Mittwoch, 22. Mai 2013

Darf man Hitler als Schelm darstellen?

Ehe ich auf den Bestseller von Timur Vermes (*1967) mit dem Titel ‚Er ist wieder da eingehe, möchte ich kurz die Frage ansprechen, wie ich selbst Hitler erlebt habe und wie ich ihn heute sehe.

Gesehen habe ich Hitler in Person ein einziges Mal am 27. August 1938, als er nach einer Besichtigung von Westwallanlagen im Autokonvoy an meinem Elternhause vorbeifuhr. Ich war fünf Jahre alt und besuchte noch nicht die Grundschule. Es folgte der militärische Aufmarsch des Frankreich-Feldzugs, fünf Jahre Kriegswirtschaft und Jabo-Angriffe und am Schluss die Rundstedt-Offensive. Danach lebte ich in der französischen Besatzungszone, ging als Austauschstudent nach Amerika und arbeitete anschließend 35 Jahre für eine internationale Firma.

Ich betrachte es als Glück, dass ich mich nicht mit dem Nazi-System direkt auseinandersetzen musste, und dass ich von den Folgen des Krieges weitgehend verschont blieb. Dennoch betrachte ich Hitlers Ideologie als eine der größten Perversionen der europäischen Geschichte. Sein Einfluss überbietet sowohl Friedrich den Großen wie Napoléon. Durch die weitgehend freiwillige Gefolgschaft Hitlers hat sich das deutsche Volk große Schuld aufgeladen. Nicht alle Zeitgenossen Hitlers trugen das gleiche Maß an Verantwortung. Völlig wegleugnen lässt sie sich jedoch nicht. Deutschland wird auch weiterhin mit Hitler in Bezug gesetzt, wie es etwa während der Euro-Krise deutlich wurde.

Neuartiges Hitlerbuch

Der Inhalt des Vermes-Buches ist in einem Wikipedia-Eintrag vollständig wiedergegeben. Nur so viel: Hitler, der im Jahre 2011 auf einer Wiese bei Berlin aufwacht, erzählt wie er versucht sich zu orientieren und wie die Mitmenschen und vor allem die Medien ihm begegnen. Ein privater Fernsehsender versucht mit ihm als Comedy-Star Quote zu machen. Hitler jedoch glaubt, er hätte eine zweite Chance bekommen, seine historische Mission zu erfüllen. Das Augenmerk des Autors  ̶  und die Pointe des Buches  ̶  liegt in der Beschreibung der Reaktion auf die neue Sendereihe. Einige namentlich genannte Politiker tun dies distanziert und kühl, der Mann oder die Frau aus dem Volke teilweise mit Begeisterung. Die extreme Rechte sieht sich diffamiert und reagiert mit Gewalt, d.h. mittels Schlagring. Der neue Hitler wird außer Gefecht gesetzt, nachdem Drohungen durch anonyme Briefe nicht wirkten (‚Hör auf, Du verfluchtes Judenschwein!').

Wirkung des Buches

Nach seiner Vorstellung auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2012 stieg der Roman auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Er wurde über 400.000 Mal verkauft (Stand Februar 2013) und in 27 Sprachen übersetzt. Über die potentielle Wirkung des Buches wird lebhaft diskutiert. In der Süddeutschen Zeitung (vom 9.1.2013) schrieb Cornelia Fiedler:

Allzu oft lässt sich der Autor dazu hinreißen, seinen Hitler als humorigen Gesellen zu zeichnen und das wirkt letztlich verharmlosend … Vermes scheint sehr darauf zu vertrauen, dass sein Publikum schon auf der richtigen Seite stehen und in der Lage sein wird, das Gelesene zu reflektieren. Das wiederum ist, vor allem angesichts seiner intensiven Recherchen, politisch überraschend naiv.

Auf die Frage, wie er seinen Roman literarisch einordnen würde, meinte der Autor, dass es sich am ehesten um einen Schelmenroman handeln würde. Dabei fragt man sich unwillkürlich, mit welchen Schelmenromanen der deutschen Literatur das Buch wohl vergleichbar sei. Mir fallen vor allem der Simplicissimus ein, aber auch Till Eulenspiegel. Der moderne Schelmenroman sieht sich als Anti-Bildungsroman. Der Held ist bildungs-resistent, um es modern auszudrücken.

Politischer Rechtsextremismus

Dass durch das Vermes-Buch die Gefahr größer wird, dass junge Leute nach dem Lesen von Hitlers Ideen angetan sind, halte ich für übertrieben. Viel wichtiger ist die Frage, warum es in Deutschland überhaupt diese Form des Rechtsradikalismus gibt, der sich sogar mit den Fetischen der Nazis schmückt. Ich habe dafür bis jetzt keine gute Erklärung gefunden.

Kann es sein, dass es sich dabei lediglich um eine Kompensierung von linksradikalen Tendenzen handelt? Da diese sich vornehmlich in der akademischen Jugend ausbreiteten, kann es sein, dass Teile, vor allem der nicht-akademischen Jugend auf diese Art ihren Unterschied zum Ausdruck bringen möchten? Ich weiß es nicht.

In dem Buch von Vermes sind Neonazis als verbohrt dargestellt. Das kann man kaum als Werbung auffassen. Nachdem Hitler abwechselnd als Dämon, tragischer Held und Volksverführer dargestellt wurde, warum nicht auch als Schelm. Diese Freiheit sollte die Kunst haben. Es ist dies ganz im Sinne Schillers, der meinte, dass die (Schauspiel-) Kunst vor allem das Volk belehren soll. Heute akzeptieren wir, dass sie auch noch Geld verdienen will.

NB. Übrigens hat dieser Tage der 50.000te Leser diesen Blog besucht. Im Januar dieses Jahres waren es erst 35.000 gewesen. Offensichtlich steigt die Leserzahl immer noch (geometrisch) an. Eine ausführliche Analyse werde ich vermutlich Ende Juni vornehmen.

1 Kommentar:

  1. In the last year I read 3 books from this period - including Beasts in the Garden of Evil, Citizens of London. I am impressed with how unimaginable that disaster is to one looking from today. I have a very rich imagination - and it short circuits, blows fuses, and rolls over dead whenever I try to conjure up that period in my mind. Cities turned into fields of rubble piles, family tragedies in every house, horrific injuries, scary futures, hunger, millions of soldiers all over the world blasting away at each other ... unimaginable. I do not feel that it is progress to be able to make fun of characters from that period. The Chaplin movie had sense during the time, but today I find that such parody contributes to erasing what memory remains from that time.

    On a related subject - I do not think that "Wirtschaftswunder" is the right word to describe what happened in the 2 decades after May 1945. It was a "Wunder" beyond "Wirtschaft". It was a clear data point on the depth of uniquely German virtues.

    Calvin Arnason

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