Samstag, 6. Juli 2013

Michael Kohlhaas und Edward Snowden – zwei selbsternannte Rechtshelfer

Michael Kohlhaas, das ist eine Novelle von Heinrich von Kleist, und gehörte in meiner Jugend zur Schullektüre. Es ist die Geschichte eines Pferdehändlers aus dem 16. Jahrhundert, dem vonseiten der Obrigkeit Unrecht geschah, der daher zur Selbstjustiz griff. Ein moderner Nachfahre von Kohlhaas heißt Edward Snowden. Er war Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA und ist überzeugt davon, dass er dazu berufen ist, das Unrecht, das diese Institution tagtäglich vollbringt, an die Öffentlichkeit zu zerren. ‚Whistleblower‘ nennt man solche Leute, auf Deutsch Verpfeifer. Es ist ein Stoff, aus dem einmal Weltliteratur entstehen kann. Bei solchen Stoffen sind das Dilemma des Helden und die Spannung vorgegeben. Das Dilemma im Falle Snowden drückt sich in der Redewendung aus, die auf Julius Cäsar zurückgeht: ‚Jeder liebt den Verrat, aber niemand den Verräter‘. Spannend ist es zuzusehen, ob und wie es die Weltmacht USA schafft, mit ihrem früheren Bediensteten fertig zu werden.

Der Fall Snowden ist ein Volltreffer für alle Medien so kurz vor der Sommerpause. Er ist einerseits Gegenstand der politischen Kontroverse. Andererseits kann sich die Volksseele abreagieren. Ein paar Bemerkungen zur politischen Reaktion. In Deutschland ist Wahlkampf. Deshalb ist es vor allem für die Opposition verständlich, dass sie sich aufregt. Auffallend ist, dass nur Grüne und Linke dafür sind, dem Dissidenten Asyl zu gewähren. Auf Regierungsseite hat nur der Abgeordnete Gauweiler  ̶  der auch sonst gern den Eigenbrötler spielt  ̶  sich zu dieser Frage geäußert. Er ist nicht für Asyl, sondern schlägt stattdessen vor, Snowden einreisen zu lassen und unter Zeugenschutz zu stellen. Sowohl SPD wie CDU sind erstaunlich zurückhaltend. Auf die FDP komme ich noch zurück. Die Piraten, die für das Thema eigentlich sehr kompetent sein sollten, sind erstaunlich ruhig. Vielleich haben sie das Thema noch nicht ausdiskutiert, weil sie gerade sehr mit sich selbst beschäftigt sind.

Zunächst richteten sich alle Kritiken gegen die USA. Seit jedoch herauskam, dass auch England und Frankreich in gleicher Weise schnüffeln, war es nicht mehr möglich, einen Gegensatz zwischen Europa und den USA herbei zu diskutieren. Wir mussten die deutsche Sonderrolle bemühen. Das ist nicht einfach. Wir haben es im Libyen-Konflikt versucht. Es ist uns aber nicht sehr gut bekommen. Wir können nur  ̶  mit Verweis auf unsere Geschichte  ̶  mit der neu erworbenen Sensibilität der deutschen Bevölkerung gegen staatliche Bevormundung argumentieren. Es darf uns Deutsche nicht überraschen, dass viele Länder, die vor 50 Jahren Opfer des Nazi-Terrors waren, uns dies nicht abnehmen. Im Gegensatz zu den Europäern werfen uns die USA keine Scheinheiligkeit vor. Vermutlich erinnerten sie sich an Gerhard Schröders Versprechen der ‚uneingeschränkten Solidarität‘ und fragten ganz bescheiden: 'Solltet Ihr nicht in der Lage sein, uns gegen Terroristen zu schützen, die aus Deutschland kommen, dürfen wir dann wenigstens versuchen, herauszubekommen, wer sich bei Euch herumtreibt? Wir sagen Euch auch Bescheid, sollten wir etwas finden.' Jetzt sagen alle Offiziellen, sie seien total überrascht. Würden sie etwas anderes sagen, könnte das der sonst für so mündig gehaltene Wähler missverstehen. Das ist Logik zweiter Ordnung bzw. falsch verstandene Psychologie. Um es einfacher auszudrücken: Manchmal täuschen Leute Unwissenheit vor oder erfinden Märchen, wenn sie etwas nicht sagen wollen.

