Donnerstag, 19. April 2012

Informatik und die drei Kulturen

Laut C.P Snow gab es 1959 in England zwei Kulturen. Entweder hatte er nicht genau hingesehen, oder aber die Dinge haben sich weiterentwickelt. Heute haben wir es eindeutig mit drei Kulturen zu tun, und das nicht nur in Europa. Ob das Fortschritt ist, darüber kann man streiten. Ich halte es für nützlich, diese Differenzierung zu betonen. Das widerstrebt denjenigen, die sich mehr davon versprechen, wenn die Einheit der Wissenschaften zum Ideal erklärt wird. Wer näher hinschaut, weiß, dass sie sehr brüchig ist und oft nur mit Mühe zusammengehalten wird. So wie Kinder ihre Dissonanzen verbergen, wenn sie gemeinsam etwas von den Eltern wollen, so betonen die Wissenschaften gerne, dass alle gleich sind, wenn immer sie gemeinsam um die Futtertröge buhlen, die der Souverän aufstellt. Ich will zunächst nur die Situation beschreiben. Ich darf dabei – entgegen der üblichen Gepflogenheit – hinten anfangen.

Ingenieurwissenschaften (Kultur 1)

Es gibt ihre Art von Aufgaben und die Tätigkeiten schon einige Tausend Jahre. Es begann etwa zu der Zeit, als Menschen anfingen neben dem Jagen und Fischen sich durch Ackerbau zu ernähren. Es entstanden Berufe wie Klempner, Schmied, Steinmetz und Architekt. Später baute man außer Palästen und Tempeln auch Maschinen. Zuerst waren sie vom Wasser, dann vom Dampf getrieben. Danach kamen Generatoren und Batterien. Man verlegte Kabel von Haus zu Haus, ja sogar auf den Meeresgrund. Man pumpte Wasser aus Bergwerken und ersetzte die Karbidlampen. Schließlich konnte man Morse-Signale um die Welt schicken.

Man sah ein Problem und tüftelte, bis dass man eine Lösung hatte. Manchmal war es sportlicher Ehrgeiz, der einen antrieb, einen Turm zu bauen, der höher war als alle Türme vorher. Man probierte, bis man wusste, dass es hielt oder dass es funktionierte. Es war dabei völlig sekundär, warum etwas hielt oder warum etwas funktionierte. Mathematische Formeln brauchte man nicht.

Aus Handwerk wurde Technik. Heute betreiben wir das Ingenieurwesen auch wissenschaftlich. Wenn man etwas gebaut hat, kann man nachher der Baupolizei erklären, warum es nicht zusammenfällt. Dem Auftraggeber war es vor allem wichtig, dass jemand sich traute, den Turm oder die Maschine zu bauen. Das Prüfen und Rechnen überließ er gern seinen Beamten. 

Im Gegensatz zu den ‚freien‘ Wissenschaften sind Ingenieurwissenschaften die ‚Notwissenschaft‘ par excellence. Ingenieure betreiben Wissenschaft nur, wenn sie es müssen. Paul Lorenzen, der diesen Begriff prägte, meinte etwas anderes damit. Er meinte damit die Wissenschaften, deren Aufgabe und Anliegen es ist, Not zu lindern.

Naturwissenschaften (Kultur 2)

Der Mensch sieht nachts die Sterne und fragt sich, warum leuchten diese. Er stellt fest, dass einige, wie z. B. der Mond, gar nicht selbst leuchten, sondern nur das Licht anderer Sterne reflektieren. Die Frage ist damit nur verschoben auf den Rest der Sterne. Da diese sich nicht zu bewegen scheinen, nennt man sie Fixsterne. Warum diese als Leuchten wirken, dafür hat man heute Theorien. Eine davon besagt, dass es die Atomkerne sind, die zerfallen und Wärme erzeugen. Wir sehen das Feuer, weil es Licht aussendet, wissen aber zunächst nicht, was Licht ist. Kluge Leute sagen, es sei sowohl Welle wie Partikel. Bei einer Sonnenfinsternis konnte die Wellennatur bewiesen werden. Beim Doppelspalt geht es wieder durcheinander.

Die Naturwissenschaftler bemühen sich, Dinge wie diese zu erklären. Manchmal kommt dabei etwas heraus, was Ingenieure anregt oder gebrauchen können. Manchmal produzieren sie nichts als Theorien. Bei den Physikern scheint dies seit 40 Jahren der Fall zu sein. Die Biologen sind besser dran. Sie haben Werkzeuge von Ingenieuren bekommen, z. B. Rastermikroskope und Kernspintomographen, mit denen sie eine Menge von Fragen klären können. Sie benötigen weniger oder keine Theorien. Da alles, was Biologen herausfinden, einen Bezug zur Medizin und damit zum Menschen hat, ist ihnen das Interesse der Öffentlichkeit sicher.

Geisteswissenschaften (Kultur 3)

Ihre Grundannahme ist, dass Naturwissenschaftler nie alles erklären können. Es wird zwar immer weniger, aber noch bleibt einiges offen. Dafür entwickelt man Theorien, die postulieren (jedoch nicht beweisen), dass die erreichte Grenze eine endgültige ist. Es kann sein, dass in Zukunft einige der Fragen doch noch geklärt werden. Dann erübrigen sich diese Theorien.

