Sonntag, 22. Mai 2016

ACM-Präsident ehrt Gerhard Schimpf

Alexander Wolf, der Präsident der Association for Computing Machinery (ACM) hat Gerhard Schimpf, den langjährigen Vorsitzenden der deutschen Sektion (engl. ACM German chapter) in besonderer Weise geehrt. Schimpf erhält den Preis des Präsidenten (engl. president’s award). Ich habe Gerhard Schimpf herzlich gratuliert. Der Preis wird im Juni bei einer Festveranstaltung in San Francisco verliehen werden. Hier der offizielle Ankündigungstext:



Gerhard Schimpf, ein ACM Fellow, der als Vorsitzender von ACM Europas Rat der Europäischen Chapter-Vorsitzenden dient, wurde „für seine Führerschaft bei der Unterstützung von ACMs Mission für die globale Expansion anerkannt, da er dabei half ACM Europa zu etablieren, ACMs Beteiligung am Heidelberg Laureate Forum (HLF) sicherzustellen und Studenten und Fachleute in ganz Europa vom Wert der ACM-Mitgliedschaft zu überzeugen." Schimpf ist seit mehr als vier Jahrzehnten für seine globale Sichtweise und sein unermüdliches Engagement für die ACM bekannt, stets bemüht durch seine Arbeit die Sichtbarkeit von ACM in ganz Europa zu erhöhen. Er war auch maßgeblich beteiligt an der Gewinnung von ACM als einer der Gründungsorganisationen des Heidelberg Laureate Forum. Er war ein führender Unterstützer der ACM Europa und diente im Jahr 2009 im ersten Rat der ACM Europa (engl. ACM Europe council). Das HLF, ein jährliches Treffen von Top-Studenten und führenden Wissenschaftlern auf unserem Fachgebiet, einschließlich der Gewinner des ACM-Turing-Awards, hat seit seinem Debüt im Jahr 2012 weltweit Anerkennung erfahren für sein außergewöhnliches Niveau.

(Englischer Originaltext): Gerhard Schimpf, an ACM Fellow who serves as Chair of ACM Europe's Council of European Chapter Leaders, was recognized for "his leadership in support of ACM's mission for global expansion by helping to establish ACM Europe, advocating ACM's involvement in the Heidelberg Laureate Forum, and enlightening students and professionals throughout Europe to the value of ACM membership." Schimpf is recognized for his global vision and tireless devotion to ACM for more than four decades, demonstrated by his work to increase ACM's visibility across Europe. He was a leading supporter of ACM Europe, serving on the first ACM Europe Council in 2009. He was also instrumental in making ACM one of the founding organizations of the Heidelberg Laureate Forum. The HLF, an annual gathering of top students and foremost scientists in the field, including ACM's Turing Award recipients, has received worldwide recognition for excellence since its debut in 2012.

ACM, IEEE und die GI

Über die generelle Rolle von Fachgesellschaften in der Informatik hatte ich im Februar 2011 in diesem Blog zum ersten Mal recht ausführlich berichtet. Fünf Jahre später brauche ich dem nicht allzu viel hinzuzufügen. Die GI hat einige Dinge verbessert, was die Kommunikation mit den Mitgliedern betrifft. Es gibt diverse Online-Dienste, größtenteils betrieben von einem privaten Verlagshaus (dem Springer-Verlag in Heidelberg). Der Vorstand und die Gremien der GI kämpfen seit eh und je mit dem Vorwurf, dass sie sich überwiegend aus Hochschulangehörigen zusammensetzten. Diese seien oft etwas isoliert von dem, was Praktiker interessiere oder was außerhalb Deutschlands passiere. In einem Interview für diesen Blog im September 2015 mit Peter Liggesmeyer, dem derzeitigen Präsidenten der GI, versicherte mir dieser mit großer Eindringlichkeit, dass auch hier die Dinge sich zum Besseren geändert hätten.