In den USA wirkte der 11. September 2001, kurz 9/11 genannt, als großer Schock. Es war, was die Planung und Durchführung anbetraf, ein massiver Angriff auf das Land. Es ging dabei nicht um die territorialen Grenzen, sondern um die Rolle als Weltpolizist. Man kann darüber streiten, ob die USA diese Funktion zu Recht wahrnehmen und ob sie ihr gewachsen sind. Über zehn Jahre nach 9/11 ist es offensichtlich, dass die USA entschlossen sind, diese Verantwortung zu reduzieren. Dass andere Länder entsprechend mehr Verantwortung übernehmen müssen, ist die Folge.

Wir dürfen nicht vergessen, dass der 9/11-Angriff in Hamburg vorbereitet wurde. Das jahrelange Treiben islamistischer Gruppen war den deutschen Behörden offenbar entgangen. Dasselbe galt später für die so genannte Sauerland-Gruppe. Bekanntlich haben wir außer den international ausgerichteten Islamisten noch die primär inländisch operierenden Gruppen. Ein Beispiel ist der Nationalsozialistische Untergrund (NSU). Nur der linke Terror ist nach dem Untergang von Sowjetunion und DDR heimatlos geworden und verkümmert. Wir streiten uns, was Bundesländer (wie Bremen, Hamburg und Saarland) tun können, und was der Bund tun muss. Während wir stritten, haben die USA gehandelt. Die USA hörten dabei gleich unseren gesamten Telefon- und Datenverkehr mit ab. Von einem amerikanischen Offiziellen stammt der Ausspruch: ‚Wer eine Nadel in einem Heuhaufen sucht, muss zuerst den Heuhaufen haben‘. Hätten wir die Amerikaner überzeugt, dass wir alle Heuhaufen stets im Blick haben, hätten sie sich weniger angestrengt.

Nach 9/11 erfuhr Sicherheit in den USA eine regelrechte Hochkonjunktur. Vielleicht haben die Amerikaner sogar überreagiert. Das Land besitzt zurzeit 16 Behörden, deren Aufgabe die Sicherheit des Landes ist. Darüber hinaus gibt es bestimmt noch einige, deren Existenz geheim ist. Sie alle müssen etwas tun, um ihr Budget zu rechtfertigen. Manche Amerikaner, die etwas für ihr Land tun wollen, ‚kämpfen‘ lieber am Computer oder am Telefon als in der eisenhaltigen Luft Afghanistans. Ich kann es ihnen nicht verdenken.

Auch unsere Geheimdienste brüsten sich gerne mit ihrem Erfolg und ihrer Effizienz. Wie Leyendecker und Obermaier in der Süddeutschen Zeitung schrieben, war es der  Bundesnachrichtendienst (BND), der als erster Dienst ein Telefonat Osama bin Ladens abfing, in dem sich dieser zu den Anschlägen auf das World Trade Center bekannte. Der BND habe damals zu den drei oder vier besten Diensten der Welt gehört. Heute sei es an der Spitze der elektronischen Aufklärer ziemlich unübersichtlich geworden. Befragt, ob sie bezüglich der Abhörmaßnahmen der Engländer im Bilde sei, antwortete die Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) am 6.7.2013 mit verblüffender Offenheit. Sie habe dieser Tage beim britischen Innenminister nachgefragt, ob alles rechtens sei, was er mache. Hier die Antwort der liberalen Bürgerrechtsvorkämpferin: ‘Er hat leider nur geantwortet, die Rechtsgrundlage sei da und alles geschehe nach Recht und Gesetz. Über die britische Praxis verliert er kein Wort.‘ Warum sollte er auch, vor allem am Telefon oder in der diplomatischen Post.

