Sonntag, 9. Juni 2013

Weg mit der Informatik aus den Schulen! – eine europa-weite Diskussion

Erst vor vier Wochen machte ich mir Gedanken zu dem Thema ‚Informatik als Allgemeinbildung‘. Es war dies innerhalb eines Essays über Bildung allgemein. Das Thema ist halt ein Dauerbrenner. Immer wieder gibt es Aufrufe oder Neudefinitionen des Problems. Gerade in den Wochen, die seither vergingen, nahm die Diskussion regelrecht Fahrt auf. Das Thema hat Konjunktur.

Um die Diskussion etwas einzugrenzen, muss man sagen, dass es hier nicht direkt, sondern nur indirekt um den Fachkräfte-Mangel geht. Das ist nämlich ein ähnlicher Dauerbrenner. In dieser Hinsicht gilt noch alles, was ich in diesem Blog am 1. August 2011 sagte. Es gibt einen Zusammenhang derart, dass man glaubt die Weichen möglichst früh stellen zu müssen. Wenn alle Leute sich nur für Kunst und Soziologie interessieren, wird es im Verhältnis dazu nur wenige Leute geben, die sich entschließen Ingenieur oder Informatiker zu werden.

Summende Drähte im Internet

Früher hätte man gesagt, man beachte das Rauschen im Blätterwald. Da aktuelle Themen sich nicht die Zeit nehmen, die papierne Medien beanspruchen, ist es besser das Internet zu verfolgen. Das trifft dann besonders zu, wenn es Themen sind, die über unser Land hinausgehen. Überraschenderweise kommt nämlich keine der Initiativen, die ich gleich erwähnen werde, aus Deutschland. Zuerst meldete sich Informatics Europe (IE) und ACM Europa noch im April 2013. Die Initiatoren dieser Aktivität sind zwei alte Bekannte: Bertrand Meyer in Zürich und Carlo Ghezzi in Mailand. Danach kam ein Papier, das von der französischen ‚Académie des Sciences‘ im Mai 2013 vorgelegt wurde. Beide benutzen den Begriff ‚Computational Thinking‘, der auf die Amerikanerin Jeanette Wing zurückgeht. Letzte Woche stieß ich auf ein Interview, das Carl August Zehnder der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) am 3. Juni 2013 gegeben hatte. Auch er ist ein alter Bekannter. Der neueste Medienbeitrag, den ich erwähnen möchte, ist eine Glosse in der NZZ vom 7. Juni 2013. Sie hatte die Überschrift ‚Herumtüfteln unter der Haube‘. Am Schluss heißt es dort:

Weg mit der Informatik,… weg mit dieser Technik-Euphorie, weg mit diesem sklavischen Respekt vor allem, was Hardware und Software ist. Was fehlt, ist nicht «Computational Thinking», sondern die Bereitschaft zuzupacken, eine Hacker-Mentalität, der Mut, Gehäusedeckel abzumontieren, unter die Haube zu schauen, einzugreifen in das Räderwerk, die Freude am Herumtüfteln.

Obwohl es sich hier eindeutig um eine übertriebene Darstellung handelt, liefert sie mir einen schönen Einstieg. Das Wort Informatik und die entsprechenden Studiengänge gibt es in Deutschland jetzt seit rund 50 Jahren. Als es Ende der 1960er Jahre aufkam, hatte Deutschland außer den Niederlassungen amerikanischer, englischer und französischer Firmen auch ein halbes Dutzend deutsche DV-Firmen. Heute gibt es noch zwei bis drei Software-Firmen, die weltweit tätig sind (SAP, Software AG), sowie einen Hardware-Entwickler (IBM). Alle übrigen Firmen unserer Branche sind reine Importeure (Apple, Microsoft, Adobe, Corel) oder reine Service-Anbieter (wie Facebook und Google). Die Branche insgesamt hat weltweit einen Aufschwung erzielt, der als phänomenal gelten muss. Informatik ist in aller Munde. Manche Leute bevorzugen allerdings die englische Bezeichnung: Ei-Tie. Nur zur Klarstellung: Die Informationstechnik (IT) ist die frühere Nachrichtentechnik.

