Donnerstag, 22. Dezember 2011

Die deutsche Hochschul-Informatik und ihre Geschichten

In Deutschland arbeiten laut Angaben der Bundesregierung etwa 800.000 Menschen in der Informations- und Kommunikationstechnik. Sie ist neben dem Automobilbau eine unserer größeren Branchen. Die Landwirtschaft, die früher einmal die grosse Masse unseres Volkes beschäftigte, verfügt noch über weniger als 500.000 Arbeitsplätze. Von der fast eine Million Menschen, die heute in informatiknahen Tätigkeiten ihr Brot verdienen, haben allerdings nur etwa 10% eine Ausbildung als Informatiker oder Informatikerin genossen. Es ist verwunderlich, ja verdrießlich, dass diese Elite versucht, die Geschichten über das Fachgebiet so zu erzählen, wie man sie gerne von den Massen geglaubt haben möchte. Viele historische Mythen sind so entstanden, etwa die Gründungsgeschichte der Stadt Rom oder der Ursprung des Geschlechts der Inca-Könige. Die Ahnen wurden teils zu Heroen, teils zu Göttern.

Ganz in diese Richtung geht, was Stefan Jaehnichen und Oliver Günther, der alte und neue Präsident der GI, am 19. 12. diesen Jahres in einer Präsidiumskolumne zum Stand der Informatik verkünden. Dort heisst es wörtlich:

Die wissenschaftliche Basis an den Hochschulen sorgt für die weltweite Anerkennung der deutschen Informatik, fördert Innovation und Fortschritt und trägt damit direkt zum Wohlstand unseres Landes bei.

Hier werden die Tatsachen ganz kräftig verbogen. Alle drei Aussagen stossen bei mir auf inneren Widerstand. Vielleicht leben noch ein paar Kollegen, denen es so wie mir ergeht.

Dass die deutsche Hochschulinformatik in der Welt etwas Besonderes ist, bescheinigen sich die Betroffenen immer wieder selbst. Nur bleiben sie den Nachweis meistens schuldig. Natürlich gibt es einige positive Beispiele. Offiziell anerkannt wurde von der internationalen akademischen Fachwelt allerdings nur ein deutschsprachiger Kollege. Der ist dummerweise Schweizer, nämlich Niklaus Wirth. Er gilt als Erfinder mehrerer Programmiersprachen, die praktisch bedeutend wurden. Für jemanden, der nicht wissen sollte, was ich mit Anerkennung meine, füge ich hinzu: Es handelt sich um die Verleihung des Turing-Awards der ACM, des inoffiziellen Nobelpreises der Informatik. Für eine ziemlich praktische Erfindung aus dem Jahre 1953 erhielt dagegen Friedrich L. Bauer eine internationale Auszeichnung, den IEEE Pioneer Award. Geehrt wurde Bauer für die Erfindung des Kellerprinzips. Selbst das bei uns mehr als irgendwo in der Welt mit Fördermitteln ausgestattete Teilgebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) hat derartige Erfindungen oder Anerkennungen nicht aufzuweisen.

Was Innovation und Fortschritt anbetrifft, ist es geradezu pervers, diese primär bei den Hochschulen zu verorten. Zwar muss das Internet immer wieder als Vorzeigebeispiel herhalten, aber E-Mails schrieben ich und meine damaligen Firmenkollegen schon lange vor seiner Einführung. Auch tauschten wir Programme, Zeichnungen und Fotos aus.

Schliesslich ist es eine Frage des gesunden Menschenverstands, dass man die Vorstellung zurecht rücken muss, wir verdankten unseren Wohlstand den Hochschulen. Da die Informatik von Praktikern wie Gates, Jobs und Plattner vorangetrieben wurde, können wir uns das Hochschulfach leisten. Es wurde von der Industrie gefordert und gefördert. Das Fachgebiet Informatik mit Hochschul-Informatik gleichzusetzen, ist nicht nur eine gravierende Einschränkung, es ist auch eine Beleidigung. Die Firmen Apple, Google, IBM, Oracle, usw. treiben die Informatik voran und nicht nur deren Anwendungen.

Es stört mich ziemlich, dass die Spitzen der (akademischen) Informatik in Deutschland ein Bild von der Informatik haben, das ich als viel zu eng ansehe. Zur Informatik gehören nach meinem Dafürhalten z.B. alle  Gerätetechniken zur Erfassung, Speicherung und Wiedergabe von Information in Form von Texten, Bildern, Zeichnungen, Geräuschen und Bewegungen. Dazu dienen Prozessoren, Speicher, Bildschirme, Uebertragungsgeraete, Sensoren und Aktoren. Informatik umfasst vor allem auch Software. Die Informatik ist jedoch nicht darauf beschränkt. Besonders typisch sind die vier Kategorien Systemsoftware, Analyse- und Entwicklungswerkzeuge, betriebliche und technische Anwendungen und  eingebettete Systeme. Es gibt viele andere Kategorien, die man dazu rechnen kann oder auch nicht. Das verbreitetste Beispiel sind die Computerspiele.