Wir werden noch einige Zeit benötigen, ehe wir wieder die richtige Balance zwischen Freiheit und Sicherheit gefunden haben. Jede Technologie verlangt, dass die Gewichte neu festgelegt werden. Im Zweifelsfalle halte ich es für besser, sich in Richtung übertriebener Sicherheit zu irren als in Richtung falsch verstandener Freiheit. Verbrecher und politische Extremisten können wir nicht ignorieren. Sie nutzen die beste Technik, die ihnen hilft. Am Geld mangelt es ihnen meistens nicht. Generell ist es als Illusion anzusehen, den Menschen verbessern zu wollen. Es wird nicht gelingen, alle Islamisten zu frommen Muslimen zu machen oder alle Ganoven zu fleißigen Beamten. Wir müssen die Menschen so akzeptieren, wie sie sind. Es gehört eine gewisse Lebenserfahrung dazu, dies einzusehen.

Ein Wort noch zu meinen Fachkollegen. Informatikerinnen und Informatiker, die sich über die Schnüffeltätigkeit der Geheimdienste aufregen, beweisen ihre Naivität bzw. ihre fachliche Unbedarftheit. Jeder Informatiker und Ingenieur weiß, dass man keinen Zugang zu einem Rechner haben muss, um seine Eingabe zu erfassen oder seinen Datenverkehr. Kaum jemand besitzt Rechner, die gegen Abstrahlung gesichert sind. Wenn man Nachrichtendienste haben will, muss man ihnen auch erlauben zu arbeiten und die bestmögliche Technik zu benutzen. Alles andere ist Schizophrenie. Informatik gehört halt zu den Technologien, für die eine duale Nutzung nicht auszuschließen ist. Dual heißt hier, sowohl zum Vorteil wie zum Schaden.

Wenn einmal jemand Informatik nicht in der Weise einsetzt, dass nur Gutes herauskommt, ist dies noch kein Grund, aus der Technik auszusteigen. Das gilt auch, wenn demokratisch gewählte Regierungen dies tun. Informatikerinnen und Informatiker sollten weiter den Nutzen ihrer Technik betonen, ohne den Schaden zu verheimlichen. Es wurden bisher viele Millionen in die Sicherheitsforschung investiert. Obwohl es schwer ist, hierfür den Ertrag nachzuweisen, wäre es fatal, würde man die Bemühungen jetzt reduzieren. Jeder Fall enthält neue Lehren. Diese zu erkennen und dem Fachwissen, das weitervermittelt wird, hinzufügen, ist das Gebot der Stunde.

Wie das Drama Snowden enden wird, ist noch völlig offen. Zurzeit bieten Nicaragua und Venezuela Asyl an. Wie er sich entscheiden wird, ist unklar. Ob er von den weltweiten Sympathisanten die Unterstützung bekommt, die er benötigt und erhofft, ist ebenfalls fraglich. Wer auf jeden Fall gewinnen kann, ist das Fachgebiet Informatik und die Gesellschaft allgemein  ̶  vorausgesetzt, man ist bereit zu lernen.

Nachtrag vom 8.7.2013:

Mit Interesse lese ich nicht nur viele Essays zum Falle Snowden, sondern auch viele Lesermeinungen. Das Netz quillt geradezu über davon. Abgesehen davon, dass jetzt die Mäuse frohlocken, weil die Katzen eins auf die Nase kriegen, überwiegen bei den Kommentatoren die Anhänger Ronald Reagans (‚Government is not the solution; government is the problem'). Lange sah es so aus, als ob die Liberalen auf dem Rückzug seien, jetzt bekommen sie tröstlichen Zuspruch von Leuten, von denen sie es nicht erwartet hatten. Plötzlich ist Deutschlands Jugend nicht mehr für den starken und vorsorgenden Staat.