Die Informatiker, die seit 20 Jahren in größerer Zahl die Hochschulen verlassen, möchten  ̶  wie in einem früheren Beitrag ausgeführt  ̶  am liebsten zu den oben genannten Informatik-Firmen gehen, sie sind jedoch gezwungen in der Mehrzahl zu Anwender-Firmen (Autoindustrie, Chemie/Pharma, Finanzwirtschaft, Verkehr, öffentliche Verwaltung) zu gehen. Diese nehmen, was sie bekommen können, auch wenn der Betreffende gelernt hat auf alles herabzusehen, was praktische Relevanz hat.




Zurück zur allgemeinen, primär akademischen Diskussion. Die Studie der französischen Akademie der Wissenschaften übertrifft  ̶  wie zu erwarten  ̶   alle anderen erwähnten Stellungnahmen an Gründlichkeit der Vorbereitung und fachlicher Schlagkraft. Nur zwei der genannten Autoren sind mir namentlich bekannt: Serge Abiteboul und Maurice Nivat. Der vorliegende Bericht basiert auf ähnlichen Arbeiten aus den Jahren 2007 und 2010 und fasst Diskussionen der letzten zwei Jahre zusammen. Der Adressat ist die breite Öffentlichkeit, insbesondere die nationale Politik. Durch diese Zielrichtung erklärt sich, warum sehr viel Mühe darauf verwandt wird, klar zu machen welche Bedeutung die Informatik für Wirtschaft und Gesellschaft hat. Die Empfehlungen betreffen alle Ausbildungsstufen vom Kindergarten (Ecole maternelle) bis zur Universität (college, lycée). Auffallend ist, dass das wirtschaftspolitische Ziel im Vordergrund steht, nämlich Frankreichs Rolle vom Konsumenten von Informatik-Produkten und Informatik-Dienstleistungen wieder zu einem Lieferanten für den Weltmarkt zu machen. In diesem Falle verdient es der französische Text, ihn sich auf der Zunge zergehen zu lassen.

Un enseignement aussi limité ne saurait permettre de faire basculer notre pays de l’état du consommateur de ce qui est fait ailleurs à celui du créateur du monde de demain. (Eine derart beschränkte Ausbildung würde es nicht gestatten, dass unser Land vom Zustand des Konsumenten dessen, was anderswo gemacht wird, zum Schöpfer der Welt von Morgen wechselt)

Natürlich wird auch die digitale Kluft (engl. digital divide; frz. fracture numerique) angesprochen, die man vermeiden möchte. Es geht daher sowohl um fachliche Ausbildung wie um die Allgemeinbildung. Diese Zweiteilung, auf die ich später noch zurückkomme, wird im Englischen durch die Begriffe ‚Digital literacy‘ (frz. alphabetisation numerique) und ‚Professional training‘ auseinander gehalten. Die Stufen des Lernens gehen von der spielerischen Erkundung (frz. découverte) über die Gewinnung von Fertigkeiten (frz. acquisation de l’autonomie) bis zu konsolidiertem Wissen und Können (frz. consolidation du savoir et du savoir-faire). Die Haupt-Forderung an die Politik ist auch bei uns altbekannt: Man sollte bei dem Mangel an Informatik-Lehrern endlich Abhilfe schaffen. Über das Wie lässt man sich nicht aus. Möglicherweise hieße die Antwort: MOOC. Die akademische Schlagseite des Berichts kommt zum Ausdruck, wenn es heißt, dass in Frankreich die Forschung gut sei, nur mit der Industrie sei nichts los.

Europäischer Chorgesang

Mit derartigen Schuldzuweisungen gibt sich der Bericht von IE und ACM zum Glück nicht ab. Er leistet insofern einen echten Beitrag, indem er genau benennt, was man heute zur Allgemeinbildung (engl. digital literacy) rechnen solle. Ich liste die wichtigsten auf: mittels Tastatur schreiben, Texte und andere Dokumente mit Bildern verfassen, diese speichern und Ordnern zuordnen, über die Eigenschaften verschiedener Dateitypen Bescheid wissen, im Netz suchen können, E-Mails lesen und versenden können, in sozialen Netzen präsent sein, die Rechte der anderen Nutzer und die Gefahren kennen, die von Betrügern ausgehen.