Die Mitgliederzahl der GI stagniert seit Jahren bei etwa 20.000. Das ist etwa die Zahl der jungen Menschen, die jährlich in Deutschland ein Informatik-Studium beginnen. Insgesamt gibt es mehrere 100.000 akademisch ausgebildete Informatiker in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie fühlen sich von der GI nicht angesprochen. Der beste Weg für Praktiker, um die GI zu verändern, ist es selbst aktiv zu werden.

Was ACM betrifft, wurden im Gefolge der Präsidentschaft von Wendy Hall (einer Informatikerin aus England) die Aktivitäten in Europa wiederbelebt. Anstatt sich von ACM Europa mitreißen zu lassen, hat sich die GI, was internationale Aktivitäten anbetrifft, weiterhin sehr zögerlich verhalten. Diese Lücke wird von der deutschen ACM-Sektion, dem German Chapter, in dankenswerter Weise ausgefüllt. Hier war Gerhard Schimpf besonders aktiv (siehe unten).

Die dritte Fachgesellschaft für Informatiker, die ich 2011 erwähnte, ist die Computer Society der IEEE. Sie schickt mir laufend noch Einladungen zu Ausbildungskursen und dergleichen, obwohl ich die Mitgliedschaft (im Alter von 80 Jahren) beendete.

Gerhard Schimpfs internationales Wirken

Ich hatte Gerhard Schimpf 2012 mit einem Interview in diesem Blog vorgestellt. Deshalb erspare ich mir hier weitere Angaben zu seiner Person. Damals beschrieb Schimpf das Wiederaufleben der europäischen ACM-Aktivitäten wie folgt:

Die [ACM-] Präsidentschaft von Dame Wendy [Hall] (sie wurde inzwischen durch die englische Königin geadelt) fiel zusammen mit der Überführung der ACM Europe Taskforce in ein dauerhaftes Gremium, dem ACM Europe Council, unter Leitung von Fabrizio Gagliardi (Microsoft). Dieses Gremium ist inzwischen auf 22 Mitglieder angewachsen, die sich in vier Gruppen organisiert haben, um die folgenden Zielstellungen zu verfolgen:
  • Intensivierung und Bündelung aller ACM-Aktivitäten in Europa, u.a. durch Zusammenarbeit und Verflechtung mit bestehenden europaweit operierenden Wissenschaftsorganisationen
  • Ermutigung der europäischen Mitglieder, um sich an der Nominierung für die „advanced member grades“ sowie an den von der ACM ausgelobten Preisen zu beteiligen
  • Erhöhung der Anzahl der ACM-Konferenzen in Europa
  • Ausweitung der Chapter-Aktivitäten in Europa und Gründung neuer Chapter.
Sichtbares Ergebnis wird die erste ACM ECRC (European Computing Research Conference) sein, die im Mai 2013 in Paris stattfinden wird. Vorbild ist die amerikanische ‚Federated Computing Research Conference‘, bei der mehrere ACM SIGs parallel ihre Jahrestagung abhalten. Nukleus der ECRC bildet die SIGCHI, weiter nehmen teil die SIG-ACCESS, SIG-DA und die SIG-Web. Neben fachlichen Aspekten wird erwartet, dass dadurch die ACM auch gegenüber der europäischen Kommission sichtbar wird. Die ersten Kontakte sind geknüpft.

Heute kann man die europäischen Aktivitäten der ACM unter anderem im Internet verfolgen unter ACM Europe Council. Es ist beeindruckend, dass bei den derzeitigen Wahlen zum ACM-Vorstand und Präsidium drei Mitglieder aus dem European Council zur Wahl stehen (Gagliardi, Anderst-Kotsis, Gal-Ezer).