Außer mir zweifelt übrigens noch jemand an der Unwissenheit unserer Politiker. Es ist der Historiker Josef Foschepohl, Autor des Buches ‚Überwachtes Deutschland‘ von 2012. Er zitiert eine geheime Verwaltungsvereinbarung von 1968, also aus der Zeit von Kanzler Kurt Georg Kiesinger, die unsere Geheimdienste verpflichtet, mit den Partnerdiensten der drei Westalliierten zusammenzuarbeiten. Auf Anfrage eines Abgeordneten habe die Bundesregierung noch vor kurzem geantwortet: ‚Die Vereinbarungen sind noch in Kraft, haben jedoch praktisch keine Bedeutung mehr‘. Die im Nachsatz enthaltene Bewertung ist natürlich eine reine Ermessenssache. Wie Kanzlerin Merkel inzwischen sagt, ist Alles nur eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Zuviel Überwachung ist schlecht, zu wenig auch. Wer was macht, ist sekundär.    

Nachtrag vom 13.7.2013

Snowden hat sich entschlossen Putins Bedingungen zu akzeptieren und in Russland zu bleiben. Bekanntlich hatte Putin verlangt, dass Snowden aufhören müsse, den USA zu schaden. Was das genau bedeutet, darüber darf gerätselt werden. Jedenfalls wird Putin mal wieder zum Verhandlungspartner der USA. Der ist diesen wahrscheinlich lieber als Morales (Bolivien), Ortega (Nicaragua) oder Maduro (Venezuela).

Es ist beeindruckend, was unsere Presse plötzlich über die Geheimdienste der Welt zu berichten weiß. Es fiel ihr plötzlich ein, dass vor einem Geheimdienst immer nur die Bürgerrechte von Bürgern desjenigen Landes geschützt sind, von dem ein Geheimdienst bezahlt wird. Deutlicher lässt sich die Formel ‚Geld regiert die Welt‘ nicht veranschaulichen. Wenn jetzt einigen Leuten ein Licht aufgeht und einige damit zusammenhängende Vorstellungen jetzt wie Lebenslügen erscheinen, dann hat Snowden schon Gutes bewirkt. Manche Leute belügen sich zu gerne selbst.

Nachtrag am 16.7.2013

Manchmal ist es erhellend, was Außenstehende zu dem Sommertheater sagen, das derzeit in Deutschland aufgeführt wird. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) vom 15.7. drückte es so aus:

Zu konstatieren ist, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte, und dass daran nichts zu ändern ist, trotz deutschen Gesetzen und Mängelrügen. …. Sicher hat die Opposition recht, wenn sie sagt, Friedrich sei rüde abgespeist worden. Nur glaubt ihr kein Mensch, wenn sie unterstellt, ihr selber wäre Besseres widerfahren.

Wenn der SPD-Kandidat jetzt behauptet, dass die Kanzlerin ihren Amtseid gebrochen habe, kann das genauso zum Bumerang werden wie seinerzeit die Höhe des Kanzlerinnengehalts. Es muss nur jemand nachweisen, dass SPD-Kanzler vor Merkel über genau dieselbe Information bezüglich der Tätigkeit der NSA verfügten. Es ist schon eine sehr legalistische Auffassung, Informationen, die Leben retten können, nicht zu nutzen, wenn sie nicht aus deutschen Quellen stammen. Oppositionsparteien mögen von mir aus dieses Prinzip vertreten, aber bitte nur so lange sie in Opposition sind.

NB: Für fachliche Fragen, was die Informatik in der Situation beitragen kann, habe ich einen weiteren Eintrag eröffnet.

Kommentare:

  1. Am 6.7.2013 schrieb Peter Hiemann aus Grasse;

    In der gegenwärtigen Diskussion kann man ziemlich gut erkennen, wie Interessengruppen
    versuchen, die Deutungshoheit über den Einsatz von Informatik für gesellschaftliche Kontrolle zu erreichen. Natürlich mit den Mitteln der Medieninformatik.