Ein Fortschritt wird darin gesehen, dass man stärker differenziert. Nicht alles ist mehr Informatik. Die eine Hälfte fällt jetzt unter Anwender-Kompetenz. Nur noch die Entwickler-Kompetenz gehört zur Informatik. Bekanntlich wird diese vielerorts jedoch wie eine abstrakte Kunst behandelt. Nicht die Technologie-Beherrschung wird als entscheidend angesehen, sondern die ergonomische Anmutung, die ‚Human factors‘, und die soziale Unbedenklichkeit. Viele Leute lernen Informatik nicht wie Musiker die Musik, sondern wie ein Kritiker und Musiktheoretiker.

Übrigens leistet der als Leitmotto zitierte englische Bildungsminister einen zweifelhaften Dienst. Er verniedlicht die Informatik. Er meint, dass bald 11-Jährige Grafikanwendungen schreiben und 16-Jährige Apps für Smartphones. Damit verunsichert er junge Menschen. Warum soll ich in dieser Situation Informatik studieren? Was bleibt da noch für Erwachsene zu tun? Es ist dies dieselbe schiefe Vorstellung, als wenn man sagen würde: Jeder, der englische (oder genauer lateinische) Buchstaben schreiben kann, kann Fachbücher oder Bestseller schreiben.

Alphorn oder Kuhglocken

Kollege Zehnder überrascht mich mit zwei Dingen. Das eine ist die Aussage, dass in den 1980er Jahren die Welt noch in Ordnung war. In der Tat setzte seit 1980 eine Kommodifizierung der Informatik ein. Was davor ein Beruf für Spezialisten war, wurde zur Kompetenz eines Halbstarken. Die Konsequenzen habe ich in dem Abschnitt davor erläutert. Kollege Zehnder wird gefragt, was man in dem jetzt schon übervollen Stundenplan der Pennäler weglassen soll, um Informatik-Stunden unterzubringen. Er verkneift es sich, diese Frage zu beantworten. Das ist die typische Reaktion aller Experten seit 50 Jahren. Sie schienen zu glauben, dass dies nicht auffällt. Auf eine mögliche Lösung hatte ich vor vier Wochen hingewiesen. Es geht nur, wenn man auch Nicht-Informatiker an der Diskussion beteiligt.

So verrückt das Zitat aus der NZZ-Glosse klingt, es enthält einen Kern Wahrheit. Wie groß dieser Kern ist, darüber darf gestritten werden. Vielleicht ist es nur ein frustrierter Informatik-Nutzer, der jammert. Dann interpretiere ich seine Aussage so, dass es diesem Journalisten helfen würde, wenn er mit weniger Schwierigkeiten Leute finden könnte, die ihm tagtäglich weiterhelfen. Vorrang vor jeder akademischen Diskussion sollte die Frage haben, wie man mehr Leute dazu bringt, sich praktischen Aufgaben zu widmen und bereit zu sein, anderen Leuten ihre Dienste anzubieten. Eine zweite mögliche Interpretation wäre die folgende: Sofern der Autor ein detaillierter Kenner unseres Fachgebiets und der Mentalität seiner Wortführer ist, könnte es sein, das er sagen will: Uns fehlen die kreativen Macher. Vermutlich schenken wir denjenigen Leuten zu wenig Anerkennung, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen oder sogar ein Risiko einzugehen. Unser Ideal ist zu sehr der kontemplative Theoretiker und nicht der zerstörende Innovator. Wenn dem so ist, wäre Europa nicht mehr zu helfen, auch wenn wir unsere finanziellen Mittel für Bildung verzehnfachen würden.

Fazit und Ausblick

Deutschland scheint, was diese Diskussion betrifft, dem übrigen Europa etwa fünf Jahre voraus zu sein (unter anderem dank Peter Hubwieser von der TU München). Nach der Diskussion innerhalb der zuständigen Fachgesellschaft, der Gesellschaft für Informatik (GI), trat bei uns wieder eine Phase des Desinteresses, ja der Apathie ein. Ich bin gespannt, ob es den europäischen Kollegen anders ergehen wird.

