Samstag, 25. Juli 2020

Peter Hiemann über Anfang und Ende

Alpha und Omega , der erste und der letzte Buchstabe des klassischen griechischen Alphabets, sind  ursprünglich das Symbol für das Umfassende, für Gott und insbesondere für Christus als den Ersten und Letzten.

In der menschlichen Geschichte haben Menschen schon immer angenommen – auch heute – dass unbekannte Kräfte ihr Schicksal mehr oder weniger bestimmen.

In diesem Essay geht es darum, dass Menschen vermittels zunehmenden Wissens Denk- und Verhaltensweisen angenommen haben, die es ihnen ermöglichen, mit Situationen selbst zurechtzukommen.
Die tatsächlichen menschlichen Denk- und Verhaltensweisen sind so vielfältig, dass es vermessen erscheint zu versuchen, ein sehr weitläufiges Thema in einem überschaubaren
Rahmen zu behandeln. Hier wird es trotzdem versucht:
  • Einige repräsentative, bewusste Handlungen in entscheidenden Situationen werden hervorgehoben werden.
  • Die bei Weiten häufigsten unbewussten menschliche Situationen  – wie emotional empfundene Freude (bei Schönheit oder Liebe) oder emotional empfundene Abneigung (bei Herrschaftsgebaren oder Diskriminierung) – sind keine Anliegen des Essays.
Die Motivation, sich dem Thema Anfang und Ende zu widmen, sind die kritischen Zustände in der Natur und die derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse weltweit.
Homo sapiens befindet sich in einer Situation, in der er einerseits gewohnten Denk- und Verhaltensweisen nachgeht, andererseits bereits gezwungen ist umzudenken, um seine Umwelt zu erhalten.

Einerseits werden die gegenwärtigen Situationen unter konventionellen Aspekten betrachtet – danach
  •  besitzen alle Ereignisse einen Anfang und ein Ende
  • haben alle Wirkungen eine Ursache
Andererseits lassen sich die gegenwärtigen Situationen nur verstehen, wenn  
  • sie unter dem Aspekt eines verwobenen Bandes von Ereignisse betrachtet werden
  • sie Wechselwirkungen mit unvorhersehbaren Wirkungen berücksichtigen
Betrachtet man ein gesellschaftliches System unter dem Aspekt eines Organismus, ergeben sich interessante Analogien: 
  • Ein Anfang eines veränderten gesellschaftlichen Systems erfordert, dass alte und neue Elemente eine lebensfähige dynamische Struktur verflochtener, wechselwirkender Elemente ergeben.
  • In  neu entstehende Strukturen werden Elemente übernommen, die sich in der Vergangenheit bewährt haben.
  • Eine  sich neu ergebende Struktur gilt erst als überlebensfähig, wenn sie die Fähigkeit besitzt, sich über Generationen  zu reproduzieren
Ein organisch strukturiertes System ist längerfristig stabil, solange dessen innere Wechselwirkungen nachhaltig sind – sie zielen auf ein 'Ganzes'. 'Sustainability' gilt als universelles Prinzip für den Umgang mit allen Ressourcen, ja sogar für eine Transformation unserer gesamten Lebensweise,  also  der  Muster,  wie  wir  produzieren,  konsumieren  und  zusammenleben. In den Tiefenstrukturen eines 'Ganzen' werden  Zusammenhänge und Kontinuität  eines 'Ganzen' sichtbar (Ulrich Grober: “ Die Entdeckung der Nachhaltigkeit: Kulturgeschichte eines Begriffs).

Bei verflochtenen Wechselwirkungen entsteht oft der Eindruck, dass sich ein Organismus   aufgrund von Wechselwirkungen aus sich heraus selbst organisiert . Daraus kann nicht der konventionelle Schluss gezogen werden, dass alle Menschen damit rechnen können, dass sich menschliches Gemeinwohl für alle mehr oder weniger auf natürliche Weise einstellen wird.

Solange Menschen dazu tendieren, sich für das Nächstliegende zu entscheiden und wichtige Aspekte einer Situation nicht antizipieren sondern ignorieren, Sorgfalt und Zusammenhänge vernachlässigen, sind Chancen für gemeinsames Wohlgefühl eher gering.

Am Ende gilt, sich für das Notwendige einzusetzen.  

Einerseits ....


Die Mehrheit der Bevölkerungen geht heute davon aus, dass Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler, Ingenieure und 'Normalsterbliche' sich an konventionellen  Vorstellungen orientieren:
  • gesellschaftliche Autorität auszuüben
  • Vermögen zu besitzen   
  • technischem Fortschritt zu vertrauen
  • Vorstellungen hervorzuheben
  • vorgegebene Vorstellungen zu übernehmen
  • vermittels demokratischer Wahlen zu gestalten       
Die Mehrheit der Bevölkerungen setzt auf konventionelle Denk- und Verhaltensweisen.

Auf gesellschaftliche Autorität setzen


Es ist nicht zu leugnen, dass es Führungspersonen vorwiegend darum ging, andere Menschen kontrollieren und beherrschen zu wollen.
  • Die Pharaonen Ägyptens sahen sich als göttergleiche Herrscher. Vermittels der  Ausgrabungen der Städte Heliopolis (Kairo), Theben (Luxor) und der versunkenen Hafenstand Herakleon / Thonis (nahe Alexandria) wissen wir heute, dass Ägyptens  Herrscher die Sonne huldigten und sich gegen viele Feinde verteidigen mussten.  Echnaton erhob den Gott Aton in Gestalt der Sonnenscheibe zum Gott über alle Götter Ägyptens. Griechische und römische Feldherren beendeten schließlich die Herrschaft der Pharaonen.
  • Die Herrscher der Inkas und Azteken sahen sich als „Söhne der Sonne“ und schufen durch Krieg und Unterdrückung vieler Volksstämme riesige Reiche. Gefangene nutzten sie als Arbeitssklaven und opferten sie ihren Göttern. Spanischen Könige  beendeten die Kultur der Inkas und Azteken.
  • Ein Herrscher fühlte sich im 20. Jahrhundert berufen, die Welt zu erobern. Adolf Hitler begründete mit seiner Schrift “Mein Kampf“ eine antisemitische und rassistische Ideologie. Hitler wurde vermittels demokratischer Wahlen zum 'Führer' der deutschen Bevölkerung und verursachte den zweiten Weltkrieg. Vereinte militärische Aktionen  der USA, Englands,  Russlands und Frankreichs beendeten das menschenverachtende Regime Hitlers.
Ein Ende militärischer Auseinandersetzungen um Vorherrschaft in vielen Regionen der Welt ist nicht in Sicht.

Unmittelbar nach Beendigung des heißen Krieges gegen Hitler begann der 'Kalte Krieg' zwischen Regierungssystemen. Am Anfang war es ein Kampf zwischen marktorientierten und kommunistisch orientierten Systemen. Man glaubte dieser Kampf sei mit dem Zerfall der Sowjetunion beendet. 

Wir erleben im 21. Jahrhundert nicht nur weiterhin heiße Kriege, sondern auch eine neue Phase des Kalten Krieges zwischen USA, China, Russland und der Europäischen Union.

Auf Vermögensbesitz setzen


Warren Buffett, ein amerikanischer Unternehmer und Investor, ist ein typischer Vertreter der Finanzindustrie. Er wird oft mit den Worten zitiert: „Wenn in Amerika ein Klassenkampf tobt, ist meine Klasse dabei, ihn zu gewinnen.“ („If class warfare is being waged in America, my class is clearly winning.". Buffet bekräftigte seine Denk- und Verhaltensweise in einem Interview: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“

Das Geschäftsmodell von Investitionsbanken, Hedgefonds und Fondsgesellschaften  ist, Kapital von Vermögenden in deren Auftrag zu vermehren. Mit dem Kapital ihrer vermögenden Klienten können sie am Kapitalmarkt frei operieren. Ihre Operationen sind Computer-gesteuert, spekulativ und hoch profitabel:
  • Investmentfonds spekulieren auf Kursbewegungen von Unternehmensaktien (auf fallende Kurse vermittels Leerverkäufe.
  • Investmentfonds spekulieren auf Preise (Rohstoffe, Nahrungsmittel)
  • Investmentfonds erwerben Grundstücke – auch Agrarflächen – die sie selbst nicht nutzen, sondern die sie später gewinnbringend an Investoren verkaufen – an wen auch immer. Traditionelle Bauernbetriebe können Ackerland aufgrund gestiegener Preise nicht mehr erwerben. Agrarflächen , sie sind letztlich  für Konzerne interessant, die industrielle Landwirtschaft betreiben wollen.
  • Hedge Funds und Privat Equity Funds dienen unter anderem dem Zweck, in Krisen geratene  Unternehmen zu übernehmen, um noch florierende Teile der Unternehmen gewinnbringend an Investoren zu vermitteln.   
Eines der renommierten Unternehmen ist BlackRock Inc., eine 1988 in New York City gegründete Fondsgesellschaft. Es kontrolliert   7,4 Billionen US-Dollar (Stand: 31. Dezember 2019), und ist der größte Vermögensverwalter weltweit. BlackRock hält  erheblichen Beteiligungen an allen 30 DAX-Unternehmen und ist der größte Einzelaktionär an der Deutschen Börse. BlackRock hat sein Geschäftsmodell vermittels Börsen-gehandelten Fonds (ETF) erweitert. Damit hat  BlackRock die Möglichkeit auf Vermögenswerte Einfluss zu nehmen, die er selbst handelt (kriminelle Manipulationen?),
BlackRock gilt aufgrund des wirtschaftlichen und politischen Einflusses als „heimliche Weltmacht“ - als neoliberaler Vertreter des Kapitalismus. 

Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass Fondsgesellschaften operative Prozesse von Unternehmen unterstützen. Ihr Ziel ist es, hohe Profite vermittels Spekulationen zu erzielen, ohne sich in produktiven Operationen zu engagieren.

Es ist keine Frage, dass traditionell operierende Unternehmen Kapital brauchen, um  ihre Operationen zu finanzieren. Für 'produktives' Kapital sorgen Geschäftsbanken. 

Produktiv operierende Unternehmen setzen auf die Dominanz ihrer Produkte oder Dienstleistungen.  Um ihre Interessen durchzusetzen
  • unterhalten Unternehmen Lobbyisten, um politische Rahmenbedingungen in ihrem Sinn zu beeinflussen und zu gestalten. Günstige Rahmenbedingungen für mittelständische Unternehmen und traditionelle Agrarbetriebe werden oft vernachlässigt.
  • minimieren Unternehmen Arbeitskosten – etwa durch außertarifliche Zeitverträge.
  • delegieren Unternehmen die Bereitstellung von Arbeitskräften an Subunternehmer
  • nutzen Unternehmen Krisen, um  Arbeitnehmer zu entlassen, ohne sich um deren zukünftige Perspektiven zu bemühen. 
  • benutzen Unternehmen Druckmittel, um für sie günstige politische Rahmenbedingungen zu verhandeln – etwa mit der Drohung, Produktionsstätten zu verlagern.
Progressive Politiker fordern Investitionsbanken und Geschäftsbanken zu trennen,  
spekulative Finanztransaktionen wie Umsätze zu besteuern, und kommunale staatliche Funktionsträger in Infrastrukturprojekte einzubeziehen.

Konventionell orientierte Ökonomen beharren darauf, den Staat von unternehmerischen Einflüssen auszuschließen (Freiheit statt Sozialismus). Sie betrachten selbst staatliche Forschung unter kommerziellen Aspekten.

Auf technischen Fortschritt setzen


Traditionell wird Technik von Bevölkerungen als gesellschaftlicher Fortschritt geschätzt.  Stellvertretend für die breite Palette vorteilhafter Technik seien Automobil, Waschmaschine, Kühlschrank, Kaffeemaschine und Bohrmaschine genannt. Es ist auch Bestandteil traditioneller Ökonomie, dass Kunden mehr oder weniger regelmäßig  Produkte mit jeweils neuester Technik erwerben.

Edward Murphy junior (1836 – 1911), Ingenieur, demokratischer Vertreter New Yorks im US Senat und später Bürgermeister der Stadt Troy, wurde weltweit bekannt durch sein Gesetz

„Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“

In dieser Form wird Murphys Gesetzes oft in dem Sinn interpretiertn dass Technik  nicht fehlerfrei funktioniert. In der Urfassung des Gesetzes wird deutlich, dass Murphy auch die Benutzer von Technik im Sinn hatte: „Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.“
(“If there’s more than one possible outcome of a job or task, and one of those outcomes will result in disaster or an undesirable consequence, then somebody will do it that way.”)

Irgendwas ist schief gegangen, dass 2020 dominante IT-Unternehmen und Vermögensfonds  als „heimliche Weltmächte“ gelten. 

Das Unternehmen BlackRock dominiert weltweit Aktienmärkte vermittels eines in der Finanzwelt einzigartigem Risikomanagement-Systems. 5000 Computer sind Tag und Nacht damit beschäftigt, alle erdenklichen Szenarien eines Geschäfts durchzuspielen. Gehen die Zinsen rauf, runter, wie entwickelt sich die Auftragslage eines Unternehmens?