    Mir scheint, dass die Öffentlichkeit für das Thema hinreichend sensibilisiert ist und nun
    erwartet, dass kompetente Persönlichkeiten nicht nur kurzfristige Interessen von Institutionen vertreten, sondern sich über langfristige Konsequenzen und Zielsetzungen äußern. Ich weiß nicht, wieweit Sacha Lobos Aussagen als kompetent anzusehen sind. Auf jeden Fall hat er es in die Kulturzeitsendung von 3Sat "geschafft".

    Ich würde mir wünschen, dass ein paar grundlegende Aussagen von professionellen Informatikern eine wichtige Rolle spielen könnten.

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  2. Ebenfalls am 6.7.2013 schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

    „Statistical Hypothesis Testing“ ist kein Schnüffeln

    Amerika ist das Land der modernen mathematischen Statistik, also der wissenschaftlichen Untersuchung von Massenerscheinungen. Nach C. F. Gauß (1777-1855) haben wir in Deutschland auf diesem Gebiet nur noch wenig (wenn überhaupt nichts mehr) zu bestellen gehabt. Amerika ist das Land der elektronischen Hochtechnologie und das Land, das der größten terroristischen Bedrohung ausgesetzt ist. Das als Vorbemerkung.

    Bei der Terroristenbekämpfung geht es nun nicht darum, mit Methoden des “Statistical Hypothesis Testing“ (SHT) einen Informationsstrom an Kassen eines Supermarktes zu untersuchen, um herauszufinden, ob Männer, die Windeln kaufen sich auch gleichzeitig mit Bier versorgen. Die Hypothese, die es dabei zu testen gilt, ist bürgerlich und nicht kriminell. Die Aussage, die dabei herauskommen könnte, wäre: „Es ist „most likely“, dass windeln-kaufende Männer auch gleichzeitig Bier kaufen“. Man sieht, es wird Englisch gesprochen in der Branche. Das Beispiel „Windeln-Bier“ ist berühmt.

    Merkmale, die Terroristen beschreiben, sind nun allseits bekannt und brauchen nicht wiederholt zu werden. Die Beschränkung auf Kaufhäuser, um Terroristen zu erkennen, wäre infantil. Hier geht’s bei einem gleichen Problem um eine ganz andere Kategorie, die in der Dimension um einige Größenordnungen höher angesiedelt ist. Datenströme im Netz stehen zur Debatte, weil das Netz wie Straßen von Terroristen benutzt werden. Also muss man das Netz mit SHT-Methoden untersuchen, allein schon, damit Terroristen der Boden unter den Füßen heiß wird. Wo Terroristen sind, wollen die Fahnder auch sein. So ist das nun mal. Andere Vorschläge werden gerne entgegengenommen. Schön wäre es, wenn man den Terroristen verbieten könnte, das Internet zu benutzen. Das sollte ein Witz sein.

    Das ist die Sachlage. Der Rest ist Politik und jetzt wird’s wild und emotional. Herauszustellen ist lediglich, dass SHT kein Schnüffeln an Einzelerscheinungen ist. Kriminalkommissare sind nicht am Werk. Massenerscheinungen stehen zur Debatte, zu denen die Deutschen nach Gauß wenigstens wissenschaftlich, kein rechtes Verhältnis mehr aufbauen konnten. Zu meiner Zeit konnte man noch ein Ingenieurstudium absolvieren, ohne zu wissen, was Stochastik ist. Ich glaube, die breite Bevölkerung und auch die Politiker können mit Schemata von Massenerscheinungen heute immer noch nicht richtig umgehen. Hinweise der Amerikaner vom Typ „most likely“ nehmen Deutsche aber gerne entgegen, wenn’s um Terroristen geht. Wer sich über die Amerikaner aufregt, müsste solche Hinweise eigentlich strikt zurückweisen, wenn er nicht in einen unauflöslichen Widerspruch geraten möchte.

