Mittwoch, 20. August 2014

Privatheit ist von übel, Transparenz ist das Heil aller – oder etwa nicht?


Eine Dystopie ist eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit oftmals negativem Ausgang. Häufig wollen die Autoren mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen. So steht es bei Wikipedia. Ein sehr bekanntes Beispiel ist George Orwells ‚1984‘, verfasst im Jahre 1948. Der Autor, der mir über eine Urlaubsreise hinweg Stoff zum Nachdenken gab, heißt Dave Eggers (*1970). Sein Buch ‚The Circle‘ erschien 2013. Eine deutsche Übersetzung erscheint noch diesen Sommer. Es ist dies ein Roman, kein Fachbuch. Dass der Autor sehr viel an heutige Probleme und Akteure denkt, ist offensichtlich. 

Wer möchte nicht ein besseres Internet, ohne Spam, ohne Betrügereien, ohne Kriminalität? Manche sehen die Lösung in der strikten Zugangskontrolle, der Verhinderung von anonymem Zugang oder einer vorgetäuschten Identität. Genau das ist die Ausgangssituation des Buches. Die Lösung ist ein Netz mit dem Namen ‚TruYou‘. In dieses Netz fügen sich alle Funktionalitäten, die Einzelne oder die Gesellschaft benötigen, wie in einem Kreis  ̶  daher der Name der im Buche vorgestellten Firma  ̶  auf natürliche Weise zusammen. Alles wird integriert. Man braucht nur naheliegende Dinge zu verbinden. Die Nutzer schätzen dies und verschaffen daher diesem Anbieter eine Monopol-Stellung. Die Betreiberfirma wird von Drei Weisen geleitet, die von 40 leitenden Spezialisten beraten werden. Sie vereinigt Geschäftsprinzipien von Amazon, Google, Facebook, PayPal und Twitter, was Kunden-Service und Mitarbeiter-Betreuung betrifft – und verfeinert sie. 

Die Gründungsidee war, ein Netz zu schaffen. in das man nur kommt, indem man sich mittels biometrischer Daten (Fingerabdruck, Retina-Scan oder dgl.) identifiziert. Man kann diesem Netz dann unbeschränkt persönliche Daten anvertrauen, auch alle medizinischen Daten. Ein Sensor, der wie eine Pille geschluckt wird, liefert alle aktuellen Daten wie Blutdruck, Körpertemperatur und Herzrhythmus. Jeder Arzt oder Pfleger, Verwandter oder Freund kann die Daten lesen. Für die Vielzahl von Diensten wird keine weitere Form der Identifikation benötigt. Jeder Nutzer weiß genau, mit wem er es zu tun hat. 

Die Heldin des Romans beginnt wie alle Neueingestellten in der Kundenbetreuung. Hier lernt sie, wie man die Kundenzufriedenheit in die Höhe treibt. Die Personalabteilung macht sie darauf aufmerksam, dass interne Popularität ebenfalls enorm wichtig ist. Abende und Wochenenden seien dazu besonders geeignet, um seine Werte in die Höhe zu treiben. Man nimmt an Foren im Netz teil oder kommentiert Beiträge anderer Mitarbeiter. Bei etwas schwierigeren Situationen helfen die Spezialisten oder die Weisen Männer, um aus den Erfahrungen der Mitarbeiter die richtigen Schlüsse zu ziehen. So kommt die Heldin dank der Hilfe eines der Weisen Männer zu der Einsicht, dass Geheimnistuerei von übel ist, ja das Vorenthalten von Information sozial verwerflich ist (wörtlich: Secrets are lies, sharing is caring, privacy is theft). Alle Probleme der Welt ließen sich lösen, wenn mehr in der Öffentlichkeit verhandelt würde, oder wenn immer genug Zeugen anwesend wären, egal ob in moralischen, juristischen oder politischen Fragen und Situationen. 

Transparenz gehe über alles. Deshalb stiftete die Firma Circle Millionen billiger Videokameras, die an allen interessanten und ‚gefährlichen‘ Stellen einer Stadt oder eines Landes aufgestellt werden. Nicht nur könnten Umweltprobleme und Verbrechen geklärt werden, sofort nachdem sie passierten. Je mehr die Leute wissen, dass sie überall beobachtet werden, umso weniger seien sie geneigt, Verbrechen zu begehen. Der Mensch bessere sich, die Kriminalität würde zurückgedrängt. Man sieht hier, wie Eric Schmidts Denkweise sich weiterentwickelt. Er meinte im Jahre 2009 noch, dass man Dinge, die andere Leute nicht erfahren sollten, auch nicht tun sollte. Hier heißt es, da alle Alles sehen, wird niemand mehr etwas Böses tun. Dem ach so frustrierenden Bemühen aller Pädagogen und Seelsorger gibt die Technik neue Hoffnung. Wir werden von selbst zu Gott. 