Unternehmen wie Google und Facebook dominieren vermittels ihrer Internetplattformen die Welt der Werbung.

Unternehmen wie Amazon dominieren die Welt des Online-Handels.

Informationstechnik erweiterte die Palette technischer Möglichkeiten so vielfältig, dass ihr Einfluss auf gesellschaftliche Verhältnisse nicht abzusehen ist. 

Einerseits wird Informationstechnik geschätzt:
  • sie erweist sich vermittels Vernetzung für Wissenschaftler als großer Vorteil für internationale Zusammenarbeit
  • sie ermöglicht  Unternehmen  neue Methoden für Design, Entwicklung und Produktion
  • sie ermöglicht Verwaltungen Services zu verbessern
  • sie ermöglicht  'Normalsterblichen' vermittels Personal Computer und Smartphone persönliche Anwendungen.
Andererseits wird Informationstechnik kritisiert:
  • Robotertechnik ist ungeeignet für Menschen, die auf menschliche Hilfe angewiesen sind. – aus welchem Grund auch immer. 
  • Computersysteme bewirken, dass Menschen Arbeit und Perspektiven verlieren.
  • Vernetzung führt in vielen Fällen zur Vernachlässigung von persönlichem Gedankenaustausch.
  • Virtuelle Spiele und virtueller Sport führt in vielen Fällen zur Vernachlässigung   persönlicher Beziehungen. 
Die traditionelle Medienindustrie ist aufgrund des Verlustes von Werbeumsätzen in finanziellen Schwierigkeiten  Die traditionelle Medienindustrie hat auch an Bedeutung verloren,  weil deren Online-Dienste zunehmend Informationen verbreiten, die nicht  zur Aufklärung der Bevölkerung beitragen. Sie helfen 'Normalsterblichen' nicht, ihr Leben zu gestalten. Dazu gehören Geschichten über die Entdeckung von Elementarteilchen, bemannte Flüge zum Mars und  phantastische Geschichten über Unsterblichkeit und die Nutzung Künstlicher Intelligenz.

Projekte, die von der Bevölkerung nicht verstanden werden, wirken verunsichernd und können bewirken, dass gesellschaftliche Verhältnisse auch unbegründet pessimistisch gesehen und  kritisiert werden. 

 Auf Hervorheben von Vorstellungen setzen


Menschen haben schon immer versucht , sich als besondere Spezies einzuschätzen. Besonders auffällig waren Versuche, eine Sonderstellung zu reklamieren:
  • Schamanen gelten als rituelle Spezialisten, denen magische Fähigkeiten zugesprochen werden, um als Vermittler zur Geisterwelt zu fungieren. Schamanen üben dazu verschiedene mentale Praktiken und Rituale aus (zum Teil unter Drogengebrauch), mit denen normale Sinneswahrnehmung erweitert werden soll. Sie treten aus diversen Gründen in Kontakt zu den „Mächten des transzendenten Jenseits“.
  • Legenden über Mose gelten als Beginn der israelitischen Geschichte. Das Meerwunder am Schilfmeer leitete die Wüstenwanderung der Israeliten ein. Mose wurde von „Richtern“ eingesetzt, um die Stämme Israels durch einen Bundesschluss am Berg Sinai vermittels der Zehn Gebote zu vereinen. Moses Existenz beruht auf  Erzählungen bzw. Legenden. die vorwiegend aus einer Priesterschrift stammen. Ein Pharao Ägyptens habe die wie Sklaven behandelten Israeliten in die Wüste ziehen lassen, um von Göttern gesandten Plagen über Ägypten zu beenden.
  • Siddhartha Gautama (563 – 483 v.Chr.) lehrte als Buddha (wörtlich der Erwachte) den Dharma (wörtlich die Lehre). Unter einem Buddha wird ein Wesen gesehen, das aus eigener Kraft die Reinheit und Vollkommenheit seines Geistes erreicht und somit eine grenzenlose Entfaltung aller in ihm vorhandenen Potenziale erlangt hat: vollkommene Weisheit (Prajna) und unendliches, zugleich aber auch begierdeloses, Mitgefühl (Karuna) mit allem Lebendigen. Buddhisten behaupten, dass das Erwachen eines Wesens von transzendenter Natur sei, mit dem Verstand nicht zu erfassen, und  „tief und unergründlich wie der Ozean“ ist. Die Erfahrung des Erwachens entzieht sich einer Beschreibung mit sprachlichen Begriffen. Wer Reinheit und Vollkommenheit seines Geistes erreicht hat, beendet einen Kreislauf von Leben und Wiedergeburt im Nirwana.
  • Mohammed (570 - 632) behauptete, er sei Prophet und Gesandter Gottes. Mit Hilfe einer 15 Jahre älteren Kaufmannswitwe erlangte Mohammed finanzielle Unabhängigkeit und soziale Sicherheit. Auf diese Zeit nimmt auch eine mekkanische Sure im Koran direkten Bezug: „Hat dich Allah  nicht als Waise gefunden und (dir) Aufnahme gewährt, dich auf dem Irrweg gefunden und recht geleitet, und dich bedürftig gefunden und reich gemacht?“ Der Islam verlangt von seinen Anhängern absolute Unterwerfung und Treue. Ein Leben der Unterwerfung und Treue wird nach dem natürlichen Ende im göttlichen Paradies belohnt.
  • Papst Pius IX. verkündete die Unfehlbarkeit päpstlicher Erkenntnisse. Papst Pius XII. verkündete die leibliche Himmelfahrt der Maria.  Papst Johannes XXIII. hat die wohl salomonischste Haltung zum Dogma, dass der Papst unfehlbar sei, eingenommen. Gleich nach seiner Wahl zum Papst 1958 erklärte Johannes XXIII.: "Ich bin zwar jetzt unfehlbar, gedenke aber nicht, davon Gebrauch zu machen."
  • Die Annahme, man könne sich auf christliche Werte berufen, um Gesellschaften  friedlich zu gestalten, haben sich nicht bewährt. Die christlichen Prinzipien wie „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“  und „Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger“ haben sich als irrealen Vorstellungen erwiesen, sie haben Frieden nicht bewirkt.
An Prinzipien und Ritualen festzuhalten, sind klassische Methoden, an konventionellen Denkweisen festzuhalten. Es ist kein Geheimnis, dass Politiker häufig ideologische Vorstellungen als Druckmittel nutzen (Geh zur Hölle!), um Bevölkerungen auf ihre Ziele  festzulegen. 

Hervorheben von Vorstellungen und diskriminierende Verhaltensweisen scheinen Kinder derselben Geisteshaltung zu sein. Im Mittelalter betrieben sowohl Moslems des Orients  als auch Christen des Abendlandes 'lukrativen' Sklavenhandel. 

Die Zeit geht zu Ende, in der Angeben oder Besserwisserei geschätzt wird.

Auf vorgegebene Vorstellungen setzen


Die wohl am stärksten wirksame vorgegebene gesellschaftliche Vorstellung ist die Annahme, dass die unsichtbare Hand des Marktes kapitalistisch orientierte  Gesellschaftsverhältnisse regelt. Dabei wird übersehen, dass Unternehmen weniger auf unvorhersehbare Preise setzen, sondern ihre Renditen planen. Die Vorstellung der unsichtbaren Hand des Marktes bewirkt, dass
  • Politiker für entstandene Problemsituationen nicht geradestehen, und keine Verantwortung für konkrete gesellschaftliche Verhältnisse übernehmen
  • Unternehmer unzureichende Verantwortung für Mitarbeiter übernehmen
Derzeit ist wie schon häufig in Brüssel ein „Jahrmarkt der Selbstinszenierung“  europäischer Regierungschefs zu beobachten. Es geht um den Corona-Wiederaufbaufond und den EU-Haushalt.  Ost gegen West, Nord gegen Süd - alle klassischen Rollenspiele werden auch diesmal in Brüssel aufgeführt. Ein Scheitern des derzeitigen Sondergipfels wäre der Beginn der Selbstaufgabe der EU. Und diese Selbstaufgabe der EU nutzt niemandem (Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel).

Es darf übrigens bezweifelt werden, dass schon bereitgestellte staatliche, finanziellen Mittel an Unternehmen zur Bewältigung der Coronaviruskrise verantwortungsvoll verwendet werden.

Ein Nebenschauplatz der Selbstinszenierung betrifft die IT Industrie. Ingenieure entwickeln Produkte, ohne Einfluss zu haben, wie ihre  Produkte in Unternehmen eingesetzt werden.

Es ist auch fraglich, ob derzeit angebotene biologische Produkte tatsächlich aus  biologisch operierenden Agrarbetrieben stammen. Auf Soja basierende Produkte stammen vor allem aus umweltschädlichen Anbaugebieten der USA und Brasiliens.

Wahrheiten politischer und ökonomischer Absichten zu kaschieren und politische Verantwortung zu vernachlässigen bewirkt, dass traditionelle politische Parteien zunehmend Wähler verlieren und die Anzahl von Nichtwählern zunimmt. Es verschafft national orientierten Parteien legale Gelegenheiten, für ihre Vorstellungen Wähler zu gewinnen. Der  langfristige Erfolg oder Misserfolg gesellschaftlicher Bewegungen hängt von deren Gefolgschaften ab.

Selbst selbsternannte  Experten die in Büchern und Talkshows empfehlen, das Jetzt so intensiv als möglich zu genießen, sind kurzfristig sehr erfolgreich.

Oft stellen sich Fragen, warum 'Normalsterbliche' – ziemlich unabhängig vom Bildungsstand – auf vorgegebene Vorstellungen setzen: 
  • Suchen sie Gemeinschaft?
  • Suchen sie in einer Gruppe Geborgenheit?
  • Wollen sie sich profilieren und beweisen?
  • Glauben sie, dass Kritik an Außenstehende hilft, sich behaupten zu können?
Vermutlich Ist die Zeit gekommen, dass vorgegebene Vorstellungen bedenkenlos und leichtfertig zu übernehmen, immer weniger respektiert wird und zu vermeiden ist.  In  Fällen, da vorgegebene Vorstellungen bedenkenlos übernommen werden, besteht die Gefahr des Verlustes der Motivation, sich um neue Erkenntnisse zu bemühen.

Auf demokratische Wahlen setzen


Die Mehrheit der europäischen Bevölkerung ist der konventionellen Auffassung, dass freie demokratische Wahlen ausreichen, um Staaten menschengerecht zu gestalten.

Dabei wird übersehen, dass gesellschaftliche Gestaltung Engagement der Bevölkerung voraussetzt. 

Dabei wird übersehen, dass Politiker für die Öffentlichkeit soziale Gemeinschaft  und Gerechtigkeit zwar betonen (predigen), dass es jedoch um andere Zielsetzungen geht:
  • In Europa versuchen Politiker (ziemlich erfolglos), die Europäischen Union als internationalen Machtfaktor zur Geltung zu bringen. Sie versuchen gemeinsame, liberale und solidarische Verhältnisse aufrecht zu erhalten und zu verteidigen.
  • In USA wird versucht, vermittels einer national orientierten Politik (america first) eine führende Rolle in der Welt aufrecht zu erhalten und zu verteidigen.
  • In Russland wird versucht, vermittels eines zaristischen (oligarchischen) Systems die Kontrolle über Territorien des vergangenen Zarenreiches wiederzuerlangen.
  • In China wird angestrebt, die führende Rolle in der Welt zu übernehmen. Xi Jinping ist seit 2012 Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas sowie Vorsitzender der Zentralen Militärkommission und seit 2013 Staatspräsident der Volksrepublik China. Xi Jinping gilt derzeit aufgrund seiner autokratischen Machtfülle als einer der mächtigsten Herrscher auf der Erde. 2018 ließ er die Amtszeitbegrenzung des Präsidenten aufheben und ermöglichte sich seine Regierungsgewalt auf Lebenszeit. Xi verfolgt eine aggressivere Außen- und Innenpolitik und eine „patriotische“ Ideologisierung und Kontrolle der Bevölkerung vermittels digitaler Überwachung.
Liberal orientierte Staaten sind unter Druck geraten, weil Politiker, Unternehmer und auch 'Normalsterbliche' Privilegien und Freiheitsgrade in Anspruch nehmen, die gesellschaftliche Verhältnisse polarisieren, destabilisieren oder gar kriminelle Verhaltensweisen erlauben.

Zweifel am Sinn existierenden demokratischen Wahlen ohne Engagement der Wähler  sind berechtigt und angebracht.

Ein derzeitiger Rentner erlebt derzeitige demokratische Verhältnisse auf seine Weise: https://www.youtube.com/watch?v=47uCgsVpzzk

Andererseits .....