Ich sehe ein weiteres Dilemma, und zwar in allen Ländern, in denen diese Diskussion geführt wird. Die Forderungen an die Öffentlichkeit und die Art, wie sie vorgetragen werden, sind nicht ganz neu. Alles, was die Bittsteller bisher gelernt zu haben scheinen, ist zu differenzieren zwischen Informatik-1 (Allgemeinwissen) und Informatik-2 (Fachwissen). Das, was in Europa gerade gebraucht wird, sei eigentlich keine Informatik mehr  ̶  so heißt es jetzt. Nur das, was gerade nicht gebraucht wird, sei Informatik. [Mich erinnert dies an ähnliche Diskussionen bei der Künstlichen Intelligenz. Die Folge in den USA war ein 20 Jahre langer KI-Winter]. Wir sagen nicht, wer sich um die Ausbildung in Informatik-1 kümmern wird. Jedenfalls betrachten sich dafür 'die Informatiker' nicht mehr als zuständig. Die Industrie trägt ohnehin die volle Verantwortung dafür, dass alle Produkte so leicht zu benutzen sind, dass keine formelle Schulung erforderlich ist.

Zwei irrlichternde Ereignisse aus jüngster Zeit seien erwähnt. (1) Der Stadtstaat Hamburg hat gerade das Fach Informatik aus dem Lehrplan seiner Schulen gestrichen. (2) Die Industrie hat erreicht, dass einige Hochschulen ein Studienfach Service-Wissenschaft eingerichtet haben. Ich nehme nicht an, dass daher in der allseits bekannten Service-Wüste Deutschland alsbald neue Oasen des anspruchsvollen Konsums erblühen werden. 

Kommentare:

  1. Am 9.6.2013 schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    Die Vorstellungen der “Informatics Europe & ACM Europe Working Group” über zukünftige Informatik-Lehrangebote an Schulen und Universitäten ist wohl ein erster Schritt, den Anforderungen einer durch den Einfluss der digitalen Technologien veränderten Gesellschaft gerecht zu werden. Das angewachsene Wissen über komplexe Systeme der verschiedensten Art bietet eine geeignete Basis, um zu antizipieren, ob und welche neuen Wissensbereiche zukünftige Lehrangebote bereichern könnten.

    Der Blog Eintrag vom 29.5.2013 über Bernd-Olaf Küppers‘ Buch 'Die Berechenbarkeit der Welt' enthält Hinweise, dass zukünftig „Strukturwissenschaften“ eine immer wichtigere Rolle spielen werden. Insbesondere werden sich Informatiker nicht nur mit Fragen ihres Fachgebiets auseinandersetzen müssen, sondern sich auch um bereichsübergreifende Erkenntnisse komplexer Systeme (Systemtheorie) und bereichsübergreifender Vorstellungen von Information (Informationstheorie) bemühen.

    Der Blog Eintrag vom 12.6.2012 mit dem Titel „Modellierung in Biologie und Informatik“ enthält Hinweise, mit welchen schwierigen Systemfragen sich Informatiker bereits auseinandersetzen. Das derzeitig wohl ehrgeizigste Informatik-Projekt betrifft die Modellierung des menschlichen Zentralen Nervensystems (Human Brain Projekt). Die EU unterstützt das Projekt mit 1,2 Milliarden Euro. An dem Projekt sind weltweit 80 wissenschaftliche Institute beteiligt. Dieses Projekt wird vielleicht neue Erkenntnisse über Gedächtnisspeicherung aufzeigen, die sich technologisch „verwerten“ lassen.

    Wie sich neues Wissen über komplexe Systeme und bereichsübergreifende Vorstellungen von Information sich in Allgemeinwissen (digital literacy) niederschlagen wird, bleibt abzuwarten. Derartigem Allgemeinwissen scheint aber zunehmend eine wichtigere Rolle zuzufallen als den Grunderkenntnissen über Programmierung.

    Bei allen Überlegungen zu „computing science“ spielen natürlich auch ökonomische Interessen eine wichtige Rolle, um die sich aber vorwiegend die Anwender der Informatik wie bisher bemühen werden. Wie weit dabei auch IT-Unternehmen profitieren, ist relativ zum ökonomischen Gesamtumfang aller Unternehmungen gering.