Kommentare zu Schimpfs ACM Award

Ich habe im Folgenden einige Kommentare zu Schimpfs Auszeichnung aufgelistet, die mir bekannt wurden.
  • Es ist hervorragend, dass sein großes Engagement für die ACM gebührend honoriert wird. Gleichzeitig wurde auch ein Ausrufezeichen für die europäischen ACM-Aktivitäten gesetzt. (Eberhard Schmolz, München)
  • Congratulations on receiving a Presidential Award from ACM – you are so very deserving of such an award – your dedication to ACM and ACM Europe is amazing. (Pat Ryan, New York)
  • This is good news! (Vinton Cerf, Reston, Virginia)

Kommentare:

  1. Hier einige weitere Reaktionen:

    Am 1.5.2016 schrieb Gerhard Schimpf: Diese Nachricht spricht sich ja schnell herum. Ich habe erst gestern davon erfahren. Alex Wolf hatte mir eine Mail geschickt. Ich freue mich natürlich riesig über die unerwartete Reise nach Kalifornien und werde den Aufenthalt nutzen, um evtl. einen früher ausgefallenen Besuch im Google Plex in Mountainview nachzuholen. Und ganz alte Freunde, die inzwischen in einem Altersheim wohnen, werden sich auch darüber freuen, mich wiederzusehen.

    Am 12.5.2016, nachdem der offizielle Text von ACM vorlag, schrieb er: Im Moment quillt mein Postfach über. Ich freue mich, … dass es gelungen ist, das German Chapter wieder als Teil der internationalen ACM Community zu positionieren.

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  2. Gerhard Schimpf informierte mich über folgende Kommentare und Glückwünsche, die er zu seiner Ehrung erhielt:

    - frühere Studienkollegen. Einer hat mir sogar zum Turing Award gratuliert, was ich leider dementieren musste; die Million Dollar hätte ich gerne gehabt. Dabei fiel mir auf, dass kein Deutscher bisher diesen Award erhalten hat.

    - Vorstandskollegen (aktuelle und frühere) im German Chapter der ACM.

    - Kolleginnnen und Kollegen bei ACM Europe.

    Eine kleine Stilblüte kam von meiner lokalen SPD-Bundestagsabgeordneten, die mir zu meinem Engagement für die "Zukunftsdisziplin Informatik" gratulierte. Ich habe geantwortet, dass ich vor 49 Jahren mein erstes (ALGOL)-Programm geschrieben habe und dass für mich die Informatik seither "Gegenwart" ist.

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  3. Im Rundbrief vom 30.5.2016 der ACM/GI-Regionalgruppe Stuttgart-Böblingen hieß es:

    Hohe Auszeichnung für Gerhard Schimpf. Am 11. Juni erhält Gerhard Schimpf den ‚ACM Presidential Award‘ in San Francisco. Gerhard Schimpf, früher IBM-Manager in Sindelfingen, heute Berater IT-Sicherheit (SMF-Team) in Pforzheim, ist ein Gründungsmitglied unserer Regionalgruppe und hat die Regionalgruppe immer wieder tatkräftig unterstützt. Er war in mehreren Funktionen im Vorstand des German Chapters of the ACM tätig, u.a. als Chairman von 2008 – 2011. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, die europäischen ACM Chapters in ACM Europe zusammenzuschließen und das Distinguished Speakers Programm der ACM (das auch uns zur Verfügung steht) auf Europa auszudehnen. Gegenwärtig ist er Chairman des ACM Europe’s Council of European Chapter Leaders. Die Association of Computing Machinery (ACM) schreibt dazu: [Es folgte der oben zitierte englische Text mit Bild]

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  4. Es stimmt zwar, dass ACM bisher keinen Turing Award nach Deutschland vergeben hat. In der nächst niedrigeren Stufe, den ACM Fellows, ist Deutschland durchaus nicht unterrepräsentiert. Hier die Liste der 14 aktuellen deutschen ACM Fellows (mit Jahreszahl der Ernennung):

    Encarnacao, Jose (1996); Mehlhorn, Karl (1999); Wilhelm, Reinhard (2000); Steinmetz, Ralf; Schek, Hans-Jörg (2001); Weikum, Gerhard (2005); Rombach, Dieter; Zeller, Andreas; Kriegel, Hans-Peter (2010); Böhm, Hans; Tichy, Walter (2012); Jarke, Matthias (2013); Joachims, Thorsten (2014); Pfennig, Frank (2015).

    Vielleicht wird einer von den genannten auch den nächsten Schritt schaffen. Zum Gipfel hin wird der Weg meist steiler. Es gibt nur einen Turing-Preis pro Jahr.

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