

Nicht nur den Wissenschaftler Piketty bekümmert es, dass es sehr schwer ist, an alle gewünschten Daten zu kommen, was Einkommen und Vermögen anbetrifft. Manchmal sind entsprechende Statistiken einfach nicht erstellt worden. Besonders schlecht ist die Situation, was Privatpersonen und Privatvermögen betrifft. Die Listen, wie sie das Forbes-Magazin veröffentlicht, umfassen nur einige Hundert Namen. Sie erwecken einen völlig falschen Eindruck. Will man das oberste Prozent der US-Personen verfolgen, handelt es sich um 2,5 Millionen Menschen; selbst in Deutschland sind es 800.000.

Besonders erschwert wird die Analyse, weil zu viel Geld in Steueroasen versteckt gehalten wird. Pikettys Schüler Gabriel Zucman schätzt, dass etwa 10% des weltweiten BIPs  (von 70k Mrd. Euro) sich in Steueroasen befindet. Es stamme vorwiegend aus den reichen Ländern. Das weltweite Vermögen schätzen Piketty und seine Mitarbeiter übrigens auf 340k Mrd. Euro. Soll demokratische Kontrolle über Einkommen und Vermögen ausgeübt werden, so bedarf es in erster Linie mehr Information. Piketty selbst glaubt, bessere Daten zu haben als andere vor ihm. Auch die US-Behörden waren sehr erfolgreich, seit sie mit Zwangsauskünften von Banken an Daten kamen, die ihnen die Regierungen der Schweiz oder Luxemburgs vorenthielten. Wer heute eine Art Gesamtrechnung macht  so überspitzt es Piketty – muss davon ausgehen, dass die Erde Schulden beim Mars hat.

Eine rühmliche Ausnahme bilden die privaten amerikanischen Universitäts-Stiftungen. Etwa 800 Universitäten verwalten Fonds. Vier von ihnen, nämlich Harvard, Yale, Princeton und Stanford besitzen je über 15 Mrd. US-Dollar. Ihre Rendite ist höher als 10% im Jahr. Selbst kleinere Fonds erwirtschaften über 6%. Sie alle legen offen, wie sie ihre Erträge zustande bringen. Ein weiteres positives Beispiel ist der Norwegische Staatsfond. Weniger offen sind die Staatsfonds arabischer Ölförderländer.

Lösung durch eine neue Steuer

Eigentlich müsste das Buch interessant werden, wenn es nach der seitenlangen Analyse zu konstruktiven Vorschlägen übergeht. Die Vorschläge blitzen zwar schon zwischendurch hin und wieder kurz auf. Am Schluss wird Piketty etwas ausführlicher. Seine Lösung heißt progressive internationale Kapitalsteuer. Sie ähnelt der Finanztransaktionssteuer und hat dieselben Probleme. Der eingenommene Betrag sei weniger wichtig als der Zugewinn an Kontrolle und Transparenz. Sie erzwinge den Datenaustausch und gestatte eine Regulierung. Sein Vorschlag sei aber nicht mehr als nur eine nützliche Utopie. Außerdem bräuchten wir ein Parlament für die Eurozone. Das könnte dann eine Vereinheitlichung der Körperschaftssteuer durchsetzen.

Ökonomen über Ökonomen

Dass Piketty sich seinen Fachkollegen, besonders den US-Ökonomen, gegenüber kritisch äußert, ist für Einige von uns eine Wohltat. Die Wirtschaftswissenschaftler in den USA hätten eine ‚kindliche Vorliebe für Mathematik‘. Ihnen seien Modelle wichtiger als Empirie. Die Wirtschaftswissenschaften hätten sich nie von den Sozialwissenschaften abkoppeln dürfen. Pikettys Traum ist eine politische Ökonomie, die sich als Teil der Sozialwissenschaften versteht. Politik sei allgegenwärtig. Man könne politische und ökonomische Entwicklung nicht trennen. Hier liegen die Parallelen zu Rademachers Denken auf der Hand. Nur geht Radermacher noch mehr in die Breite. Man muss sich damit abfinden, dass Pikettys Welt ein Zentrum besitzt, bestehend aus Frankreich, England und den USA. Diese Länder haben einigen Newcomers voraus, dass sie über ältere Institutionen verfügen. Die Deutschen und die Japaner werden es verkraften. Für Putin und die chinesischen Führer könnte der Autor ein Ärgernis sein.

PS: Drei der Grafiken in diesem Beitrag entstammen Pikettys Buch. Wie die meisten der etwa 30 Grafiken enthalten sie mehr Information als hier oder im Buch besprochen wird.