Ähnlich wie einst von Gordon Bell im Selbstversuch (als Lifelog) erprobt, wird als Nächstes jedem Nutzer eine winzig kleine Videokamera angeboten, die er am Halsband befestigt. Er zeichnet damit den gesamten Tagesablauf auf und stellt ihn per Video im Netz zur Verfügung. Das Ziel ist es jetzt, nicht nur einzelne Orte dauernd zu beobachten, sondern einzelne Menschen transparent zu machen. Sie würden ihren ganzen Tagesablauf, alle privaten und geschäftlichen Besprechungen und Kontakte offenlegen. 

Die Träger solcher Kameras sind die Protagonisten einer neuen Zeit. Zuerst sind es einzelne Mitarbeiter – so die Heldin. Dann kommen prominente Persönlichkeiten hinzu, die in der Öffentlichkeit stehen. Schließlich wird es eine Bürgerbewegung, die Millionen umfasst. Alles geschieht auf freiwilliger Basis. Da die Firma ohnehin über die bessere Technik und bessere Daten verfügt als der Staat, ist es sehr attraktiv und enorm kostensparend, ihr weitere staatliche Aufgaben zu übertragen, etwa die Durchführung von Wahlen und Abstimmungen jeder Art. Wird dadurch die Wahlbeteiligung gesteigert und in die Nähe von 100% gebracht, ist es dies der Schritt zur direkten Demokratie. Freiwillige entwickeln spontan die nötige Software. Beim Probelauf im Unternehmen versprechen die drei Weisen, die durch die Abstimmungen vorbereiteten Entscheidungen umgehend zu treffen. Sie zeigen damit, dass man das gesamte öffentliche Leben umkrempeln kann. Man brauche keine Parteien und keine Parlamente mehr. 

Im zweiten Teil des Buches treten jede Menge Widersprüche und Konflikte auf, da die extreme Form von Transparenz zu Problemen führt. Nicht alle Leute vertragen es, den ganzen Tag im Blick von Kameras zu sein. Es kommt zu Schwierigkeiten, wenn peinliche Beobachtungen nicht gelöscht werden können, usw. Die Gesellschaft spaltet sich zwischen Menschen, die Transparenz wollen und andern. Natürlich erregt es bei vielen Menschen ein sehr ungutes Gefühl, ja große Angst, dass eine private Firma fast alle Informationen über Bürger kontrolliert. Im Roman kommt es zu persönlichen Zusammenbrüchen, ja Toten. Selbst als einer der drei Weisen sich dazu bekennt, dass dies weit über das hinausginge, was er einst beabsichtigt hatte, beschließen alle anderen das Projekt fortzuführen. Das Wohl der Firma lässt ihnen keine andere Wahl  – also kein Happy End. 

Jeder Leser dieses Blogs, ja jeder, der die öffentliche Diskussion um WikiLeaks, NSA-Ausspähungen und dergleichen verfolgt hat, kennt diese Problematik seit Jahren. In dem Blog-Eintrag vom November 2013 hieß es:
 
Vertraulichkeit und Transparenz, Öffentlichkeit und Privatsphäre sind Begriffspaare, deren Elemente einander bedingen. Es gibt das eine nicht, ohne das andere.

Einige Argumente, die hier für absolute Offenheit im Netz benutzt werden, waren mir neu. Zwei Beispiele: Wer sich nicht im Netz darstelle, dem mangle es an Selbstbewusstsein. Wer meint, dass seine Lebensgeschichte für andere uninteressant sei, der ignoriere wie hilfreich sie für Leute sein kann, die arm oder behindert sind. Im Grunde ist das Buch von Dave Eggers mal wieder eine gut gemeinte Warnung an uns alle. Sie zeigt die Folgen von extremem Denken auf, einem Denken, für das Halbwüchsige oder Jungwissenschaftler nun mal besonders empfänglich sind. Das Buch trifft zweifellos den Nerv unserer Zeit. Das beweist ein Kommentator der FAZ in der Ausgabe zur Buchmesse: 
 
Wie gruselig nahe das Buch der Realität tatsächlich kommt, zeigte sich just in den vergangenen Tagen, als bekannt wurde, dass Google nun mit Nachdruck daran arbeite, Personen allein anhand ihres Verhaltens zu erkennen.

Je näher die Verfügbarkeit der deutschen Übersetzung rückt, je mehr häufen sich die Kommentare. Dass das Buch eine Fiktion beschreibt, wird allein schon durch die Aussage belegt, dass alle Geräte über eine Stromversorgung verfügen, die ohne Batteriewechsel mehrere Jahre funktioniert.

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