Während konventionell orientierte Politiker und Ökonomen dazu tendieren, Wahrheiten über gesellschaftliche Verhältnisse zu kaschieren, scheuten sich einige herausragende Wissenschaftler nicht, die Öffentlichkeit auf wichtige Aspekte gesellschaftlicher Verhältnisse hinzuweisen:

Der Physiker Albert Einstein (1879 – 1955) wies die Öffentlichkeit aufgrund seiner Erfahrungen  darauf hin:

"Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.
An der Grenze des Wissens beginnt der Glaube.
Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden.
Die moralischen Qualitäten der führenden Persönlichkeiten sind für eine Generation und für den Lauf der Geschichte vielleicht von noch größerer Bedeutung als rein intellektuelle Leistungen.
Die Schule sollte stets danach trachten, daß der junge Mensch sie als harmonische Persönlichkeit verlasse, nicht als Spezialist.
Wenige sind imstande, von den Vorurteilen der Umgebung abweichende Meinungen gelassen auszusprechen; die Meisten sind sogar unfähig, überhaupt zu solchen Meinungen zu gelangen.
Nichts wahrhaft Wertvolles erwächst aus Ehrgeiz oder bloßem Pflichtgefühl, sondern vielmehr aus Liebe und Treue zu Menschen und Dingen.
Jedem tiefen Naturforscher muß eine Art religiösen Gefühls naheliegen, weil er sich nicht vorzustellen vermag, daß die ungemein feinen Zusammenhänge, die er erschaut, von ihm zum erstenmal gedacht werden".

Der Physiker Erwin Schrödinger (1887 – 1961)  beeindruckte die Öffentlichkeit, indem er auf einen  grundlegenden Unterschied zwischen physikalisch und biologisch orientierten Strukturen hinwies:

"Wir Physiker und Chemiker haben uns bisher nicht mit Unterschieden zwischen  stofflichen und lebenden Strukturen befasst.
Lebenswichtige Teile eines Organismus sind völlig verschieden von der Struktur jedes Stückes Materie.
Die wesentliche Eigenschaft des Lebens besteht darin, Ordnung von Generation zu Generation weiterzugeben. Da die materielle Verkörperung dieser Ordnung offenbar Platz in einer einzelnen Zelle findet , muss sie in Gestalt eines 'Codes' gespeichert sein".

Der Physiker Stephen Hawking Stephen (1942 – 2018 wies darauf hin:

"Wenn wir nicht lernen, uns auf mögliche Gefahren vorzubereiten und sie zu vermeiden, könnte KI (Künstliche Intelligenz) das schlimmste Ereignis in der Geschichte unserer Zivilisation sein. Sie bringt Gefahren mit sich, wie mächtige autonome Waffen oder neue Wege für die Wenigen, die Vielen zu unterdrücken".

Am Anfang des 21. Jahrhundert sind mehr oder weniger alle Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler, Ingenieure und 'Normalsterbliche' 2020 gezwungen, konventionelle Vorstellungen zu überdenken.

Wer sich vornimmt, existierendes Verhalten  zu ändern , hat zu entscheiden:
  • Verhaltensweisen, die sich für die Gemeinschaft nicht bewährt haben, zu beenden.
  • Verhaltensweisen, die sich für die Gemeinschaft  bewährt haben, zu erhalten
  • Neue Verhaltensweisen zu erwerben, um die Gemeinschaft  nachhaltig zu gestalten.
'Normalsterbliche' mögen Eliten drängen, im Sinne des Gemeinwohls zu agieren.Im Allgemeinen ist es nicht möglich, politische Eliten in die Pflicht zu nehmen.

Für alle an einer Gesellschaft beteiligten ist aber möglich
  • sich beschränktes Wissen anzueignen,
  • Wissen mit Anderen auszutauschen
  • Wissen orientierte Kooperation zu praktizieren
  • sich empathisch zu verhalten
Der Hinweis auf beschränktes Wissen bezieht sich auf die Tatsache, dass absolute Erkenntnis nicht existiert, und dass Menschen lernen und akzeptieren müssen, auch mit Situationen fertig zu werden, da zuverlässiges Wissen (noch) nicht verfügbar ist.

Je mehr Menschen sich ernsthaft über derzeitige gesellschaftliche Problemsituationen  Gedanken machen, desto mehr werden gesellschaftliche Bereiche deutlich, in denen konventionelle Betrachtungen bzw. Denk- und Verhaltensweisen nicht ausreichen: 
  • Fortschritte in Wissenschaft und Technik
  • Umgang mit Pandemien
  • Ausbeutung von Entwicklungsländern 
  • Nachhaltige Hilfe für Entwicklungsländer 
  • Beendigung von Umweltzerstörung
  • Beendigung von Stadtzersiedlung  

Fortschritte in Wissenschaft und Technik


Wir verfügen im 21. Jahrhundert über Computertechnologie unglaublicher Vielfalt:
  • Astrophysikalische Beobachtungsstationen für eine breite Palette physikalischer Strahlungen
  • Satelliten für die Beobachtung und Analyse der Erdoberfläche
  • Automaten für genetische Analysen
  • Technologie für genetische Veränderungen
  • Technologie für pharmazeutische Entwicklungen
  • Analyse- und Diagnosegeräte im Gesundheitswesen
  • Effektive Methoden für Erkennen und Analysen von Mustern
Im Vergleich zu konventionellen Computeranwendungen ermöglichen neue Technologien  ungeahnte Anwendungen vermittels
  • Big-Data und Data-Clouds
  • Algorithmen mit Künstlicher Intelligenz
  • Deep-Learning Algorithmen
  • Sensortechnologien
  • Quantentechnologie
Bei Entwicklungen neuer Technologie sind ein paar Aspekte zu beachten, die leicht übersehen werden:
  • Es gibt Situationen, für die lange Zeit kein oder nur unvollständiges Wissen existiert, um sie zu verstehen.
  • Für viele Situationen können lediglich wahrscheinliche Aussagen gemacht werden.
  • Konkurrenz zwischen Wissenschaftlern an Universitäten fördert Kreativität, auch wenn keine ökonomischen Interessen verfolgt werden. Wissenschaftler im Dienst großer Konzerne vertreten deren geschäftlichen Interessen.
  • Trotz mehr oder weniger 'revolutionärer' technologischer Veränderungen bleiben traditionelle Kultur-prägende wissenschaftliche Leistungen und außerordentliche künstlerische Werke bewundernswert.
Kritik, dass führende gesellschaftliche Vertreter nicht erkennen lassen, die großen gesellschaftlichen Probleme des 21. Jahrhunderts ernsthaft anzugehen, ist solange berechtigt, solange sie keine konkreten Vorschläge für Lösungen der großen Probleme des 21. Jahrhunderts vorlegen.

Umgang mit Pandemien


Die derzeitige brandgefährliche Coronaviruspandemie hat Länder weltweit unvorbereitet getroffen. Das neue Virus Covid-19 verursacht schwere Lungenerkrankungen, die tödlich verlaufen können. Das Virus kann sich aber auch unentdeckt vermehren, wenn Personen keine Krankheitssymptome aufweisen.

Eine Pandemie erfordert weltweit koordinierte Maßnahmen, um sie unter Kontrolle zu bringen. Sie erfordert
  • aufwändige Forschung nach wirksamen Medikamenten und Impfstoffen
  • einschränkende Verhaltensweisen, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit  zu verringern
  • Grenzkontrollen, um grenzüberschreitende Infektionen zu verhindern
  • Verbesserung der Gesundheits- und Sozialsysteme
Pandemien können gesellschaftliche Verhältnisse schwer belasten, vor allem auch durch ökonomische Einbrüche mit Zunahme von Insolvenzen und Arbeitslosigkeit.

Ausbeutung von Entwicklungsländern


Bevölkerungen industrialisierter Länder sind sich nicht bewusst, dass ihr Wohlstand zum großen Teil auf Kosten von Entwicklungsländern beruht:   
  • weil unzureichende Löhne an lokale Fabrikarbeiter*innen gezahlt werden
  • weil unzureichende Preise für lokale Agrarprodukte gezahlt werden
  • weil Preise exportierender Länder kostendeckende Preise lokaler Unternehmer  unterbieten
  • weil der Export genetisch veränderter Pflanzen die Autonomie lokaler Agrarbetriebe verhindert
Es ist unverantwortlich, wenn global operierende Unternehmen Ressourcen von  Entwicklungsländern ausbeuten, und danach eine zerstörte Umwelt hinterlassen (z.B. Ölbohrungen in Nigeria).

Der Ausbeutung von Entwicklungsländern kann nur vermittels internationaler politischer Rahmenbedingungen bewirkt, und Verstöße dagegen müssen vermittels internationaler Gerichte geahndet werden. 

Nachhaltige Hilfe für Entwicklungsländer 


Bevölkerungen leiden unter Hunger und Durst vor allem aufgrund von Krieg,  Umweltkatastrophen aber auch aufgrund von Geschäftsmodellen global operierender 
Unternehmen.

Regierungen industrialisierte Staaten sind aufgerufen,Entwicklungsländer  zu unterstützen, deren Autonomie zu stärken:
  • vermittels non-profit  Investitionen in Infrastrukturen (vor allem Verkehr und Transport)
  • vermittels non-profit  Investitionen in Bildungsstätten
  • vermittels non-profit  Investitionen ins Gesundheitswesen
  • vermittels Sendung von Ausbildungspersonal
  • vermittels Export und Wartung lokal sinnvoller Technik 
  • vermittels günstiger lokaler Kredite
Es muss international beendet werden, in Entwicklungsländer 
  • billige Nahrungsmittel zu exportieren
  • dort Quell- und Grundwasser zu privatisieren
  • dorthin  nutzlose Technik zu exportieren
  • dorthin Waffen zu exportieren

Beendigung von Umweltzerstörung 


Es gilt als erwiesen, dass der Markt nicht wie angenommen ausreicht, gesellschaftliche Verhältnisse zu regeln. Industrielle Interessen haben bewirkt, dass sich die Umwelt so verändert hat, dass menschengerechtes Leben gefährdet wird – durch:
  • Zerstörung tropischer Wälder
  • Zerstörung natürlicher Fischgründe
  • Industrialisierung der Agrarwirtschaft
  • Industrialisierung der Tierhaltung
  • Missbrauch von Antibiotika und Pestiziden
  • Belastung des Grundwassers durch Nitrate
  • Belastung der Atmosphäre durch konventionelle Stromerzeugung 
  • Veränderung des Klimas
Internationale Konferenzen, an denen wissenschaftliche Experten und Politiker Ansichten austauschen, weisen darauf hin, dass nur vermittels einer weltweit grundlegenden ökosozialen Orientierung weitere Zerstörungen der Umwelt und Klimakatastrophen  vermieden werden können. Es gilt verantwortungsvoll zu handeln. 

Beendigung von Stadtzersiedlung


Kommerzielle Interessen haben wesentlich zur Zersiedlung der Städte beigetragen:
  • Missbrauch städtischer Wohnungen durch kurzfristige Vermietung (Airbnb)
  • Ersetzen städtischen Wohnraums durch profitable Bürogebäude (Banken, Versicherungen)
  • Ersetzen städtischer, spezialisierter Läden durch Supermärkte an der Peripherie
  • Unkontrolliertes Wachstum städtischer Elendsvierteln
  • Aggressive Auseinandersetzungen aufgrund von Benachteiligungen und Diskriminierung
  • Einige der größten städtischen Problemsituationen betrifft zunehmende Kriminalität, die durch Drogen verursacht wird.
Derzeitige  Methoden der Drogenbekämpfung  –  Verfolgung führender Vertreter der Drogenindustrie und staatliche Hilfen für Drogensüchtige – sind wenig erfolgreich. Um das Drogenmilieu auszutrocknen, werden Umgestaltungen städtischer Strukturen notwendig sein:
  • damit weniger Verzweifelte zur Droge greifen
  • damit der Drogenhandel als Geschäftsgrundlage für arbeitslose, oft wenig gebildete Jugendliche  unattraktiv wird
  • damit es gelingt, den internationalen Drogenhandel zu unterbinden  
Die Zeit ist gekommen, den Anfang einer neuen Weltordnung zu riskieren. 

Es gilt ........


Im 21. Jahrhundert  sind mutige Entscheidungen zu treffen, die die wahren gesellschaftlichen Verhältnisse reflektieren. Es gilt, Verantwortung zu übernehmen.
Es gilt, sich nicht für das Nächstliegende sondern für das Notwendige zu entscheiden.

Der Uno-Generalsekretär António Guterres hat in einer Grundsatzrede eine „neue Weltordnung“ gefordert, in der Macht, Reichtum und Chancen gerechter verteilt werden“ (Anlage 1). Er kritisiert „die globale Vorherrschaft der Supermächte, deren Führungen bei den größten Herausforderungen und Konflikten der Gegenwart oftmals nicht zu gemeinsamen Lösungen kommen.“ Guterres erachtet „allgemeine Krankenversicherung und die Möglichkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens“ für realistische Schritte zur Erneuerung der Weltordnung.

Es gilt aber auch, sich keinen Illusionen hinzugeben. Solange keine konkreten internationalen Vorstellungen und Vereinbarungen für eine neue Weltordnung existieren, werden pragmatische Lösungen für existierende Wirtschaftsprobleme Gesellschaften weiterhin prägen.