Es wird in dem Artikel der Eindruck vermittelt, als erfolge die Wertschöpfung bei uns primär in den Anwendungen. Es ist zwar richtig, dass wir Informatiker dem Automobilbau, der Chemie, dem Einzelhandel, Unterhaltung und Verkehr dabei helfen, ihr hervorragendes  Leistungsangebot zu verbessern. Was Informatik-Produkte betrifft, wird leider in Deutschland recht wenig entwickelt. Sie deshalb von der Informatik auszuklammern, ist hanebüchen. Deutsche Informatiker helfen immerhin dabei, Informatik-Angebote aller Art zu verkaufen, zu verteilen und zu warten. Auch bilden sie Nutzer aus.  Produkte werden primär von Firmen aus Korea, Finnland, Japan und  USA entworfen und geplant. Gefertigt werden sie in China, Malaysia, Taiwan und Singapur. Deutschland spielt nur in Teilmärkten eine Rolle, so bei ERP-Software. SAP ist einer der größeren Arbeitgeber Baden-Württembergs.
             
Noch einmal will ich den Text der Präsidenten zitieren. 

Um die Informatik vor dem Hintergrund der beschriebenen Entwicklungen nicht weiter „unsichtbar“ werden zu lassen,  müssen wir in den Hochschulen wie in der betrieblichen Praxis darauf achten, die Standards unserer Informatikaus- und Weiterbildung hoch zu halten. Wir brauchen mehr junge Frauen und Männer, die Informatik und ihre Anwendungen studieren, wir brauchen Ingenieure mit ausgeprägten Kompetenzen in den technischen Aspekten der Informatik, und wir brauchen anwendungsorientierte Informatiker ... Die Wirtschaft ist auf diese Expertise angewiesen, wird allerdings ihre Wertschöpfung leicht in andere Länder verlagern, wenn wir diese Qualifikationen nicht bieten können.

Einiges davon klingt gut. Skeptisch werde ich, wenn hohe Standards für das Studium gefordert werden. Heisst dies ein extra langes Studium? Also den Master für alle. Ich hoffe nicht. Informatiker sollten in erster Linie Informatik beherrschen, und zwar die ganze Informatik, und diese erheblich besser als ein Anwender. Der Anwender muss ohnehin seine Anwendungen kennen. Es reicht auch nicht, wenn Informatiker sich auf Software allein beschränken oder gar auf KI. Sortieren und Suchen sind keine Anwendungen. Ebenso Komprimieren, Transformieren und Sichern. Das sind Grundtechniken der Informatik. Die Liste lässt sich beliebig verlängern. Aber warum muss ich das einem gewesenen und zukünftigen GI-Präsidenten eigentlich erzählen?            

Die GI muss sich in Acht nehmen, dass sie nicht zu einer Vertretung von weltabgerückten Universitätsprofessoren verkommt. Dann wäre nicht nur ihr zahlenmäßiges Wachstum begrenzt, auch die Rolle, die sie in der Gesellschaft spielen kann, wäre eine andere. Man müsste dann eine andere fachliche Heimat für Informatik-Praktiker suchen.

1 Kommentar:

  1. am 24.12.2011 schrieb Kollege Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

    Konvergenz gegen eine Bluff-Gesellschaft

    Was Sie in Ihrem Beitrag „ Die deutsche Hochschulinformatik und ihre Geschichten“ schildern, ist kein Einzelphänomen, sondern ein schwerer sozialer Defekt, der wegen des zunehmenden Kampfes um Drittmittel an Universitäten bizarre Formen angenommen hat. Als Zeugen rufe ich auf: Prof. em. Wolfgang Frühwald, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1992-1997) und Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung (1999-2007). Eine beachtliche Seriosität und Kompetenz kann niemand Herrn Frühwald absprechen. In seinem Aufsatz „ Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Universitäten am Scheidewege“ (Forschung und Lehre, Dez.2010)
    http://www.forschung-und-lehre.de/wordpress/?p=6219
    gibt uns der 75-Jährige eine Überblick über die radikalen Veränderungen im Hochschulwesen in den letzten Dekaden. Ich empfehle jedem, diesen Beitrag zu lesen.
    Wir konvergieren gegen eine Bluff-Gesellschaft, sagt Frühwald. Mit einigen markanten Zitaten aus dem Aufsatz sei hier knapp umrissen, was Frühwald unter einer Bluff-Gesellschaft versteht:
    „ In einer Bluff- Gesellschaft hat der den größten Erfolg, dem es gelingt, Bluff als eine Leistung darzustellen“
    „ Es geht in vielen Projekten nicht mehr um die Substanz des neuen Wissens, sondern nur noch um dessen Sichtbarkeit“
    „ Die ganze Gesellschaft funktioniert wie ein Fernsehprogramm: entscheidend ist die Quote, alles andere ist eine ferne Erinnerung an vergangene Zeiten.“
    „ In einer Bluff-Gesellschaft zählen Eindrücke mehr als Fakten, werden Eindrücke sogar zu Fakten."
    „ Dort nämlich, wo der Schein plötzlich durchschaut wird, grinst uns das bare Nichts an“.

    Frühwald, der langjährige Präsident honoriger Gesellschaften, sollte es wissen. Müssen wir, die (bluff)-gesellschaftlich Ausgesonderten, jetzt depressiv werden oder gibt es eine Hoffnung?

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