Heute noch (teilweise) ungeklärt ist, wie und warum Leben entstand, wie und warum das Weltall entstand, ob der Mensch Dinge erfährt, für die er kein Organ hat, usw. Da vielleicht nie alles als deterministischer Ablauf gedeutet werden kann, muss der Mensch das Leben organisieren. Dafür Regeln zu ersinnen, ist hilfreich. Das machen Religionsstifter, Staatsgründer oder Vereinsmitglieder. Auch kann man den Menschen beobachten, wie er auf Situationen reagiert, wenn ihm keine oder bestimmte Vorgaben gemacht wurden. Das nennt man Psychologie. Beobachtet man nicht einzelne Individuen, sondern Gruppen in ihrem Verhalten, sprechen wir von Soziologie.

Manche Geisteswissenschaftler tragen auch zur Bildung, Erbauung und Unterhaltung ihrer Mitmenschen bei. Das tun z. B. Pädagogen, Schauspieler, Dichter und Musiker. Dabei ist es hilfreich, Material zu haben, sowohl Lehrmaterial wie Spielstoffe. Das liefert die Geschichte oder die Kreativen. Wer nichts von der Vergangenheit hält, wird Revolutionär. Eine etwas mildere Form sind die Reformatoren. Wenn Kreative versuchen mit ihren Kreationen Geld zu verdienen, ist dies anrüchig. ‚Freie‘ Künste leben quasi vom Sonnenlicht, genau wie Blumen. Geld führt zur Knechtschaft.

Eine früher von den Geisteswissenschaften wahrgenommene Aufgabe, Wissen zu archivieren und wieder auszubuddeln, übernimmt heute (teilweise) das Internet. Es bleibt die Aufgabe, Wissen zu bewerten und zu strukturieren. Auch die undankbare Aufgabe des Dolmetschens wird die Technik lösen.

Da Kultur 1 und Kultur 2 in der Vergangenheit die herrschende Schicht (Adel, Theologen, Juristen) relativ wenig interessierte, hat dies zur Folge, dass sich die Vertreter von Kultur 3 (immer noch) als die Träger von Kultur schlechthin ansehen.

Position der Informatik

Die Frage steht im Raum, zu welcher der drei Kulturen die Informatik gehört bzw. gehören sollte. Ich persönlich bin überzeugt, dass alle drei eine Rolle spielen. Ausgehen muss auch Informatik von der Ingenieur-Kultur (Kultur 1), nämlich der Frage, was sie beitragen kann zum körperlichen und geistigen Wohlbefinden des Menschen, d.h. seinem Unterhalt und seiner Unterhaltung. In einem anderen Zusammenhang nannten Broy und Endres dies Lebensqualität. Wenn auch noch gesagt werden kann, warum gewisse Rezepte und Verfahren so wirken wie sie das tun, kann dies helfen. Es ist aber nicht die Voraussetzung dafür, überhaupt etwas zu tun. Da es (vielleicht) eine Illusion ist, alles logisch zu erklären, sollten wir psychologische und soziologische Kriterien nicht außer Acht lassen.

Welches Gewicht die jeweilige Kultur für einen Informatiker hat, hängt von der Tätigkeit ab, die er/sie ausübt. Bei einem Vertriebsmitarbeiter spielt Kultur 3 eine große Rolle, bei einem Entwickler Kultur 1 und bei einem Forscher Kultur 2. Wer sich für einen Informatik-Lehrstuhl in Deutschland bewirbt, muss berücksichtigen, dass zwischen den Hochschulen die Gewichtung sehr unterschiedlich ist. Fachhochschulen und einige jüngere Universitäten betonen primär Kultur 1. Für einige alt-ehrwürdige Universitäten zählt nur die Kultur 2. In Bremen und Hamburg gehört Informatik angeblich zur Kultur 3.

Rolle der Mathematik

Die Mathematik, die zu keiner der drei Kulturen gehört, spielt in der Informatik die Rolle einer Hilfswissenschaft. Sie hat schöne Namen und Behälter für Dinge, die Informatiker manchmal brauchen. Sehr oft sind die Namen irreführend (z.B. reelle Zahlen) oder die Behälter unpassend (z. B. Mengen). Manchmal sagt sie auch, dass gewisse Fragen durch (noch so langes) Rechnen nicht beantwortet werden können.

Die Mathematik kann ˗ entgegen langjähriger Beteuerung ˗  es nicht schaffen, für die Informatik eine Theorie zu liefern. Die Mathematik erklärt die Welt nicht, sie gestattet nur, sie auf eine bestimmte Art zu beschreiben. Diese Beschreibungen passen am besten im mittleren Größenbereich (von 10-6 bis 106 Meter). Der Anstrich, den Mathematiker Produkten aus der Informatik geben können, ist oberflächig. Meist blättert er nach kurzer Benutzung ab.

NB. Soviel für heute. Wer sich angegriffen oder herausgefordert fühlt, möge sich melden.

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