Die politisch Mächtigen der Europäischen Union haben sich auf Corona-Wiederaufbaufonds  geeinigt – zum Teil als Kredite zum Teil als nicht rückzahlbares Kapital. Damit sollen die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise vermittels zusätzlicher Investitionen bewältigt werden können. Übrigens sind die ökonomisch „heimlichen Mächte“ von der Coronakrise kaum betroffen.

Vermutlich werden die Staaten der Europäischen Union vermittels der vereinbarten Hilfsfonds vorwiegend Projekte mit konventionellen Zielsetzungen finanzieren:
  • Personalaufstockungen in Krankenhäusern und Pflegeheimen
  • Umstellungen in der  Autoindustrie
  • Produktivitätsverbesserungen wie etwa intelligente Roboter und automatisierte Produktionsverfahren,
Europäische Investitionen fließen auch (in Zusammenarbeit mit China?)  in die Entwicklung immer größerer Containerschiffe und automatisierter Containerhäfen. Sie könnten sich als Fehlinvestitionen erweisen, wenn der globale Handel langfristig stagniert.

Annahmen, dass es ausreicht auf Technologie zu setzen, um die großen Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen, sind eher irreführend.

In der Öffentlichkeit Deutschland diskutierte Möglichkeiten, die günstigen Einfluss auf die Erhaltung der Umwelt haben, reflektieren die kurzfristig veränderten Verhaltensweisen während der Coronaviruskrise:
  • Verwaltungs- oder Programmierarbeiten zu Hause verrichten
  • Geschäftsreisen mit Flugzeug einschränken
  • Videokonferenzen organisieren und abhalten
  • PKWs in der Garage lassen
  • Luxusreisen einschränken
  • Schulbetrieb vermittels Fernunterricht organisieren
  • Konsum einschränken
  • Gerichte selber kochen
  • Nachbarschaftshilfe für Betreuung von Kindern und Älteren leisten 
Welche Verhaltensweisen längerfristig Bestand haben werden, wird sich zeigen.

Wenn wir ehrlich sind, haben industrialisierte Länder versäumt, wesentliche vorausschauende Investitionen zu leisten: 
  • um Verkehrsinfrastrukturen effektiv zu gestalten
  • um Schulen hinreichend auszurüsten
  • um Migration von Arbeitskräften zu organisieren
  • um Armut in Entwicklungsländern vor Ort zu verringern
Gesellschaftlicher Entwicklungen sind fast so vielfältig wie natürliche Entwicklungen.

Während bei natürlichen langfristigen Entwicklungen von Organismen (Viren, Bakterien, Pflanzen, Tiere) evolutionäre Selektionen unbeschränktes Wachstum von Populationen verhindern, scheint sich  Homo sapiens unbeschränkt zu vermehren (seit Erfolgen der Industrialisierung?):

Erdbevölkerung
 Jahr   Bevölkerungszahl   Jahr zur nächsten Mrd. 
1804 1 Mrd. 123 Jahre
1927 2 Mrd. 33 Jahre
1960 3 Mrd. 14 Jahre
1974 4 Mrd. 13 Jahre
1987 5 Mrd. 12 Jahre
1999 6 Mrd. 12 Jahre
2011 6 Mrd. 12 Jahre
2023 8 Mrd.

Homo sapiens hat schließlich keine Fressfeinde.
Quelle: https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/grafiken-weltbevoelkerungstag-zahlen-100.html

Bisher haben sich Menschen an alle Umgebungen dieser Erde anpassen können. Langsam werden sich Menschen bewusst, dass sie auch selbst für Änderungen ihrer natürlichen Umgebungen verantwortlich sind, und am Ende ihr Überleben davon abhängt, ob es ihnen gelingt, ihre Vermehrung zu kontrollieren und ihre Umwelt zu erhalten.

Es ist offensichtlich geworden, dass Städte in Gefahr sind, unbewohnbar zu werden, und   nur Kommunen in der Lage sind, Städte zu gestalten.

Heute leben 56 Prozent der Bevölkerung in Städten. Bis 2050 könnte der Anteil der Stadtbewohner weltweit auf über 68 Prozent steigen, 90 Prozent des Zuwachses wird in afrikanischen und asiatischen Ländern erwartet. Bis zum Jahr 2030 wird mit mehr als 40 Megastädten mit mehr als zehn Millionen Einwohnern gerechnet. 
Quelle: https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/grafiken-weltbevoelkerungstag-zahlen-100.html

Bürgermeister vieler Städte werden gewählt, weil ihnen zugetraut wird, Probleme ihrer Bevölkerungen zu lösen.

Paris hat eine unkonventionell handelnde Bürgermeisterin, die dabei ist, Paris umzugestalten, um es  wieder bewohnbarer zu machen.
Quelle: https://www.spiegel.de/politik/paris-buergermeisterin-anne-hidalgo-und-ihr-plan-paris-wird-gruen-a-00000000-0002-0001-0000-000171875134

Freiburg im Breisgau gilt als Stadt, die ihre städtische Infrastruktur pflegt, und auf traditionelle Landwirtschaft viel Wert legt. Freiburgs Oberbürgermeister ist parteilos.

Zukünftige Entwicklungen der Infrastrukturen großer Städte werden wesentlich über zukünftige menschliche Lebensqualität entscheiden. Dazu gehört, Innenstädte wieder zu beleben, indem traditionell wichtige Tätigkeiten gefördert werden – Fleischer, Bäcker,   
Köche, Reparaturbetriebe, Pflegedienste, Kundenservices etc. Traditionelle professionelle Berufe helfen, die Beendigung gesellschaftlich 'wertloser' Tätigkeiten (z.B. technische Hilfsdienste in automatisierten Lagern, industriell organisierte Schlachtungen) zu kompensieren..

Es ist sicher, dass sich im 21. Jahrhundert  niemand der Frage entziehen kann: Erlebt Homo sapiens gerade das Ende einer Kultur, die ihn in eine lebensbedrohliche Situation gebracht hat, und erlebt er gerade den Anfang einer Kultur, die er zum Leben benötigt?

Solange das Bemühen (Kampf?) um eine neue Weltordnung und Kultur anhält, solange ist „Polen  nicht verloren“ („Noch ist Polen nicht verloren“ ist der Anfang der polnischen Nationalhymne).

Wer bereit ist, sich für eine nachhaltige, sich dynamisch ändernde Welt einzusetzen – Rentner in Gesprächen mit ihren Enkeln – wird am Ende gewinnen. 

Anlage 1 – Erneuerung der Weltordnung


Eine neue Weltordnung, in der Macht, Reichtum und Chancen gerechter verteilt werden – nicht weniger fordert Uno-Generalsekretär António Guterres in einer Grundsatzrede.
UN-Generalsekretär António Guterres hat sich im Kampf gegen globale Ungleichheit für eine Erneuerung der internationalen Ordnung ausgesprochen. Es brauche ein "neues Globales Abkommen", um Macht, Reichtum und Chancen gerechter zu verteilen, sagte Guterres bei einer Feier zum Nelson-Mandela-Tag.

Staaten blockieren sich im Uno-Sicherheitsrat


Mit seiner Rede kritisierte Guterres damit die globale Vorherrschaft der Supermächte, deren Führungen bei den größten Herausforderungen und Konflikten der Gegenwart oftmals nicht zu gemeinsamen Lösungen kommen.

Als Beispiel nannte der UN-Chef das Stimmrecht des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen: USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich sind Vetomächte des mächtigsten UN-Gremiums, das bei vielen Themen wie dem Syrien-Krieg blockiert ist, weil nichts gegen ihren Willen beschlossen werden kann.

 „Ungleichheit beginnt ganz oben – in globalen Institutionen.
Die Bekämpfung der Ungleichheit beginnt mit der Reform.“

Welt steht vor einem Abgrund


Guterres sieht die Welt vor einem Abgrund, der durch die Corona-Pandemie noch deutlicher geworden sei. Wie Röntgenstrahlen habe sie die Brüche im fragilen Skelett der Gesellschaften offengelegt: "Die Lüge, dass entfesselte Märkte Gesundheitsversorgung für alle liefern könnten" und die "Täuschung, in einer Welt zu leben, die den Rassismus überwunden hätte".

Statt eines gemeinsamen Vorgehens gegen die Krankheit sei die Kluft nur noch größer geworden:

 „Denn während wir alle auf demselben Meer schwimmen,
ist klar, dass sich einige in Superjachten befinden,
während andere sich an treibende Trümmer klammern.“

Nationalismus und Rassismus verschlimmern die Ungleichheit


Während der UN-Chef zwei der Hauptursachen für die Ungleichheit in der Welt in der Kolonisation und in von Männern dominierten Gesellschaften sieht, beförderten aktuelle Entwicklungen diese noch: Populismus, Nationalismus, Extremismus und Rassismus würden weitere Ungleichheiten in Ländern sowie zwischen Nationen, Ethnien und Religionen schaffen.

Guterres dürfte dabei neben US-Präsident Donald Trump auch auf andere internationale Anführer abzielen, die auf nationale Alleingänge setzen und sich der internationalen Kooperation zumindest teilweise verweigern. Zu ihnen werden auch die Regierungen Russlands, Chinas und Brasiliens gezählt.

Entwicklungsländer müssen mehr gehört werden


Zudem müssten vor allem die Entwicklungsländer mehr Gewicht bei der internationalen Entscheidungsfindung bekommen. Zudem brauche es deutlich mehr Frauen in Führungspositionen, um auch Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu schaffen.

 „Ein neues Modell für globale Regierungsführung muss auf
einer vollständigen, integrativen und gleichberechtigten
Beteiligung an globalen Institutionen beruhen.“

Für die Zukunft sieht Guterres zwei grundlegende Veränderungen auf der Welt, die zu einer weiteren Vertiefung der Gräben führen könnten: den Klimawandel und die fortschreitende Digitalisierung.

Quelle: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/guterres-un-grundsatzrede-weltordnung-100.html

"Ungleichheit beginnt ganz oben"


Ein neues globales Machtverhältnis - nicht weniger fordert UN-Generalsekretär Guterres in einer Grundsatzrede. Die Großmächte kritisierte er für nationale Alleingänge - nicht nur in der Corona-Krise.

UN-Generalsekretär António Guterres hat eine grundlegende Neuordnung der internationalen Machtverhältnisse durch Reformen gefordert, um globale Ungleichheit zu bekämpfen.

"Die Nationen, die sich vor mehr als sieben Jahrzehnten durchsetzten, haben sich geweigert, über die Reformen nachzudenken, die zur Änderung der Machtverhältnisse in internationalen Institutionen erforderlich sind", sagte Guterres bei einer Feier zum Nelson-Mandela-Tag in einer Videoansprache. Den Geburtstag des verstorbenen südafrikanischen Präsidenten nutzte Guterres für eine Grundsatzrede, in der er sich für ein "Neues Globales Abkommen" aussprach, das helfen solle, Macht, Reichtum und Chancen gerechter auf der Welt zu verteilen.

"Neues Globales Abkommen"


Dieses neue Modell für globale Regierungsführung müsse auf einer "vollständigen, integrativen und gleichberechtigten Beteiligung an globalen Institutionen beruhen", forderte Guterres weiter. Dabei sei wichtig, dass vor allem die Entwicklungsländer mehr Gewicht bei der internationalen Entscheidungsfindung bekommen.

Zudem brauche es deutlich mehr Frauen in Führungspositionen, um auch Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu schaffen. Kolonialismus und die gesellschaftliche Dominanz von Männern seien die zwei Hauptursachen für Ungleichheit. Populismus, Nationalismus, Extremismus und Rassismus trügen außerdem zu ihr bei.

Kritik an Großmächten


Von den Großmächten erwartet Guterres deshalb mehr Einigkeit und kritisierte sie für ihre nationalen Alleingänge. Ihre Regierungen kämen bei den größten Herausforderungen und Konflikten der Gegenwart oftmals nicht zu gemeinsamen Lösungen.

Als Beispiel nannte der UN-Chef das Stimmrecht des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen: Die USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich sind Vetomächte des mächtigsten UN-Gremiums, das bei vielen Themen wie dem Syrien-Krieg blockiert ist, weil nichts gegen den Willen dieser fünf beschlossen werden kann. "Ungleichheit beginnt ganz oben: in globalen Institutionen. Die Bekämpfung der Ungleichheit beginnt mit der Reform", so der ehemalige sozialistische Premierminister Portugals.

Corona als Weckruf


Auch an der Coronavirus-Pandemie kam Guterres in seiner Rede nicht vorbei. Er verglich die Krise mit "Röntgenstrahlen" - sie habe die Brüche im fragilen Skelett der Gesellschaften offengelegt: "Die Lüge, dass entfesselte Märkte Gesundheitsversorgung für alle liefern könnten" und die "Täuschung, in einer Welt zu leben, die den Rassismus überwunden hätte".

Statt eines gemeinsamen Vorgehens gegen die Krankheit täten sich immer größere Gräben auf. "Denn während wir alle auf demselben Meer schwimmen, ist klar, dass sich einige in Superjachten befinden, während andere sich an treibende Trümmer klammern."