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  2. Am 10.6.2013 schrieb Barbara Paech aus Heidelberg:

    das Thema Informatik und Bildung ist auch in Baden-Württemberg gerade sehr aktiv.

    Dort wird im Moment in den neuen Bildungsplänen für die Gymnasien die ITG abgeschafft (was ja sowieso nur ein Hauch von Informatik war) und es gibt nur noch Medienbildung (Informatik-1 nach Ihrer Sprechweise) . Die GI-LehrerInnengruppe ist massiv dabei, sich dagegen zu wehren, aber das Regierungspräsidium und Kultusministerium ist nur sehr schwer zu beeinflussen.

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  3. Am 10.6.2013 schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

    Die Streichung eines Faches Informatik in Schulen, das sich als Verdünnung eines Hochschulfaches begreift (Zentrum: Algorithmisierung, Programmierung, etc.) ist tatsächlich gerechtfertigt, weil die Grundlagen fehlen. Dass es ein Fach "Medieninformatik", oder besser doch Geräteinformatik, geben muss (man bekommt ja schließlich Zugang zu den Medien über das Gerät), ist unbestritten.

    Die Informatik in den Schulen als Grundlagenfach, und mehr kann es und soll es in den allgemeinbildenden Schulen gar nicht sein, hat doch im Kern das Thema einer (präzisen) sprachlichen Erschließung der Welt zum Gegenstand. Die Welt sieht nun nicht mehr wie früher (zur romantischen Zeit) aus. Es muss alles viel genauer gesagt und spezifiziert werden. Die Welt will heute (auch) wissenschaftlich begriffen werden. Wissenschaftliche Rede ist nichts anderes als gewöhnliche Rede, bloß viel genauer. Das sagte kein geringerer als Paul Lorenzen.

    Man muss schon in der Schule lernen, Struktur in eine in der Regel unstrukturierte Rede zu bringen. Das ist ein schweres Geschäft, auch pädagogisch. Der Deutschunterricht, der das vollbringen könnte, tut es nicht, weil er Sprache und Logik nicht zusammen sieht, sondern Sprache hin zu einer literarischen Anwendung betrachtet. Das ist zwar auch wichtig, steht aber hier nicht zur Debatte.

    PS: Ein wichtiges Teilthema ist z.B. die Begriffsbildung. Wie geht die überhaupt vonstatten? Stellen Sie bloß diese Frage nicht unserem heutigen Lehrpersonal. Sie werden ihr blaues Wunder erleben. Dass Hamburg diesen Verdünnungsausdruck "Informatik" aus einer Pflichtfächerliste streicht, ist begründbar. Wenn Baden-Württemberg das auch tut, warum nicht? Bloß, dann kommt das Thema "Präzise Sprache und Welt" hoch. Und dann müssen die Streichlustigen "Butter bei die Fische tun", wie man im Westfälischen sagt. Und dann hapert es gewaltig.

    Schulinformatik als verdünntes Hochschulfach ist aber ein Unding und gehört ersatzlos gestrichen, weil es im hohen Maße entbehrlich ist

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  4. Am 10.6.2013 schrieb Gerhard Schimpf, zurzeit in Palo Alto, CA.:

    ...ich habe Ihren Blog gelesen und kann jeden Satz davon unterschreiben.

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  5. Am 11.6.2013 schrieb Gerhard Schimpf aus Kalifornien:

    Heute früh hat mich im dichten Berufsverkehr auf dem Highway 280 nach San Francisco ein "Google self driving car" ganz flott überholt. Google hat für seine Testfahrzeuge, die vom AI Lab an der Stanford University mit betreut werden, in Kalifornien (nach Nevada und Florida) die Erlaubnis zu Testfahrten unter Realbedingungen erhalten.

    Die dahinter steckende Innovationskraft und fächerübergreifende Mentalität, um Probleme der realen Welt zu lösen, kann ich mit bei der deutschen Informatik schwer vorstellen. Dazu müsste man den Elfenbeinturm verlassen und sich die Finger schmutzig machen.

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  6. Durch zwei der letzten Leserbriefe wird die Diskussion in eine interessante und sehr aktuelle Richtung gelenkt.