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  3. Am 7.7.2013 schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    Ich denke, dass alle Geheimdienste die modernsten verfügbaren Informatik-Technologien und mathematische Algorithmen verwenden. Für welche Zwecke die Technologie eingesetzt wird,ist die entscheidende Frage. China und Amerika haben sicher nicht die gleichen Kriterien, was sie als kriminelle „Massenerscheinungen“ erachten. Dass die Deutschen „kein rechtes Verhältnis zu Massenerscheinungen aufbauen konnten“, das gilt keinesfalls für die Generation, die die gesellschaftlichen Verhältnisse unter der Kontrolle der Gestapo und auch der Stasi in Erinnerung hat. Ich denke, dass gezielte Maßnahmen gegen „allseits bekannte“ fundamentalistische Gruppen effektivere Abwehrmöglichkeiten bieten als automatisierte Suchmechanismen, angewandt auf den „berüchtigten“ Heuhaufen allumfassender Datenmengen.

    Übrigens habe ich vergeblich versucht, mehr über moderne Methoden des “Statistical Hypothesis Testing“ herauszufinden. Ich habe aber einen interessanten Hinweis zum Thema „Hypothesis-testing processes in social interaction“ gefunden. Snyder, M. & Swann, W.B., Jr. haben darüber 1978 im Journal of Personality and Social Psychology berichtet. Die Autoren sind überzeugt, dass alle Menschen Informationssucher sind. „Sie suchen die Umwelt nach bekannten und unbekannten Hinweisen ab. Die Informationssuche läuft in der Regel zielgerichtet, d. h. es wird eine Hypothese konstruiert, also eine Vermutung, wie etwas sein könnte. Dann wird nach Hinweisen gesucht, die die Hypothese untermauern. Objektiv sinnvoller wäre es, gleichermaßen nach bestätigenden und widerlegenden Hinweisen zu suchen.“ Die professionellen „Informationssucher“ haben aus einem menschlichen Trieb einen Beruf gemacht, der gut bezahlt und krisensicher ist. Vermutlich macht er auch noch Spaß.

    Natürlich entscheiden immer die Nutzer der Informatik-Technologie über nützlichen Gebrauch und Missbrauch. Letztlich geht es in der derzeitigen öffentlichen Debatte darum, ob und wie Missbrauch der Informatik-Technologie minimiert werden kann. Das betrifft nicht nur die Geheimdienste. Das betrifft auch die global operierenden Internet-Akteure oder den Einsatz von Computersystemen für die Ausführung automatisierter Finanztransaktionen.

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  4. Am 8.7.2013 schrieb Hartmut Wedekind:

    Heute rangiert das Wort „Statistical Hypothesis Testing“ in Informatik–Kreisen mehr unter dem Begriff „Data Mining“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Data-Mining).

    Beim Wort „Datenbergbau“ (Mining) vergisst man, dass man sich großen Datenmengen - oder heute sogar dynamischen Strömen großer Datenmengen - immer mit einer Hypothese nähern muss, die entweder bestätigt oder widerlegt wird. Reines „Wühlen“ oder „Mining“ macht keinen Sinn.

    Der Ausdruck „Data Mining“ ist ausgesprochen schlecht. Typisch Informatik. „Mining“, das klingt so nach Unterminieren. Und schon ist die Aufregung da. Staatsanwälte sprechen statt von Hypothese von Anfangsverdacht. Ohne Anfangsverdacht passiert gar nichts. So auch hier. Aber das ist alles Terminologie.

    NB (Bertal Dresen): Aus der Sicht eines Logikers sind alle Aussagen des wahren Lebens nichts als ein Streiten um Worte, bestenfalls Illustrationen logischer Gesetze. Diese wiederum sind alle nur Tautologien. Schlimm ist das!