Guterres sagte, die Pandemie habe die "tragische Kluft" zwischen Partikularinteressen und öffentlichem Nutzen deutlich gemacht. Eine sich verändernde Welt brauche neue soziale Sicherungssysteme. Als Beispiele nannte Guterres eine allgemeine Krankenversicherung und die Möglichkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Zukünftig gemeinsam und zum Wohl aller?


Auch die weltweite Anti-Rassismus-Bewegung nach dem Tod von George Floyd in den USA sei ein Zeichen dafür, "dass die Menschen genug haben", so Guterres. Sie hätten genug von Ungleichbehandlung wegen ihrer Hautfarbe und Ungerechtigkeit, die Menschen ihrer fundamentalen Rechte beraube.

Guterres schloss mit den Worten: "Jetzt ist es an der Zeit, dass die führenden Länder sich entscheiden: Werden wir dem Chaos, der Spaltung und der Ungleichheit nachgeben? Oder werden wir die Fehler der Vergangenheit korrigieren und gemeinsam voranschreiten - zum Wohl aller?"

Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/guterres-un-grundsatzrede-101.html

Anlage 2: “China-USA: Spielball WHO“


Eine Arte Dokumentation zeigt, wie Großmächte  derzeit kontrovers und kontraproduktiv diskutieren. Sie nutzen für Kontroversen internationale Institutionen wie UNO (United Nations in New York) oder WHO (Weltgesundheitssorganisation in Genf). 

Ist die Weltgesundheitsorganisation noch zu retten? Diese Frage ist in diplomatischen Kreisen immer öfter zu hören. Die Diskussion verläuft entlang der Grenzen des neuen Kalten Krieges zwischen den USA und China. Den Zündstoff für die Kontroverse lieferte die Covid-19-Krise. Offenbar schenkt die Weltgesundheitsorganisation zu Beginn der Epidemie Chinas verharmlosender Krisenberichterstattung Glauben. Vom Rest der Welt wird sie daher beschuldigt, die internationale Reaktion verzögert zu haben. Wie konnte das passieren? Und wie lässt sich das weltweite Versagen in der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie erklären?
Um diesen Fragen nachzugehen, beleuchtet die Dokumentation die Geschichte der WHO von ihrer Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg über Erfolge etwa durch die Verbreitung von Antibiotika oder die Ausrottung der Pocken bis hin zu den vergangenen 20 Jahren, in denen die zunehmende Einflussnahme Chinas die Organisation aus dem Gleichgewicht brachte. Aber lassen sich die Misserfolge allein dadurch erklären? Die Dokumentation zeigt auf, dass in den letzten Jahren zahlreiche Stimmen vor den Problemen bei der WHO gewarnt haben und davor, dass die Gesundheitsorganisation nicht mehr in der Lage sei, die Welt zu schützen. Wird die Krise eine Umsetzung längst fälliger Reformen in die Wege leiten? Und wie sieht die Zukunft der WHO nach der Corona-Krise aus?

Hier ist der Link zum Film:
https://www.arte.tv/de/videos/097687-000-A/china-usa-spielball-who/

Montag, 22. Juni 2020

Peter Hiemann zum Thema Selbstorganisation

Schon längere Zeit vermuten Naturwissenschaftler, dass in der Natur – vor allem bei neuralen Gehirnprozessen – dem Prinzip 'Selbstorganisation' eine entscheidende Rolle zukommt.

Der Begriff der Selbstorganisation wurde in den 1950er-Jahren von Wesley A. Clark und Belmont G. Farley geprägt. Heinz von Foerster würdigt in dem Buch “Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“ (1998) Clark und Farley mit den Worten:

„Sie erkannten, daß sich Operatoren, die in einer geschlossenen Beziehung stehen, irgendwie stabilisieren und beobachteten – noch ohne eine Theorie der rekursiven Funktionen oder des Eigenwertes zu kennen – das Phänomen, daß bestimmte geschlossene Systeme nach einer gewissen Zeit stabile Formen des Verhaltens entwickeln“

Auch in sozialen Systemen lässt sich beobachten, wie Ordnung – unabhängig von den Handlungen eines Organisators – aus dem System selbst heraus entsteht. Die Selbstorganisation ist ein nicht nur in der Systemtheorie populärer Begriff. Ihm kommt sowohl in sozialen als auch in natürlichen, physikalischen, biologischen, chemischen oder ökonomischen Systemen Bedeutung zu. Diesem Ansatz zufolge können die Menschen nur dann ihr Leben selbst in die Hand nehmen, wenn sie nicht hierarchischen Organisationen unterworfen sind.

Der Physiker und naturwissenschaftlich orientierte Philosoph Heinz von Foerster (1911–2002) publizierte zusammen mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen das
Buch “Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker“. Es erschien 1998 und wurde 2019 mit dem Hinweis 'Systemische Horizonte' neu aufgelegt.

In dem Buch geht es um grundlegende Fragen zum Thema Selbstorganisation. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Sind unsere Weltbilder lediglich Erfindungen, oder entspricht ihnen eine äußere Realität? Ist Wahrheitserkenntnis möglich? Es sind diese Fragen, die der Physiker und Philosoph Heinz von Foerster und der Journalist Bernhard Pörksen in ihren Gesprächen debattieren. Gemeinsam erkunden sie die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens, diskutieren die scheinbare Objektivität unserer Sinneswahrnehmung, die Folgen des Wahrheitsterrorismus und den Zusammenhang von Erkenntnis und Ethik, Sicht und Einsicht. Dabei offenbart sich ein Denken, das die Fixierung scheut und die eine, ewig gültige Antwort ablehnt. Und immer wieder geht es in diesen mit leichter Hand formulierten Dialogen um die innere Verbindung zwischen einem faszinierenden wissenschaftlichen Werk und einem ungewöhnlichen und aufregenden Leben.

Ein deutsches Nachrichtenmagazin hielt es 1998 für wichtig, das Buch nicht nur zu besprechen, sondern einen Teil des Dialogs zwischen dem Philosophen von Foerster und dem Medienwissenschaftler Pörksen zu veröffentlichen, um das Thema in der Öffentlichkeit besser diskutieren zu können.

Hier ist der Dialog, den das Nachrichtenmagazin wiedergab:

BERNHARD PÖRKSEN: Sie haben kürzlich den Satz formuliert, Wahrheit sei "die Erfindung eines Lügners". Was ist damit gemeint?
HEINZ VON FOERSTER: Damit ist gemeint, daß sich Wahrheit und Lüge gegenseitig bedingen: Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner. Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde, um eine ganz neue Sicht und Einsicht zu ermöglichen. Meine Auffassung ist, daß die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet - man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisition - Krieg. Man muß daran erinnern, wie viele Millionen von Menschen verstümmelt, gefoltert und verbrannt worden sind, um die Wahrheitsidee gewalttätig durchzusetzen.

PÖRKSEN: Sie sehen eine Korrelation zwischen der Anzahl der Gefallenen und einem statischen Wahrheitsverständnis?
VON FOERSTER: Ja - und auf einmal stehen die großen Armeen der Gläubigen einander gegenüber, sie knien nieder und beten beide zu ihrem Gott, daß die Wahrheit, daß ihre Wahrheit siegen möge. - Wer hat recht? Sind der Wein und das Brot, die zum christlichen Abendmahl gereicht werden, wirklich Blut und Körper Christi, oder handelt es sich bei Wein und Brot um Symbole, die das Blut und den Körper darstellen? Um diese Frage zu entscheiden, wird geschlachtet und geschlachtet. Und die Armee, die übrigbleibt, verkündet stolz, im Privatbesitz der Wahrheit zu sein. Sie kann jetzt beginnen, die Überlebenden der Gegenseite zu bekehren.

PÖRKSEN: Diese Ablehnung des Wahrheitsbegriffs hat, wenn ich richtig verstehe, einen ethischen Grund. Aber muß man - aus einer erkenntnistheoretischen Perspektive - nicht zugeben, daß an den Orten des wissenschaftlich-technischen Fortschritts Wahrheit produziert wird? Wir telephonieren, wir fahren Auto, es erheben sich tonnenschwere Flugzeuge in die Luft. Das kann doch nur heißen, daß es einen systematischen Zusammenhang zwischen unseren Vorstellungen und dem Wesen der Welt gibt.
VON FOERSTER: Es ist ein Wunsch des Menschen, seine Fertigkeiten und Möglichkeiten - das Autofahren, das Fliegen, die herrlichen Computer - zu erklären. Aber diese Erklärungsprinzipien sind kulturell bedingt und jeweils ganz verschieden man kann zwischen ihnen auswählen und hin und her hüpfen.
Ein Realist würde auf das Maxwellsche Prinzip verweisen, um das Funktionieren von Elektromotoren zu erläutern. Und ein Magier würde sagen, daß es die Menschen verstanden haben, mit Unerklärlichem umzugehen. Aber wenn Sie mich fragen: Mir erscheint die Idee vollständiger Erklärbarkeit als eine Hoffnung, die das Staunen befriedigt und beseitigt: Man kann nun in einer Welt leben, in der es das Wunder und das Unwißbare nicht mehr gibt; das ist das Ergebnis unserer Erklärungsversuche.

PÖRKSEN: Was Sie sagen, ist, so denke ich, keine Antwort. Sie machen die Implikationen meiner Frage zum Thema, aber Sie antworten mir nicht.
VON FOERSTER: Welche Antwort - so muß ich jetzt zurückfragen - möchten Sie denn gerne hören? Welche Antwort würden Sie akzeptieren, welche meiner Ausführungen würde Sie entzücken? Das womöglich beruhigende Bekenntnis, daß das Funktionieren einer Hypothese ein Wahrheitsbeweis ist, werde ich nicht ablegen. Meine Formel lautet: Das Funktionieren ist ein Beleg für das Funktionieren. Wieso soll ich dieses Funktionieren jetzt mit diesen lächerlichen acht Buchstaben W A H R H E I T gleichsetzen? Wozu? Um recht zu behalten? Um dem anderen über den Kopf zu hauen?

PÖRKSEN: Sie glauben nicht an die endgültige Verifizierung einer Hypothese?
VON FOERSTER: Nein, überhaupt nicht. Was möglich ist, da folge ich dem Philosophen Karl Popper, dem ich sonst längst nicht in allem zustimme, ist allein die Falsifizierung von Hypothesen: Diese können sich als falsch, aber nicht in einem absoluten Sinn als richtig erweisen. Aber in dem Moment, in dem man von Wahrheit spricht, entsteht ein Politikum, und es kommt der Versuch ins Spiel, andere Auffassungen zu dominieren und andere Menschen zu beherrschen. Wenn der Begriff der Wahrheit überhaupt nicht mehr vorkäme, könnten wir vermutlich alle friedlich miteinander leben.

PÖRKSEN: Was bleibt, ist ein ganz und gar unspektakuläres Erkenntnismotiv. Es geht allein um das Funktionieren - und nicht um die absolute Wahrheit.
VON FOERSTER: Aber dieses Funktionieren läßt sich doch als eine Serie von Wundern begreifen, die man feiern, über die man sich freuen kann. Es geht darum, nicht zu stolpern in dieser Welt. Und wenn uns dies gelingt, wäre das doch schon Anlaß genug, um gemeinsam eine Flasche Champagner zu entkorken.
Ich will noch einmal betonen, daß ich im Grunde genommen aus der gesamten Diskussion über Wahrheit und Lüge, Subjektivität und Objektivität aussteigen will. Diese Kategorien stören die Beziehungen von Mensch zu Mensch, sie erzeugen ein Klima, in dem andere überredet, bekehrt und gezwungen werden. Es entsteht Feindschaft. Man sollte diese Begriffe einfach nicht mehr verwenden, da sie, so behaupte ich, durch die bloße Erwähnung und auch durch die Verneinung oder Ablehnung am Leben erhalten werden.

PÖRKSEN: Inwiefern?
VON FOERSTER: Dazu fällt mir ein Satz von Ludwig Wittgenstein ein: Wenn man über eine Proposition "p" und ihre Verneinung "non p" spricht, heißt es bei Wittgenstein, so spricht man von demselben. Darf ich hier eine kleine Analogie anführen? Revolutionäre, die einen König stürzen wollen, machen häufig den bedauerlichen Fehler, daß sie laut und deutlich schreien: Nieder mit dem König! Das ist natürlich kostenlose Propaganda für den König, der sich bei seinen Gegnern eigentlich bedanken sollte: "Danke, daß ihr mich so oft erwähnt habt und daß ihr nicht aufhört, meinen Namen zu rufen!" Wenn ich eine Person, eine Idee oder ein Ideal laut und deutlich negiere, ist die endgültige Trennung noch nicht geglückt. Das verneinte Phänomen kommt wieder vor und wird ex negativo erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

PÖRKSEN: Nun könnte man sagen: Sie sind ein Revolutionär, der die Idee der Wahrheit grundsätzlich erledigen will, indem er sie aus dem Diskurs zu verbannen hofft.
VON FOERSTER: Gar nicht schlecht. Vielleicht paßt dazu eine Formel, die unter österreichischen Journalisten kursiert; es heißt, daß man eine Idee oder eine Person am besten demontieren kann, indem man sie überhaupt nicht mehr erwähnt. Die Formel lautet: "Nicht genannt soll er werden!" Wenn man einen Politiker zerstören will, dann schreibt man am besten nicht über seine außerehelichen Kontakte zu anderen Frauen; das wäre falsch, weil schon die bloße Erwähnung seine Existenz wieder zu Bewußtsein bringt und vielleicht einige Leute sagen: Was für ein fescher Mann! Viel wirksamer ist es, von ganz anderem zu sprechen, sich über das Wetter und die Wetterfrösche zu unterhalten. Der Politiker ist dann plötzlich weg. In diesem Sinn meine ich, daß man die Idee der Wahrheit zum Verschwinden bringen und sie durch Nichterwähnung erledigen sollte: "Nicht genannt soll sie werden!"