    Ob die Industrie willens und in der Lage ist, Barbara Paech und den LehrerInnen in der GI zu Hilfe zu kommen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist der Ruf längst so beschädigt, dass er nicht mehr zu retten ist. Solche Bewertungen entwickeln sich über Jahrzehnte, an jedem Schulort separat. Ein Aufschrei einiger, selbst nicht in der Schule engagierter Nicht-Pädagogen in letzter Minute ist meistens umsonst.

    Ich bekenne, dass ich zu den Ignoranten gehöre, die Hartmut Wedekinds Vorschlag 10 Jahre lang nicht verstanden haben. Mir war sein Vorschlag schlicht suspekt. Eine Grundlage in der Linguistik ist das letzte, was die Informatik nach meiner Meinung braucht. Natürlich kann die Informatik zum Weltverständnis (und meinetwegen auch zur Linguistik) Beiträge leisten. Sie tut es ja auch bei anderen Fächern. Es kann auch nicht Aufgabe des Informatik-Unterrichts sein, Defizite im Deutsch-Unterricht (zu wenig Logik, zu viel Literatur) auszubügeln.

    Obwohl Hartmut Wedekind eine Ausbildung als Wirtschaftsingenieur hat, war er in Erlangen in schöngeistige Kreise geraten. Es erschien mir, als ob er - so wie viele seiner Fachkollegen - die Verwissenschaftlichung dessen, was ich unter Informatik verstehe (und auch weiter verstehen möchte) auf die Spitze trieb. Ich halte die übertriebene Verwissenschaftlichung der Informatik für genauso falsch wie die Verwissenschaftlichung des Automobilbaus oder die Vermathematisierung der Medizin. Es wäre dies nicht nur eine Irreführung junger Menschen, sondern eine Gefahr für den Standort und für unsere Gesundheit.

    Alles was Mathematiker und Philosophen erdenken, mag tief und schön sein. Mediziner und Ingenieure lassen sich besser davon leiten, was nützlich und schmerzlindernd ist. Informatiker, vor allem die an Hochschulen, fühlen sich hin und her gerissen. Sie nehmen Geld in Empfang und nehmen Studenten auf, so tuend als ob sie eine nützliche Wissenschaft seien. Hat man das Geld, möchte man das tun, was schön ist, oder was bei den reinen Wissenschaftlern, also den Philosophen und Mathematikern, Anklang findet.

    Das Ingenieurwesen, das gewisse Ähnlichkeiten mit der Informatik hat, wird auch schon mal als Notwissenschaft bezeichnet, und zwar in dem Sinne, dass sich ihre Aufgaben aus der Not des Menschen ergeben.

    Ich glaube, dass die akademische Informatik sich selbst in diese Situation gebracht hat. Sie kann m.E. jedoch nicht herauskommen, ohne noch mehr mit ihren Kunden, also den Anwendern, zu reden. Es war ihr Fehler sich einzubilden, die Politik würde der Informatik den Status einer abstrakten Wissenschaft gönnen. Wer in einer Notwissenschaft ist, der ist auf die Außenwelt angewiesen, um ihre Rechtfertigung zu erfahren, d.h. Geld und Stellen zu bekommen.

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  7. Am 11.6.2013 schrieb Markus, mein 16-jähriger Enkel aus der Nähe von Tübingen:

    Zu dem Thema 'Informatik an Schulen' kann ich mich nicht groß äußern, außer die Art zu schildern wie auf meiner Schule das Thema gehandhabt wird.

    Bei uns kämpfen die Informatik-Lehrer immer noch um Aufmerksamkeit bezüglich der wachsenden Bedeutung der Informatik. In der 5. Klasse gibt es bereits ITG als Einstiegsfach: Hierbei handelt es sich jedoch nur um das Erlernen von Computer-Grundkenntnissen. Wir hatten damals ITG-Unterricht bei unserem Deutsch-Lehrer und er nutzte die Doppelstunde lediglich dazu, uns am Computer Deutsch-Texte tippen zu lassen. In der 7. Klasse bekommt man dann das Fach Informatik und beschäftigt sich mit Programmen wie EOS, die einen ersten Einblick in das Programmieren gewähren. Jedoch bleibt das Fach sehr auf dem Boden und erweitert ansonsten nur das Hintergrundwissen zu Programmen wie PowerPoint oder Excel.