Kommentare:

  1. Otto Buchegger aus Tübingen schrieb:

    Die Hidden Agenda der Europäischen Linken ist inzwischen gut sichtbar.
    Privatvermögen abschaffen. Dies geschieht in zwei Schritten:
    1. Totale staatliche Kontrolle
    2. Erzwungene Verteilung auf alle

    NB (Bertal Dresen): Die erste zustimmende Reaktion auf diesen Blog-Eintrag kam gestern von einem Leser in Hongkong.

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  2. Peter Hiemann aus Grasse schrieb:

    Pikettys historischer Faktenreichtum ist beeindruckend. Jedoch konnte ich Krugmans Aussage „Dieses Buch wird die Ökonomie verändern und mit ihr die ganze Welt“ nicht nachvollziehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch Piketty selbst seine Arbeit bescheidener einschätzt. Piketty ist sich der „besonderen Dynamik des Kapitals“ bewusst. In der feudalistischen Gesellschaft ging es vorwiegend um die Verfügbarkeit von Bodenkapital, im 19. und 20. Jahrhundert von Industriekapital (Marx' Anliegen), im 21. Jahrhundert von Finanzkapital.

    Pikettys Hauptanliegen ist der Beweis der fundamentalen Ungleichung r > g. Die Größe r bezeichnet die Kapitalrendite, d.h. den durchschnittlichen Kapitalertrag eines Jahres, in Prozent des eingesetzten Kapitals. Die Größe g bezeichnet die Wachstumsrate, d.h. das jährliche Wachstum von Einkommen und Produktion.

    Im Kapitel „Globale Vermögensungleichheit im 21. Jahrhundert“ erklärt Piketty, wie sich Vermögensverteilungen durch die Globalisierung ökonomischer Transaktionen zusätzlich verändert haben, obwohl darüber wenig 'verlässliche' Daten existieren. Pikettys Aussagen in Kapitel 12 sind alles andere als überraschend. Die Spatzen pfeifen längst von den Dächern, dass die international agierende Finanzindustrie über vielfältige Investitionsmethoden verfügt, um 'virtuelle' Werte zu kreieren, die neben den realen Werten der realen Produktion von Gütern und Dienstleistungen existieren. Diese 'virtuellen' Werte sind der Analyse kaum zugänglich. Seit den 'Panama Papers' wissen wir, dass umfängliche reale und virtuelle Werte in anonymen legalen 'Briefkastenfirmen' Analysen nicht zugänglich sind.

    Generell sind soziale Ungleichheiten jedweder Art ein normales Phänomen jeder Gesellschaftsform. Radermacher und Piketty machen eindrucksvoll darauf aufmerksam, dass finanzielle Ungleichheiten zwischen reichen und armen Staaten im 21. Jahrhundert nicht tolerierbare Ausmaße angenommen haben. Deren Überlegungen sind nur ein Anfang, um existierende ökonomische und politische Systeme verschiedenster Art besser zu verstehen und eventuell so zu korrigieren, damit langfristig 'nachhaltige' ökonomische und politische Prozesse wirksam werden.

    Übrigens hat Slovoj Zizek, dessen polemische Kommentare ich sonst wenig schätze, hinsichtlich der 'Panama Papers' eine amüsante Bemerkung gemacht: „In der dunklen Welt des globalen Kapitalismus sind alle Brüder. Die westlichen Industrieländer, einschließlich der unbestechlichen Skandinavier, reichen Putins Freunden die Hand, der ukrainische Präsident Poroschenko steht daneben, ebenso das familiäre Umfeld des chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Der Iran und Nordkorea sind dabei, Muslime und Juden zwinkern sich freundschaftlich zu. Ein wahrhaft multikulturelles Reich, in dem alle gleich und verschieden sind“ (Spiegel 15/2016).

    PS: Vielleicht machen Piketty und Radermacher die 'Zunft' der Ökonomen etwas nachdenklicher.





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  3. Als Nicht-Ökonom fällt es mir schwer, die Bedeutung der Formel 'r > g' einzuschätzen. Insbesondere weiß ich nicht, was im Falle einer Niedrigzinspolitik passiert. Die Zentralbanken halten doch offensichtlich die Rendite 'r' niedrig, weil sie hoffen dadurch das Wachstum 'g' zum Anziehen zu bekommen. Oder läuft alles darauf hinaus, das man aufhören muss, bleibende Ersparnisse und echte Investitionen mit rein geldwerten Anlagen (e.g. Schuldscheinen) gleichzusetzen oder zu verwechseln.

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