PÖRKSEN: Wäre es nicht auch möglich, den Begriff der Wahrheit etwas undramatischer als eine regulative Idee zu denken? Wahrheit ließe sich als eine orientierende Norm begreifen, die nicht in den Privatbesitz eines einzelnen, einer Gruppe oder Nation übergehen kann. Sie erschiene dann als ein Motiv des Aufbruchs, als der Stimulus einer Erkenntnisanstrengung, von der man weiß, daß sie nie zu einem Ende, zu einem Absoluten gelangt.
VON FOERSTER: Mir erscheint Ihr Versuch, den Begriff der Wahrheit zu retten, untauglich. Auch die Rede von Wahrheit in einem regulativen Sinn setzt eine Vorstellung von dem voraus, was die Wahrheit ist, was erreicht und angestrebt werden soll. Die zerstörerischen Konsequenzen, die diese Idee hat, werden demzufolge gar nicht berührt. Man geht in jedem Fall von einer ewigen Wahrheit aus, die da irgendwo am Horizont herumschwebt. Schon der Begriff der orientierenden Norm, von dem Sie sprechen, enthält den heimlichen Zwang zur Anpassung: Andere müssen sich dieser Norm unterwerfen.

PÖRKSEN: Und doch läßt sich nicht leugnen, daß ein emphatischer und meinetwegen auch naiver Wahrheitsbegriff Menschen im Laufe der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte auf eine sehr produktive Weise angeregt hat. Das Wahrheitsmotiv hat so verstanden seinen guten Sinn - und ist nicht allein Instrument von Fanatikern, die andere terrorisieren wollen.
VON FOERSTER: Sie sprechen jetzt von den persönlichen Glaubenssätzen eines Erkennenden, der eine bestimmte Idee auf eine wunderbare Weise benützt. Wenn dieser Mensch aber sagt, daß er die Wahrheit gefunden hat, wird er zu einem gefährlichen Tier. Auch die Behauptung einer allmählichen oder asymptotischen Wahrheitsannäherung ist mir unheimlich, weil hier immer schon das Wissen darüber vorausgesetzt wird, wo sich dieses vermeintliche Fernziel befindet.
Wäre es nicht möglich, so denke ich manchmal, den Verweis auf die Wahrheit durch die Idee des Vertrauens zu ersetzen: Schon das englische Wort für Wahrheit, truth, geht, wenn man die Wortgeschichte analysiert, auf den Begriff der Treue und des Vertrauens, trust, zurück. Wenn ich die Wahrheit als ein Vertrauen von Mensch zu Mensch begreife, dann brauche ich keine externen Referenzen mehr. Dann kann ich das, was er sagt, einfach hinnehmen, weil wir uns gegenseitig treu sind. Es ist nicht mehr die Frage, wer recht hat, wer lügt, sondern ob man dem anderen vertraut, ob man sich auf ihn verlassen kann. Wenn er mir sagt, daß die Klapperschlangen den Radetzkymarsch spielen, dann frage ich gar nicht, ob sie das wirklich tun. Ich vertraue ihm einfach, ich glaube ihm. Auf diese Weise entsteht eine vollkommen andere Relation.

PÖRKSEN: Übersieht diese Kritik der Wahrheitsidee nicht ein grundsätzliches Bedürfnis? Menschen kommen doch gar nicht ohne die Sehnsucht nach etwas Endgültigem und Fraglosem aus. Sie brauchen die Sicherheit des Absoluten.
VON FOERSTER: Für mich ist diese Sicherheit des Absoluten, die einem Halt geben soll, etwas Gefährliches, das einem Menschen die Verantwortung für seine Sicht der Dinge nimmt. Mein Ziel ist es, eher die Eigenverantwortung und die Individualität des einzelnen zu betonen. Ich möchte, daß er lernt, auf eigenen Füßen zu stehen und seinen persönlichen Anschauungen zu vertrauen. Mein Wunsch wäre es, dem anderen zu helfen, seine ganz eigenen Vorstellungen, seine eigenen Gedanken, seine eigene Sprache zu entwickeln, ihm zu helfen, seine Beobachtungsgabe zu schärfen, seine eigenen Augen und Ohren zu benutzen. Natürlich gibt es Menschen, die davon nichts wissen wollen und meinen, nicht ohne ein Dogma auszukommen, das ihnen vorgibt, wie sie zu sehen, zu hören und zu sprechen haben. Das sind Monotänzer, mit denen man keinen gemeinsamen Tanz, keinen gemeinsamen Dialog beginnen kann. Sie nehmen die Einladung nicht an, über diese Dinge zu sprechen, denn sie wissen ja bereits alles, sie kennen die Ergebnisse. Aber das ist nicht mein Problem, wenn ein anderer sich in die Blindheit gegenüber der Vielzahl der Möglichkeiten flüchtet, damit muß dieser Mensch selbst fertig werden. Ich würde niemals versuchen, ihn zu überzeugen.

PÖRKSEN: Manche Menschen empfinden Ihre These zweifellos als eine Provokation. Vor einigen Jahren ist einmal in einer christlichen Wochenzeitung ein Interview mit Ihnen erschienen, das eine ganze Reihe erboster Leserbriefe provoziert hat: Viele der Briefeschreiber fühlten sich ganz offensichtlich durch diesen Abschied von einem Wahrheitsideal, das auch im Zentrum religiöser Vorstellungen steht, verletzt. Einer der Schreiber nannte Sie den "großen Verwirrer". Das ist ein Bibelzitat: Die Rolle des großen Verwirrers spielt der Teufel.
VON FOERSTER: Nun, das klingt ja wenig schmeichelhaft. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, daß ich eine etwas andere Vorstellung vom Teufel habe. Der Teufel ist für mich nicht der große Verwirrer, sondern der große Vereinheitlicher: Er versucht, die verschiedenen Ansichten zu homogenisieren, bis alle dasselbe denken, glauben und tun. Das ist das eigentlich Gefährliche. Der Verwirrer erweitert dagegen das Blickfeld, er eröffnet neue Möglichkeiten und macht die Fülle sichtbar. Ich kann den Verfasser dieses Briefes beruhigen: Es ist ein guter Geist, der verwirrt.
Ich meine, daß sich in der Verwirrung, die neue Möglichkeiten sichtbar werden läßt, ein ethisches Grundprinzip manifestiert. Es entsteht Freiheit. Ich habe einmal gesagt: Handle stets so, daß die Anzahl der Möglichkeiten wächst. Das ist mein ethischer Imperativ, wobei allerdings wieder der falsche Eindruck entstehen könnte, auch ich wolle andere herumkommandieren. Das war also etwas schlampig formuliert. Besser wäre es gewesen, wenn ich geschrieben hätte: "Heinz, handle stets so, daß die Anzahl der Möglichkeiten wächst."

PÖRKSEN: Können Sie diesen ethischen Imperativ erläutern?
VON FOERSTER: Gemeint ist, daß man die Aktivitäten eines anderen nicht einschränken soll, sondern daß es gut wäre, sich auf eine Weise zu verhalten, die die Freiheit des anderen und der Gemeinschaft vergrößert. Denn je größer die Freiheit ist, desto größer sind die Wahlmöglichkeiten und desto eher ist auch die Chance gegeben, für die eigenen Handlungen Verantwortung zu übernehmen. Freiheit und Verantwortung gehören zusammen. Nur wer frei ist - und immer auch anders agieren könnte -, kann verantwortlich handeln. Das heißt: Wer jemand die Freiheit raubt und beschneidet, der nimmt ihm auch die Chance zum verantwortlichen Handeln. Und das ist unverantwortlich.

PÖRKSEN: Aber wessen Möglichkeiten sollen vergrößert werden? Man kann doch nicht, um ein Beispiel zu wählen, die Chancen eines Propagandisten, bösartige Hetzschriften zu verbreiten, unterstützen. Das kann doch kein Ziel sein.
VON FOERSTER: Warum nicht? Soll ich seine Schriften verbieten, die Bücher aus den Bibliotheken herausholen, weil sie nicht meiner Auffassung entsprechen?
Die Alternative ist mörderisch. Wenn man die Wahlmöglichkeiten erweitert, dann kann man sich entscheiden, ein Kindermörder oder ein Schulbusfahrer zu werden. Die Entscheidung für den einen oder den anderen Weg verknüpft einen mit der Verantwortung. Natürlich ist es bequem, sich zu entlasten, indem man etwas verbietet oder den Umständen, den Genen oder der Erziehung, nature or nurture, unserer Natur oder den bösen Eltern, die Schuld zu geben. Und es ist bequem, sich in einer Hierarchie zu verstecken und immer, wenn es eines Tages und am Ende des Krieges zum Prozeß kommt, zu sagen: Aber ich habe doch nur Befehle und Kommandos ausgeführt! Ich kann doch nichts dafür! Es gab doch gar keine andere Möglichkeit! Das sind, so würde ich sagen, alles Ausreden.

PÖRKSEN: Glauben Sie nicht, daß man gelegentlich auch intolerant sein und die Verbreitung bestimmter Propagandamaterialien - ich denke hier etwa an neonationalsozialistische Schriften, die zur Gewalt aufrufen - verbieten muß?
VON FOERSTER: Mit dieser Strategie des Verbietens kann ich Ihnen nur viel Glück wünschen, wirklich, alles Gute; ich glaube, die Zensur funktioniert nicht. Sie macht alles nur noch schlimmer. Meine Vorstellung wäre es, die Absurdität neonazistischer Ideen durch andere Ideen, denen auch die Möglichkeit der Verbreitung gegeben werden muß, zu illustrieren.

PÖRKSEN: Sie meinen, daß sich das Gute, Richtige und Schöne allein durch die Aufklärung durchsetzen wird?
VON FOERSTER: Sie scheinen sich in diesem Bereich sehr genau auszukennen.
Woher wollen Sie wissen, was dieses Gute, Richtige und Schöne ist? Wen fragen wir beide, um dieses Wissen zu erlangen? Die Konsequenz dieser absoluten Unterscheidungen zwischen dem Guten und dem Schlechten, dem Richtigen, dem Falschen, dem Schönen und dem Häßlichen ist, daß man sich zum Richter emporschwingt und als der ewig Gerechte, der alles ganz genau weiß, begreift.
Das heißt nicht, daß ich nun für einen ethischen Relativismus plädiere, überhaupt nicht, das muß nicht die Konsequenz sein. Aber ich möchte darauf aufmerksam machen, daß diese Unterscheidungen, die vermeintlich eine universale und absolute Gültigkeit besitzen, von Ihnen getroffen werden. Sie sind keineswegs losgelöst von Ihrer Person, sondern Sie tragen für ihre mögliche Durchsetzung die Verantwortung.

PÖRKSEN: Diese Toleranz gegenüber den Wirklichkeiten anderer könnte einen schier handlungsunfähig machen. Was ist mit den Erlebniswelten der Kühe, der Fische und des Blumenkohls? Um zu essen, vernichte ich ihre Welt, zerstöre ich ihre Möglichkeiten.
VON FOERSTER: Wollen Sie mich jetzt fragen, warum ich einen Blumenkohl esse? Wollen Sie wissen, ob es - gemäß diesem ethischen Prinzip - lieb ist, sich ein Steak zu braten?

PÖRKSEN: Nicht direkt. Meine These ist, daß der Lebensvollzug eines Menschen stets auch ein Moment der Zerstörung enthält. Immer werden die Entfaltungsmöglichkeiten anderer Wesen vernichtet.
VON FOERSTER: Allerdings bezieht sich mein ethischer Imperativ nicht auf die Möglichkeiten eines einzelnen Wesens, eines einzelnen Menschen oder eines einzelnen Blumenkohls, sondern auf die Vielzahl der Möglichkeiten für das Universum. Das ist gemeint. Und selbstverständlich könnte ich jetzt sagen: Wenn ich den Blumenkohl esse, dann kann ich ein schönes Gedicht schreiben, das - wenn ich verhungern müßte - nicht zustande käme. Ich habe also dem Blumenkohl die Gelegenheit gegeben, ein schönes Gedicht zu erzeugen. Aber das ist natürlich eine Ausrede.