    Offiziell taucht das Fach Informatik also nur in der 7. Klasse auf. Jedoch haben die Schüler die Möglichkeit in der 9. und 10. Klasse die Informatik-AG zu besuchen. Diese bietet ein umfangreiches Themenspektrum, von dynamischen Webseiten mit HTML und PHP bis hin zu Programmen wie Filius, das die Vernetzung verschiedener Computer und Server im Zusammenhang mit IP-Adressen vereinfacht darstellt.

    Wer die AG besucht kann das Fach Informatik in der Kursstufe (11/12) sogar 4-stündig wählen. Ansonsten 2-Stündig. Sie zählt als Naturwissenschaft und hilft einem so Fächer wie Chemie, Biologie oder Physik zu umgehen. Es ist sogar möglich sein mündliches Abi in Informatik zu machen, jedoch nicht das schriftliche. "Daran" so mein Informatik-Lehrer "arbeiten wir noch". Und es scheint tatsächlich etwas ins Rollen zu kommen. So besucht unsere Rektorin gelegentlich unsere Informatik-AG und macht sich ein Bild davon. Evtl. wird bald ein weiterer Schritt getan, der der Informatik neue Türen öffnet. Es ist gut denkbar, dass in 5 Jahren das Fach Informatik schon ein Pflichtfach für die Mittelstufe sein wird. Über weitere Entwicklungen halte ich dich natürlich auf dem Laufenden.

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  8. Am 12.6.2013 schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

    Man kann es eigentlich nur derb ausdrücken: Unsere allgemeinbildenden Schulen sind zum Kotzen. Warum? Hört man in einen Lehrkörper hinein, bekommt man sofort einen Hiatus zweier Kulturen vorgeführt. Da sind sie, die berühmtem „two cultures“ eines C.P. Snow.

    Auf der einen Seite stehen die MINT-Lehrer, auf der anderer Seite die Philologen oder Sprachlehrer. Beide Typen reden nicht miteinander. Zuweilen verachten sie sich auch gegenseitig. Die Typen entstehen während des Studiums an der Universität.

    Nun ist es so, dass eine „Logische Propädeutik“, für die ich plädiere, bevor es überhaupt zur eigentliche Informatik kommt, in den philologischen Fächern längst angekommen ist. Das berühmte Buch und Bestseller „Kamlah/Lorenzen: Logische Propädeutik, Vorschule des vernünftigen Redens“ von 1967, 1.Aufl., ist in der Philologie schon lange bekannt und ist Gegenstand von Fachseminaren. Das Buch hat schon diverse Nachfolger bekommen. Das Studienfach „Logische Propädeutik (LP)“ ist in der Philologie etabliert und ist Prüfungsfach.

    Mir scheint aber, Philologen nehmen die Logische Propädeutik nur zur Kenntnis und wissen dann nicht, wie sie den Gegenstand in ihr Fach einbauen können. Wie das gehen soll, das sagt man ihnen offensichtlich nicht in ihrer Ausbildung.

    Die MINT-Lehrer auf der andere Seite, die insbesondere in der Informatik ein riesiges Anwendungsfeld haben, werden dumm gehalten. Das wäre weiter nicht schlimm, wenn sie doch bloß mit den Kollegen von der Philologie mal über Gemeinsames reden würden. Sie kämen schnell darauf, dass es u.a. die Logische Propädeutik (LP) ist, die das Gemeinsame bildet. Verstehen tun die MINT-Lehrer die LP sofort. Die MINT-Lehrer sind nicht dumm, sie werde bloß dumm gehalten. Siehe auch die LP-freien Bildungsstandards für Informatik der GI: http://www.gi.de/fileadmin/redaktion/empfehlungen/Bildungsstandards_2008.pdf

    Ich werde bei dem Hiatus, eine ideologische Verbohrtheit ersten Ranges, an den Maler Max Liebermann (1847-1935) erinnert, der, als er die Nazis 1933 durchs Brandenburger Tor marschieren sah, gesagt haben soll: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte“ (http://de.wikiquote.org/wiki/Max_Liebermann)

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