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  5. Am 10.7.2013 erlaubte mir Hans-Jürgen Hoffmann aus Darmstadt eine frühere Mail ausschnittsweise zu veröffentlichen:

    ich habe etwas gegen Schnüffelei, z.B.

    - USA, GB und viele andere im Datenverkehr: böse Schnüffelei!
    - Deutschland und andere in meinem Bankkonto: auch böse Schnüffelei!
    - Der "Bundestrojaner": noch eine böse Schnüffelei!
    - Die GEZ bzw. die umbenannte Nachfolgeorganisation.

    Wir haben keine "Glotze", weder öffentlich-rechtlich noch privat, beides wegen Niveaulosigkeit. Und jetzt wurden die Gebühren um 300 % erhöht!!! Und wir sollen das zwangsweise bezahlen, Demokratie hin oder her! Eine Unverschämtheit. Da ich meines Wissens nichts zu verbergen habe, ist das die einzige bis hierher im Text aufgezeigte böse Schnüffelei, die mich persönlich betrifft und maßlos ärgert!

    - Über die Euro-Schnüffelei nicht zu reden.

    Jeder, auch jeder Staat zahlt seine Schulden pünktlich ̶ oder er ist eben bankrott. Im deutschen Recht gibt es den Strafbestand der Konkursverschleppung. Warum machen wir Deutsche das mit und werfen den Bankrotteuren unser Geld hinterher? Sind Sie da auch dagegen? Dann würde sich nämlich die gegenseitige staatliche Euro-Schnüffelei in den Budgets der Euro-Staaten erübrigen!

    --- Schnüffelei überall! Und hätten die (Techniker und) Informatiker nicht die Möglichkeiten dazu geschaffen, gäbe es das alles nicht.

    --- Und noch ein Hinweis: "Schuld sind die Computer", ein lesenswertes Büchlein der Stuttgarter Professoren Endres und Gunzenhäuser, ISBN 978-3-89838-633-3.

    NB (Bertal Dresen): Hier kommt eine Frust-Stimmung zum Ausbruch, die weit über den Fall Snowden hinausgeht. Das Mode-Wort von der Staatsverdrossenheit wäre allerdings zu hoch gegriffen. Vielleicht reagiert eine Leserin oder ein Leser auf diesen Stoßseufzer unseres Kollegen.

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  6. I read Michael Kohlhass over 50 years ago. I took an immediate liking to Kleist and read all his short stories (some many times) and even tried reading one of his plays. I was curious how his stories would develop - he made the super-natural to appear natural.

    Michael Kohlhass suffered a direct loss through the arbitrary taxing of his property. In addition his servant and wife suffered physically. Kohlhass had clear STANDING to sue for regress. Snowdon does not.

    Surveillance, in itself, is not evil. It can be used for purposes of public safety. In the hands of a tyrannical leader it can be used to intimidate and dominate a population. The case of J. Edgar Hoover, long head of the US FBI, gathering information on political celebrities is a good example of the evil side. There have been many cases recently of hospital personnel being arrested for viewing celebrity doctor records. It IS possible to protect data (or at least prosecute those who abuse access).

    I worked on a large software project where we had access to the production payroll file. I could see total yearly compensation for every person in the company, including the CEO. We were instructed not to remember any of the data or tell anyone else (this was 10 years ago, today one would jumble the data). A colleague of mine went to another IT staff member and told them that their salary was way below average in the company. When it became known, my colleague was immediately walked out of the building. In general, America is NOT as clear about the possibilities of data misuse as Germans are. I have nearly stopped using Facebook.

    Calvin Arnason

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  7. Ebenfalls am 12.7.2013 schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

    Bertal Dresen vergleicht Snowdon mit Kleist‘s Michael Kohlhaas. Das ist natürlich abwegig.

    Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass jemand ohne einen Anfangsverdacht (Hypothese) in einen riesigen Datenbestand einfach so freihändig herumwühlt, um wie - man sagt - „Wissen“ zu generieren. Das ist richtungslos und damit sinnlos. Das habe ich noch nicht begriffen. Man sagt mir ja auch nichts. Man ist in Deutschland nur aufgeregt.

    Sind die Amis etwa bekloppt? Das wäre neu für mich. „Wissen generieren durch Wühlen“, da piepst doch bei jemandem. Durchfurche die Ozeane um eine Schnecke zu finden. Wer macht denn so etwas? Aber: Auch da steckt schon wieder ein Anfangsverdacht drin, nämlich, dass in Ozeanen sich Schnecken befinden.

    Also: Ein Anfangsverdacht ist in der Regel da. Bloß unspezifiziert. Ich kann doch nicht z.B. mit dem Anfangsverdacht „Menschen sind böse“ ins Geschäft gehen und eine riesige Behörde aufbauen. Die zentrale Frage: Was ist ein (hoffentlich) spezifizierter Anfangsverdacht im Sinne der amerikanischen Geheimdienste? (Die Terroristen-Hypothesen sind alle spezifiziert und somit gerechtfertigt). Um die Frage beantwortet zu bekommen, brauche ich nicht wie unser Minister extra nach Amerika zu reisen. Das können die Amis mir auch per eMail verklickern. Denn: Das sollte jeder wissen.

    PS: Die Befragungen, denen man ausgesetzt ist, wenn man nach Amerika einreisen will, sind ja auch vom Typ „nicht ganz normal oder bescheuert“. Ich werde z.B. nach Waffen und begangene Straftaten befragt. Ich werde nach Hotels befragt, obwohl ich noch gar nicht weiß, wo ich wohnen werde, usw.

    NB (Bertal Dresen): Der Vergleich von Edward Snowden mit Michael Kohlhaas war – wie jeder Vergleich – natürlich etwas schief. Beide haben gemeinsam, dass sie ohne Rücksicht auf ihr persönliches Schicksal um Recht kämpfen – oder für das, was sie für Recht halten. ‚Fiat iustitia, et pereat mundus‘, dieser Leitspruch wurde dem Kohlhaas angedichtet.

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  8. Am 13.7.2013 schrieb Hartmut Wedekind:

    Man hört über Snowden, ̶ mehr kann man ja nicht sagen ̶ dass die Großen des "Cloud Computing" (CC), ̶ ich meine Amazon, Google, Microsoft, usw., ̶ ihre riesigen Ressourcen "freiwillig" durch die NSA überwachen lassen. Wenn das der Fall ist, schießt man sich selber ins Bein. Kein Unternehmer geht mehr "in the cloud", wenn dort geheimdienstliche Zustände herrschen. Damit wäre dann die wichtige Entwicklungsfrage der Informatik am Ende, Ende durch Selbstmord der Großen.

    Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Amis so blöde sind. "Die Amis sind nicht blöde", sagte mir gerade mein viel gereister Nachbar von Merck (Darmstadt) über den Zaun. Blöde sind die Amis nur, wenn sie einen Mann wie Snowden als einen zeitlich Befristeten bei der NSA einstellen. Zeitlich Befristete sind Wanderer, und wandern tut der Herr Snowden jetzt. Beabsichtigt bei dem Wandern war bei der NSA nicht, dass er auf seinen PC's einen Haufen Material mitschleppt. Was darin steht, wissen wir nicht genau. Wir regen uns aber auf. Und das Top-Management in Deutschland und auch der Welt, will von CC jetzt nichts mehr wissen.

    Eigentlich schlimm. Ich glaube immer noch nicht, dass die Großen des CC so blöde waren. "Security is security" aber auch "business is business". Das wissen die Großen auch. Also: Klärungsbedarf auf der ganzen Linie. Unaufgeklärt höre ich dann auf, über CC nachzudenken; Phantasmagorien liebe ich nicht.

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