PÖRKSEN: Wie würden Sie antworten, wenn Sie nicht diese Ausrede verwenden?
VON FOERSTER: Ich würde nach einer anderen Ausrede suchen; im übrigen genieße ich das sehr, wie Sie meinen ethischen Imperativ ad absurdum führen. Das zeigt doch, daß alle Aussagen nur eine endliche Reichweite besitzen. Alles, was ich will, ist, dazu aufzufordern, die Vielzahl der Möglichkeiten zu bedenken: Wir sind frei zu wählen, wir sind frei, uns zu entscheiden. Es gibt nicht irgendeine absolute Wahrheit, die einen zwingt, die Dinge so und nicht anders zu sehen, so und nicht anders zu handeln.


Nachbemerkung


Die eigentliche Entstehungsgeschichte der Selbstorganisation beginnt erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der relativ späte Zeitpunkt hatte viele Gründe. Das vorherrschende mechanistische Paradigma dominierte menschliche Denkweisen. Mit Selbstorganisation in Verbindung stehende Phänomene wurden übersehen oder ignoriert. Gegenwärtig kann noch nicht von einer Theorie selbstorganisierender Systeme oder von empirisch getesteten Hypothesen gesprochen werden.

Von Foersters Ansatz darf als ein grundlegender Beitrag zum Thema Selbstorganisation betrachtet werden. Der universellen Anwendbarkeit verdankt der Begriff der Selbstorganisation seine breite Resonanz.

2015 präsentierte ein internationales Team zum ersten Mal das komplette Genom von Physarum polycephalum. Einem Schleimpilz auch genannt 'Blob'. Im Labor dient er als Stellvertreter für alle Schleimpilze und hilft dort, die Intelligenz der rätselhaften Einzeller zu ergründen – und eines Tages nutzbar zu machen.

Aber das ist eine andere interessante Geschichte – die Entdeckung des Phänomens Selbstorganisation geht weiter.

Mittwoch, 17. Juni 2020

Peter Hiemann über Nachhaltigkeit

Die Mächtigkeit des Planeten und dessen Natur

Lange kämpfte Homo sapiens ums Überleben. Er arrangierte sich entsprechend gegebener Umstände des Planeten und dessen Natur, und lebte von den Früchten und Tieren, die ihm die Natur bot. Wenn nötig, zog er an einen anderen Ort, wo Lebensbedingungen zum Überleben ausreichten. Lange glaubten Menschen, dass Geister ihre Schicksale bestimmten. Lange Zeit glaubten Menschen, dass Götter Menschen geschaffen haben und Götter über ihre Schicksale entscheiden. Lange glaubten Menschen, dass von Gott auserwählte Herrscher ihre Schicksale gestalten. Lange glaubten Menschen, dass menschliche Fähigkeiten dafür sorgen, allen Menschen Wohlstand, Harmonie und Glück auf Erden zu bringen. Sie erlebten Planet und Natur als ein Wunder:
  • Sie erfreuen sich an der Vielfalt und Schönheit des Planeten und dessen Natur – Landschaften, das Meer, Pflanzen, Tiere und Menschen.
  • Sie erfreuen sich natürlicher Produkte – Getreide, Milch, Butter, Fleisch und Gewürze.
  • Sie gestalten ihr Leben vermittels angenehmer Beziehungen und Spiele.
  • Sie träumen vom Glück.
Menschen erleben heute aber auch, wie die Vielfalt und Schönheit des Planeten und dessen Natur verloren gehen kann, dass dauerhafter Wohlstand und dauerhaftes Glück für alle Menschen eine Illusion ist, Menschen erschrecken, wenn der Planet und dessen Natur anders als erwartet, angenehme Lebensbedingungen 'verweigert'. Menschen ahnen, dass ihr Leben von der Mächtigkeit des Planeten und dessen Natur mehr geprägt wird, als sie bisher annahmen. Menschen begreifen langsam, dass sie natürliche, nachhaltige Prozesse nicht gebührend beachtet haben, Menschen ahnen, dass sie sich um nachhaltige Denk- und Verhaltensweisen bemühen müssen.

Ein Sachse, der in Dresden geboren wurde und seit längerer Zeit an der schönen Côte d'Azur lebt, hatte sich vorgenommen, eine vorangegangene Gedankenkette über Wertvorstellungen und gesellschaftliche Kultur vermittels Gedanken über nachhaltige Denk- und Verhaltensweisen 'weiterzuspinnen'. Dabei konnte der Dresdner feststellen, dass vor ihm bereits der längst verstorbene Sachse Hans Carl von Carlowitz (1645 – 1714) das Thema Nachhaltigkeit ziemlich umfassend dargestellt hat. 

Ulrich Grober (* 1949) hat auf Carlowitz' aufmerksam gemacht, und darüber hinaus gezeigt, wie lebendig das Thema Nachhaltigkeit schon immer war und heute mehr denn je ist.

Die Entdeckung der Nachhaltigkeit: Kulturgeschichte eines Begriffs

Ulrich Grober

Nachhaltig ist heutzutage alles, von der Diät bis zum Ausbau der Kapitalkraft. Nachhaltigkeit ist aber unser ursprünglichstes Weltkulturerbe, ein Begriff, der tief in unserer Kultur verwurzelt ist und den es vor seinem inflationären Gebrauch zu retten gilt. Das von Joachim Heinrich Campe 1807 herausgegebene Wörterbuch der deutschen Sprache definiert das Wort »Nachhalt« als das, »woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält«. An was kann man sich halten, was bedeutet Nachhaltigkeit? In diesem anschaulich erzählten Buch wird der Begriff »Nachhaltigkeit« neu vermessen. Vor fast 250 Jahren avancierte er zum Leitbegriff des deutschen Forstwesens und bezeichnet seitdem die Verpflichtung, Reserven für künftige Generationen nachzuhalten. Das von Hans Carl von Carlowitz 1713 erstmals beschriebene Dreieck der Nachhaltigkeit ökologisches Gleichgewicht, ökonomische Sicherheit und soziale Gerechtigkeit ist heute als »sustainable development« in aller Munde. Die Idee dieses Begriffs aber reicht noch weiter zurück. Sie findet sich im »Sonnengesang« des Franziskus von Assisi genauso wie bei den griechischen Philosophen und den Philosophen der Aufklärung. Ulrich Grobers spannende (Zeit)Reise führt uns an den Hof des Sonnenkönigs und in die deutschen Fürstenstaaten, erzählt vom sächsischen Silberbergbau und vom Holzmangel. Und davon, dass die Nachhaltigkeitsidee überall, wo sie auftaucht, ein Kind der Krise ist, aber auch die Entstehung eines neuen Bewusstseins markiert. Des Bewusstseins, dass der Planet, auf dem wir leben, erhalten und bewahrt werden muss.

Von Freiberg nach Rio –  Carlowitz und die Bildung des Begriffs ›Nachhaltigkeit‹

Wer sich heute für Nachhaltigkeit engagiert, ist nicht nur Teil einer großen und wachsenden globalen Suchbewegung. Er ist auch Teil einer reichen Geschichte. Und diese Geschichte beginnt nicht erst in unserer Gegenwart, nicht erst in den ›think tanks‹, den Denkfabriken der UNO oder des Club of Rome. Dieses Denken ist uralt. Es hat tiefe Wurzeln in den Kulturen der Welt. Es ist ein geistiges Weltkulturerbe. Aber die Geschichte des Begriffs beginnt mit einem Buch, das in Freiberg geschrieben wurde -hinter den wuchtigen Mauern des spätgotischen Gebäudes unweit des Domes, in dem seit 350 Jahren fast ununterbrochen das sächsische Oberbergamt seinen Sitz hat. Erschienen ist das Buch 1713, vor 300 Jahren, in Leipzig. Der Titel klingt sperrig: Sylvicultura oeconomica – Anweisung zur wilden Baumzucht. Der Autor, Hans Carl von Carlowitz, amtierte 1713 als sächsischer Oberberghauptmann in Freiberg. Sein Buch hat es in sich. Es schenkte uns eine semantische Innovation, die bis heute nachwirkt, ja erst heute ihr volles Potenzial entfaltet. Wenn es in barocker Sprache, in immer neuen Anläufen, in weitschweifigen, kreisenden und tastenden Denkbewegungen die »nachhaltende Nutzung« der Ressource Holz im Dienste des »gemeinen Wesens« (= des Gemeinwesens) und der »lieben Posterität« (Nachkommenschaft) einfordert, erlebt der Leser die Verknüpfung eines spezifischen Wortes mit einer klar umrissenen Idee. Mit diesem Buch begann die Ausprägung dieses Wortes zu einem Begriff, die Begriffsbildung von Nachhaltigkeit. Das Buch liefert uns die Blaupause für unser Leitbild. 

Gewiss hat der moderne Begriff einen wesentlich größeren Umfang. Er zielt auf das große Ganze. ›Sustainability‹ gilt als universelles Prinzip für den Umgang mit allen Ressourcen, ja sogar für eine Transformation unserer gesamten Lebensweise, also der Muster, wie wir produzieren, konsumieren und zusammenleben. Folgende, nicht weiter gekennzeichnete Seitenangaben beziehen sich alle auf dieses Buch. Für Carlowitz stand noch die »nachhaltende« Nutzung der Ressource Holz im Vordergrund. Doch in den Tiefenstrukturen des Begriffs werden Zusammenhang und Kontinuität zwischen der Sylvicultura oeconomica und unserem modernen Konzept sichtbar. Spiegelt man unseren modernen Diskurs in der alten Quelle, so macht man erstaunliche Entdeckungen: Wo die Brundtland-Kommission der UN 1987 Nachhaltigkeit als eine Entwicklung definierte, »welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen «,ging es Carlowitz vor 300 Jahren um »eine immerwährende Holtz=Nutzung« (Untertitel) »zum Besten des gemeinen Wesens und denen Nachkommen zum Besten« (Widmung).Wo der Brundtland-Report von den »future generations« schreibt, spricht Carlowitz von der »lieben Posterität«. Wo Gro Harlem Brundtland »conservation and enhancement« (Bewahrung und Erweiterung) der Ressourcenbasis für erforderlich hält, ist für Carlowitz »Conservation und Anbau des Holtzes ... unentbehrlich«. Wo der Club of Rome-Bericht von 1972 über die Grenzen des Wachstums nach einem Modell für die Zukunft sucht, das »sustainable« ist, und das heißt: gegen einen »plötzlichen und unkontrollierbaren Kollaps« gefeit, spricht Carlowitz davon, dass ohne die »nachhaltende« Nutzung der Ressource Holz »das Land in seinem Esse«, in seiner Existenz »nicht bleiben mag« (S. 105), also kollabiert. Wo heutige Ökonomen wie der Amerikaner Herman Daly eine ›steady-state economy‹ entwerfen, also eine stetige Wirtschaft, die im »Fließgleichgewicht« oder »Beharrungszustand« bleibt, sprach Carlowitz von einer »beständigen, kontinuierlichen und nachhaltenden Nutzung«. Die Analogien sind frappierend: Heute wie damals geht es darum, die Selbstsorge der gegenwärtigen Generation unlösbar mit der Vorsorge für die kommenden Generationen zu verbinden. Generationengerechtigkeit ist über die drei Jahrhunderte hinweg der ethische Kern dieses Begriffs. Vielleicht haben Gro Harlem Brundtland und die vielen Wegbereiter des modernen Nachhaltigkeitsdiskurses Carlowitz weder gelesen noch seinen Namen gekannt. Entscheidend ist vielmehr Folgendes: Seit Carlowitz ist die Vokabel, der Wortkörper des allgemeinsprachlichen Verbes »nachhalten« mit Bedeutungen aufgeladen, die es zu einem Begriff machten. Diese Aufladungen blieben erhalten, als der deutsche forstliche Fachterminus »Nachhaltigkeit« im 19. Jahrhundert mit »sustained yield forestry« ins Englische übersetzt wurde. Sie sind bis heute wirksam. Darin liegt die historische Bedeutung der Sylvicultura oeconomica. Carlowitz hat als erster eine Form des Wortes »nachhalten« mit dem Gedanken der Daseinsfürsorge und der Daseinsvorsorge verknüpft und so ein Denken der Verantwortung für die nachkommenden Generationen begreiflich gemacht, auf den Begriff gebracht. Wie konnte ein Begriff aus dem vormodernen, kameralistischen Denken kleiner geschlossener mitteleuropäischer Territorien urplötzlich und explosionsartig in der globalisierten Welt des 20. Jahrhunderts eine derartig fulminante Wirkung entfalten? Eine erste Antwort: Auf den Fotos aus dem Weltall, die um 1970 von den bemannten Mondflügen zur Erde gesendet wurden, sah sich die Menschheit zum ersten Mal in ihrer Geschichte ganz und gar von außen. Ein epochales Ereignis: Schlagartig wurde man sich im ›global village‹ bewusst, dass der blaue Planet insgesamt ein geschlossenes, begrenztes System darstellt: ›spaceship earth‹. Die Grenzen des Wachstums kamen in Sicht und damit der Zwang zur Selbstbeschränkung.

Die Begriffe richtigstellen

Warum im Jahr 2013 Carlowitz und sein 300 Jahre altes Buch neu zur Kenntnis nehmen, ja sogar lesen? Auf die Frage, was er als erstes tun würde, wenn ihm der Kaiser die Regierung des Staates anvertraute, antwortete im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung der chinesische Weise Konfuzius: »Unbedingt die Bezeichnungen richtigstellen«. ›Zheng Ming‹ – die Richtigstellung der Worte – wörtlich übersetzt »auf korrekte Begriffe halten« – steht noch heute im Zentrum chinesischer Philosophie. Eine solche Arbeit am Begriff, eine neue Sorgfalt des Umgangs damit scheint heute im Fall von Nachhaltigkeit besonders dringlich. Alle reden von Nachhaltigkeit und das ist gut so. Aber dabei ist das Konzept in das Feuerwerk der Reklamesprache und der politischen Propaganda geraten. Wo alles nachhaltig ist, ist nichts mehr nachhaltig. Diese Beliebigkeit macht uns begriffslos. Ist das Wort schon verbraucht? Jetzt, da wir es so dringend brauchen? Nämlich als »key to human survival«, als Schlüssel zum Überleben der Menschheit. Können wir darauf verzichten? Haben wir einen gleichwertigen Ersatz? Ein anderes Wort mit demselben Bedeutungsumfang, mit der derselben Gravität und Flexibilität? Die Alternative zum sehr riskanten Verzicht auf den Begriff: Der schleichenden Entkernung des Begriffs die Suche nach seinem Kern entgegenzusetzen. Diese Suche führt uns in die Geschichte des Begriffs – und zu Carlowitz. In den Anfängen einer Begriffsbildung wird immer Elementares verhandelt. Hier wird die Substanz entwickelt, die später ihr Potenzial entfaltet, aber im Prozess der Operationalisierung und Anwendung zu verschwimmen droht. In diesem Sinn kann die Sylvicultura oeconomica uns heute dienen: Als Quelle, in der wir unseren Gebrauch des Wortes spiegeln und überprüfen können – und seine Würde neu erfahren. Die Entdeckung der Nachhaltigkeit geht weiter.

Die Macht bei menschlichen Beziehungen

Nachhaltiges menschliches Verhalten betrifft also nicht nur die Art und Weise, wie Menschen mit der Natur umgehen. Es betrifft zwar vordergründig menschliche Beziehungen zu Tieren und Personen, aber auch Beziehungen zu Produkten (und Dienstleistungen), zu Arbeitsverhältnissen, zu Plänen, zu Ereignissen, zu Themenbehandlung und zur Zeit. Beziehungen werden auf unterschiedliche Weise erlebt:
  • objektiv (kognitiv)
  • subjektiv (emotional, gefühlt)
  • achtsam (bewusst)
  • gewohnheitsmäßig (unbewusst)
Kürzlich wurde ich gefragt, ob der allgemeine menschliche Anspruch berechtigt ist, „ein gutes Leben für alle, in der Gegenwart und in der Zukunft, zu haben.“ Der Fragesteller sagte nicht, ob es ihm um ein objektives oder subjektives Anliegen geht. Es ist offensichtlich, dass wir uns alle an Tätigkeiten und Personen erfreuen, die uns verlockend 'erscheinen'. Falls der Erwerb einer Fähigkeit wenig Mühe macht, wird sie relativ schnell zur Gewohnheit. Dagegen erfordert der Erwerb anspruchsvoller (auch professionell nützlicher) Fähigkeiten viel Mühe, bis sie 'verinnerlicht' werden. Eine mühsam erworbene Handlungsmöglichkeit zu verlieren – aufgrund des Verlustes des Arbeitsplatzes, des Verlustes einer Liebesbeziehung, des fortgeschrittenen Alters oder einer Krankheit – kann bewirken, dass Denk- und Verhaltensweisen entsprechend einer neuen Situation mühsam revidiert werden müssen.

Meines Erachtens gibt es keine Hinweise, dass ein Anspruch auf ein sowohl objektiv als auch subjektiv erlebtes gutes Leben vermittels der menschlichen biologischen Evolution im menschlichen Gehirn von Geburt an 'verankert' ist. Neurobiologische Erkenntnisse weisen vielmehr darauf hin, dass
  1. in allen Lebewesen existiert der Instinkt zum Überleben ,
  2. menschliche Wesen in der Lage sind Fähigkeiten zu erwerben, um mit möglichst vielen Situationen im Leben zurechtzukommen,
  3. etwa 80 bis 90 Prozent menschlicher Gehirntätigkeit unbewusst ablaufende Vorgänge betrifft – emotionalem, intuitivem und an-gewohntem Denken und Handeln.
Der Neurobiologe Gerald Hüther (*1951) vertritt eine Theorie des Bewusstseins, die besagt: „Es gibt immer übergeordnete [neuronale] Muster, die darunterliegende Prozesse lenken und steuern. Zum Beispiel haben wir ein Bewegungsmuster, das uns hilft, ein Glas an den Mund zu führen. Das ist eine Bewegungsgestalt, die im Hirn abgespeichert ist. Wollen wir nun also etwas trinken, wissen wir durch das Muster, wie es geht und brauchen uns das Trinken nur vorzustellen. Das Gehirn reguliert dann von allein die ganzen einzelnen Bewegungen und Muskelkontraktionen, um das Glas anzuheben und zu trinken. Dieses Beispiel können wir auch auf der Ebene der Steuerung unseres Verhaltens anwenden. Dort nennt man übergeordnete Muster innere Einstellung, Haltung oder Mindset. Von dieser Haltung hängt es ab, wie wir uns verhalten. Wenn Menschen die Frage beantworten, was für ein Mensch sie sein wollen, dann ist die Antwort immer gleich. Denn die Frage ist so grundlegend, dass es darauf nur eine Antwort gibt: Ich möchte jemand sein, der andere Menschen glücklich macht. Oder ich möchte jemand sein, der diese Natur erhält und der dazu beiträgt, dass hier alles wachsen kann. Es gibt keine Antwort wie „ich möchte jemand sein, der besonders viel Geld hat....... Stellen wir uns mal vor, wir fragen jemanden und der antwortet: „Ich bin auf der Welt, damit ich ein gutes Leben habe, damit es mir gut geht.“ Dann würde ich fragen, was ist denn das, was dich glücklich macht? „Wenn ich viel Geld habe.“ Und was machst du mit dem vielen Geld? „Damit kaufe ich mir eine Segeljacht.“ Und was hast du damit vor? „Dann fahr ich umher.“ Wie viele Jahre möchtest du gern umherfahren? Dann fängt er an nachzudenken, denn er möchte nicht sein ganzes Leben auf der Segeljacht fahren – was ich damit zeigen will: In diesen Befragungen müssen Sie immer weiterfragen. Am Ende wird die Person erkennen, dass sie nur glücklich sein kann, indem sie auf eine Art und Weise lebt, dass andere Lebewesen auch leben können. Es geht gar nicht anders.

Als Gerald Hüther gefragt wurde, wie kann man Menschen dazu bringen, ihr Denken und Verhalten zu ändern, war seine Antwort: : „Bisher haben wir immer gedacht, dass wir Menschen von außen dazu bringen können, ihr Verhalten zu ändern. Doch noch nie sind die Leute mit solchen großen Autos umhergefahren, noch nie waren die landwirtschaftlichen Nutzflächen so ausgebeutet und noch nie ist so viel Plastikmüll in den Meeren geschwommen. Also heißt das doch, dass unsere bisherigen Strategien nicht funktioniert haben. Wenn es also nicht von außen geht, muss es von innen gehen. Wir müssen uns fragen: Was im Menschen kann man wachrufen und stärken, damit er aufwacht und sich anders verhält? Wir müssten ein bestimmtes Bild von uns selbst haben und feststellen, dass dieses Bild nicht mit dem übereinstimmt, wie wir tagtäglich handeln. Durch dieses Missverhältnis ginge es uns nicht gut. Und dann würden wir versuchen, unser Verhalten an das Bild von uns selbst anzupassen. Vorausgesetzt ist, dass wir ein starkes Bild von uns haben, denn sonst kann man dieses Bild in die Ecke legen und sagen „das interessiert mich nicht“. Das stärkste Bild, das ich für solche Fälle gefunden habe, ist die Vorstellung von der eigenen Würde.“

Hüther irrt, wenn er glaubt, dass Menschen am Ende erkennen, dass sie nur glücklich sein können, indem sie auf eine Art und Weise leben, dass andere Lebewesen auch leben können. Hüther übersieht die Rolle der Macht.

Robert V. Levine (1945 - 2019), ein US Sozialpsychologe, widmete viele Studien dem Thema wie Menschen unterschiedlicher Kulturen Zeit wahrnehmen. Im Verlauf der menschlichen Kulturgeschichte wurde es notwendig, die Uhrzeiten zwischen staatlichen Grenzen weltweit zu normieren. Damit war die Voraussetzung geschaffen, Uhrzeiten weltweit zwischen Staaten zu synchronisieren. Damit wurde aber auch weltweit die Möglichkeit geschaffen, dass Zeit das Maß menschlicher Denk- und Verhaltensweisen wurde: “Zeit ist Geld“. Produkte und Dienstleistungen hatten nicht nur einen Handelswert, ihr Wert bemaß sich am Wert von persönlicher Arbeitskraft. Ereignisse und Themenbehandlungen hatten keinen ethischen und moralischen Wert, ihr Wert bemaß sich am kommerziellen Erfolg. Selbst menschliche Beziehungen wurden daran gemessen, inwieweit sie zu kommerziellem Erfolg beitragen.

Die Vorstellung “Zeit ist Geld“ betrifft jedoch nur ein objektiv messbares Zeitgefühl. Es wurde und wird auch heute als plausible Vorstellung von der Mehrheit der Bevölkerungen verinnerlicht. Das Maß “Zeit ist Geld“ hilft hierarchisch operierender Organisationen effektiv zu funktionieren. Geld manifestiert sich als Macht. Häufig wird übersehen oder gar ignoriert, dass auch ein subjektives Zeitgefühl existiert, das sich derzeit mehr oder weniger lautstark bemerkbar macht.

Wenn man bedenkt, wie lange Erkenntnisse hinsichtlich nachhaltigem Denken und Verhalten schon existieren, ohne dass sich Menschen in diesem Sinn wesentlich verändert haben, kommt man zu dem Schluss, dass Aufklärung weniger bewirkt als oft angenommen. Es ist letztlich notwendig, dass jeder sein Denken und Verhalten selbst einschätzt, inwieweit es nachhaltigen Zielen dienlich ist. und der Würde aller Menschen gerecht wird.

Die derzeitigen gesellschaftlich schwierigen Situationen deuten darauf hin, dass Homo sapiens früher oder später gezwungen sein wird zu lernen, gesellschaftliche Prozesse nachhaltig zu gestalten. Gewohnte gesellschaftliche Vorstellungen und Prozesse zu revidieren (zu reformieren?) ist jedoch ein schwieriges Unterfangen und braucht viel Zeit, weil Lernen auf dem Prinzip 'Versuch und Irrtum' beruht. Öffentliche polarisierende Meinungen, die heute stärker denn je von Medien beeinflusst werden, erschweren das Unterfangen zusätzlich.

Die Entdeckung der Nachhaltigkeit geht weiter.

Referenzen:

Ulrich Grober - Die Entdeckung der Nachhaltigkeit – Kulturgeschichte eines Begriffs.
Antje Kunstmann Verlag, München, 2013.
Ulrich Grober - Sustainability –  A cultural history.
Green Books, Totnes UK, 2012
Quelle:

Ulrich Grobers “Die Entdeckung der Nachhaltigkeit“ (2010) gilt als Standardwerk. Im Jahr 2012 wurde es ins Englische übersetzt. Die Royal Society lud ihn 2013 ein, seine Erkenntnisse zur Nachhaltigkeit darzustellen. 2014 diente ein Text von Grober der UNO in ihrem "Global Sustainable Development Report" als Referenz für die Geschichte des Konzepts Nachhaltigkeit.
Das Umweltministerium in Brandenburg: Grober leiste mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag dazu, dass Nachhaltigkeit nicht zum Modewort verkommt, sondern die Idee vom nachhaltigen Denken, Leben und Handeln die Köpfe und Herzen der Menschen im Alltag erreicht. Dabei zeichnet er in unterhaltsamer und gut lesbarer Form die historische Entwicklung des Wortes nach. Der Leser erfährt auf einer Gedankenreise vom Buch Genesis über mittelalterliche Klöster, barocke Verwaltungssprache, Woodstock und John Lennon – um nur einige Stationen zu nennen – Erstaunliches über und um den Begriff der Nachhaltigkeit. (Wikipedia)

Boje Maaßen - Ein Interview mit Ulrich Grober: “Das Gegenteil von Kollaps“

Gerald Hüther: „Das Leben besteht nicht darin, sich irgendwelche Konsumbedürfnisse zu erfüllen“